Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Freitag, 13. Januar 2012

Kein schöner Land

Eine Erinnerung an das vergessene Drittel des Lebens.

Von Magnus Klaue (Jungle World, 22.12.2011)

Die Wiegenlieder, mit denen wir alle einmal als Kinder in den Schlaf gesungen
wurden und die in der Erinnerung der Individuen bewahrt bleiben wie sonst nur
der erste Kuss, sind vielleicht die sanfteste Form der Anästhesie. Was später
eine ganze Reihe unterschiedlicher Rauschmittel vom Alkohol bis zum Morphium in
allen möglichen Stärkegraden besorgen, wurde im Wiegenlied eingeübt: die
Linderung des Schmerzes, als den jeder Einzelne das Leben erfährt und der
betäubt werden muss, damit sich dennoch leben lässt. Viel zu selten wird
darüber nachgedacht, warum Kinder überhaupt Lieder brauchen, um
einzuschlummern. Ist nicht der ebenso beruhigende wie monotone Gesang, der das
Kind mit einfachen Wiederholungen und spielerischen Assonanzen zugleich
einlullt und becirct, die früheste Reflexionsform der Gemeinheit der Welt, die
niemanden zur Ruhe kommen lässt, jeden Wunsch durchkreuzt und jeden um das
bringt, was ihm am teuersten ist? Nur weil keine Kindheit jemals glücklich ist,
sondern ausgeliefert dem Alb der Wirklichkeit, den die Erwachsenen als
Realitätsprinzip kennen, müssen alle Kinder Nacht für Nacht aus der Welt
hinaus- und in die selige Arglosigkeit des Schlafs hineingesungen werden.
»Schlaf in himmlischer Ruhe« oder »Kennt auch dich und hat dich lieb« sprechen von
einer Welt so voll Geborgenheit und Glück, dass sie gegenüber dem Tagesleben,
das nichts davon bereithält, fast als Totenreich erscheinen muss. Nicht
zufällig verschwimmen in Schlafliedern wie »Guten Abend, gute Nacht« die Bilder
von Tod und Erfüllung ununterscheidbar mitei­nander. Das romantische
Wiegenlied, bei Brentano oder Eichendorff, hat diese noch kunstferne Ahnung zur
ästhetischen Erkenntnis geschärft: Der Schlaf, dieser kleine Tod, ist
notwendig, damit das wache Leben, das dem Tod ähnlicher ist als der Schlaf,
ertragen werden kann.

Der Schlaf gehört zu den wenigen scheinbar unwandelbaren Erscheinungen des menschlichen
Lebens. Wie sehr sich die Lebenserwartung und die Wachens- und
Schlafensumstände im Laufe der Jahrhunderte auch geändert haben, stets gehörte
etwa ein Drittel der menschlichen Lebenszeit dem Schlaf. Noch wo er mit
stärkster Willenskraft und medikamentöser Schützenhilfe bezwungen werden soll,
scheint er sein Recht mit der Gewalt eines Naturgesetzes geltend zu machen. Wo
er aber ausbleibt, macht er krank. Die dem gleißenden Licht der schlechten Welt
gehorchenden Menschen empfinden ihn als lästige Notwendigkeit oder Bedrohung,
die nicht mehr Schritt fassen können oder wollen, sehnen ihn sich umso stärker
herbei, desto seltener sie in ihm Ruhe finden. Glücklicher Schlaf kann nicht
erzwungen werden, sondern muss geschehen wie wahre Liebe oder ein sorgloser
Tag. Weil immer schon fast alles dem entgegenstand, geben mythologische
Darstellungen des Schlafs ihm Wächter an die Seite, die ihn hüten. Als späte
Nachfolger dieser Wächter gaukeln die Wiegenlieder dem Kind einen Frieden vor,
den es nicht gibt und an den es doch glauben muss, um die Augen zu schließen
und das Bewusstsein zu jener Ruhe kommen zu lassen, die nötig ist, um bei
Vernunft zu bleiben. Die Stimme, die das Kind in den Schlaf singt, ist der
lebendige Statthalter des ewigen Friedens, den alle Menschen kennen, obwohl er
niemals Wirklichkeit war.

Solange sie der Gewalt der ersten Natur weitgehend ohnmächtig gegenüberstanden, konnten die
Menschen tatsächlich nur schlafen, wenn zuverlässige Hüter ihren Schlaf
beschützten. Wer schläft, ist hilflos und ein leichtes Opfer. Deshalb darf der
Wachzustand, der noch stets im Bann des Naturzwangs steht, in dem man ständig
auf der Hut sein muss, nur suspendiert werden, sofern treue Freunde über den
Schlaf wachen. Ein Nachklang davon findet sich heute noch in Horror- oder
Abenteuerfilmen, deren Figuren sich angesichts ungeahnter Gefahren ins
unmittelbare Naturverhältnis zurückgeworfen sehen. Weil ständig aus der
Finsternis die Bestie oder der Feind zu springen droht, sind sie gezwungen,
sich beim Schlafen und Wachen abzulösen wie die ersten Menschen oder Pfadfinder
beim Geländespiel. Schon seit sie ihre Autonomie zu entdecken begann, legte Kunst
Zeugnis von beidem ab, von der Notwendigkeit des Scheins als Anästhetikum
gegenüber einer unerträglichen Realität und vom Versprechen einer Welt ohne
Angst, das in dieser wie in jeder Betäubung beschlossen liegt. Wie bereits die
Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gegen den Tod erzählt sind, kommt fast
allen Novellen von Cervantes bis Goethe die Funktion zu, diejenigen, die ihnen
lauschen, vorm Tod zu bewahren und zugleich an einen anderen, der Realität
entgegengesetzten Ort zu entrücken. Ästhetische Erfahrung ist die
sublimierteste Form des Schlafs und dessen Gegenteil, weil sie aufweckt, was im
Wachzustand in den Menschen schlafen muss, damit sie funktionieren können.
Daher rührt die Affinität der Kunst zum Traum noch in jenen ästhetischen
Gebilden, die sich ausdrücklich der dämonischen Logik des Traums entgegensetzen
wollen. Die Kunst wie das Spiel sind entwickelte, ihrer selbst bewusst
gewordene Formen jener ersten Geste, mit welcher dem Kind ermöglicht wurde, die
Vereidigung auf die Tageswelt für die Dauer des Schlummers zu vergessen.
Ästhetik ist Anästhetik: Keine authentische Kunst, die nicht in jeder ihrer
Konfigurationen dieser untergründigen Verwandtschaft gewahr wäre.

Das bürgerliche Zeitalter hat nicht nur die Autonomie der Kunst proklamiert, sondern
auch die Autonomie des Schlafs entdeckt. Vorher war er je nach
Standeszugehörigkeit selbstverständ­licher Luxus oder lästiger, aber
notwendiger Bestandteil des täglichen Kampfes um die eigene Subsistenz. Erst
die bürgerliche Ökonomie, die potentiell jeden nicht nur als Warenbesitzer,
sondern als Eigentümer des eigenen Körpers und der eigenen Fähigkeiten setzt,
hat auch den Schlaf individualisiert. Indem nun systematisch ergründet wurde,
welche Bedeutung ihm beim »Erhalt der menschlichen Maschine« zukommt, wie die
frühen Aufklärer den Funktionszusammenhang des menschlichen Körpers und Geistes
durchaus unmechanistisch nannten, schwand der Schein seiner Naturhaftigkeit und
blinden Determination, und der Schlaf wurde mehr und mehr als je eigener geachtet.
Weil man seiner im Sinne der bürgerlichen Ökonomie Herr werden musste, war man
zugleich gezwungen, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Norbert Elias hat
gezeigt, wie sich die Individualisierung des Schlafs seit der frühen Blütezeit
des Bürgertums in der Architektur und Zimmereinrichtung, der Kleidung und den
Alltagsritualen der Menschen niedergeschlagen hat. Die Bettstatt, lange Zeit
ein in die ohnehin engen Wohnverhältnisse der einfachen Bevölkerung
hineinimprovisierter Schlafplatz ohne Autonomie, ohne Abtrennung zum übrigen
Wohnraum, wandelte sich zunächst in der bürgerlichen Wohnung, sehr viel später
auch in den Wohnungen der Arbeiter zu einer eigenen, von den Räumen des
Tageslebens abgetrennten Sphäre. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Schlaf der
Kinder zu. Mit der Entstehung des Kinderzimmers, von Kinderspielzeug und
Kinderbüchern, schärft sich auch das Bewusstsein dafür, dass Kinder, weil sie
von den Zwängen des erwachsenen Lebens freigestellt sein sollen, nicht nur
schlafen müssen, sondern auch schlafen dürfen. Darin wiederum entdecken die
Bürger den Schlaf als verlockenden Gegenspieler ihres eigenen
gesellschaftlichen Daseins: Er ist nun nicht mehr nur Notwendigkeit, sondern
Joch und Gunst zugleich. Indem er die bürgerlichen Individuen in ihrem
innersten Prinzip in Frage stellt, ist er Statthalter des Glücksversprechens,
das sie in ihrem Tagesleben verraten müssen, um sich selbst zu erhalten. Die
Freudsche Traumdeutung, welche die imaginäre Produktion des Schlafenden nicht
einfach bezwingt, sondern aufschließt und dadurch ernstnimmt, widmet sich einem
Gegenstand, der durch die Frühgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft
überhaupt erst als autonom ins Bewusstsein der Individuen getreten ist.

Mit dem Niedergang des Bürgertums und der schlechten Aufhebung des Gegensatzes zwischen
einer verkümmerten Privatsphäre und einer heteronomen Öffentlichkeit schwindet
auch das Glücksversprechen des Schlafs. Während die Kinderzimmer zu düsteren
Nachwuchsabstellräumen werden, wird das Schlafzimmer der Erwachsenen zur Gruft,
in der sie ihre Lüste begraben wie ihre Kunst im Museum. Die als Drohung
gemeinte Lüge der Nationalsozialisten, dass künftig nur noch derjenige ein
Privatleben habe, der schlafe, bringt in Wahrheit zum Ausdruck, dass auch der
Schlaf von nun an nie mehr derselbe sei. Diese Drohung besteht auch nach der
formellen Abschaffung jener Herrschaft fort, solange die Bedingungen ihrer
Möglichkeit gegeben sind. Wo es noch Schlafzimmer gibt, sind sie nicht letzte
Residuen des Intimen, sondern toter, überflüssiger und hässlicher Raum in einer
Privatsphäre, die sich ihre Geborgenheit selbst nicht mehr glaubt. Wo die
Schlafzimmer verschwunden sind, wurden sie durch beliebig transportable
Gestelle, Matratzen und Isomatten abgelöst, mit denen die bunt getünchten
Patchworkmenschen ihre flexible Einsetzbarkeit in Intimleben wie Beruf zur
Schau stellen. Die Schlafstatt ist nur noch ein Sarg oder Teil eines mobilen
Pfadfinderlagers, öde oder pompös, vernachlässigt oder aufgemotzt, schaler
Nachklang eines Versprechens, das nie eingelöst wurde.

Die Erinnerung an die ganze Freiheit, die in ihrer bürgerlichen Erscheinungsform
als formelles Recht schon keine ganze mehr ist, wanderte indessen in den
Anachronismus ein. Fortschritt, Befreiung, Revolte werden noch immer mit dem
Aufwachen assoziiert und scheinen nicht anders denkbar zu sein denn als
Ergebnis eines alles durchdringenden Morgenappells. Der Wachheitswahn
durchzieht die Geschichte des Fortschrittsglaubens vom »Völker, hört die
Signale« und »Wacht auf, Verdammte dieser Erde« über die herrgottsfrühe
Frühstücksmobilisierung in lebensreformerischen Erziehungsheimen bis zum
Radiomoderator, der seinen Zuhörern den Fluch, sich allmorgendlich dem
Stumpfsinn der Mitmenschen aussetzen zu müssen, als Ausdruck zeitgemäßer Agilität
verkauft. Wo Managern die effiziente Nutzung des Sekundenschlafs empfohlen wird
und aufgeweckte Dreistigkeit als Ausdruck von Charakterstärke firmiert, wird
nicht nur nachhaltig gegessen, sondern auch nachhaltig geschlafen. Erst recht
der Beischlaf, den so zu nennen bereits als Symtom von Verklemmtheit gilt, muss
ganz und gar nützliche Tätigkeit und hundertprozentiger Lustgewinn sein und
darf in nichts mehr an jene einverständige Ruhe erinnern, die im Glücksfall auf
ihn folgt und in der vermeintlich euphemistischen Redewendung bewahrt bleibt.
Denn keine Stunde darf einfach verschwendet sein. Die Erinnerung an das schöne
Leben, das durch solch planvolle Vernutzung vollends unmöglich wird, ist
aufgehoben in Zeilen wie »Kein schöner Land in dieser Zeit«, die zwar dem
Volkslied entstammen, aber nicht das Land des Volkes, sondern das unteilbare
Land der Freiheit meinen. Eine Ahnung davon scheint in der konzentrierten Ruhe
auf, die das Gesicht des Schlafenden spiegelt und die zu sehen noch heute zu
den intimsten Privilegien gehört, die man anderen gewähren kann. Deshalb können
nur Liebende wahrhaft glücklich schlafen. Von der Drohung der Wehrlosigkeit
erlöst, ist das Gesicht des Schlafenden Sinnbild jenes Friedensschlusses, mit
dem die Menschheit nicht nur den Schlaf, sondern das Leben vom Joch der Angst
befreit.

Literatur:
•Charlotte Beradt: Das dritte Reich des Traums, Frankfurt/Main 1981
•Alain Corbin: Wunde Sinne. Über die Begierde, den Schrecken und die Ordnung der Zeit
im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1993
•Sonja Kinzler: Das Joch des Schlafs. Der Schlafdiskurs im bürgerlichen Zeitalter,
Köln, Weimar, Wien 2011
•Elisabeth Lenk: Die unbewusste Gesellschaft. Über die mimetische Grundstruktur in der
Literatur und im Traum, München 1983
•Christoph Türcke: Philosophie des Traums, München 2008

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