Es ist sehr viel Kummer in der Welt. Und Verwirrung. Aber woher kommt die Irritation? Warum scheint das so unerwartet? War die Ablenkung so perfekt? Im Dokumentarfilm Bowling For Columbine von Michael Moore, der nach den Ursachen des Amoklaufs beim Schulmassaker von Littleton forscht, gibt es diese prägnante Szene: Ein Mitarbeiter der ortsansässigen Munitionsfabrik wird interviewt und – während im Hintergrund Teile von Waffen und Raketen durch die Halle transportiert werden – sagt er inhaltsgemäß in die Kamera: „Es ist mir unbegreiflich, wo diese Gewalt herkommt und wie bei uns ein solch unfassbares Verbrechen passieren konnte!“
Von Michy Reincke, Folker 01/2016
Die aktuelle Frage wo so viel Hass & Gewalt nur herkommt ist doch etwas verblüffend, wenn man bedenkt, wie viel Wind in den letzten Jahrzehnten in der arabischen Welt gesät worden ist. Die Überheblichkeit der westlichen Kultur, die sich befugt fühlt, sich überall einzumischen, militärisch einzudringen, zu töten & staatliche Ordnungen zu destabilisieren mit dem Argument, Frieden, Freiheit & Demokratie zu bringen & bestehende Ungerechtigkeiten mit noch größeren Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, könnte eine Antwort geben.
Wobei dieses Vorhaben noch nie erfolgreich umgesetzt wurde. Zudem ist das Argument infam angesichts der Tatsache, dass in Ruanda ein Völkermord mit über 1.000.000 Toten zugelassen wurde, ohne dass wirksam eingegriffen oder Flüchtlinge gerettet wurden, vielleicht einfach nur weil es dort keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gab oder absehbar attraktive Absatzmärkte herzustellen waren?
Für Chaos zu sorgen & sich zu wundern dass es ein Echo gibt & der Bumerang zurückkehrt scheint mir naiv & unecht. Die meisten Reaktionen darauf poppen auf wie Gefühls-Schablonen, reflexartig, austauschbar. Als würde selbst Anteilnahme zu einer Betroffenheits-Marke aus der Werbung.
Es wirkt als ob wir in einer Gesellschaft leben, die ihre Lebendigkeit & ihren Reichtum in vielen unterschiedlichen Formen zu leben, zu fühlen & sich zu Wort zu melden, in großen Teilen bereits eingebüßt hat.
Geht es vielleicht doch nicht spurlos an einer Gesellschaft vorüber, wenn man ihren Staat ideologisch als Heile-Welt-Krämerladen organisiert & sie es zulässt, dass Unternehmensberatungsfirmen die politischen, wirtschaftlichen & kulturellen Aspekte eines Staates bestimmen? Wenn sie mit deren Hilfe alle „Leistungsschwachen“, „Underperformer“ & alternativ Denkenden auf subtile Weise aussortiert?
Wenn die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gemeinschaft auf Shareholder-Values reduziert & ihre gemeinschaftseigenen Medien von geistigem Wachstum & Meinungsvielfalt „befreit“ werden, um politische Meinungen besser bündeln & kontrollieren zu können? Wenn die monochrome Abbildung von Kultur nur noch seifige Unterhaltung ist & weder geistigen noch seelischen Nutzen besitzt, um u.a. effizienter für den Verkauf von Reklame zu sein?
Eine widerstandsfähige, politisch gebildete, emotional gesunde & handlungsfähige Gesellschaft sieht jedenfalls anders aus, oder?
Eine Nachtigall in Steppschuhen war für mich die interessante Nachricht, dass Frank-Jürgen Weise, der neue Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Ende September die US-amerikanische Unternehmensberatung McKinsey angeheuert hat, um die Logistik der Flüchtlings-Krise zu bewältigen.
Hat sich vielleicht auch die Bundeskanzlerin für ihre Politik der „marktkonformen Demokratie“ (was soll das eigentlich anderes sein, als die Bürger zu Konsumenten zu degradieren?) & wie man den demografischen Mangel an Konsumenten beheben könnte, von dieser Firma beraten lassen, um herauszufinden, wie man den demografischen Mangel an Konsumenten beheben könnte?
Ohne die strafrechtliche Verantwortung & damit verbundenen Konsequenzen erwachsener Menschen für ihre Taten außer Kraft setzen zu wollen:
Jeder Täter war & bleibt auch ein Opfer & wichtig wäre herauszufinden was oder wer ihn zum Opfer macht bzw. diese katastrophale Ohnmacht provoziert, die Menschen eventuell sogar zu (Selbstmord-) Attentätern werden lässt.
Ob man nun in einer von Hoffnung auf Erlösung geprägten Ausschließlichkeit entweder in den unfreien Aspekten einer patriarchalischen Religion Halt sucht oder als Menschendarsteller-Papagei von Freiheit plappert aber in einem Käfig sitzt, dessen Gitterstäbe aus den Machtinteressen weniger Manager von multinationalen Konzernen zusammengelötet sind, scheint mir dabei kein signifikant systemischer Unterschied zu sein, was den Grad der Autonomie betrifft.
Eine Gesellschaft, die versucht, ohne wirkliche Liebe, Achtung, Solidarität & Lebendigkeit auszukommen, die in Imitation & Selbstdarstellung verhaftet ist & die ihre Schmerzen, ihre Zweifel & ihre Verzweiflung nicht erkennt & annimmt, & die nur fähig ist ihre Werte als Worthülsen zu postulieren & nur auf Ehrgeiz, Macht & quantitativen Ideen von Erfolg aufgebaut ist, als wäre ein menschliches Leben ein Geschäft oder ein Begriff aus der Betriebswirtschaftslehre & sich dagegen nicht wehrt, wird oder ist bereits krank.
Am absurdesten erscheint mir jedoch die Idee dieses aktuelle Modell als Heilsbringer in andere Kulturen zu exportieren.
Was wäre denn, wenn immer mehr Menschen, den sogenannten „Autoritäten“, den vermeintlich Mächtigen & Einflussreichen, denen, die damit kokettieren, die „Raubtiere“ & Bestimmer in ihren Systemen zu sein, zeigen würden, dass wir alle schon lange wissen, was die meisten von ihnen wirklich sind: Schafe im Wolfspelz!
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