Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 12. Januar 2012

Feuer und Flamme für alle!

Die Berliner Brandstifter treffen mit ihren Aktionen
unbeteiligte Bürger. Das ist das politischste an ihren Aktionen.

Von Ivo Bozic (Jungle World, 20.10.2011)



Es gibt, wie John Rambo festgestellt hat, »keine unschuldigen Zivilisten«. Es trifft immer den Richtigen. Gerade in Deutschland. Was bringt es, ein Holocaust-Mahnmal in die City zustellen, »zu dem man gerne hingeht« (Gerhard Schröder)? Es gab einen besseren Entwurf, den von Reinhard Matz und Rudolf Herz. Statt eines Denkmals wollten sie eine Störung des
Alltags: Ein Kilometer der Autobahn A7 sollte mit Kopfsteinpflastern versehen
und auf Tempo 30 reduziert werden, darüber sollte eine Schilderbrücke führen, die
an die ermordeten Juden Europas erinnert. Gleichzeitig sollte das Grundstück am
Brandenburger Tor verkauft werden und der Erlös verfolgten Minderheiten der
Gegenwart zukommen. Man hätte sogar, besser noch, auf jeder Autobahn alle 100
Kilometer so eine Holperpiste bauen sollen! Gedenkpolitik mag eher ein
nebensächlicher Bereich der Politik sein – obwohl man da auch anderer Meinung
sein kann –, das Prinzip aber ist immer dasselbe: Politik muss nerven.

Und so kann und muss man den Berliner Brandstiftern, die
Bahngleise sabotierten, vieles vorwerfen, aber eines nun wirklich nicht: dass
sie Unbeteiligte in Mitleidenschaft ziehen (gefährdet haben sie wohl
tatsächlich niemanden). Denn das ist nun mal das Wesen der Politik. Politik
besteht darin, dass Leute belästigt werden, die eigentlich nichts damit zu tun
haben wollen. Alle in Ruhe zu lassen, bedeutet, nicht einmal den Status quo zu
wahren. Das ist das Gegenteil von Politik.

Wer wird schon gerne von diesen BUND-Helfern mit ihrem
Schweizer Dialekt gefragt, ob man nicht fünf Euro für die Natur spenden möchte?
Wer hat nicht schon einmal vegane Bolognese essen müssen, weil irgendwer am
Tisch gerade die Welt retten wollte? Schon die Bilder hungernder Kinder in
Somalia, die uns die Fernsehsender vorm »Tatort« in die Wohnzimmer beamen, sind
eine Zumutung – und sollen es auch sein. Bei jeder Demonstration stehen
Hunderte Autofahrer im Stau, bei jeder brennenden Barrikade muss ein
vorbeiradelnder Nichtraucher böse husten. Wenn Müllmänner streiken, gammelt auf
der Straße der Dreck, wenn Kindergärtnerinnen in den Ausstand treten, müssen
die Eltern sich mit dem Balg herumschlagen. Weil ein Staatsgast durch Berlin
fahren soll, werden parkende Autos abgeschleppt, Regierungen beschließen
Gesetze, die alles nur noch komplizierter machen. Aufdringlich glotzen uns bei
jedem Wahlkampf Politikervisagen von Plakaten an. Und Revolutionen erst! Wegen
eines Gemetzels an der Barrikade am 24. Juni 1848 soll über der Rue Soufflot
tagelang ein grauenhafter Geruch gelegen haben. Man kann es drehen und wenden,
wie man will: Politik betrifft Leute, die das gar nicht wollen.

Aber wünschen wir uns nicht alle manchmal, gar nicht
belästigt zu werden von der Politik? Weder von Nazis, die in der Nachbarschaft
eine neue Kneipe aufgemacht haben, noch von den Antifa-Genossen, die einen am
frühen Sonntagmorgen mit auf eine Demonstration schleppen möchten. Würde man
nicht am liebsten einfach nur in Ruhe gelassen werden? Irgendwo auf einer
einsamen Insel, Strand, Wellenplätschern, ein paar Äffchen auf der Palme, die
sich spielerisch um eine Kokosnuss zanken, süß! Hier wäre der Mensch
tatsächlich fern der Politik, hier in der Natur. Aber besänne man sich auf die
Natur, sammelte man Beeren und jagte den Hirsch, so käme, darauf kann man
wetten, stante pede ein Veganer aus dem Busch gehüpft und sägte unseren
Hochsitz an.

Wir sind nun mal zur Zivilisation verdammt! Und das ist gut
so. Wir wollen ja nicht wie Tiere leben! Denn selbst wo keine Gesellschaft ist,
und damit auch keine Politik, da herrscht ja noch lange kein Frieden. Eben noch
rauften die niedlichen Äffchen so drollig um die Kokosnuss, nun hat das eine
das andere schon gebissen, oh es blutet arg, und ach, da kommt der Tiger und
frisst das verletzte Äffchen auf, und ui, was grummelt da so laut? Flugs ist
der Tiger von einem Lavastrom verschlungen worden. Es gibt keine Idylle. Nicht
einmal ohne Politik.

Und dies ist auch ein Problem für die Aktionen der Berliner
Saboteure. »Die Züge kommen nicht (…) Der Chef muss warten, ob er will oder
nicht. Na und? Der Ministerialbeamte aus Bonn bleibt im ICE hängen. Gut so.« So
beginnt ihr wortreiches Bekennerschreiben. Doch dass die Züge nicht kommen und
der ICE hängenbleibt, dazu bedarf es keiner Brandsätze, dazu reicht bekanntlich
ein milder Winter. Außerdem schreiben die Brandstifter: »Jeder Tag wäre der
richtige Tag für eine Sabotage.« Genau. Und deshalb ist auch jeder Tag voller
Sabotagen: Funkloch, Geldautomat kaputt, Stau auf der A1, drei Stunden
Wartezeit beim Bürgeramt, Handwerker kommt nicht, App lädt nicht,
Fahrradschloss klemmt, die Melonen sind aus, der Käse ist schimmlig. Wir kennen
das. Und wir wären auch nicht verwundert, wenn die Bahn-Kabel-Anzünder eines
Tages deshalb erwischt werden, weil um 15 Uhr überraschend ein ICE vorbeikommt,
der um elf erwartet wurde. Oder aber auch deshalb, weil irgendjemand ihr
Fluchtfahrzeug in Brand gesteckt hat.

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