Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Samstag, 30. Januar 2016

Facebook-Post eines Arztes aus einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.

In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht g...elungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…


Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“
zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.

Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.
Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen
Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub - das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.

In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?

Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?

Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger  vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.

Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.

Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.

Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…

Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.

Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.

Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern. Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.

Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.

Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.
Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen  Zuwanderer - zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?

Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.

Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!
Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das.

P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!

- Raphaele Lindemann, 28.01.2016

Donnerstag, 21. Januar 2016

"Der Kongo ist die Konsequenz von Europa"

Nach »Hate Radio« und »Das Kongo Tribunal« beschäftigt sich der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« erneut mit den politischen Katastrophen Zentralafrikas.
- Interview: Jakob Hayner, Jungle World, 21.01.2016

Ihr neues Stück »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehres« deutet schon im Titel auf einen Widerspruch zwischen einem individuellen Gefühl und der Gewalt. Die Kritik der Partikularität des Mitleids gehört zur europäischen Aufklärung, Kant zum Beispiel kritisierte es als eine zwar »gutartige Leidenschaft«, die jedoch »schwach und jederzeit blind« sei. Ist Ihr Stück eine Kritik des Mitleids in aufklärerischer Absicht?

Meine Kritik des Mitleids ist, dass es trotz medialer Runduminformation ein Gefühl des engen Radius geblieben ist. Zudem bleibt es meist selbstbezüglich, ja narzisstisch und führt nicht, in einem zweiten Schritt, zu Solidarität und einer politischen Forderung. Mitleid versucht Mängel individuell auszugleichen, die systemische Ursachen haben – von untätigen Regierungen bis zu den ökonomischen Bedingungen. Gleichzeitig ist das Stück auch eine Untersuchung des Mitleids als theatralem Vorgang. Wie funktioniert Identifikation? Was heißt das Ausstellen von Leid? Wer sieht wen leiden? Das Stück ist gewissermassen ein Essay in Form eines Monologs, es geht auch um Grundbegriffe des Theaters. Was heißt es, Zeugen auf der Bühne zu zeigen? Was heißt Stellvertretung auf der Bühne und was Katharsis?

Die Tragik der Geschichte durchbrechen: Consolate Sipérius und Ursina Lardi in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs«
Die Tragik der Geschichte durchbrechen: Consolate Sipérius und Ursina Lardi in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« (Foto: Daniel Seiffert)

Der Realismus war für das 20. Jahrhundert der entscheidende Begriff, um Theater und Politik zu vermitteln. Der Dramaturg Bernd Stegemann hat kürzlich nach »Kritik des Theaters« sein neues Buch »Lob des Realismus« veröffentlicht, in der Zeitschrift Theater der Zeit wurde über einen neuen Realismus diskutiert. Sehen Sie »Mitleid« auch als einen Beitrag zu dieser Debatte?

Das Stück steht mitten in der Diskussion um den Realismus. In dieser Debatte wird ein Widerspruch aufgemacht zwischen authentisch-dokumentarischem Theater, in dem Zeugen auf der Bühne sie selbst sind, und Schauspielertheater, in dem eine fiktionale Figur durch Mittel des Schauspiels – ob postmoderner Trash, Brecht oder Stanislawski – etwas zeigt. Dieser Widerspruch hat auch zu tun mit der Opposition von Stadttheatern mit Ensemble und freien Produktionsweisen, die häufig mit Performern, mit Laien arbeiten. Ich versuche mit »Mitleid«, diesen Widerspruch in einen dialektischen Zusammenhang zu bringen. Es gibt zwei Schauspielerinnen auf der Bühne. Die eine, Consolate Sipérius, ist eine Zeugin des Genozids an den Hutu in Burundi 1993, aber sie ist auch Schauspielerin. Die andere Schauspielerin, Ursina Lardi, steigt mit einer Reflexion über Theater ein und erzählt anschließend eine Geschichte, die aber im Sinn der Authen­tizität nicht oder nur teilweise ihre eigene ist. Und hier wird es verwickelt, die Unterscheidung gerät in Bewegung: Denn auch die vorgebliche Zeugin zeigt etwas, das nicht mit ihrer Person identisch ist. Denn ihr ist etwas widerfahren, aber deswegen ist es ihr nicht auf alle Zeit eingebrannt, sie kann sich zu ihrer Geschichte verhalten. Es gibt eine Freiheit, mit dem je eigenen individuellen Schicksal um­zugehen im Sinne einer existentiellen Psychoanalyse. Zum Schluss macht Sipérius etwas sehr Wichtiges: Sie durchbricht die Kette der Rache. Sie weigert sich gewissermassen, mit dem Maschinengewehr in das Publikum zu feuern. Es gibt, so die Botschaft, neben der tragischen Logik des Leidens auch eine der Solidarität, des Vitalen.

Das Stück beschäftigt sich mit Burundi, ­Ruanda und dem Kongo. Auch in Ihren Stücken »Hate Radio« und »Das Kongo-Tribunal« waren die politischen Katastrophen Zentralafrikas Thema . Was macht das besondere Interesse an dem Gegenstand aus?

Einerseits beschäftige ich mich seit über zehn Jahren mit Zentralafrika. Anderseits ist Zentralafrika für mich auch eine Metapher für die Welt, ein metaphorischer Ort der Weltwirtschaft. Ich kann den Zusammenbruch von Staaten dort beobachten, Massaker, Zwangsumsiedlungen und Flucht – und das meistens aus ökonomischen Gründen. Die Gegend um Bukavu und Goma ist extrem reich an Mineralien, gleichzeitig sterben Menschen an Folgen der Vertreibung, der Unterernährung: »Du stirbst an Hunger, um in Diamanten begraben zu werden.« Marx sagte ja, dass man die Wahrheit über die bürgerliche Gesellschaft in den Kolonien sehen könne. Diese Widersprüche liegen im Ostkongo nackt zutage, und diese Nacktheit interessiert mich. Es gibt symbolische Orte. Ein Freund von mir, David van Reybrouck, hat das Buch »Kongo. Eine Geschichte« geschrieben, in dem es heißt, der Kongo sei kein Blick in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Das interessiert mich als negativ utopische oder atopische Landschaft, als Landschaft der Apokalypse. Und gleichzeitig ist das eine unglaublich reiche Natur, man kann beispielsweise viermal im Jahr säen. Das Problem der Kongolesen war aber, dass sie immer das hatten, was die Weltwirtschaft brauchte: Nach den Sklaven war es der Kautschuk, dann Uran, heute sind es Koltan oder Zinn. Der Kongo ist eine Parallelgeschichte zu Europa, die Konsequenz von Europa.

(Foto: Daniel Seiffert)

Sie fordern statt partieller Verbesserungen vor allem eine Systemkritik, die den Fokus auf die Unterdrückung der armen durch die reichen Länder legt. Während derzeit heftig über Grenzregime debattiert wird, fehlt es an einer grundlegenden Kritik. Die Menschen sind zwar durch Grenzen getrennt, aber vor allem von den Produktionsmitteln, die zur Errichtung des guten Lebens nötig sind.

Fakt ist, dass viele Regionen nicht an den Vorzügen der Industrialisierung teilhaben, obwohl sie industrialisiert werden. Die Wirtschaft ist global, überschreitet alle Grenzen, aber die Grenzen der Nationalstaaten verhindern für die Produzenten, was die Waren- und Finanzströme die ganze Zeit tun: den freien Verkehr. Man muss gar nicht in den Kongo gehen, um das zu beobachten. Zu jedem Imperium gehört die Peripherie, die sich natürlich auch in Europa bildet, die sich notwendig bilden muss: der Nahe Osten, Griechenland. Das System lebt vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie. Auch das römische Imperium hatte völlig chaotische Gebiete, Grenzgebiete, die allerdings für die Existenz des Imperiums zentral waren.

Der Hauptmonolog der Entwicklungshelferin in ihrem Stück erinnert an eines der berühmtesten Bücher über den Kongo, Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, in dem die Suche nach dem Ursprung der Gewalt mit der Fahrt auf dem gleichnamigen Fluss Kongo flussaufwärts parallelisiert wird.

Conrad erzählt eine Geschichte, er universalisiert sie aber außerdem, so dass sie beispielsweise in dem Film »Apocalypse Now« auch für Vietnam funktioniert. Es ist interessant, wie konkret man sein muss, um universal zu sein. Alles in meinem Stück ist verbürgt, die Daten und Fakten stimmen. Aber gleichzeitig ist es ein Stück über die Sinnlosigkeit von Gewalt und die Sinnlosigkeit von Rache. Das klassische antike Drama handelt auch von einer zirkulären Gewalt, die durch das Eingreifen eines Chores oder einer Gottheit überwunden wird – beispielsweise wie in der »Orestie« das Recht humanisiert wird. Die Tragik der Geschichte zu durchbrechen ist das Thema des Dramas und auch von »Mitleid«.

Eine klassische Figur der Theatergeschichte, die in »Mitleid« vorkommt, ist Ödipus. Ödipus steht für den Prozess der schmerzhaften Selbsterkenntnis, aber auch für Schuld und Verdrängung. Inwieweit sehen Sie eine Beziehung zu dem Stoff des Stückes?

Der westliche Entwicklungshelfer ist für mich die Figur des Ödipus. Es gibt einen Verdrängungszusammenhang in Bezug auf Zentralafrika. Ödipus erkennt zum Ende die Schuld, die er auf sich geladen hat. Er hat es auch am Anfang schon gewusst, in der ersten Szene des »König Ödipus« bekommt er es mitgeteilt, recht unumwunden. Aber bis er versteht, was er ja eigentlich schon weiß, braucht es den Durchgang durch das Drama. Kunst kann Unbewusstes und Nichtpräsentes zeigen und das ist die Katharsis, das Erkennen des schon Gewussten: Eben die tatsächliche Herstellung von Mitleid, von Solidarität, die sich trotz ja eigentlich umfassend zugänglicher Information zu den Grundlagen unserer Reichtums nicht einstellt.

Wie steht Ihr Stück zur Erkenntnis von Welt und zu möglichen Handlungen, zur Politik?

»Mitleid« versucht zu erkunden, was individuelles Bewusstsein von einer Welt des Leidens bedeutet. Kunst bietet keine Handlungsan­leitungen, sie kann aber tragische Blindheit und damit hypothetische Möglichkeiten aufzeigen. Es gibt Millionen Tote im Kongo. Aber es gab nur zwei Prozesse in Den Haag, zwei für 1 000 Massenverbrechen. Die Absenz von Recht und Strafe ist gefährlich, das zerstört ­zivilisatorische Grundlagen. Im Programmheft haben wir einen Text von Oscar Wilde, einem ausgesprochenen Verächter des Mitleids, abgedruckt: »Die Seele des Menschen im Sozialismus«. Wilde sagt dort, dass wir eine Welt, in der Mitleid notwendig ist, überwinden müssen. Er nennt das Sozialismus.

»Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« von Milo Rau ist noch am 29., 30. und 31. Januar an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen.

Samstag, 9. Januar 2016

Gewalt ist immer auch Gewalt gegen Frauen

Vom Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs einmal um die Welt und wieder zurück. Vor der Globalisierung kann man sich nicht schützen. Man muss mit ihren Folgen fertig werden.
- von Arno Widmann, Berliner Zeitung, 09./10.01.2016

Was sich in der Silvesternacht am Kölner und am Hamburger Hauptbahnhof ereignete, ist in Deutschland etwas Neues. Nicht neu ist, dass an Hauptbahnhöfen Frauen beraubt und begrapscht werden. Wer vor fünfzig Jahren in Westdeutschland aufwuchs, der weiß, dass die Bahnhofsvorplätze damals vor allem abends an den Wochenenden beliebte Treffpunkte jugendlicher Ausländer waren, die sich einen Spaß daraus machten, sich Mädchen und jungen Frauen in den Weg zu stellen und einen „Tribut“ zu fordern. Wenn zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main fünfzig, sechzig solcher Jugendlicher standen, dann wurden davon ein halbes bis ein Dutzend übergriffig. Das wurde immer wieder diskutiert. Polizei schritt ein, dann sah sie wieder weg. Irgendwann war nicht mehr die Rede davon.

Völlig neu ist aber das, was jetzt in Köln passiert sein soll: Um die tausend junge Männer sollen den Hauptbahnhof besetzt und ihn für ein paar Stunden zu ihrem eigenen Territorium gemacht haben. Sie beschossen andere mit Raketen und Böllern, schlugen um sich, stahlen und attackierten gezielt Frauen. 120 Strafanzeigen liegen inzwischen vor. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um eine gezielte, organisierte Aktion handelt. in die wohl mehrere Hundert Menschen verwickelt waren. Das ist eine neue Dimension. In Köln. Anderswo auf der Welt kommt es ständig vor. Wie immer bei solchen Aktionen wäre es ganz falsch, seine Aufmerksamkeit ganz auf Opfer und Täter zu konzentrieren. Ohne die Zuschauer, die Zuschauer bleiben, kann eine solche Situation nicht entstehen. Besonders schwerwiegend ist es, wenn Polizei zwar vor Ort ist, aber nicht einschreitet, wenn sie im Gegenteil einen Tag später erklärt, man habe das Ausmaß der Gewalttätigkeit nicht mitbekommen.

Mit den Waren wandern Menschen und Lebensweisen 

Wenn nicht auch diese Seite der Entwicklung genauestens untersucht wird, wenn zum Beispiel nicht danach gefragt wird, warum die Videoüberwachung des Bahnhofs nicht zu einem schnelleren, massiveren, effektiveren Einsatz der Polizei führte, dann wissen wir, dass etwas prinzipiell falschläuft in unseren Sicherheitsbehörden. Es ist wichtig, sehr genau aufzuklären, was in der Silvesternacht passiert ist. Nicht nur um der Betroffenen dieser Nacht willen, sondern auch, um uns klar zu werden über die Situation, in der wir leben.

Wir sprechen über Diskriminierung am Arbeitsplatz, über Frauenquote, wir haben gemerkt, wie schwierig es war und ist, gegen häusliche Gewalt öffentlich vorzugehen. Mit der Möglichkeit eines organisierten öffentlichen Überfalls auf Frauen mitten in einer deutschen Großstadt haben wir nicht gerechnet. Nun wissen wir, dass wir auch, was die Diskriminierung von Frauen angeht, globalisiert werden. Mit den Waren wandern die Menschen, mit ihnen ihre Ideen und Lebensweisen und -vorstellungen.

In seinem 2014 erschienenen Buch „A Call to Action – Women, Religion, Violence and Power“ schrieb der Ex-Präsident der USA Jimmy Carter: „Wirtschaftliche Ungleichheit ist zwar ein großes und ständig wachsendes Problem, ich bin aber doch zu der Überzeugung gekommen, dass weltweit die wichtigste und viel zu wenig angegangene Herausforderung die Entrechtung und der Missbrauch von Mädchen und Frauen ist.“

Globalisierung zerstört das Verhältnis der Geschlechter

Es gibt keinen Krieg, in dem der Krieg gegen die Frauen nicht eines der wesentlichen Elemente ist. Es gibt keine Herrschaft, die sich nicht wesentlich dadurch definiert, dass sie für sich die Verfügungsgewalt über Frauen einfordert. Sei es ganz real, als das Recht auf Vergewaltigung – „ius primae noctis“ – oder aber als das Recht, ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Der erste Artikel dieser Vorschriftenkataloge lautet stets: Das Weib sei dem Manne untertan.

Die Globalisierung zerstört weltweit überkommene Lebensweisen und damit fast immer auch das Verhältnis der Geschlechter. Man mag das in vielen Fällen begrüßen. So wird zum Beispiel die weibliche Genitalverstümmelung – in vielen Weltgegenden ein wichtiges Stück Durchsetzung männlicher Dominanz – mehr und mehr infrage gestellt. Aber es wäre ganz falsch, sich die Zerstörung der alten Milieus als ein Ereignis vorzustellen, an das sich die Errichtung neuer Milieus anschließt. Das ist eine entwicklungspolitische Illusion, die davon ausgeht, dass es Einrichtungen gibt, die diesen Übergang organisieren. In Wahrheit aber sind das chaotisch verlaufende Prozesse, in denen jeder versucht, durch treten nach unten sich oben zu halten. Kaum ein Unterdrückter, der nicht noch eine Frau findet, der gegenüber er wenigstens für ein paar Minuten zeigen kann, dass er der Herr ist.

Sexualität spielt dabei immer eine Rolle. Freilich nicht die, die wir Hippienachgeburten ihr zuschreiben. Diese Art von Sexualität ist engstens mit der Macht verbunden. Venus und Mars sind hier keine Gegensätze, sondern beide leben voneinander. Wer Passantinnen in den Schritt greift, der mag das für eine sexuelle Aktion halten. Das zeigt aber nur, wie unsexy Sex für ihn ist, und wie sexy Macht und Gewalt für ihn sind. Eine Macht und Gewalt, zu der gehört, dass sie als Gruppe ausgeübt und angetan wird. Die Gemeinschaft der Krieger ist eine der Vergewaltiger. Zu einem Überfall gehört die Vergewaltigung. Das gilt nicht nur für indische und afrikanische Dörfer, das steht auch in den Annalen der römischen Geschichte. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein großes Thema vor allem der Barockmalerei.

Kein Staus quo ist sicher

Ebenfalls 2014 veröffentlichte die Journalistin Maria von Welser „Wo Frauen nichts wert sind – Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. Sie schreibt darin: „Bis heute werden täglich Tausende Frauen überall auf der Welt vergewaltigt und gefoltert. Sie werden verbrannt und gesteinigt. Ihre Genitalien werden verstümmelt, ihre weiblichen Föten abgetrieben oder ihre Töchter bei der Geburt ausgesetzt. Tagtäglich sterben mehr Mädchen und Frauen an den Folgen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt als an anderen Menschenrechtsverletzungen.“ Maria von Welser war in Afghanistan, in Indien, im Kongo und in Bosnien. Sie hat dort mit Opfern der Gewalt gesprochen. Sie hat sich ein Bild gemacht von der systematischen Ausrottung der Frau und des Weiblichen in der Welt.

Das hat doch mit dem, was bei uns geschieht, mit den schrecklichen Formen häuslicher Gewalt, mit den Diskriminierungen und Beschimpfungen, ja selbst mit den Ereignissen in Köln und Hamburg nichts zu tun? Das ist nicht richtig. Es hat ein Vierteljahrhundert gedauert von der ersten Einrichtung eines Hauses für geschlagene Frauen durch die autonome Frauenbewegung 1976 in Berlin bis zum Gewaltschutzgesetz von 2002, das Gewalttätern den Zugang zur gemeinsamen Wohnung verwehrt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass keine Errungenschaft, kein gesellschaftlicher Konsens, kein Gesetz eine sichere Grundlage ist. Kein Status quo ist sicher. Um alles muss immer wieder neu gestritten werden.

Es wäre ein Verbrechen, wir würden, was das Verhältnis der Geschlechter anginge, auch nur auf den Stand von 1989 zurückfallen. Aber es wird nicht an Versuchen fehlen, eine Welt einzurichten, die Frauen den Männern wieder stärker unterordnet. Je prekärer die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sind, desto lauter werden sich diese Stimmen wieder melden.

Wir müssen sehr genau hinschauen

Silvesternächte und ihre Feuerwerke werden immer wieder gerne als Bürgerkriege inszeniert, Massenaufläufe ziehen Diebe und andere Straftäter an. Sexuelle Belästigungen spielen dabei immer wieder eine große Rolle. So explosiv wie bei der vergangenen Jahreswende aber haben sich diese Elemente in Köln wohl lange nicht mehr verbunden. Liest man die Berichte, hört man die Augenzeugen, bekommt man das Gefühl, dass dort so etwas stattfand wie ein Pogrom.

Er brach ab, bevor es zu Leichen, Verwundeten und Schwerverletzten kam. Aber, so kann man den Polizeiberichten jetzt entnehmen, es fehlte nicht viel. Der dünne Schutzfilm Zivilisation reißt immer öfter an immer mehr Stellen. Wie viele Anschläge auf Asylbewerberheime gab es in der Silvesternacht? Wie viele Einsätze hatte die Polizei, um gegen häusliche Gewalt vorzugehen? Wie viele Schlägereien mit diesem oder jenem Hintergrund gab es in jener Nacht?

Wir wissen das nicht. Wir fragen selten danach. Wir fürchten, uns das ganze Bild vor Augen zu halten. Wir möchten schließlich in einem Land leben, das sich kümmert um Flüchtlinge, das darauf achtet, dass niemand ins Nichts fällt. Dann sehen wir, wie die einen systematisch gegen die anderen vorgehen, wie sehr sie ihren Stolz aus der Vernichtung der anderen gewinnen, und mit einem Mal haben wir Angst.

Es ist die Angst, die wir fühlten, wenn wir die Bilder eines Mobs sahen, der Flüchtlingsheime anzündete. Es ist die Angst, die wir empfanden bei der Betrachtung der Bilder aus dem Kongo. Diese Angst wird genährt vom Gefühl der Hilflosigkeit. Ein paar fest entschlossene Verbrecher können unser hübsches Gehäuse zerschlagen. Ein paar Leute, die nichts im Kopf haben, als einige Augenblicke lang sich mächtig zu fühlen, indem sie anderen Angst einjagen, zeigen uns, wie brüchig die Schale ist, die uns schützt vor dem Chaos.

Was immer passierte in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz passierte, was immer an krimineller Energie, an Testosteron, an Frauenverachtung, an Lust an der Gewalt und an Alkohol zusammenkam, wir müssen hingucken. Sehr genau hingucken. Wir werden die Angst vor diesen Bildern nur bezwingen, wenn wir sie anschauen. Genau und immer wieder. Und immer mit dem Wissen darum, dass in dem Moment, da wir das tun, ganz Ähnliches, Schlimmeres auch, sich an zig Orten in der Welt abspielt. Wir müssen daran denken, dass wir, wenn wir gegen die Gewalttäter am Kölner Hauptbahnhof vorgehen, wir zeigen, dass wir nicht hilflos sind, dass die Gewalt, so gerne sie es auch hätte, nicht das letzte Wort hat.

Freitag, 6. November 2015

Was hätte er zu ihnen gesagt?

Am 12. November wäre Roland Barthes 100 Jahre alt geworden. Klaus Walter hat dem französische Philosophen eine eigene Lesart von Pop zu verdanken.
- von Klaus Walter, Jungle World, 05.11.2015

Kleines Gesellschaftsspiel: über Musik sprechen, ohne jemals ein einziges Adjektiv zu verwenden.« Das wär’ doch was. »Jedes Bild von ihm ist ihm selbst unerträglich, er leidet darunter, genannt zu werden. Er meint, daß die Vollkommenheit einer menschlichen Beziehung auf der Vakanz des Bildes beruht: untereinander, vom einen zum andern, die Adjektive abschaffen; eine Beziehung, die sich mit Adjektiven versieht, ist auf Seiten des Bildes, auf der Seite der Herrschaft, des Todes.«

Bei keinem anderen Autor geht es mir so: Ich lese, was er über etwas schreibt, das ich nicht kenne, und ich übertrage es auf etwas, das ich kenne. Und andersrum: ich höre Musik, die Barthes nicht kannte, kennen konnte, und übertrage einen Text von ihm auf das Gehörte. Das hier schrieb er nicht über die Beatles:
»Sehr selten gibt es Künstler, die auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Populär würde ich genau den Künstler nennen, der sowohl den Leuten gefällt, die über schwierige und subtile Lektürekriterien verfügen, wie auch denen, denen sie fehlen.«

Die Beatles zum Beispiel, zumal sie nicht ein Künstler waren sondern deren vier, die ein komplexes, nicht von eindeutigen (Hetero-)Hierarchien geprägtes Beziehungsgeflecht verbindet, wie auch bei den Rolling Stones. Und die, weil sie vier unterschiedliche Typen sind, umso leichter auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Wen aber meint Barthes? »In einer anderen Kunst als der Musik gibt es einen Mann, der mir in typischer Weise dieser sehr seltenen Funk­tion zu entsprechen scheint, es ist Charlie Chaplin. Er hat Filme produziert, die Milliarden Kinder und Erwachsene aller Altersstufen zum Lachen gebracht und zugleich mit voller Berechtigung zu den schwierigsten und subtilsten Auslegungen Anlass gegeben haben. Chaplin drückt im übrigen wie Schubert einen gewissen Zustand der Unschuld aus … «

Äpfel mit Birnen vergleichen, das ist eine Stärke von Roland Barthes, und nebenher werden die falschen Dichotomien von E & U und Hi & Lo ausgehebelt.

Nicht in der Musik von Burial oder Theo Parrish hört Barthes »eigentlich keine einzige Note, keine Grammatik, keinen Sinn, nichts, was eine irgendwie geartete intelligible Struktur des Werks wiederherzustellen erlauben würde. Nein, was ich höre, sind Schläge: ich höre das, was im Körper schlägt, was den Körper schlägt, oder besser: diesen Körper, der schlägt.«

Nein, Barthes, 1980 bei einem Verkehrsunfall gestorben, schreibt nicht über Dubstep oder House. »Folgendermaßen höre ich den Körper von Schumann (der hatte mit Sicherheit einen Körper, und was für einen Körper! Sein Körper war das, was er noch dazu hatte): in der ersten der ›Kreisleriana‹ rollt es sich zusammen und dann webt es, in der zweiten streckt es sich und dann erwacht es … « So könnte es gehen: ohne Adjektive über Musik sprechen. Dabei habe ich nie versucht, den Körper und die Schläge bei Schumann so zu hören, wie Barthes sie gehört hat, vermutlich in dem Wissen, dass ich aus einer sozialen Klasse komme, die mir den frühen Zugang zu Schumann und Schubert verwehrt hat, so dass sie keine verführerische Macht auf mich ausüben konnten. Dafür hörte ich die Schläge bei Burial, 2006, und schrieb: »Hört man Dubstep in einer windigen Algarvenacht bei grünem Supermarktwein in Gesellschaft einer Psychoanalytikerin, dann kommt man schnell drauf. Dubstep ist super, weil er die pränatale Koenästhesie wiederbelebt. So heißt die urnarzisstische Erfahrung des Fötus im Mutterbauch: er genießt den versorgenden Uterus, kennt nicht Hunger, Angst und Abhängigkeit, die böse Welt da draußen. Guter Dubstep ist wie ein Sog in den Uterus. Englische Kritiker sprechen von einem ›womblike sound‹ und betonen seine ›weibliche Unterseite‹. Wäre das alles, dann könnte sich die Wellness-Industrie Dubstep ins Regal stellen – bitte vor Enya einordnen! Das Fabelhafte an gutem Dubstep aber ist die Synthese: die Musik von Skream, Digital Mysticz und vor allem Burial ist kein Wohlfühltrank für Eso­teriker, sie hat auch Töne für die ursprüngliche Aggression, die Zäsur der Geburt hinein in die feindliche Welt. Vom Wasserbad der Fruchtblase in den Regen von London – diese Bewegung verkörper(lich)t das Album von Burial.«

Auf solche Ideen wäre ich ohne Barthes-Lektüre nie gekommen, die Initiation waren die »Mythen des Alltags«, 1954 veröffentlicht, erstmals 1975, 76 beim Trampen durch Frankreich gelesen. Tatsächlich verwendet Barthes immer wieder den im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzten Begriff der Koenästhesie (beziehungsweise Zönästhesie), um die komplizierten Interaktionen von Körper und Psyche zu benennen, die sich abspielen, wenn wir zum Beispiel Musik hören, Schläge, allein zu Hause, oder besser, nachts im Club: »Der Schlag kann diese oder jene Figur annehmen, die nicht zwangsläufig die einer heftigen, wütenden Betonung sein muß. Da jedoch jeg­liche Figur der Ordnung der Wollust angehört, kann keine einzige ein romantisches Prädikat zugewiesen bekommen (sogar und vor allem wenn sie von einem romantischen Musiker vorgebracht wird) … der Rang der Figur ist nicht an die seelischen Zustände gebunden, sondern an die subtilen Bewegungen des Körpers, an diese ganze differentielle Koenästhesie, an dieses histologische Moirégewebe, woraus der lebende Körper gemacht ist.«

Ich lese Barthes, wie ich als Kind Pop-Musik gehört habe (und heute noch höre, manchmal): mit dem unbedingten Willen, genau das genau jetzt gutzufinden, ohne es bis ins Letzte zu verstehen – es aber koenästhetisch zu verstehen. Der Begriff kommt vom griechischen koinos und aisthesis, in den Fußnoten der »Mythen des Alltags« wird er – unzulänglich – als »Gemeingefühl« übersetzt. Für Mona Körte und Anne-Kathrin Reulecke, Herausgeberinnen eines Aufsatzbandes über das Buch, »betreibt Barthes in produktiver Nähe zu Gaston Bache­lard eine Psychoanalyse der Substanzen und Materialien. Hatte doch auch Bachelard der unmittelbaren Alltagswahrnehmung und, wie auch er es explizit sagt, dem ›gesunden Menschenverstand‹ zutiefst misstraut.«

Gerade erleben wir, wie der gesunde Menschenverstand des deutschen Gemütsmenschen umschlägt: vom passiven, gleichmütigen Konformismus in aktiven, aggressiven Normalismus. Barthes’ Misstrauen, oft von Ekel begleitet, ist also angebracht und hilft ihm, »Pseudonatur als Geschichte (zu) dechiffrieren«, so Horst Brühmann, sich nicht damit abzufinden, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, dass sie nicht Natur sind, sondern Gemachtes, Konstruiertes. Als ich die »Mythen« zum ersten Mal las, war mein Interesse an Pop-Musik auf einem Tiefpunkt, auf den Punkt gebracht in einem der dümmsten Sätze der Pop-Geschichte: »It’s only rock ’n’ roll but i like it«, ein Hit der Rolling Stones von 1974, der im Titel ­alles dementiert, was Rock ’n’ Roll, also Pop jemals interessant und aufregend gemacht hatte: dass es da um Tod oder Leben ging, um Provinz oder Großstadt, Fußballverein oder Plattenladen. Mit Barthes habe ich kapiert, dass es viel mehr ist als bloß Rock ’n’ Roll und dass ich wissen will, was ich warum liebe und nicht bloß like. Ein Buch wie eine Impfung.

Claude Haas vergleicht die »Mythen« mit Theodor W. Adornos »Minima Moralia« und sieht neben einigen Parallelen bei Barthes eine »signifikante strukturelle Gegenfigur« zu dem, was er Adornos »Emphase des dialektischen Umschlags« zum Besseren, zum, mit Hölderlin, »Rettenden auch« nennt: die Impfung! 1975 impfte Barthes mich gegen die eschatologischen Lebenslügen einer Linken, die am Aberglauben vom Lauf der Geschichte und an ihrer positiven Kindergarten-Dialektik festhält, obwohl sich die Welt gerade ganz woanders hindrehte, kurz vor Stammheim. Die »Mythen« sind das Serum gegen hippieeske, protogrüne Ideologien der Natürlichkeit, des Unwillkürlichen und Authentischen in den Künsten. Mona Körte: »In den ›Mythen des Alltags‹ folgen die Verweise auf die Gemachtheit von Gesichtern eher indirekten Regeln, die die Geschichtlichkeit der Gesichtlichkeit, die Tatsache ihrer Gewordenheit durch mediale Transformationen und historische Gegebenheiten in die sie formenden Materialien hinein verlegt, genauer über das gezielte Aufrufen des gestaltenden Materials den inszenierten Schauspielergesichtern wieder zurückerstattet: Ist das der Garbo ›gipsern‹, ›aus Schnee‹, dabei nicht gemalt, sondern ›aus dem Glatten und dem Mürben‹ geformt, so ist das Charlie Chaplins mehlig.«

Mit Barthes habe ich Roxy Music und Warhol kapiert, Velvet Underground revisited und war bereit für die künstlichen Paradiese und Höllen von Disco, Punk und New Wave – zumindest könnte es so gewesen sein, wenn ich meine Biographie ein bisschen photoshoppe.

»Die Wirkung des Catchens liegt darin, daß es ein übertriebenes Schauspiel ist.« So lautet der erste Satz der »Mythen des Alltags« über »Die Welt des Catchens«. Darin beschreibt der – nichtheterosexuelle – Zeichentheoretiker, wie »Gesten, Posen und Mimiken fortwährend zur besseren Lesbarkeit des Kampfes beitragen« und wie die Physis der catchenden Männer ihr Verhalten vorzeichnet: da ist der »lächerliche Hahnrei«, der »arrogante Gockel« und eine »rachsüchtige Schlampe« namens Orsano, ein »effeminierter Jazzfan, der anfangs im blau-­rosa Bademantel auftrat«. Was hätte Roland Barthes zu der Sorte Catchen gesagt, die in »Close up« zu sehen ist, dem aktuellen Video von Peaches? Darin spielt Kim Gordon in grüner Bomberjacke zu rotem Lippenstift den dominant bossigen, E-Zigarette rauchenden Coach der Wrestlerin Peaches, die zum Warmmachen auf Schweinehälften einboxt. Später steht Gordon im weißen Prinz-von-Homburg/René-Weller-Gedächtnis-Pelz am Ring, nebst XXL-Sonnenbrille. Das Catcher-Spektakel kriegt einen Dreh ins Genderfluide.

Hier die überzeichneten Witzfiguren aus dem Barthes’schen Bestiarium des Männer-Wrestling: ölige Muskelprotze, ein kleinwüch­siger Freak, ein voluminöser Glatzkopf, dem braune Soße aus dem Hintern quillt, die er Peaches ins Gesicht schmiert. Dort: Catch-People von unbestimmter Geschlechtlichkeit und polymorpher Sexualität, auch mal im rosa Petticoat. Aus einer nackten Frauenbrust spritzt weiße Flüssigkeit – in Peaches geöffneten Mund. Für Barthes war Catchen »der einzige Sport, der sich nach außen hin den Anschein der Folter gibt«. Bei Peaches ist Wrestling ein Sport, der sich nach außen hin den Anschein von BDSM und lesbischem Sex gibt. Lesbischer Sex, der pornoaffin auch zum Plaisier heterosexu­eller Männer inszeniert wird. Peaches und ihr Regisseur Vice Cooler plündern die Bilderwelt von »Ultimate Surrender«, einem Wachstumssegment der Wachstumsbranche Pornographie. Eine Reality-Show mit nackten Frauen beim Wrestling, das – angeblich ohne Script! – in Fucking übergeht, gerne mit Dildo-Penet­ration und Torturen für die Unterlegene. Sexual wrestling sei für echte Sportfans, so die Botschaft. Das Video zu »Close up« kann also gelesen werden als Kommentar zu einem Pornophänomen, so wie das komplette Peaches-­Album als Reflexion zum Stand der Körperdinge im Zeitalter der digitalen Massen­pornographie.
Was hätte Roland Barthes wohl zum Porno von heute gesagt? Oder zur Ehe für alle, die ja gerade in Frankreich auf massenhaften Widerstand stößt? Beim Wiederlesen der nunmehr vollständigen Ausgabe der »Mythen des Alltags« überrascht die Verve, mit der Barthes immer wieder die (klein)bürgerliche Familie ins Visier nimmt, wie er schon im Vorwort von 1970 die »bürgerliche Norm« als »Hauptfeind« ­ausmacht. »Frauen sind auf der Welt, um den Männern Kinder zu schenken«, schreibt er mit dem distanziert angeekelten Blick des Zoologen, der sich mit niederen Kreaturen beschäftigen muss. Das französische »Imitationsspielzeug« wolle »aus den Kindern Benutzer, nicht Schöpfer machen« und »kleine spießige Eigentümer«, schon das Material des Spielzeugs »führt in eine Koenästhesie (Zönästhesie) des Gebrauchs, nicht der Lust«.

Seiner Autobiographie »Über mich selbst« hat Barthes 40 Seiten mit Fotos vorangestellt, viele mit der geliebten Mutter – als der Vater im Krieg stirbt, ist Roland noch ein Baby. Ein Foto zeigt den vielleicht 16jährigen am Strand, die Mutter lehnt an seiner Schulter, im Arm hält sie Rolands kleinen Halbbruder. »Die Familie ohne den Familiarismus«, steht über dem ödipalen Dreieck. »Kein Vater zum Töten, keine Familie zum Hassen, kein Milieu zum Ablehnen, die große ödipale Frustration«, schreibt er an anderer Stelle.

Seine Homosexualität spielt in den »Mythen« keine Rolle. Sicher ist das den Konventionen der Zeit geschuldet, aber Barthes mag auch befürchtet haben, dass seine Kritik am bürgerlichen Familiarismus von der Gegen­seite unter Hinweis auf seine eigene, abweichende Sexualität diskreditiert werden könnte. Dabei schreibt ein nichtheterosexueller Mann zu dieser Zeit ja tatsächlich aus dem Außen, wenn er über die Familie schreibt und er bleibt im Außen, weil ihm – aus damaliger Sicht – eine Familie niemals vergönnt sein wird. Das schärft den Blick und nimmt der Kritik dennoch nichts von ihrer Berechtigung. Im heutigen Frankreich müsste Barthes einen Ausweg finden zwischen homophoben Gegnern der Ehe für alle und schwullesbischen Realos, die für ihre kleine Familie kämpfen. Gern hätte ich auch gelesen, was Barthes zu den maskulinistischen Inszenierungen der Sarkozys und Hollandes gesagt hätte. Oder zu den maskulinistischen Exzessen eines Strauss-Kahn. Zu schade.

Donnerstag, 5. November 2015

Empfänglich für Verbesserung

Jede kulturelle Leistung ist für ihn nur der Versuch, die eigene Sterblichkeit zu dekonstruieren. Kurz vor seinem 90.  Geburtstag spricht der polnisch-britische Theoretiker Zygmunt Bauman von einer wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft, die außer Kontrolle geraten ist, und erinnert die Soziologen an die Pflicht zur Hoffnung.
- von Jens Kastner, Jungle World, 05.11.2015

Zygmunt Bauman wuchs in Polen als Kind nichtpraktizierender jüdischer Eltern auf, arbeitete nach dem Ende des Kriegs für den polnischen Geheimdienst und studierte Philosophie und Soziologie. Er erhielt eine Professor in Warschau, musste Polen mit seiner Familie 1968 infolge einer antisemtischen Hetzkampagne verlassen und ging nach Israel. 1971 zog er nach Leeds, wo er bis zu seiner Emeritierung 1990 als Soziologieprofessor lehrte. Für sein Werk wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1998 mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Am 19. November wird Zygmunt Bauman 90 Jahre alt.


Sie können mit bald 90 Jahren auf ein Werk von über 50 Büchern zurückblicken. In einem Ihrer Werke sprachen Sie von der »Sterblichkeit im Prozess gesellschaftlicher Strukturierung«. Als eine der Hauptaufgaben des Menschen unserer Zeit bestimmten Sie die Dekonstruktion der »Sterblichkeit«. Kann das gelingen?

Das hängt davon ab, wie man dieses spezifische »Gelingen« vom reinen Zeitverschwenden abgrenzt. Die Dekonstruktion der Sterblichkeit macht sicherlich das von der Unausweichlichkeit des Todes geprägte Leben lebbar. Sie füllt den verstörenden Abgrund an Absurdität mit mutmaßlich nützlichem und realistischem Zeitvertreib – wie Pillenschlucken, Joggen oder dem Aufzeichnen der letzten Spuren eines vorübergehenden Aufenthalts. Ich glaube, dass darin der Hauptgrund für das Erfinden und Praktizieren von Kultur liegt. Und auch das Hauptanliegen von Kultur, im Vergleich zu welchem alle anderen Anliegen nur Fußnoten sind. Nur dank unseres Bewusstseins von der Sterblichkeit zählen wir – wie Hans Jonas es so schön formulierte – unsere Tage, auf dass sie durch sich selbst zählen.

Ihr jüngstes Buch »Retten uns die Reichen?« (2015) unterscheidet sich von den meisten ihrer vorherigen Bücher. Es ist polemisch, realpolitisch und formuliert eine klar linke Haltung, die sich gegen soziale Ungleichheit richtet. Gehört das zu Ihrer Dekonstruktionsarbeit, in dem Sinne, dass Sie die Dinge noch einmal unmissverständlich auf den Punkt bringen wollen?

Vielleicht haben Sie recht mit ihrer Sichtweise, aber es war nicht meine Absicht. Letztlich ist meine lebenslang »klar linke Haltung« weder eine Neuigkeit noch ein Geheimnis (den gewundenen Verlauf der Bedeutung dessen, was »Linkssein« ausmacht, einmal beiseite gelassen). Das kleine Buch, das sie erwähnen, zielt darauf ab, eine weiter Wendung der »linken« Agenda festzuhalten: das sehr gegenwärtige Phänomen, die wachsende Ungleichheit außer Kontrolle geraten zu lassen. Das bedeutet eine Kehrtwende, die zu den multidimensionalen Spaltungen der Gesellschaft führt, weg von den getrennten Klassen, hin zum Gegenüber einer Handvoll Superreicher und dem Rest der Bevölkerung, inklusive des schnell wachsenden Sektors der Mittelschichten.

Sie kritisieren soziale Ungleichheiten. Sie haben das immer getan, aber in den letzten Jahren ist dieser Schwerpunkt immer deut­licher geworden. In Ihrem Buch »Gemeinschaft. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt« (2009) machen Sie den Multikulturalismus und die sogenannte »kulturelle Linke« dafür mitverantwortlich, dass sich Ungleichheit vertieft, weil sich diese Strömungen auf kulturelle Differenzen und deren Anerkennung konzentrierten. Ist die »kulturelle Linke« nicht der falsche Feind? Ist soziale Ungleichheit nicht von anderen sozialen Kräften verursacht als von ein paar Kulturtheoretikern und -theoretikerinnen und mulitkulturalistischen Politikern und Politikerinnen? Sehen Sie die Möglichkeit, beide Perspektiven zu verknüpfen: den Fokus auf Ungleichheit mit der Forderung nach Umverteilung und die Perspektive auf Differenz mit der Forderung nach Anerkennung?

Ich gebe zu, der übertrieben vernachlässigten, vielleicht insgesamt übersehenen Warnung angehangen zu haben, die Richard Rorty vor fast 20 Jahren ausgesprochen hat:
»Seit ökonomische Entscheidungen ihr (der Superreichen) Vorrecht sind, werden sie Politiker der Linken wie der Rechten dazu ermutigen, sich auf kulturelle Angelegenheiten zu spezialisieren. Das Ziel wird darin bestehen, die Gedanken der Proletarier abzulenken – die 95 Prozent der Amerikaner und die 95 Prozent der Weltbevölkerung mit ethnischen und religiösen Feindseligkeiten zu beschäftigen, und mit Debatten über sexuelle Gewohnheiten. Wenn die Proletarier durch medienerzeugte Pseudo-Events von ihrer eigenen Hoffnungs­losigkeit abgelenkt werden, inklusive gelegentlicher kurzer und blutiger Kriege, werden die Reichen nichts zu befürchten haben.«
Und Rortys leitete daraus den Vorschlag ab: Die Linke »muss mehr über Geld reden, selbst auf Kosten dessen, weniger über Stigma zu sprechen«. Das bezieht die Unkosten für die »kulturellen Differenzen und ihre Anerkennung«, von deren Wertschätzung Sie sprechen, mit ein.
Oder, noch aktueller, der Aufruf der ersten im Weltmaßstab führenden Persönlichkeit (Papst Franziskus, Anm. von J. K.), die mutig genug war, die Wahrheit auszusprechen:*
»Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme noch Ordnungskräfte geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Re­aktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Strukturen einer Gesellschaft eingenistetes Böses immer ein Potential der Auflösung und des Todes. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom sogenannten ›Ende der Geschichte‹, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und verwirklicht sind. Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, dass der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüssten wir nicht, dass Waffen und gewaltsame Unterdrückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen. Einige finden schlicht Gefallen daran, die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemeinerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer ›Erziehung‹ zu finden, die sie beruhigt und in gezähmte, harmlose Wesen verwandelt. Das wird noch anstößiger, wenn die Ausgeschlossenen jenen gesellschaftlichen Krebs wachsen sehen, der die in vielen Ländern – in den Regierungen, im Unternehmertum und in den Institutionen – tief verwurzelte Korruption ist, unabhängig von der politischen Ideologie der Regierenden.«

In Ihrer Analyse der »flüchtigen Moderne« spielt die Verflüchtigung von Sicherheiten eine zentrale Rolle. Manche lesen das als Metapher für eine Vielfalt von Ängsten, andere interpretieren es als empirische Beschreibung, die jede und jeden gleichermaßen betrifft. Wer hat recht?

Die diffusen, zerstreuten, unbestimmten und vagen sowie anscheinend unverbundenen Ängste, die die Mehrheit unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen aufsuchen und peinigen (in nicht geringem Ausmaß mit freundlicher Genehmigung der Elite, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht oder deren Materialität nicht anerkennen will), werden bleiben. Sie werden geschürt und begünstigt von den Mächten, die sie wegen ihrer außerordentlichen Gefügigkeit in politisches Kapital verwandeln können, und von ökonomischen Kräften, die in Angst, Furcht und dem gesamten Status endemischer Unsicherheit eine fertige, produktive und leicht auszuweitende Quelle von Profiten finden.
Depression ist heutzutage eine der gängigsten Krankheiten. Indem sie die Ängste um ­Sicherheit schüren, versuchen politische Kräfte, die Öffentlichkeit von gefährlichen Gedanken abzuhalten, während ökonomische Kräfte ein Vermögen mit Beruhigungsmitteln gegen den daraus entstandenen Terror machen.

In ihren Büchern zum Konsumismus beschreiben Sie neue Formen von Ausgrenzung. Insbesondere Arme und Migranten und ­Migrantinnen werden wie moderner »Abfall« wahrgenommen, der nutzlos und nicht mehr in irgendeinen sozialen Kontext zu integrieren ist. Ist es dieser Aspekt der Diskriminierung und der Ausgrenzung, der ihren Begriff der Konsumgesellschaft von früheren Verwendungen – etwa im Rahmen der Kritischen Theorie – unterscheidet?

Ich zeichne die Ausgrenzung in Bezug auf zwei moderne Fabrikationen überflüssiger Menschen nach: in Bezug auf die die Herstellung von Ordnung und auf den ökonomischen Fortschritt. Diese zwei Fabrikationen wurden mit Geburt der modernen Ära in Bewegung gesetzt und funktionieren seitdem ohne Unterbrechung. Aber ihr Ausstoß an manuellen und intellektuellen Fähigkeiten wuchs mit zunehmender ­Geschwindigkeit – mit der »Exkommodifizierung« der Arbeit in Zeiten des frei fließenden und heute exterritorialen Kapitals und der zunehmenden Computerisierung. Die »sekundäre« Ausgrenzung, eine Form der nachträglichen Ausgrenzung, ist das synthetische Produkt oben erwähnter Prozesse und der Übergang von der Gesellschaft der Produzenten zur Gesellschaft der Konsumenten. Während Investi­tionen in unterbeschäftigte Arbeitskraft als Gewinn verbucht werden mögen, können Inves­titionen in »scheiternde Konsumenten« nicht als schlichte und einfache Belastung gesehen werden, außer in der kreditgestützten, konsumistischen Orgie der letzten 30 Jahre.

Sehen Sie im Konsumismus eine Fortsetzung moderner Ausgrenzung oder handelt es sich um neue, spezifisch »flüchtig moderne« Formen? Mir scheint es widersprüchlich, wenn Sie auf der einen Seite die moderne Bürokratie als Mittel der Ausgrenzung für das Abtöten moralischen Empfindens (Adiaphorisierung) verantwortlich machen, auf der anderen Seite aber der »kapitalistische Markt« der flüchtigen Moderne dieselben Effekte zeitigt. Was tötet nun die Moral, der »eiserne Käfig« (Max Weber) moderner Regulierungen oder die flüchtig-moderne Auflösung von Orientierungen?

Massive Ausgrenzung hat die moderne conditio humana von Beginn an begleitet. In Zeiten des europäischen Monopols auf die Modernisierung konnten die Ausgeschlossenen auf andere Kontinente ausgelagert werden (und wurden es zu einem Großteil) und als Träger des Kolonialismus und imperialer Eroberung eingesetzt werden. Mit dem globalen Triumph der Moderne ist diese Auslagerung nicht länger möglich – daher die »internen Exile« in der »Unterschicht« in all ihren Variationen, wertlos in ökonomischer Hinsicht und insofern auch nicht länger als Reservearmee für Arbeitsmarkt und Militär behandelt. Ihr Überleben wird mehr und mehr der Gnade der Wohltätigkeit überlassen, anstatt zu den Pflichten des Staates zu gehören.

Für Soziologinnen und Soziologen proklamieren Sie eine »Pflicht zur Hoffnung«. Was ist damit gemeint?

Wie Albion Small, einer der Pioniere soziologischer Studien in den USA, meinte, entstand die Soziologie aus dem Wunsch heraus, die Gesellschaft zu verbessern. Um ihren Wurzeln, ihrer Berufung und ihrer raison d’être treu zu bleiben, müssen Soziologen hoffen, dass dieser Anspruch zu erfüllen ist: dass Gesellschaft, und damit einhergehend die conditio humana, von Natur aus empfänglich für Verbesserung ist. Wer das nicht glaubt, ist bloß ein Archivar von Akten – was ein vollkommen anderer Beruf wäre, wie edel und legitim er andererseits auch immer wäre.

* Baumann zitiert die Punkte 59 und 60 aus Papst ­Franziskus’ Apostolischem Schreiben »Evangelii ­Gaudium«.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen:
Jens Kastner
Das Interview wurde per E-Mail geführt und redaktionell bearbeitet und gekürzt.

Von Jens Kastner ist soeben im Verlag Turia + Kant (­Berlin/Wien 2015) das Buch »Zygmunt Bauman. ­Globalisierung, Politik und flüchtige Kritik« erschienen.

Sonntag, 16. August 2015

Wo das Leftfield liegt

Man muss eine Menge Woody Guthrie hören, bis Mike Nesmiths psychedelische Country-Operetten erklingen. Die umfangreiche Compilation »Troubadours« bildet die Geschichte der amerikanischen Folk-Musik von den Zwanzigern bis in die Sieb­ziger ab.

 - von Klaus Walter, Jungle World, 16.10.2014

Die Geschichte der amerikanischen Folk-Musik muss nicht neu ­geschrieben werden. Es gibt ihn nicht, den geheimnisvollen Unbekannten, dem der Ruhm des Pioniers zusteht, oder den großen Verkannten, der in Wahrheit das Genre revolutioniert, das Troubadourwesen urbanisiert und das Lied der Folks elektrifiziert hat. Nein, die Ehre gebührt, daran ändern auch die 278 Songs auf 12 CDs nichts, die das auf den großen bibliophilen Wurf abonnierte Label Bear Family unter dem Titel »Troubadours – Folk And The Roots Of American Music« auf den Markt bringt, keinem anderen als dem jüdischen Jungen aus Minnesota, der beim Newport Folk Festival 1965 der versammelten Folkloristengemeinde einen Elektroschock verabreichte, als er seine Gitarre unter Strom setzte und mit einer kompletten Rockband die Konventionen des feierlich begangenen gemeinsamen Singens zu einfacher Gitarrenbegleitung über den Haufen warf. Bob Dylan, der noch dazu besser aussah als der Rest, mit seinem Jew­fro zu schwarzer Sonnenbrille und Polka-Dot-Shirt anstelle der üblichen Arbeiterverkleidung aus kariertem Flanell. Mit sechs Songs ist Dylan auf »Troubadours« vertreten, darunter »Blowing in the Wind«, die Evergreens aus den frühen Tagen vor dem elektrischen Sündenfall, der ihm den meistkommentierten Zwischenruf der Popgeschichte einbrachte: »Judas!« rief ein Zuschauer am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall zu Manchester. Dylans Replik: »I don’t believe you, you’re a liar«, und dann zu seiner Band: »Play it fucking loud!« Es folgte »Like a Rolling Stone«, fucking loud.

Die Revolutionierung des amerikanischen Songwesens durch die Elektrifizierung wird auf dieser Anthologie ausgespart, und das, obwohl sie bis in die mittleren Siebziger reicht mit John Denver, Townes Van Zandt und Mickey Newbury. Dieser eigenwillige Umgang mit der historischen Wahrheit mag dem Titel der Sammlung geschuldet sein: Der Troubadour ist ein Dichter, Komponist und Sänger höfischer Lieder im Mittelalter, ein Solitär, der sich selbst begleitet, in der Regel mit der akustischen ­Gitarre. Er – seltener: sie – singt mit klarer Stimme Lieder, die im günstigen Fall zu Folksongs werden, nachgesungen von anderen – oral folk history. Klassischerweise singen Folk-Musiker am Lagerfeuer, bei Kundgebungen, Demonstrationen, folglich dürfen die Songs nicht zu elaboriert sein, das Setting nicht zu kompliziert, Troubadoure brauchen keine Steckdose. Die Lieder werden von den werktätigen Massen adaptiert, so will es die hegemoniale Geschichtsschreibung der Folkmusik, die auch hier als Geschichte einer Folk-Bewegung erzählt wird. »Auf dem Höhepunkt der Großen Depression waren viele amerikanische Komponisten ernsthafter Konzertwerke Mitglied im Kollektiv der Komponisten oder diesem zumindest eng verbunden. Diese Organisation war der Kommunistischen Partei angeschlossen. Ziel des Kollektivs war es, ein Grundlagenwerk der Volksmusik zu schaffen, das die Arbeiterklasse ansprechen sollte.« Mit dieser im volkspädagogisch-technokratischen Ton der vierziger Jahre gehaltenen Erklärung beginnt das Kapitel über Earl Robinson.

Unter den Mitgliedern des Composer’s Collective war der 1910 in Seattle geborene Robinson »jener Komponist, der am erfolgreichsten Volksausdrucksweisen in seine Arbeit einfließen ließ«. »Volksausdrucksweisen« sind mit Vorsicht zu genießen, hier aber kommt das Übersetzungsproblem hinzu. Der amerikanische Begriff »Folk« bezeichnet etwas anderes als »Volk« im Deutschen, so wie der amerikanische Begriff »Race« als politisch-soziologische Kategorie etwas anderes meint als das deutsche Wort »Rasse«. Weiter in der Folk-Folklore der Linernotes: »Im Sommer 1936 wurde Earl Robinson Leiter von Camp Unity, einer kommunistischen Erholungs- und Erziehungseinrichtung 50 Meilen nördlich von New York City.« Die Gegend um die Catskill Mountains wurde auch »Borscht Belt« genannt, war sie doch ein beliebtes Ferienziel New Yorker Juden, wie es in »Dirty Dancing« dargestellt wird. Die bedeutende Rolle linker Juden in der amerikanischen Folk-Bewegung wird in der Anthologie »Troubadours« nicht eigens betont, ist aber offenkundig. Weiter Folk-Folklore: »Alfred Hayes, der Schauspieldirektor des Lagers, zeigt Robinson ein Gedicht, das er kürzlich geschrieben hatte und dem Singer-Songwriter und Märtyrer der ›Wobblies‹, Joe Hill, gewidmet hatte.« (Wobblies sind die Mitglieder der Industrial Workers of the World.) »Robinson nahm sich eine Gitarre und entwickelte innerhalb von 40 Minuten eine Melodie, die zu Hayes Zeilen passte. Noch am selben Tag trug Robinson ›Joe Hill‹ einer Runde am Lagerfeu­er vor.«

Der Authentizismus der hier suggerierten Zeitzeugenschaft am Lagerfeuer korrespondiert mit dem treuherzigen Verismus vieler Folk-Songs und dem nicht zu erschütternden Glauben an die Kraft des gesungenen Wortes. So gesehen ist diese Sorte Folk das musikalische Pendant zum sozialistischen Realismus in der Kunst. 1940 nimmt Earl Robinson sein Klagelied über Joe Hill auf, die Begleitung ist simpel genug für Gitarrenanfänger, leicht nachzumachen. Fast 30 Jahre später präsentiert Joan Baez »Joe Hill« beim Festival in Woodstock und stellt den Song in den Kontext der Proteste gegen den Vietnam-Krieg. An Earl Robinsons schlichtem Arrangement ändert Baez nichts, das Lied bleibt cantabile. Mit ihrer glockenklaren Jungfrauensirene trifft die Sängerin den Sound des reinen Herzens und repräsentiert die Unschuld der Folk-Bewegung bei einem Festival, das dominiert wird von ästhetisch wie sonisch ganz anderen Antworten auf die Politik der USA in Vietnam: Sly & The Family Stone mit ihrer drogeninduzierten Funk-Rock-Emanzipationsekstase, Jefferson Airplane mit ihrem Aufruf, zu den Waffen zu greifen, Country Joe McDonalds F-U-C-K und die E-Gitarren-De(kon)struktion der US-Hymne durch Jimi Hendrix.

Die Geschichte der politischen Folk-Musik erzählt die Anthologie wertkonservativ und traditionslinks, das zeigt schon die Auswahl der Protagonisten. Joan Baez ist mit sieben Songs vertreten, Woody Guthrie mit elf, und Pete Seeger, der Mann, der beim Newport-Festival angeblich mit einer Axt die Stromzufuhr zu Dylans E-Gitarre unterbrechen wollte, bekommt gleich 15 Lieder. Diese Auswahl spielt Popskeptikern in die Hände, die genervt sind von der notorischen Dylan-Vergötterung. Und den Romantikern, die einen Phil Ochs für genialer und sträflich unterschätzt halten. Solche Romantiker finden auch, dass der SC Freiburg schöner Fußball spielt als der FC Bayern. »Glotzt nicht so romantisch«, hätte Brecht gesagt, von dem Dylan nicht nur diesen klugen Rat übernommen hat.

»Die Geschichte der US-amerikanischen Singer-Songwriter« verspricht das Booklet. Tatsächlich werden viele kleine Geschichten zu einem Puzzle arrangiert, zum Patchwork der Minderheiten einer »zusammengewürfelten Nation«, wie Dave Samuelson in den Linernotes formuliert. Leider macht er die Nation gleich zum Subjekt und unterstellt ihr eine »Suche nach Identität«, wo diese Sammlung doch im Gegenteil den Nachweis liefert, dass das Einwanderungsland USA seine Identitäten schneller wechselt als Lady Gaga ihre Kostüme. Auch die ewige Rede von den »Wurzeln« darf nicht fehlen, dabei sind hier Luftwurzeln am Werk. Das Loblied des »Authentischen« wird gesungen, dabei kann man anhand dieser Anthologie wunderbar nachzeichnen, wie Songs Flügel bekommen, wie der kulturelle Transfer, sei es aus dem alten Europa, aus der Karibik oder aus Südamerika, der Musik neues Leben einhaucht, wie die kulturindustrielle Zurichtung und Verbreitung ihr eben nicht nur Substanz raubt, sondern auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Vor allem die ersten vier der zwölf CDs sind eine Fundgrube skurriler Artefakte; der Begriff Folk ist nicht mehr als eine Klammer für all den Kram, den die weird folks so singen, wenn der Tag lang und der Fusel okay ist.

Da erfährt man, dass The Weavers sich nach Gerhart Hauptmanns »Die Weber« benannt und »1948 beim Hootenanny am Erntedankwochenende auf der Irving Plaza gespielt ­haben«. Und was singen sie? »Die mitreißende Fassung eines israelischen Soldatenliedes, ›Tzena Tzena Tzena‹, in hebräischer Sprache.« Man trifft Ernie Lieberman, der mit Irwin ­Silber das einflussreiche Label Hootenanny begründet hatte. Lieberman, Jahrgang 1930, war ein »Red Diaper Baby«. Rote Windelkinder nannte man damals Sprösslinge von Kommunisten, die im Sommer in linke Ferienlager verschickt wurden. Ermutigt von Irwin Silber, formiert Liebermann 1950 »eine aus Weißen und Schwarzen (Frauen und Männern) bestehende Gesangsgruppe«, Duncan/Lieberman/Sanders/Smith. Und was singen sie? ›Die Gedanken sind frei‹, das bekannte deutsche Lied aus dem 19. Jahrhundert (…). Die Schallplatte wurde vor allem über linke Buchläden vertrieben und verkaufte sich 1952 etwa 1 200 Mal.« Die Gateway Singers, drei weiße Folk-Musiker und eine afroamerikanische Sängerin, reimen 1957 »sklerosis« auf »psychosis« und »credo« auf »libido«, »The Ballad Of Sigmund Freud«, nicht ohne Jung und Adler.

Da ist also noch ein weites, heute weitgehend versunkenes Leftfield jenseits der Union Boys mit ihren Solidaritätsliedern, jenseits von Woody Guthries Dustbowl-Soziodramen und Pete Seegers Frage, wo denn all die Blumen hingekommen sind – übrigens vorgetragen mit einer »nach knarrenden Dachsparren klingenden Tenorstimme«, so die Linernotes in ihrer speziellen Lakonie, von der man nicht so recht weiß, ob sie dem Sportreporterjargon entlehnt ist, einen auf hard boiled macht oder sich einer eigenwilligen Übersetzung verdankt. Ein Leftfield jenseits der ins Protestantische lappenden Folk-Folklore tut sich auf, ein kosmopolitisches Leftfield, in dem Juden und Afroamerikaner gemeinsame Sache machen, in der Bürgerrechtsbewegung und im Popgeschäft, sowas von antiauthentisch, dass es eine Freude ist. Überhaupt ist die Freude an »Troubadours« umso größer, je weniger troubadourisch gesungen wird, je kunstvoller, je kul­tur­industriell vergifteter  und vermischter, unreinrassiger und hybrider, popistischer und konstruierter die Musik daherkommt.
Da freut man sich über Mike Nesmiths psychedelische Country-Operetten. Der Mann war ein Monkee, also Mitglied der ersten Casting-Band ever. Man freut sich über Harry Nilsson, der fünfteste aller Beatles und sein gewissermaßen antifolkiges »One«.

Das letzte Wort hat Joni Mitchell. Einen einzigen Song darf sie beisteuern, die Frau, die bis heute immer wieder in einem Atemzug mit Joan Baez genannt wird, wo sie doch die Ein­zige der hier Versammelten ist, die Dylan das Wasser reichen kann, men & women. »Both sides now« haben sie ausgewählt, 1969 Mitchells größter Erfolg im Folk-Fach. Danach wird Mitchell idiosynkratisch, too much for ordinary folks.

Various Artists: Troubadours – Folk and the Roots of American Music 1–4. Bear Family/Delta Music

Donnerstag, 16. Juli 2015

Genaue Berichte zu kurzen Prozessen

Uwe Nettelbecks Gerichtsreportagen erhellen die Inkubationszeit der Studenten­bewegung.
von Philipp Goll, Jungle World, 16. Juli 2015



All den Erklärungen, wie es zur Eindämmung des kulturrevolutionären Aufbruchs der Studentenbewegung kam, hat der Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer 1997 eine beachtenswerte hinzugefügt. Er bemerkte einen schwindenden Spielraum in etablierten liberalen Zeitungen um 1968. Als Beispiel diente ihm die Wochenzeitung Die Zeit. Bohrer beschrieb deren Entwicklung vom »aggressiven Intelligenzblatt« zum »moralistisch-pastoralen Besinnungsorgan«. Und als Symptom dieser Verwandlung nannte er den Abschied des Zeit-Journalisten Uwe Nettelbeck. Nettelbeck hatte in den frühen sechziger Jahren mit Filmkritiken und Gerichtsreportagen für Aufsehen gesorgt. 1968 verließ er die Wochenzeitung und ging zum Magazin Konkret. Nach einem halben Jahr in der Chefredaktion verließ er sie wieder. Dann verschwand er aus dem Journalismus.

So problematisch personale Zuspitzungen sind, beim Lesen der Texte Uwe Nettelbecks aus der Zeit fällt es schwer, nicht zu glauben, dass alles anders werden müsse und könnte. Selbst die kürzesten Artikel kann man nicht lesen ohne Bewunderung für die Entschlossenheit, und kommt zu der Einsicht, dass Uwe Nettelbeck wusste, was er tat und tun musste, damit sich etwas ändere. Das zeigt ein Blick in sein journalistisches Werk.

1963, als 23jähriger, empfiehlt er nachdrücklich Jürgen Seiferts Analyse der drohenden Notstandsgesetzgebung; neben seinen legendären Texten zum Kino der Zeit stehen filmpolitische Artikel, in denen er Maßnahmen der Filmzensur wie die »Aktion saubere Leinwand« kritisiert. Wiederholt fordert er Kunstfreiheit in der Bundesrepublik und wendet sich gegen die Schmutz-und Schund-Kampagne, die im Namen des »gesunden Volksempfindens« eine »sittliche Ordnung« der Jugend gewährleisten sollte; und in seinen Artikeln zur Beat-Bewegung interessiert ihn weniger ihre vermeintlich fortschrittliche politische Motivation als die Warnung vor der bei geringstem Anlass strammstehenden Elterngeneration. Nettelbecks Artikel aus der Zeit ergeben ein beklemmendes Sittenbild der sechziger Jahre. »Wenn das ihr Junge wäre, würde sie ihn totschlagen, sagte eine Frau und wies erregt auf einen langhaarigen Knaben. Und um sie herum hob sich des Volkes Stimme: Dem müsse man die Hammelbeine langziehen, dem würden ein paar Jahre beim Militär guttun, warum denn die Polizei da nicht einschreite … «

Uwe Nettelbecks Berichte über Gerichtsverhandlungen aus der Zeit hat seine Witwe Petra Nettelbeck nun in einem Band unter dem Titel »Prozesse. Gerichtsberichte 1967–69« bei Suhrkamp neu herausgegeben. Sie stammen aus der Frühzeit der Studentenproteste; manche Berichte behandeln Verfahren gegen Studenten. Die Prozesse finden in einer Atmosphäre statt, die auch durch die Ausweitung staatlicher Gewalt gekennzeichnet ist, von der Spiegel-Affäre 1962 bis zur Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968, die ja nur die Höhepunkte darstellen.

Die Sammlung ist aber über ihre zeitgeschichtliche Bedeutung hinaus ein wichtiges Buch, weil man hier erfährt, dass die Sprache des Journalismus mehr sein kann als ein Werkzeug, mit dem man Sachzusammenhänge darstellt. Dass das ausgerechnet bei Texten deutlich wird, die sich mit der Justiz herumschlagen, ist kein Zufall. Justizkritik muss bei der Sprache beginnen, in der angeklagt, verteidigt, freigesprochen und verurteilt wird. Niemand hat das so unerbittlich durchexerziert wie der Schriftsteller Karl Kraus. 1964 erscheint seine Textsammlung »Sittlichkeit und Kriminalität«, die im Spiegel von Theodor W. Adorno besprochen wird. Kein Buch sei aktueller, schreibt Adorno, die zeitgenössischen Prozesse, die öffentlich von einer Lynchjustizstimmung begleitet würden, zeigten, »wie wenig in der Grundschicht der Gesellschaft, trotz allem Geschwätz vom Gegenteil, sich änderte«. Uwe Nettelbecks Prozessberichte müssen vor diesem Hintergrund gelesen werden.
Was an den Berichten auffällt, ist zuallererst, dass sie dem Versuch widerstehen, sich durch moralische Überheblichkeit oder vorauseilende Sympathie mit den Opfern auf eine Seite zu schlagen. Damit unterscheiden sie sich von den kämpferischen Reportagen Peggy Parnass’ oder Gerhard Mauz’, die neben Nettelbeck die Prozesse der sechziger Jahre verfolgten. Nettelbecks Artikel lassen deutlich eine strukturelle Kritik erkennen. Er fordert die »kühlere Wertung« der Sachverhalte und bemerkt, dass sich oft »Vergeltungswünsche in die Beweislücken schieben und sie mit Vermutungen zuungunsten des Angeklagten schließen«. Mit dieser Kritik ist er nicht allein. Der Bielefelder Amtsrichter und Autor Helmut Ostermeyer hatte die aggressive »Straflust« sowohl der Öffentlichkeit als auch der Justiz in seiner 1971 erscheinenden psychoanalytischen Kritik »Strafunrecht« untersucht. Im Nachwort zu diesem Band stellt Henrik Ghanaat die Arbeiten Nettelbecks in den Kontext einer linken Justizkritik, die einen strukturellen Wandel der Justiz forderte.

Im Zentrum der Sammlung steht der dreiteilige Prozessbericht zum Triebtäter Jürgen Bartsch aus dem Jahr 1967, der zu den aufsehenerregendsten Fällen der Bundesrepublik zählt. Bartsch hatte, selbst noch ein Jugendlicher, mehrere Jungen ermordet. Die Presse, die geschäftig an diesem Fall Anteil nahm, verbreitete das Bild des »Kirmesmörders«. Was schreibt Uwe Nettelbeck? Der Prozess endet bei ihm nicht in sprachlichen Klischees des »monströsen« Täters, der »hinter Gitter« gehöre. Auch nicht in übergriffigen Sympathien für Jürgen Bartsch, der vier Kinder im Alter zwischen acht und 13 Jahren tötete. Er endet mit einer Systemkritik, in der er die Richter zu Opfern erklärt, die keine freie Entscheidung treffen konnten, als sie Jürgen Bartsch zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten, »weil der noch immer zum Fürchten primitive Apparat Justiz & Strafvollzug ein Hilfe einschließendes Urteil nicht zuließ«. Jürgen Bartsch, der im Gefängnis unter seinen sadistischen Phantasien litt, unterzog sich einer vermeintlich rettenden Kastration. Er starb an den Folgen eines Operationsfehlers.

Nettelbeck beeindrucken andererseits aber »untadelige und gewissenhafte Urteile«, in denen sich ein Gericht souverän gegenüber dem aufgebrachten Volk oder der strafhungrigen Presse zeigt. Ihn interessiert das Zustandekommen dieser unabhängigen Entscheidungen, die sich nicht leiten lassen von Automatismen der Wahrnehmung und Urteilsfindung, die häufig schon sprachlich geprägt werden.

»Das Verschulden eines Angeklagten ist zu bestimmen, wenn die Schuld seiner Kläger und Richter vor den Augen einer überprüfenden Öffentlichkeit geklärt ist.« Das schreibt Karl Kraus. Sein literarisches Projekt, die Zeitschrift Die Fackel (1899–1936), bezeichnete er als »Judikatur«. Seine Texte über Prozesse sind selbst Prozesse, die von ihm Angeklagten ruft er durch Zitate herbei. »Er hält der Gesellschaft nicht die Moral entgegen, bloß ihrer eigene«, schreibt Adorno in seiner Rezension zu Kraus’ »Sittlichkeit und Kriminalität«. Dieser Einfluss ist bei Uwe Nettelbeck offenkundig. Auch bei ihm sagt das Zitat gegen den Zitierten aus, wie es Kraus formuliert, in dem sich seine Gesinnung enttarnt. Nettelbeck: »Amtsgerichtsdirektor Hans Pietsch, ein kleiner nervöser Mann, der dazu neigt, seine Urteilsbegründungen mit Formulierungen wie nach Herkunft und Veranlagung minderwertig zu zieren«, heißt es in seinem Bericht zur Verhandlung des Studenten Christian Boblenz Anfang 1969. Und Nettelbeck weiß, wie man etwas sprachlich dreht, damit sich der Sinn in die gewünschte Richtung wendet. Im Prozess gegen Boblenz, der seine körperliche Gesundheit in Notwehr durch Schutz mit einer Holzlatte gegen die Knüppel der Polizisten wahren wollte, ist es der Richter Pietsch, der »mehr um sich geschlagen als verhandelt hatte«.
Der Bericht über den Boblenz-Prozess ist der letzte Gerichtsbericht, den Uwe Nettelbeck für Die Zeit schrieb. Im ersten Text für Konkret heißt es unter der Überschrift »In eigener Sache«: »Mein Entschluß, nicht länger dazu beizutragen, daß die Zeit manchmal anders aussieht, als sie ist, das gebe ich zu, war auch eine Reaktion auf die Aufforderung, meine Artikel einem Redakteur vom Schlage Theo Sommers zu einer genauen Betrachtung im Manuskript zu überlassen.«

Sommer hatte Nettelbeck das »Herbeten von stupiden APO-Floskeln« vorgeworfen. Doch hätte der spätere Zeit-Chefredakteur vorher mal genau gelesen, was Nettelbeck etwa über den Prozess gegen die Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftungen im Herbst 1968 schrieb, hätte er sehen können, dass APO-Floskeln Nettelbecks Sache nie waren. Sein Artikel liest sich nicht nur als scharfe Kritik an der vermeintlich demokratischen Verfassung der Bundesrepublik, da der Prozess gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein gezeigt habe, wie sich »die Gewaltenteilung als eine Verteilung der Aufgabe darstellte, die zum Schutz der herrschenden Ordnung notwendige Gewalt auszuüben«. Im Gegensatz zu Ulrike Meinhofs Bericht für Konkret, in der sie Fritz Teufels Aphorismus feierte, es sei »immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben«, verwandelt Nettelbeck die Seite, die ihm die Zeit (noch) für seinen Prozessbericht einräumt, zu einem Strategiepapier.

Im Wortlaut: »Abgesehen aber auch noch davon, daß sich das Entzünden eines Feuers in einem Kaufhaus als Mittel der politischen Auseinandersetzung schon darum nicht empfiehlt, weil es sich dabei um eine strafbare Handlung handelt, die in jedem Fall den Menschen gefährdet, der sie begeht, daß es sinnlos ist, der Justiz eine Gelegenheit zu bieten, ein zu drastisches Exempel im Sinne der herrschenden Ordnung zu statuieren, war es sinnlos, am 2. April 1968 in einem Frankfurter Kaufhaus einen Schrank anzuzünden; ein brennendes Kaufhaus verändert eine Gesellschaft nicht, die es im Bedarfsfall selber an allen Ecken und Enden brennen läßt, und ein verbranntes Kaufhaus ist nur so gut wie ein neues Kaufhaus.« Absatz. »Es gibt Gesetze, deren Übertretung weniger gefährlich und doch politisch wirksamer ist.«

Wer sah, was sich nach der Erschießung Benno Ohnesorgs in Berlin im Sommer 1967 zusammenbraute an Polizeigewalt, wie Justiz und Presse sekundierten und wie der Staat sein Gewaltmonopol ausnutzte, konnte nicht anders, als das zu schreiben.

»Die Sicherheit steht jetzt über den Gesetzen«, bemerkte Michel Foucault, Autor von »Überwachen und Strafen« (1975), anlässlich der Affäre um Baaders Anwalt Klaus Croissant, dem in Frankreich politisches Asyl verweigert wurde. Zur Not auch jenseits der Gesetze musste der deutsche Staat mit spektakulären Aktionen unter Beweis stellen, dass er seine Bürger vor dem inneren Feind schützen konnte. Die Notstandsgesetze, die seit 1968 Gültigkeit hatten, machten das möglich. Der im Strafgesetzbuch verankerte »rechtfertigende Notstand« gab der Regierung eine Art Generalvollmacht über den Ausnahmezustand. Auf ihn berief sich die Bundesregierung, als sie nach der Entführung Hanns Martin Schleyers die Kontaktsperre für inhaftierte RAF-Mitglieder verhängte und ihnen somit unbehelligt Grundrechte nahm.

Die Neuauflage der Gerichtsberichte Uwe Nettelbecks in einem Band ist auch deshalb so wichtig, weil hier ein Autor entdeckt werden kann, der sich äußerst sensibel für das Durchgreifen staatlicher Macht zeigt. Die Radikalisierung der Studentenbewegung ist nur halb erklärt, wenn nicht die Radikalisierung des Staates berücksichtigt wird. Das Schlagwort vom Überwachungsstaat war eine späte Reaktion auf diese Entwicklung. Eine erneute Lektüre der Prozessberichte Uwe Nettelbecks zeigt aber auch, dass sie nur Vorstudien waren für eine experimentelle Justizkritik, die als Essay-Serie unter dem Titel »Fantômas« in seiner selbstverlegten Zeitschrift Die Republik von 1976 bis 1979 erprobt wurde. In dieser »Sittengeschichte des Erkennungsdienstes«, die 1979 als knapp tausendseitige Zitatmontage im Eigenverlag Petra Nettelbeck als Buch erschien, dreht sich alles um die kriminologische Konstruktion des Verbrechers als Gesellschaftsfeindes. Neben Zeitungsartikeln über Verbrecherjagden und Episoden der Panzerknacker stehen Beschreibungen von Musterfahndungen, Detektiv-Stories und Geschichten über den titelgebenden Held aus der französischen Populärkultur des frühen 20. Jahrhunderts. Der Showdown aber findet in der Gegenwart statt. Und es ist wohl kein Zufall, dass Nettelbeck in einer Art literarischen Offensive 1977 einen Anhänger der Utopie totaler Kontrolle, nämlich die »erste Datenerhebungsinstanz«, herausfordert beziehungsweise herbeizitiert: den damaligen BKA-Präsidenten Horst Herold. Nettelbeck druckt in voller Länge ein Referat Herolds über Datenverarbeitung und Verbrechensbekämpfung in seiner Zeitschrift Die Republik ab, in der der Erfinder der Rasterfahndung die Vision einer Polizei mit »gesellschaftssanitärer Aufgabe« nach kybernetischen Prinzipien entwickelt. Zwei Jahre später, 1979, auf dem Höhepunkt der »schwersten Krise des Rechtstaates« (Helmut Schmidt), kommt es zu einem Plagiatsverfahren gegen Nettelbeck wegen des unerlaubten Abdruckes eines im internen Polizeikreis gehaltenen Referats. Zu seiner Verteidigung bringt Nettelbeck vor, es bestehe ein gesellschaftliches Interesse an Herolds Vision. Den Verstoß gegen das Urhebergesetz konnte das aber nicht legitimieren. Und der Bitte, zu prüfen, ob Nettelbeck nicht Paragraph 34 StGB, nämlich den rechtfertigenden Notstand, in Anspruch nehmen könne, wurde nicht stattgegeben. Die Revision wurde auf Kosten des Angeklagten verworfen.

Es gibt ein experimentelles Verfahren in der Sozialwissenschaft, das durch sogenannte Krisenexperimente implizite Normen erkennbar machen kann. Hier werden Störungen provoziert, um Konventionen zu überprüfen. Dass Uwe Nettelbeck im Prozess wegen Verstoßes gegen das Urhebergesetz unterliegt und zu 4 000 DM Strafe verurteilt wird, ist gar nicht das Entscheidende an dieser Stelle. Viel wichtiger ist der Verlauf des Prozesses als Probe aufs Exempel. Es galt 1979 noch immer, was Nettelbeck schon anlässlich der Studentenproteste Ostern 1968 bemerkte, nämlich »dass zu Lasten der Erfüllung des Verfassungsgebotes, die Grundrechte aller Bürger zu schützen, das Besitzinteresse eines einzelnen geschützt wurde«.

Ein paar Jahre später wurde es der Regierung dann doch zu heikel, auch wegen der Proteste gegen die Volkszählung. Horst Herold wurde 1981, nicht länger politisch tragbar, in den Vorruhestand geschickt. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wurde 1983 im Grundgesetz verankert. Zumindest die staatliche »Datensammelwut« wurde gesetzlich eingehegt.

Uwe Nettelbeck: Prozesse. Gerichtsberichte 1967–1969. Herausgegeben von Petra Nettelbeck. Suhrkamp, Berlin 2015, 188 Seiten, 19,95 Euro.