Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Samstag, 29. März 2014

In den Häusern der Angst

Episoden aus dem Leben von Schriftstellerinnen zwischen Exil und Kaltem Krieg.
 
von Birgit Schmidt, Jungle World, 27.03.2014

Im August 1948 fuhren der deutsche Schriftsteller Bodo Uhse, seine Frau Alma, Uhses Stiefsohn Joel Agee und das gemeinsame Kind Stefan von Mexiko nach Ost-Berlin, in die Sowjetische Besatzungszone. Die Reise auf einem ­sowjetischen Frachter über Leningrad dauerte mehrere Wochen. Dass Uhse sich dieser Anstrengung unterwarf, war nicht verwunderlich, denn als eingeschriebenes Mitglied der deutschen Kommunistischen Partei unterstand er deren Weisungen und die Partei forderte von ihren Mitgliedern, die die Jahre des Nationalsozialismus und des Krieges im Exil verbracht hatten, sich vor Ort und mit aller Kraft dem deutschen Neuaufbau zur Verfügung zu stellen.

Dass Alma ihrem Mann folgte, war hingegen nicht selbstverständlich. Ehe ist Ehe, aber sie ließ immerhin ein Leben zurück, das zwischen Mexiko-Stadt und Cuernavaca angesiedelt war, wo man sich ein Haus mit Garten und zwei Swimmingpools hatte leisten können. Darüber hinaus hatten die Uhses – im Gegensatz zum Rest der deutschen Exilantengemeinde in Mexiko weist Alma in ihren Erinnerungen ausdrücklich dankbar auf diesen Umstand hin – über ein sogenanntes Dienstmädchen verfügt, eine criada, die in der Regel in einem Verschlag auf dem Dach oder in der Küche lebte. Und anders als in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR, wo sich die Familie nach ihrer Ankunft niederließ, war sie in Mexiko nicht nur die Ehefrau eines bekannten Schriftstellers und Parteifunktionärs gewesen, sondern hatte die Familie als Angestellte einer renommierten Kunstgalerie ernährt. Im Nach­hinein sollte Alma Mexiko so auch als ein verlorenes Paradies empfinden.

Dazu kam: Alma Uhse war Amerikanerin und Jüdin; sie war nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe mit dem Schriftsteller James Agee mit ihrem kleinen Sohn Joel von New York nach Mexiko gefahren, wo sie den Exilkommunisten Uhse kennen- und das Leben unter tropischer Sonne lieben gelernt hatte. Nun kam sie in zweifaches Feindesland. »Ich hatte wenig Sympathie für die Leute um mich herum«, schreibt sie in ihren Erinnerungen über ihren anfänglichen Aufenthalt in Ahrenshoop. »Es ist schwer, solch erbärmlichem Selbstmitleid gegenüber Mitgefühl aufzubringen. Außerdem war ich gerade von Leningrad gekommen, und hier waren Deutsche, deren Soldaten in die Sowjetunion eingefallen waren und Leningrad blockiert hatten, die über ihr Los jammerten – obwohl sie alle in besserer Verfassung zu sein schienen als die Russen.«

Das Verhältnis, das Alma Uhse zu ihrer deutschen Umgebung entwickelte, blieb ein distanziertes. Die Familie – Bodo Uhse nahm als Schriftsteller und Parteimitglied sofort eine maßgebliche Stellung innerhalb der Politik- und Kulturszene der DDR ein – zog bald in ein Haus in Groß-Glienicke am Stadtrand von Berlin. Auch hier gab es Hausangestellte, unter anderem die Witwe eines Soldaten, über die Alma schreibt: »Frau Lohmann wusste genug über Bodos Rolle im gewandelten Deutschland, um ihre Gedanken für sich zu behalten, aber wenn sie träumerisch auf einen entfernten Ort starrte oder von den phantastischen Dingen sprach, die ihr Mann ihr aus Dänemark oder Bulgarien gebracht hatte, dann wusste auch ich genug, um nicht über die Art und Weise zu reden, wie er an diese schönen Lederstiefel oder an die seidene Unterwäsche und die Blusen gekommen war.«

Offizieller Antifaschismus, inoffizieller Antisemitismus

Alma Uhse arrangierte sich, aber dass es ihr nicht immer gelang, sich und ihre Gedanken zurückzuhalten, davon berichtet ihr Sohn Joel Agee. Während Alma Uhse sich Ende der siebziger Jahre in New York an einen Schreibtisch setzte, um über ihr Leben in Mexiko und in der DDR zu schreiben, veröffentlichte Joel seine Erinnerungen im Jahr 1981. 1982 erschienen sie unter dem Titel »Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland« auch in deutscher Sprache.
Zwar weist sowohl Alma Uhse in ihren Memoiren »Always Straight Ahead« als auch Joel Agee in »Zwölf Jahre« darauf hin, dass Anti­semitismus in der DDR offiziell geächtet war: »Rassistische Bemerkungen zu machen«, erklärt letzterer, »oder gar in den Medien zu verbreiten, war eine strafbare Handlung. Ein Hakenkreuz auf dem Bürgersteig hatte zur Folge, dass der Staatssicherheitsdienst Ermittlungen aufnahm.«

Aber es kam dennoch zu Vorfällen, die Joel Agee darauf zurückführt, dass seine Mutter anders war als die deutschen Frauen ihrer Umgebung: Sie schminkte sich stark, flocht sich Wollfäden in die Haare, wie sie es in Mexiko gesehen hatte, tanzte wild und rauchte: »Bei einer öffentlichen Tanzveranstaltung«, berichtet er über sie, »kam einmal ein angetrunkener Mann mit Säbelschmissen auf sie zu, schlug ihr die Zigarette aus dem Mund und schrie: ›Deutsche Frauen rauchen nicht!‹ Dass er sofort aus dem Saal hinausbefördert wurde und alle Anwesenden, Fremde wie Freunde, Alma ihre Anteilnahme bekundeten, war ein gewisser Trost. Aber dann gab es noch einen zweiten, wesentlich übleren Zwischenfall in einem Gasthaus in Schierke, einem Wintersportplatz im Harz. Alma und Bodo saßen mit Freunden zusammen und redeten und tranken. Vom Nebentisch beugte sich ein Mann herüber und schrie Alma an: ›Verdammte Judenhure!‹«

Diese Vorfälle, das führt Agee in »Zwölf Jahre« weiter aus, beförderten Almas antideutsche Haltung: »Wir saßen einmal«, fährt er fort, »in irgendeinem trostlosen Esslokal und schauten zu, wie draußen Hunderte von Männern und Frauen stumpf und verbissen am Fenster vorbeizogen, mit steifem Rücken, freudlos, unglücklich. ›Guck sie dir an‹, sagte Alma, ›die Herrenrasse.‹ Sie schnaubte vor Verachtung. So heftig, so bösartig klang das – so war sie sonst nie.«

Ganz ähnlich empfand die zweite Amerikanerin, die ab Ende 1947 in der SBZ und nach der Staatsgründung im Oktober 1949 in der DDR lebte, und deren Wege Alma Uhse fast notgedrungen kreuzte: Wie Bodo Uhse hatte auch der deutsche Kommunist Max Schroeder im westlichen Ausland, in diesem Fall in New York, geheiratet und war unmittelbar nach dem Krieg in die SBZ gegangen, um die Leitung des Aufbau-Verlags zu übernehmen. An Weihnachten 1947 folgte ihm seine Frau Edith Anderson ins zerstörte Nachkriegsdeutschland. Und Edith Anderson hatte mit Alma Uhse einiges gemein: Auch sie stammte aus New York, auch sie war Jüdin, auch sie sollte ihre Erfahrungen literarisch verarbeiten. Unter dem Titel »Love in Exile« erschienen sie aber zuerst 1999 in den USA und erst im Jahr 2007 auf Deutsch unter dem Titel »Liebe im Exil«.

Dem Kapitel ihres Buches, in dem sie ihre Ankunft in Berlin schildert, hat Edith Anderson ein Brecht-Zitat vorangestellt: »Das Haus ist gebaut aus Steinen, die vorhanden waren.« Dass nur wenige gute Steine vorhanden waren, ging ihr bald auf: »Die guten Deutschen«, stellte sie fest und zählte ihren Mann natürlich dazu, »würden sich mit den schlechten Deutschen abfinden müssen. Es gab nicht viele gute Deutsche.«

Es gab aber bald auch andere Gründe, um sich Sorgen zu machen: Noch 1949, im Gründungsjahr der DDR, begann eine sogenannte Parteikontrollkommission alle diejenigen damaligen KP-Mitglieder einer Überprüfung zu unterziehen, die sich in einem westlichen Exilland aufgehalten hatten, unter anderem also in Mexiko und in den Vereinigten Staaten.

Niemand verstand, was vor sich ging: »Zeitungen waren keine Informationsquelle«, schreibt Edith Anderson über diese Zeit, »sie waren Vernebler oder Einpeitscher. Wir waren wie Komparsen einer Massenszene, die durch das Filmstudio gescheucht wurden, ohne zu wissen, in was für einem Film wir überhaupt mitspielten.«

Doch Bodo Uhse und Max Schroeder ahnten, dass sie Grund dazu hatten, besorgt zu sein. Und als zu Beginn der fünfziger Jahre eine Prozesswelle die Staaten des sowjetischen Einflussbereiches überrollte, deren antisemitische Stoßrichtung bald offensichtlich war, gab es gar Grund zu Panik.

Die Spione sind überall

Den Ausgangspunkt dieser Prozesswelle in den osteuropäischen Ländern, in denen sich die Anklagen sukzessive von Titoismus zu Zionismus, Kosmopolitismus und Spionage verlagerten, bildete die Entführung des Amerikaners Noel Field im Frühjahr 1949, der während der Jahre 1940/41 zahlreiche Flüchtende unterstützt hatte und in den Jahren nach 1949 zu einem amerikanischen Superspion aufgebaut wurde. Jeder und jede, der oder die auf der Flucht durch Frankreich nach Übersee mit Field in Kontakt gekommen war, musste nun fürchten, mit einem Spionagevorwurf konfrontiert zu werden.
»Am 12. Mai«, schreibt Edith Anderson, »verschwand in Prag Noel Field spurlos, einer der uneigennützigsten Kommunisten. Max hatte das Glück, dass er Noel niemals begegnet war.

Diejenigen, von denen bekannt wurde, dass sie ihn oder einen seiner Verwandten einmal getroffen hatten, wie flüchtig auch immer, waren in Gefahr. Die Fundamente für die Rajk- und Slánský-Prozesse in Osteuropa waren gelegt. Scheinbar zufällig auch die der McCarthy-Inquisition in den Vereinigten Staaten. Obwohl die zwei Phänomene auffallend gut zueinander passten, schien dieses Faktum damals niemand zu bemerken. Das muss an der Unterentwicklung des Fernsehens gelegen haben und an der Weite des Atlantiks, der Yin und Yang voneinander trennte.«

Der Kalte Krieg hatte begonnen. In den USA mussten Menschen sich darauf einrichten, ihre Jobs zu verlieren oder gar ins Gefängnis zu kommen, denen Sympathien für den sogenannten Ostblock unterstellt wurden, in der DDR musste nervös werden, wem die Staatsführung Sympathien für den Westen anlastete: »Fürchtete ich mich?« fragte sich auch Alma im Nachhinein. »Fürchtete sich Bodo? Ich erinnere mich nicht, ob ich Angst hatte, aber mir, und ich wusste, auch Bodo, war klar, dass etwas völlig falsch lief. Ich war mir völlig der Tatsache bewusst, dass ich Jüdin bin und dass Bodo im Exil in Mexiko gewesen war.«

Am 3. Dezember 1952 wurde in Prag der tschechische Kommunist Otto Katz, auch er war in Mexiko gewesen und ein Freund der Uhses, mit anderen Verurteilten gehängt. Die meisten von ihnen waren Juden. Am 20. Dezember desselben Jahres veröffentlichte das ZK der SED eine Erklärung, in der dem ehemaligen Leiter der deutschen KP-Gruppe in Mexiko eine Verschwörung gegen die Regierung der DDR und prozionistische Positionen vorgeworfen wurde. Merker wurde erst seines Ministerpostens enthoben und in die Provinz verbannt und dann zu einer Haftstrafe verurteilt, die er bis 1956 absitzen musste.

Nachdem Bodo Uhse und alle anderen, die ihre Exiljahre in Mexiko oder einem anderen westlichen Land verbracht hatten, die frühen fünfziger Jahre als bedrohlich hatten empfinden und mit Angriffen und Verfolgungen aus den eigenen Reihen hatten rechnen müssen, erschien 1956 ein anderer Gegner auf der Bildfläche: In der sogenannten Suez-Krise in Ägypten sahen Kommunisten das aggressive Auftreten imperialistischer beziehungsweise vorgeblich imperialistischer Kräfte, Großbritannien, Frankreich und Israel. Und nach dem Aufstand in Ungarn befürchtete Uhse den Einmarsch des westlichen Staatenbündnisses in den sowjetischen Einflussbereich. Er imaginierte Szenen von Verfolgung, Verhaftung und Folter durch die – in seinen Augen faschistische – BRD und steigerte sich in eine Hys­terie hinein, die ihn sogar dazu brachte, bei der Planung seines Selbstmords den Tod seiner Angehörigen einzukalkulieren: Im Falle einer Invasion wollte er seine Familie und sich töten, um sie und sich vor Schlimmerem zu bewahren.

Uhses Hysterie aber hatte noch einen anderen Grund. Im Februar hatte die KPdSU ihren 20. Parteitag abgehalten, in einer anfangs noch geheimgehaltenen Rede hatte Nikita Chruschtschow die Verbrechen des Stalinschen Staatsapparates zur Sprache gebracht – und nun sickerte deren Inhalt auch in der DDR durch: »Bodo war immer schon von zarter und etwas morbider Natur gewesen«, schreibt Joel Agee über dieses Jahr, »und ließ sich gleich aus dem Gleichgewicht bringen; aber diesmal schien er völlig den Boden unter den Füßen verloren zu haben.«

Auch das Jahr 1957 brachte keine Erleichterung. Unter anderem der Philosoph Wolfgang Harich und der Verleger Walter Janka, auch er war mit Uhse im mexikanischen Exil gewesen, wurden mit der Begründung, sie hätten versucht, die Regierung der DDR zu stürzen, zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In Leipzig ging der Schriftsteller Erich Loest für mehr als sieben Jahre ins Zuchthaus.

Zurück in die Vereinigten Staaten

Uhse war nun nicht mehr in der Lage, seine Bringschuld gegenüber dem Aufbau-Verlag zu leisten und das dreibändige Heldenepos »Die Patrioten« zu Ende zu schreiben, denn darin kämpfte eine Gruppe deutscher Helden unter Anleitung der Sowjetunion siegreich gegen den Nationalsozialismus, um nach dem Sieg diejenige gerechte Welt zu erbauen, die Uhse sich erträumte. Er entwickelte körperliche Abwehr­reaktionen gegen das Buch; immer wenn er weiterschreiben wollte, begann ein Ekzem seine Hände zu überziehen, diese hätten, notierte er, wie Krötenfüße ausgesehen.

»Der Gedanke an den Tod taucht oft als tröstende Hoffnung auf«, das hatte er schon am 4. November 1952, also angesichts des Prozesses in Prag, in seinem Tagebuch notiert, »ist tief vertraut geworden, sehnsüchtiger Traum«. Im Oktober 1957, drei Monate nach dem Prozess gegen Walter Janka und Wolfgang Harich, musste er auf einer Kulturkonferenz der SED Selbstkritik leisten und verlor endgültig die Kontrolle über sein Leben: Immer schon ein starker Trinker und Kettenraucher, wurde Uhse Ende der fünfziger Jahre endgültig Alkoholiker und litt an Ängsten und Schuldgefühlen. Und er verliebte sich solchermaßen in eine andere Frau, dass Alma den Entschluss fasste, ihn zu verlassen und in die USA zurückzukehren. Sie ließ einen Kranken und Verzweifelten zurück; bereits am 2. Juli 1963 starb Bodo Uhse an den Folgen seiner zerrütteten Gesundheit, er erlitt einen Gehirnschlag.
Nach einem Aufenthalt in Mexiko, wo sie vergeblich versucht hatte, an die glücklichen Jahre von einst anzuknüpfen, ließ sich Alma Uhse wieder in ihrer Heimatstadt New York nieder, wo sie wiederholt von Edith Anderson aufgesucht wurde, die ihre Aufenthalte in den USA auch literarisch verarbeitet hat. Während Anderson in ihrem tagebuchartigen Buch »Liebe im Exil« die Schwierigkeiten und Zumutungen thematisiert hatte, die das Leben in der DDR mit sich brachte, bediente sie das Lesepublikum der DDR mit dem 1972 erschienenen »Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten«.

1958, als ihre Mutter im Sterben lag, hatte sie sich bei den DDR-Behörden vergeblich um eine schnelle Ausreisegenehmigung bemüht; fahren konnte sie erst im Winter 1958/59, da war ihre Mutter schon tot. Auch Max Schroeder, der sich für den Aufbau-Verlag aufgerieben hatte, war inzwischen verstorben; Anderson musste sich nach einer Möglichkeit umsehen, ihren Lebensunterhalt eigenständig zu verdienen, und zog die Möglichkeit in Erwägung, dass ihr dies in ihrer Heimatstadt besser gelingen könnte. Den zweiten Versuch dazu unternahm sie zwischen September 1967 und Juni 1968 – Monate, die zur Grundlage von »Der Beobachter sieht nichts« wurden.

Ein Amerika für die DDR, eine DDR für ­Amerika

In diesem Buch schildert sie das Leben in den USA und vor allem in New York in den denkbar tristesten Farben: Die Stadt ist schmutzig und gefährlich, von Reklame wird man buchstäblich verfolgt, die amerikanische Gesellschaft ist von der Rassenproblematik ausgehöhlt, der Vietnamkrieg vergiftet die Herzen und die amerikanische Linke sei, meinte Anderson, hoffnungslos zersplittert oder habe sich im bürgerlichen Leben eingerichtet. Illustriert werden ihre Betrachtungen, indem sie Reklameanzeigen hinein streut, Zeitungsartikel über absurde Kunstprojekte, brutale Mordfälle und Arbeitslosenstatistiken.

Lügt sie, wenn sie den Amerikanern in »Liebe im Exil« das Leben in der DDR als ein schlechtes präsentiert, während sie der DDR-Bevölkerung das Leben in den USA als gleichfalls widerwärtig darstellt? Wahrscheinlich nicht, in beiden Büchern hat sie sich auf die dunkelsten Seiten der jeweiligen Systeme konzentriert. In den USA gehören, mittlerweile auch in der BRD verbreitet, sicherlich die Arbeitsvermittlungsagenturen dazu, die ihre Klienten de­mütigen und sich dafür noch bezahlen lassen. Und sofort glaubt man Anderson die Existenzangst, wenn sie beispielsweise schreibt: »Ich bin erst ein paar Wochen hier. Doch wehe, wenn die Suche nach Arbeit zu lange dauert oder mir ein kostspieliges Missgeschick passiert! Eine Krankheit! Eine Krankenversicherung gibt es hier nicht. Eine Zahnbehandlung hat mich schon 170 Dollar gekostet. Denk Dir, ein Zahn! Es gibt private Versicherungen mit ­Namen wie ›Blue Cross‹ und ›Blue Shield‹, aber man kann nur eintreten, wenn man bereits Arbeit hat – vorausgesetzt, dass die Firma angeschlossen ist, und das ist nicht immer der Fall.«

Bisweilen aber schießt sie in ihren Bemühungen, den Alltag in den Vereinigten Staaten zu diskreditieren, weit über ihr Ziel hinaus, so wenn sie beispielsweise die Fahrt in einer U-Bahn mit einem Transport in ein Konzentrationslager vergleicht: »Nach einer strapaziösen Stadtfahrt mit der Untergrundbahn«, notiert Anderson, »mehr tot als lebendig ins Büro gekommen. Wie bringen die Leute es nur fertig, ohne Luft zum Atmen, angequetscht an andere gequetschte Menschen, Tag für Tag wie in einem jener ins Konzentrationslager rollenden Güterwagen zu stehen, die Semprun in ›Die große Reise‹ beschrieben hat? Ich dachte die ganze Zeit: Das halte ich nicht aus … Ich muss es schaffen … Ich kippe um … Gleich werde ich zertrampelt … Ich muss aushalten … Nur in einer wesentlichen Hinsicht war es besser als auf den KZ-Transporten: Nach einer Dreiviertelstunde war ich wieder frei.«

In New York nahm Edith Anderson ihre freundschaftliche Beziehung zu Alma Uhse wieder auf, die sie im Buch unter dem Namen ­Pilar auftreten lässt. Auch Alma hatte, um einen Job zu finden, ihren langjährigen Aufenthalt in der DDR verschweigen müssen, aber sie hatte – im Gegensatz zu Anderson – New York verändert vorgefunden, und zwar im positiven Sinn: »Aber was mich am meisten überraschte«, schreibt sie in »Always Straight Ahead«, »war der Anblick einer jungen schwarzen Frau im Kaufhaus Macy’s. Dieser Anblick wäre undenkbar gewesen, als ich die Staaten verließ, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich damals nicht viel darüber nachgedacht habe, wovon die Schwarzen lebten. Sie waren in Harlem, in abgeschiedenen Wohnblöcken. Die Frauen arbeiteten in der Stadt, sofern sie einen Job hatten, normalerweise als Hausangestellte, und die Männer waren meistens Dienstboten, außerdem gab es einen kleinen Anteil an Jazz-Musikern. Für ein schwarzes Gesicht war es, außer als Komiker, Jazz-Musiker oder Diener, undenkbar, auf einer Leinwand oder einer Bühne zu erscheinen, und man hätte niemals einen Schwarzen hinter einem Schalter bei Macy’s gesehen. Die Stellenangebote hatten sich auch geändert, was ich bemerkte, als ich einen Job suchte. Potentielle Arbeitgeber inserierten nicht mehr ›Nur Christen erwünscht‹ oder ›Keine Juden‹. (Zu schreiben ›Keine Schwarzen‹, war unnötig gewesen.)«

Alma Uhse lernte, das New York der sechziger Jahre zu genießen, und gewann der Stadt ihre positiven Seiten ab. Sie fand eine Stelle, hatte einen großen Freundeskreis und heiratete ein drittes Mal – das ist der Grund, warum ihre Erinnerungen unter dem Namen Alma Neuman erschienen sind. Doch immer quälte sie die Sorge um ihren jüngeren Sohn Stefan, der in Deutschland im Alter von fünf Jahren zuerst an schwerem Asthma erkrankt und nun auch psychisch labil war.

Spuren der Vergangenheit

Ihr älterer Sohn Joel Agee befand im Nachhinein, dass sein Bruder unter der spezifischen deutschen Nachkriegszeit gelitten habe: »Kurz vor seinem ersten Krankenhausaufenthalt«, schreibt er in »Zwölf Jahre«, »hatten Stefan und ich einen Film über die Männer gesehen, die die Vernichtungslager geplant hatten. Er gehörte zum obligatorischen Schulprogramm für alle Kinder in Groß-Glienicke, vielleicht auch in der ganzen DDR. Er hieß ›Der Rat der Götter‹. Er enthielt eine Szene, in der mehrere Tiere – ich glaube ein Lamm, ein Huhn, eine Maus und ein junger Hund – in einer gläsernen Gaskammer erstickt wurden, während eine Gruppe von Staatsmännern und Wissenschaftlern den Vorgang mit Interesse beobachteten. Dieses Experiment hatte sich mehrere Wochen lang Nacht für Nacht in Stefans Träumen wiederholt. Was hätte man ihm sagen können? Dass es nur ein Film gewesen sei? Nur ein Traum?«

Für Agee stand außer Frage, dass sich Stefan, der während eines seiner Krankenhausaufenthalte in einem Glaskasten liegen musste, da Kinderbetten fehlten, in entsprechende Albträume hineingesteigert hatte, die nicht ohne Folgen geblieben waren, und auch Alma Uhse verstand im Nachhinein, dass ihr Kind auf die Spannungen und Ängste der frühen fünfziger Jahre reagiert und dann den Sprung in die andere Welt, den Sprung in die USA, nicht bewältigt hatte. Für Edith Anderson reihte sich Stefan Uhse jedoch vorrangig in das Panoptikum einer Gesellschaft ein, die sie als skurril und dekadent empfand, die sie, nachdem sie 20 Jahre in der SBZ und der DDR gelebt hatte, nicht mehr verstand. Stefan, den sie in »Der Beobachter sieht nichts« Jaime nennt, erscheint ihr »erledigt«, wie er »den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzt und grauenhafte Bilder von ausgeweideten kranichähnlichen Menschenwesen mit aufgepaltenem Gehirn zeichnet«: »Dann legt er sich zu Yoga-Übungen auf eine schmutzige Schaumgummimatte nieder. Er weigert sich, Fleisch zu essen, weil es eine Sünde sei, Lebewesen zu töten. Nur wenige, dünne Fäden verbinden ihn noch mit der realen Welt.«

Stefan Uhse war auf die Suche nach einer spirituellen Welterklärung gegangen; er fuhr nach Indien, Tibet, Japan, Kalifornien, Pakistan und in die Türkei. Nachdem Edith Anderson in die DDR zurück gereist war, diagnostizierten die Ärzte bei ihm eine paranoide Schizophrenie – ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, sagte Joel Agee in einer Fernsehsendung, in der er sein zweites Buch vorstellte, als »die Gegenkultur« in den Vereinigten Staaten an Bedeutung gewann.

Schlüsselerlebnisse

Im Januar 1973 setzte Stefan Uhse seinem Leben ein Ende, indem er aus dem Fenster seines Zimmers sprang. Das war sein zweiter Sprung; der erste – einige Monate zuvor – hatte aus ihm bereits einen Invaliden gemacht.

Den langsamen Tod seines Bruders, seine eigenen Ausflüge in den Wahnsinn, die jedoch auch dem nachhaltigen Konsum von LSD und den Auswirkungen eines typischen Hippie-Lebens der späten sechziger und frühen siebziger Jahre geschuldet waren, hat Joel Agee in dem Buch »In the House of my Fear« verarbeitet, das 2004 in den USA erschienen ist und zu derjenigen Literatur zählt, die zwischen beiden Welten, zwischen Ost und West, angesiedelt ist. In »In the House of my Fear« reflektiert er auch über deutsche Begriffe wie »Glück«, »Heimat« und »Schlüsselerlebnis«, die sich nicht ohne Weiteres ins Englische übertragen lassen.

Sein eigenes »Schlüsselerlebnis« hatte er 1963 gehabt, als er noch einmal in die DDR gereist war, um das Grab seines kurz zuvor verstorbenen Stiefvaters Bodo Uhse zu besuchen. An der Grenze hatte man ihn verhaftet, da er zwei Pässe dabei hatte: einen amerikanischen auf den Namen Agee und einen DDR-Pass auf den Namen Uhse. Joel Agee wurde in ein Büro der Staatssicherheit gebracht. Dann hörte er aus einem anderen Zimmer einen Schrei.

Das war der letzte Kontakt mit der Welt seines Stiefvaters, des Mannes, der – so Agee – gleichermaßen närrisch wie großzügig daran geglaubt habe, dass man die perfekte Gesellschaft errichten könnte. Auch Agee hatte dies geglaubt. »Und deshalb«, schreibt er, »war ich so schockiert, als ich diesen Schrei bei der ostdeutschen Geheimpolizei hörte.«

Die Zitate aus Alma Uhses »Always Straight Ahead« und Joel Agees »In the House of my Fear« wurden von der Autorin ins Deutsche übersetzt.

Literaturverzeichnis:
Joel Agee: In the Hose of my Fear. A Memoir, Shoemaker & Hoard Publishers, Washington 2004
Ders.: Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland. Aus dem amerikanischen Englisch von
Joel Agee und Lola Gruenthal, Fischer Verlag, Frank­furt/Main 1985
Edith Anderson: Der Beobacher sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten. Aus dem amerikanischen Englisch von Eduard Zak, Verlag Volk und Welt, Berlin 1972
Dies.: Liebe im Exil. Aus dem amerikanischen Englisch von Christa und Clemens Traglehn, BTB-Verlag, München 2010
Alma Neuman: Always Straight Ahead. A Memoir, Louisiana State University Press / Baton Rouge, London 1993

Donnerstag, 27. März 2014

Mit Stalin auf dem Sofa

In seinem Roman »Der Garten der Dissidenten« schildert Jonathan Lethem die historischen Kämpfe, Irrtümer und Widersprüche der Linken anhand einer New Yorker Familie.
 
von Kerstin Cornils, Jungle World, 27.03.2014



Wegen eines gewaltigen Schnee­sturms wird im Februar 1960 der New Yorker Highway zum ersten Mal in seiner Geschichte geschlossen. Viele U-Bahn-Eingänge der Stadt sind vereist, der Central Park lockt Skiläufer an. Tom Gogan, einer der vielen jungen Musiker, die nach Greenwich Village strömen, um sich eine Künstleridentität zusammenzubasteln, verlässt trotz der Kälte seine Wohnung in Manhattan, weil er eine Einladung zu einem Workshop mit einem blinden Blues-Gitarristen hat. Der legendäre Reverend Gary Davis soll im Stadtteil Queens eine Schar junger Bewunderer im Fingerpicking unterrichten. Toms Expedition über den East River lohnt sich: »Dieses Allerheiligste der Wärme und des Kaffeedufts zu betreten, unerwartet fern von Manhattan und an einem Tag, an dem alle Grenzen zwischen Nacht und Tag, Bordstein und Pflaster, Dach und Himmel im Weiß unkenntlich wurden, war eine erhabene Erfahrung.« Zwar wird der junge Gitarrist im Schneechaos von Queens nicht die Kunst des Fingerpicking erlernen – die Technik übersteigt schlicht die Fähigkeiten seiner rechten Hand, die sich unversehens wie ein Fuß verhält, »an den man noch einen Entenfuß genäht hatte«. Dafür lernt Tom am Tag des Blizzard seine zukünftige Frau kennen, die kommunistische Aktivistin Miriam Zimmer.

Trotz der am Himmel treibenden »Wahnsinnsflocken« geht es beim ersten Treffen nicht unumschränkt romantisch zu: Als Tom im Nebel von Marihuanaschwaden eine Eigenkomposition über den letzten Lynchmord in den USA zum Besten gibt, legt Miriam sogleich Einspruch ein. Sie urteilt, sein Lied über die Ermordung des Afroamerikaners Mack Parker in Mississippi sei gekünstelt. Wenn er über Schwarze schreiben wolle, müsse er doch bloß vor die Tür gehen und die Augen aufmachen: »Die Männer da unten, die sind die Wirklichkeit.« Wie ernst es Miriam mit ihrem Rat ist, demonstriert sie, als sie umstandslos aus der Wohnung stiefelt und die im Schnee lagernden Obdach­losen mit Kaffee versorgt.

Der 1964 in Brooklyn geborene Jonathan Lethem hat in seinem neuen Roman »Der Garten der Dissidenten« der New Yorker Linken ein Denkmal gesetzt – engagierten Menschen wie Miriam und Tom, die mitten im Herzen des Kapitalismus gegen die Zentren der ökonomischen und politischen Macht in der Stadt protestieren. Dabei interessiert sich Lethem nicht für pompöse linke Selbstinszenierungen, sondern spürt den oft unscheinbaren Formen des Widerstands nach: dem wütenden Protestsong, dem Leben in der Kommune, dem Engagement für eine Stadtteilbibliothek, dem Pazifismus der von Hippies unterwanderten Quäker. Der Gefahr, dabei ins Banale abzugleiten, begegnet er, indem er das Randständige kurzerhand zum Zentrum erklärt. So sind seine Helden keine Chefideologen und Gewerkschaftsbosse, sondern linienuntreue Grenzgänger, die nicht selten mit den Apparatschiks ihrer eigenen Gesinnungsgenossen in Konflikt geraten.



Rose Zimmer, die Mutter von Miriam, ist die beeindruckendste Dissidentin in Lethems New York. Die Leser stolpern gleich zu Beginn in ihr Wohnzimmer, wo ihr von der eigenen Partei, der KP, ein inoffizieller Prozess gemacht wird. Ihr Vergehen? Rose hat ihr Engagement für die Bürgerrechte der Afroamerikaner zu wörtlich genommen und eine Affäre mit einem verheirateten Polizeileutnant schwarzer Hautfarbe begonnen – die weibliche Selbstbestimmung über die eigene Sexualität steht nicht im Parteiprogramm. Dass Rose, die Tochter polnischer Juden, einst gegen Hitler gekämpft hat, belesen und gut organisiert ist, scheint den Genossen egal zu sein. Rose wird aus der Partei geworfen. Allzu unglücklich muss sie darüber nicht sein: »Roses Rausschmiss war der letzte glorreiche Akt (…) dieser herrlich indignierten Gespenster, die längst tot waren, ohne es zu wissen.« Als Chruschtschow kurz nach dem Wohnzimmertribunal die Verbrechen des Stalinismus bekanntmacht, stürzen Kommunisten aller Länder in eine Sinnkrise.

Doch was Rose nicht tötet, macht sie stärker. Unbeirrt setzt sie nach ihrem Rauswurf die Arbeit für eine solidarische Gesellschaft fort. Immer wieder wechselt Lethem seine Erzählperspektive, um den Einfluss nachzuzeichnen, den »die letzte Kommunistin« auf ihre Zeitgenossen hat. Charakteristisch für Rose ist ihre Bodenhaftung, ihr enger Kontakt mit dem großstädtischen Milieu: »Im Gegensatz zu Leuten, die sich nur im Moskau ihrer Träume aufhalten, bin ich stolze Bürgerin einer Gegend, in der Italiener, Iren, Neger, Juden und ab und zu auch mal Proleten aus der Ukraine leben. (…) Wenn ich in Queens unterwegs bin, schweben meine Füße nicht über den Gehwegen.« Als Roses Ehemann eines Tages versucht, seine Frau in eine jüdische Bauernsiedlung in New Jersey zu verpflanzen, um dort mit ihr jiddische Lieder zu trällern, schmettert Rose ihm ein »Nein« entgegen. In Queens, in der von europäischen Migranten geprägten Gartenstadt Sunnyside Gardens, blüht Rose auf.

Stets droht dem von rebellischem Schwung getragenen Roman die Idealisierung seiner dissidenten Helden, doch Lethem bannt diese Gefahr auch immer wieder. Vor allem Rose wird als ambivalenter Charakter gezeigt. Kaum jemand in ihrem Umfeld, den ihr brutales Sendungsbewusstsein nicht verschreckt hätte. Scharf urteilt der schwarze Universitätsdozent Cicero über seine Mentorin: »Sie wollte die Welt befreien, aber sie versklavte jedes arme Würstchen, das sie in die Krallen bekam.« Besonders arm dran ist ihre Tochter. In einer schockierenden Szene stößt die Mutter das Mädchen in den Gasherd und hält deren Kopf für Sekunden in den Ofen. Die 17jährige hatte es gewagt, zum ersten Mal ihr Bett mit einem Jungen zu teilen. Die Jüdin Rose droht ihrer eigenen Tochter mit der Ermordung im Gasherd.

Und Tommy, der Protestsänger im Schneesturm? Ihm ergeht es in dem mit Lokalkolorit bisweilen überfrachteten Roman übel. Seine von Miriams Ideen inspirierte Schallplatte, die die Stimmen der Marginalisierten sammelt, wird mit Hohn aufgenommen. Ein Musikkritiker verreißt das Werk als »ein ekelhaftes Amalgam aus Totenklagen, die sich beim Country & Blues anbiedern, und pseudoverschmitzter Lyrik, gespickt mit Binsenweisheiten des Mitleids«. Schon bald muss Tom mit ansehen, wie ihn ein kometenhaft aufsteigender Musiker namens Bob Dylan an die Wand singt. Ähnlich wie im Coen-Film »Inside Llewyn Davis« wächst der »Tambourine Man« zu einem Koloss an, der Musikern mit weniger Talent, Glück und Gespür für den Zeitgeist künstlerisch das Genick bricht. Es ist Lethems Verdienst, dass er den unbekannten Dissidenten, die an den Rändern der Geschichte leben und kämpfen, ein Gesicht gibt.

Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 476 Seiten, 24,95 Euro

Donnerstag, 13. März 2014

Man ist, was man hört

Diedrich Diederichsen erklärt den Hörer zum eigentlichen Star in der Geschichte der Popkultur. Dieser Hörer ist vor allem er selbst, und das ist gut so.
 
 
 
von Kristof Schreuf, Jungle World, 13.03.2014
Diedrich Diederichsen hat ein neues Buch geschrieben. »Über Pop-Musiker« schöpft aus biographischem Material und deshalb geht es auch in dieser Rezension erstmal um die Biographie des Autors. Diederichsen, Jahrgang 1957, wuchs in Hamburg auf, engagierte sich als Schüler in kommunistischen Jugendorganisationen und begann nach dem Abitur, Germanistik und Spanisch zu studieren. Einer seiner Kommilitonen war Michael Ruff, Sänger der Geisterfahrer, Journalist und später Betreiber des Plattenladens »Ruff Trade«. Ruff erlebte an der Uni, wie Diederichsen Referate über fiktive Personen hielt. 1979 wurde Diederichsen Redakteur der Musikzeitschrift Sounds, wo Alfred Hilsberg eine regelmäßige Kolumne unter dem Titel »Neuestes Deutschland« schrieb. Das Vorhaben, über eine Musik zu berichten, die ihre Energie aus den subkulturellen Explosionen der letzten 14 Tage bezog, erwies sich als nicht so leicht durchführbar. Denn nicht nur die Stadt Hamburg wurde durch eine unsägliche Mischung aus stumpfem Rock, Folk von Ougenweide und Blödelkram aus dem »Onkel Pö« in Eppendorf beherrscht. Popmusik konnte seit Jahren keinen mehr anstacheln oder auf originelle und radikale Ideen bringen, geschweige denn dazu ermuntern, irgendwas davon zu verwirklichen. Stattdessen diente sie dazu, dass Jugendliche ihr Mütchen an gefahrloser Stelle kühlten. Sie sollte Adoleszenz moderieren, sie sollte beruhigen und war nur Medi­ator.

Leute, die an Mediation weniger Interesse zeigten, schrieben für Sounds. Unterschiedlichste Autoren lierferten immer aufregendere, klügere und frechere Texte und scharten immer interessantere Leser um sich. Darunter auch der Schriftsteller Rainald Goetz. In seinem Text »Subito«, den er bei seinem legen­dären Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1983 in Klagenfurt gelesen hat, geht es um die gleichnamige NDW-Bar in Hamburg, in der Diederichsen, der im Text unter dem Namen »Neger ­Negersen« vorkommt, zu dieser Zeit verkehrte. Oder Diederichsen ging abends in die Marktstube, wo er den Maler Albert Oehlen kennenlernte. Beide spielten später zusammen in der Band Nachdenkliche Wehrpflichtige, die unter anderem A-Capella-Versionen von Liedern der Buzzcocks im Reportoire hatten. In Texten von Goetz tauchen bis heute ­sowohl »Diedrich« als auch »Albert« immer wieder auf.

Mitte der achtziger Jahre wird Diederichsen Redakteur bei Spex. So furios denkfreudig wie er schreibt sonst keiner. Diederichsen veröffentlichte 1986 sein erstes Buch »Sexbeat«, das einen Abschnitt über den »Klatsch als letzte materialistische Waffe gegen die Meinung« enthält. Dass sein Urteil immer mehr Gewicht bekommt, entgeht Diederichsens nicht. Seine Reaktion: Als die HipHop-Gruppe Public Enemy ihre Single »Fight the power!« herausbringt, fordert er in der von Hermann L. Gremliza herausgegebenen Zeitschrift Konkret: »Fight the Gremliza! Fight the Diederichsen!«
Schreibende Kollegen verlieren nach der Lektüre seiner Texte bisweilen ihr ganzes Autorenselbstbewusstsein. Einer erklärte einmal, während er in einer Kneipe mit leerem Blick in sein Glas schaute, dass er John Singletons Debütfilm, das Drama »Boyz ’n’ the hood« zwar gerne besprechen wollte, es aber nun doch lieber bleiben lassen wolle. Denn seit er Diederichsens ausführliche Besprechung des Films gelesen habe, fühle er sich inkompetent.

Für Spex liefert Diederichsen im Herbst 1993 den umstrittenen Artikel über »Das Ende der Jugendkultur, wie wir sie kannten«. Diederichsen hatte über einen Nazi gelesen, der bei den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen eine Kappe mit dem Namenszug von Che Guevara getragen hatte. Zu den Gedanken, die er daraus entwickelt, gehört, dass Popmusik nicht mehr den Unterschied zwischen Nazis und ihren Gegnern ziehe. Nicht wenige sind mit diesem Aufsatz nie fertig geworden. Selbst der Autor nicht, der in den folgenden Jahren mehrere Überarbeitungen des Textes vorlegte. Diederichsen schreibt immer weiter und, wie Dietmar Dath es formuliert hat, »er lässt nicht nach«. Selbst oder gerade, wenn Leute über die alltäglichsten Dinge die banalsten Bemerkungen fallen lassen, regt das Diederichsen zu höchst bemerkenswerten Texten an.
Etwa wenn Madonna, die für ein paar Jahre nach England gezogen ist, in einem Interview klagt, dass sie zum Wochenende keine Handwerker findet. Diederichsen bringt das darauf, dass der »Star«, wie man ihn noch im althergebrachten Verblendungszusammenhang zu nennen pflegte, inzwischen ersetzt worden sei durch den »Promi«.

Auch »Über Pop-Musik« enthält diese smarten, von Schneid und Stil angetriebenen Thesen, die so viel Spaß machen, dass es leicht fällt, Diedrichsen bei ihrer Entwicklung zu folgen: Popmusik handelt von dem Gefühl, dass da mal nichts gewesen sein soll und man plötzlich feststellt, dass da doch etwas ist. Und dass das Leute auf der ganzen Welt ebenso erfahren haben, wie zum Beispiel Lou Reed, der nicht in einem Dorf oder öden Vorort, sondern in der aufregenden Stadt New York aufgewachsen ist und in »Rock ’n’ Roll« über die dort verbrachte Kindheit singt: »There was really nothing going on.«
Popmusik operiert mit einem von der Kulturindustrie ruinierten Zeichenrepertoire. Das eigene Hören ist Wiederhören. Die Erinnerung an bereits gehörte Stücke schiebt sich vor die gegenwärtige Rezeption. In der Popmusik reichen Ichsagen und Alleinsein schon aus, um den Schnabel ganz weit aufzureißen. Andererseits enthält sie die Möglichkeit, alleinzusein, mutterseelenallein mit der Gesellschaft. Das, was wir als Popmusik verstehen, ist vor allem im Studio entstanden. Im Studio lässt sich am schönsten und aufregendsten die Körperlichkeit des anderen erfahren. Wie traurig oder wie aggressiv jemand sein kann. Und das in der genauesten Übertragung mit höchster Auflösung. Das ergibt eine explosive Mischung, die Menschen auf eine Art mitreißt, wie das vor der Studiozeit nicht passiert ist. Das Tonstudio ist schließlich auch der Ort, an dem ab Mitte der fünfziger Jahre der kleine Unfall, das nicht geplante, aber besondere klangliche Folgen nach sich ziehende Ereignis, zum Besonderen wird. Diederichsen nennt es mit Roland Barthes das »Punctum«.

Das Geräusch, das auch entsteht, wenn jemand gerade nicht Subjekt ist. Als Verbindung zwischen Medien, Archiven und Kanälen. Popmusik hatte dabei auch nie nur mit Musik, sondern auch mit Bildern zu tun. Als die im Fernsehen zu sehen waren, schoben sie mit Popmusik die zweite Kulturrevolution an. Radio und Fersehen standen für die erste Kulturrevolution. In einem Popsong der zweiten Kulutrrevolution ist nie klar, ob die reale Person des Künstlers spricht oder nur die von ihm erschaffene Figur. In einem Lied geht es nie authentisch zu. Ein Lied kann nicht sehr gut »Nein!« sagen. Es kann sehr viel besser »Ja!« sagen. Die, die »Nein!« sagen, wissen das. Weswegen die Sänger, die etwa »I can’t get no satisfaction« oder »It ain’t me« singen, doch so klingen, als würden sie »Ja!« sagen. Da möchte man es auf einmal viel genauer wissen. Popmusik war und ist genau die Musik, bei der man wissen will, wie der Sänger aussieht.

Das Unverwechselbare an der Popmusik aber ist der Hörer und das, was er in der Rezeption aus ihr macht, also die Gefühlsenergie, mit der er sich in einen Song wirft und von ihm durcheinanderbringen lässt. Das Format entsteht nicht in der Produktion, nicht in der Abspielstelle, sondern in der Rezeption. Beim Hörer, beim Fan. Das Format lässt sich daher als optimistisch beschreiben.

Solche und viele weitere Überlegungen hat Diederichsen nicht in der Einsamkeit am Schreibtisch entwickelt, sondern vor Zuhörern, die ihn womöglich auch anspornten, ­seine Gedanken immer weiter zu präzisieren. Es handelt sich dabei um die Studentinnen und Studenten der Wiener Akadamie der Künste, an der Diederichsen seit 2006 lehrt.

Es gibt Bücher, die einen immer begleiten. Dieses ist so eines. »Über Pop-Musik« leistet für sein Thema das, was Adornos »Ästhetische Theorie« für die Philosophie der Kunst geleistet hat.

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Kiepenheuer &  Witsch, Köln 2014, 474 Seiten, 39,99 Euro

Montag, 27. Januar 2014

Als Spion in Auschwitz

Tagesspiegel, 26.01.2014, von Jan Ludwig



Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz befreit. Vom dortigen Grauen wusste die Welt bereits. Nicht zuletzt dank eines polnischen Offiziers, der freiwillig ins Lager ging – und wieder ausbrach.

Was soll man über einen Mann sagen, der freiwillig nach Auschwitz ging? Der sich als einziger Mensch in ein Lager bringen lässt, in das über eine Million Menschen deportiert wurden und das nur jeder sechste mehr oder weniger lebend verließ?
Es ist patriotisch, sagen polnische Diplomaten. Es ist heroisch, sagt der Oberrabbiner von Polen. Es ist Wahnsinn, sagt die Vernunft.
Witold Pilecki jedoch ist bei völlig klarem Verstand, als er sich am 19. September 1940 in Warschau auf die „Allee der Polnischen Armee“ begibt.

Die deutsche SS hat wieder eine Razzia begonnen, nun sammelt sie ihre Opfer. Mit Papieren ausgestellt auf „Tomasz Serafínski“, mischt sich Pilecki unter die Gefangenen.
Seit einem Jahr ist Polen da schon besetzt. Als Deutschland seinen Nachbarn überfiel, prallte waffentechnisch der Zweite auf den Ersten Weltkrieg. Blutig und kurz waren die Kämpfe. Doch im Untergrund leisten polnische Soldaten weiter Widerstand. Pilecki, geboren 1901, hatte schon als Jugendlicher im Ersten Weltkrieg für sein Land gekämpft. Nun gründet der Kavallerie-Offizier die Polnische Geheimarmee.

Im Sommer 1940 erfährt diese Geheimarmee von einem Lager. Polen nennen die nächstliegende Stadt Oswiecim; unter den Deutschen heißt sie Auschwitz. Dort, so munkelte man, sollen polnische Lehrer, Priester, Ingenieure hingebracht werden, vielleicht sogar getötet. Die Geheimarmee entscheidet, Pilecki in das Lager zu schicken, damit er – unter falschem Namen – spioniert.

Der Plan scheint an jenem Sommerabend 1940 zu funktionieren. Pilecki muss mit Hunderten anderer im Scheinwerferlicht einer Reitbahn auf dem Boden übernachten. Zwei Tage später werden sie weggebracht, erst auf Lastwagen, dann im Güterwaggon, bis der Zug am Abend hält. Türen werden aufgerissen, Hunde bellen, gleißende Lampen blenden die Insassen. Pilecki hört, wie Wachsoldaten einen Passagier anbrüllen, er solle loslaufen. Er wird erschossen, genau wie zehn weitere – als Strafe für den „Ausbruchsversuch“. An einem Stacheldrahtzaun angekommen, führen die SS-Männer die Gefangenen durch ein Tor. „Arbeit macht frei“ steht darauf.

947 Tage wird Pilecki in Auschwitz verbringen. Als er in das Lager hineinging, war es ein Konzentrationslager für polnische politische Gefangene, als er daraus flieht, ein Brandmal der Menschheit.

Was wir über Pileckis Odyssee wissen, entstammt vor allem den Berichten, die er während und nach seiner Lagerzeit schrieb. Über die ersten Stunden im KZ vermerkt er darin: „Im unheimlichen Lichtschein, den die Scheinwerfer von allen Seiten warfen, erkannten wir Wesen, die wie Menschen aussahen, deren Verhalten aber dem wilder Tiere glich.“

Pilecki blickt in einen Abgrund, sieht kaum vorstellbaren Sadismus. Er berichtet von dem Häftling Ernst Krankemann, einem verurteilten Mörder, der als Kapo das Straßenbaukommando leitet, dabei die Planierwalze nutzt, um Gefangene zu überrollen. Der SS-Sanitäter Klehr rammt Häftlingen Phenolspritzen ins Herz, er „mordete mit der Nadel mit gewaltigem Eifer, mit irrem Blick und sadistischem Lächeln“. Pilecki fährt fort: „Nach jeder Tötung eines Opfers machte er einen Strich an die Wand. Die Liste der von ihm Getöteten umfasste zu meinen Zeiten gegen vierzehntausend, und dafür rühmte er sich täglich mit großer Zufriedenheit.“

Pilecki entgeht den Torturen, auch dem „Blutigen Alois“ und dem „Würger“. Doch mit anzusehen, wie Menschen derart sterben, schürt den Hass in ihm. „Ich spürte, dass wir alle endlich durch dieselbe Wut vereinigt waren, in einem Durst nach Rache“, schreibt Pilecki über sich und seine Mitgefangenen.

Pilecki soll spionieren und Berichte nach außen schleusen. Vor allem aber soll er eine Untergrundorganisation aufbauen. Im Falle eines Aufstandes oder eines Angriffs von außen könnte die den Widerstand organisieren. Nach und nach rekrutiert er ein dichtes Netz aus je fünf Männern, hauptsächlich Polen. Er spricht sie bei der Zwangsarbeit an, zieht sie ins Vertrauen. Um die Organisation nicht zu gefährden, verrät er den Fünfergruppen nur wenig voneinander.

Nach einigen Wochen orchestriert Pilecki so Hilfen im Lager. Wer schwach ist, erhält eine zweite Ration, wer krank ist, einen Arbeitsplatz mit einem Dach über dem Kopf. Doch bis die erhofften Partisanen außerhalb des Lagers stark genug sind, können die Insassen den täglichen Erschießungen und Folterungen nur tatenlos zusehen.

Ein Häftling, der im November 1940 entlassen wird, schmuggelt seinen ersten Bericht nach draußen. Über Warschau und Stockholm erreicht der Report London, den Sitz der polnischen Exilregierung. Die leitet ihn im März 1941 an die britische Regierung weiter. Doch was die nun zum ersten Mal zu lesen bekommt, wird für unzuverlässig und übertrieben gehalten. Dabei steht das Schlimmste noch bevor.

Im September 1941, ein Jahr nach Pileckis Ankunft, kann das Stammlager die ankommenden Menschenmassen kaum noch bewältigen. Von der Front treffen tausende sowjetische Kriegsgefangene ein. Die Russen gehören zu den ersten, an denen man Zyklon B ausprobiert. Ein zweites Lager wird nun drei Kilometer entfernt errichtet: Birkenau. Kaum jemand kehrt aus Auschwitz-Birkenau zurück. Es ist das Vernichtungslager.

Pilecki darf im Stammlager bleiben. Hier arbeiten sich die Gefangenen zu Tode, sie erfrieren in der Kälte oder man stellt sie an die „Todesmauer“, besonders gern an polnischen Feiertagen. Zehntausende Menschen gehen im Stammlager zugrunde.

Auch ein Lager des Grauens braucht eine Infrastruktur, braucht Bäcker, Klempner, Schuster, Maurer. Wer überleben will, sollte backen und klempnern, schustern und mauern können. Oder jedenfalls so tun als ob.

„Du bist nicht vielleicht Ofensetzer?“, wird Pilecki eines Tages von einem Kapo gefragt. „Jawoll, ich bin Ofensetzer“, erwidert Pilecki, ohne zu überlegen. Pilecki soll einen Arbeitstrupp zusammenstellen, er wählt vier Mithäftlinge. Dann bringen die Wachen sie in die Wohnung eines SS-Mannes. Pilecki und seine Kameraden sollen den Kachelofen von einem Raum in den nächsten umsetzen. Der SS-Mann erklärt, was zu tun ist, und geht. Im lakonischen Ton, den sein ganzer Bericht durchzieht, schreibt Pilecki: „Ich fragte in die Runde, ob irgendjemand eine Ahnung vom Ofensetzen habe. Das war nicht der Fall.“ Da stehen also fünf Häftlinge, keiner vom Fach, und schauen sich gegenseitig an.

„Wer um sein Leben kämpft, bringt Dinge fertig, die er nie für möglich gehalten hätte.“ Stück für Stück baut Pilecki den Ofen ab, merkt sich jedes Teil und setzt ihn wieder zusammen. Vier Tage Zeit für einen Ofen, vier Tage Zeit, um ein Leben außerhalb des Stromzauns zu sehen, wo Menschen ihren Nachbarn helfen, Ehemänner ihre Frauen küssen, gemeinsam frühstücken. „Als ich dann am fünften Tag den neuerrichteten Ofen das erste Mal versuchsweise befeuern sollte, schaffte ich es, im Lager so gründlich verloren zu gehen, dass ich unentdeckt blieb.“

Wenn es in dieser Geschichte nicht um Leben und Tod ginge, um Auschwitz und industrielles Morden, könnte man Pilecki für eine Art Hauptmann von Köpenick halten. Er gibt sich auch als Gerber aus, als Schreibhilfe und Bäcker, Schreiner und Kartograf. Aber Pilecki narrt nicht eine bornierte preußische Obrigkeit. Er düpiert Wachmannschaften mit Totenkopf auf den Kragenspiegeln.

Witold Pilecki mag sportlich gewesen sein, robust, trickreich und intelligent. Vor allem aber hatte er unfassbar viel Glück.

„Ich bin eine ziemlich merkwürdige Natur, wie ich mehr als einmal bemerkt habe. Andere Menschen verlieren den Appetit, wenn sie Fieber haben; ich dagegen fresse wie ein Scheunendrescher.“ Er erkrankt an Typhus, holt sich eine Lungenentzündung – und überlebt beides, wiewohl nur knapp, dank der Hilfe seiner Vertrauten. Von der Küche bis zur Gerberei, vom Postamt bis zum Stall besetzen seine Kameraden wichtige Posten. An besonders verhassten Aufsehern rächen sich Pileckis Leute. Sie sammeln Läuse, die auf Typhus-Infizierten saßen, und spucken sie mit Blasrohren auf Wachmänner – einige erkranken, sterben sogar. Sie locken Kapos in einen Hinterhalt. Die Erschlagenen werden von Pileckis Kameraden im Krematorium verbrannt, um keine Spuren zu hinterlassen.

Und doch kommt die SS der Untergrundbewegung auf die Schliche. Rund 50 Gefangene werden exekutiert. Immer mehr werden in andere Lager verlegt, nach Buchenwald, Sachsenhausen oder Neuengamme.

Im Frühjahr 1943, nachdem er drei Winter in Auschwitz überlebt hat, beschließt Pilecki zu fliehen. Als Fluchtort wählen er und zwei seiner Mitgefangenen die Bäckerei. Sie liegt außerhalb des Lagers. Kein Zaun trennt sie vom Umland. „Jasiek“, ein Freund, der dort arbeitet, nimmt mit frischem Brot Abdrücke eines Schlüssels und einer Schraubenmutter, die die Außentür versperren. Ein befreundeter Schlosser fertigt die nötigen Werkzeuge. Kameraden arbeiten zu, versorgen sie mit Essen, Kleidung, aber auch Tabak, um die Spürhunde zu verwirren.

Derart bepackt, warten Pilecki und seine Kumpanen auf die Osternacht 1943. Als beide Wachposten in der Bäckerei nicht aufpassen, werfen sich die drei gegen die Außentür, bis sie schließlich aufschwingt. Dann rennen sie los. Obwohl er von einer Wache angeschossen wird, schafft es Pilecki schließlich bis nach Warschau.

Doch die Geschichte des Witold Pilecki ist damit nicht zu Ende.
Der Zweite Weltkrieg wütete noch zwei weitere Jahre. Im Dienste der polnischen Heimatarmee kämpfte Pilecki 1944 beim Warschauer Aufstand mit. Er sinniert bis zur Befreiung von Auschwitz darüber, wie man das Lager hätte erobern können, erst von innen, dann von außen. Doch die polnische Heimatarmee zögert. Sie hält einen Angriff ohne alliierte Hilfe für aussichtslos.

Pileckis Report von 1940 gilt als erster Bericht aus Auschwitz, und spätestens ab 1942 war bekannt, was in den Vernichtungslagern vor sich ging. Allein: das Lager im Süden Polens war für britische Bomber praktisch nicht zu erreichen. Auch deshalb wurde das KZ nie von außen angegriffen. Am 27. Januar 1945 befreiten schließlich Soldaten der Roten Armee die letzten Gefangenen. Erst dann wurde die Welt endgültig gewahr, dass Pilecki nicht übertrieben hatte.

So unglaublich klingt selbst für heutige Leser die Geschichte, dass man sich fragt, ob sie wahr sein kann. „Die Originale der ersten Reporte sind zwar verloren gegangen“, sagt Piotr Setkiewicz, Leiter der Forschungsabteilung im Auschwitz-Museum. „Aber es besteht kein Zweifel, dass Pilecki die Quelle der allerersten Berichte aus Auschwitz ist, die im März 1941 in London eintrafen.“ Dass Pileckis Geschichte in der Öffentlichkeit lange unbekannt blieb, hat einen anderen Grund.
Polen fiel 1945 unter kommunistische Herrschaft. Die Rote Armee installierte ein Moskau-treues Regime. Doch das war nicht das Polen, das Pilecki erkämpfen wollte. Und so spionierte er weiter für die antikommunistische Opposition. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Im Jahr 1947 nahmen ihn Agenten des Regimes fest. Sie beschuldigten ihn der „westlichen Spionage“, folterten ihn, rissen ihm die Nägel aus. Pilecki, der für sein Heimatland ins KZ gegangen war und daraus floh, der Hauptmann der polnischen Kavallerie, der im Warschauer Aufstand kämpfte, wurde vor Gericht gestellt, wegen Landesverrats verurteilt und 1948 erschossen. Einen „Feind des Volkes“ nannte man Pilecki damals.

65 Jahre später, im Januar 2013, steht Ryszard Schnepf auf einem Podium in Washington. Der Botschafter Polens spricht zu den Besuchern, die wegen Pilecki ins Holocaust Memorial Museum gekommen sind. Schnepf nennt ihn einen „Diamanten unter den polnischen Helden“. Längst ist das polnische Staatsräson. Nach dem Fall des alten Regimes 1989 wurde Pilecki voll rehabilitiert, postum ehrte ihn der Staat mit den höchsten Orden des Landes. Michael Schudrich, der Oberrabbiner von Polen, nennt Pilecki einen „Helden für die Juden von Polen“.

Lange hatten polnisch-jüdische Gruppen dafür geworben, Pilecki auch als Kämpfer gegen den Holocaust wahrzunehmen. In keinem Land starben mehr Juden als im deutsch besetzten Polen. Aber aus keinem Land stammen auch mehr „Gerechte unter den Völkern“. Über 6000 Menschen haben sich nachweislich unter Einsatz ihres Lebens für Juden eingesetzt, indem sie sie versteckten, versorgten oder außer Landes brachten.

Doch nach seiner Verurteilung 1948 versuchten die damaligen Machthaber jede Spur und jede Erinnerung an Pileckis Taten zu tilgen. Sie ließen sein Haus zerstören, sein Grab schänden. Das wirkt nach. In der Abteilung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die für die „Gerechten unter den Völkern“ zuständig ist, ist Pileckis Hauptbericht bis heute unbekannt. Man verspricht jedoch, seinen Fall zu prüfen, falls die nötigen Dokumente noch vorgebracht werden.

Sonntag, 19. Januar 2014

„Ich öffne Menschen Türen zu ihrer Sexualität“

Tagesspiegel vom 19.01.2014, von Veronica Frenzel und Jens Mühling

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Talk-Shows, die neue Koalition, Alice Schwarzer – alle streiten über Prostitution. Die wissen doch gar nicht, wovon sie reden, sagt die Sexarbeiterin Kristina Marlen.

Kristina Marlen – ist das Ihr wirklicher Name oder ein Pseudonym?

Kristina und Marlen sind meine beiden Vornamen. Den Nachnamen behalte ich als Sexarbeiterin lieber für mich. Wenn ich nicht ohnehin Marlen hieße, wäre das ein schöner Künstlername – ich bin ein großer Fan von Marlene Dietrich.

Auf Ihrer Webseite gibt es inszenierte Fotos, auf denen Sie der Diva sehr ähnlich sehen.

Wer weiß, vielleicht bin ich ja ihre Wiedergeburt. Jedenfalls fühle ich mich den Berliner 20er Jahren sehr verbunden, einer Zeit, in der mit großer Neugier Sexualität ausgelebt wurde. Diese Art von Offenheit würde ich mir in der heutigen Prostitutionsdebatte wünschen. Stattdessen bildet sich da eine merkwürdige Allianz aus feministischen Forderungen und erzkonservativem Gedankengut.

Alice Schwarzer sagt, Prostitution sei grundsätzlich sexistisch, erniedrigend und ausbeuterisch.

Das müsste ich als Feministin doch irgendwann gemerkt haben, bei all den Kunden und Kundinnen, die ich hatte. Habe ich aber nicht, meine Realität sieht völlig anders aus. Beim Wort Prostitution denken derzeit alle an dasselbe Bild: Eine Gruppe brutaler Männer fällt über eine wehrlose, festgehaltene Frau her, die sich nicht auf Deutsch artikulieren kann. Nichts an diesem Bild hat mit Sexarbeit zu tun – solche Frauen sind Opfer von Entführung, Verschleppung, Menschenhandel, sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Prostitution beruht grundsätzlich auf beiderseitigem Einverständnis.

Im Alltag dürfte das mitunter anders aussehen.

Es gibt keinen Alltag normaler Prostituierter, es gibt nur viele Vorurteile über diesen vermeintlichen Alltag. Ich kenne Straßenprostituierte, die ein wirklich schwieriges Leben haben, geprägt von Armut, prekärem Aufenthaltsstatus und so weiter. Aber auch die sehen sich nicht als Opfer. Was Menschenhandel und sexuelle Nötigung angeht, braucht es natürlich Schutzmaßnahmen. Aber da stellt sich für mich eher die Frage nach Armut und Wohlstand in Europa, nach Bleiberechtsregelungen und wirksamem Opferschutz – und sicher nicht die Frage nach einem Berufsverbot.

Das deutsche Prostitutionsgesetz ist eins der liberalsten in Europa. Kritiker fordern eine Regelung wie in Schweden, wo es seit 1999 strafbar ist, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

In einer schwedischen Regierungserklärung wurde eingeräumt, dass sehr unklar ist, was das Gesetz bewirkt hat. Prostitution gibt es weiter, nur findet sie jetzt in einem komplett kriminalisierten Umfeld statt, in dem Frauen viel schlechter geschützt sind. Auch die Hinweise auf Zwangsprostitution, die ja oft von Freiern kommen, sind zurückgegangen – welcher Mann geht zur Polizei, wenn er dafür eine Straftat einräumen muss? Ich halte das schwedische Modell für den völlig falschen Ansatz.

Sie sind Mitglied im neuen „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“, der die Stärkung von Sexarbeitern fordert. Wie soll die aussehen?

Wir wollen Bedingungen für selbstbestimmte Sexarbeit ohne körperliche und seelische Risiken schaffen. Dieses Anliegen vertritt auch unser "Appell für Prostitution", für den wir derzeit Unterschriften sammeln. Verbote und Stigmatisierungen werden die Situation nicht besser, sondern schlechter machen. Niemand weiß das besser als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, deshalb müssen in der Prostitutionsdebatte verstärkt diejenigen zu Wort kommen, die den Beruf ausüben.

So wie Sie selbst. Wie kamen Sie zu dieser Arbeit?

Damit begann ich vor etwa fünf Jahren. Als selbstständige Physiotherapeutin habe ich damals Körperarbeit angeboten, die durch Berührungen emotionale Prozesse auslöst und das Körperbewusstsein stärkt. Dabei war häufig auch sexuelle Energie im Raum. Von Kunden kam dann die Anfrage, diesem Aspekt mehr Raum zu geben. Als ich mich dafür entschied, war ich erst völlig überrascht, dass ich mich nicht erniedrigt fühlte. Das hätte ich mir nie vorstellen können!

Warum nicht?

Weil ich aus einer sehr feministischen Familie komme. Meine Mutter war in der Frauenbewegung aktiv, ich wuchs mit ihrem „Emma“-Abo auf. Mit 13 hatte ich einen „PorNo!“-Anstecker an der Jacke und war felsenfest überzeugt, dass jede Form von Pornografie und Prostitution Frauen erniedrigt. Plötzlich begriff ich, dass das nicht stimmt.

Wenn Sie sich nicht erniedrigt fühlten, was empfanden Sie stattdessen?

Ich hatte das Gefühl, dass etwas Gutes passiert ist. Da war jemand sehr glücklich, und mir ging’s auch gut. Als es sich wiederholte, merkte ich immer mehr, wie schön es ist, einen Raum zu schaffen, der explizit der sexuellen Energie gewidmet ist.

Für Ihre Mutter muss das ein Schock gewesen sein.

Meine Mutter nimmt sich sehr ernst bei dem Satz: Ich möchte, dass du glücklich bist. So hat sie auch auf meinen ersten Berufswechsel reagiert. Ich habe Jura und Sozialwissenschaften studiert. Aber dann merkte ich, ich brauche etwas Körperliches. Vor dem Schreibtisch wäre ich verendet.

Weiß jeder, was Sie machen?

Wenn mich jemand fragt, lüge ich nicht. Ich binde es aber nicht jedem auf die Nase, mit dem ich als Physiotherapeutin oder Trainerin zu tun habe.

Sie sprechen auch in Ihrer Beziehung über den Beruf?

Natürlich. Für meine Partnerin ist das in Ordnung.

War das von Anfang an so?

Als es losging, war ich Single. Anfangs habe ich das selbst in einer Art Halbdunkel geparkt, es war etwas Verruchtes, von dem ich dachte: Sobald ich eine Beziehung habe, lasse ich es sein. Dann trat jemand in mein Leben, und ich merkte: Ich möchte das nicht sein lassen. Ich versuchte, es meinem Partner zu erklären, vergeblich. Die Beziehung ist kaputtgegangen, ich bin nicht in einem Reihenhaus gelandet – und habe ein glückliches Leben.

Auf Ihrer Webseite stößt man auf geheimnisvolle Wörter wie „blissful bondage“ oder „sacred kink“, da werden „spielerisch die Grenzen der Komfortzone befragt“ und ...

... im Grunde sind das alles Codewörter für Sexspielarten, die von dem abweichen, was Ken und Barbie so im Bett machen. Fetischspielarten, intensive Sinneserfahrungen. Spezialisiert habe ich mich auf Bondage, die Kunst des Fesselns. Supergerne biete ich auch erotische Ringkämpfe an. Ich bin 1,83 Meter groß und ziemlich trainiert, ich kann Männer zu Boden ringen. Für viele ist das eine tolle Erfahrung, von einer Frau nicht nur symbolisch, sondern körperlich dominiert zu werden.

Wer sind Ihre Freier?

Zum Beispiel Menschen, die mit ihrem Partner keine Sexualität mehr erleben, weil der vielleicht einen Unfall hatte oder krank ist. Auch Witwer. Mein ältester Klient war 85, der hatte jahrelang seine Frau gepflegt. Als sie starb, stellte er überrascht fest, dass er sexuelle Bedürfnisse hatte.

Wie hat der zu Ihnen gefunden?

Er saß im Wartezimmer beim Arzt und hat in der „Zitty“ geblättert, da hatte ich mal eine Anzeige. Es gibt auch Kunden, die nach einer Trennung Sexualität wollen, ohne sofort eine neue Beziehung anzufangen. Dann gibt es Menschen, die eine Frage zu ihrer Sexualität haben, etwa nach Prostata- oder Samenleiteroperationen, sie wollen wissen, wie Lust und Erektionsfähigkeit zusammenhängen. Es kommen auch Frauen zu mir, die ihre Sexualität erkunden wollen, die ihre Möse nicht kennen und wissen möchten, was da möglich ist. Andere Frauen interessieren sich für BDSM ...

... sadomasochistische Praktiken – das sind Frauen, die „Fifty Shades of Grey“ gelesen haben?

Kann sein. Oder sie hatten schon immer solche Fantasien und wussten nicht, wohin damit. Dann gibt es Klienten, die mit ihrem Partner einen bestimmten Teil ihrer Sexualität nicht ausleben können.

Zum Beispiel?

Bei mir war mal jemand mit einem Wollsockenfetisch. Dem war das total peinlich, er konnte seiner Freundin nicht davon erzählen. Die Socken hatte er extra gekauft, so lange Stulpen. Ich habe ihn damit massiert, gestreichelt, gefesselt, und er war selig!

Gibt es auch Sachen, die Sie nicht machen?

Klar. Ich habe keine Klinikausstattung. Und jemand, der sich als Vollzeitaschenbecher bewirbt, wird bei mir auch nicht viel Freude haben.

Was bitte ist ein Vollzeitaschenbecher?

Das ist jemand, der gerne den Mund aufmacht, wenn die Herrin abascht.

Klingt so, als hätte das alles nicht viel mit Sex im herkömmlichen Sinne zu tun.

Im Sinne von Penetration? Ich frage mich, warum Sex so oft darauf reduziert wird. Wenn ich meine Arbeit beschreibe, kann ich bei manchen förmlich sehen, wie sie verzweifelt in ihrer Großhirnrinde rumstochern und nicht drauf kommen, was das mit Sex zu tun hat. Die begreifen nicht, dass ich da zwei Stunden lang was mit Leuten mache, und es kommt mitunter gar nicht zum klassischen Geschlechtsakt, eventuell nicht mal zum Orgasmus. Die meisten denken: Sex ist, wenn ein erigierter Schwanz irgendwo eingeführt wird. Dass Sexualität Kommunikation ist, dass Sex bedeutet, seinen Körper zu verstehen, zu entdecken, ihn als Lustorgan zu stimmen, denken die wenigsten. Ich bin froh, dass meine Kundinnen und Kunden da gedanklich weiter sind als die, die sich gerade am lautstärksten an der Prostitutionsdebatte beteiligen.

Suchen die meisten Freier nicht eher die Art von Erlebnis, die die berüchtigten Flatrate-Bordelle bieten: unbegrenzter Sex zum Discount-Preis?

Ich kenne Frauen, die durchaus gerne in Flatrate- Bordellen arbeiten. Mein Ding wäre das nicht, aber ich sehe die Vorteile. Man muss keine Akquise machen, die Kontaktaufnahme ist relativ entspannt, es muss nicht über Geld verhandelt werden. Im Grunde sind Flatrate-Puffs eine Marketing-Idee für Männer, die sich selbst überschätzen. Die wollen zehn Mal, zahlen für drei Mal, können vielleicht zwei Mal und erzählen hinterher ihren Kumpels, was sie da für einen Zampano gemacht haben.

Sie selbst finden Ihre Kunden über Annoncen?

Vor allem übers Internet, da inseriere ich auf diversen Massage- und Domina-Portalen.

Ist das die Art von Portalen, wo Kunden auch Bewertungen vergeben können?

Ich habe mich auch schon gefragt, ob da irgendwo eine Bewertung von mir rumgeistert.

Wir haben keine gefunden. Dafür jede Menge menschenverachtender Kommentare zu anderen Frauen.

Klar, das ist ein Grottental. Es wäre naiv zu behaupten, dass es in der Sexarbeit keinen Sexismus gibt. Man sollte aber auch nicht alles für bare Münze nehmen, was Männer so online von sich geben. Oft dürfte das nicht viel mit dem zu tun haben, was sich wirklich mit der Frau abgespielt hat. Es ist kein Mythos, dass Freier es gerne haben, wenn es der Frau gefällt. Das ist Teil des Kundeninteresses, das wird ihnen jede Sexarbeiterin bestätigen. Wenn man Kunden beiderseitig erfüllenden Sex anbietet, werden sie darauf immer eingehen.

Auf Ihrer Webseite steht der Hinweis: „Wenn du besondere Wünsche hast, sag mir das vorher.“ Klingt, als käme es öfter mal zu Konflikten.

Nein, das ist als Einladung gemeint. Wenn jemand einen Fußfetisch anmeldet, dann baue ich das in die Session ein. Natürlich müssen Prostituierte die Fähigkeit haben, Grenzen zu setzen, man muss sich fragen, was man will und was nicht. Jeder andere Beruf hat Ausbildungswege, wo man sich mit solchen Fragen auseinandersetzen kann. Das würde ich mir auch für die Sexarbeit wünschen.

Weil Sie auf manches nicht vorbereitet waren?

Es gab Momente, in denen mir nicht klar war, wie man Grenzen kommuniziert, und zwar so, dass sich das Gegenüber weiter eingeladen fühlt. Inzwischen vertraue ich da meinem Körper total. Wenn ich merke, irgendwas stimmt hier gerade nicht, dann lenke ich verbal oder körperlich um.

Stimmt es eigentlich, dass Prostituierte nie küssen?

Das ist ein Mythos. Edel-Escorts werben mit „leidenschaftlichen Küssen“, andere Frauen mit dem Schlagwort „girlfriend experience“, also Sex, der sich so echt anfühlt wie mit der Freundin. Wo die eigenen Grenzen verlaufen, ist sehr unterschiedlich, das lässt sich nicht am Küssen festmachen. Ich zum Beispiel bin bei meinen Pflegepraktika nicht so gut mit Krankheit und Morbidität klargekommen, damit, jemandem den Hintern abzuwischen. Später merkte ich: Sperma und Lustschweiß machen mir nichts aus.

Ist es schwer, berufliche und private Lust zu trennen?

Ich kann Liebe und Sex trennen, muss es aber nicht. Auch die sexuelle Dienstleistung kann sehr herzverbunden sein, meine ist es zumindest. Ich könnte nicht mit Menschen zusammenleben, die glauben, sie hätten ein Recht auf meine Sexualität. Wer mich liebt, muss meine Freiheit akzeptieren und den Teil schätzen, der uns beiden gehört.

Ist es vorstellbar, sich bei der Arbeit zu verlieben?

Es gibt für mich immer eine Art temporäre Verliebtheit bei der Arbeit. Ich vergleiche das gern mit Psychotherapeuten. Die vermieten auf Zeit eine Beziehung, etwas, was man sonst nur in intimen Momenten hat. Sie richten in ihrem Herzen einen riesigen Parkplatz für ihre Klienten ein. Ähnlich ist es bei mir. Ich bin jedes Mal komplett da. Mit meiner Arbeit öffne ich Menschen Türen zu ihrer Sexualität. Und im Idealfall nehmen sie das mit in ihr Leben.

Sie meinen: in ihre Partnerschaft?

Nicht unbedingt. Sexualität hat eine eigene Existenzberechtigung, erst mal unabhängig von der Partnerschaft. Kunden sagen oft zu mir: „Mit der Partnerin geht das nicht ...“ Meine Antwort ist: Dann geht es eben nicht, das spricht nicht gegen die Beziehung. Ich glaube, ein wichtiger Grund für die Ablehnung von Prostitution ist, dass wir an einem bürgerlichen Verständnis von Partnerschaft rütteln, am Zusammenhang von Liebe und Sexualität.

Ist es falsch, da einen Zusammenhang zu sehen?

Ich finde es legitim und schön, wenn Paare Sex nur in der Partnerschaft leben. Ich glaube aber nicht, dass sich guter Sex in und außerhalb der Beziehung ausschließen. Im Gegenteil: Wenn beide Partner ihren sexuellen Raum haben, kann das die gemeinsame Sexualität sehr bereichern.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie lange Sie diese Arbeit machen werden?

Ich glaube, ich kann das ewig machen. Es sollte niemand denken, dass Prostituierte jung und schön sein müssen. Viele Frauen entdecken den Beruf erst spät im Leben, durch Zufall, vielleicht weil sie merken, dass sie Geld nehmen können für etwas, was ihnen eh Spaß macht. Die gehen dann total auf in der Sexarbeit. Gerade diese älteren Frauen sind oft sehr frequentiert – weil sie es so beherzt tun.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Wildes Leben ohne Ende

Zwischen Pop und Politik, Boheme und Unterschicht: Ja, Panik vermögen wie kaum eine andere Band derzeit, politische Inhalte auf kluge Weise zu vermitteln. »Libertatia«, das fünfte Album der Band, ist eine Kampfansage. Aber eine zärtliche.
 
von Christian Werthschulte, Jungle World, 16.01.2014



Eigentlich war sie immer auch mit der Gelassenheit im Bunde, die Band Ja, Panik. Klar, sie redeten von Kapitalismus, wo alle von »der Wirtschaft« sprachen. Sie sangen auf Deutsch und Englisch, den Sprachen ihres Nachtlebens, während in ihrer Wahlheimat Berlin die Hetze gegen Touristen größer wurde. Aber sie waren dennoch dabei, beim Knabenchor des deutschsprachigen Indierock. Zumindest ein wenig.

»Libertatia« ist das fünfte Album von Ja, Panik. Im Titelstück packt die zum Trio geschrumpfte Band die Synthesizer aus, klatscht in die Hände und streut ein wenig Glitter über ihren Indierock. Und Andreas Spechtl singt darüber in Hochdeutsch: »Ich wünsch mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht.« Nostalgie für die Idee einer fortschrittlicheren Zukunft, gepaart mit etwas Glamrock – das ist selten im deutschen Gitarren-Pop, wo nichts so sehr verachtet wird wie Künstlichkeit und wo das gefühlige Einverständnis mit dem Publikum die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft im Club ist. In Österreich, wo die Mitglieder von Ja, Panik aufwuchsen, ist das anders. Dort versteht man Pop als mit Zitaten gespickte Performance, als Uneigentlichkeit, nicht erst seitdem Hans Hölzl vom langhaarigen Bassisten der Rockband Drahtiwaberl zum Boheme-Kokser Falco wurde. Auch Ja, Panik versuchten sich an dieser Form von Künstlichkeit. Früher legten sie collagierte Textkonvolute über Indierock, mittlerweile arbeiten sie sich durch die Popgeschichte. »Libertatia« ist ein Zitatpop-Album geworden.

»Das Vorwärtstreiben ist der einzig fruchtbare Weg, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Der Rückblick, der einem gewisse Instrumente gibt, um damit eine gewisse Form von Zukunft zu bestreiten«, erzählt Andreas Spechtl. Wobei der Fortschritt nicht so leicht zu haben ist. »In Deutschland hat man die fünfziger Jahre am liebsten«, meint Spechtl und hat damit Recht. Nicht umsonst tut sich die Linkspartei derzeit dadurch hervor, im Schulterschluss mit der FAZ den rheinischen Kapitalismus als Ende der Geschichte zu propagieren. Auch das Album »Libertatia« bedient sich für seine Utopie in der Geschichte. Angeblich existierte im 17. Jahrhundert eine Piratenkolonie namens Libertatia auf Madagaskar, die als Räterepublik organisiert war und deren Mitglieder nicht nur plünderten, sondern auch Sklaven befreiten.

Ja, Panik stehen vor dem alten Problem sich als politisch definierender Popmusik. Es ist das eine, progressive Bewegungen und ihre Symbolik zu zitieren und ihre Ideen zu den eigenen zu machen. Schwieriger ist es schon, diese Ideen auch innerhalb eines Bandgefüges umzusetzen. Konzertbühnen und Proberäume sind nicht die idealen Orte für Diskussionen. Vielleicht ist das Studio besser geeignet: »Der Aufnahmeprozess ist diesmal demokratischer gewesen«, meint Andreas Spechtl. »Man hat viel vorm Computer gesessen, einer hat etwas ausprobiert, die anderen haben zugehört. Dann wurde diskutiert.« Aus dieser Mischung ergibt sich der Sound von »Libertatia«, eine detailreich produzierte Gitarrenpalette, in der selbst das Feedback noch eine gewisse Distanz zum Ausbruch des Rock wahrt.

Womit man auch gleich beim zweiten Problem angekommen ist. Denn wie will man das Verlangen nach politischem Fortschritt eigentlich hörbar machen, wenn zwar bei der kleinsten politischen Regung sofort die Frage nach dem Sound der Revolte gestellt wird, aber damit lediglich ein durchformatierter Kanon zwischen Protestsong und Protestrap gemeint ist? Das ausgeschlossene Dritte und zugleich eine Alternative sind all die Versuche, Politik über eine Form zu vermitteln, die nicht auf Identifikation mit einem ohnehin schon politisierten Publikum setzt – Versuche wie Phil Ochs goldener Anzug, mit dem er die Folkies unter seinen Fans verschreckte; oder die im Bällebad aus analogen Synthesizern verborgenen Zitate von Carlos Castoriadis, mit denen Stereolab immer wieder an die Möglichkeiten vergangener historischer Momente erinnerten.



Bei Ja, Panik kommen diese Momente aus den frühen Achtzigern, der Periode, als Klassenkonflikte noch an der Spitze der Pop-Charts verhandelt wurden. »Ich habe in den vergangenen Jahren viel Highlife und White Funk gehört«, erzählt Spechtl. »Wenn ›DMD KIU LIDT‹ unsere The-Jam-Platte war, dann ist ›Libertatia‹ vielleicht unsere The-Style-Council-Platte.« Und ähnlich wie Paul Weller mit The Style Council die barsche Working-Class-Männlichkeit seiner Post-Punk-Band The Jam in Richtung kleiner Zugeständnisse an Soul und Funk verschob, haben auch Ja, Panik auf ihrem neuen Album den Groove für sich entdeckt. »Wir haben uns zum ersten Mal mehr mit Loops als mit Harmonien beschäftigt«, beschreibt Spechtl die neu entdeckte Körperlichkeit seiner Band. »Unser Produzent Tobias Levin hat uns auch mal mehrere Tage nur einen Basslauf und einen Beat spielen lassen, damit wir einen körperlicheren Zugang zu unserer Musik finden.« »Dance the ECB« beginnt mit einem trockenen Funk-Bass, über dem sich Spechtl in gehauchtem Sprechgesang übt, bevor er »Shake the government and shake the police« kiekst. »Das ist eine sehr europäische Platte, und zwar im Guten wie im Schlechten«, meint er. »Europa steht ja vor den Trümmern eines gewissen Nationalitätsdenkens.« Nichts könnte das besser verkörpern als die Machtlosigkeit der Europäischen Zentralbank, die sich dem deutschen Spardiktat unterordnen muss – und der Spechtl mit einem wissenden Nicken in Richtung DAF eine Tanzkur verordnet. Später, in »Eigentlich wissen es alle«, bricht die Schlafzimmer-Soul-Atmosphäre in Form eines schmierig gegniedelten Tenor-Saxophons in die Melancholie, mit der Spechtl über das Älterwerden nachdenkt.

»Ein wildes, suchendes Leben macht sich gut, solange man mit 35 Jahren zur Vernunft kommt. Ich muss das gerade in meiner Umgebung erfahren und da sieht sich die Gruppe Ja, Panik als Gegenpunkt«, erzählt der 30jährige Sänger. Also, einfach weitermachen mit dem Leben in der Grauzone zwischen Boheme und Unterschicht? »Ich will da gar nicht die Prekaritätsromantik auspacken, aber es ist mir schon wichtig, dass wir uns dafür entschieden haben, von der Musik leben zu wollen. Ich habe bestimmt nicht mehr Geld als eine Verkäuferin, aber ich habe ein anderes Leben.«

Und dieses andere Leben, ein Leben zwischen nächtlichen Taxifahrten, Drinks, wackligen Knien und programmatischen Bekenntnissen, hält Spechtl in seinen Texten fest. Nicht als Chronist, sondern als Dichter. »Es ist nicht unbedingt ich, der da spricht«, sagt er. »Viele Dinge lege ich anderen in den Mund, ich sammle Phrasen und Zeilen, die ich zwischen den Songs hin- und herschiebe. Da spielen dann auch so profane Dinge wie Reim oder Versmaß eine Rolle.« Dichterische Freiheit – noch so eine Selbstverständlichkeit, die man sich in der deutschen Bodenständigkeit zwischen Egotronic und Thees Uhlmann immer erst erstreiten muss. Denn warum soll man nicht dem einfachsten aller Popträume folgen dürfen: Sich so weit wie möglich neu zu erfinden, ohne dass dies gleich in Verwertbarkeit münden muss?

Wobei sich auf »Libertatia« auch die Grenzen dieser Freiheit erkennen lassen. Kein Stück auf dem Album geht über Experimente mit der Songform hinaus, die Roxy Music schon in den frühen siebziger Jahren durchexerziert haben. Aber wer würde auch etwas anderes erwarten von Musikern, die im Zeitalter von Britpop und The-Bands sozialisiert wurden, dieser musikalischen Verkörperung gesellschaftlicher Alternativlosigkeit? So ist »Libertatia« ein durchaus ambivalentes Album. Seine Qualitäten erschließen sich erst, wenn man die eigenen Erwartungen schon gedämpft und die Grenzen der Platte akzeptiert hat. Erst dann fällt auf, wie spielerisch Spechtl zwischen Hauchen und Singen, Deutsch, Französisch und Englisch wechselt. Erst dann merkt man, wie er niemals in die Pose des angry young man verfällt, wie schön leise er »ACAB«, diesen abgedroschensten aller Slogans, singt. Bei Ja, Panik wird daraus »All cats are beautiful« und trotzdem ist allen klar, dass die Polizeigewalt gemeint ist. So zärtlich hat schon lange niemand mehr gegen den Staat gewettert.

Ja, Panik: Libertatia (Staatsakt/Rough Trade)

Donnerstag, 19. Dezember 2013

"Emanzipation wird erst in der Praxis denkbar" - Interview mit Angela Davis


Aus: Jungle World Nr. 51, 19. Dezember 2013

Angela Davis ist emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, und eine Wegbereiterin der kritischen Analyse von ineinandergreifenden Formen sozialer Ungleichheit entlang von race, class und gender. Sie studierte bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse und war in der Schwarzen Befreiungsbewegung aktiv. Weltweit bekannt wurde sie als politische Gefangene und als radikale Gefängniskritikerin. Anlässlich der Einrichtung einer nach ihr benannten Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Goethe-Universität Frankfurt sprach die Jungle World mit ihr über den Prison Industrial Complex (in etwa »gefängnisindustrieller Komplex«), Feminismus und die Möglichkeiten von Diversity als machtkritischem Analyserahmen.

Interview: Jeanette Ehrmann und Vanessa ­Eileen Thompson
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In den deutschen Medien werden Sie als Gendertheoretikerin und Bürgerrechtsaktivistin beschrieben. Finden Sie diese Beschreibung treffend oder würden Sie sich heute immer noch als Black Woman Revolutionary positionieren?

Ich würde sagen, dass Revolution auch heute noch eine politische Möglichkeit ist, aber ich fände es selbstgefällig, mich selbst als Revolutionärin zu bezeichnen. Als Black Woman Revolutionary habe ich mich in den achtziger Jahren bezeichnet, als ich gefragt wurde, ob ich eine Feministin sei. Die Charakterisierung als Bürgerrechtsaktivistin ist nicht unproblematisch, da sie häufig die Radikalität der sozialen Kämpfe entschärft und sie Machtstrukturen einverleibt. Es hat mich erstaunt, dass Nelson Mandela in der Berichterstattung über seinen Tod als Bürgerrechtsaktivist beschrieben wurde, als ob der Kampf gegen die Apartheid ein rein rechtlicher gewesen sei. Ich setze mich zwar für die Rechte von illegalisierten Migrantinnen und Migranten, Gefängnisinsassen und LGBTQ ein, verorte mich aber selbst in der Kontinuität der Black Radical Tradition, die Emanzipation über den rechtlichen Rahmen hinaus denkt. Das Label Bürgerrechtsaktivistin kann ich zwar akzeptieren, aber ich finde es wichtig, sich politisch konkret zu positionieren und verstehe mich daher vor allem als Abolitionistin.

Als Abolitionistin argumentieren Sie, dass der US-amerikanische Prison Industrial Complex eine moderne Form der Versklavung sei. Wo sehen Sie die Kontinuität?

Der Prison Industrial Complex steht für die globale Verbreitung von Gefängnis- und Bestrafungstechnologien, die aus den ehemaligen Sklavereigesellschaften der US-Südstaaten stammen. Dort sieht man heute Gefängnisinsassen auf Baumwollfeldern arbeiten. Man fühlt sich fast zurückversetzt in die Zeit der Sklaverei. Diese extrem repressive Form der Bestrafung, die eine direkte Folge des Bestrafungs- und Gewaltregimes der Südstaaten-Plantage ist und noch nicht einmal den Anspruch auf Resozialisierung erhebt, wird in den meisten Darstellungen der Geschichte des Gefängnisses, so auch bei Michel Foucault, ausgeblendet. Durch den Fokus auf Gefängnisse im Nordosten der USA verschwindet der Zusammenhang zwischen den rassistischen Bestrafungstechnologien der Sklaverei und heutigen Formen von Strafe. Im Übergang von der Sklaverei zur Demokratie wurden Bürgerrechte erteilt, die durch den Prison Industrial Complex systematisch wieder zurückgenommen werden. Aus dem sozialen Tod der Versklavten wird in der modernen Demokratie der rechtliche Tod der Gefangenen. Der Zweck der Inhaftierung ist das Wegschließen, Zurichten und Verwalten von Körpern. Heute betrifft das diejenigen, die nach dem Wegfall staatlicher Investitionen in Bildung und sozialstaatlicher Leistungen nicht in ein neoliberales Arbeitsregime integrierbar sind und das sind, vor allem Arme und People of Color in den USA, Europa und im globalen Süden.

Lässt sich der Prison Industrial Complex als Analyserahmen auch auf Formen von Rassismus in Europa anwenden, wie etwa Racial Profiling, Residenzpflicht und Lager, das europäische Grenzregime und Abschiebegefängnisse? Oder artikuliert sich der Prison Industrial Complex hier anders?

Zuallererst ist es wichtig, den Zusammenhang von Versklavung und Kolonialismus sichtbar zu machen. Vor dem Hintergrund der Kontinuität der Versklavung und des Prison Industrial Complex lassen sich dann auch die Verbindungslinien von europäischem Kolonialismus zu diesem ziehen. Ich habe mich in Frankfurt am Main mit Aktivistinnen und Aktivisten of Color getroffen, die mir von aktuellen Fällen rassistischer Polizeigewalt berichtet haben, und ich bin erschüttert über die Ähnlichkeiten. Trayvon Martin und Oscar Grant sind nur die Spitze des Eisbergs in den USA. In Deutschland wurde Christy Schwundeck 2011 in einem Jobcenter in Frankfurt am Main von der Polizei erschossen. Oury Jalloh ist 2005 in Dessau in Polizeihaft, gefesselt an Händen und Füßen, unter bislang ungeklärten Umständen verbrannt. Die Kontinuitäten lassen sich auch über die Genealogien der Kämpfe gegen Versklavung und kolonial-rassistische Unterdrückung verstehen, in denen sich die aktuellen Initiativen in Deutschland verorten.

Feministinnen haben lange dafür gekämpft, dass sexualisierte Gewalt beziehungsweise Gewalt gegen Frauen als Straftatbestand gilt. Wie lässt sich eine feministisch-abolitionistische Perspektive ohne Strafe und Gefängnis denken? Wäre der Ansatz der Restorative Justice, bei dem es als Alternative zur staatlichen Strafjustiz vor allem um die Suche nach gemeinsamen Lösungen für Konflikte geht, eine denkbare feministische Option?

Das Verhältnis zwischen Abolitionismus und Frauenbewegung war schon immer reich an Spannungen und diese haben sich genau an der Frage der Kriminalisierung von Gewalt gegen Frauen entzündet. Es ist verständlich, dass der erste Impuls ist, die Täter zu bestrafen, weil wir noch keine Vorstellung davon haben, wie der Täter anders zur Rechenschaft gezogen werden kann. Beth Ritchie zeigt in ihrem Buch »Arrested Justice. Black Women, Violence, and America’s Prison Nation« auf, dass die Anti-Gewalt-Bewegungen des Mainstream immer mit einer rassifizierten Gefängnis­praxis kollaborierten. Die Frage ist also: Wie geht man mit dieser global am weitesten verbreiteten Form von Gewalt um? Und ich glaube, dass es andere, kreativere Wege als die Bestrafung gibt. Radikale Feministinnen sind in der Lage, diese anderen Wege der Gerechtigkeit zu imaginieren. Restorative Justice ist ein Prozess, in dem nicht nur Täter und Opfer einer Straftat zusammengebracht werden, sondern die Partnerinnen und Partner, die ganze Familie, die Community. Hier geht es nicht nur um Bestrafung, sondern um Verantwortung und darum, soziale Beziehungen wiederherzustellen. An diesem Ansatz arbeitet Incite!, eine radikalfeministische Orga­nisation von Women of Color in den USA, die versucht, alternative und kreative Formen des Umgangs mit Gewalt zu entwickeln. Im Moment stehen wir aber noch ganz am Anfang dieses Umdenkens.

Sie hatten während Ihrer Studienjahre in Frankfurt die Möglichkeit, bei Adorno zu promovieren. Stattdessen gingen Sie in die USA zurück, um sich in der Schwarzen Befreiungsbewegung zu engagieren. Welche Bedeutung hat Theorie in politischer Praxis?

Mein Studium der Kritischen Theorie war intellektuell sehr inspirierend und hat meine späteren Arbeiten zum Zusammenwirken von race, class und gender – was ich als »Triple Oppression« bezeichnet habe – nachhaltig beeinflusst. Meine Entscheidung, in die USA zurückzugehen und mich der Schwarzen Befreiungsbewegung anzuschließen, hatte auch mit meinem Verständnis von Theorie und Praxis zu tun. Ohne Adorno vereinfachen zu wollen, unterscheide ich mich insofern von ihm, als ich der Praxis einen eigenen epistemologischen Wert beimesse, der auf die Theorie rückwirkt. Manche Dinge können erst in der Praxis denkbar gemacht werden. Emanzipatorische Wissensproduktion ist vor allem ein kollektiver Prozess, der aus der Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft entspringt.

Anlässlich der Schaffung der Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies sind Sie an die Goethe-Universität Frankfurt zurückgekehrt. Wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Gender und Diversity auch als markttaugliche Konzepte in eine neoliberale Logik einverleibt werden können?

Wir dürfen Konzepte nie für selbstverständlich nehmen. Konzepte sind Werkzeuge, die wir genauso wie unsere Objekte immer wieder neu bestimmen müssen. Es gab historisch immer Kämpfe darum, wer unter die Kategorie »Frau« fällt. So ist das Konzept der Intersektionalität in einem spezifisch historischen Moment entwickelt worden, um die Interdependenzen von gender, race und class denken zu können. Mit dem Diversity-Konzept findet nicht nur eine begriffliche, sondern auch eine politische Verschiebung statt, die die Radikalität feministischer Politiken im Hinblick auf die Vielfältigkeit der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit aushebeln kann. Diese Widersprüche müssen wir immer mitdenken, ohne sie auf eine Seite hin aufzulösen.