Es ist sehr viel Kummer in der Welt. Und Verwirrung. Aber woher kommt die Irritation? Warum scheint das so unerwartet? War die Ablenkung so perfekt? Im Dokumentarfilm Bowling For Columbine von Michael Moore, der nach den Ursachen des Amoklaufs beim Schulmassaker von Littleton forscht, gibt es diese prägnante Szene: Ein Mitarbeiter der ortsansässigen Munitionsfabrik wird interviewt und – während im Hintergrund Teile von Waffen und Raketen durch die Halle transportiert werden – sagt er inhaltsgemäß in die Kamera: „Es ist mir unbegreiflich, wo diese Gewalt herkommt und wie bei uns ein solch unfassbares Verbrechen passieren konnte!“
Von Michy Reincke, Folker 01/2016
Die aktuelle Frage wo so viel Hass & Gewalt nur herkommt ist doch etwas verblüffend, wenn man bedenkt, wie viel Wind in den letzten Jahrzehnten in der arabischen Welt gesät worden ist. Die Überheblichkeit der westlichen Kultur, die sich befugt fühlt, sich überall einzumischen, militärisch einzudringen, zu töten & staatliche Ordnungen zu destabilisieren mit dem Argument, Frieden, Freiheit & Demokratie zu bringen & bestehende Ungerechtigkeiten mit noch größeren Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, könnte eine Antwort geben.
Wobei dieses Vorhaben noch nie erfolgreich umgesetzt wurde. Zudem ist das Argument infam angesichts der Tatsache, dass in Ruanda ein Völkermord mit über 1.000.000 Toten zugelassen wurde, ohne dass wirksam eingegriffen oder Flüchtlinge gerettet wurden, vielleicht einfach nur weil es dort keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gab oder absehbar attraktive Absatzmärkte herzustellen waren?
Für Chaos zu sorgen & sich zu wundern dass es ein Echo gibt & der Bumerang zurückkehrt scheint mir naiv & unecht. Die meisten Reaktionen darauf poppen auf wie Gefühls-Schablonen, reflexartig, austauschbar. Als würde selbst Anteilnahme zu einer Betroffenheits-Marke aus der Werbung.
Es wirkt als ob wir in einer Gesellschaft leben, die ihre Lebendigkeit & ihren Reichtum in vielen unterschiedlichen Formen zu leben, zu fühlen & sich zu Wort zu melden, in großen Teilen bereits eingebüßt hat.
Geht es vielleicht doch nicht spurlos an einer Gesellschaft vorüber, wenn man ihren Staat ideologisch als Heile-Welt-Krämerladen organisiert & sie es zulässt, dass Unternehmensberatungsfirmen die politischen, wirtschaftlichen & kulturellen Aspekte eines Staates bestimmen? Wenn sie mit deren Hilfe alle „Leistungsschwachen“, „Underperformer“ & alternativ Denkenden auf subtile Weise aussortiert?
Wenn die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gemeinschaft auf Shareholder-Values reduziert & ihre gemeinschaftseigenen Medien von geistigem Wachstum & Meinungsvielfalt „befreit“ werden, um politische Meinungen besser bündeln & kontrollieren zu können? Wenn die monochrome Abbildung von Kultur nur noch seifige Unterhaltung ist & weder geistigen noch seelischen Nutzen besitzt, um u.a. effizienter für den Verkauf von Reklame zu sein?
Eine widerstandsfähige, politisch gebildete, emotional gesunde & handlungsfähige Gesellschaft sieht jedenfalls anders aus, oder?
Eine Nachtigall in Steppschuhen war für mich die interessante Nachricht, dass Frank-Jürgen Weise, der neue Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Ende September die US-amerikanische Unternehmensberatung McKinsey angeheuert hat, um die Logistik der Flüchtlings-Krise zu bewältigen.
Hat sich vielleicht auch die Bundeskanzlerin für ihre Politik der „marktkonformen Demokratie“ (was soll das eigentlich anderes sein, als die Bürger zu Konsumenten zu degradieren?) & wie man den demografischen Mangel an Konsumenten beheben könnte, von dieser Firma beraten lassen, um herauszufinden, wie man den demografischen Mangel an Konsumenten beheben könnte?
Ohne die strafrechtliche Verantwortung & damit verbundenen Konsequenzen erwachsener Menschen für ihre Taten außer Kraft setzen zu wollen:
Jeder Täter war & bleibt auch ein Opfer & wichtig wäre herauszufinden was oder wer ihn zum Opfer macht bzw. diese katastrophale Ohnmacht provoziert, die Menschen eventuell sogar zu (Selbstmord-) Attentätern werden lässt.
Ob man nun in einer von Hoffnung auf Erlösung geprägten Ausschließlichkeit entweder in den unfreien Aspekten einer patriarchalischen Religion Halt sucht oder als Menschendarsteller-Papagei von Freiheit plappert aber in einem Käfig sitzt, dessen Gitterstäbe aus den Machtinteressen weniger Manager von multinationalen Konzernen zusammengelötet sind, scheint mir dabei kein signifikant systemischer Unterschied zu sein, was den Grad der Autonomie betrifft.
Eine Gesellschaft, die versucht, ohne wirkliche Liebe, Achtung, Solidarität & Lebendigkeit auszukommen, die in Imitation & Selbstdarstellung verhaftet ist & die ihre Schmerzen, ihre Zweifel & ihre Verzweiflung nicht erkennt & annimmt, & die nur fähig ist ihre Werte als Worthülsen zu postulieren & nur auf Ehrgeiz, Macht & quantitativen Ideen von Erfolg aufgebaut ist, als wäre ein menschliches Leben ein Geschäft oder ein Begriff aus der Betriebswirtschaftslehre & sich dagegen nicht wehrt, wird oder ist bereits krank.
Am absurdesten erscheint mir jedoch die Idee dieses aktuelle Modell als Heilsbringer in andere Kulturen zu exportieren.
Was wäre denn, wenn immer mehr Menschen, den sogenannten „Autoritäten“, den vermeintlich Mächtigen & Einflussreichen, denen, die damit kokettieren, die „Raubtiere“ & Bestimmer in ihren Systemen zu sein, zeigen würden, dass wir alle schon lange wissen, was die meisten von ihnen wirklich sind: Schafe im Wolfspelz!
Agit!
"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)
Mittwoch, 9. März 2016
Donnerstag, 18. Februar 2016
Gefühlte Wirklichkeiten
Zur Transformation der freien Presse ins nationale Gefühlsmanagement.
von Georg Seeßlen, Jungle World, 18.02.2016Streiten Sie niemals mit einer Journalistin, einem Journalisten über das, was »Wirklichkeit« ist! Es ist, werden Sie sagen, was sich vor meinen Augen abspielt, was Dokumente, Verträge und Verlautbarungen generiert, was in Interviews und auf Pressekonferenzen gesagt wird. Wirklich, werden die Journalisten weiter sagen, sind Zahlen und Fakten, schlimmstenfalls die Verwundeten und Getöteten, die Grenzen und Bewaffnungen, die Bewegungen und die Bauten; wirklich ist, was die Mächtigen tun und die Ohnmächtigen erleiden. Und wer da glaubt, Wirklichkeit sei nur eine Konstruktion, ein Projiziertes und Imaginiertes, wer noch über die Wirklichkeit der Dinge um sich herum räsoniert, von Erzählungen und Bildern redet, statt von Berichten und Nachrichten, den nehmen wir einmal mit, in die Wirklichkeit an Ort und Stelle, an die Verhandlungsorte, die Kriegsschauplätze, die Einsätze bei sozialen und natürlichen Katastrophen, zu den Inszenierungen der Ordnungen und zu den Zusammenbrüchen derselben. Diese Wirklichkeit ist rau, zugleich voller Verlogenheit und unbezweifelbar. Sie ist schwierig zu erwischen, aber wir schaffen das. Manchmal verwandeln sich Journalisten in Detektive und finden das noch Wirklichere hinter der Wirklichkeit heraus, und wir halten für einen Moment den Atem an. Ist das wirklich so schlimm? Oder ist das Wirkliche so schlimm? Dann arbeiten wieder die Newsfeed-Algorithmen, es werden Storys kreiert, der Scherbenhaufen umgerührt, die Identifikationsangebote geliefert, die zwangsgute Laune aufgesetzt, die Werbungen mit luftigen Reality-Spots verquickt, es ist ja immer irgendwo was los. Richtig gute journalistische Arbeit mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Wirklichkeit ist eine Luxusware, mit der sich die großen alten Medien noch gelegentlich schmücken und die in den neuen aus Enthusiasmus und Trotz Platz finden kann.
Mediale Lebensräume
Das Bild der Wirklichkeit unterscheidet sich schon drastisch von der ersten Wahrnehmung und dem ersten Sortieren dieser Wahrnehmungen und Dokumentationen. Das bekannte »Bild der Lage« ist schon Erzählung, subjektiviert, emotionalisiert, dramatisiert und vor allem gereinigt. Das Bild der Lage wird auch dann, ja gerade dann entworfen, wenn es nichts zu sehen gibt, wenn die Wirklichkeit sich entzieht. Selbst wenn die Wirklichkeit mehr oder weniger verschwunden ist, so muss das Medium, egal welches, doch ein Verhältnis zu ihr konstruieren. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem sich Wirklichkeiten »aus aller Welt« mit Wirklichkeiten der Empfänger treffen. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem diese Empfänger »leben« können. Und leben kann man nur dort, wo man das meiste »versteht«, wo man sich orientieren kann, wo die Mehrzahl der Zeichen lesbar und die unlesbaren Zeichen entsprechend »behandelt« sind. Je mehr Nachrichten es gibt, desto notwendiger wird ihre Anverwandlung in den medialen Lebensraum; je mehr mediale Lebensräume es gibt, desto notwendiger ist ein Nachschub an Nachrichten, die sie generieren.
Es gibt eine Reihe von Mechanismen, die aus jeder Nachricht ein Element eines medialen Lebensraumes machen: das Prinzip der Wiederholung und Variation – die berühmten »Bilderschleifen« der Katastrophen, die aus einem Bild der Wirklichkeit ein Emblem des Wirklichen machen. Die Vermischung von Nachrichten und Pseudonachrichten – Prominentengeschwätz, Sportereignisse, human interest. Die Personalisierung und die Verwandlung der Nachricht in die story. Die Perforation der »großen« mit den »kleinen« Nachrichten. Das endlose Besprechen, Bereden, Betalken. Die direkte, menschliche und intime Ansprache des Adressaten. Die bunte Mischung aus Nachricht und Entertainment. Die Rekonstruktion eines Milieus (Nachrichten für Fans). Was bleibt da am Ende von jener Wirklichkeit übrig, von der unsere toughe Journalistin, unser tougher Journalist noch so überzeugt waren?
Aus dem »Bild der Wirklichkeit« (Wirklichkeit 2) ist ein Programm, eine mediale Lebenswelt geworden, in die der Adressat eintauchen kann (Wirklichkeit 3). Diese trifft auf eine Wirklichkeit des Adressaten selbst. Die Begegnung generiert nicht erst seit dem Biedermeier eine bizarre Behaglichkeit. »Gemütlich« die Zeitung lesen, die Tagesschau zum Abendessen sehen, Spiegel Online smartphonemäßig auf dem Weg zur Arbeit durchchecken …
Die Nachricht musste dafür aber zum Gegenteil dessen werden, was sie ursprünglich bedeutete, nämlich Bestätigung statt Veränderung. Nun mag sich die Frage stellen, ob die »Abhängigkeit« der User eher von der Form oder vom Inhalt generiert wird. Wir könnten behaupten, dass Bild-Leser und -Leserinnen, die nach ihrer Lektüre süchtig sind, nicht von ihrer Sucht lassen könnten, auch wenn ihnen klar würde, dass die Zeitung von vorne bis hinten aus Fiktionen besteht. Das entscheidende Band zwischen dem Medium und seinen Adressaten besteht im Management der Gefühle.
Der mediale Lebensraum rekonstruiert mithin nicht allein die äußere Wirklichkeit, in der sich der Journalist herumtreiben mag, sondern auch die Wirklichkeit des Mediennutzers. Eine gewisse »Zeitung für Deutschland« liefert daher nicht nur ein Bild der Welt, sondern vor allem ein Bild ihres Lesers. Diese Wirklichkeit, in der der Adressat lebt (Wirklichkeit 4), wird von den Nachrichten nicht mehr nur bestätigt, sondern in zunehmendem Maße auch konstruiert. Das Medium beantwortet mir nicht nur die Frage: »Was ist in der Welt los, und wie ist sie beschaffen, dass das alles los sein kann?«, sondern auch die Frage: »Wer bin ich und welchen Kompromiss schließe ich zwischen meinem subjektiven und meinem sozialen Sein?« Kurz und gut: Aus dem biedermeierlichen Instrument, die Welt auf Distanz zu halten, indem ich sie durch Nachrichten (durch »Wissen«) kontrolliere, ist vor allem ein Instrument der Selbstkontrolle und der Selbstvergewisserung geworden. Weder die Sensation noch die Ideologie allein machen die Bild-Zeitung aus, sondern die Konstruktion einer medialen Lebenswelt, in der bestimmte Impulse »erlaubt« sind, die in der ansonsten »zivilisierten« Öffentlichkeit verboten sind.
Ein Besuch in einem deutschen Zeitschriftenladen des Jahres 2016 zeigt, dass sich das Leben in eine überschaubare Anzahl intimistischer medialer Lebensräume aufgespalten hat, von denen jene, die noch auf »echte« Nachrichten aus der ersten Wirklichkeit angewiesen sind, marginal sind. Die Subjektivierung der Nachricht ist gleichsam abgeschlossen: In der Mehrzahl aller medialen Produkte ist das Subjekt der Nachricht zugleich sein Objekt. Der Adressat erhält Nachrichten über sich selbst. Er ist Inhalt, Form und Konsument der Nachricht zugleich, und dies ist natürlich umso einfacher zu bewerkstelligen, als sich die Nachricht, oder was aus ihr geworden ist, um einen Fetisch herum entwickelt: die Gesundheit, das Leben auf dem Land, der Sport, elektronische Gadgets, Musik, Mode, Fernsehen, das Essen (als der Metadiskurs von Moral, Geschmack und Gesellschaft). Wirklich welt- und wirklichkeitshaltig ist von alledem am ehesten noch das Micky-Maus-Heft.
Virtuelle Mobbildung
Wer die Herrschaft über die Gefühle hat, der hat die Herrschaft über die Gesellschaft. Daher ist es einer der größten Trugschlüsse, den Rückzug der Medien in immer kleinere, immer »privatere« Lebensräume als »unpolitisch« oder auch nur als entpolitisierend zu betrachten. Aus diesem Management der Gefühle entsteht im Gegenteil immer wieder auch eine ökonomische Strategie und eine politische Haltung. Das völkische und nationalistisch-rassistische »Denken«, das sich derzeit, ausgelöst durch das »Flüchtlingsproblem«, neue Sprecher und Sprachrohre sucht, hat eine seiner Ursachen in diesem scheinbar entpolitisierten Management der Gefühle. Die Kontrolle der Welt durch das bürgerliche Subjekt, die vom biedermeierlichen Medium der behaglichen Aufklärung versprochen wurde, ist zusammengebrochen, und so zerfällt die Medienwelt in immer kleinräumigere Zonen der Kontrolle, am Ende zur Kontrolle des eigenen Körpers oder zur Kontrolle der Nachbarsfamilie.
Weder die »Neuigkeit« noch gar die Informationstiefe einer Nachricht aus der ersten Wirklichkeit verschafft Wettbewerbsvorteile, sondern vielmehr jenes Management der Gefühle, welches das Empfängersubjekt zufriedenstellt. Widerspruchsfreiheit ist ebenso ein Element der Zufriedenheit wie Komplexitätsreduzierung. Umgekehrt ist in einer Gesellschaft, in der die größte soziale Drohung ist, ausgeschlossen, nicht mitgenommen, nicht connected zu werden, eine »abweichende Meinung« wesentlich mehr als ein diskursiver Konfliktstoff. Es ist ein Stigma. Das Mainstreaming von Bildern der Wirklichkeit besagt, dass sie vom Status eines Diskurses (einer Verhandlung über das Richtige und Falsche, Nützliche und Unnütze, Erlaubte und Verbotene) in den eines Dispositivs (eines Empfindens, eines Geschmacks am Richtigen und Falschen etc., einer Art des Glaubens) wechseln. Gegenüber einem Mainstream-Bild der Wirklichkeit kann sich abweichendes Verhalten nicht mehr als Kritik, sondern nur noch als Ketzerei, als moralische Verfehlung sehen. Die Nachricht im Management der Gefühle wird zu einem Köder für Zustimmung. Und dies macht sich die völkische Rechte besonders zu eigen. Der Wert einer Aussage liegt nicht in ihrem Bezug zum Wirklichen, sondern im Ausmaß der Zustimmung, die sie erzielt. In einer Fülle von Aussagen setzt sich nicht die realistischste durch, sondern die mit der meisten Zustimmung. Das scheint zunächst trivial, wird aber da furchteinflößend, wo Zustimmung eine nächste Form der Wirklichkeit generiert, die wir Wirklichkeit 5 nennen können. Aus der leichten Form der likes und followers wird die schwere Form der Hetz- und Hassmail nach demselben Muster: die Verwirklichung noch des größten Unfugs durch die Wolke der Zustimmung.
All diese Tendenzen haben durch die sozialen Netzwerke, die Möglichkeiten der Beschleunigungen, der Intensivierung, der gleichzeitigen Subjektivierung und Anonymisierung im digitalen Netz Verstärkung erfahren, ihre Ursachen sind sie nicht. Der Antrieb zu einer solchen virtuellen Mobbildung kommt ursprünglich offenbar aus einem Empfinden der Isolation. Da will etwas hinaus; aus einem Gefängnis, einer Dunkelkammer, die die Medien zuvor selbst geschaffen haben. Und wir beginnen zu ahnen, woher, was die Psychosen anbelangt, dieses »Lügenpresse«-Gebrüll kommt (bevor wir erkennen, wie sehr es eben auch taktisch gesteuertes politisches Angriffspotential ist). Man schreit da gegen das an, was die eigenen Gefühle nicht managen konnte oder wollte.
Die Renationalisierung der Wahrnehmung
Daraus ergibt sich gleichsam zwangsläufig die Konsensproduktion. Die einst ironisch gemeinte Frage »Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?« ist zum Leitfaden des Journalismus im Zeichen des Mainstreaming geworden. Die Nachricht hat keine Distanz zu ihrer eigenen moralischen Bewertung. Die Bilder der Flüchtlinge, die uns über unsere, nun eben: Mainstream-Medien erreichen, sind samt und sonders »Einstellungen« in einer mythischen Inszenierung. Was Mainstreaming als ästhetische Praxis bedeutet, lässt sich leicht daran erkennen, dass aus einer nahezu endlosen Fülle von Bildern immer wieder drei oder vier zur Produktion der ikonographischen Endlosschleifen ausgewählt werden. Dahinter steckt keine Verschwörung, sondern das spezielle Wirken einer Maschine, die ihre effizienteste Arbeitsweise sucht. Da sie nicht für die Gesellschaft, sondern für den Markt produziert, kann ihr Produkt nicht »Information« sein, sondern es muss zählbare Aufmerksamkeit sein, Zustimmung, die sich auszahlt. Würde von einem Tag auf den anderen die äußere Wirklichkeit einfach aufhören zu existieren, so müsste sich die Medienmaschine (die Metamaschine, die etliche Maschinen zusammenfasst) nur noch in Nuancen ändern.
Das Interesse am Mainstreaming der Medien aber hat natürlich noch viele andere Gründe. Nicht nur die Erzeugung von emotionalem Gleichgewicht ist das Ziel, sondern vor allem die Renationalisierung der Wahrnehmung. Dass nicht mehr am Leitfaden von Aufklärung und Demokratie, sondern an dem von »nationalem Interesse« und »Identität« berichtet wird, erzeugt einen Sog der nationalen Erzählungen, die den intimen medialen Lebenswelten entsprechen: Die Aufsplitterung der Medien in immer kleinere mediale Lebensräume (Landlustküche mit Thermomix) und immer raschere Abfolgen von Hysterie und Langeweile entspricht einer gleichzeitigen Entstehung immer umfangreicherer nationaler, »identitätsstiftender« Mythen, die aus Nachrichten, vor allem aus der Synchronisierung der Nachrichten mit vorhandenen Bildern und Narrativen zusammengesetzt sind.
Wie bei den Nachrichten die fünf, sechs Genres genügen, genügen bei den durch sie erzeugten identifikatorischen Erzählungen drei, vier Grundmodelle, die man vielleicht so zusammenfassen könnte: gemeinsames Glück (»Sommermärchen«); gemeinsame Trauer (kollektiver Trauerrausch); äußerer Schrecken und innerer Frieden (Ukraine, Griechenland, Flüchtlinge); Bedrohung (»Kommt der Virus zu uns?«); unsere Sorgen und Nöte (das Wetter, der Dax, die Arbeitslosenzahlen, aber Exportweltmeister und Lotteriegewinn). Man könnte die Mainstream-Erzählung noch einmal zusammenfassen: »Wir und die anderen«. Oder, noch einfacher: Es existiert ein Wir. Das auf einen Warenfetisch eingedampfte Ich und das zu nationaler Aggression aufgeblasene Wir wird durch dieselben medialen Lebensräume erzeugt.
Wirstehen dem ganz klar kritisch gegenüber, wenn es die anderen betrifft. Über das Fernsehen in der Sowjetunion sagt Peter Pomerantsev, der Autor von »Nichts ist wahr und alles ist möglich«: »Die Fernsehnachrichten, die gezeigt werden, sind nicht wirklich Nachrichten. Es geht darum, ein Drama zu inszenieren. Also gibt es das Drama in der Ukraine, wo Faschisten mithilfe der bösen Amerikaner das Land ins Chaos stürzen. Es gibt das Drama im Nahen Osten, den nur Putin vor dem Kollaps retten kann. Und die Inlandsgeschichten zeigen Putin, wie er Eishockey spielt oder Raubkatzen streichelt.«
Das völkische Subjekt
Nicht nur allgemeine Dispositionen stecken hinter solchen Transformationen, sondern auch sehr handfeste politische und ökonomische Interessen. Medienmacht bedeutet Reichtum: In Frankreich sind sechs der zehn größten Vermögen in den Händen von Medienunternehmen. Und Reichtum bedeutet Medienmacht. In Italien besitzt die Familie Berlusconi ein absolutes Meinungsmonopol. Nach der Machtübernahme der Nationalisten in Polen drohten diese mit einer ökonomischen Nationalisierung der Medien. In Brasilien erzeugt der Fernsehsender Rede Globo ein der ökonomischen Führungsschicht passendes einheitliches Weltbild. Rupert Murdochs Fox News hat in den USA nicht wenig zu dem allgemeinen Trend nach rechts (und eine kolossale politische Verblödung hinter ideologischen und quasi religiösen Phantasmen) beigetragen. Murdoch gehören unter vielem anderen das Wall Street Journal und die britische Massenzeitung Sun.
Man kann nun begreifen, warum das Phantasma der »Lügenpresse« im Milieu der Rechtspopulisten, völkischen Schreier und Halbfaschisten so rasche Verbreitung fand. Und ebenso kann man verstehen, wie rasch die Besetzung der Zeitungskioske beim Schwinden der bürgerlich-demokratischen Medien durch Organe der »Neuen Rechten« oder solche, die sich aus dem bürgerlichen Lager nach rechts bewegen, vonstatten gehen konnte. Das unentschiedene neoliberale Subjekt muss früher oder später doch zu einer Seite tendieren, der der antidemokratischen, völkischen Nationalisten oder der der demokratischen Zivilgesellschaft. »Lügenpresse« ist der Kampfruf zur Eroberung eines Instruments, das ökonomisch so stark wie kulturell schwach ist. Wer das Management der Gefühle beherrscht, bekommt früher oder später auch die politische Macht.
Der bürgerlich-demokratischen Presse und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wird ja keine konkrete Lüge nachgewiesen, vielmehr geht es darum, dass ihnen das Recht verwehrt wird, »im Namen des Volkes« zu sprechen. Der rechte Gramsciismus hat die Parole der kulturellen Hegemonie nach unten durchgereicht. Das »Lügenpresse«-Gegröhle »da unten« ist die vollkommene Entsprechung der Strategien der Damen und Herren »da oben«, in jeder Talkshow, in jedem Zeitungskommentar präsent zu sein, während man parallel ein eigenes Mediennetz aufbaut. Auch die braunen Shitstormer sind da eine willkommene Manövriermasse, nicht nur indem sie ein Chaos- und Bedrohungspotential, die Vergiftung der Gefühle und der Sprachen, erzeugen, sondern auch weil sie den Diskurs zum Verstummen bringen. Zur gleichen Zeit freilich können sich auch die Mainstream-Presseerzeugnisse bürgerlich-demokratischer Tradition nichts Besseres wünschen, als in der Art von der extremen Rechten und dem Straßenmob angegriffen zu werden. Wir müssen diese Presse verteidigen, sie ist alles, was wir haben. Kritik verbietet sich. Je suis Lügenpresse.
Ich weiß. Es gibt sie da draußen, die ehrbaren, die engagierten, die tapferen Journalistinnen und Journalisten, die mit ihrer auch unsere Freiheit verteidigen und nebenbei eine Wirklichkeit, die es ohne Zweifel immer noch gibt. Die Nachfrage nach ihren Bildern freilich wird umso geringer, als sie ihren Adressaten nichts anderes als die eigene Ohnmacht vor Augen halten.
Was wir indes erleben, ist ein teils organisch sich entwickelnder, teils koordinierter Angriff der antidemokratischen, völkischen Rechte auf die Reste der bürgerlich-demokratischen freien Presse. Das »Lügenpresse«-Geschrei, die Hasskommentare der Shitstormer und der gezielte Aufbau neurechter Presseerzeugnisse und anderer »identitärer« Medien sind die drei Aspekte ein und derselben Taktik. Es geht um das Kapern der nationalen Gefühlsmaschinen und die Ersetzung der Wirklichkeit durch das völkische Subjekt. Was wirklich ist, bestimmt die faschistische Konstruktion von Geschlecht, Rasse, Nation und Kultur. Wie leicht ihnen das gemacht wird, das, unter anderem, erzählt vom wirklichen Zustand unserer Medien.
Samstag, 30. Januar 2016
Facebook-Post eines Arztes aus einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge
Liebe Leute,
nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.
In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht g...elungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…
Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.
Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…
Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.
Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern. Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.
Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.
Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.
Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen Zuwanderer - zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?
Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.
Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!
Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das.
P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!
- Raphaele Lindemann, 28.01.2016
nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.
In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht g...elungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…
Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.
Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“
zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.
Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.
Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.
Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen
Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub - das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.
In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?
Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?
Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.
Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.
Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“
zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.
Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.
Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.
Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen
Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub - das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.
In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?
Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?
Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.
Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.
Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.
Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…
Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.
Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.
Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern. Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.
Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.
Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.
Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen Zuwanderer - zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?
Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.
Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!
Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das.
P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!
- Raphaele Lindemann, 28.01.2016
Donnerstag, 21. Januar 2016
"Der Kongo ist die Konsequenz von Europa"
Nach »Hate Radio« und »Das Kongo Tribunal« beschäftigt sich der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« erneut mit den politischen Katastrophen Zentralafrikas.
- Interview: Jakob Hayner, Jungle World, 21.01.2016
Ihr neues Stück »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehres« deutet schon im Titel auf einen Widerspruch zwischen einem individuellen Gefühl und der Gewalt. Die Kritik der Partikularität des Mitleids gehört zur europäischen Aufklärung, Kant zum Beispiel kritisierte es als eine zwar »gutartige Leidenschaft«, die jedoch »schwach und jederzeit blind« sei. Ist Ihr Stück eine Kritik des Mitleids in aufklärerischer Absicht?
Meine Kritik des Mitleids ist, dass es trotz medialer Runduminformation ein Gefühl des engen Radius geblieben ist. Zudem bleibt es meist selbstbezüglich, ja narzisstisch und führt nicht, in einem zweiten Schritt, zu Solidarität und einer politischen Forderung. Mitleid versucht Mängel individuell auszugleichen, die systemische Ursachen haben – von untätigen Regierungen bis zu den ökonomischen Bedingungen. Gleichzeitig ist das Stück auch eine Untersuchung des Mitleids als theatralem Vorgang. Wie funktioniert Identifikation? Was heißt das Ausstellen von Leid? Wer sieht wen leiden? Das Stück ist gewissermassen ein Essay in Form eines Monologs, es geht auch um Grundbegriffe des Theaters. Was heißt es, Zeugen auf der Bühne zu zeigen? Was heißt Stellvertretung auf der Bühne und was Katharsis?
Der Realismus war für das 20. Jahrhundert der entscheidende Begriff, um Theater und Politik zu vermitteln. Der Dramaturg Bernd Stegemann hat kürzlich nach »Kritik des Theaters« sein neues Buch »Lob des Realismus« veröffentlicht, in der Zeitschrift Theater der Zeit wurde über einen neuen Realismus diskutiert. Sehen Sie »Mitleid« auch als einen Beitrag zu dieser Debatte?
Das Stück steht mitten in der Diskussion um den Realismus. In dieser Debatte wird ein Widerspruch aufgemacht zwischen authentisch-dokumentarischem Theater, in dem Zeugen auf der Bühne sie selbst sind, und Schauspielertheater, in dem eine fiktionale Figur durch Mittel des Schauspiels – ob postmoderner Trash, Brecht oder Stanislawski – etwas zeigt. Dieser Widerspruch hat auch zu tun mit der Opposition von Stadttheatern mit Ensemble und freien Produktionsweisen, die häufig mit Performern, mit Laien arbeiten. Ich versuche mit »Mitleid«, diesen Widerspruch in einen dialektischen Zusammenhang zu bringen. Es gibt zwei Schauspielerinnen auf der Bühne. Die eine, Consolate Sipérius, ist eine Zeugin des Genozids an den Hutu in Burundi 1993, aber sie ist auch Schauspielerin. Die andere Schauspielerin, Ursina Lardi, steigt mit einer Reflexion über Theater ein und erzählt anschließend eine Geschichte, die aber im Sinn der Authentizität nicht oder nur teilweise ihre eigene ist. Und hier wird es verwickelt, die Unterscheidung gerät in Bewegung: Denn auch die vorgebliche Zeugin zeigt etwas, das nicht mit ihrer Person identisch ist. Denn ihr ist etwas widerfahren, aber deswegen ist es ihr nicht auf alle Zeit eingebrannt, sie kann sich zu ihrer Geschichte verhalten. Es gibt eine Freiheit, mit dem je eigenen individuellen Schicksal umzugehen im Sinne einer existentiellen Psychoanalyse. Zum Schluss macht Sipérius etwas sehr Wichtiges: Sie durchbricht die Kette der Rache. Sie weigert sich gewissermassen, mit dem Maschinengewehr in das Publikum zu feuern. Es gibt, so die Botschaft, neben der tragischen Logik des Leidens auch eine der Solidarität, des Vitalen.
Das Stück beschäftigt sich mit Burundi, Ruanda und dem Kongo. Auch in Ihren Stücken »Hate Radio« und »Das Kongo-Tribunal« waren die politischen Katastrophen Zentralafrikas Thema . Was macht das besondere Interesse an dem Gegenstand aus?
Einerseits beschäftige ich mich seit über zehn Jahren mit Zentralafrika. Anderseits ist Zentralafrika für mich auch eine Metapher für die Welt, ein metaphorischer Ort der Weltwirtschaft. Ich kann den Zusammenbruch von Staaten dort beobachten, Massaker, Zwangsumsiedlungen und Flucht – und das meistens aus ökonomischen Gründen. Die Gegend um Bukavu und Goma ist extrem reich an Mineralien, gleichzeitig sterben Menschen an Folgen der Vertreibung, der Unterernährung: »Du stirbst an Hunger, um in Diamanten begraben zu werden.« Marx sagte ja, dass man die Wahrheit über die bürgerliche Gesellschaft in den Kolonien sehen könne. Diese Widersprüche liegen im Ostkongo nackt zutage, und diese Nacktheit interessiert mich. Es gibt symbolische Orte. Ein Freund von mir, David van Reybrouck, hat das Buch »Kongo. Eine Geschichte« geschrieben, in dem es heißt, der Kongo sei kein Blick in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Das interessiert mich als negativ utopische oder atopische Landschaft, als Landschaft der Apokalypse. Und gleichzeitig ist das eine unglaublich reiche Natur, man kann beispielsweise viermal im Jahr säen. Das Problem der Kongolesen war aber, dass sie immer das hatten, was die Weltwirtschaft brauchte: Nach den Sklaven war es der Kautschuk, dann Uran, heute sind es Koltan oder Zinn. Der Kongo ist eine Parallelgeschichte zu Europa, die Konsequenz von Europa.
Sie fordern statt partieller Verbesserungen vor allem eine Systemkritik, die den Fokus auf die Unterdrückung der armen durch die reichen Länder legt. Während derzeit heftig über Grenzregime debattiert wird, fehlt es an einer grundlegenden Kritik. Die Menschen sind zwar durch Grenzen getrennt, aber vor allem von den Produktionsmitteln, die zur Errichtung des guten Lebens nötig sind.
Fakt ist, dass viele Regionen nicht an den Vorzügen der Industrialisierung teilhaben, obwohl sie industrialisiert werden. Die Wirtschaft ist global, überschreitet alle Grenzen, aber die Grenzen der Nationalstaaten verhindern für die Produzenten, was die Waren- und Finanzströme die ganze Zeit tun: den freien Verkehr. Man muss gar nicht in den Kongo gehen, um das zu beobachten. Zu jedem Imperium gehört die Peripherie, die sich natürlich auch in Europa bildet, die sich notwendig bilden muss: der Nahe Osten, Griechenland. Das System lebt vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie. Auch das römische Imperium hatte völlig chaotische Gebiete, Grenzgebiete, die allerdings für die Existenz des Imperiums zentral waren.
Der Hauptmonolog der Entwicklungshelferin in ihrem Stück erinnert an eines der berühmtesten Bücher über den Kongo, Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, in dem die Suche nach dem Ursprung der Gewalt mit der Fahrt auf dem gleichnamigen Fluss Kongo flussaufwärts parallelisiert wird.
Conrad erzählt eine Geschichte, er universalisiert sie aber außerdem, so dass sie beispielsweise in dem Film »Apocalypse Now« auch für Vietnam funktioniert. Es ist interessant, wie konkret man sein muss, um universal zu sein. Alles in meinem Stück ist verbürgt, die Daten und Fakten stimmen. Aber gleichzeitig ist es ein Stück über die Sinnlosigkeit von Gewalt und die Sinnlosigkeit von Rache. Das klassische antike Drama handelt auch von einer zirkulären Gewalt, die durch das Eingreifen eines Chores oder einer Gottheit überwunden wird – beispielsweise wie in der »Orestie« das Recht humanisiert wird. Die Tragik der Geschichte zu durchbrechen ist das Thema des Dramas und auch von »Mitleid«.
Eine klassische Figur der Theatergeschichte, die in »Mitleid« vorkommt, ist Ödipus. Ödipus steht für den Prozess der schmerzhaften Selbsterkenntnis, aber auch für Schuld und Verdrängung. Inwieweit sehen Sie eine Beziehung zu dem Stoff des Stückes?
Der westliche Entwicklungshelfer ist für mich die Figur des Ödipus. Es gibt einen Verdrängungszusammenhang in Bezug auf Zentralafrika. Ödipus erkennt zum Ende die Schuld, die er auf sich geladen hat. Er hat es auch am Anfang schon gewusst, in der ersten Szene des »König Ödipus« bekommt er es mitgeteilt, recht unumwunden. Aber bis er versteht, was er ja eigentlich schon weiß, braucht es den Durchgang durch das Drama. Kunst kann Unbewusstes und Nichtpräsentes zeigen und das ist die Katharsis, das Erkennen des schon Gewussten: Eben die tatsächliche Herstellung von Mitleid, von Solidarität, die sich trotz ja eigentlich umfassend zugänglicher Information zu den Grundlagen unserer Reichtums nicht einstellt.
Wie steht Ihr Stück zur Erkenntnis von Welt und zu möglichen Handlungen, zur Politik?
»Mitleid« versucht zu erkunden, was individuelles Bewusstsein von einer Welt des Leidens bedeutet. Kunst bietet keine Handlungsanleitungen, sie kann aber tragische Blindheit und damit hypothetische Möglichkeiten aufzeigen. Es gibt Millionen Tote im Kongo. Aber es gab nur zwei Prozesse in Den Haag, zwei für 1 000 Massenverbrechen. Die Absenz von Recht und Strafe ist gefährlich, das zerstört zivilisatorische Grundlagen. Im Programmheft haben wir einen Text von Oscar Wilde, einem ausgesprochenen Verächter des Mitleids, abgedruckt: »Die Seele des Menschen im Sozialismus«. Wilde sagt dort, dass wir eine Welt, in der Mitleid notwendig ist, überwinden müssen. Er nennt das Sozialismus.
»Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« von Milo Rau ist noch am 29., 30. und 31. Januar an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen.
Meine Kritik des Mitleids ist, dass es trotz medialer Runduminformation ein Gefühl des engen Radius geblieben ist. Zudem bleibt es meist selbstbezüglich, ja narzisstisch und führt nicht, in einem zweiten Schritt, zu Solidarität und einer politischen Forderung. Mitleid versucht Mängel individuell auszugleichen, die systemische Ursachen haben – von untätigen Regierungen bis zu den ökonomischen Bedingungen. Gleichzeitig ist das Stück auch eine Untersuchung des Mitleids als theatralem Vorgang. Wie funktioniert Identifikation? Was heißt das Ausstellen von Leid? Wer sieht wen leiden? Das Stück ist gewissermassen ein Essay in Form eines Monologs, es geht auch um Grundbegriffe des Theaters. Was heißt es, Zeugen auf der Bühne zu zeigen? Was heißt Stellvertretung auf der Bühne und was Katharsis?
Die Tragik der Geschichte durchbrechen: Consolate Sipérius und Ursina Lardi in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« (Foto: Daniel Seiffert)
Das Stück steht mitten in der Diskussion um den Realismus. In dieser Debatte wird ein Widerspruch aufgemacht zwischen authentisch-dokumentarischem Theater, in dem Zeugen auf der Bühne sie selbst sind, und Schauspielertheater, in dem eine fiktionale Figur durch Mittel des Schauspiels – ob postmoderner Trash, Brecht oder Stanislawski – etwas zeigt. Dieser Widerspruch hat auch zu tun mit der Opposition von Stadttheatern mit Ensemble und freien Produktionsweisen, die häufig mit Performern, mit Laien arbeiten. Ich versuche mit »Mitleid«, diesen Widerspruch in einen dialektischen Zusammenhang zu bringen. Es gibt zwei Schauspielerinnen auf der Bühne. Die eine, Consolate Sipérius, ist eine Zeugin des Genozids an den Hutu in Burundi 1993, aber sie ist auch Schauspielerin. Die andere Schauspielerin, Ursina Lardi, steigt mit einer Reflexion über Theater ein und erzählt anschließend eine Geschichte, die aber im Sinn der Authentizität nicht oder nur teilweise ihre eigene ist. Und hier wird es verwickelt, die Unterscheidung gerät in Bewegung: Denn auch die vorgebliche Zeugin zeigt etwas, das nicht mit ihrer Person identisch ist. Denn ihr ist etwas widerfahren, aber deswegen ist es ihr nicht auf alle Zeit eingebrannt, sie kann sich zu ihrer Geschichte verhalten. Es gibt eine Freiheit, mit dem je eigenen individuellen Schicksal umzugehen im Sinne einer existentiellen Psychoanalyse. Zum Schluss macht Sipérius etwas sehr Wichtiges: Sie durchbricht die Kette der Rache. Sie weigert sich gewissermassen, mit dem Maschinengewehr in das Publikum zu feuern. Es gibt, so die Botschaft, neben der tragischen Logik des Leidens auch eine der Solidarität, des Vitalen.
Das Stück beschäftigt sich mit Burundi, Ruanda und dem Kongo. Auch in Ihren Stücken »Hate Radio« und »Das Kongo-Tribunal« waren die politischen Katastrophen Zentralafrikas Thema . Was macht das besondere Interesse an dem Gegenstand aus?
Einerseits beschäftige ich mich seit über zehn Jahren mit Zentralafrika. Anderseits ist Zentralafrika für mich auch eine Metapher für die Welt, ein metaphorischer Ort der Weltwirtschaft. Ich kann den Zusammenbruch von Staaten dort beobachten, Massaker, Zwangsumsiedlungen und Flucht – und das meistens aus ökonomischen Gründen. Die Gegend um Bukavu und Goma ist extrem reich an Mineralien, gleichzeitig sterben Menschen an Folgen der Vertreibung, der Unterernährung: »Du stirbst an Hunger, um in Diamanten begraben zu werden.« Marx sagte ja, dass man die Wahrheit über die bürgerliche Gesellschaft in den Kolonien sehen könne. Diese Widersprüche liegen im Ostkongo nackt zutage, und diese Nacktheit interessiert mich. Es gibt symbolische Orte. Ein Freund von mir, David van Reybrouck, hat das Buch »Kongo. Eine Geschichte« geschrieben, in dem es heißt, der Kongo sei kein Blick in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Das interessiert mich als negativ utopische oder atopische Landschaft, als Landschaft der Apokalypse. Und gleichzeitig ist das eine unglaublich reiche Natur, man kann beispielsweise viermal im Jahr säen. Das Problem der Kongolesen war aber, dass sie immer das hatten, was die Weltwirtschaft brauchte: Nach den Sklaven war es der Kautschuk, dann Uran, heute sind es Koltan oder Zinn. Der Kongo ist eine Parallelgeschichte zu Europa, die Konsequenz von Europa.
(Foto: Daniel Seiffert)
Fakt ist, dass viele Regionen nicht an den Vorzügen der Industrialisierung teilhaben, obwohl sie industrialisiert werden. Die Wirtschaft ist global, überschreitet alle Grenzen, aber die Grenzen der Nationalstaaten verhindern für die Produzenten, was die Waren- und Finanzströme die ganze Zeit tun: den freien Verkehr. Man muss gar nicht in den Kongo gehen, um das zu beobachten. Zu jedem Imperium gehört die Peripherie, die sich natürlich auch in Europa bildet, die sich notwendig bilden muss: der Nahe Osten, Griechenland. Das System lebt vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie. Auch das römische Imperium hatte völlig chaotische Gebiete, Grenzgebiete, die allerdings für die Existenz des Imperiums zentral waren.
Der Hauptmonolog der Entwicklungshelferin in ihrem Stück erinnert an eines der berühmtesten Bücher über den Kongo, Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, in dem die Suche nach dem Ursprung der Gewalt mit der Fahrt auf dem gleichnamigen Fluss Kongo flussaufwärts parallelisiert wird.
Conrad erzählt eine Geschichte, er universalisiert sie aber außerdem, so dass sie beispielsweise in dem Film »Apocalypse Now« auch für Vietnam funktioniert. Es ist interessant, wie konkret man sein muss, um universal zu sein. Alles in meinem Stück ist verbürgt, die Daten und Fakten stimmen. Aber gleichzeitig ist es ein Stück über die Sinnlosigkeit von Gewalt und die Sinnlosigkeit von Rache. Das klassische antike Drama handelt auch von einer zirkulären Gewalt, die durch das Eingreifen eines Chores oder einer Gottheit überwunden wird – beispielsweise wie in der »Orestie« das Recht humanisiert wird. Die Tragik der Geschichte zu durchbrechen ist das Thema des Dramas und auch von »Mitleid«.
Eine klassische Figur der Theatergeschichte, die in »Mitleid« vorkommt, ist Ödipus. Ödipus steht für den Prozess der schmerzhaften Selbsterkenntnis, aber auch für Schuld und Verdrängung. Inwieweit sehen Sie eine Beziehung zu dem Stoff des Stückes?
Der westliche Entwicklungshelfer ist für mich die Figur des Ödipus. Es gibt einen Verdrängungszusammenhang in Bezug auf Zentralafrika. Ödipus erkennt zum Ende die Schuld, die er auf sich geladen hat. Er hat es auch am Anfang schon gewusst, in der ersten Szene des »König Ödipus« bekommt er es mitgeteilt, recht unumwunden. Aber bis er versteht, was er ja eigentlich schon weiß, braucht es den Durchgang durch das Drama. Kunst kann Unbewusstes und Nichtpräsentes zeigen und das ist die Katharsis, das Erkennen des schon Gewussten: Eben die tatsächliche Herstellung von Mitleid, von Solidarität, die sich trotz ja eigentlich umfassend zugänglicher Information zu den Grundlagen unserer Reichtums nicht einstellt.
Wie steht Ihr Stück zur Erkenntnis von Welt und zu möglichen Handlungen, zur Politik?
»Mitleid« versucht zu erkunden, was individuelles Bewusstsein von einer Welt des Leidens bedeutet. Kunst bietet keine Handlungsanleitungen, sie kann aber tragische Blindheit und damit hypothetische Möglichkeiten aufzeigen. Es gibt Millionen Tote im Kongo. Aber es gab nur zwei Prozesse in Den Haag, zwei für 1 000 Massenverbrechen. Die Absenz von Recht und Strafe ist gefährlich, das zerstört zivilisatorische Grundlagen. Im Programmheft haben wir einen Text von Oscar Wilde, einem ausgesprochenen Verächter des Mitleids, abgedruckt: »Die Seele des Menschen im Sozialismus«. Wilde sagt dort, dass wir eine Welt, in der Mitleid notwendig ist, überwinden müssen. Er nennt das Sozialismus.
»Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« von Milo Rau ist noch am 29., 30. und 31. Januar an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen.
Samstag, 9. Januar 2016
Gewalt ist immer auch Gewalt gegen Frauen
Vom Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs einmal um die Welt und wieder zurück. Vor der Globalisierung kann man sich nicht schützen. Man muss mit ihren Folgen fertig werden.
- von Arno Widmann, Berliner Zeitung, 09./10.01.2016
Was sich in der Silvesternacht am Kölner und am Hamburger Hauptbahnhof ereignete, ist in Deutschland etwas Neues. Nicht neu ist, dass an Hauptbahnhöfen Frauen beraubt und begrapscht werden. Wer vor fünfzig Jahren in Westdeutschland aufwuchs, der weiß, dass die Bahnhofsvorplätze damals vor allem abends an den Wochenenden beliebte Treffpunkte jugendlicher Ausländer waren, die sich einen Spaß daraus machten, sich Mädchen und jungen Frauen in den Weg zu stellen und einen „Tribut“ zu fordern. Wenn zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main fünfzig, sechzig solcher Jugendlicher standen, dann wurden davon ein halbes bis ein Dutzend übergriffig. Das wurde immer wieder diskutiert. Polizei schritt ein, dann sah sie wieder weg. Irgendwann war nicht mehr die Rede davon.
Völlig neu ist aber das, was jetzt in Köln passiert sein soll: Um die tausend junge Männer sollen den Hauptbahnhof besetzt und ihn für ein paar Stunden zu ihrem eigenen Territorium gemacht haben. Sie beschossen andere mit Raketen und Böllern, schlugen um sich, stahlen und attackierten gezielt Frauen. 120 Strafanzeigen liegen inzwischen vor. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um eine gezielte, organisierte Aktion handelt. in die wohl mehrere Hundert Menschen verwickelt waren. Das ist eine neue Dimension. In Köln. Anderswo auf der Welt kommt es ständig vor. Wie immer bei solchen Aktionen wäre es ganz falsch, seine Aufmerksamkeit ganz auf Opfer und Täter zu konzentrieren. Ohne die Zuschauer, die Zuschauer bleiben, kann eine solche Situation nicht entstehen. Besonders schwerwiegend ist es, wenn Polizei zwar vor Ort ist, aber nicht einschreitet, wenn sie im Gegenteil einen Tag später erklärt, man habe das Ausmaß der Gewalttätigkeit nicht mitbekommen.
Mit den Waren wandern Menschen und Lebensweisen
Wenn nicht auch diese Seite der Entwicklung genauestens untersucht wird, wenn zum Beispiel nicht danach gefragt wird, warum die Videoüberwachung des Bahnhofs nicht zu einem schnelleren, massiveren, effektiveren Einsatz der Polizei führte, dann wissen wir, dass etwas prinzipiell falschläuft in unseren Sicherheitsbehörden. Es ist wichtig, sehr genau aufzuklären, was in der Silvesternacht passiert ist. Nicht nur um der Betroffenen dieser Nacht willen, sondern auch, um uns klar zu werden über die Situation, in der wir leben.
Wir sprechen über Diskriminierung am Arbeitsplatz, über Frauenquote, wir haben gemerkt, wie schwierig es war und ist, gegen häusliche Gewalt öffentlich vorzugehen. Mit der Möglichkeit eines organisierten öffentlichen Überfalls auf Frauen mitten in einer deutschen Großstadt haben wir nicht gerechnet. Nun wissen wir, dass wir auch, was die Diskriminierung von Frauen angeht, globalisiert werden. Mit den Waren wandern die Menschen, mit ihnen ihre Ideen und Lebensweisen und -vorstellungen.
In seinem 2014 erschienenen Buch „A Call to Action – Women, Religion, Violence and Power“ schrieb der Ex-Präsident der USA Jimmy Carter: „Wirtschaftliche Ungleichheit ist zwar ein großes und ständig wachsendes Problem, ich bin aber doch zu der Überzeugung gekommen, dass weltweit die wichtigste und viel zu wenig angegangene Herausforderung die Entrechtung und der Missbrauch von Mädchen und Frauen ist.“
Globalisierung zerstört das Verhältnis der Geschlechter
Es gibt keinen Krieg, in dem der Krieg gegen die Frauen nicht eines der wesentlichen Elemente ist. Es gibt keine Herrschaft, die sich nicht wesentlich dadurch definiert, dass sie für sich die Verfügungsgewalt über Frauen einfordert. Sei es ganz real, als das Recht auf Vergewaltigung – „ius primae noctis“ – oder aber als das Recht, ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Der erste Artikel dieser Vorschriftenkataloge lautet stets: Das Weib sei dem Manne untertan.
Die Globalisierung zerstört weltweit überkommene Lebensweisen und damit fast immer auch das Verhältnis der Geschlechter. Man mag das in vielen Fällen begrüßen. So wird zum Beispiel die weibliche Genitalverstümmelung – in vielen Weltgegenden ein wichtiges Stück Durchsetzung männlicher Dominanz – mehr und mehr infrage gestellt. Aber es wäre ganz falsch, sich die Zerstörung der alten Milieus als ein Ereignis vorzustellen, an das sich die Errichtung neuer Milieus anschließt. Das ist eine entwicklungspolitische Illusion, die davon ausgeht, dass es Einrichtungen gibt, die diesen Übergang organisieren. In Wahrheit aber sind das chaotisch verlaufende Prozesse, in denen jeder versucht, durch treten nach unten sich oben zu halten. Kaum ein Unterdrückter, der nicht noch eine Frau findet, der gegenüber er wenigstens für ein paar Minuten zeigen kann, dass er der Herr ist.
Sexualität spielt dabei immer eine Rolle. Freilich nicht die, die wir Hippienachgeburten ihr zuschreiben. Diese Art von Sexualität ist engstens mit der Macht verbunden. Venus und Mars sind hier keine Gegensätze, sondern beide leben voneinander. Wer Passantinnen in den Schritt greift, der mag das für eine sexuelle Aktion halten. Das zeigt aber nur, wie unsexy Sex für ihn ist, und wie sexy Macht und Gewalt für ihn sind. Eine Macht und Gewalt, zu der gehört, dass sie als Gruppe ausgeübt und angetan wird. Die Gemeinschaft der Krieger ist eine der Vergewaltiger. Zu einem Überfall gehört die Vergewaltigung. Das gilt nicht nur für indische und afrikanische Dörfer, das steht auch in den Annalen der römischen Geschichte. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein großes Thema vor allem der Barockmalerei.
Kein Staus quo ist sicher
Ebenfalls 2014 veröffentlichte die Journalistin Maria von Welser „Wo Frauen nichts wert sind – Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. Sie schreibt darin: „Bis heute werden täglich Tausende Frauen überall auf der Welt vergewaltigt und gefoltert. Sie werden verbrannt und gesteinigt. Ihre Genitalien werden verstümmelt, ihre weiblichen Föten abgetrieben oder ihre Töchter bei der Geburt ausgesetzt. Tagtäglich sterben mehr Mädchen und Frauen an den Folgen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt als an anderen Menschenrechtsverletzungen.“ Maria von Welser war in Afghanistan, in Indien, im Kongo und in Bosnien. Sie hat dort mit Opfern der Gewalt gesprochen. Sie hat sich ein Bild gemacht von der systematischen Ausrottung der Frau und des Weiblichen in der Welt.
Das hat doch mit dem, was bei uns geschieht, mit den schrecklichen Formen häuslicher Gewalt, mit den Diskriminierungen und Beschimpfungen, ja selbst mit den Ereignissen in Köln und Hamburg nichts zu tun? Das ist nicht richtig. Es hat ein Vierteljahrhundert gedauert von der ersten Einrichtung eines Hauses für geschlagene Frauen durch die autonome Frauenbewegung 1976 in Berlin bis zum Gewaltschutzgesetz von 2002, das Gewalttätern den Zugang zur gemeinsamen Wohnung verwehrt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass keine Errungenschaft, kein gesellschaftlicher Konsens, kein Gesetz eine sichere Grundlage ist. Kein Status quo ist sicher. Um alles muss immer wieder neu gestritten werden.
Es wäre ein Verbrechen, wir würden, was das Verhältnis der Geschlechter anginge, auch nur auf den Stand von 1989 zurückfallen. Aber es wird nicht an Versuchen fehlen, eine Welt einzurichten, die Frauen den Männern wieder stärker unterordnet. Je prekärer die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sind, desto lauter werden sich diese Stimmen wieder melden.
Wir müssen sehr genau hinschauen
Silvesternächte und ihre Feuerwerke werden immer wieder gerne als Bürgerkriege inszeniert, Massenaufläufe ziehen Diebe und andere Straftäter an. Sexuelle Belästigungen spielen dabei immer wieder eine große Rolle. So explosiv wie bei der vergangenen Jahreswende aber haben sich diese Elemente in Köln wohl lange nicht mehr verbunden. Liest man die Berichte, hört man die Augenzeugen, bekommt man das Gefühl, dass dort so etwas stattfand wie ein Pogrom.
Er brach ab, bevor es zu Leichen, Verwundeten und Schwerverletzten kam. Aber, so kann man den Polizeiberichten jetzt entnehmen, es fehlte nicht viel. Der dünne Schutzfilm Zivilisation reißt immer öfter an immer mehr Stellen. Wie viele Anschläge auf Asylbewerberheime gab es in der Silvesternacht? Wie viele Einsätze hatte die Polizei, um gegen häusliche Gewalt vorzugehen? Wie viele Schlägereien mit diesem oder jenem Hintergrund gab es in jener Nacht?
Wir wissen das nicht. Wir fragen selten danach. Wir fürchten, uns das ganze Bild vor Augen zu halten. Wir möchten schließlich in einem Land leben, das sich kümmert um Flüchtlinge, das darauf achtet, dass niemand ins Nichts fällt. Dann sehen wir, wie die einen systematisch gegen die anderen vorgehen, wie sehr sie ihren Stolz aus der Vernichtung der anderen gewinnen, und mit einem Mal haben wir Angst.
Es ist die Angst, die wir fühlten, wenn wir die Bilder eines Mobs sahen, der Flüchtlingsheime anzündete. Es ist die Angst, die wir empfanden bei der Betrachtung der Bilder aus dem Kongo. Diese Angst wird genährt vom Gefühl der Hilflosigkeit. Ein paar fest entschlossene Verbrecher können unser hübsches Gehäuse zerschlagen. Ein paar Leute, die nichts im Kopf haben, als einige Augenblicke lang sich mächtig zu fühlen, indem sie anderen Angst einjagen, zeigen uns, wie brüchig die Schale ist, die uns schützt vor dem Chaos.
Was immer passierte in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz passierte, was immer an krimineller Energie, an Testosteron, an Frauenverachtung, an Lust an der Gewalt und an Alkohol zusammenkam, wir müssen hingucken. Sehr genau hingucken. Wir werden die Angst vor diesen Bildern nur bezwingen, wenn wir sie anschauen. Genau und immer wieder. Und immer mit dem Wissen darum, dass in dem Moment, da wir das tun, ganz Ähnliches, Schlimmeres auch, sich an zig Orten in der Welt abspielt. Wir müssen daran denken, dass wir, wenn wir gegen die Gewalttäter am Kölner Hauptbahnhof vorgehen, wir zeigen, dass wir nicht hilflos sind, dass die Gewalt, so gerne sie es auch hätte, nicht das letzte Wort hat.
- von Arno Widmann, Berliner Zeitung, 09./10.01.2016
Was sich in der Silvesternacht am Kölner und am Hamburger Hauptbahnhof ereignete, ist in Deutschland etwas Neues. Nicht neu ist, dass an Hauptbahnhöfen Frauen beraubt und begrapscht werden. Wer vor fünfzig Jahren in Westdeutschland aufwuchs, der weiß, dass die Bahnhofsvorplätze damals vor allem abends an den Wochenenden beliebte Treffpunkte jugendlicher Ausländer waren, die sich einen Spaß daraus machten, sich Mädchen und jungen Frauen in den Weg zu stellen und einen „Tribut“ zu fordern. Wenn zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main fünfzig, sechzig solcher Jugendlicher standen, dann wurden davon ein halbes bis ein Dutzend übergriffig. Das wurde immer wieder diskutiert. Polizei schritt ein, dann sah sie wieder weg. Irgendwann war nicht mehr die Rede davon.
Völlig neu ist aber das, was jetzt in Köln passiert sein soll: Um die tausend junge Männer sollen den Hauptbahnhof besetzt und ihn für ein paar Stunden zu ihrem eigenen Territorium gemacht haben. Sie beschossen andere mit Raketen und Böllern, schlugen um sich, stahlen und attackierten gezielt Frauen. 120 Strafanzeigen liegen inzwischen vor. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um eine gezielte, organisierte Aktion handelt. in die wohl mehrere Hundert Menschen verwickelt waren. Das ist eine neue Dimension. In Köln. Anderswo auf der Welt kommt es ständig vor. Wie immer bei solchen Aktionen wäre es ganz falsch, seine Aufmerksamkeit ganz auf Opfer und Täter zu konzentrieren. Ohne die Zuschauer, die Zuschauer bleiben, kann eine solche Situation nicht entstehen. Besonders schwerwiegend ist es, wenn Polizei zwar vor Ort ist, aber nicht einschreitet, wenn sie im Gegenteil einen Tag später erklärt, man habe das Ausmaß der Gewalttätigkeit nicht mitbekommen.
Mit den Waren wandern Menschen und Lebensweisen
Wenn nicht auch diese Seite der Entwicklung genauestens untersucht wird, wenn zum Beispiel nicht danach gefragt wird, warum die Videoüberwachung des Bahnhofs nicht zu einem schnelleren, massiveren, effektiveren Einsatz der Polizei führte, dann wissen wir, dass etwas prinzipiell falschläuft in unseren Sicherheitsbehörden. Es ist wichtig, sehr genau aufzuklären, was in der Silvesternacht passiert ist. Nicht nur um der Betroffenen dieser Nacht willen, sondern auch, um uns klar zu werden über die Situation, in der wir leben.
Wir sprechen über Diskriminierung am Arbeitsplatz, über Frauenquote, wir haben gemerkt, wie schwierig es war und ist, gegen häusliche Gewalt öffentlich vorzugehen. Mit der Möglichkeit eines organisierten öffentlichen Überfalls auf Frauen mitten in einer deutschen Großstadt haben wir nicht gerechnet. Nun wissen wir, dass wir auch, was die Diskriminierung von Frauen angeht, globalisiert werden. Mit den Waren wandern die Menschen, mit ihnen ihre Ideen und Lebensweisen und -vorstellungen.
In seinem 2014 erschienenen Buch „A Call to Action – Women, Religion, Violence and Power“ schrieb der Ex-Präsident der USA Jimmy Carter: „Wirtschaftliche Ungleichheit ist zwar ein großes und ständig wachsendes Problem, ich bin aber doch zu der Überzeugung gekommen, dass weltweit die wichtigste und viel zu wenig angegangene Herausforderung die Entrechtung und der Missbrauch von Mädchen und Frauen ist.“
Globalisierung zerstört das Verhältnis der Geschlechter
Es gibt keinen Krieg, in dem der Krieg gegen die Frauen nicht eines der wesentlichen Elemente ist. Es gibt keine Herrschaft, die sich nicht wesentlich dadurch definiert, dass sie für sich die Verfügungsgewalt über Frauen einfordert. Sei es ganz real, als das Recht auf Vergewaltigung – „ius primae noctis“ – oder aber als das Recht, ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Der erste Artikel dieser Vorschriftenkataloge lautet stets: Das Weib sei dem Manne untertan.
Die Globalisierung zerstört weltweit überkommene Lebensweisen und damit fast immer auch das Verhältnis der Geschlechter. Man mag das in vielen Fällen begrüßen. So wird zum Beispiel die weibliche Genitalverstümmelung – in vielen Weltgegenden ein wichtiges Stück Durchsetzung männlicher Dominanz – mehr und mehr infrage gestellt. Aber es wäre ganz falsch, sich die Zerstörung der alten Milieus als ein Ereignis vorzustellen, an das sich die Errichtung neuer Milieus anschließt. Das ist eine entwicklungspolitische Illusion, die davon ausgeht, dass es Einrichtungen gibt, die diesen Übergang organisieren. In Wahrheit aber sind das chaotisch verlaufende Prozesse, in denen jeder versucht, durch treten nach unten sich oben zu halten. Kaum ein Unterdrückter, der nicht noch eine Frau findet, der gegenüber er wenigstens für ein paar Minuten zeigen kann, dass er der Herr ist.
Sexualität spielt dabei immer eine Rolle. Freilich nicht die, die wir Hippienachgeburten ihr zuschreiben. Diese Art von Sexualität ist engstens mit der Macht verbunden. Venus und Mars sind hier keine Gegensätze, sondern beide leben voneinander. Wer Passantinnen in den Schritt greift, der mag das für eine sexuelle Aktion halten. Das zeigt aber nur, wie unsexy Sex für ihn ist, und wie sexy Macht und Gewalt für ihn sind. Eine Macht und Gewalt, zu der gehört, dass sie als Gruppe ausgeübt und angetan wird. Die Gemeinschaft der Krieger ist eine der Vergewaltiger. Zu einem Überfall gehört die Vergewaltigung. Das gilt nicht nur für indische und afrikanische Dörfer, das steht auch in den Annalen der römischen Geschichte. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein großes Thema vor allem der Barockmalerei.
Kein Staus quo ist sicher
Ebenfalls 2014 veröffentlichte die Journalistin Maria von Welser „Wo Frauen nichts wert sind – Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. Sie schreibt darin: „Bis heute werden täglich Tausende Frauen überall auf der Welt vergewaltigt und gefoltert. Sie werden verbrannt und gesteinigt. Ihre Genitalien werden verstümmelt, ihre weiblichen Föten abgetrieben oder ihre Töchter bei der Geburt ausgesetzt. Tagtäglich sterben mehr Mädchen und Frauen an den Folgen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt als an anderen Menschenrechtsverletzungen.“ Maria von Welser war in Afghanistan, in Indien, im Kongo und in Bosnien. Sie hat dort mit Opfern der Gewalt gesprochen. Sie hat sich ein Bild gemacht von der systematischen Ausrottung der Frau und des Weiblichen in der Welt.
Das hat doch mit dem, was bei uns geschieht, mit den schrecklichen Formen häuslicher Gewalt, mit den Diskriminierungen und Beschimpfungen, ja selbst mit den Ereignissen in Köln und Hamburg nichts zu tun? Das ist nicht richtig. Es hat ein Vierteljahrhundert gedauert von der ersten Einrichtung eines Hauses für geschlagene Frauen durch die autonome Frauenbewegung 1976 in Berlin bis zum Gewaltschutzgesetz von 2002, das Gewalttätern den Zugang zur gemeinsamen Wohnung verwehrt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass keine Errungenschaft, kein gesellschaftlicher Konsens, kein Gesetz eine sichere Grundlage ist. Kein Status quo ist sicher. Um alles muss immer wieder neu gestritten werden.
Es wäre ein Verbrechen, wir würden, was das Verhältnis der Geschlechter anginge, auch nur auf den Stand von 1989 zurückfallen. Aber es wird nicht an Versuchen fehlen, eine Welt einzurichten, die Frauen den Männern wieder stärker unterordnet. Je prekärer die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sind, desto lauter werden sich diese Stimmen wieder melden.
Wir müssen sehr genau hinschauen
Silvesternächte und ihre Feuerwerke werden immer wieder gerne als Bürgerkriege inszeniert, Massenaufläufe ziehen Diebe und andere Straftäter an. Sexuelle Belästigungen spielen dabei immer wieder eine große Rolle. So explosiv wie bei der vergangenen Jahreswende aber haben sich diese Elemente in Köln wohl lange nicht mehr verbunden. Liest man die Berichte, hört man die Augenzeugen, bekommt man das Gefühl, dass dort so etwas stattfand wie ein Pogrom.
Er brach ab, bevor es zu Leichen, Verwundeten und Schwerverletzten kam. Aber, so kann man den Polizeiberichten jetzt entnehmen, es fehlte nicht viel. Der dünne Schutzfilm Zivilisation reißt immer öfter an immer mehr Stellen. Wie viele Anschläge auf Asylbewerberheime gab es in der Silvesternacht? Wie viele Einsätze hatte die Polizei, um gegen häusliche Gewalt vorzugehen? Wie viele Schlägereien mit diesem oder jenem Hintergrund gab es in jener Nacht?
Wir wissen das nicht. Wir fragen selten danach. Wir fürchten, uns das ganze Bild vor Augen zu halten. Wir möchten schließlich in einem Land leben, das sich kümmert um Flüchtlinge, das darauf achtet, dass niemand ins Nichts fällt. Dann sehen wir, wie die einen systematisch gegen die anderen vorgehen, wie sehr sie ihren Stolz aus der Vernichtung der anderen gewinnen, und mit einem Mal haben wir Angst.
Es ist die Angst, die wir fühlten, wenn wir die Bilder eines Mobs sahen, der Flüchtlingsheime anzündete. Es ist die Angst, die wir empfanden bei der Betrachtung der Bilder aus dem Kongo. Diese Angst wird genährt vom Gefühl der Hilflosigkeit. Ein paar fest entschlossene Verbrecher können unser hübsches Gehäuse zerschlagen. Ein paar Leute, die nichts im Kopf haben, als einige Augenblicke lang sich mächtig zu fühlen, indem sie anderen Angst einjagen, zeigen uns, wie brüchig die Schale ist, die uns schützt vor dem Chaos.
Was immer passierte in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz passierte, was immer an krimineller Energie, an Testosteron, an Frauenverachtung, an Lust an der Gewalt und an Alkohol zusammenkam, wir müssen hingucken. Sehr genau hingucken. Wir werden die Angst vor diesen Bildern nur bezwingen, wenn wir sie anschauen. Genau und immer wieder. Und immer mit dem Wissen darum, dass in dem Moment, da wir das tun, ganz Ähnliches, Schlimmeres auch, sich an zig Orten in der Welt abspielt. Wir müssen daran denken, dass wir, wenn wir gegen die Gewalttäter am Kölner Hauptbahnhof vorgehen, wir zeigen, dass wir nicht hilflos sind, dass die Gewalt, so gerne sie es auch hätte, nicht das letzte Wort hat.
Freitag, 6. November 2015
Was hätte er zu ihnen gesagt?
Am 12. November wäre Roland Barthes 100 Jahre alt geworden. Klaus Walter hat dem französische Philosophen eine eigene Lesart von Pop zu verdanken.
- von Klaus Walter, Jungle World, 05.11.2015
Kleines Gesellschaftsspiel: über Musik sprechen, ohne jemals ein einziges Adjektiv zu verwenden.« Das wär’ doch was. »Jedes Bild von ihm ist ihm selbst unerträglich, er leidet darunter, genannt zu werden. Er meint, daß die Vollkommenheit einer menschlichen Beziehung auf der Vakanz des Bildes beruht: untereinander, vom einen zum andern, die Adjektive abschaffen; eine Beziehung, die sich mit Adjektiven versieht, ist auf Seiten des Bildes, auf der Seite der Herrschaft, des Todes.«
Bei keinem anderen Autor geht es mir so: Ich lese, was er über etwas schreibt, das ich nicht kenne, und ich übertrage es auf etwas, das ich kenne. Und andersrum: ich höre Musik, die Barthes nicht kannte, kennen konnte, und übertrage einen Text von ihm auf das Gehörte. Das hier schrieb er nicht über die Beatles:
»Sehr selten gibt es Künstler, die auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Populär würde ich genau den Künstler nennen, der sowohl den Leuten gefällt, die über schwierige und subtile Lektürekriterien verfügen, wie auch denen, denen sie fehlen.«
Die Beatles zum Beispiel, zumal sie nicht ein Künstler waren sondern deren vier, die ein komplexes, nicht von eindeutigen (Hetero-)Hierarchien geprägtes Beziehungsgeflecht verbindet, wie auch bei den Rolling Stones. Und die, weil sie vier unterschiedliche Typen sind, umso leichter auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Wen aber meint Barthes? »In einer anderen Kunst als der Musik gibt es einen Mann, der mir in typischer Weise dieser sehr seltenen Funktion zu entsprechen scheint, es ist Charlie Chaplin. Er hat Filme produziert, die Milliarden Kinder und Erwachsene aller Altersstufen zum Lachen gebracht und zugleich mit voller Berechtigung zu den schwierigsten und subtilsten Auslegungen Anlass gegeben haben. Chaplin drückt im übrigen wie Schubert einen gewissen Zustand der Unschuld aus … «
Äpfel mit Birnen vergleichen, das ist eine Stärke von Roland Barthes, und nebenher werden die falschen Dichotomien von E & U und Hi & Lo ausgehebelt.
Nicht in der Musik von Burial oder Theo Parrish hört Barthes »eigentlich keine einzige Note, keine Grammatik, keinen Sinn, nichts, was eine irgendwie geartete intelligible Struktur des Werks wiederherzustellen erlauben würde. Nein, was ich höre, sind Schläge: ich höre das, was im Körper schlägt, was den Körper schlägt, oder besser: diesen Körper, der schlägt.«
Nein, Barthes, 1980 bei einem Verkehrsunfall gestorben, schreibt nicht über Dubstep oder House. »Folgendermaßen höre ich den Körper von Schumann (der hatte mit Sicherheit einen Körper, und was für einen Körper! Sein Körper war das, was er noch dazu hatte): in der ersten der ›Kreisleriana‹ rollt es sich zusammen und dann webt es, in der zweiten streckt es sich und dann erwacht es … « So könnte es gehen: ohne Adjektive über Musik sprechen. Dabei habe ich nie versucht, den Körper und die Schläge bei Schumann so zu hören, wie Barthes sie gehört hat, vermutlich in dem Wissen, dass ich aus einer sozialen Klasse komme, die mir den frühen Zugang zu Schumann und Schubert verwehrt hat, so dass sie keine verführerische Macht auf mich ausüben konnten. Dafür hörte ich die Schläge bei Burial, 2006, und schrieb: »Hört man Dubstep in einer windigen Algarvenacht bei grünem Supermarktwein in Gesellschaft einer Psychoanalytikerin, dann kommt man schnell drauf. Dubstep ist super, weil er die pränatale Koenästhesie wiederbelebt. So heißt die urnarzisstische Erfahrung des Fötus im Mutterbauch: er genießt den versorgenden Uterus, kennt nicht Hunger, Angst und Abhängigkeit, die böse Welt da draußen. Guter Dubstep ist wie ein Sog in den Uterus. Englische Kritiker sprechen von einem ›womblike sound‹ und betonen seine ›weibliche Unterseite‹. Wäre das alles, dann könnte sich die Wellness-Industrie Dubstep ins Regal stellen – bitte vor Enya einordnen! Das Fabelhafte an gutem Dubstep aber ist die Synthese: die Musik von Skream, Digital Mysticz und vor allem Burial ist kein Wohlfühltrank für Esoteriker, sie hat auch Töne für die ursprüngliche Aggression, die Zäsur der Geburt hinein in die feindliche Welt. Vom Wasserbad der Fruchtblase in den Regen von London – diese Bewegung verkörper(lich)t das Album von Burial.«
Auf solche Ideen wäre ich ohne Barthes-Lektüre nie gekommen, die Initiation waren die »Mythen des Alltags«, 1954 veröffentlicht, erstmals 1975, 76 beim Trampen durch Frankreich gelesen. Tatsächlich verwendet Barthes immer wieder den im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzten Begriff der Koenästhesie (beziehungsweise Zönästhesie), um die komplizierten Interaktionen von Körper und Psyche zu benennen, die sich abspielen, wenn wir zum Beispiel Musik hören, Schläge, allein zu Hause, oder besser, nachts im Club: »Der Schlag kann diese oder jene Figur annehmen, die nicht zwangsläufig die einer heftigen, wütenden Betonung sein muß. Da jedoch jegliche Figur der Ordnung der Wollust angehört, kann keine einzige ein romantisches Prädikat zugewiesen bekommen (sogar und vor allem wenn sie von einem romantischen Musiker vorgebracht wird) … der Rang der Figur ist nicht an die seelischen Zustände gebunden, sondern an die subtilen Bewegungen des Körpers, an diese ganze differentielle Koenästhesie, an dieses histologische Moirégewebe, woraus der lebende Körper gemacht ist.«
Ich lese Barthes, wie ich als Kind Pop-Musik gehört habe (und heute noch höre, manchmal): mit dem unbedingten Willen, genau das genau jetzt gutzufinden, ohne es bis ins Letzte zu verstehen – es aber koenästhetisch zu verstehen. Der Begriff kommt vom griechischen koinos und aisthesis, in den Fußnoten der »Mythen des Alltags« wird er – unzulänglich – als »Gemeingefühl« übersetzt. Für Mona Körte und Anne-Kathrin Reulecke, Herausgeberinnen eines Aufsatzbandes über das Buch, »betreibt Barthes in produktiver Nähe zu Gaston Bachelard eine Psychoanalyse der Substanzen und Materialien. Hatte doch auch Bachelard der unmittelbaren Alltagswahrnehmung und, wie auch er es explizit sagt, dem ›gesunden Menschenverstand‹ zutiefst misstraut.«
Gerade erleben wir, wie der gesunde Menschenverstand des deutschen Gemütsmenschen umschlägt: vom passiven, gleichmütigen Konformismus in aktiven, aggressiven Normalismus. Barthes’ Misstrauen, oft von Ekel begleitet, ist also angebracht und hilft ihm, »Pseudonatur als Geschichte (zu) dechiffrieren«, so Horst Brühmann, sich nicht damit abzufinden, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, dass sie nicht Natur sind, sondern Gemachtes, Konstruiertes. Als ich die »Mythen« zum ersten Mal las, war mein Interesse an Pop-Musik auf einem Tiefpunkt, auf den Punkt gebracht in einem der dümmsten Sätze der Pop-Geschichte: »It’s only rock ’n’ roll but i like it«, ein Hit der Rolling Stones von 1974, der im Titel alles dementiert, was Rock ’n’ Roll, also Pop jemals interessant und aufregend gemacht hatte: dass es da um Tod oder Leben ging, um Provinz oder Großstadt, Fußballverein oder Plattenladen. Mit Barthes habe ich kapiert, dass es viel mehr ist als bloß Rock ’n’ Roll und dass ich wissen will, was ich warum liebe und nicht bloß like. Ein Buch wie eine Impfung.
Claude Haas vergleicht die »Mythen« mit Theodor W. Adornos »Minima Moralia« und sieht neben einigen Parallelen bei Barthes eine »signifikante strukturelle Gegenfigur« zu dem, was er Adornos »Emphase des dialektischen Umschlags« zum Besseren, zum, mit Hölderlin, »Rettenden auch« nennt: die Impfung! 1975 impfte Barthes mich gegen die eschatologischen Lebenslügen einer Linken, die am Aberglauben vom Lauf der Geschichte und an ihrer positiven Kindergarten-Dialektik festhält, obwohl sich die Welt gerade ganz woanders hindrehte, kurz vor Stammheim. Die »Mythen« sind das Serum gegen hippieeske, protogrüne Ideologien der Natürlichkeit, des Unwillkürlichen und Authentischen in den Künsten. Mona Körte: »In den ›Mythen des Alltags‹ folgen die Verweise auf die Gemachtheit von Gesichtern eher indirekten Regeln, die die Geschichtlichkeit der Gesichtlichkeit, die Tatsache ihrer Gewordenheit durch mediale Transformationen und historische Gegebenheiten in die sie formenden Materialien hinein verlegt, genauer über das gezielte Aufrufen des gestaltenden Materials den inszenierten Schauspielergesichtern wieder zurückerstattet: Ist das der Garbo ›gipsern‹, ›aus Schnee‹, dabei nicht gemalt, sondern ›aus dem Glatten und dem Mürben‹ geformt, so ist das Charlie Chaplins mehlig.«
Mit Barthes habe ich Roxy Music und Warhol kapiert, Velvet Underground revisited und war bereit für die künstlichen Paradiese und Höllen von Disco, Punk und New Wave – zumindest könnte es so gewesen sein, wenn ich meine Biographie ein bisschen photoshoppe.
»Die Wirkung des Catchens liegt darin, daß es ein übertriebenes Schauspiel ist.« So lautet der erste Satz der »Mythen des Alltags« über »Die Welt des Catchens«. Darin beschreibt der – nichtheterosexuelle – Zeichentheoretiker, wie »Gesten, Posen und Mimiken fortwährend zur besseren Lesbarkeit des Kampfes beitragen« und wie die Physis der catchenden Männer ihr Verhalten vorzeichnet: da ist der »lächerliche Hahnrei«, der »arrogante Gockel« und eine »rachsüchtige Schlampe« namens Orsano, ein »effeminierter Jazzfan, der anfangs im blau-rosa Bademantel auftrat«. Was hätte Roland Barthes zu der Sorte Catchen gesagt, die in »Close up« zu sehen ist, dem aktuellen Video von Peaches? Darin spielt Kim Gordon in grüner Bomberjacke zu rotem Lippenstift den dominant bossigen, E-Zigarette rauchenden Coach der Wrestlerin Peaches, die zum Warmmachen auf Schweinehälften einboxt. Später steht Gordon im weißen Prinz-von-Homburg/René-Weller-Gedächtnis-Pelz am Ring, nebst XXL-Sonnenbrille. Das Catcher-Spektakel kriegt einen Dreh ins Genderfluide.
Hier die überzeichneten Witzfiguren aus dem Barthes’schen Bestiarium des Männer-Wrestling: ölige Muskelprotze, ein kleinwüchsiger Freak, ein voluminöser Glatzkopf, dem braune Soße aus dem Hintern quillt, die er Peaches ins Gesicht schmiert. Dort: Catch-People von unbestimmter Geschlechtlichkeit und polymorpher Sexualität, auch mal im rosa Petticoat. Aus einer nackten Frauenbrust spritzt weiße Flüssigkeit – in Peaches geöffneten Mund. Für Barthes war Catchen »der einzige Sport, der sich nach außen hin den Anschein der Folter gibt«. Bei Peaches ist Wrestling ein Sport, der sich nach außen hin den Anschein von BDSM und lesbischem Sex gibt. Lesbischer Sex, der pornoaffin auch zum Plaisier heterosexueller Männer inszeniert wird. Peaches und ihr Regisseur Vice Cooler plündern die Bilderwelt von »Ultimate Surrender«, einem Wachstumssegment der Wachstumsbranche Pornographie. Eine Reality-Show mit nackten Frauen beim Wrestling, das – angeblich ohne Script! – in Fucking übergeht, gerne mit Dildo-Penetration und Torturen für die Unterlegene. Sexual wrestling sei für echte Sportfans, so die Botschaft. Das Video zu »Close up« kann also gelesen werden als Kommentar zu einem Pornophänomen, so wie das komplette Peaches-Album als Reflexion zum Stand der Körperdinge im Zeitalter der digitalen Massenpornographie.
Was hätte Roland Barthes wohl zum Porno von heute gesagt? Oder zur Ehe für alle, die ja gerade in Frankreich auf massenhaften Widerstand stößt? Beim Wiederlesen der nunmehr vollständigen Ausgabe der »Mythen des Alltags« überrascht die Verve, mit der Barthes immer wieder die (klein)bürgerliche Familie ins Visier nimmt, wie er schon im Vorwort von 1970 die »bürgerliche Norm« als »Hauptfeind« ausmacht. »Frauen sind auf der Welt, um den Männern Kinder zu schenken«, schreibt er mit dem distanziert angeekelten Blick des Zoologen, der sich mit niederen Kreaturen beschäftigen muss. Das französische »Imitationsspielzeug« wolle »aus den Kindern Benutzer, nicht Schöpfer machen« und »kleine spießige Eigentümer«, schon das Material des Spielzeugs »führt in eine Koenästhesie (Zönästhesie) des Gebrauchs, nicht der Lust«.
Seiner Autobiographie »Über mich selbst« hat Barthes 40 Seiten mit Fotos vorangestellt, viele mit der geliebten Mutter – als der Vater im Krieg stirbt, ist Roland noch ein Baby. Ein Foto zeigt den vielleicht 16jährigen am Strand, die Mutter lehnt an seiner Schulter, im Arm hält sie Rolands kleinen Halbbruder. »Die Familie ohne den Familiarismus«, steht über dem ödipalen Dreieck. »Kein Vater zum Töten, keine Familie zum Hassen, kein Milieu zum Ablehnen, die große ödipale Frustration«, schreibt er an anderer Stelle.
Seine Homosexualität spielt in den »Mythen« keine Rolle. Sicher ist das den Konventionen der Zeit geschuldet, aber Barthes mag auch befürchtet haben, dass seine Kritik am bürgerlichen Familiarismus von der Gegenseite unter Hinweis auf seine eigene, abweichende Sexualität diskreditiert werden könnte. Dabei schreibt ein nichtheterosexueller Mann zu dieser Zeit ja tatsächlich aus dem Außen, wenn er über die Familie schreibt und er bleibt im Außen, weil ihm – aus damaliger Sicht – eine Familie niemals vergönnt sein wird. Das schärft den Blick und nimmt der Kritik dennoch nichts von ihrer Berechtigung. Im heutigen Frankreich müsste Barthes einen Ausweg finden zwischen homophoben Gegnern der Ehe für alle und schwullesbischen Realos, die für ihre kleine Familie kämpfen. Gern hätte ich auch gelesen, was Barthes zu den maskulinistischen Inszenierungen der Sarkozys und Hollandes gesagt hätte. Oder zu den maskulinistischen Exzessen eines Strauss-Kahn. Zu schade.
Bei keinem anderen Autor geht es mir so: Ich lese, was er über etwas schreibt, das ich nicht kenne, und ich übertrage es auf etwas, das ich kenne. Und andersrum: ich höre Musik, die Barthes nicht kannte, kennen konnte, und übertrage einen Text von ihm auf das Gehörte. Das hier schrieb er nicht über die Beatles:
»Sehr selten gibt es Künstler, die auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Populär würde ich genau den Künstler nennen, der sowohl den Leuten gefällt, die über schwierige und subtile Lektürekriterien verfügen, wie auch denen, denen sie fehlen.«
Die Beatles zum Beispiel, zumal sie nicht ein Künstler waren sondern deren vier, die ein komplexes, nicht von eindeutigen (Hetero-)Hierarchien geprägtes Beziehungsgeflecht verbindet, wie auch bei den Rolling Stones. Und die, weil sie vier unterschiedliche Typen sind, umso leichter auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Wen aber meint Barthes? »In einer anderen Kunst als der Musik gibt es einen Mann, der mir in typischer Weise dieser sehr seltenen Funktion zu entsprechen scheint, es ist Charlie Chaplin. Er hat Filme produziert, die Milliarden Kinder und Erwachsene aller Altersstufen zum Lachen gebracht und zugleich mit voller Berechtigung zu den schwierigsten und subtilsten Auslegungen Anlass gegeben haben. Chaplin drückt im übrigen wie Schubert einen gewissen Zustand der Unschuld aus … «
Äpfel mit Birnen vergleichen, das ist eine Stärke von Roland Barthes, und nebenher werden die falschen Dichotomien von E & U und Hi & Lo ausgehebelt.
Nicht in der Musik von Burial oder Theo Parrish hört Barthes »eigentlich keine einzige Note, keine Grammatik, keinen Sinn, nichts, was eine irgendwie geartete intelligible Struktur des Werks wiederherzustellen erlauben würde. Nein, was ich höre, sind Schläge: ich höre das, was im Körper schlägt, was den Körper schlägt, oder besser: diesen Körper, der schlägt.«
Nein, Barthes, 1980 bei einem Verkehrsunfall gestorben, schreibt nicht über Dubstep oder House. »Folgendermaßen höre ich den Körper von Schumann (der hatte mit Sicherheit einen Körper, und was für einen Körper! Sein Körper war das, was er noch dazu hatte): in der ersten der ›Kreisleriana‹ rollt es sich zusammen und dann webt es, in der zweiten streckt es sich und dann erwacht es … « So könnte es gehen: ohne Adjektive über Musik sprechen. Dabei habe ich nie versucht, den Körper und die Schläge bei Schumann so zu hören, wie Barthes sie gehört hat, vermutlich in dem Wissen, dass ich aus einer sozialen Klasse komme, die mir den frühen Zugang zu Schumann und Schubert verwehrt hat, so dass sie keine verführerische Macht auf mich ausüben konnten. Dafür hörte ich die Schläge bei Burial, 2006, und schrieb: »Hört man Dubstep in einer windigen Algarvenacht bei grünem Supermarktwein in Gesellschaft einer Psychoanalytikerin, dann kommt man schnell drauf. Dubstep ist super, weil er die pränatale Koenästhesie wiederbelebt. So heißt die urnarzisstische Erfahrung des Fötus im Mutterbauch: er genießt den versorgenden Uterus, kennt nicht Hunger, Angst und Abhängigkeit, die böse Welt da draußen. Guter Dubstep ist wie ein Sog in den Uterus. Englische Kritiker sprechen von einem ›womblike sound‹ und betonen seine ›weibliche Unterseite‹. Wäre das alles, dann könnte sich die Wellness-Industrie Dubstep ins Regal stellen – bitte vor Enya einordnen! Das Fabelhafte an gutem Dubstep aber ist die Synthese: die Musik von Skream, Digital Mysticz und vor allem Burial ist kein Wohlfühltrank für Esoteriker, sie hat auch Töne für die ursprüngliche Aggression, die Zäsur der Geburt hinein in die feindliche Welt. Vom Wasserbad der Fruchtblase in den Regen von London – diese Bewegung verkörper(lich)t das Album von Burial.«
Auf solche Ideen wäre ich ohne Barthes-Lektüre nie gekommen, die Initiation waren die »Mythen des Alltags«, 1954 veröffentlicht, erstmals 1975, 76 beim Trampen durch Frankreich gelesen. Tatsächlich verwendet Barthes immer wieder den im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzten Begriff der Koenästhesie (beziehungsweise Zönästhesie), um die komplizierten Interaktionen von Körper und Psyche zu benennen, die sich abspielen, wenn wir zum Beispiel Musik hören, Schläge, allein zu Hause, oder besser, nachts im Club: »Der Schlag kann diese oder jene Figur annehmen, die nicht zwangsläufig die einer heftigen, wütenden Betonung sein muß. Da jedoch jegliche Figur der Ordnung der Wollust angehört, kann keine einzige ein romantisches Prädikat zugewiesen bekommen (sogar und vor allem wenn sie von einem romantischen Musiker vorgebracht wird) … der Rang der Figur ist nicht an die seelischen Zustände gebunden, sondern an die subtilen Bewegungen des Körpers, an diese ganze differentielle Koenästhesie, an dieses histologische Moirégewebe, woraus der lebende Körper gemacht ist.«
Ich lese Barthes, wie ich als Kind Pop-Musik gehört habe (und heute noch höre, manchmal): mit dem unbedingten Willen, genau das genau jetzt gutzufinden, ohne es bis ins Letzte zu verstehen – es aber koenästhetisch zu verstehen. Der Begriff kommt vom griechischen koinos und aisthesis, in den Fußnoten der »Mythen des Alltags« wird er – unzulänglich – als »Gemeingefühl« übersetzt. Für Mona Körte und Anne-Kathrin Reulecke, Herausgeberinnen eines Aufsatzbandes über das Buch, »betreibt Barthes in produktiver Nähe zu Gaston Bachelard eine Psychoanalyse der Substanzen und Materialien. Hatte doch auch Bachelard der unmittelbaren Alltagswahrnehmung und, wie auch er es explizit sagt, dem ›gesunden Menschenverstand‹ zutiefst misstraut.«
Gerade erleben wir, wie der gesunde Menschenverstand des deutschen Gemütsmenschen umschlägt: vom passiven, gleichmütigen Konformismus in aktiven, aggressiven Normalismus. Barthes’ Misstrauen, oft von Ekel begleitet, ist also angebracht und hilft ihm, »Pseudonatur als Geschichte (zu) dechiffrieren«, so Horst Brühmann, sich nicht damit abzufinden, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, dass sie nicht Natur sind, sondern Gemachtes, Konstruiertes. Als ich die »Mythen« zum ersten Mal las, war mein Interesse an Pop-Musik auf einem Tiefpunkt, auf den Punkt gebracht in einem der dümmsten Sätze der Pop-Geschichte: »It’s only rock ’n’ roll but i like it«, ein Hit der Rolling Stones von 1974, der im Titel alles dementiert, was Rock ’n’ Roll, also Pop jemals interessant und aufregend gemacht hatte: dass es da um Tod oder Leben ging, um Provinz oder Großstadt, Fußballverein oder Plattenladen. Mit Barthes habe ich kapiert, dass es viel mehr ist als bloß Rock ’n’ Roll und dass ich wissen will, was ich warum liebe und nicht bloß like. Ein Buch wie eine Impfung.
Claude Haas vergleicht die »Mythen« mit Theodor W. Adornos »Minima Moralia« und sieht neben einigen Parallelen bei Barthes eine »signifikante strukturelle Gegenfigur« zu dem, was er Adornos »Emphase des dialektischen Umschlags« zum Besseren, zum, mit Hölderlin, »Rettenden auch« nennt: die Impfung! 1975 impfte Barthes mich gegen die eschatologischen Lebenslügen einer Linken, die am Aberglauben vom Lauf der Geschichte und an ihrer positiven Kindergarten-Dialektik festhält, obwohl sich die Welt gerade ganz woanders hindrehte, kurz vor Stammheim. Die »Mythen« sind das Serum gegen hippieeske, protogrüne Ideologien der Natürlichkeit, des Unwillkürlichen und Authentischen in den Künsten. Mona Körte: »In den ›Mythen des Alltags‹ folgen die Verweise auf die Gemachtheit von Gesichtern eher indirekten Regeln, die die Geschichtlichkeit der Gesichtlichkeit, die Tatsache ihrer Gewordenheit durch mediale Transformationen und historische Gegebenheiten in die sie formenden Materialien hinein verlegt, genauer über das gezielte Aufrufen des gestaltenden Materials den inszenierten Schauspielergesichtern wieder zurückerstattet: Ist das der Garbo ›gipsern‹, ›aus Schnee‹, dabei nicht gemalt, sondern ›aus dem Glatten und dem Mürben‹ geformt, so ist das Charlie Chaplins mehlig.«
Mit Barthes habe ich Roxy Music und Warhol kapiert, Velvet Underground revisited und war bereit für die künstlichen Paradiese und Höllen von Disco, Punk und New Wave – zumindest könnte es so gewesen sein, wenn ich meine Biographie ein bisschen photoshoppe.
»Die Wirkung des Catchens liegt darin, daß es ein übertriebenes Schauspiel ist.« So lautet der erste Satz der »Mythen des Alltags« über »Die Welt des Catchens«. Darin beschreibt der – nichtheterosexuelle – Zeichentheoretiker, wie »Gesten, Posen und Mimiken fortwährend zur besseren Lesbarkeit des Kampfes beitragen« und wie die Physis der catchenden Männer ihr Verhalten vorzeichnet: da ist der »lächerliche Hahnrei«, der »arrogante Gockel« und eine »rachsüchtige Schlampe« namens Orsano, ein »effeminierter Jazzfan, der anfangs im blau-rosa Bademantel auftrat«. Was hätte Roland Barthes zu der Sorte Catchen gesagt, die in »Close up« zu sehen ist, dem aktuellen Video von Peaches? Darin spielt Kim Gordon in grüner Bomberjacke zu rotem Lippenstift den dominant bossigen, E-Zigarette rauchenden Coach der Wrestlerin Peaches, die zum Warmmachen auf Schweinehälften einboxt. Später steht Gordon im weißen Prinz-von-Homburg/René-Weller-Gedächtnis-Pelz am Ring, nebst XXL-Sonnenbrille. Das Catcher-Spektakel kriegt einen Dreh ins Genderfluide.
Hier die überzeichneten Witzfiguren aus dem Barthes’schen Bestiarium des Männer-Wrestling: ölige Muskelprotze, ein kleinwüchsiger Freak, ein voluminöser Glatzkopf, dem braune Soße aus dem Hintern quillt, die er Peaches ins Gesicht schmiert. Dort: Catch-People von unbestimmter Geschlechtlichkeit und polymorpher Sexualität, auch mal im rosa Petticoat. Aus einer nackten Frauenbrust spritzt weiße Flüssigkeit – in Peaches geöffneten Mund. Für Barthes war Catchen »der einzige Sport, der sich nach außen hin den Anschein der Folter gibt«. Bei Peaches ist Wrestling ein Sport, der sich nach außen hin den Anschein von BDSM und lesbischem Sex gibt. Lesbischer Sex, der pornoaffin auch zum Plaisier heterosexueller Männer inszeniert wird. Peaches und ihr Regisseur Vice Cooler plündern die Bilderwelt von »Ultimate Surrender«, einem Wachstumssegment der Wachstumsbranche Pornographie. Eine Reality-Show mit nackten Frauen beim Wrestling, das – angeblich ohne Script! – in Fucking übergeht, gerne mit Dildo-Penetration und Torturen für die Unterlegene. Sexual wrestling sei für echte Sportfans, so die Botschaft. Das Video zu »Close up« kann also gelesen werden als Kommentar zu einem Pornophänomen, so wie das komplette Peaches-Album als Reflexion zum Stand der Körperdinge im Zeitalter der digitalen Massenpornographie.
Was hätte Roland Barthes wohl zum Porno von heute gesagt? Oder zur Ehe für alle, die ja gerade in Frankreich auf massenhaften Widerstand stößt? Beim Wiederlesen der nunmehr vollständigen Ausgabe der »Mythen des Alltags« überrascht die Verve, mit der Barthes immer wieder die (klein)bürgerliche Familie ins Visier nimmt, wie er schon im Vorwort von 1970 die »bürgerliche Norm« als »Hauptfeind« ausmacht. »Frauen sind auf der Welt, um den Männern Kinder zu schenken«, schreibt er mit dem distanziert angeekelten Blick des Zoologen, der sich mit niederen Kreaturen beschäftigen muss. Das französische »Imitationsspielzeug« wolle »aus den Kindern Benutzer, nicht Schöpfer machen« und »kleine spießige Eigentümer«, schon das Material des Spielzeugs »führt in eine Koenästhesie (Zönästhesie) des Gebrauchs, nicht der Lust«.
Seiner Autobiographie »Über mich selbst« hat Barthes 40 Seiten mit Fotos vorangestellt, viele mit der geliebten Mutter – als der Vater im Krieg stirbt, ist Roland noch ein Baby. Ein Foto zeigt den vielleicht 16jährigen am Strand, die Mutter lehnt an seiner Schulter, im Arm hält sie Rolands kleinen Halbbruder. »Die Familie ohne den Familiarismus«, steht über dem ödipalen Dreieck. »Kein Vater zum Töten, keine Familie zum Hassen, kein Milieu zum Ablehnen, die große ödipale Frustration«, schreibt er an anderer Stelle.
Seine Homosexualität spielt in den »Mythen« keine Rolle. Sicher ist das den Konventionen der Zeit geschuldet, aber Barthes mag auch befürchtet haben, dass seine Kritik am bürgerlichen Familiarismus von der Gegenseite unter Hinweis auf seine eigene, abweichende Sexualität diskreditiert werden könnte. Dabei schreibt ein nichtheterosexueller Mann zu dieser Zeit ja tatsächlich aus dem Außen, wenn er über die Familie schreibt und er bleibt im Außen, weil ihm – aus damaliger Sicht – eine Familie niemals vergönnt sein wird. Das schärft den Blick und nimmt der Kritik dennoch nichts von ihrer Berechtigung. Im heutigen Frankreich müsste Barthes einen Ausweg finden zwischen homophoben Gegnern der Ehe für alle und schwullesbischen Realos, die für ihre kleine Familie kämpfen. Gern hätte ich auch gelesen, was Barthes zu den maskulinistischen Inszenierungen der Sarkozys und Hollandes gesagt hätte. Oder zu den maskulinistischen Exzessen eines Strauss-Kahn. Zu schade.
Donnerstag, 5. November 2015
Empfänglich für Verbesserung
Jede kulturelle Leistung ist für ihn nur der Versuch, die eigene Sterblichkeit zu dekonstruieren. Kurz vor seinem 90. Geburtstag spricht der polnisch-britische Theoretiker Zygmunt Bauman von einer wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft, die außer Kontrolle geraten ist, und erinnert die Soziologen an die Pflicht zur Hoffnung.
- von Jens Kastner, Jungle World, 05.11.2015
Zygmunt Bauman wuchs in Polen als Kind nichtpraktizierender jüdischer Eltern auf, arbeitete nach dem Ende des Kriegs für den polnischen Geheimdienst und studierte Philosophie und Soziologie. Er erhielt eine Professor in Warschau, musste Polen mit seiner Familie 1968 infolge einer antisemtischen Hetzkampagne verlassen und ging nach Israel. 1971 zog er nach Leeds, wo er bis zu seiner Emeritierung 1990 als Soziologieprofessor lehrte. Für sein Werk wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1998 mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Am 19. November wird Zygmunt Bauman 90 Jahre alt.
Sie können mit bald 90 Jahren auf ein Werk von über 50 Büchern zurückblicken. In einem Ihrer Werke sprachen Sie von der »Sterblichkeit im Prozess gesellschaftlicher Strukturierung«. Als eine der Hauptaufgaben des Menschen unserer Zeit bestimmten Sie die Dekonstruktion der »Sterblichkeit«. Kann das gelingen?
Das hängt davon ab, wie man dieses spezifische »Gelingen« vom reinen Zeitverschwenden abgrenzt. Die Dekonstruktion der Sterblichkeit macht sicherlich das von der Unausweichlichkeit des Todes geprägte Leben lebbar. Sie füllt den verstörenden Abgrund an Absurdität mit mutmaßlich nützlichem und realistischem Zeitvertreib – wie Pillenschlucken, Joggen oder dem Aufzeichnen der letzten Spuren eines vorübergehenden Aufenthalts. Ich glaube, dass darin der Hauptgrund für das Erfinden und Praktizieren von Kultur liegt. Und auch das Hauptanliegen von Kultur, im Vergleich zu welchem alle anderen Anliegen nur Fußnoten sind. Nur dank unseres Bewusstseins von der Sterblichkeit zählen wir – wie Hans Jonas es so schön formulierte – unsere Tage, auf dass sie durch sich selbst zählen.
Ihr jüngstes Buch »Retten uns die Reichen?« (2015) unterscheidet sich von den meisten ihrer vorherigen Bücher. Es ist polemisch, realpolitisch und formuliert eine klar linke Haltung, die sich gegen soziale Ungleichheit richtet. Gehört das zu Ihrer Dekonstruktionsarbeit, in dem Sinne, dass Sie die Dinge noch einmal unmissverständlich auf den Punkt bringen wollen?
Vielleicht haben Sie recht mit ihrer Sichtweise, aber es war nicht meine Absicht. Letztlich ist meine lebenslang »klar linke Haltung« weder eine Neuigkeit noch ein Geheimnis (den gewundenen Verlauf der Bedeutung dessen, was »Linkssein« ausmacht, einmal beiseite gelassen). Das kleine Buch, das sie erwähnen, zielt darauf ab, eine weiter Wendung der »linken« Agenda festzuhalten: das sehr gegenwärtige Phänomen, die wachsende Ungleichheit außer Kontrolle geraten zu lassen. Das bedeutet eine Kehrtwende, die zu den multidimensionalen Spaltungen der Gesellschaft führt, weg von den getrennten Klassen, hin zum Gegenüber einer Handvoll Superreicher und dem Rest der Bevölkerung, inklusive des schnell wachsenden Sektors der Mittelschichten.
Sie kritisieren soziale Ungleichheiten. Sie haben das immer getan, aber in den letzten Jahren ist dieser Schwerpunkt immer deutlicher geworden. In Ihrem Buch »Gemeinschaft. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt« (2009) machen Sie den Multikulturalismus und die sogenannte »kulturelle Linke« dafür mitverantwortlich, dass sich Ungleichheit vertieft, weil sich diese Strömungen auf kulturelle Differenzen und deren Anerkennung konzentrierten. Ist die »kulturelle Linke« nicht der falsche Feind? Ist soziale Ungleichheit nicht von anderen sozialen Kräften verursacht als von ein paar Kulturtheoretikern und -theoretikerinnen und mulitkulturalistischen Politikern und Politikerinnen? Sehen Sie die Möglichkeit, beide Perspektiven zu verknüpfen: den Fokus auf Ungleichheit mit der Forderung nach Umverteilung und die Perspektive auf Differenz mit der Forderung nach Anerkennung?
Ich gebe zu, der übertrieben vernachlässigten, vielleicht insgesamt übersehenen Warnung angehangen zu haben, die Richard Rorty vor fast 20 Jahren ausgesprochen hat:
»Seit ökonomische Entscheidungen ihr (der Superreichen) Vorrecht sind, werden sie Politiker der Linken wie der Rechten dazu ermutigen, sich auf kulturelle Angelegenheiten zu spezialisieren. Das Ziel wird darin bestehen, die Gedanken der Proletarier abzulenken – die 95 Prozent der Amerikaner und die 95 Prozent der Weltbevölkerung mit ethnischen und religiösen Feindseligkeiten zu beschäftigen, und mit Debatten über sexuelle Gewohnheiten. Wenn die Proletarier durch medienerzeugte Pseudo-Events von ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit abgelenkt werden, inklusive gelegentlicher kurzer und blutiger Kriege, werden die Reichen nichts zu befürchten haben.«
Und Rortys leitete daraus den Vorschlag ab: Die Linke »muss mehr über Geld reden, selbst auf Kosten dessen, weniger über Stigma zu sprechen«. Das bezieht die Unkosten für die »kulturellen Differenzen und ihre Anerkennung«, von deren Wertschätzung Sie sprechen, mit ein.
Oder, noch aktueller, der Aufruf der ersten im Weltmaßstab führenden Persönlichkeit (Papst Franziskus, Anm. von J. K.), die mutig genug war, die Wahrheit auszusprechen:*
»Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme noch Ordnungskräfte geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Strukturen einer Gesellschaft eingenistetes Böses immer ein Potential der Auflösung und des Todes. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom sogenannten ›Ende der Geschichte‹, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und verwirklicht sind. Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, dass der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüssten wir nicht, dass Waffen und gewaltsame Unterdrückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen. Einige finden schlicht Gefallen daran, die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemeinerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer ›Erziehung‹ zu finden, die sie beruhigt und in gezähmte, harmlose Wesen verwandelt. Das wird noch anstößiger, wenn die Ausgeschlossenen jenen gesellschaftlichen Krebs wachsen sehen, der die in vielen Ländern – in den Regierungen, im Unternehmertum und in den Institutionen – tief verwurzelte Korruption ist, unabhängig von der politischen Ideologie der Regierenden.«
In Ihrer Analyse der »flüchtigen Moderne« spielt die Verflüchtigung von Sicherheiten eine zentrale Rolle. Manche lesen das als Metapher für eine Vielfalt von Ängsten, andere interpretieren es als empirische Beschreibung, die jede und jeden gleichermaßen betrifft. Wer hat recht?
Die diffusen, zerstreuten, unbestimmten und vagen sowie anscheinend unverbundenen Ängste, die die Mehrheit unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen aufsuchen und peinigen (in nicht geringem Ausmaß mit freundlicher Genehmigung der Elite, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht oder deren Materialität nicht anerkennen will), werden bleiben. Sie werden geschürt und begünstigt von den Mächten, die sie wegen ihrer außerordentlichen Gefügigkeit in politisches Kapital verwandeln können, und von ökonomischen Kräften, die in Angst, Furcht und dem gesamten Status endemischer Unsicherheit eine fertige, produktive und leicht auszuweitende Quelle von Profiten finden.
Depression ist heutzutage eine der gängigsten Krankheiten. Indem sie die Ängste um Sicherheit schüren, versuchen politische Kräfte, die Öffentlichkeit von gefährlichen Gedanken abzuhalten, während ökonomische Kräfte ein Vermögen mit Beruhigungsmitteln gegen den daraus entstandenen Terror machen.
In ihren Büchern zum Konsumismus beschreiben Sie neue Formen von Ausgrenzung. Insbesondere Arme und Migranten und Migrantinnen werden wie moderner »Abfall« wahrgenommen, der nutzlos und nicht mehr in irgendeinen sozialen Kontext zu integrieren ist. Ist es dieser Aspekt der Diskriminierung und der Ausgrenzung, der ihren Begriff der Konsumgesellschaft von früheren Verwendungen – etwa im Rahmen der Kritischen Theorie – unterscheidet?
Ich zeichne die Ausgrenzung in Bezug auf zwei moderne Fabrikationen überflüssiger Menschen nach: in Bezug auf die die Herstellung von Ordnung und auf den ökonomischen Fortschritt. Diese zwei Fabrikationen wurden mit Geburt der modernen Ära in Bewegung gesetzt und funktionieren seitdem ohne Unterbrechung. Aber ihr Ausstoß an manuellen und intellektuellen Fähigkeiten wuchs mit zunehmender Geschwindigkeit – mit der »Exkommodifizierung« der Arbeit in Zeiten des frei fließenden und heute exterritorialen Kapitals und der zunehmenden Computerisierung. Die »sekundäre« Ausgrenzung, eine Form der nachträglichen Ausgrenzung, ist das synthetische Produkt oben erwähnter Prozesse und der Übergang von der Gesellschaft der Produzenten zur Gesellschaft der Konsumenten. Während Investitionen in unterbeschäftigte Arbeitskraft als Gewinn verbucht werden mögen, können Investitionen in »scheiternde Konsumenten« nicht als schlichte und einfache Belastung gesehen werden, außer in der kreditgestützten, konsumistischen Orgie der letzten 30 Jahre.
Sehen Sie im Konsumismus eine Fortsetzung moderner Ausgrenzung oder handelt es sich um neue, spezifisch »flüchtig moderne« Formen? Mir scheint es widersprüchlich, wenn Sie auf der einen Seite die moderne Bürokratie als Mittel der Ausgrenzung für das Abtöten moralischen Empfindens (Adiaphorisierung) verantwortlich machen, auf der anderen Seite aber der »kapitalistische Markt« der flüchtigen Moderne dieselben Effekte zeitigt. Was tötet nun die Moral, der »eiserne Käfig« (Max Weber) moderner Regulierungen oder die flüchtig-moderne Auflösung von Orientierungen?
Massive Ausgrenzung hat die moderne conditio humana von Beginn an begleitet. In Zeiten des europäischen Monopols auf die Modernisierung konnten die Ausgeschlossenen auf andere Kontinente ausgelagert werden (und wurden es zu einem Großteil) und als Träger des Kolonialismus und imperialer Eroberung eingesetzt werden. Mit dem globalen Triumph der Moderne ist diese Auslagerung nicht länger möglich – daher die »internen Exile« in der »Unterschicht« in all ihren Variationen, wertlos in ökonomischer Hinsicht und insofern auch nicht länger als Reservearmee für Arbeitsmarkt und Militär behandelt. Ihr Überleben wird mehr und mehr der Gnade der Wohltätigkeit überlassen, anstatt zu den Pflichten des Staates zu gehören.
Für Soziologinnen und Soziologen proklamieren Sie eine »Pflicht zur Hoffnung«. Was ist damit gemeint?
Wie Albion Small, einer der Pioniere soziologischer Studien in den USA, meinte, entstand die Soziologie aus dem Wunsch heraus, die Gesellschaft zu verbessern. Um ihren Wurzeln, ihrer Berufung und ihrer raison d’être treu zu bleiben, müssen Soziologen hoffen, dass dieser Anspruch zu erfüllen ist: dass Gesellschaft, und damit einhergehend die conditio humana, von Natur aus empfänglich für Verbesserung ist. Wer das nicht glaubt, ist bloß ein Archivar von Akten – was ein vollkommen anderer Beruf wäre, wie edel und legitim er andererseits auch immer wäre.
* Baumann zitiert die Punkte 59 und 60 aus Papst Franziskus’ Apostolischem Schreiben »Evangelii Gaudium«.
Interview und Übersetzung aus dem Englischen:
Jens Kastner
Das Interview wurde per E-Mail geführt und redaktionell bearbeitet und gekürzt.
Von Jens Kastner ist soeben im Verlag Turia + Kant (Berlin/Wien 2015) das Buch »Zygmunt Bauman. Globalisierung, Politik und flüchtige Kritik« erschienen.
Sie können mit bald 90 Jahren auf ein Werk von über 50 Büchern zurückblicken. In einem Ihrer Werke sprachen Sie von der »Sterblichkeit im Prozess gesellschaftlicher Strukturierung«. Als eine der Hauptaufgaben des Menschen unserer Zeit bestimmten Sie die Dekonstruktion der »Sterblichkeit«. Kann das gelingen?
Das hängt davon ab, wie man dieses spezifische »Gelingen« vom reinen Zeitverschwenden abgrenzt. Die Dekonstruktion der Sterblichkeit macht sicherlich das von der Unausweichlichkeit des Todes geprägte Leben lebbar. Sie füllt den verstörenden Abgrund an Absurdität mit mutmaßlich nützlichem und realistischem Zeitvertreib – wie Pillenschlucken, Joggen oder dem Aufzeichnen der letzten Spuren eines vorübergehenden Aufenthalts. Ich glaube, dass darin der Hauptgrund für das Erfinden und Praktizieren von Kultur liegt. Und auch das Hauptanliegen von Kultur, im Vergleich zu welchem alle anderen Anliegen nur Fußnoten sind. Nur dank unseres Bewusstseins von der Sterblichkeit zählen wir – wie Hans Jonas es so schön formulierte – unsere Tage, auf dass sie durch sich selbst zählen.
Ihr jüngstes Buch »Retten uns die Reichen?« (2015) unterscheidet sich von den meisten ihrer vorherigen Bücher. Es ist polemisch, realpolitisch und formuliert eine klar linke Haltung, die sich gegen soziale Ungleichheit richtet. Gehört das zu Ihrer Dekonstruktionsarbeit, in dem Sinne, dass Sie die Dinge noch einmal unmissverständlich auf den Punkt bringen wollen?
Vielleicht haben Sie recht mit ihrer Sichtweise, aber es war nicht meine Absicht. Letztlich ist meine lebenslang »klar linke Haltung« weder eine Neuigkeit noch ein Geheimnis (den gewundenen Verlauf der Bedeutung dessen, was »Linkssein« ausmacht, einmal beiseite gelassen). Das kleine Buch, das sie erwähnen, zielt darauf ab, eine weiter Wendung der »linken« Agenda festzuhalten: das sehr gegenwärtige Phänomen, die wachsende Ungleichheit außer Kontrolle geraten zu lassen. Das bedeutet eine Kehrtwende, die zu den multidimensionalen Spaltungen der Gesellschaft führt, weg von den getrennten Klassen, hin zum Gegenüber einer Handvoll Superreicher und dem Rest der Bevölkerung, inklusive des schnell wachsenden Sektors der Mittelschichten.
Sie kritisieren soziale Ungleichheiten. Sie haben das immer getan, aber in den letzten Jahren ist dieser Schwerpunkt immer deutlicher geworden. In Ihrem Buch »Gemeinschaft. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt« (2009) machen Sie den Multikulturalismus und die sogenannte »kulturelle Linke« dafür mitverantwortlich, dass sich Ungleichheit vertieft, weil sich diese Strömungen auf kulturelle Differenzen und deren Anerkennung konzentrierten. Ist die »kulturelle Linke« nicht der falsche Feind? Ist soziale Ungleichheit nicht von anderen sozialen Kräften verursacht als von ein paar Kulturtheoretikern und -theoretikerinnen und mulitkulturalistischen Politikern und Politikerinnen? Sehen Sie die Möglichkeit, beide Perspektiven zu verknüpfen: den Fokus auf Ungleichheit mit der Forderung nach Umverteilung und die Perspektive auf Differenz mit der Forderung nach Anerkennung?
Ich gebe zu, der übertrieben vernachlässigten, vielleicht insgesamt übersehenen Warnung angehangen zu haben, die Richard Rorty vor fast 20 Jahren ausgesprochen hat:
»Seit ökonomische Entscheidungen ihr (der Superreichen) Vorrecht sind, werden sie Politiker der Linken wie der Rechten dazu ermutigen, sich auf kulturelle Angelegenheiten zu spezialisieren. Das Ziel wird darin bestehen, die Gedanken der Proletarier abzulenken – die 95 Prozent der Amerikaner und die 95 Prozent der Weltbevölkerung mit ethnischen und religiösen Feindseligkeiten zu beschäftigen, und mit Debatten über sexuelle Gewohnheiten. Wenn die Proletarier durch medienerzeugte Pseudo-Events von ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit abgelenkt werden, inklusive gelegentlicher kurzer und blutiger Kriege, werden die Reichen nichts zu befürchten haben.«
Und Rortys leitete daraus den Vorschlag ab: Die Linke »muss mehr über Geld reden, selbst auf Kosten dessen, weniger über Stigma zu sprechen«. Das bezieht die Unkosten für die »kulturellen Differenzen und ihre Anerkennung«, von deren Wertschätzung Sie sprechen, mit ein.
Oder, noch aktueller, der Aufruf der ersten im Weltmaßstab führenden Persönlichkeit (Papst Franziskus, Anm. von J. K.), die mutig genug war, die Wahrheit auszusprechen:*
»Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme noch Ordnungskräfte geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Strukturen einer Gesellschaft eingenistetes Böses immer ein Potential der Auflösung und des Todes. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom sogenannten ›Ende der Geschichte‹, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und verwirklicht sind. Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, dass der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüssten wir nicht, dass Waffen und gewaltsame Unterdrückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen. Einige finden schlicht Gefallen daran, die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemeinerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer ›Erziehung‹ zu finden, die sie beruhigt und in gezähmte, harmlose Wesen verwandelt. Das wird noch anstößiger, wenn die Ausgeschlossenen jenen gesellschaftlichen Krebs wachsen sehen, der die in vielen Ländern – in den Regierungen, im Unternehmertum und in den Institutionen – tief verwurzelte Korruption ist, unabhängig von der politischen Ideologie der Regierenden.«
In Ihrer Analyse der »flüchtigen Moderne« spielt die Verflüchtigung von Sicherheiten eine zentrale Rolle. Manche lesen das als Metapher für eine Vielfalt von Ängsten, andere interpretieren es als empirische Beschreibung, die jede und jeden gleichermaßen betrifft. Wer hat recht?
Die diffusen, zerstreuten, unbestimmten und vagen sowie anscheinend unverbundenen Ängste, die die Mehrheit unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen aufsuchen und peinigen (in nicht geringem Ausmaß mit freundlicher Genehmigung der Elite, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht oder deren Materialität nicht anerkennen will), werden bleiben. Sie werden geschürt und begünstigt von den Mächten, die sie wegen ihrer außerordentlichen Gefügigkeit in politisches Kapital verwandeln können, und von ökonomischen Kräften, die in Angst, Furcht und dem gesamten Status endemischer Unsicherheit eine fertige, produktive und leicht auszuweitende Quelle von Profiten finden.
Depression ist heutzutage eine der gängigsten Krankheiten. Indem sie die Ängste um Sicherheit schüren, versuchen politische Kräfte, die Öffentlichkeit von gefährlichen Gedanken abzuhalten, während ökonomische Kräfte ein Vermögen mit Beruhigungsmitteln gegen den daraus entstandenen Terror machen.
In ihren Büchern zum Konsumismus beschreiben Sie neue Formen von Ausgrenzung. Insbesondere Arme und Migranten und Migrantinnen werden wie moderner »Abfall« wahrgenommen, der nutzlos und nicht mehr in irgendeinen sozialen Kontext zu integrieren ist. Ist es dieser Aspekt der Diskriminierung und der Ausgrenzung, der ihren Begriff der Konsumgesellschaft von früheren Verwendungen – etwa im Rahmen der Kritischen Theorie – unterscheidet?
Ich zeichne die Ausgrenzung in Bezug auf zwei moderne Fabrikationen überflüssiger Menschen nach: in Bezug auf die die Herstellung von Ordnung und auf den ökonomischen Fortschritt. Diese zwei Fabrikationen wurden mit Geburt der modernen Ära in Bewegung gesetzt und funktionieren seitdem ohne Unterbrechung. Aber ihr Ausstoß an manuellen und intellektuellen Fähigkeiten wuchs mit zunehmender Geschwindigkeit – mit der »Exkommodifizierung« der Arbeit in Zeiten des frei fließenden und heute exterritorialen Kapitals und der zunehmenden Computerisierung. Die »sekundäre« Ausgrenzung, eine Form der nachträglichen Ausgrenzung, ist das synthetische Produkt oben erwähnter Prozesse und der Übergang von der Gesellschaft der Produzenten zur Gesellschaft der Konsumenten. Während Investitionen in unterbeschäftigte Arbeitskraft als Gewinn verbucht werden mögen, können Investitionen in »scheiternde Konsumenten« nicht als schlichte und einfache Belastung gesehen werden, außer in der kreditgestützten, konsumistischen Orgie der letzten 30 Jahre.
Sehen Sie im Konsumismus eine Fortsetzung moderner Ausgrenzung oder handelt es sich um neue, spezifisch »flüchtig moderne« Formen? Mir scheint es widersprüchlich, wenn Sie auf der einen Seite die moderne Bürokratie als Mittel der Ausgrenzung für das Abtöten moralischen Empfindens (Adiaphorisierung) verantwortlich machen, auf der anderen Seite aber der »kapitalistische Markt« der flüchtigen Moderne dieselben Effekte zeitigt. Was tötet nun die Moral, der »eiserne Käfig« (Max Weber) moderner Regulierungen oder die flüchtig-moderne Auflösung von Orientierungen?
Massive Ausgrenzung hat die moderne conditio humana von Beginn an begleitet. In Zeiten des europäischen Monopols auf die Modernisierung konnten die Ausgeschlossenen auf andere Kontinente ausgelagert werden (und wurden es zu einem Großteil) und als Träger des Kolonialismus und imperialer Eroberung eingesetzt werden. Mit dem globalen Triumph der Moderne ist diese Auslagerung nicht länger möglich – daher die »internen Exile« in der »Unterschicht« in all ihren Variationen, wertlos in ökonomischer Hinsicht und insofern auch nicht länger als Reservearmee für Arbeitsmarkt und Militär behandelt. Ihr Überleben wird mehr und mehr der Gnade der Wohltätigkeit überlassen, anstatt zu den Pflichten des Staates zu gehören.
Für Soziologinnen und Soziologen proklamieren Sie eine »Pflicht zur Hoffnung«. Was ist damit gemeint?
Wie Albion Small, einer der Pioniere soziologischer Studien in den USA, meinte, entstand die Soziologie aus dem Wunsch heraus, die Gesellschaft zu verbessern. Um ihren Wurzeln, ihrer Berufung und ihrer raison d’être treu zu bleiben, müssen Soziologen hoffen, dass dieser Anspruch zu erfüllen ist: dass Gesellschaft, und damit einhergehend die conditio humana, von Natur aus empfänglich für Verbesserung ist. Wer das nicht glaubt, ist bloß ein Archivar von Akten – was ein vollkommen anderer Beruf wäre, wie edel und legitim er andererseits auch immer wäre.
* Baumann zitiert die Punkte 59 und 60 aus Papst Franziskus’ Apostolischem Schreiben »Evangelii Gaudium«.
Interview und Übersetzung aus dem Englischen:
Jens Kastner
Das Interview wurde per E-Mail geführt und redaktionell bearbeitet und gekürzt.
Von Jens Kastner ist soeben im Verlag Turia + Kant (Berlin/Wien 2015) das Buch »Zygmunt Bauman. Globalisierung, Politik und flüchtige Kritik« erschienen.
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