Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 2. Oktober 2014

I Have A Stream

Wie der Streaming-Dienst Netflix die öffentlich-rechtliche Disziplinargesellschaft überwinden hilft und sie durch eine von Big Data geprägte Kontrollgesellschaft ersetzt.
 
Von Berthold Seliger, Jungle World ,02. Oktober 2014
Das Geschäftsmodell der Musik­industrie ist es, uns ihren Schmarrn als überteuerte CDs und Downloads unterzujubeln. Wenn das Geschäftsmodell mal hakt, ruft der Lobbyistenverband der Musikindustrie nach dem Staat, die Musikfans sollen gewissermaßen verpflichtet werden, die überteuerten Produkte in den gated communities, auf den Vertriebswegen, die der Musikindustrie gehören, für viel Geld zu kaufen.

Das Geschäftsmodell der Verlagsindustrie ist es, uns ihre Bücher möglichst ausschließlich in gedruckter Form und zu festgelegten, überteuerten Preisen (die Buchpreisbindung gilt in der Wirtschaft als eine Festlegung von Kartellmacht) zu verkaufen. Das vorhandene preisgünstigere Modell, nämlich das E-Book, wird von der Kulturindustrie und von der Politik benachteiligt – durch überteuerte Preise und dadurch, dass der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der vom Staat für gedruckte Bücher gewährt wird, nicht für E-Books gilt, da müssen 19 Prozent Mehrwersteuer bezahlt werden. Förderungswürdiges »Kulturgut« ist für die deutsche Politik eben nicht der ­Inhalt eines Buches, sondern einzig der Druck desselben, also wenn man so will das Vertriebsmodell. Eine einseitige Subvention der Kulturindustrie durch den Staat, zum Nachteil der Leser. Wenn das Geschäftsmodell in Schwierigkeiten gerät, etwa dadurch, dass ein Vertriebskonzern wie Amazon versucht, bessere Rabatte auszuhandeln, ruft der Lobbyistenverband namens »Börsenverein des Deutschen Buchhandels« nach – genau: dem Staat!

Das Geschäftsmodell des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist es, uns all den Mist, den wir mit unseren monatlichen Zwangsgebühren finanzieren müssen, als das unterzujubeln, was wir eigentlich sehen wollen, denn die Quote, erhoben von einem börsennotierten Konsumforschungskonzern bei sage und schreibe 5 640 Haushalten mit sage und schreibe 10 500 Personen, kann natürlich nicht lügen. (Die mehreren Millionen in Deutschland lebenden Nicht-EU-Bürger, die natürlich auch das monatliche Zwangsgeld an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten abführen müssen, werden bei der Erhebung übrigens nicht mitgezählt.) Und so werden wir also gezwungen, mit unseren monatlichen Gebühren Fernsehsendungen von Andrea Berg, Helene Fischer, Florian Silbereisen und eine nationalistische »Volks-Rock’n’ Roll-Show« zu finanzieren. Und wenn irgendein dumpfer Thronfolger in irgendeinem der sich als Demokratien tarnenden dumpfen europäischen Königreiche heiratet, ist das deutsche Staatsfernsehen unter Garantie live dabei, und zwar gerne auch auf allen Kanälen zugleich – ein schöneres, ein hässlicheres Bild für die Gleichschaltung des deutschen Fernsehens lässt sich kaum finden.

Das deutsche Staatsfernsehen ist eine einzigartige, effektive Verblödungsmaschine, der pure Fernsehhorror. Und wenn das Geschäftsmodell mal nicht mehr funktioniert? Macht nichts, denn das Geschäftsmodell ist ein explizit staatliches unter der Tarnung eines »öffentlich-rechtlichen« Systems, weswegen es auch völlig egal ist, ob und was die Menschen tatsächlich schauen, denn es kommt auf das »cui bono?« an, und das heißt: Das Staatsfernsehen dient dazu, die Bürger zu verblöden, es geht darum, gesellschaftlich Stupidität zu fabrizieren und die Zuschauer zu regierbaren Konsumenten zu degradieren, ganz im Sinn von Metternichs Diktum, das Volk solle sich »nicht versammeln, sondern zerstreuen«. Und wo auf Metternich das Biedermeier folgte, haben wir heute das neudeutsche Biedermeier von Angela Merkel und Andrea Kiewel und wie sie alle heißen. Und für den obszönen Programmterror der Öffentlich-Rechtlichen zahlen wir pro Haushalt noch eine monatliche Zwangsabgabe, ­einen sogenannten Rundfunkbeitrag in Höhe von 17,98 Euro, ganz egal, ob wir an der staatlich organisierten Verblödungskampagne teilnehmen, sie ignorieren oder gar boykottieren.
Da kann in den bürgerlichen Feuilletons noch so häufig die fehlende Qualität des deutschen Staatsfernsehens angeprangert werden, da kann noch oft konstatiert werden, dass die Programmverantwortlichen der Öffentlich-Rechtlichen, der »Öffis«, nicht mehr bei Trost seien – solange die Öffis als hochsubventionierte Beamtenapparate konstruiert sind, denen Kreativität fremd, eigenes Nachdenken suspekt und anspruchsvolles Programm zuwider ist, wird sich nichts ändern. Zumal dort Apparate entstanden sind, in denen die Angst regiert – Angst, Fehler zu machen, Angst, einen Flop zu landen, Angst, aufzufallen. Und die Regisseure und Drehbuchautoren leben längst in einem System der feinen, indirekten Zensur durch die Medienboards und Filmförderungsanstalten und all die anderen Institutionen, die Filme oder Serien finanzieren.

Interessant ist, wie heftig sich das deutsche Staatsfernsehen gegen neue Marktteilnehmer wehrt, die eine andere Art des Fernsehens ermöglichen. Die Öffis stellen sich das ja so vor, dass ihre Zuschauer sich brav um elf Uhr zum »ZDF-Fernsehgarten«, um 18.50 Uhr zur »Lindenstraße« in der ARD und um 20.15 Uhr zum »Tatort« vor den Fernseher setzen. Die Hoheit über den Zeitplan der Kunden, die das Ganze finanzieren, haben die Fernsehverantwortlichen – ein diktatorisches System, das die technischen Möglichkeiten, die das moderne Fernsehen längst bereithält, aus Machtgründen ignoriert. Ein Räderwerk einer panoptischen Maschine, um es mit Foucault zu sagen, eine Disziplinargesellschaft, die wir natürlich, als Beitragszahler wie als Zuschauer, »selbst in Gang halten – jeder ein Rädchen«.

Diesem öffentlich-rechtlichen Disziplinierungsapparat steht das neue amerikanische System des Fernsehens als Streaming, »on demand«, gegenüber, dessen interessantester Vertreter, Netflix, jetzt auch auf dem deutschen Markt vertreten ist. Netflix und die andere Art des Fernsehens wird in den Feuilletons gerne als »Revolution« bezeichnet, dabei hat Netflix nur das gemacht, was technisch eben längst möglich ist, nämlich die Zuschauer aus dem starren Programmkorsett der Sender zu befreien. Die Zuschauer können sich das, was sie sehen wollen, ansehen, wann sie es wollen. Man muss nicht mehr dann, wenn die Fernsehdiktatoren das wollen, auf dem Sofa sitzen, und man ist auch nicht mehr darauf angewiesen, eine Serie – und Serien sind bekanntlich die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Bezahlsender, von den »Sopranos« über »Breaking Bad«, »24« bis hin zu »House of Cards« – stückchenweise im wöchentlichen Rhythmus zu sehen (Disziplinargesellschaft!).
Netflix hat es gerade beim Erscheinen der neuen Staffel seiner Renommier-Serie »House of Cards« vorgemacht: Veröffentlicht wird die ganze Staffel auf einen Schlag, zu einem Termin statt episodenweise. Und der Abonnent kann selbst entscheiden, wann und wie er die Serie sehen will, ob Folge für Folge über mehrere Tage oder Wochen, ob als Marathon in einem Stück an einem Wochenende oder irgendwas dazwischen. Netflix schreibt dem Zuschauer auch nicht vor, auf welchem Empfangsgerät er die Serie zu sehen hat – man kann zwischen verschiedenen Empfangsgeräten hin und her wechseln und eine Folge auch mal in der U-Bahn auf dem Smartphone weiterschauen. Fernsehen auf Abruf, ohne Werbung und für relativ wenig Geld – 7,99 Euro verlangt Netflix in Deutschland, wo das Angebot des Senders allerdings noch eingeschränkt ist (die neuen Folgen von »House of Cards« sind vertraglich zum Beispiel dem Abosender Sky zugesichert, der sie im alten Stil, Folge für Folge, ausstrahlt). In den USA kostet das dort wesentlich üppigere Netflix-Angebot 8,99 Dollar (im Gegensatz zu etwa 80 Dollar fürs Kabelfernsehen), der Sender hat dort 70 Prozent seiner weltweit über 50 Millionen Kunden, und zu abendlichen Stoßzeiten ist Netflix für gut 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet verantwortlich.

Mit Netflix hat sich das Fernsehverhalten vieler Amerikaner stark verändert. Viele verzichten auf die teuren Kabelgebühren und setzen ganz auf den Streamingdienst, der ihnen viele Filme und interessante Serien werbefrei und jederzeit und auf den Geräten ihrer Wahl liefert. Gerade unter jungen Leuten ist das »andere Fernsehen«, das »anders fernzusehen« ermöglicht, ein Erfolgsmodell. Und genau hier lauert die Gefahr für das traditionelle Fernsehen deutscher Provenienz, das ziemlich sicher zum Verlierer werden wird, wenn es nicht auf die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer reagiert. Das klassische Geschäftsmodell des Staatsfernsehens, aber auch des deutschen Privatfernsehens steht unter Beschuss, Streaming wird nach dem Musikgeschäft auch das Fernsehen dauerhaft verändern.

Zusätzlich zu den genannten Kriterien – Benutzerfreundlichkeit und bestimmte Konsumfreiheiten – hat Netflix ein weiteres Pfund, mit dem es wuchern kann, nämlich die Qualität der Eigenproduktionen. Es lohnt sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen, etwa auf die gefeierte Serie »House of Cards«. Bei der Vorzeigeserie mit ihren radikalen Innenansichten der amerikanischen Politik und des Washington der Lobbyisten, Medienkonzerne und korrupten Politiker ging Netflix auf den ersten Blick ein hohes Risiko ein. Man gewährte dem ­Produzenten und Regisseur David Fincher freie Hand, kaufte nicht etwa, wie beim US-Bezahlfernsehen üblich, erstmal eine Pilotfolge, sondern gab für 100 Millionen Dollar gleich zwei komplette Staffeln mit jeweils 13 Episoden in Auftrag. Man lässt den Kreativen freie Hand (während Regisseure oder Drehbuchschreiber hierzulande jede Änderung den Filmförderungsinstitutionen, die die Filme finanzieren, vorlegen und von ihnen absegnen lassen müssen). Und genau dadurch entsteht Qualität – wie Musiker eben wissen, wie Musik zu schreiben ist, und nicht die Manager in den Sesseln der Plattenkonzerne, so sind es die Kreativen, denen bei den deutschen Öffis permanent Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, während sie bei Netflix (oder auch HBO) Vertrauen genießen. So kann eine Geschichte mit langem Atem erzählt werden, die Charaktere können komplex gezeichnet und entwickelt werden. Und man kann Mut beweisen. Schwer vorstellbar, dass die heikle Eingangsszene von »House of Cards« die Kontrollinstanzen des deutschen Staatsfernsehens überwunden hätte: Dort wird detailliert gezeigt, wie ein führender Politiker mit seinen bloßen Händen den Hund seiner Nachbarin erwürgt.

Natürlich gibt es auch Nachteile. Zwar wird die öffentlich-rechtliche Disziplinargesellschaft überwunden, doch wie immer beim Streaming wird sie durch eine neue, von Big Data geprägte Kontrollgesellschaft ersetzt, dieses, wie Deleuze schrieb, »neue Monster«, das die alten Disziplinarsysteme ablöst – also »ultra-schnelle Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen«. Denn der Zuschauer sendet bei den Streamingsystemen gewissermaßen zurück, sein Konsumverhalten wird detailliert festgehalten und analysiert. Netflix hat schon vor Jahren ein Big-Data-Kontrollsystem entwickelt, mit dem jedes noch so kleine Verhaltensdetail aller Nutzer protokolliert und in einer eigens geschaffenen Abteilung gespeichert wird. Die Filme und Serien werden hier in Datenpunkte unterteilt, jeder mit Attributen und über 100 Dimensionen, sogenannten »Mikrotags«. Netflix hat eigene Subgenres destilliert, mit der ganze Filme, aber eben auch 20sekündige Sequenzen beurteilt werden.

So entwickeln Streaming-Dienste wie Netflix detaillierte Nutzerprofile und wissen nicht nur ganz genau, ob der Nutzer gerade sein Fernsehgerät, seinen PC, sein Laptop oder Smartphone nutzt, ob er dabei zu Hause oder unterwegs ist, wann er einschaltet und wie lange – nein, Net­flix weiß auch, welches Verhältnis von Gefühlen und Vorlieben die Nutzer zu welchen Tageszeiten oder an welcher Stelle innerhalb eines Films erwarten.

Man könnte sagen, dass auch die auf den ersten Blick mutige Entscheidung für zwei Staffeln von »House of Cards« eigentlich gar nicht so riskant war, wie es scheinen mag – denn aufgrund der Auswertung des vorhandenen Datenschatzes seiner Kunden wusste Netflix längst, dass das britische Original der Serie ebenso populär war wie Filme, die von David Fincher gedreht wurden oder in denen Kevin Spacey mitspielte. Netflix ermittelt, wie »sig­nifikant Schauspieler sind« (so Netflix-Produktchef Neil Hunt) – die Schauspieler werden ebenso wie die Zuschauer zu Datenpunkten in einem alles umspannenden, perfekten Datensystem, und die Abonnenten von Netflix können die konzerneigenen Algorithmen unterstützen, indem sie ihre persönlichen Filmvorlieben mitteilen (die »Taste Preferences« erlauben zum Beispiel »kitschig«, »düster«, »obszön«) und erhalten dafür noch passgenauere Programmvorschläge.

Mit dieser perfekten Kontrolle überwinden die Streaming-Dienste hierzulande auch eine ihrer größten Hürden, nämlich die niedrigen Übertragungsraten. Im Vergleich mit den USA, Skandinavien und China herrscht in Deutschland die digitale Steinzeit, das Netz ist langsam, von flächendeckender Breitbandversorgung der Bevölkerung oder von einem schnellen 4G-Mobilnetz können deutsche Nutzer nur träumen. Der Netflix-Konkurrent Amazon hat dieser Tage seine 99 Euro teure Box »Fire TV« ausgeliefert, mit der Fernsehzuschauer, dem seit drei Jahren bestehenden Angebot »Apple TV« nicht unähnlich, Videoinhalte aus dem Internet auf dem Fernseher sehen, aber auch Serien oder Spiel­filme aus der Amazon-Prima-Bibliothek auswählen können. Die nach Angaben des Konzerns »zehntausenden Geräte« waren bereits am ersten Tag ausverkauft. Das Netzproblem umgeht Amazon dadurch, dass man auf den Geräten bestimmte Inhalte individuell für die Kunden programmiert hat – Inhalte, von denen man aufgrund der betriebseigenen detaillierten Kundenausforschung, der Amazon-Profile, annimmt, dass sie die Kunden sehen wollen.

Ganz egal, ob Netflix auch hierzulande Marktführer wird oder ob sich eine der anderen TV-Streaming-Plattformen wie Maxdome, Watch­ever oder Amazon Prime Instant Video langfristig durchsetzen kann, klar ist, dass das klassische Fernsehen auch im sich an technische Entwicklungen gewöhnlich nur langsam anpassenden Deutschland seine beste Zeit hinter sich hat. Das lineare Fernsehen gehört der Vergangenheit an, die modernen Zuschauer wollen Filme, Serien oder Dokumentarfilme sehen, wann sie Lust und Zeit haben und wo sie wollen. Derzeit erwirtschaftet die Branche mit Online-Videotheken, Abomodellen und Downloads 163 Millionen Euro. Bis 2018 soll der Markt auf etwa 450 Millionen wachsen, wovon Abomodelle 300 Millionen Euro ausmachen sollen – ein Wachstumsmodell. Der Preis, den die derzeit noch meist jungen Zuschauer zahlen, ist die gated community. Die Streamingdienste wollen den gläsernen Zuschauer – und ganz offensichtlich unterwerfen sich die meisten Zuschauer der Kontrolle durch Big Data und durch die ausgeklügelten Algorithmen der Konzerne freiwillig und gerne. Die Konsumenten der »Sharing Economy« sind nun mal wil­lige Konsumenten.

Donnerstag, 18. September 2014

Das "Rote Wien"

Ein Blick auf das »Rote Wien« zwischen 1919 und 1934 bietet Hinweise für eine ­alternative kommunale Wohnungspolitik und verdeutlicht deren Möglichkeiten und Grenzen.
von Raphael Kiczka, Jungle World 18. September 2014


Wie kaum ein anderes Bauwerk steht der Karl-Marx-Hof für das »Rote Wien« und seine alternative Wohnungs- und Kommunalpolitik: Über 1,2 Kilometer lang, mit geschlossener Bauweise, Toren und Türmen, steht er wie eine Festung im bürgerlich-konservativen Wiener Bezirk Döbling. 1930 eröffnet, bot der Hof mit 1 382 Wohnungen etwa 5 000 Menschen Platz. Geplant als Höhepunkt des Wohnbauprogramms, sollte er, wie alle Gemeindebauten, der Sozialdemokratie ein Denkmal setzen. »Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen«, formulierte der damalige Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung den symbolischen Wert der Wohnbaupolitik des »Roten Wiens«.

Die enorme Bautätigkeit durch die Stadt, vor allem in den zwanziger Jahren, hatte vor allem praktische Gründe: 1917 bestanden drei Viertel der Wohnungen aus nur ein oder zwei Zimmern, die in den Zins- beziehungsweise Mietskasernen, mehrgeschossigen, dicht um Innenhöfe gebauten Mietshäusern für Arbeiter und Angestellte, häufig kein oder kaum direktes Licht bekamen. Die Überbelegung wegen der hohen Mieten führte zu Gesundheitsproblemen, so wurde Typhus die »Wiener Krankheit« genannt. Einen Schutz der Mieterinnen und Mieter gab es nicht, so dass sie der Willkür der Hauseigentümer ausgeliefert waren. Der Bau von Mietshäusern brachte anders als Wohnungen für Wohlhabende nur mäßige Erträge für die Bauherrn. Es herrschte also ein strukturelles Unterangebot an günstigem Wohnraum, das auch soziale Konflikte barg. 1910 und 1911 kam es in Wien zu Massenprotesten gegen Teuerung und Wohnungsnot.

1919 gewann die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) die absolute Mehrheit im Wiener Gemeinderat. Ein Wahlerfolg, der den Anfang für das Experiment »Socialism in one city« bedeutete, wie die Historikerin Jill Lewis in ihrem gleichnamigen Artikel über das »Rote Wien« schreibt. Umgeben von konservativen Mehrheiten, sollten in Wien Alternativen im Bereich der Gesundheits-, Bildungs-, Kultur- und Wohnbaupolitik entwickelt werden. Die 64 000 Gemeindewohnungen, die gebaut wurden, bis der Putsch der Austrofaschisten 1934 dem »Roten Wien« ein Ende bereitete, sind die augenfälligsten Monumente dieser Zeit. Gleichzeitig vereinigen sie durch ihren Aufbau und ihre Organisation die grundlegenden Inhalte des Experimentes, auf kommunaler Ebene schon im Hier und Jetzt sozialistische Ideen zu verwirklichen. Trotz der revolutionären Rhetorik ging es der österreichischen Sozialdemokratie darum, im Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse realpolitisch tätig zu werden: Statt Revolution standen Kompromiss und Verhandlungen mit den politischen Gegnern auf der Tagesordnung. Aufgrund der Kräfteverhältnisse wurde erwartet, dass ein revolutionärer Umsturz zu einem Bürgerkrieg führen würde. Anstelle einer radikalen Gesellschaftsveränderung wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Etablierung einer bürgerlich-parlamentarischen Republik und einer proletarischen Gegenkultur angestrebt, die Vorarbeit für eine sozialistische Gesellschaft leisten sollte. In »revolutionärer Kleinarbeit« sollte durch sozialistische Bewusstseinsbildung der »neue Mensch«, so der Austromarxist Max Adler, geschaffen werden. Die Gestaltung der Lebenswelt nahm dabei eine zentrale Rolle ein, die Schaffung besserer Wohn- und Lebensbedingungen war prioritär.
Die Sozialdemokratie erbte 1919 eine bankrotte Stadt, in der etwa ein Drittel der Bevölkerung Österreichs lebte. Kreditfinanziert wurde vor dem Krieg jedoch auch die technische und soziale Infrastruktur ausgebaut viele städtische Dienstleistungsunternehmen waren kommunalisiert. Darauf konnte die Sozialdemokratie aufbauen und sich auf neue Politikfelder konzentrieren. Wegen der hohen Inflationsrate reduzierten sich die (Inlands-) Schulden und auch die Mieten sanken nun gegen null. Grund dafür war eine kaiserliche Notverordnung (»Friedenszins«), die 1917 im Angesicht einer Radikalisierung der Arbeiter nicht nur den Kündigungsschutz verbesserte, sondern auch Mietsteigerungen blockierte. Mit dem Mietengesetz verbesserte die Sozialdemokratie 1922 weiter die Lage der Mieterinnen und Mieter. Durch diese Regulierungen, eine Wertzuwachssteuer, die die Profitaussichten durch eine Übertragung von Liegenschaften senkte, und eine progressive Besteuerung von Immobilieneigentum wurden private Investitionen auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt unprofitabel.

Nicht nur der private Wohnbau kam durch die gezielte Zerstörung des Marktes zum Erliegen, auch große Flächen von Bauland verloren drastisch an Wert. Dies nutzte die Stadt Wien und kaufte sie – teils über Mittelsmänner – zu einem Bruchteil des alten Preises auf, so dass sie am Ende fast ein Drittel der städtischen Fläche besaß. Als das Ende der Inflation Planungssicherheit verschaffte, konnte 1923 mit dem ersten Wohnbauprogramm auf diesem Baugrund begonnen werden. Die finanzielle Basis für die Bauvorhaben bildete die Reorganisation des Steuersystems: Dank der Anerkennung als eigenes Bundesland 1922 konnte Wien eigenmächtig Steuern erheben. Durch eine Reihe von Konsumptions- und Luxussteuern sollte das Steuersystem sozialen Ausgleich schaffen, wichtig war dabei die zweckgebundene Wohnbausteuer, die das kommunale Bauprogramm zu großen Teilen finanzierte. Schulden mussten nicht aufgenommen werden.

Um die Wohnungsnot zu lindern, unterstützte die Sozialdemokratie anfänglich auch die selbst­organisierte Siedlerbewegung, die an den Stadträndern – zunächst illegal – einfache Häuser mit Gärten zur Selbstversorgung errichtete. Doch schon bald fiel die Entscheidung für groß angelegte innenstadtnahe Gemeindebauten. Als Gründe wurden die höheren Erschließungskosten des Umlandes genannt, wichtig war aber wohl auch die Angst vor einer Entproletarisierung der Ar­beiterinnen und Arbeiter sowie fehlende Kontroll- und Einflussmöglichkeiten durch die Partei in den selbstorganisierten Siedlungen. Denn der Wohnbau sollte nicht nur die Wohnungsnot lindern und gesunde Lebensbedingungen schaffen, sondern auch das proletarische Bewusstsein schärfen und die Arbeiter politisieren. Die Gemeindebauten waren von Institutionen der Stadt Wien – und damit kaum zu trennen von der Partei – organisiert. Besonders in den größeren Neubauten gab es eine Vielzahl von Einrichtungen und Gemeinschaftsräumen, etwa Poststationen, Gesundheitszentren, genossenschaftliche Einkaufsläden, Kindergärten, Kinos, Bäder, Waschhäuser und Bibliotheken. Als Monumente des proletarischen Selbstbewusstseins wurden die Gemeindebauten abwechslungsreich und fortschrittlich von führenden Architekten Wiens erbaut.

Auch die Gemeindewohnungen selbst, die nach einem Punktesystem gemäß sozialer Bedürftigkeit vergeben wurden, waren ein großer Fortschritt gegenüber den Zinskasernen. Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten einzig Betriebs- und Unterhaltungskosten der Wohnung zahlen, da die Steuerfinanzierung keine Rückzahlung von Krediten nötig machte. Außerdem waren die Baukosten vergleichsweise gering. Die Fläche wurde billig erworben, die Stadt Wien gründete gemeindeeigene Baustofflieferanten und Baufirmen, die auch wegen der Quantität der Baumaterialien günstig arbeiten konnten, und die städtischen Transportunternehmen wurden für den Wohnbau mitgenutzt. Die Miete betrug 1926 damit gerade einmal vier Prozent des durchschnittlichen Lohns eines Arbeiters. Diese niedrigen Wohnkosten waren auch nationalökonomisch gewünscht, denn der Druck, die Löhne zu erhöhen, wurde so effektiv gesenkt. Dies war von zentraler Bedeutung, denn zu jener Zeit konnte Österreich nur als Niedriglohnstandort konkurrenzfähig bleiben.

Die Wohnungen selbst waren zwar aus heutiger Sicht eher klein, dafür besaßen sie aber üblicherweise die notwendigen sanitären Einrichtungen, waren direkt beleuchtet und belüftet. Dies alles steigerte die Lebensqualität und den gesundheitlichen Standard. Bei den Gemeinderatswahlen drückte sich die Zustimmung zu dieser Politik durch einen stetig wachsenden Stimmanteil aus, auch die Mitgliederzahlen der SDAP stiegen in Wien 1928 auf über 400 000.

Trotz dieser konkreten Erfolge konnte die Strukturkrise nicht gelöst werden. Die christsozial dominierte Bundesregierung blies 1929 zum »finanziellen Marsch auf Wien« und veränderte im Rahmen einer Zentralisierungsstrategie den Verteilungsschlüssel zwischen Bund und Ländern. Verstärkt durch die Krise, sanken so die Steuereinnahmen Wiens und viele Reformen wurden nicht weitergeführt oder sogar rückgängig gemacht. Auch das Bauprogramm verlor in den Dreißigern deutlich an Schwung. Trotz der starken Durchdringung des Lebens mit sozial­demokratischen Institutionen in Wien konnte den Angriffen der rechtsnationalen Kräfte im Februar 1934 wenig entgegengesetzt werden. Dies lag auch an der sozialdemokratischen Führung, die bis zuletzt auf Verhandlungen mit den politischen Gegnern vertraute, Angriffe der bürgerlich-klerikalen Kräfte nicht beantwortete und ihre Basis zurückhielt. Den Angriffen von Polizei, Heimwehr und Artillerie des Bundesheeres konnte nur kurz standgehalten werden – Hauptschauplätze des bewaffneten Widerstands waren die größeren Gemeindebauten. Nach wenigen Tagen war das Ende des »Roten Wien« jedoch besiegelt, die Bundesregierung verbot alle sozialdemokratischen Institutionen und Publikationen.

Das kommunale Bauprogramm wurde Mitte der Neunziger quasi eingestellt, 2004 errichtete die Stadt Wien den letzten Gemeindebau. Eine gesellschaftspolitische Utopie wird mit Wohnbaupolitik länger nicht mehr verfolgt. Hing der Erfolg der Baumaßnahmen im »Roten Wien« stark mit der gezielten Zerstörung des Wohn- und Immobilienmarktes zusammen, so arbeitet die Stadtpolitik heute vor allem mit privaten Investoren zusammen. Fehlender Wohnraum und steigende Mieten sind die Folge, grundlegende Alternativen zu einer marktförmigen Organisation der Wohnungs­politik vergessen. Wenn Steine reden könnten, wären die Wiener Gemeindebauten eine gute Gelegenheit, um sich an die Erfahrungen des »Roten Wien« zu erinnern und Möglichkeiten und Grenzen einer alternativen Kommunal- und Wohnungspolitik zu diskutieren.

Donnerstag, 11. September 2014

Politisch improvisiert

Der Tod Lindsay Coopers vor einem Jahr wurde hierzulande kaum zur Kenntnis genommen. In Großbritannien wird ihr zu Ehren die legendäre Avantgarde-Band Henry Cow noch einmal zusammenkommen.
 
von Udo Wolter, Jungle World, 11. September 2014
Als die Fagottistin, Multiinstrumentalistin, Komponistin und linke Feministin Lindsay Cooper am 18. September vergangenen Jahres ihrer langjährigen Erkrankung erlag, wurde dies in den hiesigen Feuilletons nicht einmal registriert. In ihrem Herkunftsland Großbritannien widmeten ihr immerhin Guardian und Independent ausführliche Nachrufe, Ende dieses Jahres werden ihre musikalischen und politischen Weggefährten zwei Gedenkkonzerte geben.

Dabei wird, über 35 Jahre nach ihrer Trennung, auch die legendäre Avantgarde-Rockband Henry Cow noch einmal auftreten, mit der Lindsay Cooper bekannt wurde. Neben Soft Machine in ihrer Frühphase mit Robert Wyatt waren Henry Cow das wohl avancierteste und experimentierfreudigste Ensemble der sogenannten Canterbury-Szene, deren locker verbundene Bands sich meist irgendwo zwischen Progressive Rock und Jazz bewegten (Jungle World 34/2006). Die 1968 gegründete Band, zu deren früher Kernbesetzung der Avantgarde-Gitarrist Fred Frith, Saxophonist Tim Hodgkinson und Schlagzeuger Chris Cutler gehörten, verband Progrock mit Einflüssen aus Neuer Musik, Anleihen bei Brecht, Weill und Eisler, Zappaeskes, Free-Jazz und elektronischen Klangexperimenten zu einer ebenso eigenwilligen wie bis heute herausfordernden musikalischen Neuschöpfung. Henry Cow hatten sich im Zuge des Aufbruchs der Neuen Linken gegründet und verstanden sich zumindest zeitweise als kommunistisches Kollektiv.

Ein Leben zwischen Politik und Musik: Lindsay Cooper 1978
Ein Leben zwischen Politik und Musik: Lindsay Cooper 1978 (Foto: Rec Rec Shop / Doris Stauffer)
 
Lindsay Cooper stieß 1974 dazu. Sie hatte nach ihrer klassischen Musikausbildung bereits mit der progressiven Folkrock-Band Comus gespielt und war darüber mit der Canterbury-Szene in Kontakt gekommen. Die Multiinstrumentalistin spielte Oboe, Saxophon, Flöte und Klavier – ihr Hauptinstrument aber war das Fagott, mit dem sie zum unverwechselbaren Sound von Henry Cow beitrug. Kompositorisch hatte sie große Bedeutung in der Band, die Hälfte von »Western Culture«, der letzten Platte von Henry Cow, stammt aus ihrer Feder. Die Einführung des Fagotts als Soloinstrument in einen experimentellen Rock- und Jazz-Kontext war bereits an sich bemerkenswert, schließlich gilt das Fagott bis heute als eher unbewegliches Soloinstrument. Cooper spielte es mit elektrischer Verstärkung und Effektgeräten, ähnlich wie Miles Davis es in den siebziger Jahren mit der Trompete getan hatte.

Über das komplizierte Verhältnis zwischen ästhetischer und politischer Praxis bei Henry Cow und über Lindsay Coopers Bedeutung für die Band geben unter anderem die ausführlichen Texte ehemaliger Bandmitglieder im Begleitheft zur 2008 veröffentlichten »Henry Cow 40th Anniversary Box« Auskunft. Gemäß ihrem antihierarchischen Anspruch teilte sich die Gruppe ihre Einkünfte gleichmäßig mit der auf ihren ausgedehnten Touren mitreisenden Entourage. Nach Abzug der Kosten, die nötig waren, um das Equipment inklusive Tourbus funktionsfähig zu halten, blieb für Musiker und Crew allerdings oft wenig bis nichts übrig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Nachdem musikalische Differenzen zur Beendigung des Vertrags mit Virgin Records geführt hatten – der experimentelle Stil von Henry Cow war dem Management von Virgin nicht einträglich genug –, organisierte und produzierte die Band Konzerte und Platten selbst, um eine zumindest prekäre wirtschaftliche Tragfähigkeit zu ermöglichen. Henry Cow begründeten so das Prinzip der Independent-Vermarktung von Rockgruppen mit und riefen mit »Rock in Opposition« (R.I.O.) ein Netzwerk musikalisch und politisch ähnlich gesinnter Gruppen ins Leben, das mit Unterbrechungen bis heute existiert.

Im Laufe ihrer Karriere verlegten Henry Cow den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten immer mehr von Großbritannien nach Kontinental­europa, wo die Band von der freien Musikszene und ihrem Publikum positiv aufgenommen wurde. Vor allem spielten Henry Cow bei zahlreichen Kulturfestivals mehr oder weniger radikaler linker Parteien in ganz Europa, besonders in Italien. Dort tourten sie nicht nur ausgiebig auf Einladung der PCI-Zeitung L’Unita, sondern spielten auch im Rahmen von Veranstaltungen zahlreicher, untereinander oft verfeindeter linksradikaler Gruppen.
Politisch bewegten sich Henry Cow innerhalb der Ideologien, die die damalige linksradikale Szene bestimmten. Darunter auch der Maoismus, wovon etwa die auf ein bekanntes Mao-Zitat anspielende Cooper-Komposition »Half the Sky« auf »Western Culture« zeugt. Zum linken Selbstverständnis gehörte auch der kollektivistische Anspruch, die eigenen politischen Ansprüche im Alltag zu verwirklichen. Die ehemalige Henry-Cow-Bassistin Georgina Born, heute Hochschullehrerin für Musik, Kultur- und Sozialwissenschaften, schreibt in einem Essay über das Politikverständnis der Band, das Resultat ihres kollektivistischen Anspruchs sei ein »widerborstiges autoritäres Totem oder Denkgebäude« gewesen, das oft wenig Raum für interne Differenzen und Dissens innerhalb der Gruppe gegeben habe. Allerdings habe sich die Gruppe mit ihrem autoritären Kollektivismus und ihrem zumindest teilweisen Scheitern an den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen als durchaus typisch für die politisch-kulturelle Linke der siebziger Jahre erwiesen. Das gilt wohl auch für die Gender-Aspekte der politischen und persönlichen Konflikte, die sich innerhalb der Gruppe immer wieder ergaben, deren männliches Kerntrio aus Frith, Cutler und Hodgkinson von Born ironisch als »Zentralkomitee« der Band charakterisiert wird.

Für Lindsay Cooper bedeutete dies, sich nicht nur als erste Frau, sondern als erklärte lesbische Feministin in eine bereits existierende Gruppenstruktur zu begeben, die bis dahin eine reine Männersache gewesen war. Chris Cutler bekennt in seinem Beitrag zum Booklet der »Henry Cow 40th Anniversary Box«, er könne sich bis heute nicht vorstellen, wie das für sie gewesen sein muss. Nach Coopers Eintritt entwickelten sich Henry Cow sukzessive zu einer geschlechterparitätisch besetzten Band, was in der Jazz- und Rockszene bis heute relativ selten ist. Außer Cooper und Born stieß als Ergebnis einer zeitweiligen Verschmelzung von Henry Cow mit dem Trio Slap Happy zeitweise die Sängerin Dagmar Krause zur Band, kurz vor der Auflösung von Henry Cow auch noch die Posaunistin Anne-Marie Roelofs. Lindsay Cooper bezeichnete die Jahre mit Born und Krause ab 1975 einmal als das »Golden Age« von Henry Cow.

Im Gegensatz zu ihrem dem Mainstream der Siebziger-Jahre-Linken verhafteten Politikverständnis setzten Henry Cow musikalisch allerdings ganz andere Maßstäbe. Mit ihren experimentellen Auftritten bildeten sie den denkbar größten Gegensatz zu den Agitprop-Bands und Politbarden, die die Veranstaltungen und Festivals linker Parteien und Organisationen dieser Zeit bevölkerten. Georgina Born beschreibt die kulturell-politische Position von Henry Cow als nicht nur an Brecht, Weill und Eisler orientiert, sondern in musikalischer Hinsicht von einer »materialistischen Ästhetik« im Sinn eines »adornitischen Modernismus« geprägt, was von Chris Cutler bestätigt wird. Born mutmaßt allerdings zu Recht, dass Henry Cow dieses Konzept auf ein musikalisches Feld übertrugen, für das Theodor W. Adorno selbst es niemals geltend gemacht hätte. Tatsächlich hatte sich Adorno sehr kritisch über Versuche geäußert, Popmusik mit politischem Protest oder Gesellschaftskritik zusammenzubringen, was er schon wegen des kulturindustriellen Charakters des Pop als zum Scheitern verurteilt sah. Auf den Avantgardismus von Henry Cow trifft dieses Verdikt allerdings kaum zu. Hier war eine gegenläufige Dialektik am Werk, bei der die aus den Siebziger Jahren stammende linke Ideologie der Gruppe durch eine ästhetische Strategie gebrochen wurde, die die Autonomie des Kunstwerks gegen jede kulturindustrielle Zurichtung wahrte.

Bei der Musik von Henry Cow handelte es sich keineswegs um sauertöpfische Exerzitien eines Haufens notorisch übelgelaunter Kritiker. Die Gruppe zeigte auch musikalisch durchaus Sinn für Komik, vor allem der eher absurden Art – kaum zufällig findet sich im Repertoire von Henry Cow mit »Viva Pa Ubu« auch eine Hommage an Alfred Jarry, einen Wegbereiter des Dadaismus.
Lindsay Cooper war noch Mitglied von Henry Cow, als sie zusammen mit Maggie Nichols, Sally Potter, Irene Schweizer und Georgina Born die »Feminist Improvising Group« (FIG) gründete, die freie Improvisation mit politischer Aktion verband. FIG waren nicht nur eines der ersten ausschließlich weiblichen Musikerkollektive in der männerdominierten freien Jazzszene, sondern thematisierten bei ihren Auftritten weibliche Alltagserfahrungen und die daraus folgende Kritik der Geschlechterverhältnisse ebenso wie weibliche und lesbische Sexualität. Dabei wurden theatralische Mittel wie Parodie und Verkleidungen in einer Weise eingesetzt, die heute wohl als Queer-Performance bezeichnet würde. Seitens ihrer männlichen Kollegen und der Jazzkritik ernteten FIG großteils scharfe und von Ressentiments durchsetzte Kritik: Sie spielten »technisch mangelhaft«, ja »dilettantisch« und ließen überhaupt den nötigen Ernst bei der musikalischen Sache vermissen. Bezeichnenderweise schallte es FIG dagegen aus der feministischen Szene entgegen, ihre Musik sei zu virtuos und abstrakt, ja unzugänglich und elitär.

In solchen Reaktionen spiegelte sich auch das Elend eines verbreiteten bewegungslinken Kulturverständnisses. In der linken Musikszene, die sich zum Ziel setzt, die mutmaßlich revolutionären Massen zu bewegen, schmeißt man sich bis heute gern an den vermuteten Publikumsgeschmack heran. Die Ergebnisse unterbieten oft noch das Niveau dessen, was die Kulturindustrie als massentauglich durchsetzt. Während sich der musikalische Populismus der Linken so mit der als kapitalistisch kritisierten Kulturindustrie und ihren falschen Tröstungen uneingestanden gemein macht, setzten Henry Cow und andere Projekte, an denen Cooper sich beteiligte, auf eine konfrontative musikalische Ästhetik, die Offenheit und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung erfordert. Solch avancierte Musik auch einem unvorbereiteten Publikum zuzumuten, ist keineswegs elitär. Elitär ist eher die Vorstellung, bei der ästhetischen Avantgarde handle es sich um eine rein bildungsbürgerliche Veranstaltung, mit der man »der Klasse«, oder, wie heutige Linke es vielleicht formulieren würden, den »Subalternen« nicht kommen dürfe.

Auch in Aufsätzen und Interviews kritisierte Lindsay Cooper die Geschlechterverhältnisse und den Sexismus in allen Bereichen des Musikbetriebs und versuchte, aus dieser Kritik Konsequenzen für eine andere musikalisch-ästhetische Praxis zu ziehen. Allerdings äußerte sie sich allerdings kritisch gegenüber essentialistischen Definitionen weiblicher Identität und wandte sich gegen jede »übergreifende Definition ›feministischer Musik‹«.

Neben ihrer Arbeit mit Henry Cow und FIG gab Cooper auch zahlreiche Gastauftritte bei anderen Canterbury-Bands wie Hatfield and the North, Egg, National Health und dem durch die anarchistischen Spacerocker Gong bekannten Gitarristen Steve Hillage, die alle zugänglichere, aber deshalb nicht unbedingt qualitativ mindere Musik spielten.

Nach der 1978 erfolgten Auflösung von Henry Cow wirkte Cooper als Gastmusikerin auf dem ersten Album des Nachfolgeprojekts Art Bears mit, deren Aufnahmen teils noch als Henry Cow im Studio entstanden. 1983 gründete sie zusammen mit Cutler und Krause sowie der amerikanischen Harfenistin Zeena Parkins das stilistisch und politisch in der Tradition von Henry Cow stehende Projekt »News from Babel«.

Ein weiterer, eng mit ihren linken und feministischen Positionen verbundener Teil im Werk von Lindsay Cooper ist ihre Filmmusik. Das Album »Rags« etwa entstand als Musik für den Film »The Song of the Shirt«, der sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen sowie dem Widerstand von Frauen in den Sweatshops der Textilindindustrie um 1840 befasst. Lindsay Cooper recherchierte dafür eigenen Aussagen zufolge ausgiebig zeitgenössische Bänkellieder und andere Straßenmusik und bearbeitete dieses Material für ihre Filmmusik. Viele ihrer Filmmusiken entstanden in Zusammenarbeit mit ihrer engen Freundin, FIG-Mitbegründerin, Filmemacherin und Sängerin Sally Potter. Ab den achtziger Jahren war Cooper in der globalen Avantgardeszene aktiv, woraus zahlreiche Kooperationen mit Musikern wie Zeena Parkins, Alfred Harth, Phil Minton, Mike Westbrook, Lol Coxhill, John Zorn und David Thomas von Pere Ubu resultierten.

In enger Zusammenarbeit mit Sally Potter als Textautorin und Sängerin entstand auch Lindsay Coopers Songzyklus »Oh Moscow«, eine politisch-poetische Reflexion über den Kalten Krieg. Das Werk wurde 1987 uraufgeführt, Lindsay Cooper ging mit »Oh Moscow« anschließend fast fünf Jahre weltweit auf Tour, während die darin thematisierte politische Spaltung Europas sich buchstäblich vor den Augen der Musiker und ihres Publikums aufzulösen begann. Musikalisch gehört »Oh Moscow« zu den zugänglicheren Arbeiten Coopers, als zeithistorisches künstlerisches Dokument ist es sicher einzigartig. Bis zum krankheitsbedingten Ende ihrer Karriere unternahm Cooper weitere solcher politisch-musikalischen Reflexionen über das Zeitgeschehen, etwa Anfang der neunziger Jahre mit »Sahara Dust« über den damaligen Golfkrieg und 1994 mit dem Stück »Nightmare« für das von verschiedenen Künstlern getragene Gemeinschaftsprojekt »Sarajevo Suite«. Schließlich trat sie auch als Komponistin von moderner Kunstmusik und Choreographien hervor, darunter mit ihrem »Concerto for Sopranino Saxophone and Strings«.

Vermutlich bereits Ende der siebziger Jahre, noch während der Endphase von Henry Cow, wurde bei Lindsay Cooper Multiple Sklerose diagnostiziert. Sie hielt das Wissen um ihre Erkrankung selbst vor ihren engsten Freunden und Bandmitgliedern so lange wie möglich geheim, weil sie befürchtete, ständig darauf angesprochen oder gar auf ihre Krankheit reduziert zu werden. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand zusehends, so dass sie nach und nach alle ihre Aktivitäten aufgeben musste und schließlich bis zu ihrem Tod mit finanzieller Unterstützung ihres Freundeskreises in ihrer Wohnung gepflegt wurde.

Zu den Gedenkkonzerten in London (21. November) und Huddersfield (22. November) werden neben den verbliebenen Mitgliedern von Henry Cow auch zahlreiche weitere der erwähnten Musiker zusammenkommen, um dort auch Coopers Filmkompositionen, Musik von »News from Babel« und schließlich den Zyklus »Oh Moscow« noch einmal aufzuführen. Chris Cutler kündigte an, aus diesem Anlass auch eine Doppel-CD mit vergriffenem und unveröffentlichtem Material von Lindsay Cooper herauszubringen.

Mittwoch, 10. September 2014

Klassenkämpfer wider Willen

Die KPD und der Antisemitismus zur Zeit der Weimarer Republik.
 
von Olaf Kistenmacher, Jungle World, 14.07.2011


Eine bekannte Fotografie zeigt Walter Ulbricht, den späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR, KPD-Mitglied seit 1918 und seit 1928 deren Reichstagsabgeordneter, im Januar 1931 auf einer NSDAP-Versammlung in Berlin-Friedrichshain. Im Vordergrund ist Joseph Goebbels zu sehen (1). Auf solche aus heutiger Sicht befremdlichen Zusammentreffen wie auch auf kurzfristige Kooperationen beider Parteien beim BVG-Streik 1932 wird mitunter hingewiesen, um die Gefahr einer »Querfrontpolitik« zu verdeutlichen (etwa Angela Marquardt in Jungle World 33, 1998). Der Inhalt von Ulbrichts damaliger Rede ist hingegen bis heute wenig bekannt. Die Tageszeitung Die Rote Fahne, das Zentralorgan der KPD, veröffentlichte sie 1931. In diesem Protokoll ist auch folgender Wortwechsel Ulbrichts mit einem anonymen Zwischenrufer dokumentiert: »Am 21. Januar stimmten die Naziführer für die Subventionen der Mansfeld-AG von 7 Millionen Mark. Die Herren Otto Wolff, Jakob Goldschmidt und Co. (Zwischenruf: der Jude Otto Wolff, der Jude Goldschmidt). Jawohl, dem jüdischen hundertfachen Millionär Otto Wolff wurden noch weitere Millionen geschenkt, aber dafür haben die nationalsozialistischen Führer gestimmt.« (2)

In der Ulbricht-Werksausgabe der DDR fehlt dieser Wortwechsel, der Ulbrichts Unwillen belegt, dem antisemitischen Ressentiment offen zu widersprechen. Seit dem 19. Jahrhundert hatte die sozialistische und kommunistische Linke stets gegen Judenfeindschaft Partei ergriffen. Die Rote Fahne druckte in den Jahren der Weimarer Republik August Bebels, Friedrich Engels’ oder Wladimir I. Lenins Pamphlete gegen den Judenhass (3). Gleichwohl schien Ulbrichts Reaktion mit der Linie der Partei vereinbar zu sein. Für die politische Auseinandersetzung ist es von zweitrangiger Bedeutung, ob man Ulbricht selbst judenfeindliche Ressentiments attestiert oder nicht. Wichtiger ist die Frage nach der Tradition, in der seine Reaktion stand. Anhand der Berichterstattung der Roten Fahne lässt sich nachzeichnen, wie sich die zwiespältige Haltung der KPD zur »Judenfrage« gleichsam von selbst entwickelte – ohne dass dies einzelnen Akteuren bewusst oder von ihnen beabsichtigt gewesen sein mochte.

Die Politik der KPD in der Spätzeit der Weimarer Republik wird üblicherweise mit der These von einer »Stalinisierung« der Partei erklärt. Doch trotz aller Kurswechsel, die die KPD in diesen Jahren vollzog, und trotz der immensen Fluktuation von Mitgliedern in den letzten Jahren der Weimarer Republik – in manchen Ortsgruppen wechselte die Mitgliederschaft zu 100 Prozent – wies die Darstellung von »Juden« in den Veröffentlichungen der KPD eine bemerkenswerte Kontinuität auf. Zwar standen die einschlägigen Artikel nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung. Aber sie stellten »Juden« doch meist als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse dar. Dadurch konnte die KPD an der Deutung festhalten, Judenfeindschaft sei nichts als der »Sozialismus der dummen Kerls« (4). Außerdem konnte so die Hoffnung genährt werden, hinter der Feindschaft gegen »die Juden« stecke ein antikapitalistisches Potential, das im Sinne des Kommunismus genutzt werden könne.

»Hakenkreuzparade vor Hakennasen«

Was in dem Wortwechsel zwischen Ulbricht und der Person im Publikum lediglich anklingt, hatte Ruth Fischer acht Jahre zuvor drastischer ausgedrückt. Auf einer KPD-Veranstaltung, zu der »besonders die völkischen Gegner« eingeladen waren, hatte Fischer, Mitglied der Parteizentrale, des späteren Zentralkomitees, 1923 ihr Publikum mit den Worten zu gewinnen versucht: »Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner … ?« (5)

1923 sollte nach dem Plan der Dritten Internationale in Deutschland die Revolution stattfinden. Die KPD versuchte deshalb, über ihre klassische Klientel hinaus Anhänger zu gewinnen – auch unter Nationalisten und Antisemiten. Anders als Ulbrichts Rede von 1931 fand sich Fischers Rede nicht in der Roten Fahne, obwohl diese über die Veranstaltung Folgendes berichtete: »Am Schluss rief Ruth Fischer den Studenten, die hartnäckig nach dem Großen Mann verlangt hatten, zu: ›Der Gigant, der Deutschland befreien wird, ist da! Ihr seht ihn nicht! Der Gigant ist das deutsche Proletariat, zu dem Ihr gehört, und mit dem Ihr gehen sollt!‹ – Dann lauter Beifall von allen Seiten, und die Gegner schieden, nicht gerade versöhnt, aber mit dem Gefühl gegenseitiger Achtung.« (6)

Es war der Rätekommunist Franz Pfemfert, der 1923 in seiner Zeitschrift Die Aktion Fischers Rede in Auszügen zitierte. Pfemfert hatte im Ersten Weltkrieg eine Splittergruppe namens Antinationale Sozialistische Partei Deutschlands (A.S.P.) ins Leben gerufen. 1918/19 war er auf dem Gründungsparteitag der KPD dabei, verließ die Partei aber nach kurzer Zeit. Als antinationaler Rätekommunist kritisierte Pfemfert sie seitdem für den Bolschewismus, den Stalinismus und wies auf antisemitische Tendenzen in der Partei hin (Birgit Schmidt in Jungle World 23, 2004). Doch erst der Vorwärts, die Tageszeitung der SPD, lenkte durch eine neue Überschrift (»Ruth Fischer als Antisemitin«) die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt, als sie Pfemferts Bericht im August 1923 wiedergab (7).

Ruth Fischers Argumentation unterschied sich vor allem durch die drastische Wortwahl von dem, was zur gleichen Zeit in der Roten Fahne zu lesen war. Im Sommer 1923 diskutierten dort Karl Radek, der Vertreter der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Deutschland, und andere KPD-Vertreter mit dem bekannten Nationalsozialisten Ernst Graf von Reventlow. Radek gab Reventlow recht, dass die deutschen Industriebosse »mit den jüdischen Kapitalisten zusammen Deutschland« beherrschten, und versprach, sofern die kommunistischen Arbeiter mit den nationalistischen kleinbürgerlichen Massen vereint kämpften, »ein Ende der Herrschaft der beschnittenen und unbeschnittenen Kapitalisten« (8). Paul Frölich, der spätere Biograph Rosa Luxemburgs, zitierte Reventlows Aussage zustimmend: »Der Volksstaat soll an Vollbürgern alle Arbeitenden und arbeitsunfähig Gewordenen begreifen, aber nur sie. Die übrigen sind Drohnen, somit Schädlinge.« (9)

In ihrer Haltung zur »Judenfrage« stand die KPD in der Tradition der SPD des 19. Jahrhunderts. Die SPD hatte antisemitische Parteien bekämpft und Judenhass verurteilt. Gleichwohl gab sich August Bebel in seiner Rede auf dem Kölner Parteitag 1893 zuversichtlich, dass die Judenfeindschaft »schließlich wider Willen revolutionär werden« müsse (10). Wilhelm Liebknecht sagte bei gleicher Gelegenheit: »Ja, die Herren Antisemiten ackern und säen, und wir Sozialdemokraten werden ernten. Ihre Erfolge sind uns also keineswegs unwillkommen.« (11) Im »ABC des Kommunismus«, einem Grundlagenwerk für neue KPD-Mitglieder, das 1920 auf Deutsch erschien, schrieben Nikolaj I. Bucharin und Jewgenij A. Preobraschenskij, die herrschende Klasse benutzte die Judenfeindschaft, um »die Empörung der unterdrückten Arbeiter und Bauern von Gutsbesitzern und Bourgeoisie ab-, gegen die ganze jüdische Nation zu lenken« (12). Ähnliches stand wiederholt in der Roten Fahne (13). Demnach begriff Judenfeindschaft zwei Komponenten in sich: auf der einen Seite eine Ideologie, die die herrschende Klasse propagierte und die die Kommunisten zu bekämpfen hatten, und auf der anderen Seite eine noch unreife »Empörung« der einfachen Bevölkerung, an die die KPD anknüpfen müsse. Oder mit den Worten Ruth Fischers: Wer »gegen das Judenkapital aufruft«, befinde sich bereits im Klassenkampf, wenn auch vielleicht unbewusst.

In der Diskussion mit dem Antisemiten Reventlow bediente sich Karl Radek 1923 eines Arguments, das vor allem in der Phase von 1928 bis 1933 wiederkehren sollte. Er warnte, dass nach einem faschistischen Staatsstreich in Deutschland dasselbe passieren werde wie in Ungarn, wo »Graf Bethlen mit der jüdischen Börse seinen Frieden macht« (14). Eine Sonderausgabe der Roten Fahne fasste diese Warnung in eine griffige Zeichnung: Am Rande einer nationalsozialistischen Demonstration stehen zwei Männer mit für antisemitische Karikaturen typischen Merkmalen. Beide haben Hakennasen, wulstige Lippen und halb geschlossene Augenlider und sehen trotz eleganter Kleidung schmutzig aus. Die Überschrift lautet: »Hakenkreuzparade vor Hakennasen. Eine wahre Begebenheit. Geld stinkt nicht oder: So sieht ihr Antisemitismus aus!« (15) Durch diese Wortwahl erweckte die Karikatur den Eindruck, die Abbildung zeige nicht nur ein zufälliges Ereignis, sondern das wesentliche Verhältnis zwischen Nationalsozialisten und »jüdischen Großindustriellen«. In den Jahren zwischen 1928 und 1933 brachte die Rote Fahne Überschriften wie »Juda soll nicht verrecken! Nazianleihe für Warenhäuser. So sieht der Kampf der Nazis gegen Zinsknechtschaft und jüdisches Warenhaus-Kapital in Wirklichkeit aus«, »Ein Nazi spitzelt für den jüdischen Chef«, »Nazis als Helfer des ›jüdischen‹ Kapitals« oder »Nazis für jüdisches Kapital«. Die Anführungszeichen in der Überschrift »Nazis als Helfer des ›jüdischen‹ Kapitals« zeigen, dass der Redaktion bewusst war, wie problematisch der Ausdruck »jüdisches Kapital« war, was sie aber nicht daran hinderte, ihn zu verwenden.

Von 1924 bis 1928 hatte die Zahl solcher Darstellungen abgenommen. Aber sie waren nicht verschwunden. Auch in der Phase der Stabilisierung der Weimarer Republik versuchte die Rote Fahne völkischen Parteien nachzuweisen, dass diese im Dienste des Kapitals ständen und ihrer Klientel nichts bieten könnten. Ein Wahlplakat, das die Rote Fahne 1924 zum Ausschneiden abdruckte, war mit der ironischen Überschrift versehen: »Die neuesten Arbeiterfreunde oder wie die Völkischen das Kapital bekämpfen« (16). Ein anderes Wahlplakat wurde noch deutlicher: »›Judengeld stinkt nicht!‹ Einiges über die Geldquellen der Völkischen. Was die völkisch-vaterländische Partei kostet und wer sie bezahlt« (17). Das Plakat war wie eine Zeitungsseite mit einem langen Artikel gestaltet. Der erklärte aber nicht, von wem das angebliche Zitat »Judengeld stinkt nicht!« stammte. Die Botschaft war trotzdem deutlich: Die völkische Partei sei nicht nur eine Partei des Kapitals, sondern nehme »Judengeld«.

Vom Proletariat zum »arbeitenden Volk«

Nach Aussage ehemaliger KPD-Mitglieder wie Hans Jäger, der die Anti-Nazi-Arbeit der KPD leitete, oder Karl Retzlaw war der Antisemitismus auch in den Jahren von 1928 bis 1933 »kein Problem, das die Partei besonders beschäftigte« (18). Erst 1932 erschien die einzige diesbezügliche Erklärung des Zentralkomitees, betitelt »Kommunismus und Judenfrage«. Das ZK bezeichnete darin zwar den Antisemitismus als eine der »wichtigsten Agitationswaffen« der NSDAP. Doch die KPD blieb bei der Position, der Antisemitismus sei lediglich ein Propagandainstrument der herrschenden Klassen, um »die werktätigen Massen zu verwirren und vom Klassenkampf abzuhalten« (19). Entsprechend versuchte Ulbricht auf der NSDAP-Versammlung, dem Publikum den Weg in den Klassenkampf zu weisen. Die deutschen Großunternehmer bezeichnete er als »Handlanger der internationalen Hochfinanz«, und der NSDAP-Führung hielt er vor, die Interessen des Kapitals zu vertreten. Entsprechend schloss Ulbricht mit dem Aufruf: »Vor jedem nationalsozialistischen Arbeiter, Angestellten und Kleingewerbetreibenden steht die Frage: Mit den Kommunisten gegen die Kapitalshyänen, gegen die deutschen Sklavenhalter des internationalen Finanzkapitals, gegen die Wucherer und Schieber, oder mit den Kapitalisten und mit den nationalsozialistischen Führern gegen die revolutionären Arbeiter.« (20)

Der »Sieg des arbeitenden Volkes«, behauptete Ulbricht, sei »gleichzeitig der siegreiche Kampf um die nationale Befreiung des deutschen Volkes«. Diese Aussage entsprach dem 1930 verabschiedeten Programm der KPD zur »nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes«, war aber historisch nichts Neues. Bereits Anfang der zwanziger Jahre bezog sich die KPD positiv sowohl auf die deutsche Arbeiterklasse wie auch auf das deutsche »Volk«. Rosa Luxemburgs antinationale Position hatte nicht einmal in den frühen Jahren der Weimarer Republik einen wesentlichen Einfluss auf die Politik der KPD. 1932 ironisierte die Rote Fahne Luxemburgs Position in einer Überschrift als »Rosa Fehler« (21). Von Mitte der zwanziger Jahre an kam die antiimperialistische Glorifizierung »nationaler Befreiungsbewegungen« hinzu. Die Komintern erweiterte den berühmten Aufruf aus dem »Kommunistischen Manifest« mit den Worten: »Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!« (22)

Die Pointe des »Programms zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« bestand darin, sich im Gegensatz zur NSDAP als die eigentlich nationale Partei zu präsentieren. Der NSDAP wurde »nationalverräterische(r)« Faschismus vorgeworfen. Die KPD attestierte ihr, weder national noch sozialistisch noch eine Arbeiterpartei zu sein: »Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, sie seien eine ›nationale‹, eine ›sozialistische‹ und eine ›Arbeiter‹partei. Wir erwidern darauf, dass sie eine volks- und arbeiterfeindliche, eine antisozialistische, eine Partei der äußersten Reaktion, der Ausbeutung und Versklavung der Werktätigen sind.« (23) Die Nationalsozialisten würden sich am »Hoch- und Landesverrat an den Lebensinteressen der arbeitenden Massen Deutschlands« beteiligen.
Zu diesem Nationalismus kam ein zweites Motiv. In der kommunistischen Presse war es üblich, die Herrschaft des Kapitals als Herrschaft von Kapitalisten darzustellen. Ein solcher personifizierter Antikapitalismus schien einfache Lösungen dafür anzubieten, wie die kapitalistische Gesellschaft überwunden werden könne – nämlich indem die Kapitalisten beseitigt würden. Auf der Titelseite zeigte die Rote Fahne 1925 einen muskulösen Arbeiter, der mit nacktem Oberkörper in einer Fabriklandschaft steht. In seinen kräftigen Händen hält er zwei kleine, dickliche Menschen, durch ihre Kleidung als Industriekapitalist und Großgrundbesitzer zu erkennen. Daneben ist zu lesen: »Entfernt die Parasiten. Wählt Kommunisten« (24). Eine wirkliche Aufhebung des Kapitalismus würde, schreibt Moishe Postone in seiner Darstellung der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie, auch die Abschaffung der proletarischen Arbeit und damit des Proletariats bedeuten. Der traditionelle Marxismus hingegen nahm die Produktionsweise des industriellen Kapitalismus nicht einfach nur als Tatsache hin, sondern ging davon aus, dass »die Produktionsweise des Sozialismus wesentlich die gleiche sein werde wie die des Kapitalismus: Das Proletariat und seine Arbeit werden im Sozialismus ›zu sich selbst kommen‹« (25). Wie die Redeweise von den »Parasiten« deutlich macht, reproduzierte ein solcher Antikapitalismus biologistische Vorstellungen, wonach es einen vermeintlich gesunden, nützlichen Bereich der Produktion gebe – an dem sich die Kapitalisten wie »Parasiten« bereicherten.

Die Wiederentdeckung der »Judenfrage«

Weder aus dem Nationalismus noch aus dem personifizierten Antikapitalismus folgte aber notwendig eine antisemitische Position. Dazu brauchte es als drittes Element das Stereotyp, »die Juden« unterhielten zum Kapital eine besondere Affinität, die sie von »den Deutschen« unterscheide. Solche Vorstellungen waren in der Weimarer Republik weit verbreitet. Dass »Juden« zu einer »semitische(n) Rasse« gehörten, stand auch im »ABC des Kommunismus« (26). Und dass Juden eine besondere Affinität zum Geld hätten, ließ sich, wenn man wollte, schon den marxistischen Klassikern entnehmen. Marx hatte 1843 in »Zur Judenfrage« den »wirklichen Juden« durch »praktisches Bedürfnis«, »Eigennutz«, »Geld« und »Schacher« definiert. Die Rote Fahne druckte 1923 Auszüge aus diesem Text unter der Überschrift: »Karl Marx: Zur Judenfrage. Den Nationalsozialisten ins Stammbuch« (27). Der österreichische Kommunist Otto Heller, der von Mitte der zwanziger Jahre an in Berlin für die Rote Fahne arbeitete, kündigte 1931 in seinem Buch »Der Untergang des Judentums« dessen historisches Ende an. Mit »Judentum« meine er nicht »Juden schlechthin«, auch nicht die Religion, sondern den »Untergang des spezifischen sozialen Typs (…), des durch die Besonderheit der jüdischen Geschichte entstandenen jüdischen Händlers und aller, durch diesen besonderen Ablauf bedingten Begleiterscheinungen seiner Existenz« (28).

Für das ZK war die »Judenfrage« in Deutschland 1932 ebenfalls eine »soziale Frage«, die auf »der besonderen sozialen Geschichte der Juden« beruhte, weil deren »soziale Schichtung der der übrigen deutschen Bevölkerung nicht entspricht, ›anormal‹ ist, woraus die besonderen Konflikte zwischen Juden und Nichtjuden« entständen (29). Die kommunistische »Lösung« dieses Problems bestand in der Sowjetunion darin, aus »Juden« Arbeiter und Bauern zu machen. 1928 erklärte die Sowjetunion das fernöstliche Gebiet Birobidjan zu einer autonomen jüdischen Verwaltungseinheit. Hellers Buch enthält auch einen ausführlichen Reisebericht aus Birobidjan. Begeistert schildert er, dass die Jüdinnen und Juden dort keine »Juden« mehr seien: »Die Leute waren richtige Bauern. Hätten sie nicht jüdisch gesprochen, man hätte nicht geahnt, bei Juden zu sein. Vor allem die Großmutter machte den Eindruck einer behäbigen Bauersfrau.« (30)

Dass antisemitische Vorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig waren, kann zwar erklären, warum sie sich auch in der Roten Fahne finden. Aber nicht, warum sie in der Roten Fahne sogar weiterentwickelt wurden. Die Karikatur »Hakenkreuzparade vor Hakennasen« bediente sich antisemitischer Stereotype in einem Zusammenhang, der einer linken und antifaschistischen Tagezeitung vorbehalten war. Vom »jüdischen Kapital« konnten noch sowohl Mitglieder der KPD wie auch der NSDAP sprechen. Aber dass »Hakenkreuz« und »Hakennasen« eine Einheit bildeten, diese Behauptung blieb für die sich antifaschistisch verstehende Linke reserviert. In den Jahren von 1929 bis 1933 tauchte diese Argumentation in mehreren Varianten wieder auf. So lautete eine Überschrift der Roten Fahne 1929: »Hinter den Kulissen der Hitler-Partei! ›Arbeiterpolitik‹ der Nationalsozialisten. Ehemaliger Bezirksleiter der NSDAP enthüllt die Verbindungen der Nationalsozialisten zu Großkapital und zu den Bombenattentätern – Jüdische Kapitalisten als Geldgeber.« (31) Hermann Remmele, Mitglied des Zentralkomitees der KPD, behauptete auf einer Diskussionsveranstaltung mit Joseph Goebbels 1930, die NSDAP verzichte seit kurzem auf den Schlachtruf »Juda verrecke!«: »So hat u. a. der Gauleiter von Berlin, Dr. Goebbels, einen Parteibefehl erlassen, dass der Ruf ›Juda verrecke!‹ in Zukunft nicht mehr angewendet werden dürfe. Bald danach berichtete die bürgerliche Presse, dass die nationalsozialistische Gauleitung von dem Juden Jakob Goldschmidt, einem vielfachen Millionär und Generaldirektor der Danatbank, große Geldmittel zur Verfügung gestellt bekam.« (32)

Die gleiche Behauptung hatte die Rote Fahne 1929 unter der Überschrift »Im Auftrag Jakob Goldschmidts. Goebbels verbietet: ›Juda verrecke‹« aufgestellt (33). Es ist fraglich, inwieweit sich die NSDAP zu bestimmten Zeiten aus wahltaktischen Überlegungen zurückhielt. Doch unabhängig von der Frage, ob der Antisemitismus 1929/30 im Wahlkampf der NSDAP im Vordergrund stand, war die Erklärung bemerkenswert, die die Rote Fahne und Remmele anboten: Hinter den Wahlkampfmanövern der NSDAP stehe der »Jude Jakob Goldschmidt«. Sogar Artikel, die den Judenhass der Nazis kritisierten, konnten antisemitische Vorstellungen reproduzieren. 1929 erschien der ganzseitige Beitrag »Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel«. Dem Stereotyp von den reichen und mächtigen Juden hält er die Beschreibung einer Realität entgegen, in der Jüdinnen und Juden zu den »Ärmsten der Armen« gehörten: »Wenn man in die Elendsquartiere des Scheunenviertels hineinleuchtet, muss man sagen, gemeiner und tierischer kann eine Lüge nicht sein wie dieser mörderische Antisemitismus gegen die Ärmsten der Armen.« (34) Im nächsten Satz gibt der Beitrag dem »jüdischen Großkapital« eine Mitschuld an den Pogromen der Nationalsozialisten: »Die Pogrome, die diese von dem jüdischen Großkapital gut bezahlten Horden durchführen, sind Mörderfeldzüge gegen arme Proletarier, die nicht nur in dem tiefsten Elend dieser kapitalistischen Gesellschaft ihr Dasein fristen, sondern Sklaven einer mittelalterlichen Zurückgebliebenheit sind.« Auch Ulbricht versuchte 1931 nachzuweisen, dass die »nationalsozialistischen Führer« dem »jüdischen hundertfachen Millionär« dienten (35).

Das »jüdische Kapital« und der Zionismus

Zu solchen Berichten über das »jüdische Kapital« passte die Berichterstattung der Roten Fahne über den Nahen Osten. Zur gleichen Zeit, als die Rote Fahne eine Zusammenarbeit von NSDAP-Führung und »jüdischem Kapitel« konstruierte, stellte sie den Zionismus als Vorstoß des Kapi­talismus, Imperialismus und Faschismus in Nahost dar. In der Antisemitismusforschung herrscht das Bild vor, der antizionistische Antisemitismus sei erst nach 1945 entstanden. Da dessen auffälligstes Merkmal die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozalismus ist, wird der antizionistische Antisemitismus auf Motive wie die Erinnerungsabwehr und den Wunsch zurückgeführt, die Shoah zu relativieren. Ingrid Strobl schreibt über die Motive der westeuropäischen Linken nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967: »Wie unbewusst auch immer, durch die israelische Politik gegen die Palästinenser fühlten sich viele deutsche Linke befreit von jeder Verantwortung, der sie sich als Nachkommen womöglich stellen müssten. Da jedoch die Ungeheuerlichkeit der Shoah selbst für diejenigen, die sich nie näher mit ihr konfrontiert haben, so ohne weiteres nicht zu ignorieren ist, musste sie auf Teufel komm raus relativiert werden.« (36)

Aber bereits 1932 erklärte das ZK in seinem Papier »Kommunismus und Judenfrage«: Die »Kommunisten bekämpfen den Zionismus genau so wie den deutschen Faschismus« (37). Die Ablehnung des Zionismus ging auf eine längere Tradition zurück. Der erste Artikel der Roten Fahne über den Zionismus trug die Überschrift: »Zionismus – Kettenhund des Imperialismus« (38). Während die Dritte Internationale »nationalen Befreiungsbewegungen« in der Dritten Welt ein revolutionäres Potential zusprach, galt der Zionismus als reaktionär und bürgerlich. Die Kibbuzbewegung in Palästina fand in der Roten Fahne keine Erwähnung. Sogar die Kommunistische Partei Palästinas, von jüdischen Mitgliedern gegründet und geprägt, galt Ende der zwanziger Jahre nicht als revolutionäre Partei.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Nahost-Berichterstattung im Spätsommer 1929. Damals kam es im britischen Mandatsgebiet Palästina zu pogromartigen Ausschreitungen, die länger als zwei Wochen andauerten und in deren Verlauf mehr als 100 Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Was in Palästina geschah, war der Kom­intern bekannt. Joseph Berger, Vorsitzender der KP Palästinas, beschrieb in der Internationalen Presse-Korrespondenz das Ausmaß der Gewalt eindrücklich. Die »unter finster-klerikaler, feudaler und bürgerlicher Führung stehenden fanatischen Massen mohammedanischer Bauern überfielen sengend und mordend vor allem die unbewehrten armen jüdischen Siedlungen, jüdische Synagogen und Schulen, wo furchtbare Blutbäder angerichtet wurden. In der Talmudschule von Hebron wurden 60 jüdische Schüler – auch Kinder – getötet und verstümmelt. In der Kolonie Moza wurde eine jüdische Familie samt Frau und Kind abgeschlachtet.« (39)

Der »arabisierte« Kommunismus

Darüber fand sich in der Tageszeitung der KPD kein Wort. Vielmehr begrüßte die Rote Fahne die Gewalt als Auftakt einer antiimperialistischen Aufstandsbewegung. Auf der Titelseite erschien am 28. August 1929 der Beitrag »Der Araberaufstand wächst!«, in dem es heißt: »Besonders charakteristisch für die Entwicklung dieser Bewegung ist, dass die Angriffe der Araber nicht auf die jüdische Bevölkerung beschränkt bleiben, sondern sich gegen ihren Hauptfeind, den englischen Imperialismus, zu richten beginnen. (…) Die Schläge, die die arabischen Eingeborenen gegen die zionistische Bourgeoisie und den zionistischen Faschismus in Palästina führen, sind gleichzeitig Schläge gegen England. Das jüdische Proletariat Palästinas muss Schulter an Schulter mit den arabischen Werktätigen den Kampf gegen ihre(n) gemeinsamen Klassenfeind, den englischen Imperialismus und die mit ihm auf Leben und Tod verbundene jüdische Bourgeoisie führen.« (40)
Dieser Beitrag ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens schreibt die Zeitung selbst, dass es sich um Angriffe »auf die jüdische Bevölkerung« handelte, nicht etwa nur auf Zionistinnen und Zionisten. Zweitens zeigt der Ausdruck »die arabischen Eingeborenen«, dass die Parteinahme für die arabische Seite von rassistischen Vorstellungen nicht frei war, auch wenn er verbürgen sollte, dass die arabische Bevölkerung in Palästina im Gegensatz zu den Jüdinnen und Juden keine Fremden seien. Drittens war die Anspielung auf das »jüdische Proletariat Palästinas« zweifelhaft.

Der Beitrag »Der Araberaufstand wächst!« stand auf der Titelseite in einem besonderen Zusammenhang. Die Überschrift lautete: »Faschisten morden in Berlin«. Der Beitrag über Palästina war mit der Fotografie eines Soldaten illus­triert, unter der zu lesen stand: »Stahlhelmlümmel? Nein, ein Mitglied der jüdisch-faschistischen Legion in Jerusalem«. Der Artikel kritisierte nicht nur den Flügel um Wladimir Jabotinsky innerhalb der zionistischen Bewegung, sondern unterschied gar nicht mehr zwischen der zionistischen Bewegung, älteren, nichtzionistischen jüdischen Gemeinden in Palästina oder der KP Palästinas, die eine antizionistische Position vertrat. Auch die Rede von dem »jüdischen Proletariat Palästinas« zielte nicht auf die Kommunistische Partei Palästina. Auf einer ZK-Sitzung im Jahr 1929 bezeichnete Hermann Remmele die jüdischen Mitglieder der KP Palästinas vielmehr als »Zionisten«, die nicht das »revolutionäre Element« verkörpern könnten: »Unsere Partei hat in Palästina 160 Mitglieder, davon 30 Araber, die anderen 130 Zionisten. Es ist ganz klar, dass diese Partei nicht eine solche Einstellung haben kann, wie sie dem Gesetz der Revolution entspricht. Gerade das unterdrückte Volk, jene Schicht des Volkes, die das revolutionäre Element, den Verhältnissen entsprechend, überhaupt ausmachen kann, sind nur die Araber.« (41)

Anfang der dreißiger Jahre bestellte die Komintern die führenden jüdischen Mitglieder der KP Palästinas nach Moskau. Die KP Palästinas sollte sich unterdessen, wie es hieß, »arabisieren«. Leopold Trepper, Mitglied der KP Palästinas, schreibt in seinen Erinnerungen, die Komintern habe »die Parole von der ›Arabisierung und Bolschewisierung‹« ausgegeben: »Als wenn es genügt hätte, in den verantwortlichen Organen einfach die Juden durch Araber zu ersetzen, um automatisch stärkeren Zulauf zu bekommen. (…) Bei dem Versuch, die Weisungen von oben buchstabengetreu zu befolgen, wurde einer unserer Kameraden in der Nähe von Haifa gelyncht.« (42) Viele Mitglieder der KP Palästinas wurden in den Jahren von 1936 bis 1938 verhaftet und ermordet.

Es gab innerhalb der kommunistischen Linken Kritik an der Darstellung der Roten Fahne. Die sogenannte Rechtsopposition um den früheren KPD-Vorsitzenden Heinrich Brandler und den ehemaligen Chefredakteur der Roten Fahne, August Thalheimer, schrieb 1929 in ihrem Organ Gegen den Strom: »Ohne den Versuch einer marxistischen Untersuchung des Klassencharakters auch dieses Kleinkrieges spricht die ›Rote Fahne‹ unterschiedslos von den Juden, die sie natürlich alle als zionistische Faschisten bezeichnet, und die sie den Arabern, die natürlich alle ›Revolutionäre‹ sind, entgegenstellt.« (43) Die »jüdischen Genossen in der Kommunistischen Partei Palästinas« wären, so heißt es in dem Beitrag, gewiss verwundert, wenn sie wüssten, dass die KPD sie »als freche jüdische Eindringlinge« darstelle. Nach der Deutung der Roten Fahne hatte die arabische Bevölkerung, als das »echte« Volk, für werktätig und revolutionär zu gelten, während die jüdische Bevölkerung fremd im Nahen Osten sei und auf der Seite des Kapitals und des Faschismus stehe. Klassenunterschiede innerhalb der arabischen und jüdischen Bevölkerung wurden kaum thematisiert.

Wie die ZK-Erklärung von 1932 zeigt, revidierte die KPD ihre Position bis 1933 nicht. In der Roten Fahne ging die Berichterstattung über Palästina zwar nach 1930 zurück. Aber die Berichte über die Verbindung von »jüdischem Kapital« und Nationalsozialisten wurde bis 1933 fortgeführt. In beiden Fällen wurden »die Juden« als Personifikationen der herrschenden Klasse, als Kapitalisten und damit als »Parasiten« vorgestellt. Die Analyse der Roten Fahne macht deutlich, wie die Zeitung Argumentationsfiguren etablierte, die nur die politische Linke gebrauchen konnte. In diesem Sinn handelte es sich tatsächlich um einen Antisemitismus von links – nicht etwa, weil Judenfeindschaft genuin aus der politischen Linken stammen würde, sondern weil die judenfeindlichen Darstellungen in einen spezifisch linken Kontext integriert und dadurch legitimiert wurden.

In der heutigen Diskussion, wie sie im Streit um den Antisemitismus in der Linkspartei wieder aufflammt, herrscht das Bild vor, in West­europa sei der antizionistische Antisemitismus erst nach dem Sechs-Tage-Krieg entstanden. Die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus habe sich aus dem Wunsch ergeben, die deutsche Schuld zu relativieren. Doch die KPD nahm ähnliche Gleichsetzungen bereits in den zwanziger Jahren vor. Das könnte bedeuten, dass sich »linker« Antimsemitismus nicht nur aus den Motiven des sogenannten sekundä­ren Antisemitismus, sondern aus einer viel weiter zurückreichenden Traditionslinie speist. Dieser Traditionslinie ist nicht allein dadurch beizukommen, dass radikale Linke das Existenzrecht Israels anerkennen oder sich mit der Shoah auseinandersetzen. Es müsste vielmehr reflektiert werden, warum sich die Mehrheit der kommunistischen Linken bereits in den zwanziger Jahren positiv auf nationale Befreiungsbewegungen bezog, das Recht auf nationale Selbstbestimmung für Jüdinnen und Juden im Nahen Osten aber nicht gelten sollte.

Anmerkungen:
(1) Das Foto ist abgedruckt in: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Band 4. Berlin/DDR 1966, S. 272
(2) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(3) »Friedrich Engels über den Antisemitismus«, »Rote Fahne«, 24.8.1922; »Juda verrecke … ! Was ist Antisemitismus?«, »Rote Fahne«, 23.9.1930; »Lenin über Juden«, »Rote Fahne«, 3.1.1931; »Stalin über Antisemitismus«, »Rote Fahne«, 3.2.1931
(4) Diese Formel wird häufig August Bebel zugeschrieben. In einem Interview hatte Bebel 1894 hingegen gesagt, dass sie »doch die Sache nicht« treffe.
(5) Franz Pfemfert: Die schwarzweiszrote Pest im ehemaligen Spartakusbund, in: »Die Aktion« 14, 1923; alle Hervorhebungen hier und im Folgenden im Original.
(6) »Zum Existenzkampf der geistigen Arbeit«, »Rote Fahne«, 29.7.1923
(7) »›Hängt die Judenkapitalisten.‹ Ruth Fischer als Antisemitin«, »Vorwärts«, 22.8.1923
(8) Karl Radek: »Kommunismus und deutsche nationalistische Bewegung«, »Rote Fahne«, 16.8.1923
(9) »Nationale Frage und Revolution«, »Rote Fahne«, 3.8.1923
(10) August Bebel: Vorschlag einer Resolution zum Thema Antisemitismus und Sozialdemokratie, in: Iring Fetscher (Hg.): Marxisten gegen Antisemitismus, Hamburg 1974, S. 76
(11) Wilhelm Liebnecht, zitiert nach: Rosemarie Leuschen-Seppel: Sozialdemokratie und Antisemitismus. Bonn 1978, S. 155
(12) Nikolaj I. Bucharin/Jewgenij A. Preobraschenskij: Das ABC des Kommunismus, Zürich 1985, S. 197–199
(13) »Der Stolz der jüdischen Frontsoldaten«, »Rote Fahne«, 14.9.1925
(14) Karl Radek: »Kommunismus und deutsche nationalistische Bewegung«, »Rote Fahne«, 16.8.1923
(15) »Hakenkreuzparade vor Hakennasen«, in: Deutschlands Weg. Sonderausgabe der »Roten Fahne«, 29.7.1923
(16) »Die neuesten Arbeiterfreunde«, »Rote Fahne«, 23.4.1924
(17) »›Judengeld stinkt nicht!‹«, »Rote Fahne«, 25.4. 1924
(18) Karl Retzlaw: Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters. Frankfurt/Main 1985, S. 310
(19) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, in: Der Jud’ ist Schuld … ? Diskussionsbuch über die Judenfrage. Basel/u. a. 1932, S. 283
(20) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(21) »Leninismus und nationale Frage. Lenin gegen Rosa Fehler«, »Rote Fahne«, 21.1.1932
(22) »›Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!‹ Von G. Sinowjew«, »Rote Fahne«, 8.7.1925
(23) »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung«, »Rote Fahne«, 24.8.1930
(24) »Entfernt die Parasiten. Wählt Kommunisten«, »Rote Fahne«, 20.11.1925
(25) Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg/Br. 2003, S. 116, S. 557
(26) Bucharin/Preobraschenskij: ABC des Kommunismus, S. 198
(27) »Karl Marx: Zur Judenfrage«, »Rote Fahne«, 14.3.1923
(28) Otto Heller: Der Untergang des Judentums. Berlin/Wien 1931, S. 7
(29) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, S. 277
(30) Heller: Untergang des Judentums, S. 293
(31) »›Arbeiterpolitik‹ der Nationalsozialisten«, »Rote Fahne«, 9.11.1929
(32) Hermann Remmele: Sowjetstern oder Hakenkreuz. Berlin 1930, S. 13–14
(33) »Im Auftrag Jakob Goldschmidts«, »Rote Fahne«, 17.11.1929
(34) »Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel«, »Rote Fahne«, 19.9.1929
(35) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(36) Ingrid Strobl: Das unbegriffene Erbe. Bemerkungen zum Antisemitismus in der Linken, in: dies.: Das Feld des Vergessens, Berlin/Amsterdam 1994, S. 110
(37) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, S. 284–285
(38) »Zionismus – Kettenhund des englischen Imperialismus«, »Rote Fahne«, 25.7.1925
(39) Joseph Berger: »Das Blutbad im ›Heiligen Lande‹«, in: »Inprekorr« 86 (1929)
(40) »Der Araberaufstand wächst!«, »Rote Fahne«, 28.8.1929
(41) Hermann Remmele: Referat auf der ZK-Sitzung vom 24./25.10.1929, in: 2. Verhandlungstag – 25.10.1929, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen, RY I/2/1/74
(42) Leopold Trepper: Die Wahrheit, München 1975, S. 33–34
(43) »Zu den Ereignissen in Palästina«, in: »Gegen den Strom« 10 (1929)

Donnerstag, 4. September 2014

Links, jüdisch, vergessen

Uwe-Karsten Heye erzählt die Geschichte der Familie Benjamin.
 - von Tanja Dückers, Jungle World, 04.09.2014

Die Weizsäckers, die Mann-Familie, ganz zu schweigen von Goethe und seiner Entourage, sie haben ihren Stammplatz im kulturellen Gedächtnis der Deutschen. Fernsehserien werden über sie gedreht und zur Prime-Time gesendet, Bücher befassen sich mit ihrem privaten und öffent­lichen Leben. Anders verhält es sich mit der Familie Benjamin. Mit ihr identifizieren sich wenige Deutsche; nicht mit Walter Benjamin und seinem Bruder Georg, dem beliebten Schularzt und überzeugten Kommunisten, der von den Nazis in Mauthausen ermordet wurde; nicht mit Walter Benjamins Schwester Dora und seiner Schwägerin Hilde Benjamin, die die erste Justizministerin der DDR war, oder mit ihrem Sohn Michael, Rechtsprofessor in Moskau und Ost-Berlin.

Wahrscheinlich hat dieses Desinteresse etwas mit der linken Gesinnung und dem Judentum der Familienmitglieder zu tun. Umso wichtiger, dass nun eine kenntnisreiche und höchst lesenswerte Familiengeschichte der Benjamins erschienen ist. »Die Benjamins: Eine deutsche Familie« lautet der Titel der von Uwe-Karsten Heye verfassten Biographie. Heye war Reden­schreiber von Willy Brandt, später Pressereferent unter Gerhard Schröder. Er ist der Familie Benjamin im wahrsten Sinne des Wortes nachgegangen – bis nach Portbou, dem spanischen Grenzstädtchen, wo sich Walter Benjamin am 26. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben genommen hat.

Das Buch erzählt nicht chronologisch, sondern schildert kapitelweise das Schicksal der fünf Familienmitglieder. Auf der Grundlage von bislang unbekanntem Archivmaterial und Gesprächen mit Zeitzeugen entsteht ein beeindruckendes Psychogramm der Familie. Vieles, was Heye in seinem Buch beschreibt, ist in anderen Biographien bislang nicht berücksichtigt worden, da die Autoren sich meist ausschließlich auf Walter Benjamin konzentrierten. Von Heye erfahren wir Näheres über die Schwester Dora: Sie hatte in den zwanziger Jahren an der Universität Greifswald über »Die soziale Lage der Berliner Konfektionsarbeiterinnen unter besonderer Berücksichtigung der Kinderaufzucht« promoviert. Die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft war eines ihrer zentralen Themen; sie bewegte sich in feministischen Kreisen, trug Bubikopf und war mit dem Psychologen und Suchtmediziner Fritz Fränkel bekannt. Ihr Engagement galt Müttern und Kindern sowie den »Schlafburschen«, die vom Land in die Metropole kamen, um dort zu arbeiten. Vor allem im »Roten Wedding«, damals wie heute ein »Problembezirk«, war sie aktiv. Sie setzte sich für Straßenkinder ein und kämpfte gegen Kinderarbeit, die sehr weit verbreitet war. Uwe-Karsten Heye schreibt: »Wer in der Dissertation von Dora Benjamin blättert, erkennt, wie fortschrittlich sie vor gut 85 Jahren gewesen ist.« Sie war eine enge Freundin von Hilde Benjamin. Dora ging ins Exil, erst nach Frankreich, später in die Schweiz, wo sie starb.

Mit Erschrecken liest man, wie die Schweizer Grenzbehörden mit jüdischen Flüchtlingen wie Dora Benjamin umgingen. »Flüchtlinge nur aus Rassegründen, zum Beispiel Juden, gelten nicht als politische Flüchtlinge!«, lautete die Anordnung des Chefs der Polizeiabteilung des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartments. Die Grenzen sollten vollständig geschlossen werden.

Besonders eindrucksvoll sind die Kapitel zu Georg und Hilde Benjamin. Der Autor schildert die Verfolgung des jüdischen Kommunisten Georg, seine Inhaftierung und seinen Tod im KZ Mauthausen, dessen Umstände bis heute nicht geklärt sind. Sehr anrührend sind dabei die von Heye wiedergegebenen, bislang größtenteils unbekannten Briefe von Georg an seinen kleinen Sohn, dessen Aufwachsen er fast ausschließlich aus dem Gefängnis heraus verfolgen konnte. Er ließ ihn Rätsel lösen, überlegte sich Aufgaben und Gedichte für das Kind, trieb Schabernack mit ihm, nahm Anteil an den Kinderkrankheiten und gab ärztliche Ratschläge. Er war ein solch engagierter Vater, dass er den Spitznamen »Babypapa« hatte. Für die dama­lige Zeit galt er als ungewöhnlich gefühlsbetonter Mann.

Heye unternimmt den Versuch, Hilde Benjamin, die erste Justizministerin der DDR, die im Westen als »rote Hilde« verschrien war, neu zu beurteilen. Er begreift ihren Enthusiasmus für den neuen Staat DDR als Reaktion auf das Leid, das sie und ihre Familie (sie war die Ehefrau des in Mauthausen ermordeten Georg Benjamin) unter den Nazis erfahren mussten. Hilde Benjamin war eine schwer traumatisierte Frau. Scharf kritisiert der Autor die mediale Kampagne gegen die Justizministerin im Adenauer-Deutschland. Einige Passagen aus der damaligen Presse lesen sich, als sei »der Kommunist« Georg Benjamin zu Recht ermordet worden. Hilde wurde lediglich als Dogmatikerin wahrgenommen, ihr Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit unterschlagen. Auch der Vergleich zwischen der ersten Justizministerin der DDR und dem NS-Juristen Roland Freisler war mehr als unpassend. In den westlichen Medien wurde lange Zeit aus beinahe jedem in der DDR verurteilen Nazi ein, so Heye, »Opfer des unmenschlichen Unrechtssystems DDR« gemacht. Heye erinnert daran, dass 1950 selbst die Zeit die Legitimität der Nürnberger Prozesse bezweifelte. Das im Kalten Krieg entstandene Zerrbild der kommunistisch orientierten Familie Benjamin kann Heye korrigieren. In den Kapiteln über Benjamin sind es vor allem Heyes persönlicher Ton, sein Mut zur eigenen Stellungnahme, seine Einfühlung in die Flucht- und Vertreibungsgeschichte des weltberühmten Philosophen und Schriftstellers, die die Biographie lesenswert machen. Hier wird nicht nur akkurat jede Menge Material zusammengetragen, was vor Heye auch schon einige Autoren getan haben, vielmehr wird das Leben Benjamins aus heutiger Sicht mit eigener Bewertung geschildert.



So hat Heye selbst den Fluchtweg von Walter Benjamin über die Pyrenäen abgeschritten. Mittlerweile kann jeder Tourist diesen Weg – »camí Walter Benjamin« oder »la ruta de Walter Benjamin« – selber laufen. Bis hin nach Portbou, zur großartigen Erinnerungsstätte »Passagen – Hommage an Walter Benjamin«, einer der schönsten Gedenkorte Europas, geschaffen von dem israelischen Künstler Dani Karavan. In Portbou hatte sich Walter Benjamin am 26. September 1940, nachdem sein Visum von den spanischen Grenzbehörden für ungültig erklärt worden war, das Leben genommen. Ein ungültiges Visum war gleichbedeutend mit der Rückkehr in das von den Nazis besetzte Frankreich, die Gestapo war Benjamin schon auf den Fersen. Dem herzkranken Philosophen hatten die Spanier eine Nacht in einem Hotel gelassen, um sich für die Strapazen der Abschiebung vorzubereiten, dann sollte er zurückgeschickt werden.

Wenn man »Die Benjamins« liest, muss man nicht selten an die Flüchtlingsschicksale der Gegenwart denken und die fragwürdige Politik an den EU-Außengrenzen.

Uwe-Karsten Heye: Die Benjamins. Eine deutsche Familie. Aufbau-Verlag, Berlin 2014, 361 Seiten, 22,99 Euro

Donnerstag, 14. August 2014

Verdammte dieser Erde

Spanien im Herzen - Lieder des Spanischen Bürgerkrieges (7-CD - 1-DVD Box)
Sie trotzten dem Faschismus und machten sich in ihren Liedern Mut: Die umfangreiche Edition »Spanien im Herzen« widmet sich dem Liedgut des Spanischen Bürgerkriegs.

-  von Oliver Koch, Jungle World 14. August 2014


Früher oder später passiert es vielen. Noch bevor man gelernt hat, wer gegenwärtig Präsident der Bundesrepublik Deutschland ist und was es mit Überhangmandaten eigentlich auf sich hat, entdeckt man im 20 Kilometer entfernten alternativen Jugendzentrum Buenaventura Durutti. Es sind Geschichten und bunte Plakate im Infoladen, die von seiner Aufrichtigkeit zeugen. Durutti war ein unbeugsamer Anarchist, einer, der für seine Überzeugung in den Tod zu gehen bereit war – und doch nur einer der vielen großen Kämpfer, die im Spanischen Bürgerkrieg dem Faschismus trotzten. Mit 16 war die Welt noch übersichtlicher, man ließ sich seine Mythen nicht so leicht von der Realität versauen. Zumindest ein grober Umriss des Spanischen Bürgerkriegs, abzüglich vieler finsterer Details, zählte zum kleinen Einmaleins linker Sozialisation in Westdeutschland. Mit den Schrecken, den innerlinken Zwistigkeiten und politischen Morden konnte man sich ja später noch beschäftigen.
In einem anderen Deutschland wäre die Jugend womöglich anders verlaufen. 1940 in Bautzen geboren, nähert sich Dr. Jürgen Schebera dem Spanischen Bürgerkrieg über Theater und Musik. Das Berliner Ensemble gibt ein Gastspiel im örtlichen Stadttheater, ein Bertolt-Brecht-Abend mit Helene Weigel. Schebera ist begeistert, am folgenden Tag sucht er die Musikalienhandlung auf, kauft Schellackplatten und wird zum ersten Mal mit einer Person konfrontiert, die ihn über Jahrzehnte beschäftigen wird: Ernst Busch. »Lieder, Spaniens Himmel breitet seine Sterne« heißt das Album, Schebera ist zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Es ist der Beginn einer Leidenschaft. Fortan sammelt er alle Aufnahmen Buschs, die in der DDR erscheinen.

Ernst Busch, Schauspieler, Regisseur und Sänger, trat in Spanien bei den Internationalen Brigaden auf. Einige seiner Lieder sind auf »Spanien im Herzen« enthalten, einer Box, die so üppig ausgestattet ist, dass der Paketbote sie lieber mit einer Sackkarre anliefert. Sieben Jahre hat Schebera investiert, um das Liedgut des Spanischen Bürgerkriegs in zeitgenössischen Liederbüchern zu sichten, eine Auswahl zu treffen und die Entstehungsgeschichten der Lieder zu dokumentieren. »Ich bin gut vernetzt«, sagt er. »Ich bin Mitglied im verschworenen Verband der Schellacksammler.« Eine Obsession, die so abwegig gar nicht ist, schließlich ist Schebera Literatur- und Musikhistoriker, er arbeitete bis 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR und hat mehrfach über Hanns Eisler und Kurt Weill publiziert – zwei weitere Künstler, die ihn seit Jahrzehnten beschäftigen.

Für seine jüngste Edition steuerten spanische Sammler viele Tonaufnahmen bei, die zwischen 1936 und 1938 in Barcelona und Paris entstanden waren, US-amerikanische Sammler lieferten weitere Schellackaufnahmen. Neben Material von Pete Seeger bekam Schebera auch ein Album, aufgenommen von der League of American Writers, dem amerikanischen Schriftstellerverband. 1943 erschien ihr Album »Behind the Barbed Wire« (Hinter dem Stacheldraht), das sich den Liedern widmet, die später in den Internierungslagern gesungen wurden, in denen man die entmilitarisierten internationalen Kämpfer unter unwürdigen Bedingungen festhielt. Herausgekommen sind sieben CDs und eine DVD mit »Madrid before Hanita«, ­einem Film, der einige der 300 jüdischen Spanien-Kämpfer porträtiert, die damals aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina kamen, um sich den Internationalen Brigaden anzuschließen, außerdem ein großformatiges Begleitbuch, das in drei Sprachen verfasst ist und neben zahlreichen Fotografien, Plakaten und Dokumenten auch Auszüge berühmter Texte von Ernest Hemingway, Ludwig Renn oder Erich Weinert enthält.

»Spanien im Herzen« ist in seinem Umfang einmalig, der Titel der Edition nur allzu passend, schließlich merkt man Schebera deutlich an, dass er sie mit Leidenschaft zusammen­gestellt hat. Auch wenn er sich vorrangig als Dokumentar begreift und auf die zeitübergreifende Bedeutung seines Sujets hinweist. »Durch die Kunstwerke, die dort entstanden sind, wird der Spanien-Krieg noch in 100 Jahren ein Fanal sein«, sagt er mit erhobener Stimme. »Noch in 100 Jahren werden Menschen nach Madrid pilgern, um sich ›Guernica‹ von Pablo Picasso anzusehen, noch in 100 Jahren wird ›Wem die Stunde schlägt‹ von Ernest Hemingway ein Klassiker sein, noch in 100 Jahren werden die Lieder von Ernst Busch und Pete Seeger lebendig sein, genauso wie die spanischen Lieder.« Schebera spricht mit Hingabe über die dama­lige Solidaritätsbewegung, nennt sie ein großes Memento. »50 000 Interbrigadisten aus aller Welt sind damals nach Spanien gefahren, um ihr Leben einzusetzen. Über 20 000 von ihnen sind gefallen.«

»Spanien im Herzen« versammelt über 40 spanische Lieder, viele von ihnen interpretiert in der Tradition des Romancero. Zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs wurden vielfach alte Volkslieder populär, deren Texte zur gegenwärtigen Situation passten oder entsprechend verändert wurden. Zwei CDs enthalten »Lieder des kämpfenden spanischen Volkes«, zu ihnen zählt auch »El Pendón Morado«, das aus der Zeit der Erhebung Madrids gegen die karlistische Herrschaft stammt, die mit Aus­rufung der Ersten Spanischen Republik 1873 ihr Ende fand. Der Liedtext wurde während des Spanischen Bürgerkriegs in seiner Originalversion gesungen: »Schaut hin, schaut hin und macht/Der schändlichen Herrschaft ein Ende./Verlasst jetzt nicht/Das Bataillon,/Denn hier ist der Platz des Milizionärs,/Des guten Bürgers der Nation.« Eine CD enthält »Lieder der repu­blikanischen Armee«. »Canción de Soldados« entstand unmittelbar nach Gründung der Volksmilizen 1936 und wurde auch später noch, als die Miliz längst in eine einheitlich geleitete Volksarmee überführt worden war, gesungen: »Man sagt, Vaterland/Bedeute ein Gewehr und eine Flagge./Mein Vaterland sind meine Brüder,/Die den Acker bestellen.«

Dass Ernst Buschs pathetisch vorgetragene Lieder prominent in seiner Box vertreten sind, sei nicht das Ergebnis seiner privaten Schwärmerei für den Sänger, beteuert Schebera. Busch sei vielmehr »ein zentraler Motor für die kulturelle Seite der Internationalen Brigaden« gewesen. Zwei Jahre verbrachte Busch in Spanien, veröffentlichte dort fünf Ausgaben seines Liederbuchs »Canciónes de las Brigadas Internacionales«, sang vor den Brigadisten und beteiligte sich an spontanen Studioaufnahmen: Carlos Palacio komponierte an Ort und Stelle mit Hanns Eisler, Busch sang die Lieder direkt ein. Busch produzierte sein gleichnamiges Album 1937 in Barcelona, ein Aufkleber auf der Platte weist darauf hin, dass der Ton von schwankender Qualität sei, weil die Stadt unter Bombenbeschuss lag und der elektrische Strom häufig unterbrochen wurde. Schebera zählt »Canciónes de las Brigadas Internacionales« zu den Ikonen des Bürgerkriegs: »Genauso wie ›Guernica‹ oder ›This Spanish Earth‹ des niederländischen Filmemachers Joris Ivans.«

Schebera hat Recht. Wer sich hierzulande mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs beschäftigt, kommt an Busch kaum vorbei. Ob Picassos weltberühmtes Gemälde, das den Krieg als apokalyptisches Szenario darstellt und fern von Einflussnahmen politischer Interessengruppen entstand, tatsächlich mit Kampfliedern vergleichbar ist, ist fraglich. Dass all die Durchhalteparolen und Identitätsbeschwörungen vieler der auf »Spanien im Herzen« versammelten Lieder im Dienste politischer ­Vereinigung standen, weiß natürlich auch Schebera. Nur zählt er sicher nicht zu denen, die zwischen Kunst und Propaganda einen grundsätzlichen Widerspruch sehen.

Rätselhaft indes ist die wenig ausbalancierte Auswahl der Lieder auf »Spanien im Herzen«. Das Eingreifen der Interbrigaden, von Freiwilligen aus über 50 Nationen, die über Sammelzentren in Paris und Lyon nach Spanien kamen, hat entschieden dazu beigetragen, dass der Spanische Bürgerkrieg international in Erinnerung geblieben ist. Schließlich kämpfte nicht nur der größte Teil der Freiwilligen ab Oktober 1936 auf ihrer Seite: Wer den Krieg überlebte und nach Hause fuhr, konnte in der Regel offener über die Kriegsereignisse reden und publizieren, als es in Spanien möglich war. Überrepräsentiert sind die Interbrigaden auf »Spanien im Herzen« trotzdem. Obwohl sie nur einen verschwindend geringen Teil derer ausmachten, die sich den Franquisten entgegenstellten, widmen sich allein drei CDs und ein Drittel des Begleitbuchs ihren Liedern.

Wer in westdeutschen Jugendzentren aufwuchs, wird empört aufschreien: Was war mit den Anarchisten? Welche Lieder stimmte die »Centuria Erich Mühsam« an? Was hat Durutti gesungen, als er mit seiner Kolonne durch die Dörfer streifte und mit Bauern über die Kollektivierung sprach? Davon ist wenig zu finden auf »Spanien im Herzen«, lediglich vereinzelte Stücke. Dazu zählt zum Beispiel »Hijos del pueblo«, das 1931 für den anarchistischen Gewerkschaftsverband CNT entstand: »Rotes Banner, kein Leiden mehr,/Die Ausbeutung muss enden./Erhebe dich, stolzes Volk,/Zum Ruf der sozialen Revolution./Es gibt keine Rechtfertigung,/Die Union allein wird es verlangen,/Unsere Reihen zerbrechen nicht./Ihr starrköpfigen Bourgeois:/Zurück! Zurück!« Ein weiteres Lied, »Arroja la bomba«, war eine Reaktion auf die Verhaftung eines Anarchisten im Jahr 1932 und wurde, Schebera zufolge, zu einer Hymne der Anarchisten.

Die Libertären sind unterrepräsentiert in dieser Box, der Anarchismus war bis zu Beginn des Bürgerkriegs die wichtigste Kraft in der Arbeiterbewegung Kataloniens und Andalusiens. Es liegt nahe, dem Herausgeber ein ideologisch verzerrtes Geschichtsbild zu unterstellen: Schebera räumt denen, die im Verlauf der Kriegsjahre zu Opfern politischer Hexenjagden wurden, die als »Trotzkisten« und andere »Linksabweichler« von Kommunisten verfolgt wurden, wenig Platz ein und käut damit eine Geschichtsschreibung wieder, wie sie auch in der DDR gelehrt wurde. Dass Teile der Inter­brigadisten an stalinistischen Säuberungen beteiligt waren, wurde dort gern verschwiegen.
Schebera weist den Vorwurf so prompt zurück, als hätte er ihn schon öfter gehört. Dass die Anarchisten kaum in seiner Edition vertreten sind, sei ein großes Problem, sagt er. »Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, weil ich die Anarchisten viel ausführlicher ­dokumentieren wollte. Aber authentisches Tonmaterial war kaum zu bekommen, Schellackplatten hatten die Anarchisten nicht gemacht, dazu fehlten ihnen die Mittel.« Auch habe er die innerlinken Konflikte durchaus erwähnt, immer wieder lassen sich Passagen in den Liedkommentaren finden. Ob es sich eine derart umfassende Edition eines so fachkundigen Herausgebers leisten kann, die den Heldenmythos internationaler Kämpfer in Frage stellenden Abgründe nur beiläufig zu erwähnen, steht auf einem anderen Blatt.

»Die historische Analyse des Spanischen Bürgerkriegs ist kein Gegenstand dieser Tondokumentation, sie würde deren Rahmen bei weitem sprengen«, heißt es im Vorwort des Begleitbuchs. Wahrscheinlich ahnte Schebera schon, was auf ihn zukommen würde: Rezensenten, die sich dazu berufen fühlen, seiner Edition Kritiklosigkeit zu unterstellen; beinharte Analytiker, die es nicht erdulden, sich für Momente einer sehnsüchtigen Revolutionsromantik hinzugeben, wie sie in ein paar einfachen Lieder Ausdruck findet – mag es auch noch so verlockend sein. Aber mal ehrlich, wer seine Geschichtsauffassung von ein paar Liedern abhängig macht, wäre wohl auch naiv genug, nach »Jingle Bells« der alten Erzählung vom rauschbärtigen Mann auf seinem Schlitten anheimzufallen.
Schebera ist überzeugt, dass einige der Spanien-Lieder die Zeit überdauern werden. Weil sie einfach gut sind, meint er. Und in dieser Sekunde bemerkt man, dass es eigentlich schon passiert. Zwischen Schebera und dem westdeutschen Interviewer liegen ein paar Generationen, aber dem Charme des 24jährigen Pete Seeger, der sich 1943 mit ehemaligen Kämpfern des Lincoln-Bataillons traf, um die besten ihrer Stücke auf »Songs of the Lincoln Bataillon« zu verewigen, kann man sich wirklich schwer entziehen. »Spanien im Herzen« wird ein Klassiker werden.

V. A.: Spain in My Heart. Lieder des Spanischen Bürgerkriegs (Bear Family Productions/Bear Family Records)

Donnerstag, 7. August 2014

Das Erbe des Patrioten


Der von Willy Brandt 1972 eingeführte Radikalenerlass betraf Zehntausende, die nach wie vor auf Entschädigung warten. Niedersachsen will nun die Anwendung des Radikalenerlasses aufarbeiten.
 - von Thorsten Mense, Jungle World, 7.8.2014

»Wir wollen mehr Demokratie wagen«, sagte Willy Brandt in seiner häufig zitierten Regierungserklärung im Jahre 1969. Drei Jahre später führte die sozialliberale Koalition unter Vorsitz des sozialdemokratischen Bundeskanzlers den sogenannten Radikalenerlass ein und stellte damit all jene, die eine andere Vorstellung von Demokratie hatten oder sich auch bloß im Rahmen legaler demokratischer Partizipation an Protesten beteiligten, unter den Generalverdacht, »Verfassungsfeinde« zu sein.

Mit dem Radikalenerlass wurde die Überprüfung von bereits angestellten oder angehenden Beamten zur Norm. 3,5 Millionen Personen wurden überprüft, mehrheitlich Linke. Es wurden mehr als 35 000 Dossiers angefertigt und 11 000 Berufsverbote ausgesprochen. Mitte der siebziger Jahre wurde die Überprüfung den Ländern übertragen, die sie erst ab Mitte der achtziger Jahre allmählich abschafften. Bayern stellte 1991 als letztes Bundesland die Regelanfrage beim Verfassungsschutz ein. Die Rehabilitation der Betroffenen hingegen steht bislang aus.
Der Europäische Gerichtshof wertete bereits 1995 die Anwendung der »Grundsätze zur Frage der verfassungsfeindlichen Kräfte im öffentlichen Dienst«, wie der Radikalenerlass offiziell hieß, als Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Jedoch wurde noch 2012 eine von der Linkspartei angestoßene Debatte im Bundestag unterbunden und der zugehörige Antrag auf Rehabilitation der Opfer des Berufsverbots abgelehnt. Nicht nur CDU/CSU und FDP verweigerten sich der Diskussion. Michael Hartmann (SPD), der jüngst wegen des Konsums von Crystal Meth in die Schlagzeilen geraten ist, bezeichnete den Antrag in der damaligen Debatte als »folkloristisch« und forderte vom Antragsteller der Linkspartei, Wolfgang Gehrke, dieser solle sich erst einmal »für all das Unrecht« entschuldigen, das er als ehemaliges Mitglied von KPD und DKP »direkt oder indirekt« zu verantworten habe. Auf eine Petition von Betroffenen im selben Jahr reagierte das Innenministerium empört: Es habe weder eine Bespitzelung politischer Oppositioneller noch Berufsverbote gegeben. Vielmehr habe es sich um »eine Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes« gehandelt, so die Antwort.
Nun gibt es einen neuen Vorschlag zur Rehabilitation, diesmal auf Landesebene, der bessere Chancen auf Erfolg zu haben scheint. Mitte Mai brachten die niedersächsischen Regierungsparteien SPD und Grüne einen Antrag zur »Aufarbeitung der Schicksale der von Berufsverboten betroffenen Personen« in den Landtag ein. Der Antrag wurde überraschenderweise von allen Parteien unterstützt, selbst FDP und CDU sprachen von begangenem Unrecht und der Notwendigkeit einer Aufarbeitung. Damit soll sich nun eine Kommission, bestehend aus Abgeordneten, Gewerkschaftern und Betroffenen, befassen.

Am Ende, so die Hoffnung, könnte auch eine materielle Wiedergutmachung stehen. »Rehabilitierung umfasst nicht nur moralische und politische Aspekte, sie beinhaltet auch die Behebung des angerichteten Schadens in finanzieller Hinsicht«, heißt es in einer Stellungnahme von Betroffenen. Ihre Forderungen werden auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt. Mit einem Antrag an den Verdi-Bundeskongress im kommenden Jahr soll die Unterstützung noch vergrößert werden. Zudem fordern die Verfasser des Antrags die Abschaffung von Extremistenklauseln, die als Folge des Radikalenerlasses noch immer in manchen Tarifverträgen des Öffentlichen Dienstes zu finden sind.
Der Radikalenerlass steht exemplarisch für die deutschen Kontinuitäten nach dem von außen erzwungenen Ende des Nationalsozialismus. CDU/CSU, FDP und SPD waren sich damals einig, dass Kommunisten, und nicht etwa die über acht Millionen ehemaligen NSDAP-Mitglieder, eine Bedrohung für Deutschland darstellten. Während verdiente NS-Schergen überall in staatlichen Institutionen Fuß fassen konnten, wurden vermeintlich linke Lokführer und Postbeamte als Gefahr betrachtet. »Nazis rein, Linke raus«, fasste dies ein Artikel auf Zeit Online vergangenes Jahr treffend zusammen. Für Bundeskanzler Willy Brandt und die SPD war der Kampf gegen Linksradikale zugleich Teil des Kampfes gegen die innere linke Opposition, die sich entgegen dem 1959 verabschiedeten Godesberger Programm weiterhin auf den Marxismus als Teil der sozialdemokratischen Tradition berief. Zwar wird Brandt gerne mit den Worten zitiert, der Radikalenerlass sei einer seiner schwersten politischen Fehler gewesen. Jedoch verkörpert der »Patriot« Brandt zugleich die deutschnationale Ausrichtung der Sozialdemokratie. »Deutsche. Wir können stolz sein auf unser Land«, hieß es 1972 auf einem seiner Wahlplakate. Kritische Lehrer und Lehrerinnen, die das anders sahen, waren dementsprechend unerwünscht. Im Kern teilte die SPD die Meinung der CDU, die damals auf Plakaten verkündete: »Wir werden nicht zulassen, dass Kommunisten unsere Kinder zu Kommunisten erziehen.«
Diese alten Denkmuster sind immer noch weit verbreitet. Das zeitweilige Berufsverbot für den antifaschistisch engagierten Realschullehrer Michael Csaszkóczy von 2004 bis 2007 im damals von der CDU regierten Baden-Württemberg offenbarte den weiterhin vielerorts tiefsitzenden und emotional aufgeladenen Antikommunismus. Dieser trat auch in der Diskussion im niedersächsischen Landtag zu Tage. Angelika Jahns (CDU) relativierte die NS-Zeit, die sie in einem Atemzug mit der »SED-Diktatur« als »sehr schwierige Jahrzehnte« der deutschen Geschichte bezeichnete. Reinhold Hilbers (CDU) rief auf die Kritik der SPD an der damaligen Verfolgung Andersdenkender in den Saal: »Nicht Andersdenkende! Es ging um Kommunisten!« Aber auch der von der rot-grünen Landesregierung für den Antrag angegebene Grund, nämlich dass »politisch motivierte Berufsverbote, Bespitzelungen und Verdächtigungen nie wieder Instrumente des demokratischen Rechtsstaates sein dürfen«, ist angesichts der Beobachtung von kritischen Journalisten und Anwälten durch den niedersächsischen Verfassungsschutz skeptisch zu betrachten.

Aber es gibt positive Entwicklungen. Michael Csaszkóczy darf mittlerweile unterrichten und bekam vom Landgericht Karlsruhe 33 000 Euro Entschädigung vom Land Baden-Württemberg zugesprochen. Das birgt Hoffnung für die Betroffenen des Radikalenerlasses, die den niedersächsischen Vorschlag als wichtigen Schritt betrachten. In einer Stellungnahme sprechen sie von einem »impulsgebenden Dokument«, stellen aber zugleich fest: »Mitleid, Bedauern, ›Respekt und Anerkennung‹ gegenüber den Betroffenen genügt nicht.« Sie wollen vollständig rehabilitiert werden, dazu gehöre nicht zuletzt auch die »materielle Wiedergutmachung«. Angesichts der parteiübergreifenden Einigkeit stehen die Chancen hierfür gut, aber erst einmal nur für die 130 Betroffenen aus Niedersachsen. Die bundesweite Aufarbeitung steht weiterhin aus.