Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 31. Juli 2014

Das tiefe Schweigen

An Milena Jesenská, die nicht nur Briefpartnerin Franz Kafkas, sondern auch Widerstandskämpferin gegen das nationalsozialistische Deutschland und ­Kritikerin des Stalinismus war, erinnert Birgit Schmidt.
 
von Birgit Schmidt, Jungle World, 31.07.2014


Ihr Todestag im Mai vor 70 Jahren wurde nicht begangen, ihrer Ermordung im Konzentrationslager Ravensbrück wurde nicht gedacht. Vielleicht liegt das daran, dass die Historiographie Frauen, die im Zusammenhang mit berühmten Männern in Erscheinung getreten sind, zu Recht nicht mehr herausheben möchte. Aber die Tschechin Milena Jesenská war weit mehr als eine der Freundinnen von Franz Kafka, dessen Briefe an sie als »Briefe an Milena« in die Literaturgeschichte eingegangen sind.

Milena Jesenská war, um mit ihren letzten Lebensjahren zu beginnen, eine Widerstandskämpferin gegen die deutsche Besatzung ihres Landes und ihrer Stadt Prag. Sie hat Bedrohte versteckt und ihnen zur Flucht verholfen; in Israel wird sie als Gerechte unter den Völkern verehrt. Irgendwann fiel sie mit ihrer Tätigkeit auf oder wurde denunziert – es folgte die Verhaftung, dann die Verschleppung nach Ravensbrück und der Tod im Lager. Aber Jesenská war auch mehr als eine Kämpferin: Sie war eine herausragende Journalistin und eine der ersten linken Intellektuellen und Kommunistinnen in der Tschechoslowakei, die die Hintergründe der politischen Prozesse in der Sowjetunion früh durchschaute und sich beizeiten gegen die Stalinisierung der Kommunistischen Parteien und der osteuropäischen Länder wandte. In Ravensbrück dann wurde sie mit einer der schmerzlichsten Tatsache konfrontiert, die die Anhänger der kommunistischen Weltbewegung zu reflektieren gezwungen waren und die bisweilen noch heute bestritten wird: mit der Auslieferung deutscher Kommunisten und Kommunistinnen an die Gestapo durch die Sowjetunion im Winter 1940/41 infolge des Paktes zwischen Hitler und Stalin.

Boheme und Kommunismus

All das war noch nicht abzusehen, als die noch sehr junge Jesenská zu Beginn der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Franz Kafka korrespondierte. Damals war sie verheiratet mit dem Dichter und Bohemien Ernst Polak und lebte mit diesem in Wien. Sie lebten schlecht, das Geld war solchermaßen knapp, dass Jesenská sich gar als Gepäckträgerin auf dem Wiener Hauptbahnhof verdingen musste.

Aus einer Übersetzungsarbeit – sie arbeitete an Kafkas Erzählung »Der Heizer«, die später Teil des Romanfragments »Der Verschollene« wurde – enwickelte sich 1920 die Beziehung zu dem 13 Jahre Älteren. Es war eine vorwiegend briefliche Beziehung, wie der ängstliche Kafka sie im Umgang mit Frauen bevorzugte, und 1921 war sie bereits wieder beendet. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Jesenská aus ihren finanziellen Nöten heraus bereits begonnen, für tschechische Zeitungen zu schreiben. Und 1925, bevor sie endgültig nach Prag zurückkehrte, lebte sie mehrere Monate bei ihrer Freundin, der Individualpsychologin und Frauenrechtlerin Alice Rühle-Gerstel und deren Mann, dem Rätekommunisten und Reformpädagogen Otto Rühle, in Dresden und unterstützte deren reformpädagogische Arbeit durch Publikationen in dem von beiden herausge­gebenen Periodikum "Das proletarische Kind".

Die folgenden Jahre waren gute Jahre. Jesenská, mittlerweile auch eingeschriebenes Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, genoss ihren Erfolg als Autorin. Sie heiratete und brachte im Jahr 1928 eine Tochter zur Welt, doch aus einem Unfall und einem sich daran anschließenden Behandlungsfehler resultierte eine Morphiumsucht, die sie erst Ende der dreißiger Jahre überwand.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich von den Kommunisten bereits wieder gelöst. »Schon 1937«, schreibt ihre spätere Freundin Margarete Buber-Neumann, »hatte sie alle Spuren ihrer kommunistischen Vergangenheit überwunden und sich von jeder Art Wunschdenken befreit. Sie erkannte die Bedrohung der Freiheit, ganz gleich, von welcher Seite sie kam, und hatte den Mut, mit gleichem Nachdruck die nationalsozialistische ebenso wie die sowjetrussische Diktatur zu verurteilen. Das brachte sie in entscheidenden Widerspruch zu einem großen Teil der Prager Intelligenz, die, betont antifaschistisch, vor der sowjetrussischen Wirklichkeit die Augen verschloss.«
1933 war die Tschechoslowakei, war insbesondere Prag zur ersten Anlaufstelle derjenigen Deutschen geworden, die sich vor dem nationalsozialistischen Regime ins nahe Ausland geflüchtet hatten. Es war damals noch möglich gewesen, sich als Wanderer oder Skifahrer getarnt über die Grenze zu schmuggeln. Deutsch war eine der beiden Landessprachen der Tschechoslowakei, und die tschechoslowakische Regierung war den Flüchtlingen, sofern diese nicht gegen die Auflagen verstießen, die es ihnen verboten zu arbeiten oder sich politisch zu betätigen, wohlgesonnen.
In Prag tummelten sich bald Vertreter jeder nur denkbaren politischen Richtung. Um den ehemaligen Nationalsozialisten Otto Strasser, der hier versuchte, eine »Schwarze Front« zu organisieren, gruppierte sich sogar die extreme Rechte. Ihr gegenüber standen diejenigen organisierten Kommunisten und Kommunistinnen, die jede Moskauer Verlautbarung gegenüber sich selbst und anderen vertreten mussten. Beispielsweise die Behauptung, dass man angesichts des Nationalsozialismus keine Niederlage erlitten, sondern dass man lediglich als Kommunist einen geordneten Rückzug angetreten habe.

Alice Rühle-Gerstel, die mit ihrem Mann bereits 1932 von Dresden nach Prag gegangen war, hat im tschechoslowakischen Exil den Roman »Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit« verfasst, dessen Protagonistin eine bis zu diesem Zeitpunkt organisierte Kommunistin ist, die aber bald in Widerspruch zur verordneten Parteilinie gerät: »›Wir hätten kämpfen müssen‹, dachte Hanna verquält, sie dachte es zum hundertsten Mal, wie viele, wie sehr viele. ›Wir waren zu ordentlich. Wir haben auf die Parole gewartet, es kam keine …‹«

Doch von der Partei muss sie sich sagen lassen: »Niederlage nennst du das, Genossin? Das ist eine ultralinke Abweichung! Wir haben keine Niederlage erlitten! Das revolutionäre Proletariat hat sich überhaupt auf keinen Kampf eingelassen, da konnte es auch keine Niederlage erleiden! Ist doch logisch, was?«

Als Alice Rühle-Gerstel sich anschickte, Prag zu verlassen und ihrem Mann nach Mexiko zu folgen, war ihre Freundin Milena noch eine überzeugte Kommunistin, war Redakteurin des kommunistischen Zentralorgans und bewegte sich in den entsprechenden Kreisen. So war sie befreundet mit Julius Fuík, einem Gründungsmitglied der KP der Tschechoslowakei, der – tragischerweise – seither zu einem der bekanntesten Tschechen des 20. Jahrhunderts geworden ist. Fucík, Mitglied der ZK der Partei, wurde im April 1942 in Prag verhaftet und im Prager Gefängnis Pankrác inhaftiert, wo seine »Reportage unter dem Strang geschrieben« entstand, die zahlreiche Auflagen erlebte.

Darin weist sich Fucík, der im Mai 1943 nach Deutschland deportiert und im September in Plötzensee hingerichtet wurde, als ein im Wortsinn gläubiger Kommunist aus. Es gibt in dem Buch zahlreiche Stellen wie die folgende, die anlässlich des 1. Mai entstanden ist: »Um diese Stunde sind in den Straßen von Moskau schon die ersten Truppen zur Maiparade angetreten, und jetzt kämpfen um diese Stunde Millionen Menschen die letzte Schlacht für die Freiheit des Menschen, und Tausende fallen in diesem Kampf. Ich bin einer von ihnen. Und einer von ihnen zu sein, einer der Kämpfer der letzten Schlacht, das ist schön.«

Milena Jesenská hingegen durchschaute die tatsächliche politische Motivation der Moskauer Prozesse, sie durchschaute das Stalinsche System, wie es nach 1933 in Prag auch zahlreiche Vertreter von Gruppen gab, die mit dem Stalinismus gebrochen hatten. Es gab ehemalige Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei, die sich 1932 aufgelöst hatte, es gab Mitglieder der Kommunistischen Partei Opposition – Anhänger der oppositionellen Kommunisten von Heinrich Brandler und August Thalheimer –, die sich gegen die von der Komintern verordnete These wandten, dass es sich bei Sozialdemokraten um Sozialfaschisten handele. Es gab vermeintliche und tatsächliche Trotzkisten. Dabei war es keineswegs ungefährlich, sich gegen die Kommunistischen Parteien zu stellen. »Seit dem ersten Moskauer Prozess«, schreibt der in Prag exilierte Deutsche Henry Jacoby in seinen Erinnerungen, »hatten alle linken Gruppierungen – gleichgültig ob Brandlerianer, Trotzkisten oder andere – damit zu rechnen, als ›trotzkistische‹ Gestapoagenten von den Stalinisten denunziert zu werden.«

Die Diktatur der Lüge

Henry Jacoby war als junger Mann Anarchist gewesen, hatte in Ernst Friedrichs AntikriegsMuseum in Berlin mitgearbeitet und war 1933 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach seiner Entlassung floh er nach Prag und kam mit seiner Frau Frieda bei Milena Jesenská unter – allerdings zu einem recht schlechten Zeitpunkt. »Milena leitete die Redaktion der kommunistischen Zeitschrift Tvorba«, berichtet Jacoby, »hatte aber, als ich ankam, bereits innerlich mit der Partei gebrochen, und Führer der ausgeschlossenen Parteiopposition wie Kalandra und Josef Guttmann wurden abends auf ein verabredetes Klopfzeichen eingelassen. Manchen Oppositionellen verhalf sie zu einem Honorar, indem sie sie Artikel unter einem Pseudonym schreiben ließ. Bald wurde aber auch sie aus der Partei ausgeschlossen. Als sie später von den Nazis im Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie heldenhaften Widerstand leistete, in den Tod getrieben wurde, drangsalierten sie dort die ehemaligen Parteigenossen bis in die Todesstunde hinein. Ich lernte sie im Zustand innerer Zerrissenheit und äußerer Vernachlässigung kennen. Frieda hatte alle Mühe, mit dem Geld, das nach dem Kauf von Morphium übrig blieb, den Haushalt zu führen.«

Im Jahr 1937 jedoch überwand Milena Jesenská ihre Sucht. Der kommunistischen Partei entfremdet, befreundete sie sich mit William Schlamm, dem Herausgeber der zuvor in Berlin von Carl von Ossietzky geleiteten Weltbühne. Schlamm verlor die Weltbühne an den Kommunisten Hermann Budzislawski und siedelte im Sommer 1938 in die Vereinigten Staaten über. Dort vollzog der ehemalige Kommunist eine Wandlung zum Konservativen, die anhand seines Buches »Die Diktatur der Lüge«, seine Abrechnung mit Stalin, nachvollzogen werden kann. In seinen späteren Lebensjahren rückte er immer weiter nach rechts und wurde sogar ein Gegner der antiautoritären Linken.

Schlamm war 1938 mit der Hilfe von Milena Jesenská gerade noch rechtzeitig vor dem Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei den Deutschen preisgab, außer Landes ­gekommen. »Die Deutschen sind einfach unbeschreiblich widerliche Menschen«, hatte Milena Jesenská im Jahr 1922 an Karel Scheinpflug geschrieben, einen Redakteur von Naródní ­Listy, der ersten Zeitung, in der sie veröffentlicht hatte, »trotz allem, auch wenn man nicht weiß, was man ihnen eigentlich vorwerfen kann, höchstens eine Reihe von Korrektheiten.«

Keine 20 Jahre später, im Frühjahr 1939, wusste sie, was den Deutschen vorzuwerfen war. Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht ein, Prag wurde besetzt. »Um ½ 8 Uhr«, schreibt Jesenská, »machten sich Schwärme von Kindern auf den Schulweg, so wie immer. Arbeiter und Angestellte fuhren zur Arbeit, so wie immer. Die Straßenbahnen waren überfüllt, so wie immer. Nur die Menschen, die waren anders. Sie standen da und schwiegen. Nie noch hörte ich so viele Menschen so tief schweigen. Keine Ansammlungen auf den Straßen. In den Büros hob keiner den Kopf vom Schreibtisch …«

Fluchthilfe und Deportation

Milena Jesenská schloss sich einer Widerstandsgruppe an, die der Deutsche Graf Joachim von Zedtwitz organisiert hatte. Man beschränkte sich nicht auf Propaganda, also darauf, andere aufzufordern, etwas zu tun. Man versteckte Gefährdete – auch in der Wohnung Jesenskás – und half ihnen über die Grenze. Bemerkenswert ist jedoch, dass Jesenská, die so vielen zur Flucht verhalf, für sich selbst eine Flucht nicht in Erwägung zog. Sie blieb in Prag, wurde am 11. November 1939 von der Gestapo verhaftet und im Prager Gefängnis Pankrác gefangen gehalten. Im Juni 1940 wurde sie als sogenannter Schutzhäftling in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Dort traf sie auf eine Frau, die ihrerseits allen Grund gehabt hatte, mit den Kommunisten zu brechen: Margarete Buber-Neumann war, gemeinsam mit ihrer Schwester Babette, als junge Frau begeistert in die Kommunistische Partei eingetreten und ihrem Lebensgefährten Heinz Neumann im Jahr 1931 nach Moskau gefolgt. Dort wurde Neumann verhaftet und kurz darauf erschossen. Margarete Buber-Neumann, auch sie war verhaftet worden, trat einen langen Leidensweg an. »Anfang August des Jahres 1940«, erinnert sie sich in der Biographie, die sie über Milena Jesenská geschrieben hat, »wurde ich in Ravensbrück eingeliefert. Hinter mir lagen die Schreckensjahre in Sowjetrussland: Verhaftung durch die NKWD in Moskau, Verurteilung zu fünf Jahren Zwangsarbeit, Aufenthalt im kaukasischen Konzentrationslager Karaganda und dann die Auslieferung durch die russische Staatspolizei an die Deutschen im Jahr 1940. Dem folgten Haft und monatelange Verhöre bei der Gestapo in Berlin und schließlich die Überführung ins deutsche KZ.«

Margarete Buber-Neumann hatte tatsächlich zu jener Menschengruppe gehört, deren Existenz von Kommunisten lange bestritten worden ist: Sie war von der sowjetischen Geheimpolizei an die Deutschen ausgeliefert worden, nachdem im September 1939 der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt, das Bündnis zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion, zustande gekommen war.

Wenige der Betroffenen haben dies überlebt, die meisten verschwanden, nachdem sie von der Gestapo verhört worden waren, in einem deutschen Lager. Überlebt hat Waltraut Nicolas, die Ehefrau des Bühnen- und Drehbuchautors Ernst Ottwalt, dieser schrieb für die Piscator-Bühne und außerdem das Drehbuch zu Bertolt Brechts Film »Kuhle Wampe«.

Nicolas und Ottwalt waren 1936 in Moskau verhaftet worden. Während Ernst Ottwalt im Gulag verschwand, wurde seine Frau, um die Jahreswende 1940/41 an das nationalsozia­listische Deutschland überstellt, zu dessen Apologetin: Unter dem Namen Irene Cordes veröffentlichte sie ein Buch über ihre Erfahrungen in der Sowjetunion und in der Lagerhaft, »Der Weg ohne Gnade«; es ist 1958 noch einmal unter dem Titel »Die Kraft, das Ärgste zu ertragen« herausgekommen. Im letzten Kapitel dieses Buchs, das mit dem Titel »Das Wunder« überschrieben ist, behauptet sie, alle Betroffenen seien glücklich gewesen, an Deutschland ausgeliefert zu werden. »Und jeder von uns weiß:«, schreibt sie dort, »jenseits dieser Brücke ist Deutschland, ist die Freiheit …«

Das Gegenteil war der Fall: Margarete Buber-Neumann, die mit einem Transport von 28 Männern und drei Frauen nach Brest-Litowsk gebracht und dort an die SS übergeben worden war, berichtet zwar einerseits von bis zu diesem Zeitpunkt überzeugten Kommunisten, die bereits auf dem Transport begonnen hatten, sich geistig an das NS-Regime anzupassen, aber auch von der Verzweiflung insbesondere der jüdischen Ausgelieferten, deren Ermordung gewiss war.
Dem jüdischen Physiker Alexander Weissberg-Cybulski, auch er war von den sowjetischen Behörden an die Gestapo übergeben worden, gelang es hingegen zu überleben. Von ihm stammt das Erinnerungsbuch »Hexensabbat. Die Gedankenpolizei – Die grosse Tschistka«. Darin schreibt er über die Nacht der Auslieferung: »In der Sylvesternacht des Jahres 1939/40 setzte sich der Zug in Bewegung. Er brachte 70 geschlagene Leute nach Hause. Sie verließen das Vaterland, das sie selber gewählt hatten, und kehrten in eine Heimat zurück, die ihnen fremd geworden war. Sie standen zwischen den Fronten. Sie waren heimatlos geworden in beiden Ländern. Wir fuhren durch das verwüstete Polen auf Brest-Litowsk zu. An der Burgbrücke erwartete uns der Apparat des andern totalitären Systems in Europa, die deutsche Gestapo.«

Margarete Buber-Neumann kam in das Berliner Polizeigefängnis am Alexanderplatz und wurde am 2. August 1940 als Schutzhäftling nach Ravensbrück verbracht, wo es nach ihren Angaben zu diesem Zeitpunkt bereits 4 200 gefangene Frauen gab. Bald sollte Ravensbrück sich zum größten Konzentrationslager für Frauen entwickeln: »In den Jahren 1939 bis 1945«, teilt die heutige Gedenkstätte mit, »sind etwa 132 000 Frauen und Kinder, 20 000 Männer und 1 000 weibliche Jugendliche als Häftlinge registriert worden. Zehntausende wurden ermordet.«

Als Margarete Buber-Neumann nach Ravensbrück kam, galt sie den anderen noch als Kommunistin: »Schon am dritten Tag meines Aufenthaltes in Ravensbrück«, schreibt sie, »stellten die deutschen kommunistischen Mithäftlinge ein Verhör mit mir an, weil sie wussten, dass ich die Lebensgefährtin Heinz Neumanns war und aus den bitteren Erfahrungen in Sowjetrussland keinen Hehl machte. Nach dem Verhör drückten sie mir den Stempel ›Verräterin‹ auf und behaupteten, ich verbreite Lügen über Sowjetrussland. Da die Kommunistinnen in Ravensbrück zur Prominenz unter den Häftlingen gehörten, hatte ihre Ächtung den gewünschten Erfolg: Die politischen Mitgefangenen mieden mich, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.«

Abtrünnige Kommunistinnen

Die Freundschaft zwischen Buber-Neumann und Jesenská im Lager beruhte auf der gemeinsamen Ablehnung der von den Kommunisten eingeforderten Disziplin, die unbedingten Glauben an die Sowjetunion und an Stalin verlangte, ein Glaube allerdings, der von vielen auch deshalb aufgebracht wurde, weil er in unerträglicher Situation psychologischen Schutz bot und es ihnen ermöglichte, die Umgebung und das Leiden zu ertragen.

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 war die Welt für diejenigen wieder ins Lot geraten, die insgeheim, denn Zweifel äußern durfte man gegenüber Genossen und Genossinnen nicht, unter dem Bündnis zwischen Deutschland und der Sowjet­union gelitten hatten. Aber der Vormarsch der Deutschen schien unaufhaltsam zu sein. Erst die Schlacht um Stalingrad brachte im ­Februar 1943 die Wende.

In der Tschechoslowakei begann im Juni 1942, nach dem Attentat gegen den SS-Obergruppenführer und stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich, die Racheraserei der Deutschen. »Die Haufen der Toten«, schrieb Fucík in seiner Zelle, »türmen sich. Sie zählen nicht mehr nach Dutzenden, nicht nach Hunderten, sondern nach Tausenden. Das frische Blut reizt die Nüstern der Bestien. Sie ›amtieren‹ bis spät in die Nacht, sie ›amtieren‹ auch am Sonntag. Jetzt tragen sie alle die SS-Uniform, es ist ihr ›Feiertag‹, ihr Schlachtfest. Sie schicken Arbeiter in den Tod, Lehrer, Bauern, Schriftsteller, Beamte, sie schlachten Männer, Frauen und Kinder, sie rotten ganze Familien aus, sie brennen ganze Dörfer nieder. Der Tod durchs Blei geht durch das Land wie die Pest und ist nicht wählerisch.«

Noch heute ist der Name des Ortes Lidice, rund 20 Kilometer westlich von Prag gelegen, Synonym für den Schrecken der deutschen Herrschaft über die Tschechoslowakei: Am 9. Juni 1942 umstellten Gestapo, SS und Schutzpolizei den Ort, alle Männer über 15 Jahre wurden erschossen, die Frauen wurden nach Ravensbrück verschleppt, wo rund ein Drittel von ihnen ums Leben kam.

Milena Jesenská erkrankte dort im Herbst 1943 an einer Nierenentzündung. Nach langem Leiden unter den Bedingungen des Lagers und falscher Behandlung starb sie im Mai 1944. »Am Nachmittag des 15. Mai«, erinnert sich Margarete Buber-Neumann, »überbringt man mir während der Arbeitszeit die Nachricht, Milena liege im Sterben. Ich zögere keine Minute und verlasse ganz einfach den Arbeitsplatz. Was kann schon noch geschehen! Die Sterbende liegt in Euphorie. Ihr Gesicht strahlt, die Augen glänzend und dunkelblau, und als ich zu ihr trete, breitet sie die Arme aus, begrüßt mich mit dieser wunderschönen, ihr eigenen Geste. Sie kann nicht mehr sprechen. Aus dem Lager kommen die tschechischen Freunde, sie umringen das Bett, stehen draußen vorm Fenster, und voller Glückseligkeit blickt Milena auf alle, nimmt Abschied vom Leben. Am Abend verliert sie das Bewusstsein. Der Todeskampf dauert bis zum 17. Mai. Erst dann schleiche ich in die Baracke zurück. Für mich hat das Leben den Sinn verloren.«

Im Juni 1944 erfuhren die Häftlinge in Ravensbrück von der Invasion in der Normandie; am 30. April 1945 wurde das Lager Ravensbrück mit den zurückgelassenen Gefangenen befreit. Margarete Buber-Neumann war zuvor, am 21. April, mit der Auflage entlassen worden, sich bei einer zuständigen Gestapo-Stelle zu melden, und machte sich auf den Weg gen Westen. Hitler beging am 30. April Selbstmord, am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation Deutschlands in Kraft.

Die 1948 gegründete tschechoslowakische Republik geriet in den Machtbereich der Sowjet­union, die alle Staaten unter ihrem Einfluss in den Folgejahren mit einer Welle von Prozessen überzog, die sich in erster Linie gegen Kommunisten richtete, die es auf ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten in ein westliches Land verschlagen hatte. Sie begann mit dem sogenannten Kostow-Prozess in Bulgarien und dem Rajk-Prozess in Ungarn und griff dann unter der Bezeichnung Slánský-Prozess auf die Tschechoslowakei über.

Der ehemalige ungarische Kommunist Georg Hermann Hodos, der von den Verfolgungen betroffen war und ein Standardwerk zum Thema verfasst hat, nannte, was die Geschichtsschreibung dem Sammelbegriff Slánský-Prozess subsumiert, das ärgste Blutbad, das der Stalinismus in den Satellitenstaaten angerichtet habe. Er schreibt: »Im Hauptprozess allein wurden elf Kommunisten hingerichtet; die Zahl der von 1948 bis 1952 vom Staatsgericht ausgesprochenen Todesurteile betrug 233, wovon 178 vollstreckt wurden. Nach der Hauptverhandlung erhielten mehr als 35 000 Personen hohe Gefängnisstrafen, 22 000 wurden ohne Gerichtsurteil in Arbeitslager gesperrt. Der Unterschied im Umfang des Terrors lässt sich mit der unterschiedlichen Geschichte beider Staaten erklären: Ungarn war vor dem Krieg ein halb-faschistisches Agrarland mit einer zahlenmäßig äußerst schwachen, illegalen Kommunistischen Partei, während in der industrialisierten, demokratischen Tschechoslowakei die KP nach Hitlers Machtergreifung neben der französischen die größte legale Partei Europas war. Sie stellte das stärkste Kontingent der Spanienkämpfer der Internationalen Brigade, und nach der Besetzung und Zerstückelung durch Hitler rettete sich ein bedeutender Teil der kommunistischen Kader nach Frankreich, später nach London, dem Sitz der Exilregierung. Sie zeichnete sich daher auch im paranoiden Weltbild Stalins durch die größte Anzahl der ›Unzuverlässigen‹ und ›Verdäch­tigen‹ aus.«

Stalin starb im März 1953. Doch in kultureller Hinsicht hatte der Slánský-Prozess noch lange Auswirkungen: Die Bücher von Franz Kafka konnten nicht gelesen, an Menschen wie Milena Jesenská konnte nicht erinnert werden.

Erst der mutige Germanist Eduard Goldstücker – er war der erste Botschafter der Tschechoslowakei in Israel gewesen, 1951 in Verbindung mit dem Slánský-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt, 1955 aber rehabilitiert worden – brachte beide Namen wieder ins Gespräch. Goldstücker initiierte im Mai 1963 in der Nähe von Prag die berühmt gewordene Kafka-Konferenz. Das Buch »Adresát« von Milena Jesenská, das ihre Tochter Jana im Jahr 1969 veröffentlichte, durfte jedoch nicht ausgeliefert werden. Es erschien erst 1985 im Verlag Neue Kritik.

Eine Sammlung von Feuilletons und Reportagen Milena Jesenskás ist unter dem Titel »Alles ist Leben« 1990 im Verlag Neue Kritik erschienen.
Eine Auswahl ihrer Briefe – diejenigen an Kafka gelten als verschollen – erschien unter dem Titel »Ich hätte zu antworten tage- und nächtelang« zuerst 1996 im Bollmann-Verlag, dann 1999 bei Fischer.
Das Buch »Milena, Kafkas Freundin« von Margarete Buber-Neumann ist 1977 im Verlag Langen Müller veröffentlicht worden.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Zum Teufel mit Stalin

Die Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938 und der Antisemitismus in der Sowjetunion.
 
von Olaf Kistenmacher, Jungle World, 28.05.2014

Um die Atmosphäre in der Sowjet­union Ende der dreißiger Jahre nachvollziehen zu können, habe er sich, schreibt der Historiker Karl Schlögel in »Terror und Traum«, von Michail Bulgakows Roman »Der Meister und Margarita« inspirieren lassen. Diesem phantastischen Roman gelinge, was »den Geschichtswissenschaften weitgehend verwehrt« sei, nämlich eine gesellschaftliche Stimmung darzustellen, in der nichts sicher ist, jederzeit alles passieren kann, Menschen plötzlich auftauchen oder verschwinden. (1) In »Der Meister und Margarita« kommt der Teufel unter dem Namen Woland nach Moskau, gibt sich als Spezialist für Schwarze Magie aus, tötet nach Belieben, treibt unzählige Menschen in den Wahnsinn. Aber es ist auch dieser Woland, der mit seinen drei Gehilfen die Titelfiguren, einen »Meister« genannten Schriftsteller und dessen Geliebte Margarita, aus ihrem Unglück befreit. Für Michail Bulgakow gab es in den dreißiger Jahren etwas Schlimmeres als den Teufel. Bulgakow konnte zu dieser Zeit nicht mehr veröffentlichen; sein Roman, heute ein Klassiker der Weltliteratur, erschien erst 26 Jahre nach seinem Tod. Auf fast jeder Seite des Romans ist, obwohl er kaum direkt angesprochen wird, der als »Große Säuberung« bezeichnete Terror der Jahre 1936 bis 1938 spürbar. Zahlreiche prominente Bolschewiki wurden in Schauprozessen als angebliche Mitglieder eines »trotzkistisch-sinowjetischen terroristischen Zentrums« vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, rund zwei Millionen Menschen verhaftetet, mindestens 700 000 von ihnen wurden hingerichtet oder »verschwanden« in den Arbeitslagern. Obwohl eine umfangreiche historische Forschung über die Ereignisse existiert, sind zu den Ursachen noch viele Fragen offen. In dem Sammelband »Verbrechen im Namen der Idee« nennt Barry McLoughlin außer Josef W. Stalins paranoidem Machtwillen außenpolitische und wirtschaftliche Gründe für den Terror. (2) Doch die entscheidende Frage, weshalb sich so viele Menschen an den Verfolgungen beteiligten, ist damit noch nicht geklärt. Unterstützten sie Stalins Politik aus Angst, ebenfalls verhaftet zu werden, oder glaubten sie ernsthaft, ehemalige Protagonisten der Russischen Revolution wie Grigorij Sinowjew, Karl Radek, Nikolai Bucharin hätten einen Putsch in der UdSSR vorbereitet und wollten den Sozialismus in einem Lande beseitigen? Nach dem dritten und letzten Moskauer Prozess ließ Stalin selbst eine offizielle Lehre verbreiten: Die 1938 verfasste »Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) ­– Kurzer Lehrgang« hält fest, dass der Kampf gegen den »Judas Trotzki« gewonnen sei, und kündigt an: »Die kapitalistische Umwelt, die bestrebt ist, die Macht der Sowjetunion zu schwächen und zu untergraben, verstärkt ihre ›Arbeit‹ zur Organisierung von Mörder-, Schädlings- und Spionenbanden innerhalb der Sowjetunion. (...) Die Sowjetmacht straft mit fester Hand diesen Abschaum der Menschheit und rechnet schonungslos mit ihm ab, als mit den Feinden des Volkes und Verrätern an der Heimat.« (3)

Alles das scheint aus heutiger Perspektive so unglaublich wie der Teufelsspuk in »Der Meister und Margarita«. Zwar analysiert Christoph Jünke in dem Band »Nie wieder Kommunismus?« die »Logik des stalinistischen Terrors« und fasst den Forschungsstand zum Großen Terror zusammen (4), und seit 2013 erinnert eine Tafel am Karl-Liebknecht-Haus an die deutschen KPD-Mitglieder, die in den dreißiger Jahren in der UdSSR ermordet wurden. Doch trotz solcher Versuche, die Jahre 1936 bis 1938 als Teil der eigenen Geschichte anzuerkennen, haben die Ereignisse für die gegenwärtige radikale Linke in Deutschland kaum Bedeutung, als gehörten sie einer anderen Zeit und einer anderen Welt an. Bini Adamczak interpretiert das fehlende Gedenken als Ausdruck einer »Schuldabwehr, die ein linkes Subjekt erschafft, das mit den Fehlern und Verbrechen der historischen Vorgänger in keiner inneren Beziehung steht«. (5) In ihrem Buch »Gestern morgen«, das die Geschichte des Kommunismus von seinem Ende 1939 her erzählt, bilden die Moskauer Prozesse die letzte Etappe vor dem Hitler-Stalin-Pakt. Wahrscheinlich denken heutzutage mehr Menschen an das Gerichtsverfahren gegen die Mitglieder von Pussy Riot, wenn sie die Bezeichnung »Moskauer Prozesse« hören, als an die UdSSR unter Stalin. Milo Rau, dessen Film über den Pussy-Riot-Prozess im Frühjahr 2014 in Deutschland gezeigt wurde, sagt in dem Begleitbuch, er habe »ursprünglich« den Prozess von 1937, gegen Bucharin und Genrich G. Jagoda, reinszenieren wollen, sei aber davon abgekommen, weil es »nur noch sehr wenige Zeitzeugen« gebe, die er für seine Form des Reen­actment brauche. (6)

Stalinistische Verfolgung

Während durch Gruppen wie den Berliner Arbeitskreis »Stalin hat uns das Herz gebrochen« die kritische Auseinandersetzung mit den sta­linistischen Verfolgungen nach 1945 zum festen Bestandteil linken Geschichtsbewusstseins gehört und mehrere wissenschaftliche Studien erwiesen haben, inwiefern auch die spätere linke Feindschaft gegen den »Zionismus« in dieser Tradition steht, gilt das nicht für die »Große Säuberung« von 1936 bis 1938. Dabei lassen sich zwischen den Ereignissen vor und nach 1945 mehrere Ähnlichkeiten entdecken. Erstens richteten sich die Anklagen vor wie nach 1945 gegen ehemalige Parteigrößen. In den Jahren 1936 bis 1938 wurden Bolschewiki der ersten Stunde wie Sinowjew, Lew Kamenew oder Bucharin der wahnwitzigsten Verbrechen bezichtigt. Der Hauptangeklagte in Abwesenheit war stets Leo Trotzki, der mittlerweile seit Jahren im Exil lebte. 1951 wurde in der Tschechoslowakei Rudolf Slánský angeklagt; er war kurz zuvor noch Generalsekretär und damit der zweitmächtigste Mann in der tschechoslowakischen sozialistischen Partei gewesen. Auch Paul Merker, der kurz darauf in der DDR verhaftet wurde, war Mitglied des SED-Politbüros. Bereits in der Weimarer Republik hatte Merker zu den führenden Funktionären in der KPD gehört. Zweitens waren die Prozesse begleitet von einer Verhaftungswelle. Die Jahre 1936 bis 1938 waren nicht die erste sogenannte »Säuberung« der Partei und der Gesellschaft. Aber in diesen Jahren wurden 85 Prozent aller Todesurteile unter Stalin vollstreckt. In der Tschechoslowakei wurden von 1949 bis 1954 rund 55 000 Menschen inhaftiert und 178 Todesurteile vollstreckt. In der DDR wurden parallel zu Merkers Verhaftung mehrere jüdische Gemeinden durchsucht, rund ein Viertel ihrer Mitglieder flohen in den Westen.

Die dritte Gemeinsamkeit ist noch nicht ausreichend erforscht. Doch es ist unübersehbar, dass sowohl in den Jahren 1936 bis 1938 als auch in den Jahren nach 1945 unter den prominenten Angeklagten nicht wenige aus jüdischen Familien stammten. Offiziell sollte das keine Rolle spielen. Nach 1945 wies allerdings die Bezeichnung »Zionist« darauf hin. Artur London, im Prozess gegen Rudolf Slánský Anfang der fünfziger Jahre einer der Mitangeklagten, der nicht zum Tode verurteilt wurde, erinnerte sich später, dass die Geheimpolizisten, die die Verhöre durchführten, bei jeder erwähnten Person erfahren wollten, ob »es sich da nicht um einen Juden handelt«: »Die Geschickteren unter ihnen fragten: ›Wie hieß er vorher? Hat er nicht im Jahr 1945 seinen Namen geändert?‹« Die Polizisten setzten allerdings jedes Mal anstelle der Bezeichnung »Jude« das Wort »Zionist« ein. Als London auf den Bedeutungsunterschied hinwies, bekam er zur Antwort: »Wir gehören dem Sicherheitsapparat einer Volksdemokratie an. Das Wort Jude ist eine Beschimpfung. Deshalb schreiben wir ›Zionist‹.« (7) Paul Merker kam zwar nicht aus einer jüdischen Familie, aber gleichzeitig mit ihm wurden mehrere Repräsentanten der Jüdischen Gemeinden in der DDR, wie Julius Meyer, verhaftet und verhört. Als Meyer und andere 1953 aus der DDR flohen, berichtete das Neue Deutschland, sie seien »als ›zionistische Agenten‹ entlarvt« worden. (8)

Die jüdische Identität der Angeklagten spielte, so jedenfalls Leo Trotzki, bereits in den Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre eine Rolle. In »Thermidor und Antisemitismus« berichtete Trotzki 1937 zum Beispiel, dass sein Sohn Sergei Sedow in Moskau verurteilt worden sei, weil er angeblich »eine Massenvergiftung der Arbeiter« plane. Zu dieser Zeit hätten die sowjetischen Behörden verbreitet, dass der »›echte‹ Name« von Trotzki Bronstein sei. Damit, so Trotzki, wollten sie »meine jüdische Herkunft und die halbjüdische Herkunft meines Sohnes herausstellen«. (9)

Ein Verbrechen, drei Prozesse

Als offizieller Grund für die Moskauer Prozesse galt die Ermordung von Sergei M. Kirow. Der beliebte Leningrader Parteisekretär war am 1. Dezember 1934 vor seinem Büro in Smolny erschossen worden. Obwohl der Täter, Leonid W. Nikolajew, noch am Tatort festgenommen wurde und Eifersucht als Motiv angab, hieß es, der Mord sei nur der erste Akt einer ungeheuren Verschwörung. Es folgten drei große Schauprozesse, vom August 1936 bis März 1938, um die angeblichen Hintermänner zu präsentieren: Grigorij Sinowjew, in den zwanziger Jahren Vorsitzender der Kommunistischen Internationale, Lew Kamenew, ehemaliger Vorsitzender des Moskauer Sowjets, Igor Smirnow, einer der ältesten Bolschewiki, Karl Radek und als der mächtige Mann im Hintergrund Leo Trotzki. Menschen, die noch kurz zuvor als Revolutionäre der ersten Stunde verehrt wurden, galten nun als »Lakaien und Agenten der deutschen und japanischen Faschisten«. (10) Als im dritten und letzten Prozess sogar Genrich G. Jagoda, ein alter Tschekist, der bis zum September 1936 das Volkskommissariat des Inneren geleitet hatte, auf der Anklagebank saß, war offensichtlich, dass niemand vor der Verfolgung sicher sein konnte. Doch so unglaublich die Anklagen klangen – die prominenten Angeklagten gestanden und bezichtigten sich selbst der absurdesten Verbrechen. Die meisten von ihnen wurden zum Tod verurteilt, die Urteile sofort vollstreckt. Widerspruch kam vor allem von dem Hauptangeklagten in Abwesenheit, Leo Trotzki. Noch im gleichen Jahr bemühte sich sein ältester Sohn, Leo Sedow, im französischen Exil, die Anklagepunkte in einem »Rotbuch über den Moskauer Prozess« akribisch zu widerlegen. Für ihn war der Prozess der Versuch der »endgültigen Vernichtung der Opposition«, die es seit den zwanziger Jahren in Russland gegen Stalin gegeben hat. (11) Sedow zeigte, wie in dem Gerichtsverfahren mit Fälschungen gearbeitet wurde, wie widersprüchlich Aussagen waren, und betonte, dass ausgerechnet jüdische Kommunisten vor Gericht als ­Gestapo-Agenten präsentiert wurden. Wer solle denn glauben, dass »ein junger jüdischer Kommunist, der sich Trotzkist nennt, die Gestapo um Mitwirkung bei der Ermordung Stalins bittet?« (12) Mit einem jüdischen Trotzkisten würden die deutschen Nationalsozialisten doch nicht kooperieren, sondern ihn in ein Konzentrationslager stecken, schrieb Sedow, der 1938 in Paris unter ungeklärten Umständen nach einer Blinddarmoperation starb.

In seinem mexikanischen Exil bildete Leo Trotzki eine Kommission, um die Anklagepunkte nach der Art eines rechtsstaatlichen Verfahrens überprüfen zu lassen. Als Verhandlungsleiter gewann er den US-amerikanischen Philo­sophen John Dewey. Auf die Unterstützung der kommunistischen Parteien konnte Trotzki ebenso wenig bauen wie auf die sozialistische Linke und die Gewerkschaftsinternationale. Selbst jemand wie André Gide, der in diesen Jahren auf Distanz zur kommunistischen Bewegung ging, stand für die Kommission nicht zur Verfügung. Die Kommission kam zu dem wenig überraschenden Schluss, dass auf der Basis des »gesamten Beweismaterials« die Moskauer Prozesse vom August 1936 und vom Januar 1937 »als falsche Anklage« zu bewerten seien: »Wir betrachten Leo Trotzki und Leo Sedow als nicht schuldig.« (13)

Gide war 1937 in die Sowjetunion gereist und beschrieb in »Zurück aus Sowjetrussland« seine Enttäuschung: »Von Monat zu Monat verschlimmert sich der Zustand der UdSSR. Weiter und weiter entfernt sie sich von dem, was sie in unserer Hoffnung war, was sie für unsere Hoffnung sein müsste.« (14) Arthur Kostler, der 1931 der KPD beigetreten war, verarbeitete seine Erschütterung in dem Roman »Sonnenfinsternis«. Die Hauptfigur Nicolas S. Rubaschow sollte eine Mischung aus Bucharin, Radek und Trotzki sein. Koestler versuchte zu ergründen, warum sich die Angeklagten selbst dann der absurdesten Verbrechen bezichtigten, wenn sie nicht gefoltert worden waren. Ihre Verurteilung erscheint in dem Roman als die logische Konsequenz einer Politik, die sie selbst mit geprägt haben. »Die Geschichte hat uns gelehrt, dass man ihr mit einer Lüge oft besser als mit einer Wahrheit dient«, schreibt Rubaschow während seiner Haft in sein Tagebuch. (15) Indem sie ihre individuelle Wahrheit den Lügen der Partei unterordneten, dienen sie ein letztes Mal der revolutionären Sache.

Doch die Moskauer Schauprozesse riefen nicht nur Entsetzen hervor. Lion Feuchtwanger, der in Romanen wie »Erfolg« bereits in der Weimarer Republik vor dem Faschismus gewarnt und auf den verbreiteten Antisemitismus hingewiesen hatte, bereiste 1936 die Sowjetunion und verteidigte sogleich in seinem Buch »Moskau 1937« die Prozesse. Feuchtwanger hatte dem zweiten Moskauer Prozess, in dessen Mittelpunkt Karl Radek stand, beigewohnt und war »von der Schuld der Angeklagten überzeugt«. (16) Er war mit dieser Haltung nicht ­allein. Heinrich Mann hatte ebenfalls an den Moskauer Prozessen nichts auszusetzen. Als er aufgefordert wurde, öffentlich zu protestieren, schrieb Mann in der Karlsbader Zeitung Volkswille: »Wenn aber – zum Schaden der Revolu­tion – Verschwörer auftraten, mussten sie, zum Nutzen der Revolution, schnell und gründlich verschwinden. Ich bin mehrmals aufgefordert worden, zu protestieren. Ich kann nur Bedauern äussern – und vermuten, dass dasselbe Bedauern niemandem, gerade in Moskau, ferngelegen hat: weder denen, die das Urteil herbeiführten, noch den Gerichteten, die es reumütig hinnahmen. Warum sollte ihre Reue gespielt und unter falschen Versprechungen ihnen auferlegt worden sein?« (17) Mann blieb bei seiner Haltung. In seiner Autobiographie »Ein Zeitalter wird besichtigt«, die seit 1946 in vielen Sprachen und unzähligen Auflagen erschien, schreibt er: »Die armen Teufel waren selbst Revolutionäre, handelten aber gegen die Revolution, wie sie ist.« (18)

Schuldige, Verräter, »Schädlinge«

Obwohl Feuchtwanger die Sowjetunion verteidigte, bemerkte er auf den Straßen Moskaus eine merkwürdige Stimmung: »Allmählich aber ist in der Bevölkerung eine richtige Schädlingspsychose entstanden. Man hat sich angewöhnt, alles, was schiefgeht, mit Sabotage zu erklären, während sicherlich ein großer Teil der Mängel schlicht und einfach auf Unfähigkeit zurückzuführen ist.« (19) Der Große Terror fing nicht mit den Moskauer Prozessen an, und so gewaltig die Auswirkungen auf die sowjetische Gesellschaft waren, so müssen auch die Ursachen auf der Ebene der Gesellschaft gesucht werden. Die Jahre 1936 bis 1938 stellten einen grausamen Höhepunkt dar, aber, wie Orlando Figes in seiner umfangreichen Studie »Die Flüsterer« erinnert, markierten sie »nur eine von vielen Repressionswellen«. (20) Es sei eine populäre Vorstellung gewesen, dass in Russland der Sozialismus »durch reine Willenskraft zu erreichen« sei. Figes zitiert einen Studenten, der sagte: »Wir waren davon überzeugt, eine kommunistische Gesellschaft zu schaffen, die durch die Fünfjahrpläne Wirklichkeit werden würde, und wir waren zu jedem Opfer bereit.« (21) Die Auseinandersetzung zwischen der Stalin’schen Fraktion und der Opposition um Trotzki bestand in den zwanziger Jahren in der Frage, ob in Sowjetrussland der Sozialismus aufgebaut werden könne. Die Stalin’sche Seite setzte sich mit der Auffassung durch, dass die strukturellen Voraussetzungen gegeben seien, um den Sozialismus in einem Lande aufzubauen: »Wir haben alles, was notwendig ist, um die sozialistische Wirtschaft, die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten.« (22) Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Warenwirtschaft und die kapitalistische Produktionsweise im Kern überwunden seien und der Fünfjahresplan den allgemeinen Bedürfnissen entspreche. ­Etwaige Probleme beim Aufbau des Sozialismus in einem Lande konnten also nicht auf strukturelle Faktoren zurückgeführt werden, sondern dafür mussten »innere Feinde«, »Saboteure« und ihre »Schädlingsarbeit« verantwortlich sein. Richtete sich in den Jahren nach der Revolution die Suche nach Schuldigen gegen Vertreter der alten Ordnung, so konzentrierte sich die Suche nach Saboteuren seit Mitte der zwanziger Jahren auf den Bereich der Wirtschaft.

Ende der zwanziger Jahre begann die Verfolgung der »Kulaken«. Die Folge dieser Politik war, dass in den Jahren 1930 bis 1933 zwischen 4,6 und 8,5 Millionen Menschen an Hunger oder Krankheiten starben. Wie Figes ausführt, hatte die Bezeichnung »Kulak« keine klar umrissene Bedeutung. Die Feindschaft gegen sie wurde auch auf die Nachkommen projiziert. Eine »Kulakenherkunft« galt als Makel, wer ihn nicht tragen wollte, versuchte, die Herkunft zu verbergen. Das Verschweigen der eigenen Familiengeschichte ist das große Thema in »Die Flüsterer«.

Sowohl die soziale als auch die nationale Herkunft wurden seit Mitte der zwanziger Jahre für das Leben in der sowjetischen Gesellschaft immer wichtiger. Das galt nicht zuletzt für die jüdische Minderheit. Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit der äußere Druck oder auch der ­eigene Wunsch, ein neues Leben anzufangen, dafür verantwortlich waren, die ererbte Iden­tität abzulegen. »Die Laskins waren typische Vertreter der ersten Generation sowjetischer Juden. Sie identifizierten sich mit dem Internationalismus der Revolution, der die Beseitigung aller nationalen Vorurteile und Ungleichheiten verhieß«, schreibt Figes: »In einigen ­jüdischen Familien äußerte sich der Wunsch, ›sowjetisch‹ zu sein, darin, dass man jede verbleibende Identifizierung mit jüdischer Kultur und Religion unterdrückte.« (23) Ein »Jude« zu sein, bedeutete auch, nicht zur Arbeiterklasse zu gehören. Selbst ein Mitglied der KPD wie Otto Heller, der in seinem Buch »Der Untergang des Judentums« 1931 begeistert über die Lage in der Sowjetunion berichtete, musste einräumen, dass Beschlüsse des Zentralkomitees der KPdSU zu dieser Zeit »oft von untergeordneten Instanzen« gegen Jüdinnen und Juden »in einer national gehässigen Weise ausgelegt« würden. (24) Dass sich die herrschende Politik und die gesellschaftliche Stimmung gegen die Juden richtete, fiel nur wenigen auf, weil auch andere nationale Minderheiten von Diskriminierungen betroffen waren. Allerdings notierte Walter Benjamin in seinem »Moskauer Tagebuch« schon 1927, wie sich der Machtkampf zwischen Stalin und Trotzki, Sinowjew und Kamenew auswirkte: »Dann die politischen Informationen: Entfernung der Opposition aus den leitenden Stellen. Damit identitsch: Entfernung zahlreicher Juden zumal aus den mittleren Chargen. Antisemitismus in der Ukraine.« (25)

Das Ende der Revolution

Es war für die parteikommunistische Linke bereits ein Skandal, dass Trotzki im Exil wiederholt von einem Ende, einem »Thermidor« der Revolution geschrieben hatte. Doch als er nach den ersten beiden Moskauer Schauprozessen darauf hinwies, dass Stalin »die antisemitischen Tendenzen im Land ausgenutzt« habe, erhielt er, wie er 1937 in »Thermidor und Antisemitismus« schrieb, zahlreiche empörte Zuschriften. Es lag Trotzki fern, von einem linken Antisemitismus zu sprechen. Aber er führt in »Thermidor und Antisemitismus« aus, inwiefern es sich um einen Antisemitismus »nicht nur des alten und althergebrachten, sondern auch des neuen, der sowjetischen Spielart«, handle: »In Wirklichkeit hat das Sowjet-Regime eine Reihe von neuen Phänomenen hervorgerufen, die es infolge der Armut und des niedrigen Bildungsstands der Bevölkerung möglich machten, von neuem eine antisemitische Atmosphäre zu schaffen, und sie tatsächlich geschaffen hat.« (26) Trotzkis Erklärung war noch insofern der kommunistischen Tradition verhaftet, als er Judenfeindschaft als einen echten Gruppenkonflikt deutete und nach realen Ursachen für die Antipathien suchte. Juden, so Trotzki, stellten in der Sowjetunion »einen unverhältnismäßig hohen Anteil in der Bürokratie«, deshalb könnten die Stalin’schen Behörden den »Hass der Bauern und Arbeiter auf die Bürokratie« auf die Juden umlenken. Trotzki verwies allerdings auf eine längere Vorgeschichte. Bereits zehn Jahre zuvor, im Machtkampf um die Nachfolge Lenins, habe Stalin antisemitische Stereotype benutzt, um seine innerparteilichen Gegner zu diskreditieren. Allerdings verschleierte Stalin nach Trotzkis Erinnerungen die Strategie. Öffentlich habe er erklärt: »Wir kämpfen gegen Trotzki, Sinovjew und Kamenew, nicht weil sie Juden sind, sondern weil sie die Opposition sind.« Diese »bewusst doppeldeutigen Worte«, so Trotzki, richteten sich nur vordergründig gegen den Antisemitismus. Ihre eigentliche Botschaft war: »Vergesst nicht, die Führer der Opposition sind – Juden!« (27) Trotzki besaß mehrere Protokolle von Parteiversammlungen, die eine antisemitische Stimmung selbst in der KPdSU belegten. Auf einer Versammlung in Sibirien hatte ein Parteiredner erklärt: »Trotzki hat schon vor längerer Zeit begonnen, eine spalterische Politik zu betreiben. Trotzki kann kein Kommunist sein; seine Nationalität beweist, dass er die Spekulation braucht.« (28)
Es ist bemerkenswert, dass Trotzkis Erklärungsansatz einen Vorläufer hatte, auch wenn Trotzki diesen vermutlich nicht gekannt hat. Der US-amerikanische Anarchist Alexander Berkman schrieb 1925 in seinem Bericht »Der bolschewistische Mythos«: »Der Hass auf die Bourgeoisie wurde auf die Intellektuellen umgelenkt, die offizielle Propaganda fördert und verstärkt diesen Geist. Sie werden als Feinde des Proletariats, Verräter der Revolution dargestellt – bestenfalls als Spekulanten, wenn nicht als aktive Konterrevolutionäre.« Es handele sich allerdings um mehr als einen »Ausbruch volkstümlicher Ressentiments«: »Das Feuer wird in Moskau gelegt.« (29) Berkman war mit Emma Goldman 1919 aus den USA nach Russland ausgewiesen worden und bis 1922 durch das Land gereist. In ihren Reiseberichten pro­tokollierten sie die Gespräche mit Jüdinnen und Juden über die Gefahr eines neuen Antisemitismus (Jungle World 11/2011). Berkmans und Goldmans Deutung dieses Phänomens ergab sich aus diesen Gesprächen. Es ist gut vorstellbar, dass Trotzki zu ähnlichen Einschätzungen kam, ohne von Berkman oder Goldman zu wissen.

Anderen Intellektuellen wurde das Phänomen erst später bewusst, aber unterschwellig ahnten sie bereits in den dreißiger Jahren etwas. Über den Protagonisten von »Sonnenfinsternis« hat Arthur Koestler im Rückblick geschrieben, dessen zweiter Vorname »Salmanowitsch (Salomonson)« mache ihn »zum Juden«, »aber weder fiel mir das auf, noch hat mich je ein Leser darauf aufmerksam gemacht«. (30) Manès Sperber, der sich während der dreißiger Jahre in seiner Romantrilogie »Wie eine Träne im Ozean« kritisch mit dem Stalinismus auseinandersetzt, schreibt in den siebziger Jahren in seinen Lebenserinnerungen, dass er 1932 in Deutschland einen Albtraum von einem Pogrom in einer russischen Stadt hatte: »Eine Frau rief mir ungeduldig zu, ich sollte ihr folgen, weglaufen, sonst würde es zu spät sein.« Als Sperber auf eine Gruppe junger Kommunisten wies, die ihn beschützen würden, schrie die Frau: »Komm, Verrückter! Die Komsomolzen machen ja den Pogrom, die Komsomolzen!« In dieser Zeit, schreibt Sperber, sei »eine unabweisbare Ahnung« in ihm aufgestiegen, dass »die Judenfrage auch in der Sowjetunion vielleicht nicht gelöst und der Judenhass nicht besiegt« worden sei.(31)

Es waren nicht nur Mitglieder der kommunistischen Parteien, die Trotzkis Analysen vehement widersprachen. Auch prominente Juden in den USA teilten nicht Trotzkis Sichtweise. Der bekannte Rabbi Stephen Wise bezeichnete Trotzkis Aussagen über einen unterschwelligen Antisemitismus in den Moskauer Schauprozessen als »feigen Kunstgriff«. (32) In einer US-amerikanischen jüdischen Zeitung hieß es: »Wir pflegten in der Sowjetunion, soweit der Antisemitismus betroffen war, unseren einzigen Lichtblick zu sehen. Es ist unverzeihlich, dass Trotzki gegen Stalin grundlose Beschuldigungen erhebt.« (33) Welche Rolle die von Trotzki beschriebenen Anspielungen in den Anklagen spielten, ist noch ungeklärt. Es wird aber in den meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen darauf hingewiesen, dass, wie es Karl Schlögel in »Terror und Traum« ausdrückt, unter den genannten Verdächtigten im ersten und zweiten Prozess »erstaunlich häufig jüdische Namen« waren. (34)

Der Historiker Mario Keßler erinnert daran, dass während der Moskauer Prozesse fast alle autonomen Organisationen der jüdischen Minderheit in der Sowjetunion aufgelöst wurden. Unter den Opfern der »Großen Säuberung« befanden sich auch zahlreiche Repräsentanten des 1928 geschaffenen jüdischen autonomen Gebiets in der UdSSR, Birobidjan. Sie wurden nach Moskau bestellt, verhaftet und exekutiert. Das gleiche Schicksal ereilte auch die führenden jüdischen Mitglieder der Kommunistischen Partei Palästina. Wie das ehemalige Mitglied der KP Palästina, Leopold Trepper, in den siebziger Jahren schrieb, wurden »sämtliche Mitglieder des Zentralkomitees der palästinensischen Partei liquidiert – nein, einer hat überlebt, ein einziger: Joseph Berger (Barsilai), nach zwanzigjähriger Odyssee im Gulag. Von den insgesamt zwei- bis dreihundert Mitgliedern der Parteikader sind höchsten zwanzig davongekommen.« (35) Keßler schließt sich Trotzkis Einschätzung an, dass Judenfeindschaft nicht das zentrale Motiv für den Stalin’schen Terror war, aber »als Mittel diente«, um jüdische Kommunisten grundsätzlich »zu diskreditieren«. (36) Wladislaw Hedeler, Herausgeber der »Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938«, hob im Gespräch mit der Jungle World den Unterschied zu den Verfolgungen nach 1945 hervor: Während nach dem Zweiten Weltkrieg von den Stalinisten eine »jüdische Verschwörung erfunden« wurde, waren Juden in den dreißiger Jahren eine nationale Gruppe unter vielen, die als illoyal gegenüber dem Sozialismus zu gelten hatte.

Von der jüngeren Trotzki-Forschung ist zu diesem Thema wenig zu erwarten. So sorgte Robert Service selbst für einen Skandal, weil er in seiner Biographie wie besessen auf Trotzkis jüdische Identität hinweist und schreibt, dass Trotzki »auf aufdringliche Weise schlau war, unverblümt in seinen Meinungsäußerungen. Niemand konnte ihn einschüchtern. Bei Trotzki waren diese Charakteristika ausgeprägter als bei den meisten anderen Juden«. (37) Zudem dichtet Service Trotzki den »jiddischen Namen Leiba« an. Der Historiker David North hat die von Service angegebenen Quellen überprüft: In keiner findet sich der angebliche echte Vorname. Der falsche Name gehe vielmehr auf russische Nationalisten zurück, für die Trotzki die Personifikation allen Übels sei. In diesem Streit ist die politische Welt wieder in Ordnung: Der Marxist David North verteidigt Trotzki gegen den antikommunistischen Historiker Robert Service, der, wie North es ausdrückt, »offensichtlich an Antisemiten (appelliert), für die Trotzkis jüdischer Hintergrund von großer Bedeutung ist«. (38) In den Jahren 1936 bis 1938, als die sowjetischen Behörden den Namen Bronstein als Stigma verwendeten, waren die Rollen nicht so klar verteilt.

Der Meister und die Revolution

2012 erschien Alexander Nitzburgs Neuübersetzung von der »Der Meister und Margarita«, die eine politische Relektüre von Bulgakows Roman ermöglicht. Nitzburgs Kommentar verdeutlicht, dass der »Meister« genannte Schriftsteller sich in einer psychiatrischen Klinik befindet, nachdem er verhaftet wurde. Margarita glaubt, er sei »verbannt« worden. Nach ihrer gemeinsamen erfolgreichen Flucht heißt es, »in einem Moskauer Amtsgebäude war ein ganzes Stockwerk hellwach«. Es handelt sich um den damaligen Sitz der Geheimpolizei. In einer Passage, die in früheren Versionen gestrichen war, soll sogar Stalin persönlich gemeint sein, auch wenn er nicht namentlich genannt wird. Von ihm sagt der Teufel: »Er macht seine Sache ganz und gar richtig.« (39) So unvorstellbar die Situation in der damaligen Sowjetunion, so unglaublich die Reaktionen, die der Roman in den dreißiger Jahren auslöste. Als Bulgakow im engsten Freundeskreis aus dem Manuskript vorlas, »hörten aus irgendeinem Grunde alle wie erstarrt zu«, wie Jelena Bulgakowa in ihrem Tagebuch notierte: »Alles war ihnen unheimlich.« Ein Freund wollte sie im Wohnungsflur »überzeugen, dass man den Roman auf keinen Fall einreichen dürfe, das könnte schlimme Folgen haben«. (40)

Im heutigen Russland ist der Stalinismus auf befremdliche Weise gegenwärtig. Auf Demons­trationen werden Stalin-Porträts hochgehalten, die Pro-Putin-Fraktion auf der Straße wie auch westliche Medien wollen in Putin einen Wiedergänger Stalins sehen, und die Linkspartei konnte sich lange nicht entscheiden, ob sie für das »antifaschistische« Russland oder für das ukrainische »Selbstbestimmungsrecht der Nationen« sein sollte. Mittlerweile scheint sie sich für ersteres entschieden zu haben.

Es ist in der Geschichte grundsätzlich problematisch, von einem Anfang oder einem Ende zu sprechen. Die Moskauer Prozesse lassen sich vielleicht umso besser verstehen, wenn man sie nicht nur als Moment des Niedergangs, sondern als Teil einer Entwicklung betrachtet. In den Jahren 1936 bis 1938 ging zwar etwas mit ungeheurer Gewalt zu Ende, aber es entstand auch etwas. So lassen sich die Moskauer Prozesse als Vorläufer der Verfolgungen nach 1945 verstehen. Zwei Ähnlichkeiten sind unübersehbar: In den dreißiger Jahren wie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die »Säuberung« gegen die Revolution und ihre Partei selbst, gegen ehemals führende Personen, und der Terror war vor wie nach 1945 von einer »Säuberung« der Gesellschaft begleitet. Damit festigte Stalin nicht nur seine Macht, sondern erhielt die Vorstellung aufrecht, dass es für gesellschaftliche Krisen immer konkrete Schuldige gebe. Dabei wurden vor wie nach 1945 ältere Stereotype bemüht, und es kann nicht überraschen, dass als »Verräter« und »Saboteure« wieder jüdische Kommunisten präsentiert wurden.

Zwar macht es einen bedeutenden Unterschied, ob das Feindbild »Zionismus« nach dem Zweiten Weltkrieg zum festen Bestandteil des Marxismus-Leninismus wurde, fixiert in den »Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánský« – oder ob es sich in den dreißiger Jahren um indirekte Anspielungen handelte. Um zu verstehen, wie sich antise­mitische Stereotype im Marxismus-Leninismus festsetzen konnten, muss man sich aber mit dieser Vorgeschichte auseinandersetzen. In den dreißiger Jahren wurde noch nicht das Bild ­einer »jüdischen Verschwörung« entworfen, aber es wurden jüdische Kommunisten beschuldigt, an einer antisowjetischen Verschwörung mitzuwirken. Das Feindbild von den il­loyalen Juden musste man nach 1945 nicht erst erfinden. Das antisemitische Potential war schon 1936 in der Hetze gegen das »trotzkistisch-sinowjetische terroristische Zentrum« vorhanden.

Anmerkungen

(1) Karl Schlögel: Terror und Traum, Frankfurt/Main 2011, S. 35
(2) Barry McLoughlin: Vernichtung des Fremden, in: Verbrechen im Namen der Idee, hg. von Hermann Weber u. Ulrich Mählert, Berlin 2007, S. 85
(3) Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) – Kurzer Lehrgang, Berlin (Ost) 1951, S. 411
(4) Christoph Jünke: Schädelstätte des Sozialismus, in: Gruppe INEX: Nie wieder Kommunismus?, Münster 2012, S. 92
(5) Bini Adamczak: Gestern morgen, Münster 2011, S. 56
(6) Milo Rau: Die Zürcher Prozesse/Die Moskauer Prozesse, Berlin 2014, S. 6
(7) Arthur London: Ich gestehe, Hamburg 1970, S. 219 f.
(8) »Ausschluss zionistischer Agenten aus der VVN«, ­zitiert nach: Thomas Haury: Antisemitismus von links, Hamburg 2002, S. 402
(9) Leo Trotzki: Thermidor und Antisemitismus, in: ders.: Schriften 1, Band 1.2, Hamburg 1988, S. 1045 f.
(10) Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, S. 407 f.
(11) Leo Sedow: Rotbuch über den Moskauer Prozess ­(Reprint der ersten deutschen Ausgabe 1937), Frankfurt/Main 1988, S. 9
(12) Sedow: Rotbuch über den Moskauer Prozess, S. 108
(13) Zitiert nach: Isaac Deutscher: Trotzki. III, Stuttgart u. a. 1972, S. 366
(14) André Gide: Retuschen zu meinem Russlandbuch, in: ders.: Gesammelte Werke 2, Stuttgart 1996, S. 119
(15) Arthur Koestler: Sonnenfinsternis, Hamburg 2005, S. 94 f.
(16) Lion Feuchtwanger: Moskau 1937, Berlin 1993, S. 97
(17) Heinrich Mann: Die Revolution, zitiert nach: »Die Aktion« 209/2004, S. 105
(18) Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, Reinbek 1976, S. 79 f.
(19) Feuchtwanger, Moskau 1937, S. 36
(20) Orlando Figes: Die Flüsterer, Berlin 2008, S. 36
(21) Figes, Die Flüsterer, S. 162
(22) Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, S. 340.
(23) Figes, Die Flüsterer, S. 129-131
(24) Otto Heller: Der Untergang des Judentums, Berlin/Wien, S. 315
(25) Walter Benjamin: Moskauer Tagebuch, Frankfurt/Main 1980, S. 19
(26) Trotzki, Thermidor und Antisemitismus, S. 1043
(27) Trotzki, Thermidor und Antisemitismus, S. 1048
(28) Zitiert nach: Matthias Vetter: Antisemiten und Bolschewiki, Berlin 1995, S. 261
(29) Alexander Berkman: Der bolschewistische Mythos, Frankfurt/Main 2004, S. 163
(30) Koestler, Sonnenfinsternis, S. 255
(31) Manés Sperber: Die vergebliche Warnung, München 1983, S. 178 f.
(32) Zitiert nach: Joshua Rubenstein: Leon Trotsky, New Haven/London 2011, S. 177
(33) Zitiert nach: Deutscher,Trotzki. III, S. 344
(34) Schlögel, Terror und Traum, S. 189
(35) Leopold Trepper: Die Wahrheit, München 1978, S. 65
(36) Mario Keßler: Antisemitismus, Zionismus und Sozialismus, Mainz 1994, S. 129
(37) Zitiert nach: David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen 2010, S. 200
(38) North, Verteidigung Leo Trotzkis, S. 169
(39) Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita, Berlin 2013, S. 433 u. 554
(40) Jelena Bulgakowa: Margarita und der Meister, S. 492 u. S. 355

Donnerstag, 8. Mai 2014

Stalins Zion

An der chinesischen Grenze zwischen den Flüssen Bira und Bidschan entstand in den dreißiger Jahren ein jüdischer Staat auf sowjetischem Staatsgebiet. Die Regierung war überzeugt, dass nur der Sozialismus »die jüdische Frage« lösen könne und rief am 7.  Mai 1934 die Jüdische Autonome Oblast aus. Die Bewohner von Birobidschan sollten durch Arbeit in der Landwirtschaft zu guten Proletariern werden.
 
von Jonas Engelmann, Jungle World, 08.05.2014


Während sich 1931 im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina die jüdische Untergrundgruppe Irgun formierte, um mit Waffengewalt einen jüdischen Staat zu erkämpfen, träumte der jüdische Kommunist Otto Heller in Deutschland von einem ganz anderen Zion: »Der Palästinatraum«, schrieb er, »wird längst schon zur Historie gehören, wenn in Birobidschan Automobile, Eisenbahn, Dampfer fahren, die Schlote gewaltiger Fabriken rauchen und die Kinder einer freien jüdischen Arbeiter- und Bauerngeneration in blühenden Gärten herumspringen werden.« So prophezeite er es in seinem Buch »Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage, ihre Kritik, ihre Lösung durch den Sozialismus«. Die Geschichte verlief bekanntlich anders; das ominöse »Birobidschan«, von dem Heller träumte, ist jedoch tatsächlich Realität geworden, als ein von Stalin geplantes »rotes Palästina« in der russischen Taiga, ein jüdisches Gebiet, in dem es allerdings keine blühenden Gärten und keine Sicherheit gab, sondern zum Teil katastrophale Bedingungen herrschten.

Die »Lösung der Judenfrage« sollte durch die Assimilation in der sozialistischen Landwirtschaft vorangetrieben werden. Bis die Religionen irgendwann endgültig überwunden wären, da träumten Heller und Stalin den gleichen Traum, benötigte das Judentum einen eigenen Staat oder zumindest etwas Ähnliches. So wurde am 7. Mai 1934 ein »rotes Zion« auf dem Gebiet und unter Kontrolle der Sowjetunion gegründet. »Birobidschan betrachten wir als einen jüdischen nationalen Staat«, erklärte der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Kalinin 1934, also 14 Jahre vor der Gründung des Staates Israels. Birobidschan kann man kaum als »Staat« bezeichnen, vielmehr handelt es sich um eine Autonome Provinz, dennoch ist es höchst bemerkenswert, dass dieses seltsame Gebilde an der sibirisch-chinesischen Grenze, mit Jiddisch als Amts- und Geschäftssprache, jüdischen Schulen, Theatern und Zeitungen bis heute existiert. Die, laut offizieller Bezeichnung, »Jüdische Autonome Oblast« mit dem in der Stadt Birobidschan angesiedelten Verwaltungszentrum verfügt über ein Gebiet, das fast doppelt so groß ist wie das heutige israelische Staatsgebiet. Allerdings leben dort kaum mehr Juden, wer konnte, übersiedelte spätestens ab 1989 nach Israel. Auch zuvor verschlug es nur wenige der über zweieinhalb Millionen sowjetischen Juden in die 5 000 Kilometer östlich von Moskau gelegene Region, die ungünstige infrastrukturelle und klimatische Bedingungen bietet. Juri Larin, ein jüdischer Volkswirtschaftler, berichtete nach einem Besuch in Birobidschan vom ewig gefrorenen Unterboden, von Sumpfgebieten und der ständigen Insektenplage, es gebe Überschwemmungen und langandauernde Fröste von minus 40 Grad. Auch kulturell sei die Region isoliert. Die sojwetische Propaganda zeichnete dagegen das Bild einer aufblühenden Provinzlandschaft. In dem Klezmer-Lied »Dos Lid fun Birobidshan« heißt es: »Durch dichte Wälder/fährt fröhlich eine Bahn./Neue Juden kommen/nach Birobidschan./Und auf frischen Feldern/Stroh für ein neues Dach:/Nie zuvor haben Juden/so sehr gelacht.«

Dieses Bemühen, ein positives Bild der Jüdischen Autonomen Oblast zu zeichnen, scheint Stalins judenfeindliche Politik gegenüber den »wurzellosen Kosmopoliten« zunächst zu widersprechen. »Korenizacija« (Einwurzelung) aber ist das Prinzip der sowjetischen Nationalitätenpolitik jener Jahre. Es ging dabei um die »Heranbildung eines einheimischen Proletariats, Rekrutierung und Einbindung von Nicht-Russen in den Staats- und Propagandaapparat«, schreibt die Historikerin Antje Kuchenbecker in ihrem 2000 im Metropol-Verlag erschienenen Buch »Zionismus ohne Zion«: »Im Falle der jüdischen ›korenizacija‹ ging es um den Aufbau einer sowjet-jüdischen ›Er­satz‹-Kultur auf Basis des Jiddischen.« Ein jüdischer Staat sollte zur Proletarisierung des Judentums beitragen und die Volkskultur stärken, insbesondere die jiddische Sprache, die in Abgrenzung zum Hebräischen, als Sprache des Klassenfeindes, gefördert wurde.

Der Versuch, die jüdische Bevölkerung in bestimmten Regionen anzusiedeln, war nicht neu. Schon 1791 schränkte Katharina II. nach der Eroberung großer Teile Polens und dem damit verbundenen Anwachsen der jüdischen Bevölkerung im Russischen Reich deren Bewegungsfreiheit ein. Über 90 Prozent der mehr als fünf Millionen Juden wurden in einen sogenannten Ansiedlungsrayon verbannt, ein 15 Provinzen umfassendes Gebiet von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Neben der Einschränkung der Bewegungsfreiheit für Juden wurde auch ihr Zugang zu höheren Schulen begrenzt, viele Berufe blieben ihnen verwehrt, nur wenige durften Land besitzen. Hinzu kam der sich in Pogromen entladende Antisemitismus der Bevölkerung, oftmals toleriert, wenn nicht gar gefördert, von der Staatsführung. Zwischen 1880 und 1914 verließen daher über zwei Millionen Juden das Russische Reich Richtung Westen. Zionisten wie Leon Pinsker blieben und versuchten, die Ursache des Hasses zu ergründen. Resigniert formulierte er: »Die Judophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär, und als eine seit 2000 Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar.« Einzig ein jüdischer Staat erscheint ihm als sichere Zuflucht vor dem Antisemitismus.

Auch wenn der Antisemitismus nach der Revolution von 1917 fortdauerte – bis 1921 fanden über 1 200 Pogrome statt, bei denen 60 000 Juden starben –, kehrte in den jüdischen Gemeinden der postrevolutionären Sowjetunion ein wenig Ruhe ein: Die Juden besaßen plötzlich die gleichen bürgerlichen Rechte wie der Rest der Bevölkerung und erhielten eigene Schulen und Verwaltungen. Ein Ende der sozialen und wirtschaftlichen Diskriminierung schien greifbar. Robert Weinberg schreibt in seinem 2003 im Verlag Neue Kritik erschienenen Buch »Birobidschan – Stalins vergessenes Zion«: »Die Bolschewiki engagierten sich für die Rechte der nationalen und ethnoreligiösen Minderheiten, und die Nationalitätenpolitik der 1920er Jahre war vergleichsweise liberal: Alle nationalen und ethnischen Kulturen wurden toleriert, Religionsausübung allerdings wurde bekämpft.« Auf der einen Seite stand also die Unterdrückung der jüdischen Religion und die Bekämpfung des Zionismus als bürgerlicher Nationalismus, auf der anderen Seite wurde der Aufbau staatlicher jüdischer Einrichtungen und verschiedener Projekte ­betrieben, um Juden als Landwirte zu »verwurzeln«. Arno Lustiger nennt dies einen »innersowjetischen Pseudozionismus«, der pragmatische Hauptgrund der Bemühungen sei nicht die jüdische Selbstbestimmung, sondern das Ziel gewesen, all jene verarmten Juden zu versorgen, die spätestens 1917 ihre Existenzgrundlage verloren hatten.

Auf der Halbinsel Krim lebten zu dieser Zeit etwa 40 000 Juden und für kurze Zeit schien diese Region dafür bestimmt zu sein, den »jüdischen neuen Menschen« hervorzubringen, die »Luftmenschen« in Arbeiter und Bauern zu verwandeln. Die Regierung gründete 1924 das Staatliche Komitee zur Landansiedelung werktätiger Juden (Komerd), schenkte jüdischen Siedlern auf der Krim 342 000 Hektar Land, führte Jiddisch als Amts- und Geschäftssprache ein und stellte Fördergelder zum Aufbau von landwirtschaftlichen Betrieben bereit. Als es jedoch zu Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner der Krim durch die übrige Bevölkerung kam, schwenkte die Regierung um: Nach und nach wurden die Fördergelder gestrichen und 1932 die jüdische Ansiedelung auf der Krim unterbunden.

Denn seit 1928 stand ein neues Siedlungsgebiet im Mittelpunkt: die Region um Birobidschan. Das 1859 annektierte, nur dünn besiedelte Gebiet an der chinesischen Grenze versprach, wie Arno Lustiger schreibt, drei Probleme gleichzeitig zu lösen: »Eine Grenzregion wurde besser gesichert, und dem Streben vieler Juden nach einem ›eigenen‹ Territorium konnte begegnet werden, ohne in Konflikte mit einer bereits ansässigen Bevölkerung zu geraten. Und nicht zuletzt würde ein Scheitern des Projekts endgültig als Argument dienen können, alle Kolonisationspläne – etwa für die Krim – zurückzuweisen.«

So begann in den späten zwanziger Jahren eine Kampagne, um die Juden nach Birobidschan zu locken: »Errichtet ein sozialistisches Birobidschan« und »Festigt die großen Errungenschaften der Leninschen Nationalitätenpolitik« verkündeten Plakate in der gesamten Sowjetunion, Spielfilme wie der Propagandastreifen »Glückssucher« kündeten vom neuen jüdischen Paradies und ein auf den Namen »Birobidshanez« getauftes Flugzeug legte in zwei Wochen 5 000 Kilometer zurück und verteilte Flugblätter über dem ganzen Land. Die Regierung vergab günstige Kredite, kam für die Reisekosten der Siedler auf und sorgte sogar für die Verpflegung auf der Reise. »Allerdings«, so Robert Weinberg, »bereiteten die Behörden die neuen Siedler kaum auf die Strapazen vor, die sie in der unbekannten und unwirtlichen Region erwarteten. Auch sorgten sie weder für menschenwürdige Unterkünfte noch für Lebensmittel, medizinische Versorgung und angemessene Arbeitsbedingungen.« So brach von den rund 50 000 Juden, die in den ersten zehn Jahren nach Birobidschan kamen, etwa die Hälfte den Aufenthalt wieder ab. Tragisch vor allem für kommunistische Juden aus den USA, Argentinien und einigen sogar aus Palästina, von denen bis Mitte der Dreißiger über 1 000 in die Sowjetunion aufgebrochen waren, um den Aufbau eines sozialistischen jüdischen Staates zu unterstützen. Sie wurden Zeuge der schizophrenen Politik Stalins zur »Lösung der Judenfrage«, die den ersten Niedergang der Region einläutete. »Gegen Ende der dreißiger Jahre galt Stalins Hauptinteresse dem russischen Patriotismus; Maßnahmen, die den kulturellen Ausdruck der einzelnen nationalen und ethnoreligiösen Minoritäten befördern sollten, blieben auf der Strecke«, so Weinberg.

Exemplarisch zeigt sich diese Entwicklung an der Lebensgeschichte von Josef Liberberg, dem Vorsitzenden des Jüdischen Autonomen Gebiets. Der Geschichtsprofessor, der sich vor allem mit jüdischer Arbeitergeschichte beschäftigte, förderte in Birobidschan den Aufbau von Schulen und kulturellen Einrichtungen. 1936 wurde er zusammen mit der gesamten Leitungsebene Birobidschans festgenommen. Ihm wurde vorgeworfen, sämtliche jüdischen Kultureinrichtungen in das Autonome Gebiet holen zu wollen, um dort ein zweites Palästina zu errichten – wenige Jahre zuvor war genau das noch der offizielle Plan für diese Region. Zusammen mit 45 weiteren Mitgliedern der jüdischen Verwaltung wurde Liberberg 1937 hingerichtet. Im gleichen Jahr wurden in Birobidschan zwei russische Bauarbeiter, die Juden verbal beleidigt hatten, zu zwei Jahren Haft verurteilt. Absurde wie auch tragische Verhältnisse: Während die Verwaltung Birobidschans den mörderischen Launen und den Plänen Stalins für das russische Judentum ausgeliefert war, wurden in der Region die vermutlich weltweit schärfsten Gesetze gegen Antisemitismus gesetzlich festgeschrieben und umgesetzt.
Erstaunlicherweise blieb der Status der Region als Jüdisches Autonomes Gebiet weiterhin erhalten und nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der jüdischen Bewohner zu, erreichte 1948 ihren Höchstwert von 48 000.Viele heimatlos gewordene sowjetische Juden waren darunter, aber auch etwa 100 jüdische Waisenkinder aus den USA, die durch ein amerikanisches Solidaritätskomitees für Birobidschan in die Region gebracht wurden. Der Ehrenvorsitzende des Komitees war kein Geringerer als Albert Einstein – nicht die letzte Obskurität in der seltsamen Geschichte der Oblast. Die sowjetische Führung zeigte wiederum Interesse, der Region neuen Aufschwung zu ermöglichen und ließ sogar den Bau einer Synagoge zu – die allerdings zehn Jahre später einem Brand in einer nahegelegenen Fabrik zum Opfer fiel. Jüdische Theater wurden gegründet, es entstand ein Museum für jüdische Geschichte, jiddische literarische Zirkel gründeten sich. Diese Entwicklung endete 1948 abrupt, als Stalin seine antisemitische Kampagne gegen »wurzellose Kosmopoliten« ausrief. Jüdische Intellektuelle und Journalisten auch in Birobidschan wurden verhaftet, Jiddisch-Unterricht wurde verboten, Theater, Museen und Kinos wurden geschlossen, die 30 000 Bände umfassende Judaica-Sammlung der Bibliothek verbrannt, der Kontakt mit Juden aus anderen Ländern wurde unterbunden. Dafür wurde versucht, nicht-jüdische Siedler in die Region zu locken. Von dieser Entwicklung erholte sich die Region auch nach Stalins Tod 1953 nicht mehr. 1959 waren weniger als neun Prozent der Bevölkerung Juden, zaghafte kulturelle Aktivitäten gab es erst wieder ab Mitte der Sechziger. 1984 wurde dann zum 50. Jubiläum der Jüdischen Autonomen Oblast eine neue Synagoge erbaut, die sich die Gemeinde allerdings mit den ­Adventisten vom Siebenten Tag teilen musste. Erst 2004 erhielt Birobidschan wieder eine ­eigene Synagoge – die erste in der Geschichte der Sowjetunion, die mit Hilfe staatlicher Mittel finanziert wurde.

Nach 1989 versuchte die jüdische Verwaltung, das kulturelle Leben wieder stärker zu fördern, auch um den Autonomiestatus in der Umbruchzeit nicht zu gefährden. Jiddisch wurde wieder als Wahlfach an Schulen angeboten, es entstanden jüdische Sportvereine, Sommercamps für ausländische Juden und eine zionistische Jugendgruppe. All das änderte jedoch nichts daran, dass die Möglichkeit, nach Israel oder Westeuropa auszureisen, von den meisten Birobidschaner Juden genutzt wurde. 2012 waren nur noch 1 600 der insgesamt 175 000 Einwohner jüdisch. 2007 machte die jüdische Gemeinde Birobidschans 2007 auf sich aufmerksam, als sie verkündete, den weltweut größten Chanukka-Leuchter erbaut zu haben. Der Rekord wurde, alles andere wäre in der tragischen Geschichte Birobodschans verwunderlich, nicht anerkannt.

Die verbliebenen Juden hoffen trotz solcher Rückschläge den Status als Autonomes Verwaltungsgebiet behalten zu können. Seit einigen Jahren wird staatlicherseits diskutiert, die Oblast in die Verwaltungsregion Chabarowsk einzugliedern. Das wäre das Ende eines von vornherein zum Scheitern verurteilten Experiments, in dem sich auch die gesamte Tragik des russischen Judentums spiegelt.

Karl Schlögel/Karl-Konrad Tschaepe (Hg.): Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden. Matthes & Seitz, Berlin 2014, 640 S., 49,90 Euro

Samstag, 29. März 2014

In den Häusern der Angst

Episoden aus dem Leben von Schriftstellerinnen zwischen Exil und Kaltem Krieg.
 
von Birgit Schmidt, Jungle World, 27.03.2014

Im August 1948 fuhren der deutsche Schriftsteller Bodo Uhse, seine Frau Alma, Uhses Stiefsohn Joel Agee und das gemeinsame Kind Stefan von Mexiko nach Ost-Berlin, in die Sowjetische Besatzungszone. Die Reise auf einem ­sowjetischen Frachter über Leningrad dauerte mehrere Wochen. Dass Uhse sich dieser Anstrengung unterwarf, war nicht verwunderlich, denn als eingeschriebenes Mitglied der deutschen Kommunistischen Partei unterstand er deren Weisungen und die Partei forderte von ihren Mitgliedern, die die Jahre des Nationalsozialismus und des Krieges im Exil verbracht hatten, sich vor Ort und mit aller Kraft dem deutschen Neuaufbau zur Verfügung zu stellen.

Dass Alma ihrem Mann folgte, war hingegen nicht selbstverständlich. Ehe ist Ehe, aber sie ließ immerhin ein Leben zurück, das zwischen Mexiko-Stadt und Cuernavaca angesiedelt war, wo man sich ein Haus mit Garten und zwei Swimmingpools hatte leisten können. Darüber hinaus hatten die Uhses – im Gegensatz zum Rest der deutschen Exilantengemeinde in Mexiko weist Alma in ihren Erinnerungen ausdrücklich dankbar auf diesen Umstand hin – über ein sogenanntes Dienstmädchen verfügt, eine criada, die in der Regel in einem Verschlag auf dem Dach oder in der Küche lebte. Und anders als in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR, wo sich die Familie nach ihrer Ankunft niederließ, war sie in Mexiko nicht nur die Ehefrau eines bekannten Schriftstellers und Parteifunktionärs gewesen, sondern hatte die Familie als Angestellte einer renommierten Kunstgalerie ernährt. Im Nach­hinein sollte Alma Mexiko so auch als ein verlorenes Paradies empfinden.

Dazu kam: Alma Uhse war Amerikanerin und Jüdin; sie war nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe mit dem Schriftsteller James Agee mit ihrem kleinen Sohn Joel von New York nach Mexiko gefahren, wo sie den Exilkommunisten Uhse kennen- und das Leben unter tropischer Sonne lieben gelernt hatte. Nun kam sie in zweifaches Feindesland. »Ich hatte wenig Sympathie für die Leute um mich herum«, schreibt sie in ihren Erinnerungen über ihren anfänglichen Aufenthalt in Ahrenshoop. »Es ist schwer, solch erbärmlichem Selbstmitleid gegenüber Mitgefühl aufzubringen. Außerdem war ich gerade von Leningrad gekommen, und hier waren Deutsche, deren Soldaten in die Sowjetunion eingefallen waren und Leningrad blockiert hatten, die über ihr Los jammerten – obwohl sie alle in besserer Verfassung zu sein schienen als die Russen.«

Das Verhältnis, das Alma Uhse zu ihrer deutschen Umgebung entwickelte, blieb ein distanziertes. Die Familie – Bodo Uhse nahm als Schriftsteller und Parteimitglied sofort eine maßgebliche Stellung innerhalb der Politik- und Kulturszene der DDR ein – zog bald in ein Haus in Groß-Glienicke am Stadtrand von Berlin. Auch hier gab es Hausangestellte, unter anderem die Witwe eines Soldaten, über die Alma schreibt: »Frau Lohmann wusste genug über Bodos Rolle im gewandelten Deutschland, um ihre Gedanken für sich zu behalten, aber wenn sie träumerisch auf einen entfernten Ort starrte oder von den phantastischen Dingen sprach, die ihr Mann ihr aus Dänemark oder Bulgarien gebracht hatte, dann wusste auch ich genug, um nicht über die Art und Weise zu reden, wie er an diese schönen Lederstiefel oder an die seidene Unterwäsche und die Blusen gekommen war.«

Offizieller Antifaschismus, inoffizieller Antisemitismus

Alma Uhse arrangierte sich, aber dass es ihr nicht immer gelang, sich und ihre Gedanken zurückzuhalten, davon berichtet ihr Sohn Joel Agee. Während Alma Uhse sich Ende der siebziger Jahre in New York an einen Schreibtisch setzte, um über ihr Leben in Mexiko und in der DDR zu schreiben, veröffentlichte Joel seine Erinnerungen im Jahr 1981. 1982 erschienen sie unter dem Titel »Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland« auch in deutscher Sprache.
Zwar weist sowohl Alma Uhse in ihren Memoiren »Always Straight Ahead« als auch Joel Agee in »Zwölf Jahre« darauf hin, dass Anti­semitismus in der DDR offiziell geächtet war: »Rassistische Bemerkungen zu machen«, erklärt letzterer, »oder gar in den Medien zu verbreiten, war eine strafbare Handlung. Ein Hakenkreuz auf dem Bürgersteig hatte zur Folge, dass der Staatssicherheitsdienst Ermittlungen aufnahm.«

Aber es kam dennoch zu Vorfällen, die Joel Agee darauf zurückführt, dass seine Mutter anders war als die deutschen Frauen ihrer Umgebung: Sie schminkte sich stark, flocht sich Wollfäden in die Haare, wie sie es in Mexiko gesehen hatte, tanzte wild und rauchte: »Bei einer öffentlichen Tanzveranstaltung«, berichtet er über sie, »kam einmal ein angetrunkener Mann mit Säbelschmissen auf sie zu, schlug ihr die Zigarette aus dem Mund und schrie: ›Deutsche Frauen rauchen nicht!‹ Dass er sofort aus dem Saal hinausbefördert wurde und alle Anwesenden, Fremde wie Freunde, Alma ihre Anteilnahme bekundeten, war ein gewisser Trost. Aber dann gab es noch einen zweiten, wesentlich übleren Zwischenfall in einem Gasthaus in Schierke, einem Wintersportplatz im Harz. Alma und Bodo saßen mit Freunden zusammen und redeten und tranken. Vom Nebentisch beugte sich ein Mann herüber und schrie Alma an: ›Verdammte Judenhure!‹«

Diese Vorfälle, das führt Agee in »Zwölf Jahre« weiter aus, beförderten Almas antideutsche Haltung: »Wir saßen einmal«, fährt er fort, »in irgendeinem trostlosen Esslokal und schauten zu, wie draußen Hunderte von Männern und Frauen stumpf und verbissen am Fenster vorbeizogen, mit steifem Rücken, freudlos, unglücklich. ›Guck sie dir an‹, sagte Alma, ›die Herrenrasse.‹ Sie schnaubte vor Verachtung. So heftig, so bösartig klang das – so war sie sonst nie.«

Ganz ähnlich empfand die zweite Amerikanerin, die ab Ende 1947 in der SBZ und nach der Staatsgründung im Oktober 1949 in der DDR lebte, und deren Wege Alma Uhse fast notgedrungen kreuzte: Wie Bodo Uhse hatte auch der deutsche Kommunist Max Schroeder im westlichen Ausland, in diesem Fall in New York, geheiratet und war unmittelbar nach dem Krieg in die SBZ gegangen, um die Leitung des Aufbau-Verlags zu übernehmen. An Weihnachten 1947 folgte ihm seine Frau Edith Anderson ins zerstörte Nachkriegsdeutschland. Und Edith Anderson hatte mit Alma Uhse einiges gemein: Auch sie stammte aus New York, auch sie war Jüdin, auch sie sollte ihre Erfahrungen literarisch verarbeiten. Unter dem Titel »Love in Exile« erschienen sie aber zuerst 1999 in den USA und erst im Jahr 2007 auf Deutsch unter dem Titel »Liebe im Exil«.

Dem Kapitel ihres Buches, in dem sie ihre Ankunft in Berlin schildert, hat Edith Anderson ein Brecht-Zitat vorangestellt: »Das Haus ist gebaut aus Steinen, die vorhanden waren.« Dass nur wenige gute Steine vorhanden waren, ging ihr bald auf: »Die guten Deutschen«, stellte sie fest und zählte ihren Mann natürlich dazu, »würden sich mit den schlechten Deutschen abfinden müssen. Es gab nicht viele gute Deutsche.«

Es gab aber bald auch andere Gründe, um sich Sorgen zu machen: Noch 1949, im Gründungsjahr der DDR, begann eine sogenannte Parteikontrollkommission alle diejenigen damaligen KP-Mitglieder einer Überprüfung zu unterziehen, die sich in einem westlichen Exilland aufgehalten hatten, unter anderem also in Mexiko und in den Vereinigten Staaten.

Niemand verstand, was vor sich ging: »Zeitungen waren keine Informationsquelle«, schreibt Edith Anderson über diese Zeit, »sie waren Vernebler oder Einpeitscher. Wir waren wie Komparsen einer Massenszene, die durch das Filmstudio gescheucht wurden, ohne zu wissen, in was für einem Film wir überhaupt mitspielten.«

Doch Bodo Uhse und Max Schroeder ahnten, dass sie Grund dazu hatten, besorgt zu sein. Und als zu Beginn der fünfziger Jahre eine Prozesswelle die Staaten des sowjetischen Einflussbereiches überrollte, deren antisemitische Stoßrichtung bald offensichtlich war, gab es gar Grund zu Panik.

Die Spione sind überall

Den Ausgangspunkt dieser Prozesswelle in den osteuropäischen Ländern, in denen sich die Anklagen sukzessive von Titoismus zu Zionismus, Kosmopolitismus und Spionage verlagerten, bildete die Entführung des Amerikaners Noel Field im Frühjahr 1949, der während der Jahre 1940/41 zahlreiche Flüchtende unterstützt hatte und in den Jahren nach 1949 zu einem amerikanischen Superspion aufgebaut wurde. Jeder und jede, der oder die auf der Flucht durch Frankreich nach Übersee mit Field in Kontakt gekommen war, musste nun fürchten, mit einem Spionagevorwurf konfrontiert zu werden.
»Am 12. Mai«, schreibt Edith Anderson, »verschwand in Prag Noel Field spurlos, einer der uneigennützigsten Kommunisten. Max hatte das Glück, dass er Noel niemals begegnet war.

Diejenigen, von denen bekannt wurde, dass sie ihn oder einen seiner Verwandten einmal getroffen hatten, wie flüchtig auch immer, waren in Gefahr. Die Fundamente für die Rajk- und Slánský-Prozesse in Osteuropa waren gelegt. Scheinbar zufällig auch die der McCarthy-Inquisition in den Vereinigten Staaten. Obwohl die zwei Phänomene auffallend gut zueinander passten, schien dieses Faktum damals niemand zu bemerken. Das muss an der Unterentwicklung des Fernsehens gelegen haben und an der Weite des Atlantiks, der Yin und Yang voneinander trennte.«

Der Kalte Krieg hatte begonnen. In den USA mussten Menschen sich darauf einrichten, ihre Jobs zu verlieren oder gar ins Gefängnis zu kommen, denen Sympathien für den sogenannten Ostblock unterstellt wurden, in der DDR musste nervös werden, wem die Staatsführung Sympathien für den Westen anlastete: »Fürchtete ich mich?« fragte sich auch Alma im Nachhinein. »Fürchtete sich Bodo? Ich erinnere mich nicht, ob ich Angst hatte, aber mir, und ich wusste, auch Bodo, war klar, dass etwas völlig falsch lief. Ich war mir völlig der Tatsache bewusst, dass ich Jüdin bin und dass Bodo im Exil in Mexiko gewesen war.«

Am 3. Dezember 1952 wurde in Prag der tschechische Kommunist Otto Katz, auch er war in Mexiko gewesen und ein Freund der Uhses, mit anderen Verurteilten gehängt. Die meisten von ihnen waren Juden. Am 20. Dezember desselben Jahres veröffentlichte das ZK der SED eine Erklärung, in der dem ehemaligen Leiter der deutschen KP-Gruppe in Mexiko eine Verschwörung gegen die Regierung der DDR und prozionistische Positionen vorgeworfen wurde. Merker wurde erst seines Ministerpostens enthoben und in die Provinz verbannt und dann zu einer Haftstrafe verurteilt, die er bis 1956 absitzen musste.

Nachdem Bodo Uhse und alle anderen, die ihre Exiljahre in Mexiko oder einem anderen westlichen Land verbracht hatten, die frühen fünfziger Jahre als bedrohlich hatten empfinden und mit Angriffen und Verfolgungen aus den eigenen Reihen hatten rechnen müssen, erschien 1956 ein anderer Gegner auf der Bildfläche: In der sogenannten Suez-Krise in Ägypten sahen Kommunisten das aggressive Auftreten imperialistischer beziehungsweise vorgeblich imperialistischer Kräfte, Großbritannien, Frankreich und Israel. Und nach dem Aufstand in Ungarn befürchtete Uhse den Einmarsch des westlichen Staatenbündnisses in den sowjetischen Einflussbereich. Er imaginierte Szenen von Verfolgung, Verhaftung und Folter durch die – in seinen Augen faschistische – BRD und steigerte sich in eine Hys­terie hinein, die ihn sogar dazu brachte, bei der Planung seines Selbstmords den Tod seiner Angehörigen einzukalkulieren: Im Falle einer Invasion wollte er seine Familie und sich töten, um sie und sich vor Schlimmerem zu bewahren.

Uhses Hysterie aber hatte noch einen anderen Grund. Im Februar hatte die KPdSU ihren 20. Parteitag abgehalten, in einer anfangs noch geheimgehaltenen Rede hatte Nikita Chruschtschow die Verbrechen des Stalinschen Staatsapparates zur Sprache gebracht – und nun sickerte deren Inhalt auch in der DDR durch: »Bodo war immer schon von zarter und etwas morbider Natur gewesen«, schreibt Joel Agee über dieses Jahr, »und ließ sich gleich aus dem Gleichgewicht bringen; aber diesmal schien er völlig den Boden unter den Füßen verloren zu haben.«

Auch das Jahr 1957 brachte keine Erleichterung. Unter anderem der Philosoph Wolfgang Harich und der Verleger Walter Janka, auch er war mit Uhse im mexikanischen Exil gewesen, wurden mit der Begründung, sie hätten versucht, die Regierung der DDR zu stürzen, zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In Leipzig ging der Schriftsteller Erich Loest für mehr als sieben Jahre ins Zuchthaus.

Zurück in die Vereinigten Staaten

Uhse war nun nicht mehr in der Lage, seine Bringschuld gegenüber dem Aufbau-Verlag zu leisten und das dreibändige Heldenepos »Die Patrioten« zu Ende zu schreiben, denn darin kämpfte eine Gruppe deutscher Helden unter Anleitung der Sowjetunion siegreich gegen den Nationalsozialismus, um nach dem Sieg diejenige gerechte Welt zu erbauen, die Uhse sich erträumte. Er entwickelte körperliche Abwehr­reaktionen gegen das Buch; immer wenn er weiterschreiben wollte, begann ein Ekzem seine Hände zu überziehen, diese hätten, notierte er, wie Krötenfüße ausgesehen.

»Der Gedanke an den Tod taucht oft als tröstende Hoffnung auf«, das hatte er schon am 4. November 1952, also angesichts des Prozesses in Prag, in seinem Tagebuch notiert, »ist tief vertraut geworden, sehnsüchtiger Traum«. Im Oktober 1957, drei Monate nach dem Prozess gegen Walter Janka und Wolfgang Harich, musste er auf einer Kulturkonferenz der SED Selbstkritik leisten und verlor endgültig die Kontrolle über sein Leben: Immer schon ein starker Trinker und Kettenraucher, wurde Uhse Ende der fünfziger Jahre endgültig Alkoholiker und litt an Ängsten und Schuldgefühlen. Und er verliebte sich solchermaßen in eine andere Frau, dass Alma den Entschluss fasste, ihn zu verlassen und in die USA zurückzukehren. Sie ließ einen Kranken und Verzweifelten zurück; bereits am 2. Juli 1963 starb Bodo Uhse an den Folgen seiner zerrütteten Gesundheit, er erlitt einen Gehirnschlag.
Nach einem Aufenthalt in Mexiko, wo sie vergeblich versucht hatte, an die glücklichen Jahre von einst anzuknüpfen, ließ sich Alma Uhse wieder in ihrer Heimatstadt New York nieder, wo sie wiederholt von Edith Anderson aufgesucht wurde, die ihre Aufenthalte in den USA auch literarisch verarbeitet hat. Während Anderson in ihrem tagebuchartigen Buch »Liebe im Exil« die Schwierigkeiten und Zumutungen thematisiert hatte, die das Leben in der DDR mit sich brachte, bediente sie das Lesepublikum der DDR mit dem 1972 erschienenen »Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten«.

1958, als ihre Mutter im Sterben lag, hatte sie sich bei den DDR-Behörden vergeblich um eine schnelle Ausreisegenehmigung bemüht; fahren konnte sie erst im Winter 1958/59, da war ihre Mutter schon tot. Auch Max Schroeder, der sich für den Aufbau-Verlag aufgerieben hatte, war inzwischen verstorben; Anderson musste sich nach einer Möglichkeit umsehen, ihren Lebensunterhalt eigenständig zu verdienen, und zog die Möglichkeit in Erwägung, dass ihr dies in ihrer Heimatstadt besser gelingen könnte. Den zweiten Versuch dazu unternahm sie zwischen September 1967 und Juni 1968 – Monate, die zur Grundlage von »Der Beobachter sieht nichts« wurden.

Ein Amerika für die DDR, eine DDR für ­Amerika

In diesem Buch schildert sie das Leben in den USA und vor allem in New York in den denkbar tristesten Farben: Die Stadt ist schmutzig und gefährlich, von Reklame wird man buchstäblich verfolgt, die amerikanische Gesellschaft ist von der Rassenproblematik ausgehöhlt, der Vietnamkrieg vergiftet die Herzen und die amerikanische Linke sei, meinte Anderson, hoffnungslos zersplittert oder habe sich im bürgerlichen Leben eingerichtet. Illustriert werden ihre Betrachtungen, indem sie Reklameanzeigen hinein streut, Zeitungsartikel über absurde Kunstprojekte, brutale Mordfälle und Arbeitslosenstatistiken.

Lügt sie, wenn sie den Amerikanern in »Liebe im Exil« das Leben in der DDR als ein schlechtes präsentiert, während sie der DDR-Bevölkerung das Leben in den USA als gleichfalls widerwärtig darstellt? Wahrscheinlich nicht, in beiden Büchern hat sie sich auf die dunkelsten Seiten der jeweiligen Systeme konzentriert. In den USA gehören, mittlerweile auch in der BRD verbreitet, sicherlich die Arbeitsvermittlungsagenturen dazu, die ihre Klienten de­mütigen und sich dafür noch bezahlen lassen. Und sofort glaubt man Anderson die Existenzangst, wenn sie beispielsweise schreibt: »Ich bin erst ein paar Wochen hier. Doch wehe, wenn die Suche nach Arbeit zu lange dauert oder mir ein kostspieliges Missgeschick passiert! Eine Krankheit! Eine Krankenversicherung gibt es hier nicht. Eine Zahnbehandlung hat mich schon 170 Dollar gekostet. Denk Dir, ein Zahn! Es gibt private Versicherungen mit ­Namen wie ›Blue Cross‹ und ›Blue Shield‹, aber man kann nur eintreten, wenn man bereits Arbeit hat – vorausgesetzt, dass die Firma angeschlossen ist, und das ist nicht immer der Fall.«

Bisweilen aber schießt sie in ihren Bemühungen, den Alltag in den Vereinigten Staaten zu diskreditieren, weit über ihr Ziel hinaus, so wenn sie beispielsweise die Fahrt in einer U-Bahn mit einem Transport in ein Konzentrationslager vergleicht: »Nach einer strapaziösen Stadtfahrt mit der Untergrundbahn«, notiert Anderson, »mehr tot als lebendig ins Büro gekommen. Wie bringen die Leute es nur fertig, ohne Luft zum Atmen, angequetscht an andere gequetschte Menschen, Tag für Tag wie in einem jener ins Konzentrationslager rollenden Güterwagen zu stehen, die Semprun in ›Die große Reise‹ beschrieben hat? Ich dachte die ganze Zeit: Das halte ich nicht aus … Ich muss es schaffen … Ich kippe um … Gleich werde ich zertrampelt … Ich muss aushalten … Nur in einer wesentlichen Hinsicht war es besser als auf den KZ-Transporten: Nach einer Dreiviertelstunde war ich wieder frei.«

In New York nahm Edith Anderson ihre freundschaftliche Beziehung zu Alma Uhse wieder auf, die sie im Buch unter dem Namen ­Pilar auftreten lässt. Auch Alma hatte, um einen Job zu finden, ihren langjährigen Aufenthalt in der DDR verschweigen müssen, aber sie hatte – im Gegensatz zu Anderson – New York verändert vorgefunden, und zwar im positiven Sinn: »Aber was mich am meisten überraschte«, schreibt sie in »Always Straight Ahead«, »war der Anblick einer jungen schwarzen Frau im Kaufhaus Macy’s. Dieser Anblick wäre undenkbar gewesen, als ich die Staaten verließ, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich damals nicht viel darüber nachgedacht habe, wovon die Schwarzen lebten. Sie waren in Harlem, in abgeschiedenen Wohnblöcken. Die Frauen arbeiteten in der Stadt, sofern sie einen Job hatten, normalerweise als Hausangestellte, und die Männer waren meistens Dienstboten, außerdem gab es einen kleinen Anteil an Jazz-Musikern. Für ein schwarzes Gesicht war es, außer als Komiker, Jazz-Musiker oder Diener, undenkbar, auf einer Leinwand oder einer Bühne zu erscheinen, und man hätte niemals einen Schwarzen hinter einem Schalter bei Macy’s gesehen. Die Stellenangebote hatten sich auch geändert, was ich bemerkte, als ich einen Job suchte. Potentielle Arbeitgeber inserierten nicht mehr ›Nur Christen erwünscht‹ oder ›Keine Juden‹. (Zu schreiben ›Keine Schwarzen‹, war unnötig gewesen.)«

Alma Uhse lernte, das New York der sechziger Jahre zu genießen, und gewann der Stadt ihre positiven Seiten ab. Sie fand eine Stelle, hatte einen großen Freundeskreis und heiratete ein drittes Mal – das ist der Grund, warum ihre Erinnerungen unter dem Namen Alma Neuman erschienen sind. Doch immer quälte sie die Sorge um ihren jüngeren Sohn Stefan, der in Deutschland im Alter von fünf Jahren zuerst an schwerem Asthma erkrankt und nun auch psychisch labil war.

Spuren der Vergangenheit

Ihr älterer Sohn Joel Agee befand im Nachhinein, dass sein Bruder unter der spezifischen deutschen Nachkriegszeit gelitten habe: »Kurz vor seinem ersten Krankenhausaufenthalt«, schreibt er in »Zwölf Jahre«, »hatten Stefan und ich einen Film über die Männer gesehen, die die Vernichtungslager geplant hatten. Er gehörte zum obligatorischen Schulprogramm für alle Kinder in Groß-Glienicke, vielleicht auch in der ganzen DDR. Er hieß ›Der Rat der Götter‹. Er enthielt eine Szene, in der mehrere Tiere – ich glaube ein Lamm, ein Huhn, eine Maus und ein junger Hund – in einer gläsernen Gaskammer erstickt wurden, während eine Gruppe von Staatsmännern und Wissenschaftlern den Vorgang mit Interesse beobachteten. Dieses Experiment hatte sich mehrere Wochen lang Nacht für Nacht in Stefans Träumen wiederholt. Was hätte man ihm sagen können? Dass es nur ein Film gewesen sei? Nur ein Traum?«

Für Agee stand außer Frage, dass sich Stefan, der während eines seiner Krankenhausaufenthalte in einem Glaskasten liegen musste, da Kinderbetten fehlten, in entsprechende Albträume hineingesteigert hatte, die nicht ohne Folgen geblieben waren, und auch Alma Uhse verstand im Nachhinein, dass ihr Kind auf die Spannungen und Ängste der frühen fünfziger Jahre reagiert und dann den Sprung in die andere Welt, den Sprung in die USA, nicht bewältigt hatte. Für Edith Anderson reihte sich Stefan Uhse jedoch vorrangig in das Panoptikum einer Gesellschaft ein, die sie als skurril und dekadent empfand, die sie, nachdem sie 20 Jahre in der SBZ und der DDR gelebt hatte, nicht mehr verstand. Stefan, den sie in »Der Beobachter sieht nichts« Jaime nennt, erscheint ihr »erledigt«, wie er »den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzt und grauenhafte Bilder von ausgeweideten kranichähnlichen Menschenwesen mit aufgepaltenem Gehirn zeichnet«: »Dann legt er sich zu Yoga-Übungen auf eine schmutzige Schaumgummimatte nieder. Er weigert sich, Fleisch zu essen, weil es eine Sünde sei, Lebewesen zu töten. Nur wenige, dünne Fäden verbinden ihn noch mit der realen Welt.«

Stefan Uhse war auf die Suche nach einer spirituellen Welterklärung gegangen; er fuhr nach Indien, Tibet, Japan, Kalifornien, Pakistan und in die Türkei. Nachdem Edith Anderson in die DDR zurück gereist war, diagnostizierten die Ärzte bei ihm eine paranoide Schizophrenie – ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, sagte Joel Agee in einer Fernsehsendung, in der er sein zweites Buch vorstellte, als »die Gegenkultur« in den Vereinigten Staaten an Bedeutung gewann.

Schlüsselerlebnisse

Im Januar 1973 setzte Stefan Uhse seinem Leben ein Ende, indem er aus dem Fenster seines Zimmers sprang. Das war sein zweiter Sprung; der erste – einige Monate zuvor – hatte aus ihm bereits einen Invaliden gemacht.

Den langsamen Tod seines Bruders, seine eigenen Ausflüge in den Wahnsinn, die jedoch auch dem nachhaltigen Konsum von LSD und den Auswirkungen eines typischen Hippie-Lebens der späten sechziger und frühen siebziger Jahre geschuldet waren, hat Joel Agee in dem Buch »In the House of my Fear« verarbeitet, das 2004 in den USA erschienen ist und zu derjenigen Literatur zählt, die zwischen beiden Welten, zwischen Ost und West, angesiedelt ist. In »In the House of my Fear« reflektiert er auch über deutsche Begriffe wie »Glück«, »Heimat« und »Schlüsselerlebnis«, die sich nicht ohne Weiteres ins Englische übertragen lassen.

Sein eigenes »Schlüsselerlebnis« hatte er 1963 gehabt, als er noch einmal in die DDR gereist war, um das Grab seines kurz zuvor verstorbenen Stiefvaters Bodo Uhse zu besuchen. An der Grenze hatte man ihn verhaftet, da er zwei Pässe dabei hatte: einen amerikanischen auf den Namen Agee und einen DDR-Pass auf den Namen Uhse. Joel Agee wurde in ein Büro der Staatssicherheit gebracht. Dann hörte er aus einem anderen Zimmer einen Schrei.

Das war der letzte Kontakt mit der Welt seines Stiefvaters, des Mannes, der – so Agee – gleichermaßen närrisch wie großzügig daran geglaubt habe, dass man die perfekte Gesellschaft errichten könnte. Auch Agee hatte dies geglaubt. »Und deshalb«, schreibt er, »war ich so schockiert, als ich diesen Schrei bei der ostdeutschen Geheimpolizei hörte.«

Die Zitate aus Alma Uhses »Always Straight Ahead« und Joel Agees »In the House of my Fear« wurden von der Autorin ins Deutsche übersetzt.

Literaturverzeichnis:
Joel Agee: In the Hose of my Fear. A Memoir, Shoemaker & Hoard Publishers, Washington 2004
Ders.: Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland. Aus dem amerikanischen Englisch von
Joel Agee und Lola Gruenthal, Fischer Verlag, Frank­furt/Main 1985
Edith Anderson: Der Beobacher sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten. Aus dem amerikanischen Englisch von Eduard Zak, Verlag Volk und Welt, Berlin 1972
Dies.: Liebe im Exil. Aus dem amerikanischen Englisch von Christa und Clemens Traglehn, BTB-Verlag, München 2010
Alma Neuman: Always Straight Ahead. A Memoir, Louisiana State University Press / Baton Rouge, London 1993

Donnerstag, 27. März 2014

Mit Stalin auf dem Sofa

In seinem Roman »Der Garten der Dissidenten« schildert Jonathan Lethem die historischen Kämpfe, Irrtümer und Widersprüche der Linken anhand einer New Yorker Familie.
 
von Kerstin Cornils, Jungle World, 27.03.2014



Wegen eines gewaltigen Schnee­sturms wird im Februar 1960 der New Yorker Highway zum ersten Mal in seiner Geschichte geschlossen. Viele U-Bahn-Eingänge der Stadt sind vereist, der Central Park lockt Skiläufer an. Tom Gogan, einer der vielen jungen Musiker, die nach Greenwich Village strömen, um sich eine Künstleridentität zusammenzubasteln, verlässt trotz der Kälte seine Wohnung in Manhattan, weil er eine Einladung zu einem Workshop mit einem blinden Blues-Gitarristen hat. Der legendäre Reverend Gary Davis soll im Stadtteil Queens eine Schar junger Bewunderer im Fingerpicking unterrichten. Toms Expedition über den East River lohnt sich: »Dieses Allerheiligste der Wärme und des Kaffeedufts zu betreten, unerwartet fern von Manhattan und an einem Tag, an dem alle Grenzen zwischen Nacht und Tag, Bordstein und Pflaster, Dach und Himmel im Weiß unkenntlich wurden, war eine erhabene Erfahrung.« Zwar wird der junge Gitarrist im Schneechaos von Queens nicht die Kunst des Fingerpicking erlernen – die Technik übersteigt schlicht die Fähigkeiten seiner rechten Hand, die sich unversehens wie ein Fuß verhält, »an den man noch einen Entenfuß genäht hatte«. Dafür lernt Tom am Tag des Blizzard seine zukünftige Frau kennen, die kommunistische Aktivistin Miriam Zimmer.

Trotz der am Himmel treibenden »Wahnsinnsflocken« geht es beim ersten Treffen nicht unumschränkt romantisch zu: Als Tom im Nebel von Marihuanaschwaden eine Eigenkomposition über den letzten Lynchmord in den USA zum Besten gibt, legt Miriam sogleich Einspruch ein. Sie urteilt, sein Lied über die Ermordung des Afroamerikaners Mack Parker in Mississippi sei gekünstelt. Wenn er über Schwarze schreiben wolle, müsse er doch bloß vor die Tür gehen und die Augen aufmachen: »Die Männer da unten, die sind die Wirklichkeit.« Wie ernst es Miriam mit ihrem Rat ist, demonstriert sie, als sie umstandslos aus der Wohnung stiefelt und die im Schnee lagernden Obdach­losen mit Kaffee versorgt.

Der 1964 in Brooklyn geborene Jonathan Lethem hat in seinem neuen Roman »Der Garten der Dissidenten« der New Yorker Linken ein Denkmal gesetzt – engagierten Menschen wie Miriam und Tom, die mitten im Herzen des Kapitalismus gegen die Zentren der ökonomischen und politischen Macht in der Stadt protestieren. Dabei interessiert sich Lethem nicht für pompöse linke Selbstinszenierungen, sondern spürt den oft unscheinbaren Formen des Widerstands nach: dem wütenden Protestsong, dem Leben in der Kommune, dem Engagement für eine Stadtteilbibliothek, dem Pazifismus der von Hippies unterwanderten Quäker. Der Gefahr, dabei ins Banale abzugleiten, begegnet er, indem er das Randständige kurzerhand zum Zentrum erklärt. So sind seine Helden keine Chefideologen und Gewerkschaftsbosse, sondern linienuntreue Grenzgänger, die nicht selten mit den Apparatschiks ihrer eigenen Gesinnungsgenossen in Konflikt geraten.



Rose Zimmer, die Mutter von Miriam, ist die beeindruckendste Dissidentin in Lethems New York. Die Leser stolpern gleich zu Beginn in ihr Wohnzimmer, wo ihr von der eigenen Partei, der KP, ein inoffizieller Prozess gemacht wird. Ihr Vergehen? Rose hat ihr Engagement für die Bürgerrechte der Afroamerikaner zu wörtlich genommen und eine Affäre mit einem verheirateten Polizeileutnant schwarzer Hautfarbe begonnen – die weibliche Selbstbestimmung über die eigene Sexualität steht nicht im Parteiprogramm. Dass Rose, die Tochter polnischer Juden, einst gegen Hitler gekämpft hat, belesen und gut organisiert ist, scheint den Genossen egal zu sein. Rose wird aus der Partei geworfen. Allzu unglücklich muss sie darüber nicht sein: »Roses Rausschmiss war der letzte glorreiche Akt (…) dieser herrlich indignierten Gespenster, die längst tot waren, ohne es zu wissen.« Als Chruschtschow kurz nach dem Wohnzimmertribunal die Verbrechen des Stalinismus bekanntmacht, stürzen Kommunisten aller Länder in eine Sinnkrise.

Doch was Rose nicht tötet, macht sie stärker. Unbeirrt setzt sie nach ihrem Rauswurf die Arbeit für eine solidarische Gesellschaft fort. Immer wieder wechselt Lethem seine Erzählperspektive, um den Einfluss nachzuzeichnen, den »die letzte Kommunistin« auf ihre Zeitgenossen hat. Charakteristisch für Rose ist ihre Bodenhaftung, ihr enger Kontakt mit dem großstädtischen Milieu: »Im Gegensatz zu Leuten, die sich nur im Moskau ihrer Träume aufhalten, bin ich stolze Bürgerin einer Gegend, in der Italiener, Iren, Neger, Juden und ab und zu auch mal Proleten aus der Ukraine leben. (…) Wenn ich in Queens unterwegs bin, schweben meine Füße nicht über den Gehwegen.« Als Roses Ehemann eines Tages versucht, seine Frau in eine jüdische Bauernsiedlung in New Jersey zu verpflanzen, um dort mit ihr jiddische Lieder zu trällern, schmettert Rose ihm ein »Nein« entgegen. In Queens, in der von europäischen Migranten geprägten Gartenstadt Sunnyside Gardens, blüht Rose auf.

Stets droht dem von rebellischem Schwung getragenen Roman die Idealisierung seiner dissidenten Helden, doch Lethem bannt diese Gefahr auch immer wieder. Vor allem Rose wird als ambivalenter Charakter gezeigt. Kaum jemand in ihrem Umfeld, den ihr brutales Sendungsbewusstsein nicht verschreckt hätte. Scharf urteilt der schwarze Universitätsdozent Cicero über seine Mentorin: »Sie wollte die Welt befreien, aber sie versklavte jedes arme Würstchen, das sie in die Krallen bekam.« Besonders arm dran ist ihre Tochter. In einer schockierenden Szene stößt die Mutter das Mädchen in den Gasherd und hält deren Kopf für Sekunden in den Ofen. Die 17jährige hatte es gewagt, zum ersten Mal ihr Bett mit einem Jungen zu teilen. Die Jüdin Rose droht ihrer eigenen Tochter mit der Ermordung im Gasherd.

Und Tommy, der Protestsänger im Schneesturm? Ihm ergeht es in dem mit Lokalkolorit bisweilen überfrachteten Roman übel. Seine von Miriams Ideen inspirierte Schallplatte, die die Stimmen der Marginalisierten sammelt, wird mit Hohn aufgenommen. Ein Musikkritiker verreißt das Werk als »ein ekelhaftes Amalgam aus Totenklagen, die sich beim Country & Blues anbiedern, und pseudoverschmitzter Lyrik, gespickt mit Binsenweisheiten des Mitleids«. Schon bald muss Tom mit ansehen, wie ihn ein kometenhaft aufsteigender Musiker namens Bob Dylan an die Wand singt. Ähnlich wie im Coen-Film »Inside Llewyn Davis« wächst der »Tambourine Man« zu einem Koloss an, der Musikern mit weniger Talent, Glück und Gespür für den Zeitgeist künstlerisch das Genick bricht. Es ist Lethems Verdienst, dass er den unbekannten Dissidenten, die an den Rändern der Geschichte leben und kämpfen, ein Gesicht gibt.

Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 476 Seiten, 24,95 Euro

Donnerstag, 13. März 2014

Man ist, was man hört

Diedrich Diederichsen erklärt den Hörer zum eigentlichen Star in der Geschichte der Popkultur. Dieser Hörer ist vor allem er selbst, und das ist gut so.
 
 
 
von Kristof Schreuf, Jungle World, 13.03.2014
Diedrich Diederichsen hat ein neues Buch geschrieben. »Über Pop-Musiker« schöpft aus biographischem Material und deshalb geht es auch in dieser Rezension erstmal um die Biographie des Autors. Diederichsen, Jahrgang 1957, wuchs in Hamburg auf, engagierte sich als Schüler in kommunistischen Jugendorganisationen und begann nach dem Abitur, Germanistik und Spanisch zu studieren. Einer seiner Kommilitonen war Michael Ruff, Sänger der Geisterfahrer, Journalist und später Betreiber des Plattenladens »Ruff Trade«. Ruff erlebte an der Uni, wie Diederichsen Referate über fiktive Personen hielt. 1979 wurde Diederichsen Redakteur der Musikzeitschrift Sounds, wo Alfred Hilsberg eine regelmäßige Kolumne unter dem Titel »Neuestes Deutschland« schrieb. Das Vorhaben, über eine Musik zu berichten, die ihre Energie aus den subkulturellen Explosionen der letzten 14 Tage bezog, erwies sich als nicht so leicht durchführbar. Denn nicht nur die Stadt Hamburg wurde durch eine unsägliche Mischung aus stumpfem Rock, Folk von Ougenweide und Blödelkram aus dem »Onkel Pö« in Eppendorf beherrscht. Popmusik konnte seit Jahren keinen mehr anstacheln oder auf originelle und radikale Ideen bringen, geschweige denn dazu ermuntern, irgendwas davon zu verwirklichen. Stattdessen diente sie dazu, dass Jugendliche ihr Mütchen an gefahrloser Stelle kühlten. Sie sollte Adoleszenz moderieren, sie sollte beruhigen und war nur Medi­ator.

Leute, die an Mediation weniger Interesse zeigten, schrieben für Sounds. Unterschiedlichste Autoren lierferten immer aufregendere, klügere und frechere Texte und scharten immer interessantere Leser um sich. Darunter auch der Schriftsteller Rainald Goetz. In seinem Text »Subito«, den er bei seinem legen­dären Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1983 in Klagenfurt gelesen hat, geht es um die gleichnamige NDW-Bar in Hamburg, in der Diederichsen, der im Text unter dem Namen »Neger ­Negersen« vorkommt, zu dieser Zeit verkehrte. Oder Diederichsen ging abends in die Marktstube, wo er den Maler Albert Oehlen kennenlernte. Beide spielten später zusammen in der Band Nachdenkliche Wehrpflichtige, die unter anderem A-Capella-Versionen von Liedern der Buzzcocks im Reportoire hatten. In Texten von Goetz tauchen bis heute ­sowohl »Diedrich« als auch »Albert« immer wieder auf.

Mitte der achtziger Jahre wird Diederichsen Redakteur bei Spex. So furios denkfreudig wie er schreibt sonst keiner. Diederichsen veröffentlichte 1986 sein erstes Buch »Sexbeat«, das einen Abschnitt über den »Klatsch als letzte materialistische Waffe gegen die Meinung« enthält. Dass sein Urteil immer mehr Gewicht bekommt, entgeht Diederichsens nicht. Seine Reaktion: Als die HipHop-Gruppe Public Enemy ihre Single »Fight the power!« herausbringt, fordert er in der von Hermann L. Gremliza herausgegebenen Zeitschrift Konkret: »Fight the Gremliza! Fight the Diederichsen!«
Schreibende Kollegen verlieren nach der Lektüre seiner Texte bisweilen ihr ganzes Autorenselbstbewusstsein. Einer erklärte einmal, während er in einer Kneipe mit leerem Blick in sein Glas schaute, dass er John Singletons Debütfilm, das Drama »Boyz ’n’ the hood« zwar gerne besprechen wollte, es aber nun doch lieber bleiben lassen wolle. Denn seit er Diederichsens ausführliche Besprechung des Films gelesen habe, fühle er sich inkompetent.

Für Spex liefert Diederichsen im Herbst 1993 den umstrittenen Artikel über »Das Ende der Jugendkultur, wie wir sie kannten«. Diederichsen hatte über einen Nazi gelesen, der bei den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen eine Kappe mit dem Namenszug von Che Guevara getragen hatte. Zu den Gedanken, die er daraus entwickelt, gehört, dass Popmusik nicht mehr den Unterschied zwischen Nazis und ihren Gegnern ziehe. Nicht wenige sind mit diesem Aufsatz nie fertig geworden. Selbst der Autor nicht, der in den folgenden Jahren mehrere Überarbeitungen des Textes vorlegte. Diederichsen schreibt immer weiter und, wie Dietmar Dath es formuliert hat, »er lässt nicht nach«. Selbst oder gerade, wenn Leute über die alltäglichsten Dinge die banalsten Bemerkungen fallen lassen, regt das Diederichsen zu höchst bemerkenswerten Texten an.
Etwa wenn Madonna, die für ein paar Jahre nach England gezogen ist, in einem Interview klagt, dass sie zum Wochenende keine Handwerker findet. Diederichsen bringt das darauf, dass der »Star«, wie man ihn noch im althergebrachten Verblendungszusammenhang zu nennen pflegte, inzwischen ersetzt worden sei durch den »Promi«.

Auch »Über Pop-Musik« enthält diese smarten, von Schneid und Stil angetriebenen Thesen, die so viel Spaß machen, dass es leicht fällt, Diedrichsen bei ihrer Entwicklung zu folgen: Popmusik handelt von dem Gefühl, dass da mal nichts gewesen sein soll und man plötzlich feststellt, dass da doch etwas ist. Und dass das Leute auf der ganzen Welt ebenso erfahren haben, wie zum Beispiel Lou Reed, der nicht in einem Dorf oder öden Vorort, sondern in der aufregenden Stadt New York aufgewachsen ist und in »Rock ’n’ Roll« über die dort verbrachte Kindheit singt: »There was really nothing going on.«
Popmusik operiert mit einem von der Kulturindustrie ruinierten Zeichenrepertoire. Das eigene Hören ist Wiederhören. Die Erinnerung an bereits gehörte Stücke schiebt sich vor die gegenwärtige Rezeption. In der Popmusik reichen Ichsagen und Alleinsein schon aus, um den Schnabel ganz weit aufzureißen. Andererseits enthält sie die Möglichkeit, alleinzusein, mutterseelenallein mit der Gesellschaft. Das, was wir als Popmusik verstehen, ist vor allem im Studio entstanden. Im Studio lässt sich am schönsten und aufregendsten die Körperlichkeit des anderen erfahren. Wie traurig oder wie aggressiv jemand sein kann. Und das in der genauesten Übertragung mit höchster Auflösung. Das ergibt eine explosive Mischung, die Menschen auf eine Art mitreißt, wie das vor der Studiozeit nicht passiert ist. Das Tonstudio ist schließlich auch der Ort, an dem ab Mitte der fünfziger Jahre der kleine Unfall, das nicht geplante, aber besondere klangliche Folgen nach sich ziehende Ereignis, zum Besonderen wird. Diederichsen nennt es mit Roland Barthes das »Punctum«.

Das Geräusch, das auch entsteht, wenn jemand gerade nicht Subjekt ist. Als Verbindung zwischen Medien, Archiven und Kanälen. Popmusik hatte dabei auch nie nur mit Musik, sondern auch mit Bildern zu tun. Als die im Fernsehen zu sehen waren, schoben sie mit Popmusik die zweite Kulturrevolution an. Radio und Fersehen standen für die erste Kulturrevolution. In einem Popsong der zweiten Kulutrrevolution ist nie klar, ob die reale Person des Künstlers spricht oder nur die von ihm erschaffene Figur. In einem Lied geht es nie authentisch zu. Ein Lied kann nicht sehr gut »Nein!« sagen. Es kann sehr viel besser »Ja!« sagen. Die, die »Nein!« sagen, wissen das. Weswegen die Sänger, die etwa »I can’t get no satisfaction« oder »It ain’t me« singen, doch so klingen, als würden sie »Ja!« sagen. Da möchte man es auf einmal viel genauer wissen. Popmusik war und ist genau die Musik, bei der man wissen will, wie der Sänger aussieht.

Das Unverwechselbare an der Popmusik aber ist der Hörer und das, was er in der Rezeption aus ihr macht, also die Gefühlsenergie, mit der er sich in einen Song wirft und von ihm durcheinanderbringen lässt. Das Format entsteht nicht in der Produktion, nicht in der Abspielstelle, sondern in der Rezeption. Beim Hörer, beim Fan. Das Format lässt sich daher als optimistisch beschreiben.

Solche und viele weitere Überlegungen hat Diederichsen nicht in der Einsamkeit am Schreibtisch entwickelt, sondern vor Zuhörern, die ihn womöglich auch anspornten, ­seine Gedanken immer weiter zu präzisieren. Es handelt sich dabei um die Studentinnen und Studenten der Wiener Akadamie der Künste, an der Diederichsen seit 2006 lehrt.

Es gibt Bücher, die einen immer begleiten. Dieses ist so eines. »Über Pop-Musik« leistet für sein Thema das, was Adornos »Ästhetische Theorie« für die Philosophie der Kunst geleistet hat.

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Kiepenheuer &  Witsch, Köln 2014, 474 Seiten, 39,99 Euro