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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Montag, 27. Januar 2014

Als Spion in Auschwitz

Tagesspiegel, 26.01.2014, von Jan Ludwig



Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz befreit. Vom dortigen Grauen wusste die Welt bereits. Nicht zuletzt dank eines polnischen Offiziers, der freiwillig ins Lager ging – und wieder ausbrach.

Was soll man über einen Mann sagen, der freiwillig nach Auschwitz ging? Der sich als einziger Mensch in ein Lager bringen lässt, in das über eine Million Menschen deportiert wurden und das nur jeder sechste mehr oder weniger lebend verließ?
Es ist patriotisch, sagen polnische Diplomaten. Es ist heroisch, sagt der Oberrabbiner von Polen. Es ist Wahnsinn, sagt die Vernunft.
Witold Pilecki jedoch ist bei völlig klarem Verstand, als er sich am 19. September 1940 in Warschau auf die „Allee der Polnischen Armee“ begibt.

Die deutsche SS hat wieder eine Razzia begonnen, nun sammelt sie ihre Opfer. Mit Papieren ausgestellt auf „Tomasz Serafínski“, mischt sich Pilecki unter die Gefangenen.
Seit einem Jahr ist Polen da schon besetzt. Als Deutschland seinen Nachbarn überfiel, prallte waffentechnisch der Zweite auf den Ersten Weltkrieg. Blutig und kurz waren die Kämpfe. Doch im Untergrund leisten polnische Soldaten weiter Widerstand. Pilecki, geboren 1901, hatte schon als Jugendlicher im Ersten Weltkrieg für sein Land gekämpft. Nun gründet der Kavallerie-Offizier die Polnische Geheimarmee.

Im Sommer 1940 erfährt diese Geheimarmee von einem Lager. Polen nennen die nächstliegende Stadt Oswiecim; unter den Deutschen heißt sie Auschwitz. Dort, so munkelte man, sollen polnische Lehrer, Priester, Ingenieure hingebracht werden, vielleicht sogar getötet. Die Geheimarmee entscheidet, Pilecki in das Lager zu schicken, damit er – unter falschem Namen – spioniert.

Der Plan scheint an jenem Sommerabend 1940 zu funktionieren. Pilecki muss mit Hunderten anderer im Scheinwerferlicht einer Reitbahn auf dem Boden übernachten. Zwei Tage später werden sie weggebracht, erst auf Lastwagen, dann im Güterwaggon, bis der Zug am Abend hält. Türen werden aufgerissen, Hunde bellen, gleißende Lampen blenden die Insassen. Pilecki hört, wie Wachsoldaten einen Passagier anbrüllen, er solle loslaufen. Er wird erschossen, genau wie zehn weitere – als Strafe für den „Ausbruchsversuch“. An einem Stacheldrahtzaun angekommen, führen die SS-Männer die Gefangenen durch ein Tor. „Arbeit macht frei“ steht darauf.

947 Tage wird Pilecki in Auschwitz verbringen. Als er in das Lager hineinging, war es ein Konzentrationslager für polnische politische Gefangene, als er daraus flieht, ein Brandmal der Menschheit.

Was wir über Pileckis Odyssee wissen, entstammt vor allem den Berichten, die er während und nach seiner Lagerzeit schrieb. Über die ersten Stunden im KZ vermerkt er darin: „Im unheimlichen Lichtschein, den die Scheinwerfer von allen Seiten warfen, erkannten wir Wesen, die wie Menschen aussahen, deren Verhalten aber dem wilder Tiere glich.“

Pilecki blickt in einen Abgrund, sieht kaum vorstellbaren Sadismus. Er berichtet von dem Häftling Ernst Krankemann, einem verurteilten Mörder, der als Kapo das Straßenbaukommando leitet, dabei die Planierwalze nutzt, um Gefangene zu überrollen. Der SS-Sanitäter Klehr rammt Häftlingen Phenolspritzen ins Herz, er „mordete mit der Nadel mit gewaltigem Eifer, mit irrem Blick und sadistischem Lächeln“. Pilecki fährt fort: „Nach jeder Tötung eines Opfers machte er einen Strich an die Wand. Die Liste der von ihm Getöteten umfasste zu meinen Zeiten gegen vierzehntausend, und dafür rühmte er sich täglich mit großer Zufriedenheit.“

Pilecki entgeht den Torturen, auch dem „Blutigen Alois“ und dem „Würger“. Doch mit anzusehen, wie Menschen derart sterben, schürt den Hass in ihm. „Ich spürte, dass wir alle endlich durch dieselbe Wut vereinigt waren, in einem Durst nach Rache“, schreibt Pilecki über sich und seine Mitgefangenen.

Pilecki soll spionieren und Berichte nach außen schleusen. Vor allem aber soll er eine Untergrundorganisation aufbauen. Im Falle eines Aufstandes oder eines Angriffs von außen könnte die den Widerstand organisieren. Nach und nach rekrutiert er ein dichtes Netz aus je fünf Männern, hauptsächlich Polen. Er spricht sie bei der Zwangsarbeit an, zieht sie ins Vertrauen. Um die Organisation nicht zu gefährden, verrät er den Fünfergruppen nur wenig voneinander.

Nach einigen Wochen orchestriert Pilecki so Hilfen im Lager. Wer schwach ist, erhält eine zweite Ration, wer krank ist, einen Arbeitsplatz mit einem Dach über dem Kopf. Doch bis die erhofften Partisanen außerhalb des Lagers stark genug sind, können die Insassen den täglichen Erschießungen und Folterungen nur tatenlos zusehen.

Ein Häftling, der im November 1940 entlassen wird, schmuggelt seinen ersten Bericht nach draußen. Über Warschau und Stockholm erreicht der Report London, den Sitz der polnischen Exilregierung. Die leitet ihn im März 1941 an die britische Regierung weiter. Doch was die nun zum ersten Mal zu lesen bekommt, wird für unzuverlässig und übertrieben gehalten. Dabei steht das Schlimmste noch bevor.

Im September 1941, ein Jahr nach Pileckis Ankunft, kann das Stammlager die ankommenden Menschenmassen kaum noch bewältigen. Von der Front treffen tausende sowjetische Kriegsgefangene ein. Die Russen gehören zu den ersten, an denen man Zyklon B ausprobiert. Ein zweites Lager wird nun drei Kilometer entfernt errichtet: Birkenau. Kaum jemand kehrt aus Auschwitz-Birkenau zurück. Es ist das Vernichtungslager.

Pilecki darf im Stammlager bleiben. Hier arbeiten sich die Gefangenen zu Tode, sie erfrieren in der Kälte oder man stellt sie an die „Todesmauer“, besonders gern an polnischen Feiertagen. Zehntausende Menschen gehen im Stammlager zugrunde.

Auch ein Lager des Grauens braucht eine Infrastruktur, braucht Bäcker, Klempner, Schuster, Maurer. Wer überleben will, sollte backen und klempnern, schustern und mauern können. Oder jedenfalls so tun als ob.

„Du bist nicht vielleicht Ofensetzer?“, wird Pilecki eines Tages von einem Kapo gefragt. „Jawoll, ich bin Ofensetzer“, erwidert Pilecki, ohne zu überlegen. Pilecki soll einen Arbeitstrupp zusammenstellen, er wählt vier Mithäftlinge. Dann bringen die Wachen sie in die Wohnung eines SS-Mannes. Pilecki und seine Kameraden sollen den Kachelofen von einem Raum in den nächsten umsetzen. Der SS-Mann erklärt, was zu tun ist, und geht. Im lakonischen Ton, den sein ganzer Bericht durchzieht, schreibt Pilecki: „Ich fragte in die Runde, ob irgendjemand eine Ahnung vom Ofensetzen habe. Das war nicht der Fall.“ Da stehen also fünf Häftlinge, keiner vom Fach, und schauen sich gegenseitig an.

„Wer um sein Leben kämpft, bringt Dinge fertig, die er nie für möglich gehalten hätte.“ Stück für Stück baut Pilecki den Ofen ab, merkt sich jedes Teil und setzt ihn wieder zusammen. Vier Tage Zeit für einen Ofen, vier Tage Zeit, um ein Leben außerhalb des Stromzauns zu sehen, wo Menschen ihren Nachbarn helfen, Ehemänner ihre Frauen küssen, gemeinsam frühstücken. „Als ich dann am fünften Tag den neuerrichteten Ofen das erste Mal versuchsweise befeuern sollte, schaffte ich es, im Lager so gründlich verloren zu gehen, dass ich unentdeckt blieb.“

Wenn es in dieser Geschichte nicht um Leben und Tod ginge, um Auschwitz und industrielles Morden, könnte man Pilecki für eine Art Hauptmann von Köpenick halten. Er gibt sich auch als Gerber aus, als Schreibhilfe und Bäcker, Schreiner und Kartograf. Aber Pilecki narrt nicht eine bornierte preußische Obrigkeit. Er düpiert Wachmannschaften mit Totenkopf auf den Kragenspiegeln.

Witold Pilecki mag sportlich gewesen sein, robust, trickreich und intelligent. Vor allem aber hatte er unfassbar viel Glück.

„Ich bin eine ziemlich merkwürdige Natur, wie ich mehr als einmal bemerkt habe. Andere Menschen verlieren den Appetit, wenn sie Fieber haben; ich dagegen fresse wie ein Scheunendrescher.“ Er erkrankt an Typhus, holt sich eine Lungenentzündung – und überlebt beides, wiewohl nur knapp, dank der Hilfe seiner Vertrauten. Von der Küche bis zur Gerberei, vom Postamt bis zum Stall besetzen seine Kameraden wichtige Posten. An besonders verhassten Aufsehern rächen sich Pileckis Leute. Sie sammeln Läuse, die auf Typhus-Infizierten saßen, und spucken sie mit Blasrohren auf Wachmänner – einige erkranken, sterben sogar. Sie locken Kapos in einen Hinterhalt. Die Erschlagenen werden von Pileckis Kameraden im Krematorium verbrannt, um keine Spuren zu hinterlassen.

Und doch kommt die SS der Untergrundbewegung auf die Schliche. Rund 50 Gefangene werden exekutiert. Immer mehr werden in andere Lager verlegt, nach Buchenwald, Sachsenhausen oder Neuengamme.

Im Frühjahr 1943, nachdem er drei Winter in Auschwitz überlebt hat, beschließt Pilecki zu fliehen. Als Fluchtort wählen er und zwei seiner Mitgefangenen die Bäckerei. Sie liegt außerhalb des Lagers. Kein Zaun trennt sie vom Umland. „Jasiek“, ein Freund, der dort arbeitet, nimmt mit frischem Brot Abdrücke eines Schlüssels und einer Schraubenmutter, die die Außentür versperren. Ein befreundeter Schlosser fertigt die nötigen Werkzeuge. Kameraden arbeiten zu, versorgen sie mit Essen, Kleidung, aber auch Tabak, um die Spürhunde zu verwirren.

Derart bepackt, warten Pilecki und seine Kumpanen auf die Osternacht 1943. Als beide Wachposten in der Bäckerei nicht aufpassen, werfen sich die drei gegen die Außentür, bis sie schließlich aufschwingt. Dann rennen sie los. Obwohl er von einer Wache angeschossen wird, schafft es Pilecki schließlich bis nach Warschau.

Doch die Geschichte des Witold Pilecki ist damit nicht zu Ende.
Der Zweite Weltkrieg wütete noch zwei weitere Jahre. Im Dienste der polnischen Heimatarmee kämpfte Pilecki 1944 beim Warschauer Aufstand mit. Er sinniert bis zur Befreiung von Auschwitz darüber, wie man das Lager hätte erobern können, erst von innen, dann von außen. Doch die polnische Heimatarmee zögert. Sie hält einen Angriff ohne alliierte Hilfe für aussichtslos.

Pileckis Report von 1940 gilt als erster Bericht aus Auschwitz, und spätestens ab 1942 war bekannt, was in den Vernichtungslagern vor sich ging. Allein: das Lager im Süden Polens war für britische Bomber praktisch nicht zu erreichen. Auch deshalb wurde das KZ nie von außen angegriffen. Am 27. Januar 1945 befreiten schließlich Soldaten der Roten Armee die letzten Gefangenen. Erst dann wurde die Welt endgültig gewahr, dass Pilecki nicht übertrieben hatte.

So unglaublich klingt selbst für heutige Leser die Geschichte, dass man sich fragt, ob sie wahr sein kann. „Die Originale der ersten Reporte sind zwar verloren gegangen“, sagt Piotr Setkiewicz, Leiter der Forschungsabteilung im Auschwitz-Museum. „Aber es besteht kein Zweifel, dass Pilecki die Quelle der allerersten Berichte aus Auschwitz ist, die im März 1941 in London eintrafen.“ Dass Pileckis Geschichte in der Öffentlichkeit lange unbekannt blieb, hat einen anderen Grund.
Polen fiel 1945 unter kommunistische Herrschaft. Die Rote Armee installierte ein Moskau-treues Regime. Doch das war nicht das Polen, das Pilecki erkämpfen wollte. Und so spionierte er weiter für die antikommunistische Opposition. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Im Jahr 1947 nahmen ihn Agenten des Regimes fest. Sie beschuldigten ihn der „westlichen Spionage“, folterten ihn, rissen ihm die Nägel aus. Pilecki, der für sein Heimatland ins KZ gegangen war und daraus floh, der Hauptmann der polnischen Kavallerie, der im Warschauer Aufstand kämpfte, wurde vor Gericht gestellt, wegen Landesverrats verurteilt und 1948 erschossen. Einen „Feind des Volkes“ nannte man Pilecki damals.

65 Jahre später, im Januar 2013, steht Ryszard Schnepf auf einem Podium in Washington. Der Botschafter Polens spricht zu den Besuchern, die wegen Pilecki ins Holocaust Memorial Museum gekommen sind. Schnepf nennt ihn einen „Diamanten unter den polnischen Helden“. Längst ist das polnische Staatsräson. Nach dem Fall des alten Regimes 1989 wurde Pilecki voll rehabilitiert, postum ehrte ihn der Staat mit den höchsten Orden des Landes. Michael Schudrich, der Oberrabbiner von Polen, nennt Pilecki einen „Helden für die Juden von Polen“.

Lange hatten polnisch-jüdische Gruppen dafür geworben, Pilecki auch als Kämpfer gegen den Holocaust wahrzunehmen. In keinem Land starben mehr Juden als im deutsch besetzten Polen. Aber aus keinem Land stammen auch mehr „Gerechte unter den Völkern“. Über 6000 Menschen haben sich nachweislich unter Einsatz ihres Lebens für Juden eingesetzt, indem sie sie versteckten, versorgten oder außer Landes brachten.

Doch nach seiner Verurteilung 1948 versuchten die damaligen Machthaber jede Spur und jede Erinnerung an Pileckis Taten zu tilgen. Sie ließen sein Haus zerstören, sein Grab schänden. Das wirkt nach. In der Abteilung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die für die „Gerechten unter den Völkern“ zuständig ist, ist Pileckis Hauptbericht bis heute unbekannt. Man verspricht jedoch, seinen Fall zu prüfen, falls die nötigen Dokumente noch vorgebracht werden.

Sonntag, 19. Januar 2014

„Ich öffne Menschen Türen zu ihrer Sexualität“

Tagesspiegel vom 19.01.2014, von Veronica Frenzel und Jens Mühling

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Talk-Shows, die neue Koalition, Alice Schwarzer – alle streiten über Prostitution. Die wissen doch gar nicht, wovon sie reden, sagt die Sexarbeiterin Kristina Marlen.

Kristina Marlen – ist das Ihr wirklicher Name oder ein Pseudonym?

Kristina und Marlen sind meine beiden Vornamen. Den Nachnamen behalte ich als Sexarbeiterin lieber für mich. Wenn ich nicht ohnehin Marlen hieße, wäre das ein schöner Künstlername – ich bin ein großer Fan von Marlene Dietrich.

Auf Ihrer Webseite gibt es inszenierte Fotos, auf denen Sie der Diva sehr ähnlich sehen.

Wer weiß, vielleicht bin ich ja ihre Wiedergeburt. Jedenfalls fühle ich mich den Berliner 20er Jahren sehr verbunden, einer Zeit, in der mit großer Neugier Sexualität ausgelebt wurde. Diese Art von Offenheit würde ich mir in der heutigen Prostitutionsdebatte wünschen. Stattdessen bildet sich da eine merkwürdige Allianz aus feministischen Forderungen und erzkonservativem Gedankengut.

Alice Schwarzer sagt, Prostitution sei grundsätzlich sexistisch, erniedrigend und ausbeuterisch.

Das müsste ich als Feministin doch irgendwann gemerkt haben, bei all den Kunden und Kundinnen, die ich hatte. Habe ich aber nicht, meine Realität sieht völlig anders aus. Beim Wort Prostitution denken derzeit alle an dasselbe Bild: Eine Gruppe brutaler Männer fällt über eine wehrlose, festgehaltene Frau her, die sich nicht auf Deutsch artikulieren kann. Nichts an diesem Bild hat mit Sexarbeit zu tun – solche Frauen sind Opfer von Entführung, Verschleppung, Menschenhandel, sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Prostitution beruht grundsätzlich auf beiderseitigem Einverständnis.

Im Alltag dürfte das mitunter anders aussehen.

Es gibt keinen Alltag normaler Prostituierter, es gibt nur viele Vorurteile über diesen vermeintlichen Alltag. Ich kenne Straßenprostituierte, die ein wirklich schwieriges Leben haben, geprägt von Armut, prekärem Aufenthaltsstatus und so weiter. Aber auch die sehen sich nicht als Opfer. Was Menschenhandel und sexuelle Nötigung angeht, braucht es natürlich Schutzmaßnahmen. Aber da stellt sich für mich eher die Frage nach Armut und Wohlstand in Europa, nach Bleiberechtsregelungen und wirksamem Opferschutz – und sicher nicht die Frage nach einem Berufsverbot.

Das deutsche Prostitutionsgesetz ist eins der liberalsten in Europa. Kritiker fordern eine Regelung wie in Schweden, wo es seit 1999 strafbar ist, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

In einer schwedischen Regierungserklärung wurde eingeräumt, dass sehr unklar ist, was das Gesetz bewirkt hat. Prostitution gibt es weiter, nur findet sie jetzt in einem komplett kriminalisierten Umfeld statt, in dem Frauen viel schlechter geschützt sind. Auch die Hinweise auf Zwangsprostitution, die ja oft von Freiern kommen, sind zurückgegangen – welcher Mann geht zur Polizei, wenn er dafür eine Straftat einräumen muss? Ich halte das schwedische Modell für den völlig falschen Ansatz.

Sie sind Mitglied im neuen „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“, der die Stärkung von Sexarbeitern fordert. Wie soll die aussehen?

Wir wollen Bedingungen für selbstbestimmte Sexarbeit ohne körperliche und seelische Risiken schaffen. Dieses Anliegen vertritt auch unser "Appell für Prostitution", für den wir derzeit Unterschriften sammeln. Verbote und Stigmatisierungen werden die Situation nicht besser, sondern schlechter machen. Niemand weiß das besser als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, deshalb müssen in der Prostitutionsdebatte verstärkt diejenigen zu Wort kommen, die den Beruf ausüben.

So wie Sie selbst. Wie kamen Sie zu dieser Arbeit?

Damit begann ich vor etwa fünf Jahren. Als selbstständige Physiotherapeutin habe ich damals Körperarbeit angeboten, die durch Berührungen emotionale Prozesse auslöst und das Körperbewusstsein stärkt. Dabei war häufig auch sexuelle Energie im Raum. Von Kunden kam dann die Anfrage, diesem Aspekt mehr Raum zu geben. Als ich mich dafür entschied, war ich erst völlig überrascht, dass ich mich nicht erniedrigt fühlte. Das hätte ich mir nie vorstellen können!

Warum nicht?

Weil ich aus einer sehr feministischen Familie komme. Meine Mutter war in der Frauenbewegung aktiv, ich wuchs mit ihrem „Emma“-Abo auf. Mit 13 hatte ich einen „PorNo!“-Anstecker an der Jacke und war felsenfest überzeugt, dass jede Form von Pornografie und Prostitution Frauen erniedrigt. Plötzlich begriff ich, dass das nicht stimmt.

Wenn Sie sich nicht erniedrigt fühlten, was empfanden Sie stattdessen?

Ich hatte das Gefühl, dass etwas Gutes passiert ist. Da war jemand sehr glücklich, und mir ging’s auch gut. Als es sich wiederholte, merkte ich immer mehr, wie schön es ist, einen Raum zu schaffen, der explizit der sexuellen Energie gewidmet ist.

Für Ihre Mutter muss das ein Schock gewesen sein.

Meine Mutter nimmt sich sehr ernst bei dem Satz: Ich möchte, dass du glücklich bist. So hat sie auch auf meinen ersten Berufswechsel reagiert. Ich habe Jura und Sozialwissenschaften studiert. Aber dann merkte ich, ich brauche etwas Körperliches. Vor dem Schreibtisch wäre ich verendet.

Weiß jeder, was Sie machen?

Wenn mich jemand fragt, lüge ich nicht. Ich binde es aber nicht jedem auf die Nase, mit dem ich als Physiotherapeutin oder Trainerin zu tun habe.

Sie sprechen auch in Ihrer Beziehung über den Beruf?

Natürlich. Für meine Partnerin ist das in Ordnung.

War das von Anfang an so?

Als es losging, war ich Single. Anfangs habe ich das selbst in einer Art Halbdunkel geparkt, es war etwas Verruchtes, von dem ich dachte: Sobald ich eine Beziehung habe, lasse ich es sein. Dann trat jemand in mein Leben, und ich merkte: Ich möchte das nicht sein lassen. Ich versuchte, es meinem Partner zu erklären, vergeblich. Die Beziehung ist kaputtgegangen, ich bin nicht in einem Reihenhaus gelandet – und habe ein glückliches Leben.

Auf Ihrer Webseite stößt man auf geheimnisvolle Wörter wie „blissful bondage“ oder „sacred kink“, da werden „spielerisch die Grenzen der Komfortzone befragt“ und ...

... im Grunde sind das alles Codewörter für Sexspielarten, die von dem abweichen, was Ken und Barbie so im Bett machen. Fetischspielarten, intensive Sinneserfahrungen. Spezialisiert habe ich mich auf Bondage, die Kunst des Fesselns. Supergerne biete ich auch erotische Ringkämpfe an. Ich bin 1,83 Meter groß und ziemlich trainiert, ich kann Männer zu Boden ringen. Für viele ist das eine tolle Erfahrung, von einer Frau nicht nur symbolisch, sondern körperlich dominiert zu werden.

Wer sind Ihre Freier?

Zum Beispiel Menschen, die mit ihrem Partner keine Sexualität mehr erleben, weil der vielleicht einen Unfall hatte oder krank ist. Auch Witwer. Mein ältester Klient war 85, der hatte jahrelang seine Frau gepflegt. Als sie starb, stellte er überrascht fest, dass er sexuelle Bedürfnisse hatte.

Wie hat der zu Ihnen gefunden?

Er saß im Wartezimmer beim Arzt und hat in der „Zitty“ geblättert, da hatte ich mal eine Anzeige. Es gibt auch Kunden, die nach einer Trennung Sexualität wollen, ohne sofort eine neue Beziehung anzufangen. Dann gibt es Menschen, die eine Frage zu ihrer Sexualität haben, etwa nach Prostata- oder Samenleiteroperationen, sie wollen wissen, wie Lust und Erektionsfähigkeit zusammenhängen. Es kommen auch Frauen zu mir, die ihre Sexualität erkunden wollen, die ihre Möse nicht kennen und wissen möchten, was da möglich ist. Andere Frauen interessieren sich für BDSM ...

... sadomasochistische Praktiken – das sind Frauen, die „Fifty Shades of Grey“ gelesen haben?

Kann sein. Oder sie hatten schon immer solche Fantasien und wussten nicht, wohin damit. Dann gibt es Klienten, die mit ihrem Partner einen bestimmten Teil ihrer Sexualität nicht ausleben können.

Zum Beispiel?

Bei mir war mal jemand mit einem Wollsockenfetisch. Dem war das total peinlich, er konnte seiner Freundin nicht davon erzählen. Die Socken hatte er extra gekauft, so lange Stulpen. Ich habe ihn damit massiert, gestreichelt, gefesselt, und er war selig!

Gibt es auch Sachen, die Sie nicht machen?

Klar. Ich habe keine Klinikausstattung. Und jemand, der sich als Vollzeitaschenbecher bewirbt, wird bei mir auch nicht viel Freude haben.

Was bitte ist ein Vollzeitaschenbecher?

Das ist jemand, der gerne den Mund aufmacht, wenn die Herrin abascht.

Klingt so, als hätte das alles nicht viel mit Sex im herkömmlichen Sinne zu tun.

Im Sinne von Penetration? Ich frage mich, warum Sex so oft darauf reduziert wird. Wenn ich meine Arbeit beschreibe, kann ich bei manchen förmlich sehen, wie sie verzweifelt in ihrer Großhirnrinde rumstochern und nicht drauf kommen, was das mit Sex zu tun hat. Die begreifen nicht, dass ich da zwei Stunden lang was mit Leuten mache, und es kommt mitunter gar nicht zum klassischen Geschlechtsakt, eventuell nicht mal zum Orgasmus. Die meisten denken: Sex ist, wenn ein erigierter Schwanz irgendwo eingeführt wird. Dass Sexualität Kommunikation ist, dass Sex bedeutet, seinen Körper zu verstehen, zu entdecken, ihn als Lustorgan zu stimmen, denken die wenigsten. Ich bin froh, dass meine Kundinnen und Kunden da gedanklich weiter sind als die, die sich gerade am lautstärksten an der Prostitutionsdebatte beteiligen.

Suchen die meisten Freier nicht eher die Art von Erlebnis, die die berüchtigten Flatrate-Bordelle bieten: unbegrenzter Sex zum Discount-Preis?

Ich kenne Frauen, die durchaus gerne in Flatrate- Bordellen arbeiten. Mein Ding wäre das nicht, aber ich sehe die Vorteile. Man muss keine Akquise machen, die Kontaktaufnahme ist relativ entspannt, es muss nicht über Geld verhandelt werden. Im Grunde sind Flatrate-Puffs eine Marketing-Idee für Männer, die sich selbst überschätzen. Die wollen zehn Mal, zahlen für drei Mal, können vielleicht zwei Mal und erzählen hinterher ihren Kumpels, was sie da für einen Zampano gemacht haben.

Sie selbst finden Ihre Kunden über Annoncen?

Vor allem übers Internet, da inseriere ich auf diversen Massage- und Domina-Portalen.

Ist das die Art von Portalen, wo Kunden auch Bewertungen vergeben können?

Ich habe mich auch schon gefragt, ob da irgendwo eine Bewertung von mir rumgeistert.

Wir haben keine gefunden. Dafür jede Menge menschenverachtender Kommentare zu anderen Frauen.

Klar, das ist ein Grottental. Es wäre naiv zu behaupten, dass es in der Sexarbeit keinen Sexismus gibt. Man sollte aber auch nicht alles für bare Münze nehmen, was Männer so online von sich geben. Oft dürfte das nicht viel mit dem zu tun haben, was sich wirklich mit der Frau abgespielt hat. Es ist kein Mythos, dass Freier es gerne haben, wenn es der Frau gefällt. Das ist Teil des Kundeninteresses, das wird ihnen jede Sexarbeiterin bestätigen. Wenn man Kunden beiderseitig erfüllenden Sex anbietet, werden sie darauf immer eingehen.

Auf Ihrer Webseite steht der Hinweis: „Wenn du besondere Wünsche hast, sag mir das vorher.“ Klingt, als käme es öfter mal zu Konflikten.

Nein, das ist als Einladung gemeint. Wenn jemand einen Fußfetisch anmeldet, dann baue ich das in die Session ein. Natürlich müssen Prostituierte die Fähigkeit haben, Grenzen zu setzen, man muss sich fragen, was man will und was nicht. Jeder andere Beruf hat Ausbildungswege, wo man sich mit solchen Fragen auseinandersetzen kann. Das würde ich mir auch für die Sexarbeit wünschen.

Weil Sie auf manches nicht vorbereitet waren?

Es gab Momente, in denen mir nicht klar war, wie man Grenzen kommuniziert, und zwar so, dass sich das Gegenüber weiter eingeladen fühlt. Inzwischen vertraue ich da meinem Körper total. Wenn ich merke, irgendwas stimmt hier gerade nicht, dann lenke ich verbal oder körperlich um.

Stimmt es eigentlich, dass Prostituierte nie küssen?

Das ist ein Mythos. Edel-Escorts werben mit „leidenschaftlichen Küssen“, andere Frauen mit dem Schlagwort „girlfriend experience“, also Sex, der sich so echt anfühlt wie mit der Freundin. Wo die eigenen Grenzen verlaufen, ist sehr unterschiedlich, das lässt sich nicht am Küssen festmachen. Ich zum Beispiel bin bei meinen Pflegepraktika nicht so gut mit Krankheit und Morbidität klargekommen, damit, jemandem den Hintern abzuwischen. Später merkte ich: Sperma und Lustschweiß machen mir nichts aus.

Ist es schwer, berufliche und private Lust zu trennen?

Ich kann Liebe und Sex trennen, muss es aber nicht. Auch die sexuelle Dienstleistung kann sehr herzverbunden sein, meine ist es zumindest. Ich könnte nicht mit Menschen zusammenleben, die glauben, sie hätten ein Recht auf meine Sexualität. Wer mich liebt, muss meine Freiheit akzeptieren und den Teil schätzen, der uns beiden gehört.

Ist es vorstellbar, sich bei der Arbeit zu verlieben?

Es gibt für mich immer eine Art temporäre Verliebtheit bei der Arbeit. Ich vergleiche das gern mit Psychotherapeuten. Die vermieten auf Zeit eine Beziehung, etwas, was man sonst nur in intimen Momenten hat. Sie richten in ihrem Herzen einen riesigen Parkplatz für ihre Klienten ein. Ähnlich ist es bei mir. Ich bin jedes Mal komplett da. Mit meiner Arbeit öffne ich Menschen Türen zu ihrer Sexualität. Und im Idealfall nehmen sie das mit in ihr Leben.

Sie meinen: in ihre Partnerschaft?

Nicht unbedingt. Sexualität hat eine eigene Existenzberechtigung, erst mal unabhängig von der Partnerschaft. Kunden sagen oft zu mir: „Mit der Partnerin geht das nicht ...“ Meine Antwort ist: Dann geht es eben nicht, das spricht nicht gegen die Beziehung. Ich glaube, ein wichtiger Grund für die Ablehnung von Prostitution ist, dass wir an einem bürgerlichen Verständnis von Partnerschaft rütteln, am Zusammenhang von Liebe und Sexualität.

Ist es falsch, da einen Zusammenhang zu sehen?

Ich finde es legitim und schön, wenn Paare Sex nur in der Partnerschaft leben. Ich glaube aber nicht, dass sich guter Sex in und außerhalb der Beziehung ausschließen. Im Gegenteil: Wenn beide Partner ihren sexuellen Raum haben, kann das die gemeinsame Sexualität sehr bereichern.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie lange Sie diese Arbeit machen werden?

Ich glaube, ich kann das ewig machen. Es sollte niemand denken, dass Prostituierte jung und schön sein müssen. Viele Frauen entdecken den Beruf erst spät im Leben, durch Zufall, vielleicht weil sie merken, dass sie Geld nehmen können für etwas, was ihnen eh Spaß macht. Die gehen dann total auf in der Sexarbeit. Gerade diese älteren Frauen sind oft sehr frequentiert – weil sie es so beherzt tun.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Wildes Leben ohne Ende

Zwischen Pop und Politik, Boheme und Unterschicht: Ja, Panik vermögen wie kaum eine andere Band derzeit, politische Inhalte auf kluge Weise zu vermitteln. »Libertatia«, das fünfte Album der Band, ist eine Kampfansage. Aber eine zärtliche.
 
von Christian Werthschulte, Jungle World, 16.01.2014



Eigentlich war sie immer auch mit der Gelassenheit im Bunde, die Band Ja, Panik. Klar, sie redeten von Kapitalismus, wo alle von »der Wirtschaft« sprachen. Sie sangen auf Deutsch und Englisch, den Sprachen ihres Nachtlebens, während in ihrer Wahlheimat Berlin die Hetze gegen Touristen größer wurde. Aber sie waren dennoch dabei, beim Knabenchor des deutschsprachigen Indierock. Zumindest ein wenig.

»Libertatia« ist das fünfte Album von Ja, Panik. Im Titelstück packt die zum Trio geschrumpfte Band die Synthesizer aus, klatscht in die Hände und streut ein wenig Glitter über ihren Indierock. Und Andreas Spechtl singt darüber in Hochdeutsch: »Ich wünsch mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht.« Nostalgie für die Idee einer fortschrittlicheren Zukunft, gepaart mit etwas Glamrock – das ist selten im deutschen Gitarren-Pop, wo nichts so sehr verachtet wird wie Künstlichkeit und wo das gefühlige Einverständnis mit dem Publikum die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft im Club ist. In Österreich, wo die Mitglieder von Ja, Panik aufwuchsen, ist das anders. Dort versteht man Pop als mit Zitaten gespickte Performance, als Uneigentlichkeit, nicht erst seitdem Hans Hölzl vom langhaarigen Bassisten der Rockband Drahtiwaberl zum Boheme-Kokser Falco wurde. Auch Ja, Panik versuchten sich an dieser Form von Künstlichkeit. Früher legten sie collagierte Textkonvolute über Indierock, mittlerweile arbeiten sie sich durch die Popgeschichte. »Libertatia« ist ein Zitatpop-Album geworden.

»Das Vorwärtstreiben ist der einzig fruchtbare Weg, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Der Rückblick, der einem gewisse Instrumente gibt, um damit eine gewisse Form von Zukunft zu bestreiten«, erzählt Andreas Spechtl. Wobei der Fortschritt nicht so leicht zu haben ist. »In Deutschland hat man die fünfziger Jahre am liebsten«, meint Spechtl und hat damit Recht. Nicht umsonst tut sich die Linkspartei derzeit dadurch hervor, im Schulterschluss mit der FAZ den rheinischen Kapitalismus als Ende der Geschichte zu propagieren. Auch das Album »Libertatia« bedient sich für seine Utopie in der Geschichte. Angeblich existierte im 17. Jahrhundert eine Piratenkolonie namens Libertatia auf Madagaskar, die als Räterepublik organisiert war und deren Mitglieder nicht nur plünderten, sondern auch Sklaven befreiten.

Ja, Panik stehen vor dem alten Problem sich als politisch definierender Popmusik. Es ist das eine, progressive Bewegungen und ihre Symbolik zu zitieren und ihre Ideen zu den eigenen zu machen. Schwieriger ist es schon, diese Ideen auch innerhalb eines Bandgefüges umzusetzen. Konzertbühnen und Proberäume sind nicht die idealen Orte für Diskussionen. Vielleicht ist das Studio besser geeignet: »Der Aufnahmeprozess ist diesmal demokratischer gewesen«, meint Andreas Spechtl. »Man hat viel vorm Computer gesessen, einer hat etwas ausprobiert, die anderen haben zugehört. Dann wurde diskutiert.« Aus dieser Mischung ergibt sich der Sound von »Libertatia«, eine detailreich produzierte Gitarrenpalette, in der selbst das Feedback noch eine gewisse Distanz zum Ausbruch des Rock wahrt.

Womit man auch gleich beim zweiten Problem angekommen ist. Denn wie will man das Verlangen nach politischem Fortschritt eigentlich hörbar machen, wenn zwar bei der kleinsten politischen Regung sofort die Frage nach dem Sound der Revolte gestellt wird, aber damit lediglich ein durchformatierter Kanon zwischen Protestsong und Protestrap gemeint ist? Das ausgeschlossene Dritte und zugleich eine Alternative sind all die Versuche, Politik über eine Form zu vermitteln, die nicht auf Identifikation mit einem ohnehin schon politisierten Publikum setzt – Versuche wie Phil Ochs goldener Anzug, mit dem er die Folkies unter seinen Fans verschreckte; oder die im Bällebad aus analogen Synthesizern verborgenen Zitate von Carlos Castoriadis, mit denen Stereolab immer wieder an die Möglichkeiten vergangener historischer Momente erinnerten.



Bei Ja, Panik kommen diese Momente aus den frühen Achtzigern, der Periode, als Klassenkonflikte noch an der Spitze der Pop-Charts verhandelt wurden. »Ich habe in den vergangenen Jahren viel Highlife und White Funk gehört«, erzählt Spechtl. »Wenn ›DMD KIU LIDT‹ unsere The-Jam-Platte war, dann ist ›Libertatia‹ vielleicht unsere The-Style-Council-Platte.« Und ähnlich wie Paul Weller mit The Style Council die barsche Working-Class-Männlichkeit seiner Post-Punk-Band The Jam in Richtung kleiner Zugeständnisse an Soul und Funk verschob, haben auch Ja, Panik auf ihrem neuen Album den Groove für sich entdeckt. »Wir haben uns zum ersten Mal mehr mit Loops als mit Harmonien beschäftigt«, beschreibt Spechtl die neu entdeckte Körperlichkeit seiner Band. »Unser Produzent Tobias Levin hat uns auch mal mehrere Tage nur einen Basslauf und einen Beat spielen lassen, damit wir einen körperlicheren Zugang zu unserer Musik finden.« »Dance the ECB« beginnt mit einem trockenen Funk-Bass, über dem sich Spechtl in gehauchtem Sprechgesang übt, bevor er »Shake the government and shake the police« kiekst. »Das ist eine sehr europäische Platte, und zwar im Guten wie im Schlechten«, meint er. »Europa steht ja vor den Trümmern eines gewissen Nationalitätsdenkens.« Nichts könnte das besser verkörpern als die Machtlosigkeit der Europäischen Zentralbank, die sich dem deutschen Spardiktat unterordnen muss – und der Spechtl mit einem wissenden Nicken in Richtung DAF eine Tanzkur verordnet. Später, in »Eigentlich wissen es alle«, bricht die Schlafzimmer-Soul-Atmosphäre in Form eines schmierig gegniedelten Tenor-Saxophons in die Melancholie, mit der Spechtl über das Älterwerden nachdenkt.

»Ein wildes, suchendes Leben macht sich gut, solange man mit 35 Jahren zur Vernunft kommt. Ich muss das gerade in meiner Umgebung erfahren und da sieht sich die Gruppe Ja, Panik als Gegenpunkt«, erzählt der 30jährige Sänger. Also, einfach weitermachen mit dem Leben in der Grauzone zwischen Boheme und Unterschicht? »Ich will da gar nicht die Prekaritätsromantik auspacken, aber es ist mir schon wichtig, dass wir uns dafür entschieden haben, von der Musik leben zu wollen. Ich habe bestimmt nicht mehr Geld als eine Verkäuferin, aber ich habe ein anderes Leben.«

Und dieses andere Leben, ein Leben zwischen nächtlichen Taxifahrten, Drinks, wackligen Knien und programmatischen Bekenntnissen, hält Spechtl in seinen Texten fest. Nicht als Chronist, sondern als Dichter. »Es ist nicht unbedingt ich, der da spricht«, sagt er. »Viele Dinge lege ich anderen in den Mund, ich sammle Phrasen und Zeilen, die ich zwischen den Songs hin- und herschiebe. Da spielen dann auch so profane Dinge wie Reim oder Versmaß eine Rolle.« Dichterische Freiheit – noch so eine Selbstverständlichkeit, die man sich in der deutschen Bodenständigkeit zwischen Egotronic und Thees Uhlmann immer erst erstreiten muss. Denn warum soll man nicht dem einfachsten aller Popträume folgen dürfen: Sich so weit wie möglich neu zu erfinden, ohne dass dies gleich in Verwertbarkeit münden muss?

Wobei sich auf »Libertatia« auch die Grenzen dieser Freiheit erkennen lassen. Kein Stück auf dem Album geht über Experimente mit der Songform hinaus, die Roxy Music schon in den frühen siebziger Jahren durchexerziert haben. Aber wer würde auch etwas anderes erwarten von Musikern, die im Zeitalter von Britpop und The-Bands sozialisiert wurden, dieser musikalischen Verkörperung gesellschaftlicher Alternativlosigkeit? So ist »Libertatia« ein durchaus ambivalentes Album. Seine Qualitäten erschließen sich erst, wenn man die eigenen Erwartungen schon gedämpft und die Grenzen der Platte akzeptiert hat. Erst dann fällt auf, wie spielerisch Spechtl zwischen Hauchen und Singen, Deutsch, Französisch und Englisch wechselt. Erst dann merkt man, wie er niemals in die Pose des angry young man verfällt, wie schön leise er »ACAB«, diesen abgedroschensten aller Slogans, singt. Bei Ja, Panik wird daraus »All cats are beautiful« und trotzdem ist allen klar, dass die Polizeigewalt gemeint ist. So zärtlich hat schon lange niemand mehr gegen den Staat gewettert.

Ja, Panik: Libertatia (Staatsakt/Rough Trade)

Donnerstag, 19. Dezember 2013

"Emanzipation wird erst in der Praxis denkbar" - Interview mit Angela Davis


Aus: Jungle World Nr. 51, 19. Dezember 2013

Angela Davis ist emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, und eine Wegbereiterin der kritischen Analyse von ineinandergreifenden Formen sozialer Ungleichheit entlang von race, class und gender. Sie studierte bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse und war in der Schwarzen Befreiungsbewegung aktiv. Weltweit bekannt wurde sie als politische Gefangene und als radikale Gefängniskritikerin. Anlässlich der Einrichtung einer nach ihr benannten Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Goethe-Universität Frankfurt sprach die Jungle World mit ihr über den Prison Industrial Complex (in etwa »gefängnisindustrieller Komplex«), Feminismus und die Möglichkeiten von Diversity als machtkritischem Analyserahmen.

Interview: Jeanette Ehrmann und Vanessa ­Eileen Thompson
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In den deutschen Medien werden Sie als Gendertheoretikerin und Bürgerrechtsaktivistin beschrieben. Finden Sie diese Beschreibung treffend oder würden Sie sich heute immer noch als Black Woman Revolutionary positionieren?

Ich würde sagen, dass Revolution auch heute noch eine politische Möglichkeit ist, aber ich fände es selbstgefällig, mich selbst als Revolutionärin zu bezeichnen. Als Black Woman Revolutionary habe ich mich in den achtziger Jahren bezeichnet, als ich gefragt wurde, ob ich eine Feministin sei. Die Charakterisierung als Bürgerrechtsaktivistin ist nicht unproblematisch, da sie häufig die Radikalität der sozialen Kämpfe entschärft und sie Machtstrukturen einverleibt. Es hat mich erstaunt, dass Nelson Mandela in der Berichterstattung über seinen Tod als Bürgerrechtsaktivist beschrieben wurde, als ob der Kampf gegen die Apartheid ein rein rechtlicher gewesen sei. Ich setze mich zwar für die Rechte von illegalisierten Migrantinnen und Migranten, Gefängnisinsassen und LGBTQ ein, verorte mich aber selbst in der Kontinuität der Black Radical Tradition, die Emanzipation über den rechtlichen Rahmen hinaus denkt. Das Label Bürgerrechtsaktivistin kann ich zwar akzeptieren, aber ich finde es wichtig, sich politisch konkret zu positionieren und verstehe mich daher vor allem als Abolitionistin.

Als Abolitionistin argumentieren Sie, dass der US-amerikanische Prison Industrial Complex eine moderne Form der Versklavung sei. Wo sehen Sie die Kontinuität?

Der Prison Industrial Complex steht für die globale Verbreitung von Gefängnis- und Bestrafungstechnologien, die aus den ehemaligen Sklavereigesellschaften der US-Südstaaten stammen. Dort sieht man heute Gefängnisinsassen auf Baumwollfeldern arbeiten. Man fühlt sich fast zurückversetzt in die Zeit der Sklaverei. Diese extrem repressive Form der Bestrafung, die eine direkte Folge des Bestrafungs- und Gewaltregimes der Südstaaten-Plantage ist und noch nicht einmal den Anspruch auf Resozialisierung erhebt, wird in den meisten Darstellungen der Geschichte des Gefängnisses, so auch bei Michel Foucault, ausgeblendet. Durch den Fokus auf Gefängnisse im Nordosten der USA verschwindet der Zusammenhang zwischen den rassistischen Bestrafungstechnologien der Sklaverei und heutigen Formen von Strafe. Im Übergang von der Sklaverei zur Demokratie wurden Bürgerrechte erteilt, die durch den Prison Industrial Complex systematisch wieder zurückgenommen werden. Aus dem sozialen Tod der Versklavten wird in der modernen Demokratie der rechtliche Tod der Gefangenen. Der Zweck der Inhaftierung ist das Wegschließen, Zurichten und Verwalten von Körpern. Heute betrifft das diejenigen, die nach dem Wegfall staatlicher Investitionen in Bildung und sozialstaatlicher Leistungen nicht in ein neoliberales Arbeitsregime integrierbar sind und das sind, vor allem Arme und People of Color in den USA, Europa und im globalen Süden.

Lässt sich der Prison Industrial Complex als Analyserahmen auch auf Formen von Rassismus in Europa anwenden, wie etwa Racial Profiling, Residenzpflicht und Lager, das europäische Grenzregime und Abschiebegefängnisse? Oder artikuliert sich der Prison Industrial Complex hier anders?

Zuallererst ist es wichtig, den Zusammenhang von Versklavung und Kolonialismus sichtbar zu machen. Vor dem Hintergrund der Kontinuität der Versklavung und des Prison Industrial Complex lassen sich dann auch die Verbindungslinien von europäischem Kolonialismus zu diesem ziehen. Ich habe mich in Frankfurt am Main mit Aktivistinnen und Aktivisten of Color getroffen, die mir von aktuellen Fällen rassistischer Polizeigewalt berichtet haben, und ich bin erschüttert über die Ähnlichkeiten. Trayvon Martin und Oscar Grant sind nur die Spitze des Eisbergs in den USA. In Deutschland wurde Christy Schwundeck 2011 in einem Jobcenter in Frankfurt am Main von der Polizei erschossen. Oury Jalloh ist 2005 in Dessau in Polizeihaft, gefesselt an Händen und Füßen, unter bislang ungeklärten Umständen verbrannt. Die Kontinuitäten lassen sich auch über die Genealogien der Kämpfe gegen Versklavung und kolonial-rassistische Unterdrückung verstehen, in denen sich die aktuellen Initiativen in Deutschland verorten.

Feministinnen haben lange dafür gekämpft, dass sexualisierte Gewalt beziehungsweise Gewalt gegen Frauen als Straftatbestand gilt. Wie lässt sich eine feministisch-abolitionistische Perspektive ohne Strafe und Gefängnis denken? Wäre der Ansatz der Restorative Justice, bei dem es als Alternative zur staatlichen Strafjustiz vor allem um die Suche nach gemeinsamen Lösungen für Konflikte geht, eine denkbare feministische Option?

Das Verhältnis zwischen Abolitionismus und Frauenbewegung war schon immer reich an Spannungen und diese haben sich genau an der Frage der Kriminalisierung von Gewalt gegen Frauen entzündet. Es ist verständlich, dass der erste Impuls ist, die Täter zu bestrafen, weil wir noch keine Vorstellung davon haben, wie der Täter anders zur Rechenschaft gezogen werden kann. Beth Ritchie zeigt in ihrem Buch »Arrested Justice. Black Women, Violence, and America’s Prison Nation« auf, dass die Anti-Gewalt-Bewegungen des Mainstream immer mit einer rassifizierten Gefängnis­praxis kollaborierten. Die Frage ist also: Wie geht man mit dieser global am weitesten verbreiteten Form von Gewalt um? Und ich glaube, dass es andere, kreativere Wege als die Bestrafung gibt. Radikale Feministinnen sind in der Lage, diese anderen Wege der Gerechtigkeit zu imaginieren. Restorative Justice ist ein Prozess, in dem nicht nur Täter und Opfer einer Straftat zusammengebracht werden, sondern die Partnerinnen und Partner, die ganze Familie, die Community. Hier geht es nicht nur um Bestrafung, sondern um Verantwortung und darum, soziale Beziehungen wiederherzustellen. An diesem Ansatz arbeitet Incite!, eine radikalfeministische Orga­nisation von Women of Color in den USA, die versucht, alternative und kreative Formen des Umgangs mit Gewalt zu entwickeln. Im Moment stehen wir aber noch ganz am Anfang dieses Umdenkens.

Sie hatten während Ihrer Studienjahre in Frankfurt die Möglichkeit, bei Adorno zu promovieren. Stattdessen gingen Sie in die USA zurück, um sich in der Schwarzen Befreiungsbewegung zu engagieren. Welche Bedeutung hat Theorie in politischer Praxis?

Mein Studium der Kritischen Theorie war intellektuell sehr inspirierend und hat meine späteren Arbeiten zum Zusammenwirken von race, class und gender – was ich als »Triple Oppression« bezeichnet habe – nachhaltig beeinflusst. Meine Entscheidung, in die USA zurückzugehen und mich der Schwarzen Befreiungsbewegung anzuschließen, hatte auch mit meinem Verständnis von Theorie und Praxis zu tun. Ohne Adorno vereinfachen zu wollen, unterscheide ich mich insofern von ihm, als ich der Praxis einen eigenen epistemologischen Wert beimesse, der auf die Theorie rückwirkt. Manche Dinge können erst in der Praxis denkbar gemacht werden. Emanzipatorische Wissensproduktion ist vor allem ein kollektiver Prozess, der aus der Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft entspringt.

Anlässlich der Schaffung der Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies sind Sie an die Goethe-Universität Frankfurt zurückgekehrt. Wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Gender und Diversity auch als markttaugliche Konzepte in eine neoliberale Logik einverleibt werden können?

Wir dürfen Konzepte nie für selbstverständlich nehmen. Konzepte sind Werkzeuge, die wir genauso wie unsere Objekte immer wieder neu bestimmen müssen. Es gab historisch immer Kämpfe darum, wer unter die Kategorie »Frau« fällt. So ist das Konzept der Intersektionalität in einem spezifisch historischen Moment entwickelt worden, um die Interdependenzen von gender, race und class denken zu können. Mit dem Diversity-Konzept findet nicht nur eine begriffliche, sondern auch eine politische Verschiebung statt, die die Radikalität feministischer Politiken im Hinblick auf die Vielfältigkeit der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit aushebeln kann. Diese Widersprüche müssen wir immer mitdenken, ohne sie auf eine Seite hin aufzulösen.

Freitag, 25. Oktober 2013

"Die Künstler müssen wieder lernen, ihre Macht zu nutzen"

Patti Smith, Calexico, Tortoise – in den vergangenen 25 Jahren hat Berthold Seliger mit einigen der bedeutendsten Popmusiker der Gegenwart zusammengearbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Konzertagent hat er sich immer wieder lautstark und leidenschaftlich selbst zu Wort gemeldet, kaum ein Phänomen der Musikwelt wurde von seiner Kritik verschont. In seinem Buch »Das Geschäft mit der Musik« zieht Seliger Bilanz und begründet zugleich seine Entscheidung, die eigene Konzertagentur nach einem Vierteljahrhundert zu schließen.
 
Interview: Maurice Summen, Jungle World, 24.10.2013


War die Musikbranche zu Beginn Ihrer Laufbahn ein ideell bedeutender Ort für Sie?

Sie ist es immer noch. Es ist doch großartig, mit Musikern arbeiten und die Herstellung von Kunst ermöglichen zu dürfen. Wie kriegt man etwas finanziert, das ein Inhalt ist? Wie rechnet sich eine Tournee so, dass der Künstler davon leben kann? Diese Aufgabenstellung finde ich im Musikgeschäft sehr interessant.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich unter anderem mit staatlich subventionierter Popmusik. Liegt die Verachtung für den »Staatspop«, wie Sie es nennen, auch darin begründet, dass Sie von der Politik ins Musikgeschäft gewechselt sind?

Der Staatspop stellt in der Realität kein großes Problem dar, bundesweit fließen hier nur ein paar Millionen Euro. Geld übrigens, das letztlich nicht den Künstlern, sondern den Besitzenden zugutekommt. Mietzahlungen sind ein passendes Beispiel: Die herrschende Politik versäumt es, günstiges Wohnen in interessanten Stadtteilen zu ermöglichen. Wir wissen alle, dass bezahlbare Mieten eine der besten Förderungen von Zeitkultur darstellen – die Mieten steigen trotzdem drastisch. Wenn Künstler nun also ein paar hundert oder auch ein paar tausend Euro staatliche Förderung erhalten, können sie dieses Geld gleich wieder bei den Eigentümern ihrer Mietwohnungen für die drastisch steigenden Mieten abliefern. Der Staatspop ist also nicht mehr als eine Umverteilungsmaßnahme zugunsten der Besitzenden, vor allem aber stellt er ein ideologisches Problem dar, und zwar für die Künstler. Denn der Künstler sollte gesellschaftliche Entwicklungen verfolgen und Perspektiven an­bieten, die in aller Regel nicht aus der Mitte der Gesellschaft kommen, sondern von ihrem Rand. Er sollte Kommentare liefern, auch gegen die Gesellschaft. Und ich kann doch nicht gegen den sein, von dem ich mich und meine Kunst ­finanzieren lasse – auch der Hofnarr beißt natürlich nicht die Hand, die ihn füttert.
Es scheint mir eine mittelständische Denkweise zu sein, dass der Staat alles irgendwie regeln muss. Die Idee also: Ich möchte zwar die Distinktionsgewinne aus dem Pop herausziehen, und irgendjemand, nicht ich, muss das auch bezahlen. Meiner Meinung nach kann es nicht die Aufgabe der Gesellschaft sein, den Bürgerkindern ihren Distinktionsvorteil zu subventionieren. Nein, Kultur muss unabhängig und ausdrücklich staatsfern sein. »Outside the society« singt Patti Smith über ihre Rolle als Künstlerin. Eine Rolle, die schon Schubert in der Winterreise beschrieben hat: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.«

Vernünftige Rahmenbedingungen für Ihre Arbeit und die der Künstler müssen trotzdem geschaffen werden. Kommen wir auch im Popgeschäft nicht am Sozialstaat vorbei?

Die Rahmenbedingungen muss es geben, sie sind ganz logisch und immer die gleichen: Es muss günstige Mieten geben, weil Popmusiker in der Regel kein hohes Einkommen haben. Dann brauchen wir eine funktionierende Künstlersozialkasse, schließlich liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen der unter 30jährigen Popmusiker unter 10 000 Euro im Jahr. Und diese Rahmenbedingungen muss der Staat schaffen. Aber das gilt ja im großen und ganzen nicht nur für Künstler.

Nur selten reicht das Einkommen den Künstlern zum Überleben. Das Arbeitsamt vermittelt in der Regel kein Engagement in ihrem Berufsfeld, sondern einen Fulltime-Job im Callcenter. Gibt es Lösungsansätze?

Tatsächlich sind fast alle Künstler, die ich kenne, hart arbeitende Menschen. Und doch muss man von dieser Arbeitsideologie runterkommen: Ein Lob der Faulheit! Was mir vorschwebt, ist ei­ne Mindestgage, wie es sie in Frankreich gibt: Ein Musiker verdient 80 Euro netto pro Konzert. Das habe ich mal im Rahmen einer Anhörung im Berliner Senat vorgetragen und wurde nur belächelt: »So wenig?« Ich sagte denen: »Macht euch nichts vor, damit wäre bestimmt 90 Prozent der Musiker geholfen.« Wenn du pro Jahr 60 Konzerte nachweisen kannst, dann sollte dir eine Grundsicherung für die Nichtauftrittszeit gewährleistet werden, wie in Frankreich.

Junge aufstrebende Musiker denken bei ihrer Karriereplanung aber immer noch eher an einen Plattenvertrag als an Mindestgagen.

Es sind eben hauptsächlich Mittelstands-Kids, die von der modernen Welt wenig verstanden haben, aber unbedingt Mami und Papi mit einem echten Plattenvertrag beweisen wollen, dass sie es geschafft haben. Mich stört die Denkweise der jungen Musiker: »Wir können von unserer Kunst nicht richtig leben, weil Spotify uns nicht ordentlich bezahlt.« Das ist vollkommener Bullshit. Die erfolgreichen Künstler verdienen immer noch verdammt viel, die mittleren können auch okay von der Musik leben. Die jungen Künstler, die radikalere Sachen machen und in Nischen unterwegs sind, die verdienen tatsächlich wenig. Diesem Problem müssen wir uns stellen und ihnen eine gewisse soziale Absicherung gewährleisten.

Aber wäre nicht eine Welt wünschenswert, in der ein Künstler nicht erst 60 Auftritte nachweisen muss, um sein Mindesteinkommen gewährleistet zu bekommen?

Natürlich. Ich bin letztlich Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens, auch wenn es da berechtigte Zweifel gibt. Aber mit welcher Logik darf man erwarten, dass die »Schlecker-Frau«, wie man heute ekelhafterweise zu sagen pflegt, ihrer Lohnarbeit unter schrecklichen Bedingungen nachgehen muss, während der Küns­tler sein Einkommen einfach so gewährleistet bekommen soll? Solange wir in dieser kapitalistischen Gesellschaft leben, in der es große Ungerechtigkeiten in der Lohnarbeit gibt, muss auch der Künstler seinen Anspruch auf Grundab­sicherung irgendwie rechtfertigen. Also muss er zunächst gewisse Kriterien akzeptieren. Es sollten sich endlich erfahrene Leute an einen Tisch setzen und diese Kriterien bestimmen.

Das klingt nach einer schrecklichen Expertenrunde.

Genau, damit will man eigentlich nichts zu tun haben. Man weiß instinktiv, dass es absoluter Quatsch ist, in dieser Sache auf den Staat zu bauen. Am Ende kann man doch einem Künstler nur raten: »Mach gute Musik, erspiele dir ein Publikum, dann hast du irgendwann dein Auskommen.«

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch mit dem globalen Livemarkt. Können sich kleine Künstler heute überhaupt noch unabhängig von den Branchenriesen ein Publikum erspielen?

Für den Künstler sind die gegenwärtigen Bedingungen besser als früher. Das mag hinsichtlich der globalisierten Verhältnisse der Unterhaltungsindustrie zunächst einen Widerspruch darstellen. Aber durch die Digitalisierung sind ein paar Türen aufgegangen. Als kleiner oder mittlerer Künstler, der sich ein Publikum erspielen will, ist es eigentlich heute einfacher als je zuvor.

Inwiefern?

Man braucht eigentlich keine Zwischenhändler mehr. Interessanterweise sind es ja immer die Mittelsmänner, die das meiste Geld verdienen, auch in der Musikindustrie. Der Gründer von CTS-Eventim wird seit Juni 2013 erstmals in der Forbes-Liste der Dollarmilliardäre geführt. Er ist also mit dem einen Geschäft, in das er 1996 eingestiegen ist, nämlich dem Verkauf von Konzerttickets, in 17 Jahren zum Milliardär geworden. Dass an dem System etwas faul sein muss, ist doch klar. Denn die Künstler, für die seine Firma Tickets verkauft hat, sind natürlich nicht Milliardäre geworden.

Das Versprechen, im Internet könne jeder in seiner Nische geschäftlich erfolgreich sein, hat sich nicht erfüllt. Wir haben es auch online fast ausschließlich mit gigantischen Marken zu tun. Keiner redet über Streaming-Dienste, alle nur noch von Spotify.

Das Phänomen hat man in der digitalen Welt noch stärker als in der analogen, weil das Internet von Plattformen wie Spotify lebt. Und es scheint sich immer nur eine Anwendung zu behaupten: iTunes, Google, Facebook, Spotify. Die Benutzerfreundlichkeit ist die Schimäre unserer Tage, die Plattform mit dem bequemsten Service setzt sich durch. Wer den Preis dafür zahlt, ist unwichtig. Die meisten Menschen kennen die Alternativen zu diesen Produkten nicht beziehungsweise nicht mehr. Und natürlich entwickelt sich – wie beim Beispiel des Ticketverkaufs – rasend schnell eine Monopolstellung. Die Konzerne sind im Postkapitalismus eben im Imperiengeschäft, wie Walt es in der Serie »Breaking Bad« formuliert. Man kommt an ihnen in gewissen Bereichen nicht mehr vorbei und muss sein Ticket eben bei Eventim kaufen.
Es wäre die Aufgabe der Künstler, das zu ändern. Ich beschreibe in meinem Buch einige Beispiele, wo Künstler die Höhe der Ticketgebühren, aber auch die Höhe des Ticketpreises festlegen. Obwohl die Künstler viel mehr verdienen könnten, wenn sie die Ticketpreise höher ansetzen würden. Das darf man nicht unterschätzen: Die Künstler haben die eigentliche Macht! Niemand wird dafür bezahlen, den Boss einer Plattenfirma oder eines Ticketing-Konzerns auf der Bühne zu sehen. Die Künstler ermöglichen das Musikgeschäft, ohne sie findet es nicht statt. Nur müssen die Künstler wieder lernen, diese Macht zu nutzen und für ihre Interessen zu kämpfen.

Und kaum ein Pop-Feuilletonist beschäftigt sich gerne mit Konzernstrategien. Liegt es daran, dass alle nur Lady Gaga oder Kanye West zum Essen treffen wollen?

Innerhalb der Musikindustrie gibt es eine Art Schweigegelübde darüber, wie man Geld verdient. Dafür muss es einen Grund geben, anscheinend wird ein Teil des Geldes auf unse­riöse Weise verdient. Darüber will niemand reden. Es gibt tatsächlich kaum Journalisten, die das Geschäftsmodell der Musikbranche hin­terfragen. Nehmen wir das tolle Beispiel der Band Grizzly Bear, deren Mitglieder kürzlich darüber gejammert haben, dass sie trotz ihrer Chart-Erfolge nicht mehr als ihre Zahnärzte verdienen. Das wurde dann von der Süddeutschen Zeitung bis Visions nachgeplappert. Im Spiegel habe ich neulich gelesen: Ein Zahnarzt verdient durchschnittlich 170 000 Euro im Jahr – finde ich eine ganze Menge. Ich kann von 30 bis 40 000 Euro Jahresgehalt schon ganz ordentlich leben. Der Chef der Gema verdient allerdings 484 000 Euro, die Kanzlerin wiederum nur 230 000 Euro. Anstatt Relationen zu betrachten, wird lieber die Aussage einer Band unkritisch nachgebetet. Niemand hinterfragt, wie die Künstler genau bezahlt werden.

Werden im Pop ausschließlich Alibidiskussionen geführt?

Natürlich, es ginge sonst um die großen Fragen nach gerechter Verteilung und gerechtem Lohn. Aber dass ausgerechnet Spotify mich reich machen soll als Künstler, oder Amazon, oder iTunes oder wer auch immer, das ist doch eine absurde Vorstellung. Das sind doch alles kapitalistische, global agierende Konzerne, deren Hauptinteresse nun einmal ihr Profit ist. Spotify hat genauso wenig Interesse an Kultur oder an gerechter Bezahlung von Künstlern wie die großen Plattenkonzerne. Man kann doch nicht ernsthaft so tun, als ob diese Unternehmen Philanthropen sind, die aus kulturellem Interesse Künstler fördern.
Das Problem ist doch – egal ob bei Streaming-Diensten oder bei alten Plattenverträgen –, dass wir überall das Gema-System haben. Also der, der am meisten gehört wird, bekommt auch am meisten ausgeschüttet. Diese Streaming-Unternehmen, von Spotify bis zum neuen Videodienst Vevo, genießen in den ersten beiden Jahren Sonderregelungen, nämlich einen Pauschalvertrag mit der Gema. Das heißt, es wird nie detailliert abgerechnet. Das Geld wird einfach nach der bekannten, skandalösen Gema-Quote pauschal verteilt. Der kleine Künstler bekommt so gut wie nichts, während die Gema-Großkünstler wieder einmal über die Maßen profitieren.

Reden wir doch über die Hintergründe der Streaming-Dienste. Wem dienen die einschlägigen Plattformen?

Die Major-Labels sind auf der Suche nach neuen Vertriebsmöglichkeiten. Den digitalen Vertriebsweg hatte man in den vergangenen zehn Jahren fast ausschließlich Apple überlassen. Jetzt hat man das kapiert, und siehe da: An Spotify sind die Major-Labels beteiligt, genauso wie Coca-Cola; Vevo gehört Universal und Sony und übrigens auch der Abu Dhabi Media Company. Abu Dhabi ist Teil der Vereinigten Arabischen Emirate, ein feudaler Shariastaat – womit einige der größten Gangster also traut vereint wären. Und das Copyright ist das Öl des 21. Jahrhunderts! Streaming-Dienste sind Konstruktionen unter Mithilfe der Major-Labels, um deren Produkte wieder besser verkaufen zu können. Man sollte hier Gilles Deleuzes Gedanken der Kon­trollgesellschaften verfolgen. Kontrolle, das »neue Monster«, »ultra schnelle Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen«, darum geht es letztlich. Die Narration lautet: »Du genießt totale Freiheit!« In Wirklichkeit hast du aber immer eine Käseglocke über dir, du bleibst unter Kontrolle. Sagen wir, ein Streaming-Dienst stellt dir 25 Millionen Musikstücke zur Verfügung, aus denen du wählen kannst. Was ja auch wirklich toll ist. Aber eigentlich will man dir damit Mainstream-Ware verkaufen, das Immergleiche, die Produkte der Industrie. Sie wollen dich an die Hand nehmen mit ihren Algorithmen, die dir sagen: »Wenn du Künstler A magst, wirst du Künstler B lieben.« Du wirst dich so immer innerhalb der Massenwaren der Kulturindustrie aufhalten, innerhalb der Kontrollgesellschaft, die die Bewusstseinsindustrie für dich gebastelt hat.

Aber wieso lassen wir uns gern an die Hand nehmen? Weil wir Angst haben?

Die Angstbesessenheit der Mittelschicht in Deutschland ist absurd, aber auch ein interessantes Phänomen. In den nächsten Jahren werden Billionen Euros vererbt, und trotzdem fürchten sich alle wahnsinnig. Sie fahren diese ganzen bescheuerten SUVs, gated communities auf Rädern. Die Kinder müssen auf Privatschulen gebracht werden, nicht weil sie so besser ausgebildet werden, sondern weil das Netzwerk dort besser funktioniert.
Die jungen Leute haben über drei Jahrzehnte Neoliberalismus erfahren. Absolventen der Popakademie gründen Firmen zusammen mit Werbern. Es wird dort nicht nur anders ge­redet – Werberjargon und Betriebswirtschaftssprache treffen aufeinander –, über Musik wird kaum noch nachgedacht. Wichtiger wird der schnelle Deal für die nächste McDonalds-Werbung oder eine eigene H&M-Modelinie, weil man weiß: Der Künstler ist eigentlich nicht gut genug, um sich länger als ein paar Jahre am Markt zu halten, man muss da in kürzester Zeit rausholen, was irgend geht.

Sie sprechen die McDonalds-Kampagne mit Cro und Konsorten an. In den neunziger Jahren hätte man sie – vor allem unter den Fans – noch als Skandal gewertet. Heute träumen junge Leute vom eigenen Youtube-Channel, über dessen Werbeeinnahmen man sein Leben finanzieren kann …

Aber das schaffen nur ganz wenige. Im Grunde ist das so, wie auf den Lottogewinn zu hoffen.

Aber Popstar zu werden gleicht von der Wahrscheinlichkeit her auch einem Lottogewinn, oder?

Ja. An gegenwärtigen Popstars lässt sich viel illustrieren: Heute will man Popstar werden, weil man damit Geld verdienen kann. Noch in den Siebzigern oder Achtzigern gab es andere Motive. Es ging darum, Leute für die eigene Musik zu begeistern – oder sogar die Gesellschaft zu verändern! Kein Wunder, dass Künstler wie Tom Waits und Adam Yauch keine Werbe-Deals machen. Oder Neil Young, der einmal gesungen hat: »Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke«. Heute ist ein Popstar jemand, der alles mitmacht. Der Sponsoringdeal ist manchmal schon unterschrieben, bevor die Musik veröffentlicht wird.

Weil Werbeverträge, zum Beispiel mit Telefon­anbietern, einem jungen Künstler häufig eine größere Öffentlichkeit schaffen, als es die Industrie über die klassische Radiolandschaft vermag.

Aber der Marktwert der Künstler sinkt oft genauso schnell, wie er gestiegen ist. Patti Smith hat das mal sehr schön auf den Punkt gebracht: »Build a good name! Keep your name clean. Don’t make compromises« – geh sorgsam mit deinem Image um, du hast nur dieses eine! Die Leute, die dich verkaufen – ob Plattenfirmen, Booking-Agenten oder Manager –, die stehen nicht auf der Bühne, es kommt ihnen nicht auf ihren Namen, ihr Image an. Nachdem sie dich gemolken haben, melken sie den nächsten. Als Künstler bleibst du dagegen auf ewig derjenige aus dem McDonalds-Spot.

Es wäre wundervoll, wenn sich dieses Patti-Smith-Zitat nicht nur Künstler, sondern alle Menschen zu Herzen nehmen würden.

Dann hätten wir eine andere Welt. An dieser Stelle möchte ich gerne noch auf das Glück eingehen. Ich glaube nicht, dass du mit irgendetwas, das du für Geld kaufen kannst, glücklich werden kannst. Die Leute sind irrsinnig konsumistisch im Internet unterwegs, leiden aber gleichzeitig an Burn-out und Selbstoptimierungswahn. Diese ganzen Kleinbürger, die als Hipster in Erscheinung treten, sind doch hochgradig unglücklich, ihre Beziehungen funktionieren nicht mehr.
Ich beschreibe in meinem Buch das Monterey International Pop Festival, eine Veranstaltung, die von den Künstlern 1967 selbst organisiert wurde. Vielleicht kennen Sie diesen Film, in dem man die ganzen Größen sieht: Jimi Hendrix, Janis Joplin und so weiter. In diesem Film ist keine Werbung zu sehen, kein Sponsoring, kein Security-Personal, kein Backstage-Bereich. Jimi Hendrix geht aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurück ins Publikum. Keine Distanz, kein Oben und Unten. Dahin müsste man es wieder zurückdrehen, zu einem Festival ohne Coca-Cola und Smartphone-Terror, ohne dass jemand sein Scheißhandy hochhält und ständig irgendwas mitfilmen muss. Gleich unter Gleichen, keiner kann sich mit seinem Geld einen besseren Platz kaufen. Ich würde behaupten, wenn du von so einem Festival nach Hause kommst, bist du ein glücklicherer Mensch, als wenn du zehnmal zum Berlin-Fes­tival gegangen bist. Das ist eine These. Und wie man das, was dahinter steht, politisch nennt, wissen Sie selbst.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Drache bleibt Drache

Über Antisemitismus und Antizionismus in der deutschen Linken
 
von Peter Ullrich, Jungle World, 24.10.2013
Gilad Atzmon, britisch-israelischer Künstler und bekennender Antizionist, schrieb im Jahr 2005 – es war nicht sein erster Ausfall dieser Art – in seinem Weblog, man müsse anfangen, die Vorstellung ernstzunehmen, dass die Juden die Welt kontrollierten: »Since America currently enjoys the status of the world’s only super power and since all the Jews listed above declare themselves as devoted Zionists, we must begin to take the accusation that the Jewish people are trying to control the world very seriously.« Erst 2012 veröffentliche die westdeutsche Splittergruppe »Kommunistische Initiative« ein Flugblatt mit dem Titel »Gegen Imperialismus, Zionismus und Krieg!«, in dem es unter anderem heißt: »Kein Mitleid, kein Bedauern, keinerlei Rücksicht insbesondere mit dem zionistischen Regime Israel, dessen Existenz allein schon eine Kriegsdrohung darstellt! In diesem Brückenkopf des US-Imperialismus konzentrieren sich zunehmend die reaktionärsten, chauvinistischsten, rassistischsten und profaschistischen Kräfte des Imperialismus im Kampf gegen die Völker.« Beides sind jüngere Beispiel dafür, wie sich Antisemitismus von links manifestieren kann. Sie verlangen natürlich eine Interpretation, also den Nachweis, warum sie antisemitisch sind, denn zumindest das zweite Beispiel ist ja nicht explizit feindlich gegen Juden gerichtet. Dafür ist ein Blick auf die Geschichte und spezifische Existenzweise des gegenwärtigen Antisemitismus als fragmentiertes Phänomen hilfreich.

Vom Antijudaismus zum Antizionismus

Die Vielfalt von disparaten Erscheinungs- und Äußerungsformen der Judenfeindschaft ergibt sich aus ihrer langen, gebrochenen, aber nicht abgebrochenen Geschichte, die bis in die christliche Antike zurückreicht und in den vergangenen Jahrhunderten unter sich wandelnden sozialen Gegebenheiten unterschiedliche Formen hervorbrachte, namentlich christlichen Antijudaismus, modernen Antisemitismus, sekundären Antisemitismus und antisemitischen Antizionismus.

In der Frühzeit des Christentums entstand die zunächst vor allem religiös begründete Feindschaft gegen eine Menschengruppe in der Situation religiöser Absetzung. Das Judentum war die Verkörperung vom »Zweifel des Christentums an der eigenen Heilsgewissheit« (Zimmermann 2007). Die Juden wurden des »Christusmords« bezichtigt und verschiedenster anderer Vergehen verdächtigt. Diverse Mythen kursierten vor allem im Mittelalter über das angebliche jüdische Treiben. Dazu zählten Vorstellungen von der rituellen Ermordung christlicher Kinder, der Vergiftung von Brunnen, des Verbreitens der Pest oder der Schändung religiöser Symbole des Christentums. Daraus wurde eine soziale Benachteiligung und Festlegung auf bestimmte, unangesehene Sphären des sozialen Lebens abgeleitet. In Pogromen entlud sich diese Ausgrenzung als praktischer Hass auf mörderische Weise. Der zentrale theologische Hintergrund wird in der die meiste Zeit über präsenten Möglichkeit der religiösen Konversion deutlich. In der Forschung, die häufig eine zeitliche Abfolge bestimmter, dominanter Erscheinungsformen postuliert, wird diese Phase in der Regel als »christlicher Antijudaismus« bezeichnet. Auch diese Form des Judenhasses ist bis in die heutige Zeit, teils auch im linken Kontext, präsent (vgl. Benz 2004).

Eine entscheidende Wandlung erfährt die Judenfeindschaft im Rahmen der gesellschaftlichen Umbrüche im 19.Jahrhundert. Diese Wandlungsprozesse beinhalteten eine materielle Umgestaltung der Welt (Industrialisierung, Technisierung, Urbanisierung), die Heraus­bildung moderner sozialer Verkehrs- und Wissensformen (Bürokratisierung und Verwissenschaftlichung) und die sukzessive Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise. Die Feindschaft gegen Juden nimmt die entsprech­ende Gestalt der Wissensformen dieser Zeit an und bekommt zudem völlig neue Funktionen. Neu und typisch für das späte 19.Jahrhundert ist die Konstruktion der eigenen Gruppe wie auch des jüdischen »Anderen« als Abstammungsgemeinschaft, die ethnisch oder rassisch gefasst wird. Der Antisemitismus artikuliert sich als antiaufklärerisches und antimodernes Projekt, insbesondere, weil er versucht, die abgelehnten und als bedrohlich empfundenen Aspekte des modernen Lebens in verschwörungstheoretischer Manier zu »erklären«. Dieser Antisemitismus, der sich seit dem späten 19. Jahrhundert, teilweise unter Bezug auf die neuen Rassenlehren, auch programmatisch selbst so bezeichnet, wird meist »moderner Antisemitismus« oder, wegen seiner Rolle im Prozess der Herausbildung der bürgerlichen Nationalstaaten, »nationaler Antisemitismus« genannt (Holz 2001). Dabei wird den Juden nicht nur der Status eines anderen oder gegnerischen »Volkes« zugewiesen, sondern eine prinzipielle Andersartigkeit als »nicht-identitäres« Kollektiv. Die jüdische Existenzweise gilt dem Antisemitismus als Gegenprinzip zur »normalen« (beispielsweise eigenen nationalen) Gruppe, die als identitär, ursprünglich und organisch gewachsen aufgefasst wird. Trotz dieser neuen Inhalte und Formen besteht eine gewisse Kontinuität zum Antijudaismus beispielsweise in der nun immer mehr ins Zentrum der Ideo­logie rückenden Verknüpfung von »Jüdischem« mit Geld und Zins (Juden arbeiteten im Mittel­alter wegen des christlichen Zinsverbots oft als Geldverleiher oder Händler, von handwerklichen Berufen waren sie meist ausgeschlossen). Doch im Zentrum steht nun die Fiktion vom »jüdischen Kapitalisten«, dessen angeblich besondere Raffgier gegen die bodenständige Sphäre der konkreten Arbeit und Produktion gestellt wird. Die antisemitische Erklärung der Welt war immer mit handfesten Bestrebungen der Aussonderung und Verfolgung von Juden verbunden. Diese Feindschaft zeigte sich in institutionellen Ausschlüssen und entlud sich in Pogromen (insbesondere während der mittelalterlichen Kreuzzüge und, gerade in Osteuropa, bis ins 20.Jahrhundert hinein). Sie gipfelte in der Vernichtung von Millionen Juden durch den deutschen Nationalsozialismus, die am eindringlichsten durch die Todesfabrik Auschwitz symbolisiert wird, welche zum Synonym für das Menschheitsverbrechen wurde (Diner 1988; Claussen 2005).

Der Völkermord an den europäischen Juden wurde zum Kuliminationspunkt des mörderischen Potentials des Antisemitismus und zum bedeutenden Wendepunkt in seiner Geschichte. Jeder spätere Diskurs über Antisemitismus fand im Wissen um das kaum Fassbare der Shoa statt und machte jede bisherige Form der Judenfeindschaft zur bloßen Vorgeschichte. Zugleich stellt die Shoa auch den Ausgangspunkt von Form- (nicht Struktur-) Wandlungen des Antisemitismus dar. Eine Mehrheit der Vereinten Nationen gelangte angesichts der Vernichtung eines großen Teils der europäischen Juden zu der Ansicht, dass zum Schutz der Juden gegen den Antisemitismus ein jüdischer Nationalstaat zu schaffen sei, was zur israelischen Unabhängigkeitserklärung und Staatsgründung im Jahre 1948 führte, also zur Verwirklichung der Bestrebungen des politischen Zionismus ein halbes Jahrhundert nach seiner Begründung als politische Bewegung auf dem Basler Zionistenkongress. Der Antisemitismus, in vielen Ländern Europas weiter verbreitet, war fortan in der deutschen politischen Öffentlichkeit des­avouiert; dies änderte die Kommunikationsbedingungen für Antisemitismus grundlegend. Auch und gerade in Deutschland ist dieses Weltbild nicht über Nacht verschwunden, wurde jedoch in der öffentlichen Sphäre nach 1945 bekämpft.

Der »sekundäre« Antisemitismus

In dieser postnationalsozialistischen Situation entsteht der »sekundären Antisemitismus«, eine Abwandlung des modernen Antisemitismus alten Stils zu einem Antisemitismus trotz oder wegen Auschwitz. Auschwitz steht im Widerspruch zur nationalistischen Idee der Affirmation der eigenen Nation über Zeit und Raum hinweg. Auf diese Situation bilden sich verschiedene Reaktionen, darunter antisemitische Umdeutungsversuche der Geschichte. Zu diesen gehören die das eigene Kollektiv exkulpierende Holocaust-Leugnung, die Täter-Opfer-Umkehr (beispielsweise durch die Idee, Juden hätten an der Shoa mitgewirkt oder würden sie nun instrumentalisieren) und die Gleichsetzung von Juden und jüdischen Institutionen mit den nationalsozialistischen Tätern. Diese Phänomene schließen einerseits an den Antisemitismus vor Auschwitz an. So ist die Täter-Opfer-Umkehr schon in frühen antisemitischen Texten zu finden (Holz 2001). Dafür steht der Ausspruch »Die Juden sind unser Unglück« des antisemitischen Historikers und Wegbereiters des Anti­semitismus im deutschen Bürgertum, Heinrich von Treitschke. Andererseits finden sich inhaltliche Variationen und vor allem neue Motive (insbesondere das der Selbstlegitimation der deutschen Tätergeneration durch Anklagen gegen Juden), die an nachwachsende Generationen weitergegeben werden, weshalb dafür ursprünglich der Begriff »sekundärer Antisemitismus« gewählt wurde.
Zum Teil gleichzeitig bildet sich ein antisemitischer Antizionismus, eine Gegnerschaft zum Zionismus heraus, die antisemitischen Mustern folgt oder als Platzhalter für die öffentlich nicht legitim kommunizierbare Feindschaft gegenüber dem Judentum auftritt. Dieser Antizionismus setzt sich zum Teil fort in dem, was man »israelbezogenen Antisemitismus« nennen könnte, also eine antijüdische Feindbildkonstruktion, die sich vorrangig aus dem Nahostkonflikt speist, aber eben nicht auf den Konfliktgegner Israel beschränkt bleibt.

Die verschiedenen Grundformen der Judenfeindschaft koexistieren weiter in der Gesellschaft. Der religiöse Antijudaismus ist nicht ganz verschwunden und auch der sekundäre Antisemitismus hat den primären nicht verdrängt. Allerdings ist die Darstellung der quantitativen Bedeutung des Antisemitismus und seiner jeweiligen Formen nicht einfach. Insbesondere die Durchdringung des Alltags mit niederschwelligen Ausdrucksformen von Antisemitismus ist nicht statistisch messbar. Etwas anders sieht dies bei manifesten und damit strafrechtlich relevanten antisemitischen Delikten aus. Dazu gehören Schmierereien, Friedhofsschändungen, Angriffe auf Personen, Anschläge auf Einrichtungen oder hetzerische Propaganda. In der Bundesrepublik wurden im vergangenen Jahrzehnt jährlich zwischen 1 200 und 1 700 solcher mehrheitlich von Rechtsradikalen verübten Delikte verzeichnet, manche, wie der brutale Angriff von Jugendlichen auf einen jüdischen Rabbiner in Berlin im Sommer 2012, erfuhren weite Medienresonanz, andere wurden kaum öffentlich bekannt.
Kollektive, die sich des Antisemitismus zur Konstruktion von Fremdgruppen und zur Stabilisierung der eigenen Gruppenidentität bedienen, unterscheiden sich jedoch in kultureller und politischer Hinsicht. Albert Scherr und Barbara Schäuble (2008) haben gezeigt, dass sich deren Weltanschauungen sogar gegenseitig ausschließen können, also dass antisemitische Fremdbildkonstruktionen der einen Gruppe unter Umständen von anderen antisemitisch eingestellten Gruppen explizit abgelehnt werden. So kon­fligierte beispielsweise in einer der von ihnen durchgeführten Gruppendiskussionen reli­giöser und mit dem Nahostkonflikt begründeter Antisemitismus muslimischer Jugendlicher explizit mit einer biologistisch-rassistisch begründeten Vererbungstheorie eines Russlanddeutschen. Beide wiederum unterschieden sich von einer sekundär-antisemitischen Differenzkonstruktion bei einer Gruppe ostdeutscher Jugendlicher. Aus all diesen Gründen liegt es nahe, von einem amorphen, vielgestaltigen und brüchigen Phänomenfeld zu sprechen, das zudem fragmentiert ist.

Die Fragmentierung des Antisemitismus ist ein Resultat teils recht erfolgreicher Bemühungen zur Bekämpfung des Antisemitismus, die sich zumindest abschwächend auf die Verbreitung verschiedener Ausdrucksweisen und Einstellungen ausgewirkt haben. Die Umfrageforschung verzeichnete für die Geschichte der Bundesrepublik »einen langsamen, aber stetigen Rückgang in der Verbreitung antisemitischer Vorurteile vor allem in den jüngeren Genera­tionen«, bei etwas diffuseren Entwicklungen in den vergangenen Jahren (Bergmann 2010). Diese Bekämpfung, die sich unterschiedlichster Mittel bediente – von der Entnazifizierung und reeducation zur politischen Bildung über öffentliche Erinnerungs-, Gedenkstätten-, Bildungs- und Kulturpolitik bis hin zur strafrechtlichen Verfolgung –, hat jedoch auch unerwartete und zum Teil unerwünschte Nebeneffekte. Gerade die Desavouierung des Antisemitismus, also sein absoluter Legitimitätsverlust im Angesicht der nationalsozialistischen Judenvernichtung, führte dazu, dass sich außerhalb der extremen Rechten kaum jemand zum Antisemitismus öffentlich bekennt – unabhängig von tatsächlichen entsprechenden Einstellungen oder Handlungen. Bernd Marin spricht deswegen vom »Antisemitismus ohne Antisemiten« (Marin 1979). Dieser sei ein »Massenvorurteil ohne Legitimation, ohne öffentliches Subjekt, ohne propagandistische Träger, ohne das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis einer Ideologie«.

Antisemitismus in der Geschichte der Linken

Diese Existenzweise des Antisemitismus als zwar bekämpfte und fragmentierte, doch vielgestaltige soziale Struktur erklärt zu einem Teil, warum es auch in der Linken Antisemitismus gibt. Anders als für die Gesamtbevölkerung gibt es zur quantitativen Bedeutung der Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der politischen Linken keine genauen Zahlen. Neben dem linken Kampf gegen Antisemitismus, der auch manches Mal hätte mit mehr Verve betrieben werden können, gab es in der Linken stets auch eine Tradition der gesonderten Ablehnung des Zionismus (im Gegensatz zu anderen Nationalismen), insbesondere durch die sozialistische und kommunistische Arbeiter­bewegung schon vor dem Ersten Weltkrieg und ihrer damit einhergehenden Spaltung. Dieses linke Erbe war eine der Voraussetzungen, die es in der Phase der späten stalinschen Herrschaft ermöglichten, eine antisemitische Kampagne durchzuführen, die im Wesentlichen dem Zweck diente, trotz bestehender immenser Legiti­mitätsdefizite die staatskommunistische Herrschaft als jeweils »nationale(n) Kommunismus« (Ullrich 2007) in den osteuropäischen Volks­demokratien durchzusetzen. In diesen Ländern kam es zu einer Welle von hetzerischen Veröffentlichungen, Verhaftungen und Schauprozessen, die ihren antisemitischen Charakter kaum verbargen. Diese Terrorkampagnen richteten sich gegen jede reale und vor allem allerhand konstruierte Opposition oder Abweichung von der jeweils gültigen Parteilinie, gegen »Trotzkismus«, »Titoismus«, »Opportunismus«, »Kosmopolitismus« und gegen Ende immer klarer gegen den Zionismus.
Kennzeichnend für die Verfolgungswelle war, dass sie sich gegen jüdische Personen oder Organisationen richtete, diese gegen die marxistische Theorie als Abstammungsgemeinschaft ethnisch konstruierte und sie einer kapitalistisch-imperialistischen Verschwörung gegen die »werktätigen Völker« zieh. Diesem verschwörungstheoretischen Wahngebilde – denn die Vorwürfe waren schlicht konstruiert und die teilweise gestehenden Angeklagten der Schauprozesse gestanden nur aufgrund der Folter oder aus kaum mehr nachvollziehbarer Parteiraison – fielen zahlreiche Personen zum Opfer, darunter viele kommunistische Aktivisten, Revolutionäre der ersten Stunde und hochrangige Funktionäre. Die Camouflage, die das antijüdische Feindbild leicht verbrämt, besteht darin, dass der Gegner nur »Zionismus« genannt wird. Auch damit entsteht schon eine mit der marxistischen Theorie nicht zu vereinbarende Verschwörungstheorie, die partikularistisch den jüdischen Nationalismus stigmatisiert. Doch hier ist sie zusätzlich de facto gegen jüdische Per­sonen gerichtet und betont zudem jeweils deren jüdische »Herkunft«, die zum ernsten Risikomerkmal wurde. Sie wurde auch in der DDR im Rahmen von Parteisäuberungsaktionen erfasst und zum besonderen Kontrollkriterium (Timm 1997); die Sowjetführung forderte die Regis­trierung aller Juden in der DDR. Dieser Antizionismus griff tief ins Arsenal des modernen Antisemitismus, ja entsprach diesem in allen wesentlichen Strukturen, klagte »jüdische Ka­pitalisten« für allerlei Unbill an und vollzog die den Holocaust relativierende Täter-Opfer-Umkehr. Eindrücklich aus Klaus Holz’ (2005) Analyse der entsprechenden Texte ist dieses typische Zitat, geschrieben vom Vorsitzenden der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei: »Die zionistischen Organisationen und ihre amerikanischen Herren waren (...) in der Lage, die Leiden, die Hitler und andere Faschisten den Juden zufügten, schamlos auszubeuten. Man könnte fast sagen, daß sie aus Auschwitz und Majdanek Kapital schlagen möchten.«

Antifaschistischer Antizionismus

Der Kampf gegen den Zionismus wird so zum »antifaschistischen« Kampf gegen die Opfer der Judenvernichtung. So nimmt es auch nicht wunder, dass ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung nach solcherart massenmedialer Propaganda auch in der DDR die Signale verstand und das Land verließ. Mit dem Tod Stalins fand diese Terrorkampagne ihr Ende. Auch spätere Phasen der Hetze gegen Israel (die nun auch mehr im Kontext des Kalten Krieges ge­sehen werden müssen) schlossen hier nur teilweise an. Ganz überwunden wurde dieses Erbe aber nicht. Noch bis in die achtziger Jahre beispielsweise erschien in der DDR antizionistisch camouflierte antisemitische Propaganda, von Karikaturen, die Israelis und Nazis gleichsetzten (beispielsweise Moshe Dayan und Hitler) bis hin zu Kindermärchen, in denen der böse und gefräßige »kleine Drache Zion« den Kindern Palästinas ihr Essen stiehlt, was diese zu dem Schluss kommen lässt: »Ein Drache bleibt doch immer ein Drache!« (Amadeu-Antonio-Stiftung 2010). Die politische Linke, beziehungsweise ihre reaktionären stalinistischen Ableger, war also ein wichtiger Akteur in der Entstehung einer antisemitischen Spielart des Antizionismus. Allerdings ist dies nicht typisch für die Linke in einem umfassenden Sinn und es ist ist keinesfalls von einer einfachen Kontinuität auszugehen, die heute von besonderem Einfluss wäre.

Insbesondere eine Kontinuität zwischen dem spätstalinistischen (volksdemokratischen) Antisemitismus und der heutigen außerparlamentarischen bundesdeutschen Linken ist zweifelhaft. Schon die westdeutsche KPD/DKP zeigte sich in den entsprechenden Kampagnen zurückhaltender. Positionierungen wie die eingangs zitierte der Kommunistischen Initiative verdeutlichen aber, dass es sich nicht ausschließ ­lich um ein Problem der Vergangenheit handelt.

Späterer antisemitischer Antizionismus schöpfte möglicherweise in Teilen auch aus diesem Erbe, nahm jedoch teilweise andere Formen und Inhalte an. Antisemitische Konnotationen kamen in diesem Kontext insbesondere als sekundär-antisemitische Argumentationen, beispielsweise in Form omnipräsenter NS-Vergleiche und Dämonisierungen Israels, vor. Auch die Deutung des Judentums als abgelehnte »Volksklasse«, die den affirmierten »Völkern« gegenübersteht, zieht sich durch die Textproduktion zumindest der militanten antiimperialistischen Linken. Der antisemitische Gehalt vieler Texte und Terroraktionen – vom Anschlag der Westberliner Tupamaros auf das jüdische Gemeindezentrum 1969 in Berlin bis zur euphorischen Unterstützung der Ermordung der israelischen Olympiamannschaft 1972 durch RAF-Mitglieder – ist nicht zu leugnen. Dennoch muss die Einordnung der sonstigen stark israelfeindlichen Texte und Aktionen, die häufiger Anklänge an den Antisemitismus hatten, sich aber nicht gegen Juden richteten, auch andere Kontexte berücksichtigen. Die Gleichsetzung mit Nazi-Deutschland war Teil der Kritik an den USA im Kontext des Vietnam­krieges. Die Dämonisierung Israels war auch eine Reaktion auf den Philosemitismus der Eliten. Die Verherrlichung der palästinensischen Militanten war auch Ausdruck einer generellen Hoffnung der metropolitanen Linken auf die nationalen Befreiungsbewegungen als Subjekte der Revolution. Insbesondere aber war sie auch eine Reaktion auf Israels neue Rolle als »imperialistische« und Besatzungsmacht, die sich in der Suez-Krise 1956 angekündigte und 1967, mit dem Beginn der dauerhaften Besatzung nichtisraelischen Territoriums manifest wurde. Die in diesem Kontext entstehende Feindschaft, Abwertung und nationalistische Mobilisierung kann antisemitischen Charakters oder Inhalts sein, aber auch schlicht aus den allgemeinen Konfliktdynamiken resultieren. Dies kompliziert die Einordnung des linken Antizionimus und linker Israelkritik. Der Anteil von verschwörungstheoretischem Wahn, par­tikularistischer, aber konfliktbezogener Ablehnung und realpolitischer Analyse ist oft kaum klar zu bestimmen.

Die heutige Linke

Wendet man sich nach diesem Parforceritt durch die Geschichte dem Antisemitismus in der gegenwärtigen Linken zu, wie er sich im Anti­zionismus oder in der Kritik an Israel äußern kann, muss die oben geforderte differenzierende Analyse geführt werden. Unter den kursierenden Beispielen, die als Beleg für linken Antisemitismus dienen sollen, gibt es jene, bei denen dieser Nachweis leicht fällt. Es gibt jene, bei denen keine eindeutige Einordnung möglich ist. Und es gibt solche, bei denen der Vorwurf zu­rück­gewiesen werden muss. Die im Folgenden zu ana­lysierenden Beispiele, die pars pro toto für viele andere stehen, dienen der Darstellung tatsächlicher Ausprägungen von Antisemitismus. Sie sind alle weder typisch für den linken Diskurs, noch können quantitative Aussagen über ihre Verbreitung oder über die Zustimmung zu solcherart Positionierungen getroffen werden.

Eines der eindrücklichsten Beispiele für die kommunikative Aktualisierung von Antisemitismus in linken Kontexten stammt aus Köln. An der am dortigen Dom von Kölner Friedensbewegten aufgestellten »Klagemauer« befand sich ein Bild, welches Ausgangspunkt einer harten öffentlichen Debatte wurde. Es handelt sich um ein Foto von einer Demonstration in Indonesien. In dessen Zentrum wiederum ist ein Plakat zu sehen, das zum eigentlichen Grund der Auseinandersetzung wurde. Auf ihm abgebildet ist ein Mann, der mit Messer und Gabel ein vor ihm auf dem Teller liegendes Kind verspeist. Daneben steht ein Glas, mit einer roten Flüssigkeit, wohl Blut symbolisierend. Die Männerfigur ist in Blauweiß gehalten und trägt einen Latz mit Davidstern, referiert damit klar auf Israel beziehungsweise das Judentum, die Gabel ist mit der US-Fahne gemustert, auf dem Messer steht »Gaza«. Das Kind ist, insbesondere durch eine Kuffijah, das sogenannte »Palästinensertuch«, als palästinensisch erkennbar. Die am Plakat sichtbaren Buchstaben »GUPS« verweisen auf die Generalunion Palästinensischer Studierender als möglichen ursprünglichen Urheber des Plakates. An antisemitischen Topoi herangezogen werden am deutlichsten die Kindsmordlegenden und das rituelle Bluttrinken. Unabhängig von einer späteren vagen Distanzierung des Initiators der Kölner »Klagemauer« von möglichen antisemitischen Lesarten und der Beteuerung, dass intentional nicht antisemitische Legenden aufgerufen werden sollten, sondern die Männerfigur für den Staat Israel stehe und sich das Bild, verdeutlicht durch einen Untertext, konkret auf schreckliche Folgen des israelischen Angriffs auf Gaza beziehe, nicht auf Untaten von Juden generell, ist doch der antisemtische Gehalt nicht zu leugnen. Die Inten­tion ist für mögliche Bildwirkungen schlicht vernachlässigbar.

Um sich nicht auf den deutschen Kontext zu beschränken, sei ein weiteres Bild – diesmal aus Brasilien stammend – analysiert. Es handelt sich um eine Karikatur des Brasilianers Carlos Latuff, die unter anderem auf der britischen Website von Indymedia zu finden war. Latuffs Karikaturen sind eine populäre und harsche Kritik der israelischen und US-amerikanischen Politik und international in linken Zeitungen, Zeitschriften und Internetforen verbreitet. Häufig kommen bei ihm drastische Vergleiche, beispielsweise mit NS-Deutschland oder Hitler, vor. Im analysierten Bild sind Israelkritik und Antizionismus mit antisemitischen Topoi eng verwoben. Abgebildet ist Ariel Sharon (damals israelischer Premierminister), der in tarnfarbenen Armeehosen und eingewickelt in eine israelische Fahne auf einer Kugel sitzt, mehrere Gewehre, eine Pistole und ein Kampfflugzeug mit sich führend. Er hält eine Hand auf, in die eine andere Hand in den Farben der USA Bündel mit Dollarnoten fallen lässt. Mit der Pistole zielt er auf einen neben ihm sitzenden Palästinenser (durch die Kuffiyah erkennbar), der sehr klein gehalten ist und nur über eine neben ihm liegende Steinschleuder als Waffe verfügt (ein Bezug zur bib­lischen Geschichte von David und Goliath). Was eine drastische Darstellung und Kritik des Nahostkonflikts sein will, ist zugleich mehrfach problematisch und bemüht antisemitische Topoi und Strukturen. Insbesondere ist der zentrale NS-Vergleich problematisch. Sharons Arm trägt den Schriftzug »Massaker«, wobei die beiden »s« wie SS-Runen geschrieben sind, der Palästinenser hingegen hat eine Nummer auf dem Arm – tätowiert wie KZ-Häftlinge. Besonders drastisch – und in der Tat eher untypisch, aber umso deutlicher – ist der einen großen Teil des Bildes prägende Schriftzug »Sharon Anti Christ«, der das Bild aus der politischen in die religiöse Sphäre überführt und Anschlussfähigkeit an christliche antijüdische Diskurse ermöglicht.

Philosemitismus und Antisemitismusvorwurf

Auf einem Workshop zum Thema »Die deutsche Linke und der Nahostkonflikt«, den die der Linkspartei nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung im Frühjahr 2012 durchführte, gab es einen offenen Themenblock, in dem sich spontane Arbeitsgruppen zu selbstgewählten Fragen austauschten. Eine der Arbeitsgruppen hatte das Thema »Funktionen des Antisemitismusvorwurfs«. Auf der gemeinsam erarbeiteten Ergebnisliste versammelten sich verschiedenste unlautere Gründe, einen Antisemitismusvorwurf zu äußern, nicht aber der, dass dieser Vorwurf möglicherweise dazu dienen könnte, tatsächlichen Antisemitismus anzuklagen. Diese Situa­tion verdeutlicht die Logik der linken Antisemitismusdebatte. Sie zeigt, wie sehr sie als Themenfeld ein Eigenleben führt, sich sogar von ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Antisemitismus, zu lösen scheint. Zwei Gründe für dieses Arbeitsgruppenergebnis, beide real und wirkmächtig, fallen ins Auge: Ein Motiv ist der Unwille, sich kritisch und selbstkritisch mit Antisemitismus in der Linken zu beschäftigen, eine Position, die besonders für radikale Kritiker Israels und nicht zuletzt für die wirklichen Antisemiten unter ihnen typisch ist. Der andere Grund ist die Abwehrhaltung gegen einen mit tatsächlich kontinuierlicher Willkür, Beliebigkeit und Aggressivität vorgetragenen verdinglichten Antisemitismusvorwurf, der Menschen delegitimiert – und somit vom Instrument der Kritik zum allzeit bereiten Herrschaftsinstrument (Claussen 1992) verkommt.

Es gibt einen Diskurs – innerhalb der politischen Linken, insbesondere, aber nicht ausschließlich vertreten von antideutschen und zumindest in dieser Tradition stehenden Debattanten –, der eine so niedrige Schwelle für das Anbringen des Antisemitismusvorwurfs hat, dass all die geschilderten Ambivalenzen verschwinden, die mit der Fragmentierung und der überindividuellen Existenzweise des Antisemitismus zusammenhängen. Unterscheidungen zwischen manifestem Aussagegehalt, möglichen Rezeptionsweisen und diskriminierender Praxis verschwimmen vollkommen. Im Bestreben, Antisemitismus nachzuweisen, werden statt dessen Indizien zusammengetragen – um den Preis der Aufgabe begrifflicher und moralischer Differenzierung. Mehrere solche Antisemitismusdebatten mit Bezug zum Nahostkonflikt gab es in der jüngeren Zeit. Allein im Jahr 2012 wurde in der deutschen Öffentlichkeit um den die BDS-Kampagne unterstützenden Jenaer Bürgermeister Schröter, Günter Grass’ Gedicht »Was gesagt werden muss«, den Friedenspreis für Judith Butler und die Israelkritik von Jakob Augstein gestritten. Alle diese Debatten fanden ihren Widerhall und rege Beteiligung im linken Diskurs, wenn dieser nicht durch die beteiligten Akteure ohnehin tangiert war (bei Butler als wichtige Anregerin der poststrukturalistischen Linken, bei Augstein als Her­ausgeber einer wichtigen linken Wochenzeitung). Alle Diskussionen folgten dem gleichen Erregungsmuster. Auf die Skandalisierung folgend, wurde Antisemitismus konstatiert und von der Gegenseite mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen. Ein Beispiel, das für viel Furor auch in der linken Medienöffentlichkeit sorgte, war die Platzierung Augsteins auf der »Hitliste« der schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Ausfälle des Simon-Wiesenthal-Centers in Los Angeles, die gemeinhin als Antisemiten-Top-Ten wahrgenommen wird, zusammen mit unter anderem den ägyptischen Muslimbrüdern, dem iranischen Regime und den griechischen Neofaschisten der Partei »Chrysi Avgi« (Goldene Morgenröte). Während es eine relativ einmütige Zurückweisung insbesondere der Stärke der Vorwürfe aus allen Richtungen gab – so in verschiedenen Leitartikeln, von Antisemitismusforschern, vom Zentralrat der Juden –, waren linke proisraelische Meinungen klar in ihrer Einschätzung, dass Augsteins Äußerungen, die ihn auf die Liste gebracht hatten, offensichtlich antisemitisch seien.

Tatsächlich lassen sich Augsteins Bezeichnung Gazas als »Lager«, seine Anspielungen, orthodoxe Juden würden vor allem nach dem Rachegesetz handeln, und die Unterstützung für Grass als Tabubrecher für »uns« Deutsche in diesem Sinn verstehen. Der anti-antisemitische Diskurs bewegt sich jedoch, wie auch manche unter Augsteins Verteidigern, weit von diesen Stellen weg und bringt auch Belege für Augsteins vorgeblichen Antisemitismus, die jeder Beweiskraft für einen solchen Vorwurf entbehren. So wurde Augstein in der Taz vorgehalten, die Bezeichnung Israels als Besatzungsmacht sein »NS-Jargon«.Auch in der immer wieder aufflammenden Diskussion über Antisemitismus in der Linkspartei wurde mehrfach deutlich, dass sich der Antisemitismusvorwurf als politische Waffe gegen einen ohnehin feststehenden Gegner in Anschlag bringen lässt, notfalls auch mit schlicht erfundenen »Argumenten«, etwa wenn der Partei vorgeworfen wird, das Existenzrecht Israels nicht anzuerkennen, ein Vorwurf, der von Unkenntnis der Beschlusslage der Partei zeugt.
Ein instruktives aktuelles Beispiel, in dem es nur am Rande um den Nahostkonflikt geht, das aber die unangemessene Schärfe und Beliebigkeit linker Antisemitismusvorwürfe verdeutlicht, produzierte die »Linke Liste« an der Universität Frankfurt am Main, als im Mai 2012 ein Bündnis linker Gruppen und Parteien im Rahmen der Krisenproteste zu Aktionen vor der Europäischen Zentralbank aufrief. Die »Linke Liste« veröffentliche dazu ein Flugblatt, das die »Occupy«-Bewegung einer radikalen Kritik unterzieht. Ihr wird Inhaltsleere, Beliebigkeit, Reformismus, Personifizierung sozialer Verhältnisse und anderes vorgeworfen. Die Abrechnung gipfelt in dem Vorwurf an die Aktivisten im »Occupy«-Bündnis, ein wichtiges einigendes Moment für sie sei »antisemitische(r) Hass auf die Formen kapitalistischer Zirkulation«, der dem »Pogrom der 99 % über das 1 % Tür und Tor öffnet«. Hier verflüchtigt sich jeder Unterschied zwischen einer heterogenen und diffusen Sammlungsbewegung auf der einen und der Bewegung der selbsternannten Antisemiten auf der anderen Seite; zwischen den problematischen Elementen der im »Occupy«-Bündnis verbreiteten Weltbilder und der Realisierung hasserfüllter, mörderischer Praxis. Was sich statt dessen zeigt, ist die verbreitete Vorstellung vom »Antisemitismus der anderen«, die den sozialen Charakter postnazistischer Diskurse nicht ernst nimmt.

Literatur
Amadeu-Antonio-Stiftung (Hg.): »Das hat’s bei uns nicht gegeben!«, Berlin 2010
Wolfgang Benz: Was ist Antisemitismus?, München 2004
Werner Bergmann: Ergebnisse der Einstellungsforschung zum Antisemitismus in Deutschland, Fassung vom Juni 2011
Detlev Claussen: »Versuch über den Antizionismus«. In: ders./Thomas Haury: Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992
Ders.: Grenzen der Aufklärung. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt/Main 2005
Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt/Main 1988
Klaus Holz: Nationaler Antisemitismus, Hamburg 2001
Bernd Marin: »Ein historisch neuartiger ›Antisemitismus ohne Antisemiten‹«. In: »Geschichte und Gesellschaft« 5 (1979), S. 545 ff.
Albert Scherr / Barbara Schäuble: »Wir« und »die Juden«. In: »Berliner Debatte Initial« 19 (2008), 1/2, S. 3 ff.
Angelika Timm: Hammer, Zirkel, Davidstern, Bonn 1997
Peter Ullrich: »Nationaler Kommunismus nach Auschwitz«. In: »Utopie kreativ« 199 (2007), S. 455 ff.
Michael Zimmermann: »Antiziganismus – ein Pendant zum Antisemitismus?«. In: Klaus-Michael Bogdal u. a. (Hgg.): Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz, Stuttgart 2007, S. 337 ff.

Der Text ist die redaktionell gekürzte und bearbeitete Fassung eines Kapitels aus Peter Ullrichs Buch »Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs«, das soeben im Wallstein-Verlag erschienen ist und 19,90 Euro kostet.