Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Freitag, 23. August 2013

Der Chef der Lotter-Idole

aus: Jungle World, 18. Juli 2013

Er ist einer der bekanntesten Menschen des Planeten. Außerhalb Nordkoreas könnte er wohl nirgendwo eine Straße überqueren, ohne erkannt zu werden. Martin Compart lässt zum 70. Geburtstag von Mick Jagger die Karriere des Sängers Revue passieren und erklärt, warum die Beatles die Musik und die Rolling Stones das Lebensgefühl verändert haben.

von Martin Compart

Die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts begannen erst 1963. Mit der Ermordung John F. Kennedys und dem ersten Album der Beatles – »Please Please Me«. Und sie endeten 1969 mit der Katastrophe von Altamont.
Man glaubt es kaum, aber vor den Sixties gab es die Fifties. Also die Zeit, in der Mick Jagger und seine Bande die Jugend erlebten und zu Rock ’n’ Roll-Rabauken sozialisiert wurden.

Wie war das mit den Fifties in Westdeutschland? Mandolinen im Mondenschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur kurz innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, Conny packte Peters Badehose ein, Streifenpolizisten, die wie bewaffnete Briefträger aussahen, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und für die ein Käseigel der Gipfel des Hedonismus war. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock ’n’ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war der Friedhof des Dritten Reichs, auf dem die Zombies tanzten.

Und im Mutterland des Rock ’n’ Roll? In den USA hatte 1956 Reverend John Carroll von der Erzdiözese Boston früh und weitsichtig erkannt, welche Gefahren von dieser »Stimmungsmusik, um Radkappen zu stehlen«, ausgeht: »Der Rock ’n’ Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind Angelegenheit der Gerichte und der Polizei.«

Viele bibeltreue Amerikaner standen ihm zur Seite. Aufrechte Amerikaner, die Schwarze als Menschen zweiter Klasse betrachteten. Man wurde in der Not als Jugendlicher nicht alleingelassen. Man bekam wertvolle Tipps. Etwa in Contacts, der Zeitung des Catholic Youth Center: »Vernichte die Platten, die du besitzt, wenn sie heidnische Kultur und heidnische Lebensweise repräsentieren. Überprüfe vorher, welche Platten bei einer Hausparty oder einem Schulfest gespielt werden sollen (…). Rufe einen DJ an oder schreibe ihm, wenn er lausige Platten vorstellt. Schalte dein Radio aus oder suche eine andere Station, wenn du anzügliche Songtexte hörst.«

Aber irgendwie kriegten sie es nicht hin, dass Elvis Presley ignoriert wurde. Stattdessen löste sich der Respekt der Jugendlichen vor den Weltkriegsveteranen in der Säure des Rock ’n’ Roll auf. Ab 1957 wurde die Musik zum Ausdruck ­einer verzweifelten Suche der Jugend nach ihrer Identität. Rock ’n’ Roll-Platten waren Schmerzmittel, die es nicht »auf Kasse« gab. Sie waren zusammen mit einer Handvoll Filme der ­einzige Ausweg aus dem Elend des Konsumstalinismus. Musik war ein Versprechen. Nein, das Versprechen. Und das ist abseits der Hitparadenscheiße bis heute so. Oder wie es der US-amerikanische Musikjournalist Robert Christgau ausdrückte: »In schlechten Zeiten ist Musik eine Erinnerung daran, dass bessere Zeiten nicht nur möglich, sondern auch erreichbar sind.« Der Musikkritiker Greil Marcus schreibt dazu: »1959, als Danny and the Juniors’ ›Rock ’n’ Roll is here to stay‹ sangen, da versprachen sie ihren Zuhörern nicht, dass sie zu dieser Musik erwachsen werden – sie versprachen ihnen vielmehr die ewige Jugend.« Bei for­ever young ging es nicht um Biologie, sondern um Ideologie. Eine Ideologie, der Mick Jagger seinen Lebtag anzuhängen scheint. Noch immer hüpft er über die Bühne wie ein läufiges Karnickel, noch immer schwängert er Frauen im Alter seiner Enkel. Sein Kumpel Keith Richards sagte über ihn: »Er hat einen Peter-Pan-Komplex.«

Dann begannen die Sixties: Der Rock ’n’ Roll war nicht ganz tot, aber sauber kastriert. ­Legionen von Rickys, Johnnys und Frankys belagerten die Hitparaden und sangen saubere Lieder für saubere Teenager mit sauberen Tampons. Die Fünfziger lehnten sich bis 1963 in die Sechziger herüber. Es war das Niemandsland zwischen Elvis und den Beatles, das schwarze Loch der Popmusik (dass in dieser Zeit eine Menge hervorragende Musik gemacht wurde, gehört nicht hierher). Die letzte Rebellion war gezähmt und die nächste noch nicht in Sicht, die Fünfziger hatten noch nicht geendet und die Sechziger noch nicht begonnen. Fröhlichkeit und Langeweile warfen bleiche Schatten. Picknicks, Autokinos, Milchbars, Dates, Kirmes, Telefonorgien. Keine Trendgurus, keine Rock-Lexika, keine Fachleute, die einem halfen, die Vergangenheit zu interpretieren, die Gegenwart zu reflektieren oder die Zukunft des Pop zu prognostizieren. Es gab nicht mal Popradio. Der endlos lange cruel summer der Teenager. Politisches Vakuum. Das große Nichts.

»Rock ’n’ Roll erwischte England wie die Bombe von Hiroshima«, sagte Keith Richards. Dann kamen die Beatles und Europas Teenager begannen durchzudrehen. 1964 kehrte der Rock in die USA zurück mit der großen British Invasion: Alle englischen Bands wurden von Bomber Harris in ein Flugzeug in die Staaten gesetzt und zerbombten die US-Hitparaden. Mit Gitarren wie Kalaschnikows schossen die Brit-Bands den Frankys & Rickys die Eier weg. Die Kulturrevolution trat in die entscheidende Phase. 
Und die schlimmste Band überhaupt waren die Rolling Stones mit ihrem androgynen Frontmann. Sie machten einfach den meisten Krach. Manchmal klang es wie das nächtliche Gejaule geiler Koyoten, die sich bis an den Rand der Vorstädte herangewagt hatten. Das war etwas anderes als die Beatles. Bald bewiesen unsere Wirtschaftswunderkapitäne und deren toupierte Frauen ein bemerkenswertes Differenzierungsvermögen, indem sie die Beatles zähneknirschend akzeptierten oder gar zu »Yesterday« an den fetten Wanst drückten – Haare zwar lang, aber gewaschen und anständig in Uniformen angezogen, na ja, halt englische Künstler. All der Hass auf die Welt und ihren Nachwuchs ergoss sich nun über die Rolling Stones, die noch schmutziger als ein Stripclub waren. Auch der konservative Journalist Matthias Walden war dabei und schrieb in einem Bericht 1965 über ein Konzert in der Berliner Waldbühne, bei dem es zu Krawallen kam: »Auf den überhohen Laternen der steilen Riesen­arena hockten nun Menschen in der Haltung exaltierter Affen und versetzten die ächzenden Masten in Schwingungen, bis die besessenen Jockeys brüllend von den Kandelabern brachen, um zehn Meter tief auf die Köpfe und Rücken ihrer Kumpane zu stürzen (…). Einige Träger platzenger Hosen sah ich geschüttelt wie von verschluckten Pressluftbohrern, Schulmädchenkörper zuckten in einer Weise, die den Chronisten ratlos machen und den Pornographen inspirieren musste. Die elektrischen Gitarren teilten Schläge eines rhythmisch-musikalischen Flagellantismus aus, der unmöglich nur die Ohren treffen konnte (…). Mick Jagger, stöhnender Chef der Lotter-Idole, sang ›I can’t get no satisfaction‹ (…), zuckte von den Zehen bis zu den Spitzen seines weibischen Schopfes und wiederholte mit obszöner Stimmvibration sein glaubhaftes Geständnis: ›I can’t get no satisfaction‹ (…). Man hat zwar in der Waldbühne keinen weißen Kittel gesehen, aber die Zuständigkeit der Medizin ist wohl nicht ganz zu leugnen. Während und nach dem Auftritt der Rolling Stones feierte die Zerstörungswut hemmungsloser Jugendlicher wahre Triumphe.«

Die Stones beballerten die weißen Redneck-Charts mit schwarzen Rhythmen. Der wahre Sound zur Teenage Angst, dass woanders das wahre Leben stattfindet. Im Mai 1965 hatten die Stones in L.A. bei den Aufnahmen zu »Satisfaction« erstmals Kokain genommen. Den Veranstaltern der Deutschland-Tour 1965 schickte die Regierung von Oberbayern eine Rechnung über die Nachzahlung von 14 158 Mark Vergnügungssteuer, da es sich beim Münchner Stones-Spektakel nicht um eine musikalische Darbietung gehandelt habe, sondern um »schieren Lärm mit artistischen Beigaben«.

Die Musik wurde immer wilder, die Haare wurden immer länger und die Jugendlichen immer undankbarer. Und immer war Vietnam gegenwärtig. Der Vietnam-Krieg war der Krieg meiner Generation. Irgendwie war man dabei, mental mittendrin. Als er ausbrach, waren wir acht, zehn oder zwölf Jahre alt. Als er zu Ende ging, waren wir längst aus der Schule. Er prägte unser Leben wie die Musik, beeinflusste das Bewusstsein.

Und was tat dieser Mick Jagger? Er rannte vorne mit, als jugendliche Demonstranten die amerikanische Botschaft in London stürmen wollten. Bevor der ganze Achtundsechziger-Terror losbrach, hatten sich die Stones erstmal ihren Ritterschlag zum Bürgerschreck Nr. 1 geholt: Sie wurden vor Gericht gestellt und mussten ein paar Tage in den Knast, weil man sie mit Dope erwischt hatte – Jagger, Richards und Brian Jones. Man hatte eine Party erst gesprengt, als sich die anwesenden Beatles verdrückt hatten. George Harrison sagte zu Jagger: »Weißt du, das ist der Unterschied zwischen den Beatles und den Rolling Stones: Die Stones werden verhaftet, wenn die Beatles gegangen sind.« Im Gefängnis von Brixton schrieb Jagger 1967 »2 000 Light Years From Home«. Kein Trost, aber immerhin war er hinter Gittern. Das ließ die Spießer frohlocken.

Aus den Gammlern wurden Hippies. Und dann kamen auch noch die Studenten dazu. Als 1968 über die anständigen Bürger wie eine biblische Heimsuchung hereinbrach, war die Welt endgültig verspielt. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über Ratschläge derjenigen, die es gut mit ihnen meinten. Die Hippies heroisierten alles, was die freie Marktwirtschaft als nutzlos dämonisierte, weil es für Konsum und Reproduktion nichts brachte. Scheiß auf die Regeln. Die Hippies wollten das System aus dem Universum kicken.

Dann starb Brian Jones. Jones war das musikalische Genie der Anfangszeit. Er konnte sich jedes Instrument nehmen und nach einigem Herumexperimentieren darauf spielen. Aber er hatte ein Defizit: Er konnte keine Songs schreiben. Tödlich. Absolut tödlich angesichts des Höhenfluges des Duos Nanker & Phelges alias Jagger & Richards, die seit Sommer 1963 gemeinsam Songs schrieben. Die knallten ­einen Hit nach dem anderen heraus und rächten sich nun dafür, dass der kurzbeinige Blondschrat mal die Chefrolle beansprucht hatte. Jones hatte sogar dafür gesorgt, dass er in Hotels immer besser untergebracht wurde als seine Mitsteine.

Ende der Sechziger gab es neben dem Finanzamt noch eine größere Bedrohung für Mick Jagger und seine Band. Nämlich die sogenannte progressive Musik. Der Stones-Fan sah sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, er höre kommerzielle Musik. Als ob Cream oder Pink Floyd ihre Platten verschenkt hätten. Die Stones waren erledigt. Sie verdienten zu viel Geld. Nein, dass sie überhaupt Geld machten, war der Punkt. Ganz im Gegensatz offensichtlich zu Cream, Mothers of Invention, Pink Floyd, Jefferson Airplane, Grateful Dead, Hendrix oder Crosby, Stills & Nash. Die Stones waren absolut out. Das Hinterletzte für zurückgebliebene Brutalos.

Man hörte, dass Jagger sich mit Kenneth Anger herumtrieb und mit dem Satanismus flirte. Ziemlich unglaubwürdig, wenn man sich den Text von »Sympathy For the Devil« (1968) anhört. Das hat nichts mit Psychopathen zu tun, die Kätzchen an Kreuze nageln oder Kinder foltern. Satanisten sind Weicheier, die den Teufel anflehen, ihr miserables Leben zu verbessern. Von sowas war Old Mick immer meilenweit entfernt.

Und dann geschah Altamont! Ein Freekonzert zum Abschluss ihrer US-Tour 1969. Ausgerechnet mit dem berüchtigtsten Chapter der Hells Angels als Security. In Altamont holten die Stones Vietnam nach Kalifornien. In dieser infernalischen Atmosphäre schien alles möglich. Das Pearl Harbour der Gegenkultur. Die wildgewordenen Hells Angels konnten innerhalb von Sekunden den Tod bringen, und keiner war fähig, etwas dagegen zu tun, weglaufen war nicht möglich. Die Hippies waren einer Gewalt ausgeliefert, der sie nicht entkommen konnten, jedenfalls nicht ohne Gegengewalt. Vier Menschen starben. Pure Feigheit vor zusammengekauerten Kröten auf Feuerstühlen. Vollgedröhnt mit schlechtem Acid befanden sie sich für Stunden in einer vergleichbaren Situation wie ihre Altersgenossen im südostasiatischen Dschungel. Ein von Menschenhand ausgelöster Blitz konnte einschlagen und sie auslöschen. Bestialisch, wie der afroamerikanische Zuschauer Meredith Hunter niedergemetzelt wurde. Fast mit derselben mitleidlosen Gewalt wie in My Lai. Manche – und nicht die Dümmsten – behaupten, FBI oder CIA hätten die Angels mit Downers gefüttert und ihnen ordentlich was in den Schnaps getan, damit sie richtig ausflippten. Jedenfalls hatte das Establishment endgültig gewonnen. Der Hippie-Traum und einige andere Träume der Gegenkultur wurden im Matsch von Altamont von aufgeputschten Vollidioten zertrampelt wie Meredith Hunters Körper.

»All dieser Stuss, dass Altamont das Ende einer Ära markiert, ist doch nur intellektuelle Scheiße. Es war das Ende von gar nichts«, sagte Sonny Barger, Präsident der Hells Angels, die einen Kopfpreis auf Mick Jagger aussetzten, weil er schlecht über sie geredet habe. »Altamont konnte nur den Stones passieren. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Den Bee Gees würde so was nie passieren«, sagte Keith Richards.

Doch natürlich wurde es zum Fanal, zum Ende einer Ära. Kurz darauf setzte Charles Manson noch einen drauf. Charles Manson war der Blue-collar-Albtraum-Hippie, der den bourgeoisen Drop-out-Traum zerstörte. Zwei Jahre zuvor war ein Langhaariger ein Bruder – jetzt wusste man das nicht mehr genau. Wenn die Leute es durch Manson und Altamont noch nicht mitgekriegt hatten, dann aber spätestens nach dem Tod von Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison: Die Party war vorbei. Es war das Ende der Sixties. Überall konnte man die Toilettenspülung rauschen hören. Ende der Sechziger lösten sich die Beatles auf. Sie hatten die Musik verändert, die Stones das Lebensgefühl. Als erste Superband des kommenden Jahrzehnts polarisierten sie wie eh und je. Es ist besser, dafür gehasst zu werden, was man ist, als dafür geliebt zu werden, was man nicht ist. Auch ein Unterschied zwischen Stones und Beatles. Irgendwie waren Anfang der siebziger Jahre alle leicht durchgeknallt. Man sah es nicht, aber das Jahrzehnt der Rebellion und der Neuorientierung war allmählich vorbei. Wer je an Love & Peace geglaubt hatte, wurde eines Besseren belehrt. Eine Knarre ­oder ein Scheckbuch machten noch immer mehr Eindruck als verwelkte Blumen. Was der Stones-Fan schon länger ahnte, ging auch der Szene auf: Machtverhältnisse lassen sich nicht durch Peace-Zeichen, tägliches Schädeldeckenabheben und WG-Rumgehänge ändern. Wenn die Stones damals eine richtige Botschaft rüberbrachten, dann die, dass man sich ­keine Illusionen mehr erlauben konnte und dass die Zukunft nicht die Vergangenheit des übernächsten Trips ist.

Mit dem Album »Let It Bleed« gaben sie 1969 eine Vorschau auf das, was in den Siebzigern auf uns zukommen sollte. Mit dem Nachfolger »Sticky Fingers« war man 1971 bereits voll im neuen Jahrzehnt, das aus Junk, Kaputtgehen, zerbrochenen Träumen, Zynismus, Ausverkauf der Sixties und Neuaufrüstung des Systems bestehen sollte. Wenn man die Welt schon nicht verändern konnte, wollte man wenigstens massenhaft Drogen, Sex und Konsum. Das war die Rache dafür, dass man nicht länger als ­guter Mensch leben konnte. Dabei waren wir die Generation, die niemals alt werden würde. Wir würden nie zum Establishment gehören.

1998 sagte Jagger: »Rebellion, ja, die lag damals in der Luft, und es war sicher der Schwung, der den Stones half. Rebellion hat unserem Erfolg, aber nie der Musik genützt. Rock ’n’ Roll ist nicht deshalb gute Musik, weil sie rebellisch war. Ich meine, waren Bill Hailey oder Elvis ­Revoluzzer? Sicher nicht. Aber Rock ’n’ Roller.«
Das Ende der Sechziger-Stones war nicht ­Altamont, sondern der 12. Mai 1971 in St.Tropez. Jagger, der intelligente, zynische Rocker, als der er sich bis dato mehr oder weniger glaubwürdig verkauft hatte, heiratete ein Jet-Set-Girl und ließ eine Hochzeit ausrichten, wie sie sich nur ein komplett angetörnter Walt Disney hätte ausdenken können. Es war der Gipfel von Kitsch und Geschmacklosigkeit, schlimm wie ein Elvis-Film. Richards bäumte sich noch mal schwach gegen das Kommende auf, als er während der Feier einen Ascher durch ein geschlossenes Fenster warf. Das war wohl der Akt, der den Fans endgültig klar machte, dass die Stones-Krone künftig ein Junkiehaupt zieren würde. Keith, the human riff, war zwar längst auf seiner langen Odyssee durch sämtliche Heroinlatrinen, behielt aber seine Credibility.

Mit Jaggers Jet-Set-Gehoppse und Richards Abdriften in die Welt der harten Drogen waren die Stones anders geworden. Der ganze Mythos war in die Luft geflogen. Sie waren zu einer Scheiß-Siebziger-Band mutiert. Nach wie vor gute Musik, aber auch Arschlöcher auf dem Weg nach Las Vegas. Sie tummelten sich an der Côte und machten 1972 das Album »Exile on Mainstreet«.

Jagger wurde echt zum Problem. Klasse war sein Auftritt in Nicholas Roegs Film »Performance« (1968) gewesen. Die rausgeschnittenen Hardcore-Szenen wurden in Amsterdam auf ­einem Porno-Festival gezeigt und brachten ­Jagger einen Preis als bester Pornodarsteller ein. Hat er nie abgeholt. Journalisten, die in den Sechzigern die Stones am liebsten in die Folterkeller gesperrt hätten, sabberten jetzt hinter Jagger her und befragten ihn als Jugendorakel. Er verkörperte Disco, bevor es Disco überhaupt gab. Aus dem Che Guevara der Jugendvorstellung war der Liberace der Sixties-Revolte geworden.

Aber Jaggers Fans der ersten Stunde waren nicht besser. Die Rebellion war vorüber und entließ orientierungslose Veteranen. Die Visionen begannen zu verschwimmen. Irgendwas war schiefgelaufen. Was, das durchschauten nur die harten Zyniker und Conspiracy-Freaks. Man sah die Kumpels jetzt weniger. Keine ­Frage: Diese Generation hatte auch versagt. Als es nämlich anfing, ernst zu werden, kauften wir uns lieber Kopfhörer für die Stereoanlage. Langsam und klammheimlich wurde der Friede mit dem System gemacht. Bloß nicht mehr auffallen. Der Dealer meines Vertrauens. Wie im Werbefernsehen. Hauptsache, sie ließen einen kiffen, sperrten einen nicht ein und ­erlaubten die kleinen, miesen Freuden einer feierabendlichen Gegenkultur. Die Guevara-Poster vergilbten. Autos mussten her, um wenigstens am Wochenende in Amsterdam die verspielte Jugend zu beschwören.
Insofern spiegelt Jagger die Karriere der Achtundsechziger-Generation: von der Rebellion zu den Geldtöpfen. Vom Widerstand gegen das System zum Establishment. Heute ist er ­einer der ganz Großen. Wie Elvis und die Beatles ist er sein eigenes Genre. Die Definition des Superstars, eine eigene Gelddruckmaschine.

Aber er hat die Rolling Stones auch durch die Zeit geführt und dafür gesorgt, dass sie nicht, wie so viele Sechziger-Bands, einfach in der Versenkung der Nostalgie verschwanden. Er ist auch der eigentliche musikalische Kopf der Band. Keith Richards ist der konservative Rhythm-and-Blues-Mann, immer auf der Suche nach dem perfekten Riff. Jagger war immer für neue Trends offen, um sie in die Musik der Stones zu integrieren. Zusammen mit Richards griff er Stilrichtungen, von Country bis Rap und Worldmusic auf, drehte sie durch den Rolling-Stones-Fleischwolf und spuckte einen aktuellen Stones-Song aus. Als Popikone ist er wie der Saurier vor dem Meteor: zu schwach, um noch die Welt zu beherrschen, aber noch stark genug, um sich in ihr zu behaupten.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Baumwolle und Blut

Marx, Engels und der Amerikanische Bürgerkrieg.
 - von Peter Bierl, Jungle World , 4.7.2013

Bei strömendem Regen marschiert die geschlagene Armee der Sklavenhalter am 4.Juli 1863 zurück nach Süden. Drei Tage lang hatten die Konföderierten bei Gettysburg die Truppen der Union angegriffen. Am ersten Tag hatten die grau uniformierten Soldaten der Südstaaten ihre in Blau gekleideten Gegner auf die Hügel östlich des Städtchens zurückgedrängt. Am zweiten Tag scheiterten sie bei dem Versuch, die Flanken der Unionsarmee zu durchbrechen, und am dritten und letzten Tag endete ihr Frontalangriff im Zentrum in einem Desaster. Von 15 000 Angreifern wurde die Hälfte von den Kanonen und Musketen der Yankee-Armee niedergemäht. »Pickett’s Charge«, benannt nach George Pickett, dem Kommandeur der Division der Konföderierten, entschied in Pennsylvania die Schlacht, die den Wendepunkt des amerikanischen Bürgerkriegs darstellte.
Diese Schlacht, die vor genau 150 Jahren stattfand, ist mit mehr als 50 000 Toten und Verwundeten die blutigste, die je auf amerikanischem Boden ausgetragen wurde. Es ist die erste klare Niederlage, die die konföderierte Armee auf dem östlichen Kriegsschauplatz erleidet. Ihr Oberbefehlshaber Robert E. Lee verliert den Nimbus des Unbesiegbaren, seine Armee die Initiative. Lees Strategie, die Yankees mit einer Offensive zu zermürben, vielleicht gar die Hauptstadt Washington oder Philadelphia zu bedrohen und England und Frankreich zur diplomatischen Anerkennung der Konföderation zu bewegen, ist gescheitert.

Während Lee am Unabhängigkeitstag der USA die geschlagenen Truppen über den Potomac nach Virginia führt, beendet Nordstaaten-General Ulysses S. Grant im Westen den Feldzug gegen Vicksburg, die letzte größere Bastion der Konföderation am Mississippi. Die ausgehungerte Besatzung von 30 000 Mann kapituliert. Strategisch ist es der bis dahin bedeutendste Sieg der Unionsarmee. Wenige Tage später hat der Norden die Kontrolle über den gesamten Fluss, einen zentralen Transportweg, wiederhergestellt, die Konföderation ist geteilt. Mit diesem zweifachen Sieg Anfang Juli 1863 ist der Krieg militärisch vorentschieden.

Der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 ist neben dem Kampf um die Unabhängigkeit (1776–1783) das zentrale Ereignis in der Geschichte des Landes und eines der bedeutendsten Ereignisse der Neuzeit. Das Ende des Konflikts bringt rund vier Millionen Afroamerikanern die Befreiung von der Sklaverei, wenn auch nicht von rassistischer Unterdrückung. Ein bürgerlich-demokratisches System, das es zu dieser Zeit sonst nirgendwo in vergleichbarer Form gab, hatte seine schwerste Bewährungsprobe bestanden. Die Einigung des Landes schuf die Voraussetzung dafür, dass die USA das britische Empire als Weltmacht ablösen konnten. Friedrich Engels prognostizierte bereits 1864 den Aufstieg der USA einschließlich des Siegeszugs imperialer Politik. Die neue Armee und Flotte würden, so schrieb er, bald auch Verwendung finden. Hätte der Norden verloren und hätten die USA sich in mehrere Staaten geteilt, wäre die Geschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen. Schauerlich die Vorstellung, der deutsche »Griff zur Weltmacht« (Fritz Fischer) wäre bereits im Ersten Weltkrieg von Erfolg gekrönt gewesen.

Der amerikanische Bürgerkrieg ist der erste moderne Krieg, mit U-Booten, Panzerschiffen, Heißluftballonen und Massenheeren, die sich auf riesigen Territorien gegenüberstehen. Die Muskete als gebräuchlichste Infanteriewaffe ist zwar ein einschüssiger Vorderlader. Eingesetzt wird allerdings eine verbesserte Variante mit größerer Reichweite und Zielgenauigkeit, die zusammen mit der Artillerie für enorme Verluste der Gegner sorgt, zumal die militärische Taktik der Entwicklung der Waffentechnik hinterherhinkt. Ordentlich in Reih’ und Glied marschieren die Soldaten aufeinander los. Hätte man mit älteren Musketen nur wenige getroffen, mähen die Salven aus verbesserten Waffen ganze Reihen nieder. Zugleich ist der Stand von Medizin und Hygiene oft noch fast mittelalterlich: Viele Soldaten sterben am Wundbrand, den miserablen sanitären Verhältnissen in den Camps fallen mehr Menschen zum Opfer als den Kampfhandlungen.

Nach der Schlacht von Gettysburg agiert der Süden defensiv. Was die Soldaten beider Seiten in den Schützengräben in Virginia im Sommer und Winter 1864 erleben, wiederholt sich später in anderer Konstellation an der Westfront 1914 bis 1918. Die Amerikaner hatten 1861 – wie viele Europäer im Sommer 1914 – geglaubt, die Sache werde nach ein bis zwei Treffen ausgestanden sein, in denen sich Fußvolk mit wehenden Fahnen und schneidige Kavalleristen auf offenem Feld gegenübertreten. Diese Hoffnung erklärt, warum sich zunächst Zehntausende freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Im Norden musste die Regierung unter Abraham Lincoln jedoch später die Wehrpflicht einführen, worüber es zu scharfen Auseinandersetzungen kam.

Die Massenheere und die Massenproduktion von Waffen und Verpflegung erforderten, die Zivilbevölkerung stärker zu mobilisieren als je zuvor. Beide Seiten schlachteten militärische Erfolge propagandistisch aus und versuchten, die Bevölkerung der jeweiligen Gegenseite durch Offensiven zu beeindrucken. Lees Vorstöße nach Maryland im Jahr 1862 und nach Pennsylvania 1863 sollten die Yankees reif für den Frieden machen. Auf dem Marsch durch Georgia und die Carolinas zerstörten Unionstruppen 1864 Bahnanlagen, Fabriken und Ernten, um die Versorgung der Konföderation zu unterbinden und den Durchhaltewillen der Zivilisten zu brechen. Unterwegs schlossen sich Tausende Deserteure der Südarmee und rebel­lische Sklaven den Unionstruppen an.

Rasse und Klasse
Wenn dieser Konflikt im historischen Bewusstsein und in den Geschichtsbüchern der Europäer eine marginale Rolle spielt, dann weil Medien und Schulen jedes Landes sich hier noch immer darauf konzentrieren, Geschichte als erfolgreiche Herausbildung des eigenen Nationalstaates darzustellen. Zudem verhindert in Eu­ropa der Antiamerikanismus jede differenzierte Beschäftigung mit den USA, die vielen weiterhin als Schurkenstaat gelten. Wären Marx und Engels ebenso ignorant gewesen wie manche antiimperialistische und globalisierungskritische Linke von heute, hätten sie vielleicht unter dem Motto »Kein Blut für Baumwolle« Friedensdemonstrationen gegen geldgierige Yankees veranstaltet und damit die rassistische Konföderation der Sklavenhalter gestärkt.

Dabei ist dieser Konflikt für radikale Linke hochinteressant: Klassenverhältnisse und Rassismus waren in ihm untrennbar verknüpft. Aus dieser Diagnose ergeben sich Fragen nach der Bedeutung und dem Verhältnis von »objektiven« ökonomischen und gesellschaftlichen Tatsachen und »subjektiven« handlungsleitenden Einstellungen. Außerdem lassen sich am Ausgang des Krieges die Erfolge und Grenzen von Bündnispolitik beispielhaft veranschaulichen. Der Sieg der Union beruhte auf einer breiten Koalition, in der die Abschaffung der Sklaverei am Anfang nur von einer Minderheit gefordert wurde. Umgekehrt trug der Rassismus der Weißen im Norden zu einer schnellen Versöhnung beider Seiten bei, so dass die Rebellen im Süden bald rehabilitiert wurden und die Großgrundbesitzer ungeschoren blieben. Dagegen wurden die Afroamerikaner nach dem Ende der Periode der sogenannten reconstruction entrechtet und waren bis in die sechziger Jahre hinein einem institutionalisierten Rassismus sowie dem Terror des Mobs ausgesetzt, der Tausende von Schwarzen lynchte.

Religion und Moralvorstellungen waren eine mächtige Triebkraft in dem Konflikt. Die Legitimität der Gesellschaftsordnung im Süden wurde im Norden klassenübergreifend und grundsätzlich untergraben durch Harrriet Beecher Stowes Bestseller »Uncle Tom’s Cabin« (»Onkel Toms Hütte«, 1852), einen rührseligen Kitsch­roman, der die »besondere Institution«, wie die Sklaverei euphemistisch genannt wurde, an ihrem moralisch empfindlichsten Punkt traf, indem er beschrieb, wie Ehegatten, Eltern und Kinder durch den Sklavenhandel auseinandergerissen wurden. Der Abolitionismus wurde getragen von einer protestantischen Bewegung, der Bürgerkrieg galt vielen im Norden als Kampf gegen die Mächte des Bösen, die Union dagegen als Vertreterin der Sache Gottes. John Brown war ein bibelfester Puritaner, der den bewaffneten Kampf predigte und mit aller Härte führte. Sein Versuch, durch die Erstürmung des Armeearsenals von Harper’s Ferry 1859 einen allgemeinen Sklavenaufstand auszulösen, scheiterte. Sein Tod am Galgen aber adelte in den Augen vieler seine Ziele. Als er hingerichtet wurde, läuteten im Norden die Kirchenglocken. Der Song mit dem Refrain »John Brown’s body lays a-mouldring in the grave, but his soul goes marching on« avancierte zum beliebtesten Marschlied der »blauen« Soldaten, ja geradezu zur Hymne der Union.
Marx und Engels haben sich intensiv mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigt. Marx trat in Großbritannien vor Antikriegsversammlungen mit Tausenden von Teilnehmern auf, die gegen die Unterstützung der Sklavenhalter durch das Empire protestierten. Zwar ist den vielen Zeitungsartikeln und Briefen, die die beiden über Amerika verfassten, kein Werk wie »Der Bürgerkrieg in Frankreich« gefolgt, in dem Marx die Epoche von der Revolution von 1848 bis zum deutsch-französischen Krieg und der Pariser Commune 1871 analysierte. Dennoch sind Marx’ und Engels’ Schriften zum Amerikanischen Bürgerkrieg aufschlussreich, weil sie zeigen, was Marx meinte, als er im »Kapital« betonte, er wolle das Kapital darin im idealen Durchschnitt darstellen, während der real existierende Kapitalismus in einzelnen Ländern anhand konkreter Gegebenheiten und empirischer Studien zu analysieren sei.

Marx und Engels befassen sich in ihren Schriften zum Bürgerkrieg mit den Ursachen des Konflikts, dem Kriegsverlauf, den Auseinandersetzungen zwischen den politischen Parteien sowie den Klassen der amerikanischen Gesellschaft. Engels als Militärexperte konzentrierte sich auf die Schlachten und Feldzüge. Der »General«, so sein Spitzname, erkannte das Neuartige dieses Kriegs und skizzierte bereits 1862 jene Strategie, die die Kommandeure Ulysses S. Grant und William T. Sherman zwei Jahre später tatsächlich verfolgen sollten, indem die Unionsarmee mit Georgia das geographische Zentrum der Konföderation besetzte, an die Küste von Carolina marschierte und das Gebiet der Konföderation so ein weiteres Mal spaltete.

Bis dahin trieben schwere Niederlagen der Union und die Unfähigkeit vieler ihrer Generäle Engels zur Verzweiflung. »Wir sind im Arsch«, schreibt er im Sommer 1862 an Marx und bekräftigt so seine Solidarität mit der Union. Marx ist vom Sieg der guten Sache, der Befreiung der Sklaven, überzeugt, die für ihn revolu­tionären Charakter hat; irgendwann müsse sich das Übergewicht an Menschen und Ressourcen des Nordens schließlich auswirken. Entscheidend war jedoch für Marx und Engels, ähnlich wie für die radikalen Führer der Schwarzen wie Frederick Douglass, dass die Lincoln-Regierung ihr Zögern aufgab, die Sklavenbefreiung offensiv als Ziel proklamierte und die Schwarzen bewaffnete.

Die Ineffizienz der Sklaverei

Marx hat sich schon früh mit den USA beschäftigt, las das berühmte Buch von Alexis de Toqueville (1835) über die Demokratie in Amerika und erwog 1843 sogar, nach Texas auszuwandern. In der frühen Schrift »Die deutsche Ideologie« (1846) charakterisieren Marx und Engels die Vereinigten Staaten als vollendetes Beispiel eines modernen Staats, der nur um des Privat­eigentums willen existiere. Der religiöse Pluralismus in Amerika diente Marx als Vorbild für die Trennung von Staat und Kirche, für ein Land, in dem Konfession und Religion Privatsache sind. 1849 lobte Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung die demokratischen Traditionen und Institutionen in den USA, die dem bürokratisch-autoritären Preußen vorzuziehen seien. Im Londoner Exil schrieb er ab 1852 als Korrespondent für die New York Tribune über den Krimkrieg und die italienische Einigung, die Weltwirtschaftskrise von 1857, die britische Innen- und Weltpolitik, die Opiumkriege in China und den Aufstand indischer Sepoy-Soldaten gegen die Kolonialherrschaft.

Insgesamt schrieb Marx rund 350 und Engels etwa 125 Beiträge für das Blatt, das als Organ des liberalen Bürgertums galt und im ganzen Land gelesen wurde. Der Chefredakteur, Charles Dana, hatte Marx 1848 in Köln besucht und zur Mitarbeit aufgefordert, im Bürgerkrieg arbeitete Dana dann als Staatssekretär im Kriegsministerium. Der Herausgeber des Blattes, Horace Greely, war ein linksliberaler Reformer und Abolitionist und mit Lincoln befreundet. Selbstverständlich berichtete die Tribune umfassend über den Bürgerkrieg, braucht dafür aber keinen ausländischen Korrespondenten. Im März 1862 verlor Marx den Job, immerhin über Jahre hinweg eine seiner Haupteinnahmequellen, auch wenn er oft klagte, dass Honorare nicht einträfen oder seine Beiträge verstümmelt worden seien.

Für die Wiener Zeitung Die Presse schrieb Marx seit 1861 mehr als 50 Artikel, in etlichen Beiträgen versuchte er, den europäischen Lesern die Ereignisse jenseits des Atlantik zu erklären. Dieses Engagement endete ebenfalls 1862, weil seine Ansichten der Redaktion zu radikal erschienen. Zu berücksichtigen ist bei den Schriften über den Bürgerkrieg, dass Marx selbst nie in den USA war, Engels reiste erst im Sommer 1888 nach Nordamerika. Beide waren für ihre Studien auf Zeitungen und Briefe von Freunden angewiesen. Viele ihrer alten Kampfgenossen aus der Revolution von 1848 waren in die USA emigriert und kämpften dort in den Reihen der Republikaner und der Unionsarmee gegen die Sklaverei, darunter Joseph Weydemeyer. Marx besuchte, um sich zu informieren, in London ein amerikanisches Kaffeehaus, in dem Zeitungen aus dem Norden und Süden auslagen, Engels wartete in Manchester auf Schiffe, die Depeschen mit den neuesten Nachrichten aus Amerika brachten. Erst 1866 konnte beim zweiten Versuch das erste Seekabel verlegt werden, das eine einigermaßen sichere Telegrafenverbindung zwischen Amerika und Europa herstellte.

Trotz dieser schwierigen Arbeitsbedingungen beschreibt Marx präzise die Ursachen und Auslöser des Kriegs. Für ihn steht fest, dass sich die Sklaverei ausbreiten müsse, um profitabel zu sein und zu überleben. Dabei argumentiert er ökonomisch und politisch. Die Sklaverei brauche fruchtbaren Boden, der nur einfache Tätigkeiten nötig mache. Intensive Landwirtschaft widerspreche dem System, denn der Sklave sei kaum motiviert, qualifizierte Arbeit sorgfältig zu leisten. Die extensive Wirtschaft aber lauge den Boden aus, so dass ständig neues Land gewonnen werden müsse. Das Argument ist ein wenig schwach, weil die amerikanischen Pflanzer Dünger hätten einsetzen können wie auf Kuba. Stichhaltiger und offensichtlich war jedoch, dass die Sklavenhalter den Staatsapparat nur dominieren konnten, wenn neue Bundesstaaten, in denen Sklaverei herrschte, in die Union aufgenommen würden. Für die Verteilung der Sitze im Repräsentantenhaus waren und sind die Bevölkerungszahlen ausschlaggebend. Dort gewannen die Abgeordneten aus freien Staaten eine immer größere Mehrheit, weil der damalige Nordwesten, der heutige mittlere Westen, immer dichter besiedelt wurde. Die Bevölkerung des Nordwestens sei 1860 alleine schon so stark wie die des Südens, bemerkt Marx. Der gesamte Norden hatte mehr als 20 Millionen Einwohner, der Süden rund zwölf Millionen, von denen ein Drittel Sklaven waren. Nach dem Kompromiss der Gründerväter wurde jeder Sklave bei der Zuteilung von Sitzen im Repräsentantenhaus nur mit drei Fünfteln gewichtet, was den Anteil der Sklavenhalter weiter schmälerte. Nur im Senat, wo ­jeder Staat unabhängig von seiner Größe und Bevölkerungszahl zwei Sitze innehatte, konnte der Süden eine Vetomacht behalten, vorausgesetzt, dass nicht nur freie, sondern auch neue Sklavenstaaten in die Union aufgenommen werden.

Die These von Marx lautete, dass die Sklavenfrage zentral sei, »nicht in dem Sinne, ob die Sklaven innerhalb der bestehenden Sklavenstaaten direkt emanzipiert werden sollten oder nicht, sondern ob die 20 Millionen Freien des Nordens sich länger einer Oligarchie von 300 000 Sklavenhaltern unterordnen sollten«. Darum, so Marx, wollten die Sklavenhalter nicht bloß ihre bisherigen Staaten vereinen, sondern ihre Macht auf das ganze Territorium der USA ausdehnen. Sie führten einen »Eroberungskrieg zur Ausbreitung und Verewigung der Sklaverei«.

Der »Racencharakter« und das Kapital

Bereits 1619 war das erste Schiff mit Afrikanern in der Kolonie Virginia eingetroffen. Im 18.Jahrhundert schufteten schwarze Sklaven und weiße Zwangsarbeiter in den englischen Kolonien in Nordamerika. Manchmal flüchteten oder rebellierten sie gemeinsam, manchmal kämpften sie zusammen mit Indianern gegen ihre Herren. Eine solche Kooperation suchten Kolonialmacht und Plantagenbesitzer zu verhindern. Den weißen Zwangsarbeitern, deren Dienst ohnehin zeitlich begrenzt war, wurden als Freie gewisse Rechte gewährt, etwa das Recht, Waffen zu tragen. Gleichzeitig wurden von Massachusetts im Norden bis South Carolina im Süden Ehen zwischen Weißen und Schwarzen verboten. So entstand jene color line, wie der sozialistische Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois es nannte, Rassismus als Herrschaftsinstrument einer weißen herrschenden Klasse, den die armen Weißen als Einstellung ebenfalls verinnerlichten. Immerhin genossen diese im Unterschied zu den Schwarzen Grund- und Bürgerrechte, wenngleich manche Südstaaten sie etwa durch ein Zensuswahlrecht beschränkten.

Die Sklaven mussten in Virginia, North Carolina und Kentucky Tabak, in South Carolina Reis und später im tiefen Süden Baumwolle anbauen. Viel Geld ließ sich dadurch aber erst seit der Industrialisierung verdienen. Die Erfindung der Baumwollentkörnungsmaschine (1794) steigerte die Produktivität enorm, für einen weiteren Schub sorgte deren Antrieb durch Dampfmaschinen. Die entsprechende Nachfrage enstand dank der englischen Textilfabrikanten. »King Cotton« regierte bald den Süden. Die Sklaverei verschwand keineswegs, wie manche Gründerväter gemeint hatten. Im Gegenteil, die Zahl der Sklaven verzehnfachte sich zwischen 1790 und 1860 auf vier Millionen. Und die Sklavenhalter diktierten die Außenpolitik der jungen Republik. Thomas Jefferson hatte die schönen Worte von Leben, Freiheit und Streben nach Glück in der Unabhängigkeitserklärung formuliert. Im Laufe seines langen Lebens besaß Jefferson als Plantagenbesitzer auch Hunderte von Menschen. Er ließ sie auspeitschen und verkaufte einige in den Süden, um die anderen einzuschüchtern. Als Präsident signalisierte Jefferson Kaiser Napoleon, dass er eine Invasion Haitis durch die frühere französische Kolonialmacht billigen werde. Die Schwarzen auf der Insel hatten mit ihrer erfolgreichen Revolte, bei der sie französische und spanische Truppen besiegten, den Sklavenhaltern in den USA einen Schrecken eingejagt. Die US-Pflanzer fürchteten, das Beispiel könnte Schule machen. Nur der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, John Adams, aus Massachusetts stammend und nur vier Jahre im Amt, unterstützte die junge Republik Haiti.
Auch in den sogenannten Seminolen-Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts ging es um die Sklaverei. Die Seminolen waren eine Gruppe von Indianern, entflohenen Schwarzen und unzufriedenen Weißen. Aus der Perspektive der Sklavenhalter ging es dabei darum, einen gefähr­lichen Widerstandsherd zu zerschlagen, der durch Rassismus erzeugte Spaltungen überwunden hatte. Der Krieg gegen Mexiko 1846/47 sowie die Annexionen von Texas und dem Südwesten, die Engels seinerzeit als historischen Fortschritt gerechtfertigt hatte, weil er die Mexikaner für unfähig hielt, die kapitalis­tische Entwicklung zu befördern, dienten in Wahrheit der Ausbreitung der Sklaverei. Mexiko hatte sie nach der Unabhängigkeit von Spanien offiziell verboten. Die Invasionen amerikanischer Abenteurer in Kuba und Zentralamerika in den Jahren vor dem Bürgerkrieg wurden von den Südstaaten und ihrem poli­tischen Personal in Washington unterstützt, um die Sklaverei auszudehnen.
Der Protest gegen diese Expansionspolitik, dem sich etwa Lincoln als junger Abgeordneter 1848 anschloss, war zwar durch die Ablehnung der Sklaverei motiviert. Diese Haltung war aber nur bei wenigen Ausdruck einer prinzipiellen Gegnerschaft, noch seltener einer Sympathie für die Schwarzen oder gar einer antirassistischen Haltung. Die meisten Arbeiter, Bauern und Handwerker im Norden vertraten lediglich ihre materiellen Interessen. Sie fürchteten um den Wert ihrer selbständigen oder lohnabhängigen »freien« Arbeit in der Konkurrenz mit der Sklaverei, aber auch mit freien Schwarzen. Marx machte sich darüber keine Illusionen. Die Wahlsiege der Demokratischen Partei 1862 im Norden erklärte er mit einer Propaganda, die Vorurteile schürte: Die Iren sähen die Schwarzen als Konkurrenz an und die Bauern im Nordwesten hassten sie »in zweiter Linie nach dem Sklavenhalter«. Die demokratische Presse verbreite täglich Schreckensmeldungen, denen zufolge nach einem Sieg der Republikaner die »Nigger« ihre Territorien überschwemmen würden. Das rassistische Schimpfwort setzte Marx in Anführungszeichen. Die Demokratische Partei der USA, die heute mit Barack Obama den ersten schwarzen Präsidenten stellt, war damals in ihrer Mehrheit für die Sklaverei und blieb rassistisch bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Zur Zeit des Bürgerkriegs war der Rassismus als Ideologie in Europa und Nordamerika enorm verbreitet. Auch wenn sich Wissenschaftler und Schriftsteller nicht einig waren, welche und wie viele Rassen es gebe, wie man sie vonein­ander abgrenzen könne, ob Rassen durch Blut, Boden oder »geistig« bestimmt seien, stimmten sie darin überein, dass sich alle Menschen auf diese Weise klassifizieren ließen. Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen galten als angeboren und durch die jeweilige Rasse determiniert, es gebe Herren- und Sklavenrassen. Marx übernimmt die rassistische Kategorie der Rasse, etwa wenn er im dritten Band des »Kapital« einen »angebornen Racencharakter« unterstellt und behauptet, dieselbe ökonomische Basis von Gesellschaften bringe »unend­liche Variationen und Abstufungen in der Erscheinung« hervor, die »zahllos verschiedene empirische Umstände, Naturbedingungen, Racenverhältnisse, von außen wirkende geschichtliche Einflüsse« verursachen. Berüchtigt sind seine Schimpftiraden, etwa die Beleidigung Ferdinand Lassalles als »jüdischen Nigger«, in der antisemitisches und rassistisches Vorurteil zusammenkommen.

Die Ursachen des Bürgerkriegs

Gleichwohl ist die Marxsche Theorie frei von jedem systematischen Bezug auf irgendwelche Rassenlehren. In seinen Schriften zum US-Bürgerkrieg distanziert sich Marx von der rassistischen Doktrin, wonach nur bestimmte Rassen der Freiheit fähig, die anderen aber zum Arbeiten geboren seien, darunter »die Neger im Süden und die Deutschen und Iren im Norden«. Das lehnt Marx ab. Er warnt, dass, gestützt auf diese Lehre, im Falle eines Sieges der Sklavenhalter auch die weißen Arbeiter im Norden auf das »Niveau des Helotentums« gedrückt würden. Dass Marx die Kategorie der Rasse übernimmt und Rassismus als wirkmächtigen Faktor gesellschaftlicher Entwicklungen ausblendet, hat jedoch Folgen für seine Analyse. Das Handeln sowohl der armen Weißen des Südens als auch der Mittelschicht und der Arbeiter des Nordens ließ sich nämlich aus ökonomischen und sozialen Faktoren nicht vollständig ableiten.

Erklärbar war, dass ein Teil der freien Bauern, Handwerker und Arbeiter der Südstaaten zur Union hielt, was sich am Widerstand gegen die Sezession in Teilen von Tennessee und vor allem Virginia zeigte, wo es zur Abspaltung von West Virginia kam. Schwieriger wurde es mit der Masse der armen Weißen im Süden, die von den Sklavenhaltern als white trash, als weißer Müll, diffamiert wurden. Marx vergleicht sie mit den Plebejern im alten Rom. Sie würden mit der Aussicht, selbst einmal zu Sklavenhaltern aufzusteigen, »gekirrt«, was ein weiteres Motiv für die Expansionspolitik darstelle. In einem anderen Text nennt Marx sie »geborene Filibuster«, also Freibeuter, wie sie Mitte des 19.Jahrhunderts auf Kuba und in Nicaragua einfielen, die einen Bandenkrieg im Süden führen könnten. Im Mai 1862 postulieren Marx und Engels in einem gemeinsam verfassten Artikel einen Gegensatz zwischen der Masse der Weißen im Süden und der Sklavenhalteroligarchie. Sie behaupten, die Bevölkerung würde sich am Krieg kaum beteiligen. Tatsächlich kämpften und starben Zehntausende von weißen Südstaatlern, die keine Sklaven hatten, in den Reihen der Konföderation, weil sie wie ihre Herren davon überzeugt waren, dass die Sklaverei rassisch gerechtfertigt sei, aber auch für die Idee einer ländlich geprägten Gesellschaft, mit wenig Staat und niedrigen Steuern, in der man auf riesigen unbebauten Ländereien jagen und sein Vieh weiden konnte.

Viele Bauern besaßen damals nur ein paar Sklaven oder Familien einige Hausdiener. Um 1850 lebte die Hälfte der Sklaven auf Farmen mit weniger als 20 Sklaven, insgesamt gab es etwa knapp 400 000 Sklavenhalter. Ein prominentes Beispiel für die Ambivalenz kleiner Leute aus dem Norden in Hinblick auf die Sklaverei ist Ulysses S. Grant, der als Oberkommandeur die Union zum Sieg führen und als Präsident später entschieden gegen den Ku-Klux-Klan vorgehen sollte. Grant war zwar kein Abolitionist, stammte aber aus Ohio, wo eigene, harte Arbeit als Tugend und die Sklaverei als ihr Gegensatz und somit als unvereinbar mit republikanischen Prinzipien galt, weshalb Grant diese Institution eigentlich ablehnte. Seine Frau stammte aus Missouri, einem Sklavenstaat, ihr Vater besaß Feldsklaven, sie selbst brachte Haussklaven in die Ehe mit. 1854 brach Grant seine militärische Karriere ab und bewirtschaftete eine Farm in Missouri. In Sklavenstaaten war jedoch harte Arbeit auf dem Feld ein Makel, dazu waren allein Schwarze und white trash verdammt. Grants Ansehen bei den Nachbarn sank, weil er selbst auf seinem Land ackerte, einen Lohnarbeiter konnte er nicht anheuern und kaufte schließlich selbst einen Feldsklaven. Die Farm blieb unrentabel, die Wirtschaftskrise 1857 sorgte für einen Preisverfall, schließlich erkrankte Grant an Malaria und gab die Landwirtschaft auf.
Treffender als die Überlegungen zu den armen Weißen des Südens war Marx’ Urteil über die Ursachen des Bürgerkriegs, die er allein in der Sklaverei ausmachte, ähnlich den meisten Zeitgenossen in den USA. In England taten jedoch die Freunde der Konföderation, als ginge es um Zölle und die Rechte der Einzelstaaten. Manche Liberale sprachen gar vom Recht auf Selbstbestimmung, zumal die Sezession ja von den Parlamenten der Südstaaten beschlossen worden war. Marx zerpflückte die Rechtfertigungen britischer Kriegstreiber: Der Süden habe keine Skrupel gehabt, in die Rechte der Einzelstaaten einzugreifen, als es darum ging, entflohene Sklaven im Norden gefangenzunehmen, und der Zuckerrohranbau in Louisiana werde auch durch Zölle geschützt.

Später, nach dem Ende der reconstruction, übernahmen in den USA ehemalige Konföderierte und ihre Unterstützer im Norden die Deutungshoheit. Sie verbreiteten die Legende vom Kampf des Südens um seinen Lebensstil und um die Selbstbestimmung der Einzelstaaten, die erst im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung wieder in Frage gestellt wurde. Allerdings suggeriert selbst Howard Zinn in seinem linken Standardwerk »People’s History of the United States« (1995), die Elite der Nordstaaten habe lediglich Schutzzölle für ihre Industrieprodukte, einen freien Markt, eine staatliche Zentralbank, freies Land und freie Arbeitskräfte angestrebt. Das ist nicht falsch, spielt aber die Bedeutung der Sklavenfrage herunter. Klassenübergreifend wurde im Norden die Sklaverei als Hindernis für die weitere Entwicklung angesehen. Tatsächlich scheiterte Mitte des 19. Jahrhunderts der Versuch, den Süden zu industrialisieren, an den Plantagenbesitzern, die ihr Kapital lieber in Land und Sklaven investierten. So blieb der Süden eine unterentwickelte Exportökonomie, mit geringer Infrastruktur und hohem Analphabetismus auch unter den Weißen.

Noch heute wird der Bürgerkrieg in der Reenactment-Szene und in einigen populären Büchern und Filmen glorifiziert und enthis­torisiert. Südstaaten-Generäle, allen voran Lee, dazu »Stonewall« Jackson, ein fundamentalistischer Christ, und der Kavallerieoffizier Jeb Stuart erscheinen als ritterliche Gentlemen und geniale Feldherren. Nach bürgerlichen Maßstäben waren sie Landes- und Hochverräter, die gegen ihren Eid als Offiziere der Union verstießen. Konföderierte Soldaten folterten und ermordeten gefangene schwarze Unionssoldaten und deren weiße Offiziere gnadenlos. Berüchtigt sind Massaker wie jenes von Fort Pillow, als Südstaatler ihre besiegten schwarzen Gegner an Zeltrahmen kreuzigten und verbrannten. Marx und Engels erkannten zwar die militärischen Fähigkeiten der Südstaaten-Generäle an, aber sie vergaßen nie, wozu diese dienten.
Kenntnisreich analysierte Marx die politische Entwicklung hin zum Bürgerkrieg. Infolge der Westexpansion musste bei jedem neuen Bundesstaat (aber auch schon beim Territorialstatus) entschieden werden, ob es ein Sklaven- oder freier Staat werden sollte. 1820 fand der Kongress einen Kompromiss: Missouri wurde Sklavenstaat, aber alle Gebiete westlich und nördlich sollten frei bleiben. Die Vereinbarung hatte bis zu den Annexionen nach dem Mexiko-Krieg Bestand, als der Konflikt offen ausbrach. Im Streit um die Zukunft Kaliforniens und New Mexicos drohten Südstaatler erstmals mit der Sezession. 1850 sorgte das sogenannte Sklavenfluchtgesetz, das die Behörden im Norden verpflichtete, geflohene Sklaven an ihre Eigentümer auszuliefern, für starke Proteste im Norden. Freie Schwarze, Abolitionisten und ganze Kirchengemeinden leisteten Widerstand gegen die Häscher, sogar gegen Polizei und Militär. Frederick Douglass plädierte für den bewaffneten Kampf. Allerdings war der Rassismus im Norden ebenfalls virulent: Die »freien« Staaten Illinois, Indiana und Iowa verboten den Zuzug von Schwarzen.

Der Nebraska-Kansas-Act teilte 1854 ein riesiges Gebiet im Westen in einen freien und ­einen Sklavenstaat, kündigte im Interesse der Sklavenhalter frühere Kompromisse auf, spal­tete das Land und führte zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen »Freiländern« und dem Mob der Sklavenhalter in Kansas. Aus dem Konflikt entstand die Republikanische Partei, deren Ziel es zwar nicht war, die Sklaverei abzuschaffen, die jedoch deren weitere Ausbreitung verhindern sollte. Schon diese Position genügte jedoch, wie Marx erkannt hat, um einen Bürgerkrieg auszulösen, sobald die Partei die Macht in Washington übernehmen würde, was mit der Wahl Lincolns zum Präsidenten im November 1860 dann auch geschah.

Fortschrittliche Republikaner

Die Republikanische Partei repräsentierte ein breites Bündnis aus Mittelschicht und herrschender Klasse, das die Sklaverei als Hemmschuh, aber auch als moralisches Übel ansah. Zu ihrer Attraktivität bei Habenichtsen trug bei, dass sie eine Landverteilung versprach. 1863 verabschiedete die republikanische Mehrheit im Kongress den Homestead Act: Jeder durfte sich fortan auf unbesiedeltem Land niederlassen, 64 Hektar bewirtschaften und nach fünf Jahren rechtmäßiger Eigentümer werden. Die Abolitionisten stellten die Minderheit in der Partei, selbst unter den Gegnern der Sklaverei gab es etliche Rassisten. Lincoln ist durchaus typisch für die Mehrheit der Partei. Als Bauernsohn durch harte Arbeit aufgestiegen, vertrat er als Anwalt große Eisenbahngesellschaften, als Politiker das Big Business und plädierte für die Einrichtung einer Zentralbank. Die Gleichstellung von Weißen und Schwarzen hielt er für nicht praktikabel, weil er von der Existenz unterschiedlicher Rassen ausging. Noch 1862 wollte er ehemalige Sklaven in Afrika oder Lateinamerika ansiedeln und wehrte sich dagegen, Schwarze in die Armee einzuberufen. Die Sklaverei lehnte er zwar ab, betonte aber als Präsident am Anfang des Bürgerkriegs, könnte er die Union retten, ohne die Sklaven zu befreien, würde er dies tun.

»Old Abe« wage sich nur vorwärts, wenn die Umstände und die öffentliche Meinung ein Zögern verbieten, notierte Marx im Februar 1862. Im Sommer desselben Jahres glaubte Marx, der Übergang zur revolutionären Kriegsführung sei eingetreten: Die Regierung schaffte die Sklaverei in der Hauptstadt und den Territorien ab, in West Virginia stufenweise. Sklaven wurden frei, sobald sie die Linien der Union erreichten, und wurden überdies militärisch organisiert. Engels polemisierte indessen gegen die »Feigheit in Regierung und Kongress«, Lincoln verklausuliere jede »Scheinmaßregel«, und ein General agiere dümmer als der andere. Der Norden werde am Ende siegen, auch wenn der Kampf sich in die Länge ziehe, war die felsenfeste Überzeugung von Marx: »Es scheint mir, dass Du dich a little too much durch den militärischen aspect der Dinge bestimmen lässt«, antwortet er dem Freund.

»Die Vernunft siegt doch in der Weltgeschichte«, schrieb Marx, als im Herbst 1862 der Vorstoß Lees nach Maryland zurückgeschlagen wurde und Lincoln die Sklavenbefreiung ankündigte. »Er tut das Bedeutendste immer in der möglichst unbedeutendsten Form. (…) Zögernd, widerstrebend, unwillig singt er die Bravour-Arie seiner Rolle, als ob er um Verzeihung bäte, dass die Umstände ihn nötigen, Löwe zu sein«, urteilte er über den Präsidenten. Erst aufgrund der hohen Kriegsverluste akzeptierten Politiker und Wähler im Norden die Argumente von Abolitionisten und Radikalen wie Marx: Die Befreiung der Sklaven werde den Norden stärken, den Süden schwächen und die Unterstützung der Konföderation durch Frankreich und England verhindern. Insgesamt flüchteten während des Kriegs etwa eine halbe Million Schwarze von den Plantagen, rund 200 000 Schwarze kämpften schließlich in der Unionsarmee. Vermutlich hatte Lincoln ein Gespür für den richtigen Moment, weil seine Haltung gegenüber der Sklavenfrage die ambivalente Meinung der Bevölkerung widerspiegelte. So bezog sich seine Proklamation der Sklavenbefreiung, die 1863 in Kraft trat, nur auf die Menschen in den feindlichen Territorien der Konföderation, schloss also jene aus, die in den vier Grenzstaaten lebten, die sich nicht der Konföderation angeschlossen hatten. Als Schwarze in die Armee aufgenommen wurden, konnten sie nicht zu Offizieren aufsteigen und bekamen einen geringeren Sold als die weißen Soldaten, die ihnen vielfach mit offenem Rassismus begegneten.

Nach der Ermordung Lincolns am 14. April 1865 kondolierte Marx im Namen der Internationale: »Er war einer der seltenen Männer, denen es gelingt, groß zu werden, ohne dass sie aufhören, gut zu sein.« Nach der Schlacht von Gettysburg wäre der Präsident dagegen fast ausgerastet: Wieder einmal hatte ein Feldherr der Union eine Chance nicht genutzt. Die geschlagenen Konföderierten konnten ungehindert abziehen. Der Krieg zog sich noch fast zwei Jahre hin. Den Kampf für die bürgerliche Gleichstellung mussten die Afroamerikaner noch 100 Jahre länger führen.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Kein Interesse an Nazis

Zum Tod des Historikers Arno Lustiger, der sich mehr für die Opfer des Antisemitismus als für die Antisemiten interessierte.
 
von Tjark Kunstreich, Jungle World, 24.05.2012


Die Nazis hatten sich vorgenommen, die Juden auszurotten. Ihr Vernichtungsfeldzug wurde gestoppt. Die Vorstellung aber, dass eine Welt ohne Juden eine bessere sein könnte, und entsprechende Versuche, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, haben seit 1945 an verschiedenen Orten und unter völlig unterschiedlichen ideologischen Vorzeichen immer wieder Konjunktur. Deswegen gibt es bis heute ein großes Inter­esse am Antisemiten, an den subjektiven Beweggründen für seinen Judenhass und den objektiven Voraussetzungen für dessen mörderische Entfesselung. Mal gilt es, die Beweggründe oder die Voraussetzungen für antisemitische Greueltaten zu historisieren, ein anderes Mal, sie gegeneinander abzuwägen. Immer noch wird unter Historikern darüber gestritten, ob die Vernichtung der Juden eine Folge des Eroberungskrieges oder sein Zweck war.

Arno Lustiger, der am 15. Mai mit 88 Jahren gestorben ist, war einer der wenigen Historiker, die sich für diese Fragen nicht interessierten. Das lag wahrscheinlich daran, dass er gar kein studierter Historiker war. 1924 im polnischen Bedzin geboren, überlebte er die Vernichtung, wie alle anderen, die überlebten: zufällig. Sein Vater und viele Angehörige wurden ermordet. Als einer der wenigen, die die Todesmärsche der Häftlinge überstanden hatten, forderte er 2005, als er am 27. Januar vor dem Bundestag sprach, dass dieser mörderische Höhepunkt des nationalsozialistischen Terrors endlich gründlich historisch untersucht werden müsse. Im April 1945 war er von einem der Todesmärsche geflohen und von Volkssturm-Leuten gefangen genommen worden, konnte abermals fliehen und wurde dann von amerikanischen Soldaten mehr tot als lebendig gefunden.
Den Todesmärschen fielen in den letzten Kriegsmonaten noch einmal Hunderttausende KZ-Häftlinge zum Opfer, bis zuletzt sollten die Spuren der Nazi-Verbrechen vertuscht werden. Und obwohl die Volksgenossen eigentlich um ihr eigenes Überleben kämpften, fanden sie noch Zeit genug, auf geflohene Häftlinge Jagd zu machen. Die Barbarisierung der deutschen Gesellschaft fand in dieser Zeit ihren Höhepunkt, als nicht nur der Krieg in Form alliierter Bomben, sondern auch die Überlebenden der Vernichtung im Osten in den Todesmärschen heimkehrten. Diese Monate bis zum Mai 1945 waren der Beweis dafür, dass die Vision von einer Welt ohne Juden und »Untermenschen« nicht in eine bessere Welt, sondern in die Entfesselung des vormals an die Juden gebundenen Hasses auf ­alles und jeden führt. Die Alliierten haben die Deutschen nicht befreit, sie haben sie in erster Linie davor bewahrt, sich gegenseitig umzubringen; im Osten, indem »die Russen« Angst und Schrecken verbreiteten, im Westen mittels Reeducation.

Lustiger ging nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem Tod lebte, und beteiligte sich am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde. Von 1945 bis 1948 lebte er zusammen mit seiner Mutter und seinen Schwestern im Displaced-Persons-Lager Zeilsheim, arbeitete als Redakteur der jiddischen Zeitung Unterwegs und als Übersetzer für die amerikanischen Truppen. 1950 machte er sich als Textilfabrikant selbstständig, heiratete und bekam zwei Töchter. Lange engagierte sich Lustiger nicht öffentlich, sondern in der von ihm 1951 mitgegründeten Zionistischen Organisation in Deutschland, deren langjähriger Vorsitzender und späterer Ehrenvorsitzender er war. Ein wichtiger Bereich seiner Tätigkeit war die Unterstützung osteuropäischer und sowjetischer ­Juden, die nach Israel ausreisen wollten.

Dieses Interesse an den Juden des Ostens, zu denen er selbst gehörte, und dem ungeheuer­lichen Verrat der Kommunisten, insbesondere Stalins, an ihnen, war das Thema seines Lebens. Nachdem die Töchter aus dem Haus waren und Lustiger genug Geld verdient hatte, um nicht mehr arbeiten zu müssen, begann er ­Mitte der achtziger Jahre mit seinen historischen Forschungen. Sein erstes Buch »Schalom Libertad« erschien 1989 und widmete sich der Beteiligung von Juden am Spanischen Bürgerkrieg. Dass in der kommunistischen wie in der anarchistischen Geschichtsschreibung des Krieges die Beteiligung der Juden ausgeblendet wurde, veranlasste ihn zu einer akribischen Aufrechnung – mit dem Ergebnis, dass die Beteiligung der Juden an der Verteidigung der Republik im Vergleich zu den Angehörigen anderer Nationen überdurchschnittlich hoch war.

Lustigers 1998 erschienenes Werk »Stalin und die Juden« über das Jüdische Antifaschistische Komitee und die Juden in der Sowjetunion verdeutlicht dagegen auf nachdrückliche Weise, dass die sowjetischen Juden, die schon in den dreißiger Jahren während der Moskauer Prozesse immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt waren, sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion an Stalins Seite stellen mussten. Ihnen wurden Hoffnungen gemacht auf einen eigenen Staat, denn auch Stalin wollte die Juden loswerden. Während des Krieges, als die Vernichtung im europäischen Teil der Sowjetunion am grausamsten ins Werk gesetzt wurde, kämpften auch hier sehr viele Juden, sei es als Partisanen, sei es in der Roten Armee, und gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil waren sie auch hier überdurchschnittlich vertreten. Das Ende der Vernichtung und die Niederlage der Deutschen kam, die Befreiung der Juden blieb in der Sowjetunion jedoch aus. Nach 1945 setzte Stalin mehrere antisemitische Kampagnen in Gang, die den Zweck hatten, die Juden als Handelnde aus der Geschichte des Krieges zu streichen. Nach der Gründung Israels 1948 keimte Hoffnung für die sowjetischen Juden auf, als Golda Meir als erste israelische Botschafterin in Moskau von einer begeisterten Menge durch die Straßen getragen wurde. Doch was folgte, waren Hinrichtungen von Juden nach der sogenannten »Ärzteverschwörung« und dem Prozess gegen den tschechoslowakischen Kommunistenführer Rudolf Slansky in Prag. Die bereits geplante Deportation der Juden wurde nach Stalins Tod nicht mehr verwirklicht.

Mit der damals noch recht jungen Jungle World reisten wir Ende der Neunziger mit Lustiger durch einige deutsche Städte, um sein Buch vorzustellen und Werbung für die Zeitung zu machen. Damals wollte das Publikum eher rührselige Geschichten aus dem jüdischen Widerstand hören, garniert mit Partisanenliedern wie »Sag nie, du gehst den letzten Weg«. Der Historiker Lustiger verweigerte sich dem ebenso wie jedem anderen Angebot zur Identifikation. Die sein ganzes Werk durchziehende Intention zielt zum einen auf historische Gerechtigkeit – auf den wissenschaftlichen Nachweis, dass die Juden überproportional am Kampf gegen den Nationalsozialismus beteiligt waren – und zum anderen darauf, ohne dass er es ausgesprochen oder bewusst reflektiert hätte, die Vernichtung als jene Katastrophe darzustellen, als die sie sich für die Juden darstellte. Sein letztes, im vergangenen Jahr erschienenes Buch »Rettungs­widerstand« über nichtjüdische Judenretter vertieft diese Sichtweise auf die Vernichtung. Mit Arno Lustiger ist ein Historiker gestorben, dem es, um es mit Walter Benjamin zu sagen, nicht darum ging, »zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist«, sondern der versucht hat, »sich einer Erinnerung (zu) bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt«.

Donnerstag, 17. Mai 2012

"Die Aufarbeitung beginnt gerade erst" - Interview mit Freke Over

aus: Jungle World, Nr. 45, 11. November 2010
 
Am 9. November 1989 fiel die Mauer, im Frühling wurden in Ostberlin, immer noch Hauptstadt der DDR, über 120 Häuser besetzt. Am 3. Oktober 1990 fand die deutsche Vereinigung statt, am 14. November wurden die besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain geräumt. Dazwischen lag fast ein Jahr ohne staatliche Autorität. Freke Over war vor 20 Jahren Sprecher der Besetzer der Mainzer Straße, später, zwischen 1995 und 2006, wurde er in Friedrichshain auf der Liste der PDS dreimal direkt ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Heute betreibt er in Brandenburg das »Ferienland Luhme« und ist Stadtverordneter in Rheinsberg.
Interview: Ivo Bozic
Wie bist du vor 20 Jahren in die Mainzer Straße gekommen?
Nach dem Mauerfall 1989 hat es mich nach Berlin gezogen, in die damals spannendste Stadt der Welt. Und nachdem am 1. Mai 1990 die Mainzer Straße besetzt worden war, bin ich dort im Juni eingezogen. Damals wurden mangels staatlicher Autorität massenweise Häuser in der DDR besetzt, man konnte einfach in leerstehende Häuser einziehen. Allein in der Mainzer Straße waren zwölf Häuser besetzt, zehn auf der einen und zwei auf der anderen Straßenseite. So entwickelte sich die Mainzer Straße schnell zum Zentrum der Hausbesetzerszene.
Wer waren die Bewohner?
Die kamen aus ganz unterschiedlichen politischen Spektren. Im Vergleich zu den anderen besetzten Häusern in Berlin waren in der Mainzer Straße sehr viele, ja eigentlich hauptsächlich, Wessis.
Wie viele Hausprojekte gab es damals im ­Osten?
120 Häuser, die sich alle mehr oder weniger als politische Projekte verstanden, haben sich im Verhandlungsgremium der besetzten Häuser zusammengeschlossen. Der Sommer 1990 war der kurze Sommer der Anarchie. Wir konnten tun und lassen, was wir wollten, wir konnten unsere Vorstellungen von selbstbestimmtem Wohnen und unzählige Projekte einfach umsetzen. Niemand hinderte uns, die Volkspolizei trat praktisch nicht in Erscheinung.
Wann änderte sich die Lage?
Als im September 1990 der Westberliner Senat zu den Verhandlungen mit dem Ostberliner Magistrat dazukam, wurde schnell klar, dass der Senat kein Interesse hatte, Lösungen für alle Häuser herbeizuführen. Dann kam der 3. Oktober. Am Tag zuvor wurde die Polizeihoheit an Westberlin übertragen, und von diesem Zeitpunkt an mussten auch Räumungen befürchtet werden.
Und es war dann ja auch schon bald soweit.
Am 12. November wurde morgens bekannt, dass drei Häuser geräumt worden seien, zwei in der Pfarrstraße und eines im Prenzlauer Berg, daraufhin sind etwa 70 Leute aus der Mainzer Straße spontan einmal um den Häuserblock gezogen. Dabei wurden auch, wie es heißt, »Barrikaden gebaut« – in Wirklichkeit behinderten zwei Baustellenabsperrungen leicht den Verkehr auf der Frankfurter Allee. Als wir nach zehn Minuten wieder in der Mainzer Straße waren, wurde die Demonstration auch schon mit Wasserwerfern und Räumpanzern angegriffen, wir haben uns schnell in die Häuser zurückgezogen, die Räumpanzer schoben Autos zur Seite, Wasserwerfer zielten auf die Fenster, drückten uns die Scheiben ein, und aus den Fenstern flog dann vieles zurück. So begann die Eskalation.
Es gab dann heftige, viele Stunden dauernde Straßenschlachten im ganzen Kiez.
Ja, bis zum Abend war die Mainzer Straße von Polizei befreit, es wurden Barrikaden errichtet, Gräben ausgehoben. Wir haben aber auch ganz intensiv versucht, Verhandlungen zu erreichen, eine Hamburger Lösung für Berlin zu schaffen. Die Hafenstraße hat ja nach mehrtägigen Straßenschlachten eine Verhandlungslösung erreicht, das war unser Vorbild. Aber für Berlin war das politisch nicht vorgesehen. Die Straße sollte geräumt werden, 1 500 Bereitschaftspolizisten waren an diesem Tag im Einsatz. Aber die massive Gegenwehr von uns und anderen Häusern und auch von der normalen Bevölkerung führte dazu, dass sich die Polizei im Laufe der Nacht aus dem gesamten Kiez zurückziehen musste.
Am nächsten Tag wurden die Barrikaden weiter befestigt und es kamen Journalisten und Schaulustige in Massen.
Am 13. November haben alle möglichen Leute nochmal versucht zu verhandeln. Von Bärbel Bohley über Harald Wolf bis zu Renate Künast, alle waren da. Am Abend haben wir mitbekommen, dass aus Westdeutschland massive Polizeikräfte unterwegs waren, zeitweise war die Autobahn zwischen Braunschweig und Berlin für die Truppentransporte gesperrt. Da wussten wir, jetzt kommen sie mit allem, was sie haben, und am Morgen werden sie angreifen.
Etwa 4 000 Polizisten und 400 Hausbesetzer lieferten sich am 14. November eine der dramatischsten Straßenschlachten der Berliner Nachkriegsgeschichte.
Auf jeden Fall war es das Heftigste, was ich jemals in meinem Leben an staatlicher Gewalt erlebt und gesehen habe. Ich persönlich hätte gerne auf diese Erfahrung verzichtet, aber ich finde es bis heute wichtig und richtig, dass wir diesen Kampf geführt haben, auch wenn wir wussten, dass wir ihn nicht militärisch gewinnen würden. Es wurden von der Polizei tausende Gasgranaten und Gummigeschosse eingesetzt, die damals gar nicht zugelassen waren. Es soll sogar zwei Schussverletzungen durch scharfe Waffen gegeben haben, ob das stimmt, kann ich aber nicht sagen. Für uns war das dafür ausschlaggebend, dass wir uns in die Häuser zurückgezogen haben und dass wir uns dann schließlich auch haben festnehmen lassen, weil wir sagten, das ist es nicht wert, dass hier jemand dabei draufgeht.
Der Grad der Eskalation hat damals viele in eine Art Schock versetzt. In einem der acht besetzten Häuser der Kreutziger Straße nebenan wurden noch am selben Tag Mietverträge unterzeichnet aus Angst vor Räumung. Insgesamt ging es nach der Räumung der Mainzer Straße nur noch ums Legalisieren. War die Räumung der Todesstoß für die Hausbesetzerbewegung als politisches Projekt?
Anders als in den achtziger Jahren, als man mal hier und mal da ein Haus geräumt und den vermeintlich »guten« Besetzern Verträge gegeben hat, ging es bei der Mainzer Straße nur darum, ein für alle Mal die Machtverhältnisse klarzustellen, und zwar nicht nur gegenüber den Besetzern, sondern auch gegenüber der restlichen ostdeutschen Bevölkerung, damit die da gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.
Ein für die Linke derart krasses Ereignis wie dieses hat nicht einen einzigen Jahrestagsritus oder ähnliches nach sich gezogen, wie kann das sein?
Naja, eine Revival-Straßenschlacht halte ich nicht für ein politisch sinnvolles Konzept. Die Häuser der Mainzer Straße waren für uns verloren, die wurden ja auch sofort mit enormem staatlichen Einsatz saniert, den Eigentümern wurde die Sanierung sogar aus staatlichen Mitteln geschenkt. Der Staat hatte Fakten geschaffen. Der 14. November ist für mich nur ein Tag der Depression. Was ich aber schade finde, ist, dass wir nicht diesen kurzen Sommer der Anarchie feiern und dieses tolle Projekt, das wir da alle zusammen in dieser Ausnahmezeit durchgezogen haben.
Was war das Großartige daran?
Wir haben etwa als Straße beschlossen, wir wollen einen Abenteuerspielplatz bauen, und dann haben wir einfach angefangen, das zu tun. Wir haben entschieden, wir wollen ein wenig Verkehrsberuhigung, und einfach angefangen, Blumenkästen aufzustellen. Wir haben versucht, mit den anderen Anwohnern zu gemeinsamen Strukturen zu kommen, ob in der Volxküche oder in unseren Kneipen, Läden, bei Kulturveranstaltungen, Festen. Sicher war nicht alles erfolgreich und gut, aber es war ganz viel Bewegung drin, es war ganz viel möglich, und ganz viel davon war ein gesellschaftliches Ausprobieren.
Und geblieben sind nur solche romantischen Erinnerungen?
Nach der Räumung waren wir anfangs noch ganz euphorisch, wir dachten, es geht irgendwie weiter. Es gab ja eine unfassbar große Solidaritätswelle. Die Bevölkerung brachte ohne Ende Kleidung und andere Spenden vorbei, und Linke aus ganz Europa erklärten sich solidarisch, auf die eine oder andere Weise. Es gab in den nächsten Tagen weltweit Krawalle mit mindestens 15 Millionen Mark Sachschaden. Wir haben eine Weile gebraucht, um zu merken, da geht gar nichts los, das ist jetzt wirklich vorbei. Aber es ist sicher mehr geblieben als die Erinnerung der Beteiligten. Es waren auch nicht nur positive Erfahrungen. Ich glaube, von denen, die die Räumung miterlebt haben, ist keiner ohne kleineren oder größeren Knacks davongekommen, das war für alle eine einschneidende Lebenserfahrung, für manche traumatisch.
Die Abwesenheit der Staatsgewalt in diesem Sommer hatte sicher viele positive Auswirkungen, aber auch negative, etwa die, dass selbst Gewalt ausgeübt werden musste – gegen die in Ostberlin sehr aktiven Neonazis.
Die Nazis haben das Fehlen der staatlichen Gewalt auch ausgenutzt, sie haben in Lichtenberg ebenfalls Häuser besetzt und häufig besetzte Häuser in Friedrichshain angegriffen. Da konnte man sich nicht auf die Polizei verlassen, man musste sich selbst verteidigen. Einmal kam der Chef der Polizeiwache bei uns vorbei und entschuldigte sich, sie seien da neulich nicht gekommen, weil sie so wenige gewesen seien und Angst gehabt hätten, von den Nazis aufs Maul zu kriegen, und ob wir nicht künftig zusammenarbeiten könnten: gemeinsame Funkkanäle, gemeinsame Alarmierung.
Den Job der Polizei haben die Hausbesetzer teilweise ohnehin übernommen.
Wir haben die öffentliche Sicherheit hergestellt, ja. Wir haben originär staatliche Aufgaben wahrgenommen, um die körperliche Unversehrtheit von uns und anderen zu sichern. Es gab eine Wachzentrale, die über Funk mit den anderen besetzten Häusern im Bezirk verbunden war, und wenn irgendwas losging, dann gab es Alarm. Dann: Helme auf, rein in unsere Wanne und hin zum Einsatz. Und es hat dennoch Übergriffe gegeben, die nicht verhindert werden konnten, bis hin zu zwei Entführungen durch Nazis.
Auf der einen Seite gab es diesen unglaublichen Freiraum, auf der anderen Seite bedeutete das, hinter Stacheldraht und Falltüren leben zu müssen. Wenn du das heute abwägst …
Immer lieber den Freiraum als die staatliche Gewalt, auch um den Preis, dass man sich selber kümmern muss. Dann malt man den Stacheldraht halt rosa an.
Nicht jeder empfindet es als Ideal, so ein militarisiertes Leben zu führen.
Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt militarisiert gefühlt, denn es gab keine Hierarchien, sondern im Gegenteil Selbstverantwortung. Aber es stimmt, es war viel Gewalt im öffentlichen Raum, und das war nicht schön, das hat keinen Spaß gemacht.
Würdest du sagen, das Besondere an diesem Sommer war vor allem das einzigartige Machtvakuum?
Der historische Moment hat Dinge möglich gemacht, die jetzt unvorstellbar sind.
Gibt es irgendeine Form der historischen Aufarbeitung dieser Zeit?
Man kann uns jederzeit einladen und uns fragen. Neulich wurde eine Doktorarbeit an der Uni Graz abgelegt zur Mainzer Straße. Und gerade hatte der Interviewfilm »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag – die Mainzer wird geräumt« Premiere. Ich denke, die historische Aufarbeitung beginnt erst so langsam.

Zur Besetzerbewegung in der Mainzer Straße findet sich auf Youtube die zehnteilige Filmreihe »Kollektiv Mainzer Straße – Sag niemals nie«.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Frieden auf Erden und den Menschen die Sintflut

aus: Jungle World, 22.12.2011

Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus. Heute fragt man, wer bombardiert wird. Ein historischer und soziologischer Überblick über den Frieden als Mythos und Politik.

von Rainer Trampert
Das Wort »Frieden« löst Unbehagen aus. Sei friedlich, sagen die Eltern, wenn das Kind den Mund halten soll, und Äcker und Wiesen, unter denen Tote liegen, heißen Friedhöfe. Gegen Carl Knudsen, »der in Boldixum auf Föhr seiner Mutter mit ­einem Hammer schwere Kopfverletzungen beigebracht hatte, denen sie kurz darauf erlegen war«, sei Anklage wegen Mordes erhoben worden, schrieb 1950 die Regionalzeitung. Tatmotiv sei Knudsens Wunsch gewesen, »sich an der Mutter dafür zu rächen, dass sie den letzten Willen ihres Ehemannes nicht geachtet habe. Knudsens Vater hatte als seine Grabschrift den Satz ›Mein Leben war nur Arbeit und Verdruss‹ verlangt. Seine Frau hatte jedoch die Worte ›Ruhe in Frieden‹ anbringen lassen.« Vermutlich wollte seine Mutter nur vermeiden, dass der Verdruss im Leben des Verstorbenen auf sie zurückfällt. Aber Knudsen fand es zynisch, dass ein Leben voller Kummer mit Ruhe und Frieden im Tod vergolten wird.

Es gebe schmutzige Kriege, aber auch »schmierige Frieden«, sagte Ernst Bloch. Christen sind darin Virtuosen. Die friedliche Konfliktbewältigung war nie Gottes Ansinnen. Als er nach dem Schöpfungsakt die Bosheiten der Menschen sah, sprach er: »Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde.« Das hat er wiederholt versucht – mit Sintfluten und Schwefel. Aber der Mensch war zäher als der Dinosaurier. Von Gott stammt der Kanon aller Diktaturen: Wer ihm gehorche, solle leben, »weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden«.

Jesus brach dann mit dem göttlichen Hass auf die Menschen. Doch kaum durften die Christen in Rom mitregieren, verwarfen sie seine Worte und entwickelten Thesen zum »gerechten Krieg« – eine Vorlage für SPD und Grüne. Danach verbrannten sie Frauen und folterten nach Herzenslust, organisierten Kreuzzüge und verfolgten Juden – Martin Luther rief auf, Synagogen anzuzünden –, sie skalpierten Indianer, segneten Hitlers Waffen, Papst Woityla nannte General Pinochet einen »großen Freund der katholischen Kirche«, und sein Großinquisitor Ratzinger exkommunizierte 150 Priester der Befreiungstheologie. Die christliche Gewaltlosigkeit ist nur eine Anweisung an die, die unten sind, ihr Schicksal geduldig zu ertragen.
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Der Landfrieden und der Hauptmann von Köpenick

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Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus, heute fragt man, wer bombardiert wird. Drohnen und Soldaten töten im Auftrag Frieden schaffender, Frieden bringender, erzwingender, erhaltender, sichernder oder Frieden bewahrender Kommandos. Die Umbenennung ist ein Erfolg der Friedensbewegung – vielleicht der einzige. Unter linken Bellizisten ist der Krieg zur Verbreitung der Zivilisation beliebt. Eine Propaganda mit Vor- und Nachteilen. Der Vorteil: Dem Gegner wird die Zivilisation abgesprochen, die eigene muss nicht reflektiert werden, der Soldat wird auf gegnerische Barbaren programmiert, verliert die Hemmungen beim Töten und mutiert selbst zum Barbaren. Das stärkt die Kampfmoral. »Unser Aufzug, bei dem sich das Winseln der Gefangenen mit unserem Jubeln und Lachen vermischte, hatte etwas Urkriegerisches und Barbarisches« (Ernst Jünger). Die Mutation des zivilen Soldaten ist nicht neu. Marx schrieb, die »moderne Zivilisation« gehe in Amerika auf Skalpjagd und hetze in Afrika Kinder zu Tode: »Sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit.« Europa habe »den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt«. Die Nachteile sind, dass die Aversion gegen die westliche Zivilisation und die Gegenaufklärung anschwillt und der Soldat heute nicht mehr auf die Heroisierung seiner Regression zum Urkrieger hoffen kann. Die Ersetzung von Soldaten durch Killerdrohnen wird das Problem nicht lösen.

Auch für die innere Stabilität gibt es viele Frieden: Betriebsfrieden, sozialen Frieden, Arbeitsfrieden, Landfrieden, Burgfrieden und Friedenspflicht. »Frieden« ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch ein Instrument zur Disziplinierung der Gesellschaft, die der Untertan als Lebenssinn antizipiert. »Wenn dein Wille nur ist stille, wirst du von dem Kummer frei! Dein Papa« (Poesiealbum). Keiner verkörperte den Landfrieden so gefühlsduselig wie Heinz Rühmann – privat etwa beim Kindergeburtstag der Goebbels’ und beruflich. In dem Film »Der Hauptmann von Köpenick« nach Carl Zuckmayer sitzt Schuster Voigt für Lappalien zehn Jahre im Gefängnis. Nach der Entlassung besorgt er sich eine Uniform und sammelt Soldaten, mit denen er zum Rathaus von Köpenick marschiert. Er will einen Pass. »Mit dem Geld hätten sie doch weit kommen können, sogar ins Ausland«, sagt der Beamte. »Nee«, sagt Voigt, »sie glauben gar nicht, wie schön Deutschland ist. Ich wollte nicht unter fremder Erde begraben sein.« Der Kaiser war gerührt und begnadigte ihn.
Beim Landfrieden geht es um die Einhaltung der öffentlichen Ordnung in Friedenszeiten. Am 2. November 1959 zogen 40 Jugendliche durch Leipzig und riefen: »Wir wollen keinen Lipsi und keinen Ado Koll, wir wollen Elvis Presley und seinen Rock’n’Roll!« Das Bezirksgericht verurteilte 15 von ihnen wegen Landfriedensbruchs zu bis zu viereinhalb Jahren Haft. In Schwabing wurden 1962 Jugendliche, die zur Gitarre Friedenslieder sangen, des Landfriedensbruchs bezichtigt. Die Polizei ritt in die Menge und löste die Schwabinger Krawalle aus. Für den Landfrieden zog der SPD-Bürgermeister von Stadtoldendorf (Niedersachsen) 1951 mit der NSDAP-Mitgliederliste unter dem Arm und einem Tross Journalisten zum Gaswerk. Dort übergab er die Liste mit 600 Namen auf einer Koksschaufel den Flammen. Davor hatte er auf dem jüdischen Friedhof einen Kranz niedergelegt. Das »dient dem sozialen Frieden«, sagte er, »was hätte passieren können, wenn das Verzeichnis in falsche Hände geraten wäre! Dort sind alle Personen verzeichnet, die heute in der Stadt Rang und Namen besitzen.« Der Stern würdigte den Akt mit einer Story voller Begeisterung und einem Foto von der Feuerluke.

Der Burgfrieden sorgt wiederum in Zeiten hegemonialer Kriege dafür, dass Pazifisten und Sozialisten in Schutzhaft genommen oder umgebracht werden. Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Erich Mühsam wurden ausgebürgert oder in Lagern ermordet, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinterrücks erschossen, während Ernst Jünger, der Bote von der Freude am Töten (»Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht«), von Nazis und Helmut Kohl verehrt wurde. »Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert« (Tucholsky).
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Nibelungen, Opferkult und hilfsbereite Kinder

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Das deutsche Bewusstsein assoziiert traditionell Krieg mit Ehre und Frieden mit Fahnenflucht. Der gute Ruf des Krieges basiert unter anderem darauf, dass die ersehnte deutsche Nation im Krieg geschaffen wurde und dass bedeutende Philosophen den Mythos vom Krieg als Natur des Menschen nach Kräften förderten. Dazu gesellt sich ein bis heute anhaltender deutscher Opferkult, der auf das Nibelungenlied zurückzuführen ist. Ein Nationalmythos, in dem die eigene Sippe am Ende komplett draufgeht, hinterlässt Spuren. Deutsche empfinden sich notorisch als Opfer von irgendetwas: Juden, Franzosen, Amerikaner, Bolschewisten, gelbe Gefahr, Halbstarken, Islam, Globalisierung, Wallstreet. Und wer sich als Opfer fühlt, neigt zu Verschwörungsphantasien und präventiver Gewaltanwendung. Die Kette ist lang. Die SPD wollte 1914 verhindern, dass deutsche Frauen und Kinder »das Opfer russischer Bestialität werden«, die Opferpropaganda der Nazis war uferlos: »Versailler Schandfrieden«, »raffendes Kapital«, »jüdische Weltverschwörung«, »bolschewistische Juden«.

Immanuel Kant meinte: »Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist.« Dass diese These falsch ist, bestätigte jüngst wieder Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut. In allen Tests hätten Kleinkinder wildfremde Menschen, die Hilfe brauchten, vorbehaltlos unterstützt, selbst dann, »wenn ein Spiel sie fesselte« – unabhängig von Eltern und Belohnungen. Das humanistische Menschenbild ist eine der Scheidelinien zum Faschismus, für den der Mensch Wolf unter Wölfen ist – unter Führung eines Alphatieres. Josef Goebbels fand das vermeintliche Naturgesetz auch bei Vögeln: »Die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet für ihn die Eier aus, dafür sorgt der Mann für Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab.« Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.
Friedrich Nietzsche versorgte die deutsche Seele mit Heroismus: »Was ist gut? – (…) nicht Friede überhaupt, sondern der Krieg.« Seine »Übermenschen« seien »frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute (…) davongehen.« Martin Hei­deg­ger ließ das Individuum im »Sein als die Dimension des Ekstatischen der Eksistenz« verschwinden und pries die »innere Wahrheit und Größe der nationalsozialistischen Bewegung«. Heute verehrt Peter Sloterdijk Heidegger, weil er die Epochenfrage gestellt habe: »Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?« Ein Alphatier? Er bangt um das Abendland: »In Bevölkerungen mit starken Jungmänneranteilen« steige »der Bellizismus, indessen überalterte Völker zum Pazifismus neigen«. Man ahnte, dass »Überalterung« etwas Gutes sein muss.

Auch die grüne Antje Vollmer, die häufig vor Kasernen saß, offenbarte sich in ihrem Buch »Der heiße Frieden« als Freundin der Rudelphilosophie. Der »Prozess der Konzentration der Menschenmassen« übersteige »jedes Maß an menschenmöglicher Gastfreundschaft«. Sie wollte aber nicht nur Verständnis für Pogrome äußern, sondern andeuten, dass sie zur völkischen Regeneration taugen. Die »kleine Bewegung des Daumens«, der im römischen Zirkus das Metzeln der Christen auslöste, habe »ihre ordnungsstiftende Binnenwirkung gehabt«, auch der Krieg werde als Stifter eines »Gemeinschaftsgefühls« erfahren. Und so fragte sie: »Zerstören sich Weltreiche also nicht nur durch maßlose Kriege, sondern womöglich gerade dadurch, dass sie sich nicht in Kriegen blutig erneuern?« Die Gegenposition formulierte die herrschsüchtige Rancherin, gespielt von Barbara Stanwyck, in dem Western »Vierzig Gewehre«: »Man soll den Frieden in einem Land nicht auf Gräbern aufbauen.« Etwas philosophischer: Menschen sind nicht von Natur böse, das Übel ist, »dass noch keine Welt ist, in der sie, wie es bei Brecht aufblitzt, nicht mehr böse zu sein brauchen« (Adorno). Um die wäre also zu kämpfen, statt über blutige Erneuerungen zu lamentieren.
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Deutsche Legionäre und der Kampf gegen Kartoffelkäfer

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Selbst nach 1945 wollten viele Deutsche keinen Frieden. Vielleicht der Kriegsversehrte, der auf Beinstumpen hinter einem Pappkarton Druckknöpfe verkaufte. Aber im Westen war die Masse davon überzeugt, der Kalte Krieg beweise doch, dass Hitler die Welt ganz richtig betrachtet habe. Und dass die Vereinigten Staaten nicht an der Seite Deutschlands gen Moskau marschieren wollten, wurde ihnen als Schwäche ausgelegt. In einer Emnid-Umfrage fanden 1949 nur 19 Prozent den »Frieden« wichtig. 60 Prozent der Spiegel-Leser wollten Krieg, 31 Prozent waren für »die Rückeroberung der Ostgebiete«, 16 »für die Erhaltung der westlichen Bürgerfreiheit«, 13 »für den Schutz von Frau und Kind«. In der Ethikskala stand die Eroberung des Ostens weit über dem Leben von Frau und Kind.
Hunderttausende Deutsche zogen gleich wieder in Kriege. 300 000 kämpften in der Fremdenlegion für Frankreich in Indochina und Nordafrika. Heute sind 10 000 in der Legion unterwegs. Als Israel 1948 am Tag der Staatsgründung von fünf arabischen Staaten und den Palästinensern angegriffen wurde, standen deutsche Offiziere den Arabern zur Seite. Die Illustrierte Revue schwärmte: »Die Deutschen sind uns am liebsten, sagten die Syrer und holten sich deutsche Offiziere.« Auf Seiten der Araber »überall deutsche Offiziere«: »General von Strachwitz« kämpfte mit der »ersten illegalen deutschen Militärmission nach dem Kriege« gegen die Juden, Hauptmann Keil führte sein »gefürchtetes Panzer-Rollkommando« dorthin, »wo die Juden Durchbrüche erzielt hatten«, »Leutnant Siebert bildete« arabische Fallschirmjäger aus. »Er galt als Draufgänger«, Oberst Kriebel war »Spezialist für Wüstenkrieg« usw.

Es gab auch die Initiative gegen die Wiederbewaffnung. Sie verabschiedete 1955 in der Frankfurter Paulskirche das »Deutsche Manifest« gegen Wiederbewaffnung und »Zerreißung unseres Volkes«. Der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer, Gustav Heinemann, Professor Gollwitzer und DGB-Redner beschworen das einige Vaterland. Auf dem Saal-Transparent stand: »Wir werden weder für Dollar – noch für Rubel sterben!« Lieber für die Reichsmark? Man sah sich in der »Pflicht gegenüber 18 Millionen Deutschen« in der DDR und allen »östlichen Völkern«, die man »aus der sowjetischen Gewalt herausbringen« wollte. Sie beklagten nicht die Bewaffnung, sondern befürchteten, dass an der Westbindung die Wiedervereinigung scheitern würde. 1957 verfassten dann 18 Wissenschaftler den berühmten »Göttinger Appell« gegen die atomare Bewaffnung. Darin bekannten sie sich zum Kampf der »westlichen Welt gegen den Kommunismus« und zur Atombombe, die einen »wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit« leiste. Aber »ein kleines Land wie die BRD« solle sie nicht haben.

Beide deutschen Staaten pflegten einen ungetrübten Umgang mit Verschwörungen. Die BRD-Propaganda ließ ständig »den Russen« bis zum Atlantik vorrücken, die SED verbreitete 1950, die USA hätten aus Flugzeugen Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen. Plakate zeigten einen Käfer, der in eine US-Flagge gehüllt war: »Kampf für den Frieden – Ami-Käfer sollen unsere Ernte vernichten. Kartoffelkäfer vernichten, ist Kampf gegen die Kriegspläne der Imperialisten. Dein Kampf gegen die Pest aus den USA ist Kampf für den Frieden!« Auch die KPD klebte Plakate mit dem Käfer. Ihrer hatte ein Dollar-Zeichen auf dem Rücken: »Er frisst 10 Milliarden jährlich an Besatzungskosten. Wir arbeiten nicht für Schmarotzer und Besatzer. Wähle Kommunisten!« Dass der Marshall-Plan ausgeblendet wurde, liegt auf der Hand, unerträglich war die Adaption der wenige Jahre vorher von den Nazis herausgegebenen »Kartoffelkäfer-Fibel«, mit der sie das Gerücht verbreitet hatten, amerikanische Bomber würden Kartoffelkäfer abwerfen.
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Scherzartikel des Friedens

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Die DKP überbrückte wacker alle Durststrecken der Friedensbewegungen, bot auf jedem Ostermarsch ihre Algebra an: »Frieden statt Raketen« und »Arbeit statt Raketen«. Das ergibt: »Frieden = Arbeit«. Marx war zwar der Meinung, dass das »internationale Prinzip« der Arbeiterklasse »der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – Arbeit«. Er meinte aber, dass die Menschen im Kommunismus von ihrer Arbeit leben, statt vom Diebstahl fremder Arbeit. Der DKP ging es um Arbeit im Kapitalismus, und da lässt sich ihre Formel nur als Aufruf zum »sozialen Frieden« verstehen. In Anlehnung an Marx strebte Herbert Marcuse die klassenlose »befriedete Gesellschaft« an, in der ein neuer Menschentypus das Leben nicht verdienen müsse, sondern es genießen könne, in der die aggressive Produktivität und der Heroismus dem Frieden, der Schönheit und der Sensibilität zu weichen hätten und sich die Fähigkeiten und Bedürfnisse wirklich freier Individuen entfalten könnten.

Die Friedensbewegten im Bonner Hofgarten hielten es wieder mit dem Nibelungenmythos. Fremde Mächte wollten Deutschland zum »Schlachtfeld« machen, was »unser nationales Interesse« verletze. Gemeint war das der vereinten Nation, die als Fiktion vorweggenommen wurde. Sie warfen sich wie tot auf die Straße, schwelgten im Selbstmitleid. Später musste »der Wahnsinn am Golf die Existenz der gesamten Menschheit« (PDS) gefährden, damit auch Deutsche leiden durften, und: »Die Kölner Jecken wollen nicht verrecken.« Niemand bedrohte sie.

Doch nur die Grünen und ihre Freunde konnten es mit der Verschlagenheit der Christen aufnehmen. Als der deutsche Krieg wieder legitim wurde, stellte sich heraus, dass die Grünen, die an der Brust der Friedensbewegung gezeugt wurden und der Linken mit dem zutreffenden Verdacht, sie würden es mit der Gewaltfreiheit nicht genaunehmen, das Leben erschwert hatten, gar keine Pazifisten waren. Die Lage erforderte ihr Bekenntnis zum Krieg und sie lieferten dafür abgefeimte Begründungen. Die Tageszeitung freute sich über den Golf-Krieg, weil »Saddam in der Tradition des Hitler-Faschismus« stehe, und Joschka Fischer berief sich bei der Bombardierung der Serben auf die Verhinderung von »Auschwitz«. Hitler und Auschwitz waren nun arabische und serbische Phänomene. Unverschämter hätte der Deutschland real oder ideell regierende Teil der 68er den späten Schlussstrich unter der deutschen Geschichte kaum ziehen können. Da blieb fast unbemerkt, dass die hoch gelobte Friedensbewegung der DDR verschwunden war. Rainer Eppelmann von der Initiative »Schwerter zu Pflugscharen« verkaufte noch schnell NVA-Kriegsgerät in der Welt, wissend, dass sie Leben auslöschen würden – das war’s.
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Charakterlose Gleichgültigkeit und die Weisen von Zion

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Die Friedensbewegung existiert nicht mehr und die Kriegsbegeisterung ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Imperialismus führt seine Kriege weit weg im Süden oder in Asien. Man hat mehr Angst um sein Sparbuch als vor dem Krieg, und für den Frieden in anderen Erdteilen fehlt die Empathie. Die charakterlose Abgestumpftheit, mit der Deutsche im Zweiten Weltkrieg Spielsachen jüdischer Kinder in der Kreissammelstelle abholten, äußert sich heute in dem Wunsch, dass die mit Spielzeug beladenen chinesischen Schiffe möglichst nicht von Piraten aufgehalten werden. Man sorgt sich, dass Deutschland wegen der Abstinenz im Krieg gegen Gaddafi von den künftigen Machthabern bei der Ölverteilung übergangen werden könnte.

Bei den Grünen ist Friedenspolitik auf Kurzinterventionen von Christian Ströbele geschrumpft. Prowestliche Linke ziehen in jeden Krieg des Westens. Nicht bedingungslos, die Propaganda muss ihnen versprechen, dass irgendwem »Zivilisation« gebracht werden soll. Dann rufen Antideutsche sogar nach jenem deutschen Militär, das sie in der Traditionen der Wehrmacht einordnen. Die Partei »Die Linke« beantragt noch in alter Friedenstradition, aber ohne Resonanz, den Abzug deutscher Truppen und die Begrenzung der Rüstungsexporte. Bei ihr setzt sich zunehmend durch, dass Kriege dann erlaubt sind, wenn die Uno, in der Despotien in der Mehrheit sind, die Freigabe erteilt. Die Friedensaktionen sind immer häufiger von Ressentiments gegen Amerika und Israel geprägt. Auf Demonstrationen schallt es aus Lautsprechern: »Wir sind alle Hizbollah!«; vorneweg »linke« Abgeordnete.

Bisweilen verschwimmt die Grenze zwischen Friedensaktivisten und Rechtsextremen. Abgeordnete der Linkspartei projizieren ihren antisemitischen Wahn auf totalitäre Organisationen (Hamas, Hizbollah), sofern die nur versichern, Juden vernichten zu wollen. Ein »Bremer Friedensforum« stellte sich – wie früher die SA – mit Schildern vor dem Bauch »Boykottiert israelische Früchte« vor Läden, in denen es jüdische Avocados entdeckt hatte. Nicht nur Christen pflegen »schmierige Frieden«. Die Junge Welt hat »Das Kapital« gegen »Die Protokolle der Weisen von Zion« ausgetauscht. Wussten Sie schon? Hinter den Angriffen auf Muslime in den USA soll sich ein gewisser »Eric Cantor« verbergen! – Was? Den kennen Sie nicht? Das ist doch »der ranghöchste Jude im Kongress und ein führender Vertreter der Pro-Israel-Lobby!« Der Aufstand im Iran für mehr Freiheiten wurde abgefertigt als »konterrevolutionäre Revanche an der islamischen Revolution (…) der Volksklassen«. Der KBW sprach in den siebziger Jahren von »Volksmassen«, als er die Nähe zur Mörderkolonne von Pol Pot suchte.

Dass fast nur noch der Papst und der antisemitische Sumpf im Namen des Friedens unterwegs sind, ist tragisch. Die Sklavenarbeiter in den Minen in den armen Ländern und die Bauern, die von ihrem Land vertrieben werden, damit die reichen Länder mit strategischen Rohstoffen für ihre High-Tech-Industrie versorgt werden und die Böden für den Bedarf an Energie- und Nahrungspflanzen nutzen können, verdienen Unterstützung durch antimilitaristische und antikapitalistische Kämpfe im »Norden« – ebenso Rebellen im arabischen Raum, die sich nicht vom antisemitischen Religionsterror vereinnahmen lassen.

Zweitens ist die Wiederkehr hegemonialer Schlachten evident. Die Konkurrenz der alten und neureichen Imperien (vor allem China) um Mineralien und Böden auf der Welt spitzt sich wegen des siechenden Öls, der klimabedingten Verwüstungen und der Krisen zu, Russland setzt seine Flaggen auf den Grund der Nordmeere, China platzt ökonomisch und militärisch aus den Nähten und beansprucht immer mehr Territorium, andere asiatische Staaten bitten die USA um Schutz, die USA beanspruchen die Führung im asiatisch-pazifischen Raum und kündigen die Aufstockung ihrer Militärpräsenz in Asien an, Europa schwankt zwischen der Bildung eines neuen Machtkerns und dem Zerfall in die Kleinstaaterei.

Kriege wird es geben, solange der Kapitalismus existiert, weil er expandieren muss, sich Märkte, Rohstoffe und fremden Mehrwert aneignen, Investitionen, Transportwege und Sklavenarbeit militärisch sichern muss. Wer das begreift, wird die Worte des Bischofs auf einer Friedenskundgebung: »Lasst bitte keinen Zweifel daran, dass ihr als Friedensbewegung wirklich den Krieg bekämpft und nichts und niemanden sonst« als Aufforderung zum permanenten Krieg verstehen. Man muss mit Dogmatikern der Gewaltfreiheit auskommen, auch wenn sie den Frieden stören – weiter kommt man mit Kurt Hiller, dem Gründer der Gruppe »Revolutionärer Pazifismus«, der nach dem Ersten Weltkrieg erläuterte: »Gewaltloser Pazifismus ist gut als Beschreibung eines Endzielzustandes, als visionäre, eschatologische Malerei, nicht als Anleitung zum Handeln morgen früh.« Morgen früh geht es um die Entehrung und Beseitigung des Krieges und seiner patriotischen, völkischen, ökonomischen und männlichen Wurzeln.