Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Samstag, 12. März 2016

Kein Sonderweg

In der immer wiederkehrenden Debatte über die »sächsischen Verhältnisse« lohnt es sich, den Blick auf die gesellschaftlichen und sozialen Transformationen in den Ländern Mittelosteuropas zu richten. In mancher Hinsicht hat Sachsen mit Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei mehr gemein als mit Hessen und Niedersachsen.von Peter Korig, Jungle World, 10.03.2016



Was unter rauschebärtigen linken Pfarrern und Antifa-Reisekadern schon lange zum Allgemeinwissen gehörte, hat spätestens mit Clausnitz und Bautzen auch die sogenannte bürgerliche Öffentlichkeit erreicht. Von den Printmedien bis zu Twitter, »sächsische Verhältnisse« sind das Thema der Stunde, von Taz bis Tagesschau fragt man sich: »Was ist da los in Sachsen?« Die Frage ist nicht nur rhetorisch gemeint, tatsächlich versuchen Politiker, Journalisten und Geisteswissenschaftler aller Couleur herauszufinden, was es mit dem »sächsischen Sonderweg« auf sich hat, woher er kommt und wohin er führt. Meistens wird spekuliert, dass der Rassismus, der die Massen ergriffen habe, an der DDR-Vergangenheit liege, dem schlechten Fernsehempfang im Raum Dresden vor 1989 und der wegen der geringen Zahl von dort lebenden Ausländern beschränkten Möglichkeiten der Autochthonen, die positiven Aspekte von Migration kennenzulernen. Dabei wäre eine klarere Antwort zu finden, wenn man die Nase über den Kamm des Erzgebirges stecken würde. Denn bei allen regionalen Spezifika, wie dem Dresdner Kult um Luftangriff und Frauenkirche: Es gibt keinen »sächsischen Sonderweg«. Was in Sachsen passiert, ist vielmehr mit den Transformationsprozessen in den ehemals realsozialistischen Ländern Mitteleuropas vergleichbar.

Es regiert eine konservative Partei, deren Personal sich zu relevanten Teilen aus dem kleinbürgerlich-religiös-intellektuellen antikommunistischen Milieu der Vorwendezeit rekrutiert. Man ist stolz auf die 1 000jährige Geschichte des eigenen Stammes, dem aber im vergangenen Jahrhundert mehrfach übel mitgespielt wurde. Trotzdem oder gerade deswegen hat man die eigene Kultur bewahrt. Ganz im Gegensatz zum Westen, von dem man deutlich enttäuscht ist, seit man mit eigenen Augen feststellen musste, dass da seit 1968 Schwule und Frauen machen können, was sie wollen, die Familien zerrüttet sind, gesellschaftliche Konflikte nicht gemeinschaftlich gelöst, sondern mit Krach ausgetragen werden und es sogar noch Kommunisten gibt. Gleichwohl meint man, der Westen habe einen für das tapfere Standhalten im Angesicht von Gulag, Schulspeisung und Pioniereisenbahn noch ein paar Jahre zu alimentieren. Die Regierenden bemühen sich um die gesellschaftliche Einbindung einer militant faschistischen Opposition. Diese ist das Sprachrohr einer Bevölkerung, die im Interesse des wirtschaftlichen Neuanfangs nach den Schrecken der Planwirtschaft ohne großes Aufbegehren eine Vielzahl sozialer Härten ertragen hat, sich heute aber von Fremdstämmigen ausgeplündert sieht. Schwer zu sagen, ob die Rede von Sachsen ist oder von Polen, von Stanislaw Tillich und Steffen Heitmann oder von Viktor Orbán und Jarosław Kazcyński, von Pegida oder der Allpolnischen Jugend und Jobbik.

Die mit der Wiedervereinigung wahr gewordene Lüge von »Deutschland einig Vaterland« verstellt den Blick darauf, dass auch die ehemalige DDR ein Transformationsland ist und mit Polen, Ungarn, Tschechien oder der Slowakei in mancher Hinsicht mehr gemein hat als mit Hessen und Niedersachsen.

Auffällig ist hier vor allem der ähnliche Ablauf der Umverteilung nach dem Ende der auf Staatseigentum basierenden Ökonomien. Ab Mitte der achtziger Jahre diskutierten Ökonomen in Mittelosteuropa, wie der Übergang von der Planwirtschaften zur Marktwirtschaft gestaltet werden könne. Grob gesagt standen sich zwei Konzepte gegenüber. Das eine sah den Aufbau einer einheimischen »kapitalbildenden Schicht«, einer nationalen Bourgeoisie durch gelenkte Privatisierung innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen vor. Das andere fußte auf der Öffnung der nationalen Märkte, einer liberalen Privatisierung, die auch und gerade ausländische Investoren zum Zug kommen ließ. Schließlich setzte sich, auch dank starker Unterstützung aus dem Westen, letzteres Konzept durch. Die meisten profitablen Wirtschaftsbereiche, inklusive der Medien, wurden von westeuropäischen Konzernen aufgekauft, der Rest wurde geschlossen oder gammelte vor sich hin. Wo der Elitenaustausch mangels staatlicher Vereinigung mit einer kapitalistischen Großmacht nicht so effektiv geschah wie in der DDR und sich Angehörige des realsozialistischen wirtschaftlichen und politischen Establishments Reste des Staatseigentums privat aneignen konnten, entstand das Phänomen der »Oligarchen«.

Eine breite, ökonomisch saturierte, einheimische bürgerliche Schicht entwickelte sich jedoch nicht. Selbst wirtschaftliches Wachstum und der Beitritt zur vermeintlichen Wohlstandssphäre der EU führten nicht dazu, dass Mittelschicht, Kleinbürgertum und Facharbeiter die ökonomische Prekarität dauerhaft hinter sich lassen konnten. Diese Schichten tragen antikommunistische Parteien, die aber nicht (mehr) Propagandisten des liberal globalisierten Kapitalismus und einer an »westlichen Werten« ausgerichteten Gesellschaftsordnung sind, sondern programmatisch auf einer Mischung aus Ethnonationalismus, konservativem Christentum und Sozialpolitik beruhen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Blut-und-Boden-Keynesianismus der polnischen PiS, die etwa westliche Supermarktketten stärker besteuern will, um den polnischen Mittelstand zu fördern. Ein Teil der Bevölkerung radikalisiert sich und unterstützt militante Bewegungen, deren Kader auffällig häufig aus Hooliganszene und kriminellem Milieu stammen. Das Verhältnis zwischen diesen Bewegungen und den Regierungsparteien changiert zwischen Kooperation, Infiltration und Opposition. Es entstehen Medien mit Masseneinfluss, die programmatisch dem puren Irrationalismus verpflichtet sind (Compact, Radio Maria). Eine gesellschaftlich wirkungsmächtige progressive Opposition existiert kaum. Gut und schön, ließe sich einwenden, das klingt ja alles nicht ganz unplausibel, aber der Einwand gegen die hier formulierte These lautet ja, dass sächsische Verhältnisse eben sächsische Verhältnisse sind und eben nicht gesamt-ostdeutsche.

Dieser Einwand übersieht aber sowohl historische als auch aktuelle Unterschiede zwischen den Regionen, die die politische Reaktion auf die sozioökonomischen Transformationsprozesse beeinflusst haben. Im Falle Ostdeutschlands und mit Bezug auf Sachsen sind dabei wohl vor allem zwei Punkte relevant. Zum einen waren bis zur Bodenreform 1945 die gesellschaftlichen Verhältnisse im Norden Ostdeutschlands vom Gegensatz zwischen großen Landbesitzern und Landarbeitern geprägt, einer Schicht, die anschließend von der Agrar- und Industrialisierungspolitik der DDR stark profitierte. Ähnlichkeiten dürfte es hier zu den Regionen in Südosteuropa geben, in denen große Teile der Bevölkerung vom Modernisierungsschub des Realsozialismus profitierten.

Die Trägerschicht der sächsischen CDU-Herrschaft hingegen, ein religiös geprägtes, traditionell antikommunistisches Kleinbürgertum, das sich mit der DDR widerwillig arrangierte, existiert in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg nicht in diesem Maße. Nicht ohne Grund ging man in Rostock 1989 erst auf die Straße, als die »friedliche Revolution« schon fast wieder vorbei war. Zum anderen tun in Teilen Ostdeutschlands, vor allem in Brandenburg, staatliche Stellen das, was andernorts in Osteuropa EU-Fonds oder die Soros Foundation betreiben: mit hohem finanziellen Aufwand versprengte Linke, Linksliberale und emphatische Demokraten dabei unterstützen, unter dem Label »Zivilgesellschaft« eine demokratische Bürgergesellschaft aufzubauen. Das ist nicht immer, aber sehr häufig durchaus mehr als Kulisse, ist abhängig von den donors und bestätigt so ungewollt die Ressentiments der sich radikalisierenden Nationalisten (dass die BRD GmbH die Antifa bezahle oder dass die EU Homosexualität verbreite). Das hier gezeichnete Bild ist natürlich schon aus Platzgründen ein stark vergröbertes, das einige ideologische Faktoren und viele regionale Spezifika außer Acht lässt.

Vor allem der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen und ideologischen Prozessen müsste präziser untersucht werden. Die Erkenntnis aber, dass das, was in Dresden, Heidenau, Clausnitz und Bautzen geschieht, nicht auf Landkreisebene zu lösen ist, muss zur Grundlage einer realistischen Gefahreneinschätzung gemacht werden. Ohne die Größe der Aufgabe zu erkennen, lassen sich realistische Strategien des Widerstands nicht entwickeln.

Mittwoch, 9. März 2016

Schafe im Wolfspelz - Über den Kummer in der Welt

Es ist sehr viel Kummer in der Welt. Und Verwirrung. Aber woher kommt die Irritation? Warum scheint das so unerwartet? War die Ablenkung so perfekt? Im Dokumentarfilm Bowling For Columbine von Michael Moore, der nach den Ursachen des Amoklaufs beim Schulmassaker von Littleton forscht, gibt es diese prägnante Szene: Ein Mitarbeiter der ortsansässigen Munitionsfabrik wird interviewt und – während im Hintergrund Teile von Waffen und Raketen durch die Halle transportiert werden – sagt er inhaltsgemäß in die Kamera: „Es ist mir unbegreiflich, wo diese Gewalt herkommt und wie bei uns ein solch unfassbares Verbrechen passieren konnte!“
Von Michy Reincke, Folker 01/2016

Die aktuelle Frage wo so viel Hass & Gewalt nur herkommt ist doch etwas verblüffend, wenn man bedenkt, wie viel Wind in den letzten Jahrzehnten in der arabischen Welt gesät worden ist. Die Überheblichkeit der westlichen Kultur, die sich befugt fühlt, sich überall einzumischen, militärisch einzudringen, zu töten & staatliche Ordnungen zu destabilisieren mit dem Argument, Frieden, Freiheit & Demokratie zu bringen & bestehende Ungerechtigkeiten mit noch größeren Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, könnte eine Antwort geben.

Wobei dieses Vorhaben noch nie erfolgreich umgesetzt wurde. Zudem ist das Argument infam angesichts der Tatsache, dass in Ruanda ein Völkermord mit über 1.000.000 Toten zugelassen wurde, ohne dass wirksam eingegriffen oder Flüchtlinge gerettet wurden, vielleicht einfach nur weil es dort keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gab oder absehbar attraktive Absatzmärkte herzustellen waren?

Für Chaos zu sorgen & sich zu wundern dass es ein Echo gibt & der Bumerang zurückkehrt scheint mir naiv & unecht. Die meisten Reaktionen darauf poppen auf wie Gefühls-Schablonen, reflexartig, austauschbar. Als würde selbst Anteilnahme zu einer Betroffenheits-Marke aus der Werbung.
Es wirkt als ob wir in einer Gesellschaft leben, die ihre Lebendigkeit & ihren Reichtum in vielen unterschiedlichen Formen zu leben, zu fühlen & sich zu Wort zu melden, in großen Teilen bereits eingebüßt hat.

Geht es vielleicht doch nicht spurlos an einer Gesellschaft vorüber, wenn man ihren Staat ideologisch als Heile-Welt-Krämerladen organisiert & sie es zulässt, dass Unternehmensberatungsfirmen die politischen, wirtschaftlichen & kulturellen Aspekte eines Staates bestimmen? Wenn sie mit deren Hilfe alle „Leistungsschwachen“, „Underperformer“ & alternativ Denkenden auf subtile Weise aussortiert?

Wenn die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gemeinschaft auf Shareholder-Values reduziert & ihre gemeinschaftseigenen Medien von geistigem Wachstum & Meinungsvielfalt „befreit“ werden, um politische Meinungen besser bündeln & kontrollieren zu können? Wenn die monochrome Abbildung von Kultur nur noch seifige Unterhaltung ist & weder geistigen noch seelischen Nutzen besitzt, um u.a. effizienter für den Verkauf von Reklame zu sein?

 Eine widerstandsfähige, politisch gebildete, emotional gesunde & handlungsfähige Gesellschaft sieht jedenfalls anders aus, oder?

Eine Nachtigall in Steppschuhen war für mich die interessante Nachricht, dass Frank-Jürgen Weise, der neue Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Ende September die US-amerikanische Unternehmensberatung McKinsey angeheuert hat, um die Logistik der Flüchtlings-Krise zu bewältigen.

 Hat sich vielleicht auch die Bundeskanzlerin für ihre Politik der „marktkonformen Demokratie“ (was soll das eigentlich anderes sein, als die Bürger zu Konsumenten zu degradieren?) & wie man den demografischen Mangel an Konsumenten beheben könnte, von dieser Firma beraten lassen, um herauszufinden, wie man den demografischen Mangel an Konsumenten beheben könnte?

Ohne die strafrechtliche Verantwortung & damit verbundenen Konsequenzen erwachsener Menschen für ihre Taten außer Kraft setzen zu wollen:
Jeder Täter war & bleibt auch ein Opfer & wichtig wäre herauszufinden was oder wer ihn zum Opfer macht bzw. diese katastrophale Ohnmacht provoziert, die Menschen eventuell sogar zu (Selbstmord-) Attentätern werden lässt.

Ob man nun in einer von Hoffnung auf Erlösung geprägten Ausschließlichkeit entweder in den unfreien Aspekten einer patriarchalischen Religion Halt sucht oder als Menschendarsteller-Papagei von Freiheit plappert aber in einem Käfig sitzt, dessen Gitterstäbe aus den Machtinteressen weniger Manager von multinationalen Konzernen zusammengelötet sind, scheint mir dabei kein signifikant systemischer Unterschied zu sein, was den Grad der Autonomie betrifft.

Eine Gesellschaft, die versucht, ohne wirkliche Liebe, Achtung, Solidarität & Lebendigkeit auszukommen, die in Imitation & Selbstdarstellung verhaftet ist & die ihre Schmerzen, ihre Zweifel & ihre Verzweiflung nicht erkennt & annimmt, & die nur fähig ist ihre Werte als Worthülsen zu postulieren & nur auf Ehrgeiz, Macht & quantitativen Ideen von Erfolg aufgebaut ist, als wäre ein menschliches Leben ein Geschäft oder ein Begriff aus der Betriebswirtschaftslehre & sich dagegen nicht wehrt, wird oder ist bereits krank.

Am absurdesten erscheint mir jedoch die Idee dieses aktuelle Modell als Heilsbringer in andere Kulturen zu exportieren.

Was wäre denn, wenn immer mehr Menschen, den sogenannten „Autoritäten“, den vermeintlich Mächtigen & Einflussreichen, denen, die damit kokettieren, die „Raubtiere“ & Bestimmer in ihren Systemen zu sein, zeigen würden, dass wir alle schon lange wissen, was die meisten von ihnen wirklich sind: Schafe im Wolfspelz!

Donnerstag, 18. Februar 2016

Gefühlte Wirklichkeiten

Zur Transformation der freien Presse ins nationale Gefühlsmanagement.
von Georg Seeßlen, Jungle World, 18.02.2016

Streiten Sie niemals mit einer Journalistin, einem Journalisten über das, was »Wirklichkeit« ist! Es ist, werden Sie sagen, was sich vor meinen Augen abspielt, was Dokumente, Verträge und Verlautbarungen generiert, was in Interviews und auf Pressekonferenzen gesagt wird. Wirklich, werden die Journalisten weiter sagen, sind Zahlen und Fakten, schlimmstenfalls die Verwundeten und Getöteten, die Grenzen und Bewaffnungen, die Bewegungen und die Bauten; wirklich ist, was die Mächtigen tun und die Ohnmächtigen erleiden. Und wer da glaubt, Wirklichkeit sei nur eine Konstruktion, ein Projiziertes und Imaginiertes, wer noch über die Wirklichkeit der Dinge um sich herum räsoniert, von Erzählungen und Bildern redet, statt von Berichten und Nachrichten, den nehmen wir einmal mit, in die Wirklichkeit an Ort und Stelle, an die Verhandlungsorte, die Kriegsschauplätze, die Einsätze bei sozialen und natürlichen Katastrophen, zu den Inszenierungen der Ordnungen und zu den Zusammenbrüchen derselben. Diese Wirklichkeit ist rau, zugleich voller Verlogenheit und un­bezweifelbar. Sie ist schwierig zu erwischen, aber wir schaffen das. Manchmal verwandeln sich Journalisten in Detektive und finden das noch Wirk­lichere hinter der Wirklichkeit heraus, und wir halten für einen Moment den Atem an. Ist das wirklich so schlimm? Oder ist das Wirkliche so schlimm? Dann arbeiten wieder die Newsfeed-Algorithmen, es werden Storys kreiert, der Scherbenhaufen umgerührt, die Identifikationsangebote geliefert, die zwangsgute Laune aufgesetzt, die Werbungen mit luftigen Reality-Spots verquickt, es ist ja immer irgendwo was los. Richtig gute journalistische Arbeit mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Wirklichkeit ist eine Luxusware, mit der sich die großen alten Medien noch gelegentlich schmücken und die in den neuen aus Enthusiasmus und Trotz Platz finden kann.

Mediale Lebensräume

Das Bild der Wirklichkeit unterscheidet sich schon drastisch von der ersten Wahrnehmung und dem ersten Sortieren dieser Wahrnehmungen und Dokumentationen. Das bekannte »Bild der Lage« ist schon Erzählung, subjektiviert, emotionalisiert, dramatisiert und vor allem gereinigt. Das Bild der Lage wird auch dann, ja gerade dann entworfen, wenn es nichts zu sehen gibt, wenn die Wirklichkeit sich entzieht. Selbst wenn die Wirklichkeit mehr oder weniger verschwunden ist, so muss das Medium, egal welches, doch ein Verhältnis zu ihr konstruieren. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem sich Wirklichkeiten »aus aller Welt« mit Wirklichkeiten der Empfänger treffen. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem diese Empfänger »leben« können. Und leben kann man nur dort, wo man das meiste »versteht«, wo man sich orientieren kann, wo die Mehrzahl der Zeichen lesbar und die unlesbaren Zeichen entsprechend »behandelt« sind. Je mehr Nachrichten es gibt, desto notwendiger wird ihre Anverwandlung in den medialen Lebensraum; je mehr mediale Lebensräume es gibt, desto notwendiger ist ein Nachschub an Nachrichten, die sie generieren.

Es gibt eine Reihe von Mechanismen, die aus jeder Nachricht ein Element eines medialen ­Lebensraumes machen: das Prinzip der Wiederholung und Variation – die berühmten »Bilderschleifen« der Katastrophen, die aus einem Bild der Wirklichkeit ein Emblem des Wirklichen machen. Die Vermischung von Nachrichten und Pseudonachrichten – Prominentengeschwätz, Sportereignisse, human interest. Die Personalisierung und die Verwandlung der Nachricht in die story. Die Perforation der »großen« mit den »kleinen« Nachrichten. Das endlose Besprechen, Bereden, Betalken. Die direkte, menschliche und intime Ansprache des Adressaten. Die bunte Mischung aus Nachricht und Entertainment. Die Rekonstruktion eines Milieus (Nachrichten für Fans). Was bleibt da am Ende von jener Wirklichkeit übrig, von der unsere toughe Journalistin, unser tougher Journalist noch so überzeugt waren?

Aus dem »Bild der Wirklichkeit« (Wirklichkeit 2) ist ein Programm, eine mediale Lebenswelt geworden, in die der Adressat eintauchen kann (Wirklichkeit 3). Diese trifft auf eine Wirklichkeit des Adressaten selbst. Die Begegnung generiert nicht erst seit dem Biedermeier eine bizarre Behaglichkeit. »Gemütlich« die Zeitung lesen, die Tagesschau zum Abendessen sehen, Spiegel Online smartphonemäßig auf dem Weg zur Arbeit durchchecken …
Die Nachricht musste dafür aber zum Gegenteil dessen werden, was sie ursprünglich bedeutete, nämlich Bestätigung statt Veränderung. Nun mag sich die Frage stellen, ob die »Abhängigkeit« der User eher von der Form oder vom Inhalt generiert wird. Wir könnten behaupten, dass Bild-Leser und -Leserinnen, die nach ihrer Lektüre süchtig sind, nicht von ihrer Sucht lassen könnten, auch wenn ihnen klar würde, dass die Zeitung von vorne bis hinten aus Fiktionen besteht. Das entscheidende Band zwischen dem Me­dium und seinen Adressaten besteht im Management der Gefühle.
Der mediale Lebensraum rekonstruiert mithin nicht allein die äußere Wirklichkeit, in der sich der Journalist herumtreiben mag, sondern auch die Wirklichkeit des Mediennutzers. Eine gewisse »Zeitung für Deutschland« liefert daher nicht nur ein Bild der Welt, sondern vor allem ein Bild ihres Lesers. Diese Wirklichkeit, in der der Adressat lebt (Wirklichkeit 4), wird von den Nachrichten nicht mehr nur bestätigt, sondern in zunehmendem Maße auch konstruiert. Das Medium beantwortet mir nicht nur die Frage: »Was ist in der Welt los, und wie ist sie beschaffen, dass das alles los sein kann?«, sondern auch die Frage: »Wer bin ich und welchen Kompromiss schließe ich zwischen meinem subjektiven und meinem sozialen Sein?« Kurz und gut: Aus dem biedermeierlichen Instrument, die Welt auf Distanz zu halten, indem ich sie durch Nachrichten (durch »Wissen«) kontrolliere, ist vor allem ein Instrument der Selbstkontrolle und der Selbstvergewisserung geworden. Weder die Sensation noch die Ideologie allein machen die Bild-Zeitung aus, sondern die Konstruktion ­einer medialen Lebenswelt, in der bestimmte Impulse »erlaubt« sind, die in der ansonsten »zivilisierten« Öffentlichkeit verboten sind.

Ein Besuch in einem deutschen Zeitschriftenladen des Jahres 2016 zeigt, dass sich das Leben in eine überschaubare Anzahl intimistischer medialer Lebensräume aufgespalten hat, von denen jene, die noch auf »echte« Nachrichten aus der ersten Wirklichkeit angewiesen sind, marginal sind. Die Sub­jektivierung der Nachricht ist gleichsam abgeschlossen: In der Mehrzahl aller medialen Produkte ist das Subjekt der Nachricht zugleich sein Objekt. Der Adressat erhält Nachrichten über sich selbst. Er ist Inhalt, Form und Konsument der Nachricht zugleich, und dies ist natürlich umso einfacher zu bewerkstelligen, als sich die Nachricht, oder was aus ihr ge­worden ist, um einen Fetisch herum entwickelt: die Gesundheit, das Leben auf dem Land, der Sport, elektronische Gadgets, Musik, Mode, Fernsehen, das Essen (als der Metadiskurs von Moral, Geschmack und Gesellschaft). Wirklich welt- und wirklichkeitshaltig ist von alledem am ehesten noch das Micky-Maus-Heft.

Virtuelle Mobbildung

Wer die Herrschaft über die Gefühle hat, der hat die Herrschaft über die Gesellschaft. Daher ist es einer der größten Trugschlüsse, den Rückzug der Medien in immer kleinere, immer »privatere« Lebensräume als »unpolitisch« oder auch nur als entpolitisierend zu betrachten. Aus diesem Management der Gefühle entsteht im ­Gegenteil immer wieder auch eine ökonomische Strategie und eine politische Haltung. Das völkische und nationalistisch-rassistische »Denken«, das sich derzeit, ausgelöst durch das »Flüchtlingsproblem«, neue Sprecher und Sprachrohre sucht, hat eine seiner Ursachen in diesem scheinbar entpolitisierten Management der Gefühle. Die Kontrolle der Welt durch das bürgerliche Subjekt, die vom biedermeierlichen Medium der behaglichen Aufklärung versprochen wurde, ist zusammengebrochen, und so zerfällt die Medienwelt in immer kleinräumigere Zonen der Kontrolle, am Ende zur Kontrolle des eigenen Körpers oder zur Kontrolle der Nachbarsfamilie.

Weder die »Neuigkeit« noch gar die Informationstiefe einer Nachricht aus der ersten Wirklichkeit verschafft Wettbewerbsvorteile, sondern vielmehr ­jenes Management der Gefühle, welches das Empfängersubjekt zufriedenstellt. Widerspruchsfreiheit ist ebenso ein Element der Zufriedenheit wie Komplexitätsreduzierung. Um­gekehrt ist in einer Gesellschaft, in der die größte soziale Drohung ist, ausgeschlossen, nicht mitgenommen, nicht connected zu werden, eine »abweichende Meinung« wesentlich mehr als ein diskursiver Konfliktstoff. Es ist ein Stigma. Das Mainstreaming von Bildern der Wirklichkeit besagt, dass sie vom Status eines Diskurses (einer Verhandlung über das Richtige und Falsche, Nützliche und Unnütze, Erlaubte und Verbotene) in den eines Dispositivs (eines Empfindens, eines Geschmacks am Richtigen und Falschen etc., einer Art des Glaubens) wechseln. Gegenüber einem Mainstream-Bild der Wirklichkeit kann sich abweichendes Verhalten nicht mehr als Kritik, sondern nur noch als Ketzerei, als moralische Verfehlung sehen. Die Nachricht im Management der Gefühle wird zu einem Köder für Zustimmung. Und dies macht sich die völkische Rechte besonders zu eigen. Der Wert einer Aussage liegt nicht in ihrem Bezug zum Wirklichen, sondern im Ausmaß der Zustimmung, die sie erzielt. In einer Fülle von Aussagen setzt sich nicht die realistischste durch, sondern die mit der meisten Zustimmung. Das scheint zunächst trivial, wird aber da furchteinflößend, wo Zustimmung eine nächste Form der Wirklichkeit generiert, die wir Wirklichkeit 5 nennen können. Aus der leichten Form der likes und followers wird die schwere Form der Hetz- und Hassmail nach demselben Muster: die Verwirklichung noch des größten Unfugs durch die Wolke der Zustimmung.

All diese Tendenzen haben durch die sozialen Netzwerke, die Möglichkeiten der Beschleunigungen, der Intensivierung, der gleichzeitigen Subjektivierung und Anonymisierung im digitalen Netz Verstärkung erfahren, ihre Ursachen sind sie nicht. Der Antrieb zu einer solchen virtuellen Mob­bildung kommt ursprünglich offenbar aus einem Empfinden der Isolation. Da will etwas hinaus; aus einem Gefängnis, einer Dunkelkammer, die die Medien zuvor selbst geschaffen haben. Und wir beginnen zu ahnen, woher, was die Psychosen anbelangt, dieses »Lügenpresse«-Gebrüll kommt (bevor wir erkennen, wie sehr es eben auch taktisch gesteuertes politisches Angriffspotential ist). Man schreit da gegen das an, was die eigenen Gefühle nicht managen konnte oder wollte.

Die Renationalisierung der Wahrnehmung

Daraus ergibt sich gleichsam zwangsläufig die Konsensproduktion. Die einst ironisch gemeinte Frage »Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?« ist zum Leitfaden des Journalismus im Zeichen des Mainstreaming geworden. Die Nachricht hat keine Distanz zu ihrer eigenen moralischen ­Bewertung. Die Bilder der Flüchtlinge, die uns über unsere, nun eben: Mainstream-Medien erreichen, sind samt und sonders »Einstellungen« in einer mythischen Inszenierung. Was Mainstreaming als ästhetische Praxis bedeutet, lässt sich leicht daran erkennen, dass aus einer nahezu endlosen Fülle von Bildern immer wieder drei oder vier zur Produktion der ikonographischen Endlosschleifen ausgewählt werden. Dahinter steckt keine Verschwörung, sondern das spezielle Wirken einer Maschine, die ihre effizienteste Arbeitsweise sucht. Da sie nicht für die Gesellschaft, sondern für den Markt produziert, kann ihr Produkt nicht »Information« sein, sondern es muss zählbare Aufmerksamkeit sein, Zustimmung, die sich auszahlt. Würde von einem Tag auf den anderen die äußere Wirklichkeit einfach aufhören zu existieren, so müsste sich die Medienmaschine (die Metamaschine, die etliche Maschinen zusammenfasst) nur noch in Nuancen ändern.

Das Interesse am Mainstreaming der Medien aber hat natürlich noch viele andere Gründe. Nicht nur die Erzeugung von emotionalem Gleichgewicht ist das Ziel, sondern vor allem die Renationalisierung der Wahrnehmung. Dass nicht mehr am Leitfaden von Aufklärung und Demokratie, sondern an dem von »nationalem Interesse« und »Identität« berichtet wird, erzeugt einen Sog der nationalen Erzählungen, die den intimen medialen Lebenswelten entsprechen: Die Aufsplitterung der Medien in immer kleinere mediale Lebensräume (Landlustküche mit Thermomix) und immer raschere Abfolgen von Hysterie und Langeweile entspricht einer gleichzeitigen Entstehung immer umfangreicherer nationaler, »identitätsstiftender« Mythen, die aus Nachrichten, vor allem aus der Synchronisierung der Nachrichten mit vorhandenen Bildern und Narrativen zusammengesetzt sind.

Wie bei den Nachrichten die fünf, sechs Genres genügen, genügen bei den durch sie erzeugten identifikatorischen Erzählungen drei, vier Grundmodelle, die man vielleicht so zusammenfassen könnte: gemeinsames Glück (»Sommermärchen«); gemeinsame Trauer (kollektiver Trauerrausch); äußerer Schrecken und innerer Frieden (Ukraine, Griechenland, Flüchtlinge); Bedrohung (»Kommt der Virus zu uns?«); unsere Sorgen und Nöte (das Wetter, der Dax, die Arbeitslosenzahlen, aber Exportweltmeister und Lotteriegewinn). Man könnte die Mainstream-Erzählung noch einmal zusammenfassen: »Wir und die anderen«. Oder, noch einfacher: Es existiert ein Wir. Das auf einen Warenfetisch ein­gedampfte Ich und das zu nationaler Aggression aufgeblasene Wir wird durch dieselben medialen Lebensräume erzeugt.

Wirstehen dem ganz klar kritisch gegenüber, wenn es die anderen betrifft. Über das Fernsehen in der Sowjetunion sagt Peter Pomerantsev, der Autor von »Nichts ist wahr und alles ist möglich«: »Die Fernsehnachrichten, die gezeigt werden, sind nicht wirklich Nachrichten. Es geht darum, ein Drama zu inszenieren. Also gibt es das Drama in der Ukraine, wo Faschisten mithilfe der bösen Amerikaner das Land ins Chaos stürzen. Es gibt das Drama im Nahen Osten, den nur Putin vor dem Kollaps retten kann. Und die Inlandsgeschichten zeigen Putin, wie er Eishockey spielt oder Raubkatzen streichelt.«

Das völkische Subjekt

Nicht nur allgemeine Dispositionen stecken hinter solchen Transformationen, sondern auch sehr handfeste ­politische und ökonomische Interessen. Medienmacht bedeutet Reichtum: In Frankreich sind sechs der zehn größten Vermögen in den Händen von Medienunternehmen. Und Reichtum bedeutet Medienmacht. In Italien besitzt die Familie Berlusconi ein abso­lutes Meinungsmonopol. Nach der Machtübernahme der Nationalisten in Polen drohten diese mit einer ökonomischen Nationalisierung der Medien. In Brasilien erzeugt der Fernsehsender Rede Globo ein der ökonomischen Führungsschicht passendes einheitliches Weltbild. Rupert Murdochs Fox News hat in den USA nicht wenig zu dem allgemeinen Trend nach rechts (und eine kolossale politische Verblödung hinter ideologischen und quasi religiösen Phantasmen) beigetragen. Murdoch gehören unter vielem anderen das Wall Street Journal und die britische Massenzeitung Sun.

Man kann nun begreifen, warum das Phantasma der »Lügenpresse« im Milieu der Rechtspopulisten, völkischen Schreier und Halbfaschisten so rasche Verbreitung fand. Und ebenso kann man verstehen, wie rasch die Besetzung der Zeitungskioske beim Schwinden der bürgerlich-demokratischen Medien durch Organe der »Neuen Rechten« oder solche, die sich aus dem bürgerlichen Lager nach rechts bewegen, vonstatten gehen konnte. Das unentschiedene neoliberale Subjekt muss früher oder später doch zu einer Seite tendieren, der der antidemokratischen, völkischen Nationalisten oder der der demokratischen Zivilgesellschaft. »Lügenpresse« ist der Kampfruf zur Eroberung eines Instruments, das ökonomisch so stark wie kulturell schwach ist. Wer das Management der Gefühle beherrscht, bekommt früher oder später auch die politische Macht.

Der bürgerlich-demokratischen Presse und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wird ja keine konkrete Lüge nachgewiesen, vielmehr geht es darum, dass ihnen das Recht verwehrt wird, »im Namen des Volkes« zu sprechen. Der rechte Gramsciismus hat die Parole der kulturellen Hegemonie nach unten durchgereicht. Das »Lügenpresse«-Gegröhle »da ­unten« ist die vollkommene Entsprechung der Strategien der Damen und Herren »da oben«, in jeder Talkshow, in jedem Zeitungskommentar präsent zu sein, während man parallel ein ­eigenes Mediennetz aufbaut. Auch die braunen Shitstormer sind da eine willkommene Manövriermasse, nicht nur indem sie ein Chaos- und Bedrohungspotential, die Vergiftung der Gefühle und der Sprachen, erzeugen, sondern auch weil sie den Diskurs zum Verstummen bringen. Zur gleichen Zeit freilich können sich auch die Mainstream-Presseerzeugnisse bürgerlich-demokratischer Tradition nichts Besseres wünschen, als in der Art von der extremen Rechten und dem Straßenmob angegriffen zu werden. Wir müssen diese Presse verteidigen, sie ist alles, was wir haben. Kritik verbietet sich. Je suis Lügenpresse.

Ich weiß. Es gibt sie da draußen, die ehrbaren, die engagierten, die tapferen Journalistinnen und Journalisten, die mit ihrer auch unsere Freiheit verteidigen und nebenbei eine Wirklichkeit, die es ohne Zweifel immer noch gibt. Die Nachfrage nach ihren Bildern freilich wird umso geringer, als sie ihren Adressaten nichts anderes als die eigene Ohnmacht vor Augen halten.

Was wir indes erleben, ist ein teils organisch sich entwickelnder, teils koordinierter Angriff der antidemokra­tischen, völkischen Rechte auf die Reste der bürgerlich-demokratischen freien Presse. Das »Lügenpresse«-Geschrei, die Hasskommentare der Shitstormer und der gezielte Aufbau neurechter Presseerzeugnisse und anderer »identitärer« Medien sind die drei Aspekte ein und derselben Taktik. Es geht um das Kapern der nationalen Gefühlsmaschinen und die Ersetzung der Wirklichkeit durch das völkische Subjekt. Was wirklich ist, bestimmt die faschistische Konstruktion von Geschlecht, Rasse, Nation und Kultur. Wie leicht ihnen das gemacht wird, das, unter anderem, erzählt vom wirklichen Zustand unserer Medien.

Samstag, 30. Januar 2016

Facebook-Post eines Arztes aus einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.

In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht g...elungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…


Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“
zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.

Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.
Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen
Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub - das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.

In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?

Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?

Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger  vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.

Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.

Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.

Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…

Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.

Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.

Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern. Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.

Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.

Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.
Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen  Zuwanderer - zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?

Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.

Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!
Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das.

P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!

- Raphaele Lindemann, 28.01.2016

Donnerstag, 21. Januar 2016

"Der Kongo ist die Konsequenz von Europa"

Nach »Hate Radio« und »Das Kongo Tribunal« beschäftigt sich der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« erneut mit den politischen Katastrophen Zentralafrikas.
- Interview: Jakob Hayner, Jungle World, 21.01.2016

Ihr neues Stück »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehres« deutet schon im Titel auf einen Widerspruch zwischen einem individuellen Gefühl und der Gewalt. Die Kritik der Partikularität des Mitleids gehört zur europäischen Aufklärung, Kant zum Beispiel kritisierte es als eine zwar »gutartige Leidenschaft«, die jedoch »schwach und jederzeit blind« sei. Ist Ihr Stück eine Kritik des Mitleids in aufklärerischer Absicht?

Meine Kritik des Mitleids ist, dass es trotz medialer Runduminformation ein Gefühl des engen Radius geblieben ist. Zudem bleibt es meist selbstbezüglich, ja narzisstisch und führt nicht, in einem zweiten Schritt, zu Solidarität und einer politischen Forderung. Mitleid versucht Mängel individuell auszugleichen, die systemische Ursachen haben – von untätigen Regierungen bis zu den ökonomischen Bedingungen. Gleichzeitig ist das Stück auch eine Untersuchung des Mitleids als theatralem Vorgang. Wie funktioniert Identifikation? Was heißt das Ausstellen von Leid? Wer sieht wen leiden? Das Stück ist gewissermassen ein Essay in Form eines Monologs, es geht auch um Grundbegriffe des Theaters. Was heißt es, Zeugen auf der Bühne zu zeigen? Was heißt Stellvertretung auf der Bühne und was Katharsis?

Die Tragik der Geschichte durchbrechen: Consolate Sipérius und Ursina Lardi in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs«
Die Tragik der Geschichte durchbrechen: Consolate Sipérius und Ursina Lardi in »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« (Foto: Daniel Seiffert)

Der Realismus war für das 20. Jahrhundert der entscheidende Begriff, um Theater und Politik zu vermitteln. Der Dramaturg Bernd Stegemann hat kürzlich nach »Kritik des Theaters« sein neues Buch »Lob des Realismus« veröffentlicht, in der Zeitschrift Theater der Zeit wurde über einen neuen Realismus diskutiert. Sehen Sie »Mitleid« auch als einen Beitrag zu dieser Debatte?

Das Stück steht mitten in der Diskussion um den Realismus. In dieser Debatte wird ein Widerspruch aufgemacht zwischen authentisch-dokumentarischem Theater, in dem Zeugen auf der Bühne sie selbst sind, und Schauspielertheater, in dem eine fiktionale Figur durch Mittel des Schauspiels – ob postmoderner Trash, Brecht oder Stanislawski – etwas zeigt. Dieser Widerspruch hat auch zu tun mit der Opposition von Stadttheatern mit Ensemble und freien Produktionsweisen, die häufig mit Performern, mit Laien arbeiten. Ich versuche mit »Mitleid«, diesen Widerspruch in einen dialektischen Zusammenhang zu bringen. Es gibt zwei Schauspielerinnen auf der Bühne. Die eine, Consolate Sipérius, ist eine Zeugin des Genozids an den Hutu in Burundi 1993, aber sie ist auch Schauspielerin. Die andere Schauspielerin, Ursina Lardi, steigt mit einer Reflexion über Theater ein und erzählt anschließend eine Geschichte, die aber im Sinn der Authen­tizität nicht oder nur teilweise ihre eigene ist. Und hier wird es verwickelt, die Unterscheidung gerät in Bewegung: Denn auch die vorgebliche Zeugin zeigt etwas, das nicht mit ihrer Person identisch ist. Denn ihr ist etwas widerfahren, aber deswegen ist es ihr nicht auf alle Zeit eingebrannt, sie kann sich zu ihrer Geschichte verhalten. Es gibt eine Freiheit, mit dem je eigenen individuellen Schicksal um­zugehen im Sinne einer existentiellen Psychoanalyse. Zum Schluss macht Sipérius etwas sehr Wichtiges: Sie durchbricht die Kette der Rache. Sie weigert sich gewissermassen, mit dem Maschinengewehr in das Publikum zu feuern. Es gibt, so die Botschaft, neben der tragischen Logik des Leidens auch eine der Solidarität, des Vitalen.

Das Stück beschäftigt sich mit Burundi, ­Ruanda und dem Kongo. Auch in Ihren Stücken »Hate Radio« und »Das Kongo-Tribunal« waren die politischen Katastrophen Zentralafrikas Thema . Was macht das besondere Interesse an dem Gegenstand aus?

Einerseits beschäftige ich mich seit über zehn Jahren mit Zentralafrika. Anderseits ist Zentralafrika für mich auch eine Metapher für die Welt, ein metaphorischer Ort der Weltwirtschaft. Ich kann den Zusammenbruch von Staaten dort beobachten, Massaker, Zwangsumsiedlungen und Flucht – und das meistens aus ökonomischen Gründen. Die Gegend um Bukavu und Goma ist extrem reich an Mineralien, gleichzeitig sterben Menschen an Folgen der Vertreibung, der Unterernährung: »Du stirbst an Hunger, um in Diamanten begraben zu werden.« Marx sagte ja, dass man die Wahrheit über die bürgerliche Gesellschaft in den Kolonien sehen könne. Diese Widersprüche liegen im Ostkongo nackt zutage, und diese Nacktheit interessiert mich. Es gibt symbolische Orte. Ein Freund von mir, David van Reybrouck, hat das Buch »Kongo. Eine Geschichte« geschrieben, in dem es heißt, der Kongo sei kein Blick in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Das interessiert mich als negativ utopische oder atopische Landschaft, als Landschaft der Apokalypse. Und gleichzeitig ist das eine unglaublich reiche Natur, man kann beispielsweise viermal im Jahr säen. Das Problem der Kongolesen war aber, dass sie immer das hatten, was die Weltwirtschaft brauchte: Nach den Sklaven war es der Kautschuk, dann Uran, heute sind es Koltan oder Zinn. Der Kongo ist eine Parallelgeschichte zu Europa, die Konsequenz von Europa.

(Foto: Daniel Seiffert)

Sie fordern statt partieller Verbesserungen vor allem eine Systemkritik, die den Fokus auf die Unterdrückung der armen durch die reichen Länder legt. Während derzeit heftig über Grenzregime debattiert wird, fehlt es an einer grundlegenden Kritik. Die Menschen sind zwar durch Grenzen getrennt, aber vor allem von den Produktionsmitteln, die zur Errichtung des guten Lebens nötig sind.

Fakt ist, dass viele Regionen nicht an den Vorzügen der Industrialisierung teilhaben, obwohl sie industrialisiert werden. Die Wirtschaft ist global, überschreitet alle Grenzen, aber die Grenzen der Nationalstaaten verhindern für die Produzenten, was die Waren- und Finanzströme die ganze Zeit tun: den freien Verkehr. Man muss gar nicht in den Kongo gehen, um das zu beobachten. Zu jedem Imperium gehört die Peripherie, die sich natürlich auch in Europa bildet, die sich notwendig bilden muss: der Nahe Osten, Griechenland. Das System lebt vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie. Auch das römische Imperium hatte völlig chaotische Gebiete, Grenzgebiete, die allerdings für die Existenz des Imperiums zentral waren.

Der Hauptmonolog der Entwicklungshelferin in ihrem Stück erinnert an eines der berühmtesten Bücher über den Kongo, Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, in dem die Suche nach dem Ursprung der Gewalt mit der Fahrt auf dem gleichnamigen Fluss Kongo flussaufwärts parallelisiert wird.

Conrad erzählt eine Geschichte, er universalisiert sie aber außerdem, so dass sie beispielsweise in dem Film »Apocalypse Now« auch für Vietnam funktioniert. Es ist interessant, wie konkret man sein muss, um universal zu sein. Alles in meinem Stück ist verbürgt, die Daten und Fakten stimmen. Aber gleichzeitig ist es ein Stück über die Sinnlosigkeit von Gewalt und die Sinnlosigkeit von Rache. Das klassische antike Drama handelt auch von einer zirkulären Gewalt, die durch das Eingreifen eines Chores oder einer Gottheit überwunden wird – beispielsweise wie in der »Orestie« das Recht humanisiert wird. Die Tragik der Geschichte zu durchbrechen ist das Thema des Dramas und auch von »Mitleid«.

Eine klassische Figur der Theatergeschichte, die in »Mitleid« vorkommt, ist Ödipus. Ödipus steht für den Prozess der schmerzhaften Selbsterkenntnis, aber auch für Schuld und Verdrängung. Inwieweit sehen Sie eine Beziehung zu dem Stoff des Stückes?

Der westliche Entwicklungshelfer ist für mich die Figur des Ödipus. Es gibt einen Verdrängungszusammenhang in Bezug auf Zentralafrika. Ödipus erkennt zum Ende die Schuld, die er auf sich geladen hat. Er hat es auch am Anfang schon gewusst, in der ersten Szene des »König Ödipus« bekommt er es mitgeteilt, recht unumwunden. Aber bis er versteht, was er ja eigentlich schon weiß, braucht es den Durchgang durch das Drama. Kunst kann Unbewusstes und Nichtpräsentes zeigen und das ist die Katharsis, das Erkennen des schon Gewussten: Eben die tatsächliche Herstellung von Mitleid, von Solidarität, die sich trotz ja eigentlich umfassend zugänglicher Information zu den Grundlagen unserer Reichtums nicht einstellt.

Wie steht Ihr Stück zur Erkenntnis von Welt und zu möglichen Handlungen, zur Politik?

»Mitleid« versucht zu erkunden, was individuelles Bewusstsein von einer Welt des Leidens bedeutet. Kunst bietet keine Handlungsan­leitungen, sie kann aber tragische Blindheit und damit hypothetische Möglichkeiten aufzeigen. Es gibt Millionen Tote im Kongo. Aber es gab nur zwei Prozesse in Den Haag, zwei für 1 000 Massenverbrechen. Die Absenz von Recht und Strafe ist gefährlich, das zerstört ­zivilisatorische Grundlagen. Im Programmheft haben wir einen Text von Oscar Wilde, einem ausgesprochenen Verächter des Mitleids, abgedruckt: »Die Seele des Menschen im Sozialismus«. Wilde sagt dort, dass wir eine Welt, in der Mitleid notwendig ist, überwinden müssen. Er nennt das Sozialismus.

»Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« von Milo Rau ist noch am 29., 30. und 31. Januar an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen.

Samstag, 9. Januar 2016

Gewalt ist immer auch Gewalt gegen Frauen

Vom Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs einmal um die Welt und wieder zurück. Vor der Globalisierung kann man sich nicht schützen. Man muss mit ihren Folgen fertig werden.
- von Arno Widmann, Berliner Zeitung, 09./10.01.2016

Was sich in der Silvesternacht am Kölner und am Hamburger Hauptbahnhof ereignete, ist in Deutschland etwas Neues. Nicht neu ist, dass an Hauptbahnhöfen Frauen beraubt und begrapscht werden. Wer vor fünfzig Jahren in Westdeutschland aufwuchs, der weiß, dass die Bahnhofsvorplätze damals vor allem abends an den Wochenenden beliebte Treffpunkte jugendlicher Ausländer waren, die sich einen Spaß daraus machten, sich Mädchen und jungen Frauen in den Weg zu stellen und einen „Tribut“ zu fordern. Wenn zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main fünfzig, sechzig solcher Jugendlicher standen, dann wurden davon ein halbes bis ein Dutzend übergriffig. Das wurde immer wieder diskutiert. Polizei schritt ein, dann sah sie wieder weg. Irgendwann war nicht mehr die Rede davon.

Völlig neu ist aber das, was jetzt in Köln passiert sein soll: Um die tausend junge Männer sollen den Hauptbahnhof besetzt und ihn für ein paar Stunden zu ihrem eigenen Territorium gemacht haben. Sie beschossen andere mit Raketen und Böllern, schlugen um sich, stahlen und attackierten gezielt Frauen. 120 Strafanzeigen liegen inzwischen vor. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um eine gezielte, organisierte Aktion handelt. in die wohl mehrere Hundert Menschen verwickelt waren. Das ist eine neue Dimension. In Köln. Anderswo auf der Welt kommt es ständig vor. Wie immer bei solchen Aktionen wäre es ganz falsch, seine Aufmerksamkeit ganz auf Opfer und Täter zu konzentrieren. Ohne die Zuschauer, die Zuschauer bleiben, kann eine solche Situation nicht entstehen. Besonders schwerwiegend ist es, wenn Polizei zwar vor Ort ist, aber nicht einschreitet, wenn sie im Gegenteil einen Tag später erklärt, man habe das Ausmaß der Gewalttätigkeit nicht mitbekommen.

Mit den Waren wandern Menschen und Lebensweisen 

Wenn nicht auch diese Seite der Entwicklung genauestens untersucht wird, wenn zum Beispiel nicht danach gefragt wird, warum die Videoüberwachung des Bahnhofs nicht zu einem schnelleren, massiveren, effektiveren Einsatz der Polizei führte, dann wissen wir, dass etwas prinzipiell falschläuft in unseren Sicherheitsbehörden. Es ist wichtig, sehr genau aufzuklären, was in der Silvesternacht passiert ist. Nicht nur um der Betroffenen dieser Nacht willen, sondern auch, um uns klar zu werden über die Situation, in der wir leben.

Wir sprechen über Diskriminierung am Arbeitsplatz, über Frauenquote, wir haben gemerkt, wie schwierig es war und ist, gegen häusliche Gewalt öffentlich vorzugehen. Mit der Möglichkeit eines organisierten öffentlichen Überfalls auf Frauen mitten in einer deutschen Großstadt haben wir nicht gerechnet. Nun wissen wir, dass wir auch, was die Diskriminierung von Frauen angeht, globalisiert werden. Mit den Waren wandern die Menschen, mit ihnen ihre Ideen und Lebensweisen und -vorstellungen.

In seinem 2014 erschienenen Buch „A Call to Action – Women, Religion, Violence and Power“ schrieb der Ex-Präsident der USA Jimmy Carter: „Wirtschaftliche Ungleichheit ist zwar ein großes und ständig wachsendes Problem, ich bin aber doch zu der Überzeugung gekommen, dass weltweit die wichtigste und viel zu wenig angegangene Herausforderung die Entrechtung und der Missbrauch von Mädchen und Frauen ist.“

Globalisierung zerstört das Verhältnis der Geschlechter

Es gibt keinen Krieg, in dem der Krieg gegen die Frauen nicht eines der wesentlichen Elemente ist. Es gibt keine Herrschaft, die sich nicht wesentlich dadurch definiert, dass sie für sich die Verfügungsgewalt über Frauen einfordert. Sei es ganz real, als das Recht auf Vergewaltigung – „ius primae noctis“ – oder aber als das Recht, ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Der erste Artikel dieser Vorschriftenkataloge lautet stets: Das Weib sei dem Manne untertan.

Die Globalisierung zerstört weltweit überkommene Lebensweisen und damit fast immer auch das Verhältnis der Geschlechter. Man mag das in vielen Fällen begrüßen. So wird zum Beispiel die weibliche Genitalverstümmelung – in vielen Weltgegenden ein wichtiges Stück Durchsetzung männlicher Dominanz – mehr und mehr infrage gestellt. Aber es wäre ganz falsch, sich die Zerstörung der alten Milieus als ein Ereignis vorzustellen, an das sich die Errichtung neuer Milieus anschließt. Das ist eine entwicklungspolitische Illusion, die davon ausgeht, dass es Einrichtungen gibt, die diesen Übergang organisieren. In Wahrheit aber sind das chaotisch verlaufende Prozesse, in denen jeder versucht, durch treten nach unten sich oben zu halten. Kaum ein Unterdrückter, der nicht noch eine Frau findet, der gegenüber er wenigstens für ein paar Minuten zeigen kann, dass er der Herr ist.

Sexualität spielt dabei immer eine Rolle. Freilich nicht die, die wir Hippienachgeburten ihr zuschreiben. Diese Art von Sexualität ist engstens mit der Macht verbunden. Venus und Mars sind hier keine Gegensätze, sondern beide leben voneinander. Wer Passantinnen in den Schritt greift, der mag das für eine sexuelle Aktion halten. Das zeigt aber nur, wie unsexy Sex für ihn ist, und wie sexy Macht und Gewalt für ihn sind. Eine Macht und Gewalt, zu der gehört, dass sie als Gruppe ausgeübt und angetan wird. Die Gemeinschaft der Krieger ist eine der Vergewaltiger. Zu einem Überfall gehört die Vergewaltigung. Das gilt nicht nur für indische und afrikanische Dörfer, das steht auch in den Annalen der römischen Geschichte. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein großes Thema vor allem der Barockmalerei.

Kein Staus quo ist sicher

Ebenfalls 2014 veröffentlichte die Journalistin Maria von Welser „Wo Frauen nichts wert sind – Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. Sie schreibt darin: „Bis heute werden täglich Tausende Frauen überall auf der Welt vergewaltigt und gefoltert. Sie werden verbrannt und gesteinigt. Ihre Genitalien werden verstümmelt, ihre weiblichen Föten abgetrieben oder ihre Töchter bei der Geburt ausgesetzt. Tagtäglich sterben mehr Mädchen und Frauen an den Folgen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt als an anderen Menschenrechtsverletzungen.“ Maria von Welser war in Afghanistan, in Indien, im Kongo und in Bosnien. Sie hat dort mit Opfern der Gewalt gesprochen. Sie hat sich ein Bild gemacht von der systematischen Ausrottung der Frau und des Weiblichen in der Welt.

Das hat doch mit dem, was bei uns geschieht, mit den schrecklichen Formen häuslicher Gewalt, mit den Diskriminierungen und Beschimpfungen, ja selbst mit den Ereignissen in Köln und Hamburg nichts zu tun? Das ist nicht richtig. Es hat ein Vierteljahrhundert gedauert von der ersten Einrichtung eines Hauses für geschlagene Frauen durch die autonome Frauenbewegung 1976 in Berlin bis zum Gewaltschutzgesetz von 2002, das Gewalttätern den Zugang zur gemeinsamen Wohnung verwehrt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass keine Errungenschaft, kein gesellschaftlicher Konsens, kein Gesetz eine sichere Grundlage ist. Kein Status quo ist sicher. Um alles muss immer wieder neu gestritten werden.

Es wäre ein Verbrechen, wir würden, was das Verhältnis der Geschlechter anginge, auch nur auf den Stand von 1989 zurückfallen. Aber es wird nicht an Versuchen fehlen, eine Welt einzurichten, die Frauen den Männern wieder stärker unterordnet. Je prekärer die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sind, desto lauter werden sich diese Stimmen wieder melden.

Wir müssen sehr genau hinschauen

Silvesternächte und ihre Feuerwerke werden immer wieder gerne als Bürgerkriege inszeniert, Massenaufläufe ziehen Diebe und andere Straftäter an. Sexuelle Belästigungen spielen dabei immer wieder eine große Rolle. So explosiv wie bei der vergangenen Jahreswende aber haben sich diese Elemente in Köln wohl lange nicht mehr verbunden. Liest man die Berichte, hört man die Augenzeugen, bekommt man das Gefühl, dass dort so etwas stattfand wie ein Pogrom.

Er brach ab, bevor es zu Leichen, Verwundeten und Schwerverletzten kam. Aber, so kann man den Polizeiberichten jetzt entnehmen, es fehlte nicht viel. Der dünne Schutzfilm Zivilisation reißt immer öfter an immer mehr Stellen. Wie viele Anschläge auf Asylbewerberheime gab es in der Silvesternacht? Wie viele Einsätze hatte die Polizei, um gegen häusliche Gewalt vorzugehen? Wie viele Schlägereien mit diesem oder jenem Hintergrund gab es in jener Nacht?

Wir wissen das nicht. Wir fragen selten danach. Wir fürchten, uns das ganze Bild vor Augen zu halten. Wir möchten schließlich in einem Land leben, das sich kümmert um Flüchtlinge, das darauf achtet, dass niemand ins Nichts fällt. Dann sehen wir, wie die einen systematisch gegen die anderen vorgehen, wie sehr sie ihren Stolz aus der Vernichtung der anderen gewinnen, und mit einem Mal haben wir Angst.

Es ist die Angst, die wir fühlten, wenn wir die Bilder eines Mobs sahen, der Flüchtlingsheime anzündete. Es ist die Angst, die wir empfanden bei der Betrachtung der Bilder aus dem Kongo. Diese Angst wird genährt vom Gefühl der Hilflosigkeit. Ein paar fest entschlossene Verbrecher können unser hübsches Gehäuse zerschlagen. Ein paar Leute, die nichts im Kopf haben, als einige Augenblicke lang sich mächtig zu fühlen, indem sie anderen Angst einjagen, zeigen uns, wie brüchig die Schale ist, die uns schützt vor dem Chaos.

Was immer passierte in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz passierte, was immer an krimineller Energie, an Testosteron, an Frauenverachtung, an Lust an der Gewalt und an Alkohol zusammenkam, wir müssen hingucken. Sehr genau hingucken. Wir werden die Angst vor diesen Bildern nur bezwingen, wenn wir sie anschauen. Genau und immer wieder. Und immer mit dem Wissen darum, dass in dem Moment, da wir das tun, ganz Ähnliches, Schlimmeres auch, sich an zig Orten in der Welt abspielt. Wir müssen daran denken, dass wir, wenn wir gegen die Gewalttäter am Kölner Hauptbahnhof vorgehen, wir zeigen, dass wir nicht hilflos sind, dass die Gewalt, so gerne sie es auch hätte, nicht das letzte Wort hat.