Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Freitag, 6. November 2015

Was hätte er zu ihnen gesagt?

Am 12. November wäre Roland Barthes 100 Jahre alt geworden. Klaus Walter hat dem französische Philosophen eine eigene Lesart von Pop zu verdanken.
- von Klaus Walter, Jungle World, 05.11.2015

Kleines Gesellschaftsspiel: über Musik sprechen, ohne jemals ein einziges Adjektiv zu verwenden.« Das wär’ doch was. »Jedes Bild von ihm ist ihm selbst unerträglich, er leidet darunter, genannt zu werden. Er meint, daß die Vollkommenheit einer menschlichen Beziehung auf der Vakanz des Bildes beruht: untereinander, vom einen zum andern, die Adjektive abschaffen; eine Beziehung, die sich mit Adjektiven versieht, ist auf Seiten des Bildes, auf der Seite der Herrschaft, des Todes.«

Bei keinem anderen Autor geht es mir so: Ich lese, was er über etwas schreibt, das ich nicht kenne, und ich übertrage es auf etwas, das ich kenne. Und andersrum: ich höre Musik, die Barthes nicht kannte, kennen konnte, und übertrage einen Text von ihm auf das Gehörte. Das hier schrieb er nicht über die Beatles:
»Sehr selten gibt es Künstler, die auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Populär würde ich genau den Künstler nennen, der sowohl den Leuten gefällt, die über schwierige und subtile Lektürekriterien verfügen, wie auch denen, denen sie fehlen.«

Die Beatles zum Beispiel, zumal sie nicht ein Künstler waren sondern deren vier, die ein komplexes, nicht von eindeutigen (Hetero-)Hierarchien geprägtes Beziehungsgeflecht verbindet, wie auch bei den Rolling Stones. Und die, weil sie vier unterschiedliche Typen sind, umso leichter auf mehrere soziale Klassen gleichzeitig eine verführerische Macht ausüben. Wen aber meint Barthes? »In einer anderen Kunst als der Musik gibt es einen Mann, der mir in typischer Weise dieser sehr seltenen Funk­tion zu entsprechen scheint, es ist Charlie Chaplin. Er hat Filme produziert, die Milliarden Kinder und Erwachsene aller Altersstufen zum Lachen gebracht und zugleich mit voller Berechtigung zu den schwierigsten und subtilsten Auslegungen Anlass gegeben haben. Chaplin drückt im übrigen wie Schubert einen gewissen Zustand der Unschuld aus … «

Äpfel mit Birnen vergleichen, das ist eine Stärke von Roland Barthes, und nebenher werden die falschen Dichotomien von E & U und Hi & Lo ausgehebelt.

Nicht in der Musik von Burial oder Theo Parrish hört Barthes »eigentlich keine einzige Note, keine Grammatik, keinen Sinn, nichts, was eine irgendwie geartete intelligible Struktur des Werks wiederherzustellen erlauben würde. Nein, was ich höre, sind Schläge: ich höre das, was im Körper schlägt, was den Körper schlägt, oder besser: diesen Körper, der schlägt.«

Nein, Barthes, 1980 bei einem Verkehrsunfall gestorben, schreibt nicht über Dubstep oder House. »Folgendermaßen höre ich den Körper von Schumann (der hatte mit Sicherheit einen Körper, und was für einen Körper! Sein Körper war das, was er noch dazu hatte): in der ersten der ›Kreisleriana‹ rollt es sich zusammen und dann webt es, in der zweiten streckt es sich und dann erwacht es … « So könnte es gehen: ohne Adjektive über Musik sprechen. Dabei habe ich nie versucht, den Körper und die Schläge bei Schumann so zu hören, wie Barthes sie gehört hat, vermutlich in dem Wissen, dass ich aus einer sozialen Klasse komme, die mir den frühen Zugang zu Schumann und Schubert verwehrt hat, so dass sie keine verführerische Macht auf mich ausüben konnten. Dafür hörte ich die Schläge bei Burial, 2006, und schrieb: »Hört man Dubstep in einer windigen Algarvenacht bei grünem Supermarktwein in Gesellschaft einer Psychoanalytikerin, dann kommt man schnell drauf. Dubstep ist super, weil er die pränatale Koenästhesie wiederbelebt. So heißt die urnarzisstische Erfahrung des Fötus im Mutterbauch: er genießt den versorgenden Uterus, kennt nicht Hunger, Angst und Abhängigkeit, die böse Welt da draußen. Guter Dubstep ist wie ein Sog in den Uterus. Englische Kritiker sprechen von einem ›womblike sound‹ und betonen seine ›weibliche Unterseite‹. Wäre das alles, dann könnte sich die Wellness-Industrie Dubstep ins Regal stellen – bitte vor Enya einordnen! Das Fabelhafte an gutem Dubstep aber ist die Synthese: die Musik von Skream, Digital Mysticz und vor allem Burial ist kein Wohlfühltrank für Eso­teriker, sie hat auch Töne für die ursprüngliche Aggression, die Zäsur der Geburt hinein in die feindliche Welt. Vom Wasserbad der Fruchtblase in den Regen von London – diese Bewegung verkörper(lich)t das Album von Burial.«

Auf solche Ideen wäre ich ohne Barthes-Lektüre nie gekommen, die Initiation waren die »Mythen des Alltags«, 1954 veröffentlicht, erstmals 1975, 76 beim Trampen durch Frankreich gelesen. Tatsächlich verwendet Barthes immer wieder den im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzten Begriff der Koenästhesie (beziehungsweise Zönästhesie), um die komplizierten Interaktionen von Körper und Psyche zu benennen, die sich abspielen, wenn wir zum Beispiel Musik hören, Schläge, allein zu Hause, oder besser, nachts im Club: »Der Schlag kann diese oder jene Figur annehmen, die nicht zwangsläufig die einer heftigen, wütenden Betonung sein muß. Da jedoch jeg­liche Figur der Ordnung der Wollust angehört, kann keine einzige ein romantisches Prädikat zugewiesen bekommen (sogar und vor allem wenn sie von einem romantischen Musiker vorgebracht wird) … der Rang der Figur ist nicht an die seelischen Zustände gebunden, sondern an die subtilen Bewegungen des Körpers, an diese ganze differentielle Koenästhesie, an dieses histologische Moirégewebe, woraus der lebende Körper gemacht ist.«

Ich lese Barthes, wie ich als Kind Pop-Musik gehört habe (und heute noch höre, manchmal): mit dem unbedingten Willen, genau das genau jetzt gutzufinden, ohne es bis ins Letzte zu verstehen – es aber koenästhetisch zu verstehen. Der Begriff kommt vom griechischen koinos und aisthesis, in den Fußnoten der »Mythen des Alltags« wird er – unzulänglich – als »Gemeingefühl« übersetzt. Für Mona Körte und Anne-Kathrin Reulecke, Herausgeberinnen eines Aufsatzbandes über das Buch, »betreibt Barthes in produktiver Nähe zu Gaston Bache­lard eine Psychoanalyse der Substanzen und Materialien. Hatte doch auch Bachelard der unmittelbaren Alltagswahrnehmung und, wie auch er es explizit sagt, dem ›gesunden Menschenverstand‹ zutiefst misstraut.«

Gerade erleben wir, wie der gesunde Menschenverstand des deutschen Gemütsmenschen umschlägt: vom passiven, gleichmütigen Konformismus in aktiven, aggressiven Normalismus. Barthes’ Misstrauen, oft von Ekel begleitet, ist also angebracht und hilft ihm, »Pseudonatur als Geschichte (zu) dechiffrieren«, so Horst Brühmann, sich nicht damit abzufinden, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, dass sie nicht Natur sind, sondern Gemachtes, Konstruiertes. Als ich die »Mythen« zum ersten Mal las, war mein Interesse an Pop-Musik auf einem Tiefpunkt, auf den Punkt gebracht in einem der dümmsten Sätze der Pop-Geschichte: »It’s only rock ’n’ roll but i like it«, ein Hit der Rolling Stones von 1974, der im Titel ­alles dementiert, was Rock ’n’ Roll, also Pop jemals interessant und aufregend gemacht hatte: dass es da um Tod oder Leben ging, um Provinz oder Großstadt, Fußballverein oder Plattenladen. Mit Barthes habe ich kapiert, dass es viel mehr ist als bloß Rock ’n’ Roll und dass ich wissen will, was ich warum liebe und nicht bloß like. Ein Buch wie eine Impfung.

Claude Haas vergleicht die »Mythen« mit Theodor W. Adornos »Minima Moralia« und sieht neben einigen Parallelen bei Barthes eine »signifikante strukturelle Gegenfigur« zu dem, was er Adornos »Emphase des dialektischen Umschlags« zum Besseren, zum, mit Hölderlin, »Rettenden auch« nennt: die Impfung! 1975 impfte Barthes mich gegen die eschatologischen Lebenslügen einer Linken, die am Aberglauben vom Lauf der Geschichte und an ihrer positiven Kindergarten-Dialektik festhält, obwohl sich die Welt gerade ganz woanders hindrehte, kurz vor Stammheim. Die »Mythen« sind das Serum gegen hippieeske, protogrüne Ideologien der Natürlichkeit, des Unwillkürlichen und Authentischen in den Künsten. Mona Körte: »In den ›Mythen des Alltags‹ folgen die Verweise auf die Gemachtheit von Gesichtern eher indirekten Regeln, die die Geschichtlichkeit der Gesichtlichkeit, die Tatsache ihrer Gewordenheit durch mediale Transformationen und historische Gegebenheiten in die sie formenden Materialien hinein verlegt, genauer über das gezielte Aufrufen des gestaltenden Materials den inszenierten Schauspielergesichtern wieder zurückerstattet: Ist das der Garbo ›gipsern‹, ›aus Schnee‹, dabei nicht gemalt, sondern ›aus dem Glatten und dem Mürben‹ geformt, so ist das Charlie Chaplins mehlig.«

Mit Barthes habe ich Roxy Music und Warhol kapiert, Velvet Underground revisited und war bereit für die künstlichen Paradiese und Höllen von Disco, Punk und New Wave – zumindest könnte es so gewesen sein, wenn ich meine Biographie ein bisschen photoshoppe.

»Die Wirkung des Catchens liegt darin, daß es ein übertriebenes Schauspiel ist.« So lautet der erste Satz der »Mythen des Alltags« über »Die Welt des Catchens«. Darin beschreibt der – nichtheterosexuelle – Zeichentheoretiker, wie »Gesten, Posen und Mimiken fortwährend zur besseren Lesbarkeit des Kampfes beitragen« und wie die Physis der catchenden Männer ihr Verhalten vorzeichnet: da ist der »lächerliche Hahnrei«, der »arrogante Gockel« und eine »rachsüchtige Schlampe« namens Orsano, ein »effeminierter Jazzfan, der anfangs im blau-­rosa Bademantel auftrat«. Was hätte Roland Barthes zu der Sorte Catchen gesagt, die in »Close up« zu sehen ist, dem aktuellen Video von Peaches? Darin spielt Kim Gordon in grüner Bomberjacke zu rotem Lippenstift den dominant bossigen, E-Zigarette rauchenden Coach der Wrestlerin Peaches, die zum Warmmachen auf Schweinehälften einboxt. Später steht Gordon im weißen Prinz-von-Homburg/René-Weller-Gedächtnis-Pelz am Ring, nebst XXL-Sonnenbrille. Das Catcher-Spektakel kriegt einen Dreh ins Genderfluide.

Hier die überzeichneten Witzfiguren aus dem Barthes’schen Bestiarium des Männer-Wrestling: ölige Muskelprotze, ein kleinwüch­siger Freak, ein voluminöser Glatzkopf, dem braune Soße aus dem Hintern quillt, die er Peaches ins Gesicht schmiert. Dort: Catch-People von unbestimmter Geschlechtlichkeit und polymorpher Sexualität, auch mal im rosa Petticoat. Aus einer nackten Frauenbrust spritzt weiße Flüssigkeit – in Peaches geöffneten Mund. Für Barthes war Catchen »der einzige Sport, der sich nach außen hin den Anschein der Folter gibt«. Bei Peaches ist Wrestling ein Sport, der sich nach außen hin den Anschein von BDSM und lesbischem Sex gibt. Lesbischer Sex, der pornoaffin auch zum Plaisier heterosexu­eller Männer inszeniert wird. Peaches und ihr Regisseur Vice Cooler plündern die Bilderwelt von »Ultimate Surrender«, einem Wachstumssegment der Wachstumsbranche Pornographie. Eine Reality-Show mit nackten Frauen beim Wrestling, das – angeblich ohne Script! – in Fucking übergeht, gerne mit Dildo-Penet­ration und Torturen für die Unterlegene. Sexual wrestling sei für echte Sportfans, so die Botschaft. Das Video zu »Close up« kann also gelesen werden als Kommentar zu einem Pornophänomen, so wie das komplette Peaches-­Album als Reflexion zum Stand der Körperdinge im Zeitalter der digitalen Massen­pornographie.
Was hätte Roland Barthes wohl zum Porno von heute gesagt? Oder zur Ehe für alle, die ja gerade in Frankreich auf massenhaften Widerstand stößt? Beim Wiederlesen der nunmehr vollständigen Ausgabe der »Mythen des Alltags« überrascht die Verve, mit der Barthes immer wieder die (klein)bürgerliche Familie ins Visier nimmt, wie er schon im Vorwort von 1970 die »bürgerliche Norm« als »Hauptfeind« ­ausmacht. »Frauen sind auf der Welt, um den Männern Kinder zu schenken«, schreibt er mit dem distanziert angeekelten Blick des Zoologen, der sich mit niederen Kreaturen beschäftigen muss. Das französische »Imitationsspielzeug« wolle »aus den Kindern Benutzer, nicht Schöpfer machen« und »kleine spießige Eigentümer«, schon das Material des Spielzeugs »führt in eine Koenästhesie (Zönästhesie) des Gebrauchs, nicht der Lust«.

Seiner Autobiographie »Über mich selbst« hat Barthes 40 Seiten mit Fotos vorangestellt, viele mit der geliebten Mutter – als der Vater im Krieg stirbt, ist Roland noch ein Baby. Ein Foto zeigt den vielleicht 16jährigen am Strand, die Mutter lehnt an seiner Schulter, im Arm hält sie Rolands kleinen Halbbruder. »Die Familie ohne den Familiarismus«, steht über dem ödipalen Dreieck. »Kein Vater zum Töten, keine Familie zum Hassen, kein Milieu zum Ablehnen, die große ödipale Frustration«, schreibt er an anderer Stelle.

Seine Homosexualität spielt in den »Mythen« keine Rolle. Sicher ist das den Konventionen der Zeit geschuldet, aber Barthes mag auch befürchtet haben, dass seine Kritik am bürgerlichen Familiarismus von der Gegen­seite unter Hinweis auf seine eigene, abweichende Sexualität diskreditiert werden könnte. Dabei schreibt ein nichtheterosexueller Mann zu dieser Zeit ja tatsächlich aus dem Außen, wenn er über die Familie schreibt und er bleibt im Außen, weil ihm – aus damaliger Sicht – eine Familie niemals vergönnt sein wird. Das schärft den Blick und nimmt der Kritik dennoch nichts von ihrer Berechtigung. Im heutigen Frankreich müsste Barthes einen Ausweg finden zwischen homophoben Gegnern der Ehe für alle und schwullesbischen Realos, die für ihre kleine Familie kämpfen. Gern hätte ich auch gelesen, was Barthes zu den maskulinistischen Inszenierungen der Sarkozys und Hollandes gesagt hätte. Oder zu den maskulinistischen Exzessen eines Strauss-Kahn. Zu schade.

Donnerstag, 5. November 2015

Empfänglich für Verbesserung

Jede kulturelle Leistung ist für ihn nur der Versuch, die eigene Sterblichkeit zu dekonstruieren. Kurz vor seinem 90.  Geburtstag spricht der polnisch-britische Theoretiker Zygmunt Bauman von einer wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft, die außer Kontrolle geraten ist, und erinnert die Soziologen an die Pflicht zur Hoffnung.
- von Jens Kastner, Jungle World, 05.11.2015

Zygmunt Bauman wuchs in Polen als Kind nichtpraktizierender jüdischer Eltern auf, arbeitete nach dem Ende des Kriegs für den polnischen Geheimdienst und studierte Philosophie und Soziologie. Er erhielt eine Professor in Warschau, musste Polen mit seiner Familie 1968 infolge einer antisemtischen Hetzkampagne verlassen und ging nach Israel. 1971 zog er nach Leeds, wo er bis zu seiner Emeritierung 1990 als Soziologieprofessor lehrte. Für sein Werk wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1998 mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Am 19. November wird Zygmunt Bauman 90 Jahre alt.


Sie können mit bald 90 Jahren auf ein Werk von über 50 Büchern zurückblicken. In einem Ihrer Werke sprachen Sie von der »Sterblichkeit im Prozess gesellschaftlicher Strukturierung«. Als eine der Hauptaufgaben des Menschen unserer Zeit bestimmten Sie die Dekonstruktion der »Sterblichkeit«. Kann das gelingen?

Das hängt davon ab, wie man dieses spezifische »Gelingen« vom reinen Zeitverschwenden abgrenzt. Die Dekonstruktion der Sterblichkeit macht sicherlich das von der Unausweichlichkeit des Todes geprägte Leben lebbar. Sie füllt den verstörenden Abgrund an Absurdität mit mutmaßlich nützlichem und realistischem Zeitvertreib – wie Pillenschlucken, Joggen oder dem Aufzeichnen der letzten Spuren eines vorübergehenden Aufenthalts. Ich glaube, dass darin der Hauptgrund für das Erfinden und Praktizieren von Kultur liegt. Und auch das Hauptanliegen von Kultur, im Vergleich zu welchem alle anderen Anliegen nur Fußnoten sind. Nur dank unseres Bewusstseins von der Sterblichkeit zählen wir – wie Hans Jonas es so schön formulierte – unsere Tage, auf dass sie durch sich selbst zählen.

Ihr jüngstes Buch »Retten uns die Reichen?« (2015) unterscheidet sich von den meisten ihrer vorherigen Bücher. Es ist polemisch, realpolitisch und formuliert eine klar linke Haltung, die sich gegen soziale Ungleichheit richtet. Gehört das zu Ihrer Dekonstruktionsarbeit, in dem Sinne, dass Sie die Dinge noch einmal unmissverständlich auf den Punkt bringen wollen?

Vielleicht haben Sie recht mit ihrer Sichtweise, aber es war nicht meine Absicht. Letztlich ist meine lebenslang »klar linke Haltung« weder eine Neuigkeit noch ein Geheimnis (den gewundenen Verlauf der Bedeutung dessen, was »Linkssein« ausmacht, einmal beiseite gelassen). Das kleine Buch, das sie erwähnen, zielt darauf ab, eine weiter Wendung der »linken« Agenda festzuhalten: das sehr gegenwärtige Phänomen, die wachsende Ungleichheit außer Kontrolle geraten zu lassen. Das bedeutet eine Kehrtwende, die zu den multidimensionalen Spaltungen der Gesellschaft führt, weg von den getrennten Klassen, hin zum Gegenüber einer Handvoll Superreicher und dem Rest der Bevölkerung, inklusive des schnell wachsenden Sektors der Mittelschichten.

Sie kritisieren soziale Ungleichheiten. Sie haben das immer getan, aber in den letzten Jahren ist dieser Schwerpunkt immer deut­licher geworden. In Ihrem Buch »Gemeinschaft. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt« (2009) machen Sie den Multikulturalismus und die sogenannte »kulturelle Linke« dafür mitverantwortlich, dass sich Ungleichheit vertieft, weil sich diese Strömungen auf kulturelle Differenzen und deren Anerkennung konzentrierten. Ist die »kulturelle Linke« nicht der falsche Feind? Ist soziale Ungleichheit nicht von anderen sozialen Kräften verursacht als von ein paar Kulturtheoretikern und -theoretikerinnen und mulitkulturalistischen Politikern und Politikerinnen? Sehen Sie die Möglichkeit, beide Perspektiven zu verknüpfen: den Fokus auf Ungleichheit mit der Forderung nach Umverteilung und die Perspektive auf Differenz mit der Forderung nach Anerkennung?

Ich gebe zu, der übertrieben vernachlässigten, vielleicht insgesamt übersehenen Warnung angehangen zu haben, die Richard Rorty vor fast 20 Jahren ausgesprochen hat:
»Seit ökonomische Entscheidungen ihr (der Superreichen) Vorrecht sind, werden sie Politiker der Linken wie der Rechten dazu ermutigen, sich auf kulturelle Angelegenheiten zu spezialisieren. Das Ziel wird darin bestehen, die Gedanken der Proletarier abzulenken – die 95 Prozent der Amerikaner und die 95 Prozent der Weltbevölkerung mit ethnischen und religiösen Feindseligkeiten zu beschäftigen, und mit Debatten über sexuelle Gewohnheiten. Wenn die Proletarier durch medienerzeugte Pseudo-Events von ihrer eigenen Hoffnungs­losigkeit abgelenkt werden, inklusive gelegentlicher kurzer und blutiger Kriege, werden die Reichen nichts zu befürchten haben.«
Und Rortys leitete daraus den Vorschlag ab: Die Linke »muss mehr über Geld reden, selbst auf Kosten dessen, weniger über Stigma zu sprechen«. Das bezieht die Unkosten für die »kulturellen Differenzen und ihre Anerkennung«, von deren Wertschätzung Sie sprechen, mit ein.
Oder, noch aktueller, der Aufruf der ersten im Weltmaßstab führenden Persönlichkeit (Papst Franziskus, Anm. von J. K.), die mutig genug war, die Wahrheit auszusprechen:*
»Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme noch Ordnungskräfte geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Re­aktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Strukturen einer Gesellschaft eingenistetes Böses immer ein Potential der Auflösung und des Todes. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom sogenannten ›Ende der Geschichte‹, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und verwirklicht sind. Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, dass der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüssten wir nicht, dass Waffen und gewaltsame Unterdrückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen. Einige finden schlicht Gefallen daran, die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemeinerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer ›Erziehung‹ zu finden, die sie beruhigt und in gezähmte, harmlose Wesen verwandelt. Das wird noch anstößiger, wenn die Ausgeschlossenen jenen gesellschaftlichen Krebs wachsen sehen, der die in vielen Ländern – in den Regierungen, im Unternehmertum und in den Institutionen – tief verwurzelte Korruption ist, unabhängig von der politischen Ideologie der Regierenden.«

In Ihrer Analyse der »flüchtigen Moderne« spielt die Verflüchtigung von Sicherheiten eine zentrale Rolle. Manche lesen das als Metapher für eine Vielfalt von Ängsten, andere interpretieren es als empirische Beschreibung, die jede und jeden gleichermaßen betrifft. Wer hat recht?

Die diffusen, zerstreuten, unbestimmten und vagen sowie anscheinend unverbundenen Ängste, die die Mehrheit unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen aufsuchen und peinigen (in nicht geringem Ausmaß mit freundlicher Genehmigung der Elite, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht oder deren Materialität nicht anerkennen will), werden bleiben. Sie werden geschürt und begünstigt von den Mächten, die sie wegen ihrer außerordentlichen Gefügigkeit in politisches Kapital verwandeln können, und von ökonomischen Kräften, die in Angst, Furcht und dem gesamten Status endemischer Unsicherheit eine fertige, produktive und leicht auszuweitende Quelle von Profiten finden.
Depression ist heutzutage eine der gängigsten Krankheiten. Indem sie die Ängste um ­Sicherheit schüren, versuchen politische Kräfte, die Öffentlichkeit von gefährlichen Gedanken abzuhalten, während ökonomische Kräfte ein Vermögen mit Beruhigungsmitteln gegen den daraus entstandenen Terror machen.

In ihren Büchern zum Konsumismus beschreiben Sie neue Formen von Ausgrenzung. Insbesondere Arme und Migranten und ­Migrantinnen werden wie moderner »Abfall« wahrgenommen, der nutzlos und nicht mehr in irgendeinen sozialen Kontext zu integrieren ist. Ist es dieser Aspekt der Diskriminierung und der Ausgrenzung, der ihren Begriff der Konsumgesellschaft von früheren Verwendungen – etwa im Rahmen der Kritischen Theorie – unterscheidet?

Ich zeichne die Ausgrenzung in Bezug auf zwei moderne Fabrikationen überflüssiger Menschen nach: in Bezug auf die die Herstellung von Ordnung und auf den ökonomischen Fortschritt. Diese zwei Fabrikationen wurden mit Geburt der modernen Ära in Bewegung gesetzt und funktionieren seitdem ohne Unterbrechung. Aber ihr Ausstoß an manuellen und intellektuellen Fähigkeiten wuchs mit zunehmender ­Geschwindigkeit – mit der »Exkommodifizierung« der Arbeit in Zeiten des frei fließenden und heute exterritorialen Kapitals und der zunehmenden Computerisierung. Die »sekundäre« Ausgrenzung, eine Form der nachträglichen Ausgrenzung, ist das synthetische Produkt oben erwähnter Prozesse und der Übergang von der Gesellschaft der Produzenten zur Gesellschaft der Konsumenten. Während Investi­tionen in unterbeschäftigte Arbeitskraft als Gewinn verbucht werden mögen, können Inves­titionen in »scheiternde Konsumenten« nicht als schlichte und einfache Belastung gesehen werden, außer in der kreditgestützten, konsumistischen Orgie der letzten 30 Jahre.

Sehen Sie im Konsumismus eine Fortsetzung moderner Ausgrenzung oder handelt es sich um neue, spezifisch »flüchtig moderne« Formen? Mir scheint es widersprüchlich, wenn Sie auf der einen Seite die moderne Bürokratie als Mittel der Ausgrenzung für das Abtöten moralischen Empfindens (Adiaphorisierung) verantwortlich machen, auf der anderen Seite aber der »kapitalistische Markt« der flüchtigen Moderne dieselben Effekte zeitigt. Was tötet nun die Moral, der »eiserne Käfig« (Max Weber) moderner Regulierungen oder die flüchtig-moderne Auflösung von Orientierungen?

Massive Ausgrenzung hat die moderne conditio humana von Beginn an begleitet. In Zeiten des europäischen Monopols auf die Modernisierung konnten die Ausgeschlossenen auf andere Kontinente ausgelagert werden (und wurden es zu einem Großteil) und als Träger des Kolonialismus und imperialer Eroberung eingesetzt werden. Mit dem globalen Triumph der Moderne ist diese Auslagerung nicht länger möglich – daher die »internen Exile« in der »Unterschicht« in all ihren Variationen, wertlos in ökonomischer Hinsicht und insofern auch nicht länger als Reservearmee für Arbeitsmarkt und Militär behandelt. Ihr Überleben wird mehr und mehr der Gnade der Wohltätigkeit überlassen, anstatt zu den Pflichten des Staates zu gehören.

Für Soziologinnen und Soziologen proklamieren Sie eine »Pflicht zur Hoffnung«. Was ist damit gemeint?

Wie Albion Small, einer der Pioniere soziologischer Studien in den USA, meinte, entstand die Soziologie aus dem Wunsch heraus, die Gesellschaft zu verbessern. Um ihren Wurzeln, ihrer Berufung und ihrer raison d’être treu zu bleiben, müssen Soziologen hoffen, dass dieser Anspruch zu erfüllen ist: dass Gesellschaft, und damit einhergehend die conditio humana, von Natur aus empfänglich für Verbesserung ist. Wer das nicht glaubt, ist bloß ein Archivar von Akten – was ein vollkommen anderer Beruf wäre, wie edel und legitim er andererseits auch immer wäre.

* Baumann zitiert die Punkte 59 und 60 aus Papst ­Franziskus’ Apostolischem Schreiben »Evangelii ­Gaudium«.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen:
Jens Kastner
Das Interview wurde per E-Mail geführt und redaktionell bearbeitet und gekürzt.

Von Jens Kastner ist soeben im Verlag Turia + Kant (­Berlin/Wien 2015) das Buch »Zygmunt Bauman. ­Globalisierung, Politik und flüchtige Kritik« erschienen.

Sonntag, 16. August 2015

Wo das Leftfield liegt

Man muss eine Menge Woody Guthrie hören, bis Mike Nesmiths psychedelische Country-Operetten erklingen. Die umfangreiche Compilation »Troubadours« bildet die Geschichte der amerikanischen Folk-Musik von den Zwanzigern bis in die Sieb­ziger ab.

 - von Klaus Walter, Jungle World, 16.10.2014

Die Geschichte der amerikanischen Folk-Musik muss nicht neu ­geschrieben werden. Es gibt ihn nicht, den geheimnisvollen Unbekannten, dem der Ruhm des Pioniers zusteht, oder den großen Verkannten, der in Wahrheit das Genre revolutioniert, das Troubadourwesen urbanisiert und das Lied der Folks elektrifiziert hat. Nein, die Ehre gebührt, daran ändern auch die 278 Songs auf 12 CDs nichts, die das auf den großen bibliophilen Wurf abonnierte Label Bear Family unter dem Titel »Troubadours – Folk And The Roots Of American Music« auf den Markt bringt, keinem anderen als dem jüdischen Jungen aus Minnesota, der beim Newport Folk Festival 1965 der versammelten Folkloristengemeinde einen Elektroschock verabreichte, als er seine Gitarre unter Strom setzte und mit einer kompletten Rockband die Konventionen des feierlich begangenen gemeinsamen Singens zu einfacher Gitarrenbegleitung über den Haufen warf. Bob Dylan, der noch dazu besser aussah als der Rest, mit seinem Jew­fro zu schwarzer Sonnenbrille und Polka-Dot-Shirt anstelle der üblichen Arbeiterverkleidung aus kariertem Flanell. Mit sechs Songs ist Dylan auf »Troubadours« vertreten, darunter »Blowing in the Wind«, die Evergreens aus den frühen Tagen vor dem elektrischen Sündenfall, der ihm den meistkommentierten Zwischenruf der Popgeschichte einbrachte: »Judas!« rief ein Zuschauer am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall zu Manchester. Dylans Replik: »I don’t believe you, you’re a liar«, und dann zu seiner Band: »Play it fucking loud!« Es folgte »Like a Rolling Stone«, fucking loud.

Die Revolutionierung des amerikanischen Songwesens durch die Elektrifizierung wird auf dieser Anthologie ausgespart, und das, obwohl sie bis in die mittleren Siebziger reicht mit John Denver, Townes Van Zandt und Mickey Newbury. Dieser eigenwillige Umgang mit der historischen Wahrheit mag dem Titel der Sammlung geschuldet sein: Der Troubadour ist ein Dichter, Komponist und Sänger höfischer Lieder im Mittelalter, ein Solitär, der sich selbst begleitet, in der Regel mit der akustischen ­Gitarre. Er – seltener: sie – singt mit klarer Stimme Lieder, die im günstigen Fall zu Folksongs werden, nachgesungen von anderen – oral folk history. Klassischerweise singen Folk-Musiker am Lagerfeuer, bei Kundgebungen, Demonstrationen, folglich dürfen die Songs nicht zu elaboriert sein, das Setting nicht zu kompliziert, Troubadoure brauchen keine Steckdose. Die Lieder werden von den werktätigen Massen adaptiert, so will es die hegemoniale Geschichtsschreibung der Folkmusik, die auch hier als Geschichte einer Folk-Bewegung erzählt wird. »Auf dem Höhepunkt der Großen Depression waren viele amerikanische Komponisten ernsthafter Konzertwerke Mitglied im Kollektiv der Komponisten oder diesem zumindest eng verbunden. Diese Organisation war der Kommunistischen Partei angeschlossen. Ziel des Kollektivs war es, ein Grundlagenwerk der Volksmusik zu schaffen, das die Arbeiterklasse ansprechen sollte.« Mit dieser im volkspädagogisch-technokratischen Ton der vierziger Jahre gehaltenen Erklärung beginnt das Kapitel über Earl Robinson.

Unter den Mitgliedern des Composer’s Collective war der 1910 in Seattle geborene Robinson »jener Komponist, der am erfolgreichsten Volksausdrucksweisen in seine Arbeit einfließen ließ«. »Volksausdrucksweisen« sind mit Vorsicht zu genießen, hier aber kommt das Übersetzungsproblem hinzu. Der amerikanische Begriff »Folk« bezeichnet etwas anderes als »Volk« im Deutschen, so wie der amerikanische Begriff »Race« als politisch-soziologische Kategorie etwas anderes meint als das deutsche Wort »Rasse«. Weiter in der Folk-Folklore der Linernotes: »Im Sommer 1936 wurde Earl Robinson Leiter von Camp Unity, einer kommunistischen Erholungs- und Erziehungseinrichtung 50 Meilen nördlich von New York City.« Die Gegend um die Catskill Mountains wurde auch »Borscht Belt« genannt, war sie doch ein beliebtes Ferienziel New Yorker Juden, wie es in »Dirty Dancing« dargestellt wird. Die bedeutende Rolle linker Juden in der amerikanischen Folk-Bewegung wird in der Anthologie »Troubadours« nicht eigens betont, ist aber offenkundig. Weiter Folk-Folklore: »Alfred Hayes, der Schauspieldirektor des Lagers, zeigt Robinson ein Gedicht, das er kürzlich geschrieben hatte und dem Singer-Songwriter und Märtyrer der ›Wobblies‹, Joe Hill, gewidmet hatte.« (Wobblies sind die Mitglieder der Industrial Workers of the World.) »Robinson nahm sich eine Gitarre und entwickelte innerhalb von 40 Minuten eine Melodie, die zu Hayes Zeilen passte. Noch am selben Tag trug Robinson ›Joe Hill‹ einer Runde am Lagerfeu­er vor.«

Der Authentizismus der hier suggerierten Zeitzeugenschaft am Lagerfeuer korrespondiert mit dem treuherzigen Verismus vieler Folk-Songs und dem nicht zu erschütternden Glauben an die Kraft des gesungenen Wortes. So gesehen ist diese Sorte Folk das musikalische Pendant zum sozialistischen Realismus in der Kunst. 1940 nimmt Earl Robinson sein Klagelied über Joe Hill auf, die Begleitung ist simpel genug für Gitarrenanfänger, leicht nachzumachen. Fast 30 Jahre später präsentiert Joan Baez »Joe Hill« beim Festival in Woodstock und stellt den Song in den Kontext der Proteste gegen den Vietnam-Krieg. An Earl Robinsons schlichtem Arrangement ändert Baez nichts, das Lied bleibt cantabile. Mit ihrer glockenklaren Jungfrauensirene trifft die Sängerin den Sound des reinen Herzens und repräsentiert die Unschuld der Folk-Bewegung bei einem Festival, das dominiert wird von ästhetisch wie sonisch ganz anderen Antworten auf die Politik der USA in Vietnam: Sly & The Family Stone mit ihrer drogeninduzierten Funk-Rock-Emanzipationsekstase, Jefferson Airplane mit ihrem Aufruf, zu den Waffen zu greifen, Country Joe McDonalds F-U-C-K und die E-Gitarren-De(kon)struktion der US-Hymne durch Jimi Hendrix.

Die Geschichte der politischen Folk-Musik erzählt die Anthologie wertkonservativ und traditionslinks, das zeigt schon die Auswahl der Protagonisten. Joan Baez ist mit sieben Songs vertreten, Woody Guthrie mit elf, und Pete Seeger, der Mann, der beim Newport-Festival angeblich mit einer Axt die Stromzufuhr zu Dylans E-Gitarre unterbrechen wollte, bekommt gleich 15 Lieder. Diese Auswahl spielt Popskeptikern in die Hände, die genervt sind von der notorischen Dylan-Vergötterung. Und den Romantikern, die einen Phil Ochs für genialer und sträflich unterschätzt halten. Solche Romantiker finden auch, dass der SC Freiburg schöner Fußball spielt als der FC Bayern. »Glotzt nicht so romantisch«, hätte Brecht gesagt, von dem Dylan nicht nur diesen klugen Rat übernommen hat.

»Die Geschichte der US-amerikanischen Singer-Songwriter« verspricht das Booklet. Tatsächlich werden viele kleine Geschichten zu einem Puzzle arrangiert, zum Patchwork der Minderheiten einer »zusammengewürfelten Nation«, wie Dave Samuelson in den Linernotes formuliert. Leider macht er die Nation gleich zum Subjekt und unterstellt ihr eine »Suche nach Identität«, wo diese Sammlung doch im Gegenteil den Nachweis liefert, dass das Einwanderungsland USA seine Identitäten schneller wechselt als Lady Gaga ihre Kostüme. Auch die ewige Rede von den »Wurzeln« darf nicht fehlen, dabei sind hier Luftwurzeln am Werk. Das Loblied des »Authentischen« wird gesungen, dabei kann man anhand dieser Anthologie wunderbar nachzeichnen, wie Songs Flügel bekommen, wie der kulturelle Transfer, sei es aus dem alten Europa, aus der Karibik oder aus Südamerika, der Musik neues Leben einhaucht, wie die kulturindustrielle Zurichtung und Verbreitung ihr eben nicht nur Substanz raubt, sondern auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Vor allem die ersten vier der zwölf CDs sind eine Fundgrube skurriler Artefakte; der Begriff Folk ist nicht mehr als eine Klammer für all den Kram, den die weird folks so singen, wenn der Tag lang und der Fusel okay ist.

Da erfährt man, dass The Weavers sich nach Gerhart Hauptmanns »Die Weber« benannt und »1948 beim Hootenanny am Erntedankwochenende auf der Irving Plaza gespielt ­haben«. Und was singen sie? »Die mitreißende Fassung eines israelischen Soldatenliedes, ›Tzena Tzena Tzena‹, in hebräischer Sprache.« Man trifft Ernie Lieberman, der mit Irwin ­Silber das einflussreiche Label Hootenanny begründet hatte. Lieberman, Jahrgang 1930, war ein »Red Diaper Baby«. Rote Windelkinder nannte man damals Sprösslinge von Kommunisten, die im Sommer in linke Ferienlager verschickt wurden. Ermutigt von Irwin Silber, formiert Liebermann 1950 »eine aus Weißen und Schwarzen (Frauen und Männern) bestehende Gesangsgruppe«, Duncan/Lieberman/Sanders/Smith. Und was singen sie? ›Die Gedanken sind frei‹, das bekannte deutsche Lied aus dem 19. Jahrhundert (…). Die Schallplatte wurde vor allem über linke Buchläden vertrieben und verkaufte sich 1952 etwa 1 200 Mal.« Die Gateway Singers, drei weiße Folk-Musiker und eine afroamerikanische Sängerin, reimen 1957 »sklerosis« auf »psychosis« und »credo« auf »libido«, »The Ballad Of Sigmund Freud«, nicht ohne Jung und Adler.

Da ist also noch ein weites, heute weitgehend versunkenes Leftfield jenseits der Union Boys mit ihren Solidaritätsliedern, jenseits von Woody Guthries Dustbowl-Soziodramen und Pete Seegers Frage, wo denn all die Blumen hingekommen sind – übrigens vorgetragen mit einer »nach knarrenden Dachsparren klingenden Tenorstimme«, so die Linernotes in ihrer speziellen Lakonie, von der man nicht so recht weiß, ob sie dem Sportreporterjargon entlehnt ist, einen auf hard boiled macht oder sich einer eigenwilligen Übersetzung verdankt. Ein Leftfield jenseits der ins Protestantische lappenden Folk-Folklore tut sich auf, ein kosmopolitisches Leftfield, in dem Juden und Afroamerikaner gemeinsame Sache machen, in der Bürgerrechtsbewegung und im Popgeschäft, sowas von antiauthentisch, dass es eine Freude ist. Überhaupt ist die Freude an »Troubadours« umso größer, je weniger troubadourisch gesungen wird, je kunstvoller, je kul­tur­industriell vergifteter  und vermischter, unreinrassiger und hybrider, popistischer und konstruierter die Musik daherkommt.
Da freut man sich über Mike Nesmiths psychedelische Country-Operetten. Der Mann war ein Monkee, also Mitglied der ersten Casting-Band ever. Man freut sich über Harry Nilsson, der fünfteste aller Beatles und sein gewissermaßen antifolkiges »One«.

Das letzte Wort hat Joni Mitchell. Einen einzigen Song darf sie beisteuern, die Frau, die bis heute immer wieder in einem Atemzug mit Joan Baez genannt wird, wo sie doch die Ein­zige der hier Versammelten ist, die Dylan das Wasser reichen kann, men & women. »Both sides now« haben sie ausgewählt, 1969 Mitchells größter Erfolg im Folk-Fach. Danach wird Mitchell idiosynkratisch, too much for ordinary folks.

Various Artists: Troubadours – Folk and the Roots of American Music 1–4. Bear Family/Delta Music

Donnerstag, 16. Juli 2015

Genaue Berichte zu kurzen Prozessen

Uwe Nettelbecks Gerichtsreportagen erhellen die Inkubationszeit der Studenten­bewegung.
von Philipp Goll, Jungle World, 16. Juli 2015



All den Erklärungen, wie es zur Eindämmung des kulturrevolutionären Aufbruchs der Studentenbewegung kam, hat der Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer 1997 eine beachtenswerte hinzugefügt. Er bemerkte einen schwindenden Spielraum in etablierten liberalen Zeitungen um 1968. Als Beispiel diente ihm die Wochenzeitung Die Zeit. Bohrer beschrieb deren Entwicklung vom »aggressiven Intelligenzblatt« zum »moralistisch-pastoralen Besinnungsorgan«. Und als Symptom dieser Verwandlung nannte er den Abschied des Zeit-Journalisten Uwe Nettelbeck. Nettelbeck hatte in den frühen sechziger Jahren mit Filmkritiken und Gerichtsreportagen für Aufsehen gesorgt. 1968 verließ er die Wochenzeitung und ging zum Magazin Konkret. Nach einem halben Jahr in der Chefredaktion verließ er sie wieder. Dann verschwand er aus dem Journalismus.

So problematisch personale Zuspitzungen sind, beim Lesen der Texte Uwe Nettelbecks aus der Zeit fällt es schwer, nicht zu glauben, dass alles anders werden müsse und könnte. Selbst die kürzesten Artikel kann man nicht lesen ohne Bewunderung für die Entschlossenheit, und kommt zu der Einsicht, dass Uwe Nettelbeck wusste, was er tat und tun musste, damit sich etwas ändere. Das zeigt ein Blick in sein journalistisches Werk.

1963, als 23jähriger, empfiehlt er nachdrücklich Jürgen Seiferts Analyse der drohenden Notstandsgesetzgebung; neben seinen legendären Texten zum Kino der Zeit stehen filmpolitische Artikel, in denen er Maßnahmen der Filmzensur wie die »Aktion saubere Leinwand« kritisiert. Wiederholt fordert er Kunstfreiheit in der Bundesrepublik und wendet sich gegen die Schmutz-und Schund-Kampagne, die im Namen des »gesunden Volksempfindens« eine »sittliche Ordnung« der Jugend gewährleisten sollte; und in seinen Artikeln zur Beat-Bewegung interessiert ihn weniger ihre vermeintlich fortschrittliche politische Motivation als die Warnung vor der bei geringstem Anlass strammstehenden Elterngeneration. Nettelbecks Artikel aus der Zeit ergeben ein beklemmendes Sittenbild der sechziger Jahre. »Wenn das ihr Junge wäre, würde sie ihn totschlagen, sagte eine Frau und wies erregt auf einen langhaarigen Knaben. Und um sie herum hob sich des Volkes Stimme: Dem müsse man die Hammelbeine langziehen, dem würden ein paar Jahre beim Militär guttun, warum denn die Polizei da nicht einschreite … «

Uwe Nettelbecks Berichte über Gerichtsverhandlungen aus der Zeit hat seine Witwe Petra Nettelbeck nun in einem Band unter dem Titel »Prozesse. Gerichtsberichte 1967–69« bei Suhrkamp neu herausgegeben. Sie stammen aus der Frühzeit der Studentenproteste; manche Berichte behandeln Verfahren gegen Studenten. Die Prozesse finden in einer Atmosphäre statt, die auch durch die Ausweitung staatlicher Gewalt gekennzeichnet ist, von der Spiegel-Affäre 1962 bis zur Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968, die ja nur die Höhepunkte darstellen.

Die Sammlung ist aber über ihre zeitgeschichtliche Bedeutung hinaus ein wichtiges Buch, weil man hier erfährt, dass die Sprache des Journalismus mehr sein kann als ein Werkzeug, mit dem man Sachzusammenhänge darstellt. Dass das ausgerechnet bei Texten deutlich wird, die sich mit der Justiz herumschlagen, ist kein Zufall. Justizkritik muss bei der Sprache beginnen, in der angeklagt, verteidigt, freigesprochen und verurteilt wird. Niemand hat das so unerbittlich durchexerziert wie der Schriftsteller Karl Kraus. 1964 erscheint seine Textsammlung »Sittlichkeit und Kriminalität«, die im Spiegel von Theodor W. Adorno besprochen wird. Kein Buch sei aktueller, schreibt Adorno, die zeitgenössischen Prozesse, die öffentlich von einer Lynchjustizstimmung begleitet würden, zeigten, »wie wenig in der Grundschicht der Gesellschaft, trotz allem Geschwätz vom Gegenteil, sich änderte«. Uwe Nettelbecks Prozessberichte müssen vor diesem Hintergrund gelesen werden.
Was an den Berichten auffällt, ist zuallererst, dass sie dem Versuch widerstehen, sich durch moralische Überheblichkeit oder vorauseilende Sympathie mit den Opfern auf eine Seite zu schlagen. Damit unterscheiden sie sich von den kämpferischen Reportagen Peggy Parnass’ oder Gerhard Mauz’, die neben Nettelbeck die Prozesse der sechziger Jahre verfolgten. Nettelbecks Artikel lassen deutlich eine strukturelle Kritik erkennen. Er fordert die »kühlere Wertung« der Sachverhalte und bemerkt, dass sich oft »Vergeltungswünsche in die Beweislücken schieben und sie mit Vermutungen zuungunsten des Angeklagten schließen«. Mit dieser Kritik ist er nicht allein. Der Bielefelder Amtsrichter und Autor Helmut Ostermeyer hatte die aggressive »Straflust« sowohl der Öffentlichkeit als auch der Justiz in seiner 1971 erscheinenden psychoanalytischen Kritik »Strafunrecht« untersucht. Im Nachwort zu diesem Band stellt Henrik Ghanaat die Arbeiten Nettelbecks in den Kontext einer linken Justizkritik, die einen strukturellen Wandel der Justiz forderte.

Im Zentrum der Sammlung steht der dreiteilige Prozessbericht zum Triebtäter Jürgen Bartsch aus dem Jahr 1967, der zu den aufsehenerregendsten Fällen der Bundesrepublik zählt. Bartsch hatte, selbst noch ein Jugendlicher, mehrere Jungen ermordet. Die Presse, die geschäftig an diesem Fall Anteil nahm, verbreitete das Bild des »Kirmesmörders«. Was schreibt Uwe Nettelbeck? Der Prozess endet bei ihm nicht in sprachlichen Klischees des »monströsen« Täters, der »hinter Gitter« gehöre. Auch nicht in übergriffigen Sympathien für Jürgen Bartsch, der vier Kinder im Alter zwischen acht und 13 Jahren tötete. Er endet mit einer Systemkritik, in der er die Richter zu Opfern erklärt, die keine freie Entscheidung treffen konnten, als sie Jürgen Bartsch zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten, »weil der noch immer zum Fürchten primitive Apparat Justiz & Strafvollzug ein Hilfe einschließendes Urteil nicht zuließ«. Jürgen Bartsch, der im Gefängnis unter seinen sadistischen Phantasien litt, unterzog sich einer vermeintlich rettenden Kastration. Er starb an den Folgen eines Operationsfehlers.

Nettelbeck beeindrucken andererseits aber »untadelige und gewissenhafte Urteile«, in denen sich ein Gericht souverän gegenüber dem aufgebrachten Volk oder der strafhungrigen Presse zeigt. Ihn interessiert das Zustandekommen dieser unabhängigen Entscheidungen, die sich nicht leiten lassen von Automatismen der Wahrnehmung und Urteilsfindung, die häufig schon sprachlich geprägt werden.

»Das Verschulden eines Angeklagten ist zu bestimmen, wenn die Schuld seiner Kläger und Richter vor den Augen einer überprüfenden Öffentlichkeit geklärt ist.« Das schreibt Karl Kraus. Sein literarisches Projekt, die Zeitschrift Die Fackel (1899–1936), bezeichnete er als »Judikatur«. Seine Texte über Prozesse sind selbst Prozesse, die von ihm Angeklagten ruft er durch Zitate herbei. »Er hält der Gesellschaft nicht die Moral entgegen, bloß ihrer eigene«, schreibt Adorno in seiner Rezension zu Kraus’ »Sittlichkeit und Kriminalität«. Dieser Einfluss ist bei Uwe Nettelbeck offenkundig. Auch bei ihm sagt das Zitat gegen den Zitierten aus, wie es Kraus formuliert, in dem sich seine Gesinnung enttarnt. Nettelbeck: »Amtsgerichtsdirektor Hans Pietsch, ein kleiner nervöser Mann, der dazu neigt, seine Urteilsbegründungen mit Formulierungen wie nach Herkunft und Veranlagung minderwertig zu zieren«, heißt es in seinem Bericht zur Verhandlung des Studenten Christian Boblenz Anfang 1969. Und Nettelbeck weiß, wie man etwas sprachlich dreht, damit sich der Sinn in die gewünschte Richtung wendet. Im Prozess gegen Boblenz, der seine körperliche Gesundheit in Notwehr durch Schutz mit einer Holzlatte gegen die Knüppel der Polizisten wahren wollte, ist es der Richter Pietsch, der »mehr um sich geschlagen als verhandelt hatte«.
Der Bericht über den Boblenz-Prozess ist der letzte Gerichtsbericht, den Uwe Nettelbeck für Die Zeit schrieb. Im ersten Text für Konkret heißt es unter der Überschrift »In eigener Sache«: »Mein Entschluß, nicht länger dazu beizutragen, daß die Zeit manchmal anders aussieht, als sie ist, das gebe ich zu, war auch eine Reaktion auf die Aufforderung, meine Artikel einem Redakteur vom Schlage Theo Sommers zu einer genauen Betrachtung im Manuskript zu überlassen.«

Sommer hatte Nettelbeck das »Herbeten von stupiden APO-Floskeln« vorgeworfen. Doch hätte der spätere Zeit-Chefredakteur vorher mal genau gelesen, was Nettelbeck etwa über den Prozess gegen die Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftungen im Herbst 1968 schrieb, hätte er sehen können, dass APO-Floskeln Nettelbecks Sache nie waren. Sein Artikel liest sich nicht nur als scharfe Kritik an der vermeintlich demokratischen Verfassung der Bundesrepublik, da der Prozess gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein gezeigt habe, wie sich »die Gewaltenteilung als eine Verteilung der Aufgabe darstellte, die zum Schutz der herrschenden Ordnung notwendige Gewalt auszuüben«. Im Gegensatz zu Ulrike Meinhofs Bericht für Konkret, in der sie Fritz Teufels Aphorismus feierte, es sei »immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben«, verwandelt Nettelbeck die Seite, die ihm die Zeit (noch) für seinen Prozessbericht einräumt, zu einem Strategiepapier.

Im Wortlaut: »Abgesehen aber auch noch davon, daß sich das Entzünden eines Feuers in einem Kaufhaus als Mittel der politischen Auseinandersetzung schon darum nicht empfiehlt, weil es sich dabei um eine strafbare Handlung handelt, die in jedem Fall den Menschen gefährdet, der sie begeht, daß es sinnlos ist, der Justiz eine Gelegenheit zu bieten, ein zu drastisches Exempel im Sinne der herrschenden Ordnung zu statuieren, war es sinnlos, am 2. April 1968 in einem Frankfurter Kaufhaus einen Schrank anzuzünden; ein brennendes Kaufhaus verändert eine Gesellschaft nicht, die es im Bedarfsfall selber an allen Ecken und Enden brennen läßt, und ein verbranntes Kaufhaus ist nur so gut wie ein neues Kaufhaus.« Absatz. »Es gibt Gesetze, deren Übertretung weniger gefährlich und doch politisch wirksamer ist.«

Wer sah, was sich nach der Erschießung Benno Ohnesorgs in Berlin im Sommer 1967 zusammenbraute an Polizeigewalt, wie Justiz und Presse sekundierten und wie der Staat sein Gewaltmonopol ausnutzte, konnte nicht anders, als das zu schreiben.

»Die Sicherheit steht jetzt über den Gesetzen«, bemerkte Michel Foucault, Autor von »Überwachen und Strafen« (1975), anlässlich der Affäre um Baaders Anwalt Klaus Croissant, dem in Frankreich politisches Asyl verweigert wurde. Zur Not auch jenseits der Gesetze musste der deutsche Staat mit spektakulären Aktionen unter Beweis stellen, dass er seine Bürger vor dem inneren Feind schützen konnte. Die Notstandsgesetze, die seit 1968 Gültigkeit hatten, machten das möglich. Der im Strafgesetzbuch verankerte »rechtfertigende Notstand« gab der Regierung eine Art Generalvollmacht über den Ausnahmezustand. Auf ihn berief sich die Bundesregierung, als sie nach der Entführung Hanns Martin Schleyers die Kontaktsperre für inhaftierte RAF-Mitglieder verhängte und ihnen somit unbehelligt Grundrechte nahm.

Die Neuauflage der Gerichtsberichte Uwe Nettelbecks in einem Band ist auch deshalb so wichtig, weil hier ein Autor entdeckt werden kann, der sich äußerst sensibel für das Durchgreifen staatlicher Macht zeigt. Die Radikalisierung der Studentenbewegung ist nur halb erklärt, wenn nicht die Radikalisierung des Staates berücksichtigt wird. Das Schlagwort vom Überwachungsstaat war eine späte Reaktion auf diese Entwicklung. Eine erneute Lektüre der Prozessberichte Uwe Nettelbecks zeigt aber auch, dass sie nur Vorstudien waren für eine experimentelle Justizkritik, die als Essay-Serie unter dem Titel »Fantômas« in seiner selbstverlegten Zeitschrift Die Republik von 1976 bis 1979 erprobt wurde. In dieser »Sittengeschichte des Erkennungsdienstes«, die 1979 als knapp tausendseitige Zitatmontage im Eigenverlag Petra Nettelbeck als Buch erschien, dreht sich alles um die kriminologische Konstruktion des Verbrechers als Gesellschaftsfeindes. Neben Zeitungsartikeln über Verbrecherjagden und Episoden der Panzerknacker stehen Beschreibungen von Musterfahndungen, Detektiv-Stories und Geschichten über den titelgebenden Held aus der französischen Populärkultur des frühen 20. Jahrhunderts. Der Showdown aber findet in der Gegenwart statt. Und es ist wohl kein Zufall, dass Nettelbeck in einer Art literarischen Offensive 1977 einen Anhänger der Utopie totaler Kontrolle, nämlich die »erste Datenerhebungsinstanz«, herausfordert beziehungsweise herbeizitiert: den damaligen BKA-Präsidenten Horst Herold. Nettelbeck druckt in voller Länge ein Referat Herolds über Datenverarbeitung und Verbrechensbekämpfung in seiner Zeitschrift Die Republik ab, in der der Erfinder der Rasterfahndung die Vision einer Polizei mit »gesellschaftssanitärer Aufgabe« nach kybernetischen Prinzipien entwickelt. Zwei Jahre später, 1979, auf dem Höhepunkt der »schwersten Krise des Rechtstaates« (Helmut Schmidt), kommt es zu einem Plagiatsverfahren gegen Nettelbeck wegen des unerlaubten Abdruckes eines im internen Polizeikreis gehaltenen Referats. Zu seiner Verteidigung bringt Nettelbeck vor, es bestehe ein gesellschaftliches Interesse an Herolds Vision. Den Verstoß gegen das Urhebergesetz konnte das aber nicht legitimieren. Und der Bitte, zu prüfen, ob Nettelbeck nicht Paragraph 34 StGB, nämlich den rechtfertigenden Notstand, in Anspruch nehmen könne, wurde nicht stattgegeben. Die Revision wurde auf Kosten des Angeklagten verworfen.

Es gibt ein experimentelles Verfahren in der Sozialwissenschaft, das durch sogenannte Krisenexperimente implizite Normen erkennbar machen kann. Hier werden Störungen provoziert, um Konventionen zu überprüfen. Dass Uwe Nettelbeck im Prozess wegen Verstoßes gegen das Urhebergesetz unterliegt und zu 4 000 DM Strafe verurteilt wird, ist gar nicht das Entscheidende an dieser Stelle. Viel wichtiger ist der Verlauf des Prozesses als Probe aufs Exempel. Es galt 1979 noch immer, was Nettelbeck schon anlässlich der Studentenproteste Ostern 1968 bemerkte, nämlich »dass zu Lasten der Erfüllung des Verfassungsgebotes, die Grundrechte aller Bürger zu schützen, das Besitzinteresse eines einzelnen geschützt wurde«.

Ein paar Jahre später wurde es der Regierung dann doch zu heikel, auch wegen der Proteste gegen die Volkszählung. Horst Herold wurde 1981, nicht länger politisch tragbar, in den Vorruhestand geschickt. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wurde 1983 im Grundgesetz verankert. Zumindest die staatliche »Datensammelwut« wurde gesetzlich eingehegt.

Uwe Nettelbeck: Prozesse. Gerichtsberichte 1967–1969. Herausgegeben von Petra Nettelbeck. Suhrkamp, Berlin 2015, 188 Seiten, 19,95 Euro.