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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 18. September 2014

Das "Rote Wien"

Ein Blick auf das »Rote Wien« zwischen 1919 und 1934 bietet Hinweise für eine ­alternative kommunale Wohnungspolitik und verdeutlicht deren Möglichkeiten und Grenzen.
von Raphael Kiczka, Jungle World 18. September 2014


Wie kaum ein anderes Bauwerk steht der Karl-Marx-Hof für das »Rote Wien« und seine alternative Wohnungs- und Kommunalpolitik: Über 1,2 Kilometer lang, mit geschlossener Bauweise, Toren und Türmen, steht er wie eine Festung im bürgerlich-konservativen Wiener Bezirk Döbling. 1930 eröffnet, bot der Hof mit 1 382 Wohnungen etwa 5 000 Menschen Platz. Geplant als Höhepunkt des Wohnbauprogramms, sollte er, wie alle Gemeindebauten, der Sozialdemokratie ein Denkmal setzen. »Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen«, formulierte der damalige Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung den symbolischen Wert der Wohnbaupolitik des »Roten Wiens«.

Die enorme Bautätigkeit durch die Stadt, vor allem in den zwanziger Jahren, hatte vor allem praktische Gründe: 1917 bestanden drei Viertel der Wohnungen aus nur ein oder zwei Zimmern, die in den Zins- beziehungsweise Mietskasernen, mehrgeschossigen, dicht um Innenhöfe gebauten Mietshäusern für Arbeiter und Angestellte, häufig kein oder kaum direktes Licht bekamen. Die Überbelegung wegen der hohen Mieten führte zu Gesundheitsproblemen, so wurde Typhus die »Wiener Krankheit« genannt. Einen Schutz der Mieterinnen und Mieter gab es nicht, so dass sie der Willkür der Hauseigentümer ausgeliefert waren. Der Bau von Mietshäusern brachte anders als Wohnungen für Wohlhabende nur mäßige Erträge für die Bauherrn. Es herrschte also ein strukturelles Unterangebot an günstigem Wohnraum, das auch soziale Konflikte barg. 1910 und 1911 kam es in Wien zu Massenprotesten gegen Teuerung und Wohnungsnot.

1919 gewann die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) die absolute Mehrheit im Wiener Gemeinderat. Ein Wahlerfolg, der den Anfang für das Experiment »Socialism in one city« bedeutete, wie die Historikerin Jill Lewis in ihrem gleichnamigen Artikel über das »Rote Wien« schreibt. Umgeben von konservativen Mehrheiten, sollten in Wien Alternativen im Bereich der Gesundheits-, Bildungs-, Kultur- und Wohnbaupolitik entwickelt werden. Die 64 000 Gemeindewohnungen, die gebaut wurden, bis der Putsch der Austrofaschisten 1934 dem »Roten Wien« ein Ende bereitete, sind die augenfälligsten Monumente dieser Zeit. Gleichzeitig vereinigen sie durch ihren Aufbau und ihre Organisation die grundlegenden Inhalte des Experimentes, auf kommunaler Ebene schon im Hier und Jetzt sozialistische Ideen zu verwirklichen. Trotz der revolutionären Rhetorik ging es der österreichischen Sozialdemokratie darum, im Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse realpolitisch tätig zu werden: Statt Revolution standen Kompromiss und Verhandlungen mit den politischen Gegnern auf der Tagesordnung. Aufgrund der Kräfteverhältnisse wurde erwartet, dass ein revolutionärer Umsturz zu einem Bürgerkrieg führen würde. Anstelle einer radikalen Gesellschaftsveränderung wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Etablierung einer bürgerlich-parlamentarischen Republik und einer proletarischen Gegenkultur angestrebt, die Vorarbeit für eine sozialistische Gesellschaft leisten sollte. In »revolutionärer Kleinarbeit« sollte durch sozialistische Bewusstseinsbildung der »neue Mensch«, so der Austromarxist Max Adler, geschaffen werden. Die Gestaltung der Lebenswelt nahm dabei eine zentrale Rolle ein, die Schaffung besserer Wohn- und Lebensbedingungen war prioritär.
Die Sozialdemokratie erbte 1919 eine bankrotte Stadt, in der etwa ein Drittel der Bevölkerung Österreichs lebte. Kreditfinanziert wurde vor dem Krieg jedoch auch die technische und soziale Infrastruktur ausgebaut viele städtische Dienstleistungsunternehmen waren kommunalisiert. Darauf konnte die Sozialdemokratie aufbauen und sich auf neue Politikfelder konzentrieren. Wegen der hohen Inflationsrate reduzierten sich die (Inlands-) Schulden und auch die Mieten sanken nun gegen null. Grund dafür war eine kaiserliche Notverordnung (»Friedenszins«), die 1917 im Angesicht einer Radikalisierung der Arbeiter nicht nur den Kündigungsschutz verbesserte, sondern auch Mietsteigerungen blockierte. Mit dem Mietengesetz verbesserte die Sozialdemokratie 1922 weiter die Lage der Mieterinnen und Mieter. Durch diese Regulierungen, eine Wertzuwachssteuer, die die Profitaussichten durch eine Übertragung von Liegenschaften senkte, und eine progressive Besteuerung von Immobilieneigentum wurden private Investitionen auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt unprofitabel.

Nicht nur der private Wohnbau kam durch die gezielte Zerstörung des Marktes zum Erliegen, auch große Flächen von Bauland verloren drastisch an Wert. Dies nutzte die Stadt Wien und kaufte sie – teils über Mittelsmänner – zu einem Bruchteil des alten Preises auf, so dass sie am Ende fast ein Drittel der städtischen Fläche besaß. Als das Ende der Inflation Planungssicherheit verschaffte, konnte 1923 mit dem ersten Wohnbauprogramm auf diesem Baugrund begonnen werden. Die finanzielle Basis für die Bauvorhaben bildete die Reorganisation des Steuersystems: Dank der Anerkennung als eigenes Bundesland 1922 konnte Wien eigenmächtig Steuern erheben. Durch eine Reihe von Konsumptions- und Luxussteuern sollte das Steuersystem sozialen Ausgleich schaffen, wichtig war dabei die zweckgebundene Wohnbausteuer, die das kommunale Bauprogramm zu großen Teilen finanzierte. Schulden mussten nicht aufgenommen werden.

Um die Wohnungsnot zu lindern, unterstützte die Sozialdemokratie anfänglich auch die selbst­organisierte Siedlerbewegung, die an den Stadträndern – zunächst illegal – einfache Häuser mit Gärten zur Selbstversorgung errichtete. Doch schon bald fiel die Entscheidung für groß angelegte innenstadtnahe Gemeindebauten. Als Gründe wurden die höheren Erschließungskosten des Umlandes genannt, wichtig war aber wohl auch die Angst vor einer Entproletarisierung der Ar­beiterinnen und Arbeiter sowie fehlende Kontroll- und Einflussmöglichkeiten durch die Partei in den selbstorganisierten Siedlungen. Denn der Wohnbau sollte nicht nur die Wohnungsnot lindern und gesunde Lebensbedingungen schaffen, sondern auch das proletarische Bewusstsein schärfen und die Arbeiter politisieren. Die Gemeindebauten waren von Institutionen der Stadt Wien – und damit kaum zu trennen von der Partei – organisiert. Besonders in den größeren Neubauten gab es eine Vielzahl von Einrichtungen und Gemeinschaftsräumen, etwa Poststationen, Gesundheitszentren, genossenschaftliche Einkaufsläden, Kindergärten, Kinos, Bäder, Waschhäuser und Bibliotheken. Als Monumente des proletarischen Selbstbewusstseins wurden die Gemeindebauten abwechslungsreich und fortschrittlich von führenden Architekten Wiens erbaut.

Auch die Gemeindewohnungen selbst, die nach einem Punktesystem gemäß sozialer Bedürftigkeit vergeben wurden, waren ein großer Fortschritt gegenüber den Zinskasernen. Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten einzig Betriebs- und Unterhaltungskosten der Wohnung zahlen, da die Steuerfinanzierung keine Rückzahlung von Krediten nötig machte. Außerdem waren die Baukosten vergleichsweise gering. Die Fläche wurde billig erworben, die Stadt Wien gründete gemeindeeigene Baustofflieferanten und Baufirmen, die auch wegen der Quantität der Baumaterialien günstig arbeiten konnten, und die städtischen Transportunternehmen wurden für den Wohnbau mitgenutzt. Die Miete betrug 1926 damit gerade einmal vier Prozent des durchschnittlichen Lohns eines Arbeiters. Diese niedrigen Wohnkosten waren auch nationalökonomisch gewünscht, denn der Druck, die Löhne zu erhöhen, wurde so effektiv gesenkt. Dies war von zentraler Bedeutung, denn zu jener Zeit konnte Österreich nur als Niedriglohnstandort konkurrenzfähig bleiben.

Die Wohnungen selbst waren zwar aus heutiger Sicht eher klein, dafür besaßen sie aber üblicherweise die notwendigen sanitären Einrichtungen, waren direkt beleuchtet und belüftet. Dies alles steigerte die Lebensqualität und den gesundheitlichen Standard. Bei den Gemeinderatswahlen drückte sich die Zustimmung zu dieser Politik durch einen stetig wachsenden Stimmanteil aus, auch die Mitgliederzahlen der SDAP stiegen in Wien 1928 auf über 400 000.

Trotz dieser konkreten Erfolge konnte die Strukturkrise nicht gelöst werden. Die christsozial dominierte Bundesregierung blies 1929 zum »finanziellen Marsch auf Wien« und veränderte im Rahmen einer Zentralisierungsstrategie den Verteilungsschlüssel zwischen Bund und Ländern. Verstärkt durch die Krise, sanken so die Steuereinnahmen Wiens und viele Reformen wurden nicht weitergeführt oder sogar rückgängig gemacht. Auch das Bauprogramm verlor in den Dreißigern deutlich an Schwung. Trotz der starken Durchdringung des Lebens mit sozial­demokratischen Institutionen in Wien konnte den Angriffen der rechtsnationalen Kräfte im Februar 1934 wenig entgegengesetzt werden. Dies lag auch an der sozialdemokratischen Führung, die bis zuletzt auf Verhandlungen mit den politischen Gegnern vertraute, Angriffe der bürgerlich-klerikalen Kräfte nicht beantwortete und ihre Basis zurückhielt. Den Angriffen von Polizei, Heimwehr und Artillerie des Bundesheeres konnte nur kurz standgehalten werden – Hauptschauplätze des bewaffneten Widerstands waren die größeren Gemeindebauten. Nach wenigen Tagen war das Ende des »Roten Wien« jedoch besiegelt, die Bundesregierung verbot alle sozialdemokratischen Institutionen und Publikationen.

Das kommunale Bauprogramm wurde Mitte der Neunziger quasi eingestellt, 2004 errichtete die Stadt Wien den letzten Gemeindebau. Eine gesellschaftspolitische Utopie wird mit Wohnbaupolitik länger nicht mehr verfolgt. Hing der Erfolg der Baumaßnahmen im »Roten Wien« stark mit der gezielten Zerstörung des Wohn- und Immobilienmarktes zusammen, so arbeitet die Stadtpolitik heute vor allem mit privaten Investoren zusammen. Fehlender Wohnraum und steigende Mieten sind die Folge, grundlegende Alternativen zu einer marktförmigen Organisation der Wohnungs­politik vergessen. Wenn Steine reden könnten, wären die Wiener Gemeindebauten eine gute Gelegenheit, um sich an die Erfahrungen des »Roten Wien« zu erinnern und Möglichkeiten und Grenzen einer alternativen Kommunal- und Wohnungspolitik zu diskutieren.

Donnerstag, 11. September 2014

Politisch improvisiert

Der Tod Lindsay Coopers vor einem Jahr wurde hierzulande kaum zur Kenntnis genommen. In Großbritannien wird ihr zu Ehren die legendäre Avantgarde-Band Henry Cow noch einmal zusammenkommen.
 
von Udo Wolter, Jungle World, 11. September 2014
Als die Fagottistin, Multiinstrumentalistin, Komponistin und linke Feministin Lindsay Cooper am 18. September vergangenen Jahres ihrer langjährigen Erkrankung erlag, wurde dies in den hiesigen Feuilletons nicht einmal registriert. In ihrem Herkunftsland Großbritannien widmeten ihr immerhin Guardian und Independent ausführliche Nachrufe, Ende dieses Jahres werden ihre musikalischen und politischen Weggefährten zwei Gedenkkonzerte geben.

Dabei wird, über 35 Jahre nach ihrer Trennung, auch die legendäre Avantgarde-Rockband Henry Cow noch einmal auftreten, mit der Lindsay Cooper bekannt wurde. Neben Soft Machine in ihrer Frühphase mit Robert Wyatt waren Henry Cow das wohl avancierteste und experimentierfreudigste Ensemble der sogenannten Canterbury-Szene, deren locker verbundene Bands sich meist irgendwo zwischen Progressive Rock und Jazz bewegten (Jungle World 34/2006). Die 1968 gegründete Band, zu deren früher Kernbesetzung der Avantgarde-Gitarrist Fred Frith, Saxophonist Tim Hodgkinson und Schlagzeuger Chris Cutler gehörten, verband Progrock mit Einflüssen aus Neuer Musik, Anleihen bei Brecht, Weill und Eisler, Zappaeskes, Free-Jazz und elektronischen Klangexperimenten zu einer ebenso eigenwilligen wie bis heute herausfordernden musikalischen Neuschöpfung. Henry Cow hatten sich im Zuge des Aufbruchs der Neuen Linken gegründet und verstanden sich zumindest zeitweise als kommunistisches Kollektiv.

Ein Leben zwischen Politik und Musik: Lindsay Cooper 1978
Ein Leben zwischen Politik und Musik: Lindsay Cooper 1978 (Foto: Rec Rec Shop / Doris Stauffer)
 
Lindsay Cooper stieß 1974 dazu. Sie hatte nach ihrer klassischen Musikausbildung bereits mit der progressiven Folkrock-Band Comus gespielt und war darüber mit der Canterbury-Szene in Kontakt gekommen. Die Multiinstrumentalistin spielte Oboe, Saxophon, Flöte und Klavier – ihr Hauptinstrument aber war das Fagott, mit dem sie zum unverwechselbaren Sound von Henry Cow beitrug. Kompositorisch hatte sie große Bedeutung in der Band, die Hälfte von »Western Culture«, der letzten Platte von Henry Cow, stammt aus ihrer Feder. Die Einführung des Fagotts als Soloinstrument in einen experimentellen Rock- und Jazz-Kontext war bereits an sich bemerkenswert, schließlich gilt das Fagott bis heute als eher unbewegliches Soloinstrument. Cooper spielte es mit elektrischer Verstärkung und Effektgeräten, ähnlich wie Miles Davis es in den siebziger Jahren mit der Trompete getan hatte.

Über das komplizierte Verhältnis zwischen ästhetischer und politischer Praxis bei Henry Cow und über Lindsay Coopers Bedeutung für die Band geben unter anderem die ausführlichen Texte ehemaliger Bandmitglieder im Begleitheft zur 2008 veröffentlichten »Henry Cow 40th Anniversary Box« Auskunft. Gemäß ihrem antihierarchischen Anspruch teilte sich die Gruppe ihre Einkünfte gleichmäßig mit der auf ihren ausgedehnten Touren mitreisenden Entourage. Nach Abzug der Kosten, die nötig waren, um das Equipment inklusive Tourbus funktionsfähig zu halten, blieb für Musiker und Crew allerdings oft wenig bis nichts übrig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Nachdem musikalische Differenzen zur Beendigung des Vertrags mit Virgin Records geführt hatten – der experimentelle Stil von Henry Cow war dem Management von Virgin nicht einträglich genug –, organisierte und produzierte die Band Konzerte und Platten selbst, um eine zumindest prekäre wirtschaftliche Tragfähigkeit zu ermöglichen. Henry Cow begründeten so das Prinzip der Independent-Vermarktung von Rockgruppen mit und riefen mit »Rock in Opposition« (R.I.O.) ein Netzwerk musikalisch und politisch ähnlich gesinnter Gruppen ins Leben, das mit Unterbrechungen bis heute existiert.

Im Laufe ihrer Karriere verlegten Henry Cow den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten immer mehr von Großbritannien nach Kontinental­europa, wo die Band von der freien Musikszene und ihrem Publikum positiv aufgenommen wurde. Vor allem spielten Henry Cow bei zahlreichen Kulturfestivals mehr oder weniger radikaler linker Parteien in ganz Europa, besonders in Italien. Dort tourten sie nicht nur ausgiebig auf Einladung der PCI-Zeitung L’Unita, sondern spielten auch im Rahmen von Veranstaltungen zahlreicher, untereinander oft verfeindeter linksradikaler Gruppen.
Politisch bewegten sich Henry Cow innerhalb der Ideologien, die die damalige linksradikale Szene bestimmten. Darunter auch der Maoismus, wovon etwa die auf ein bekanntes Mao-Zitat anspielende Cooper-Komposition »Half the Sky« auf »Western Culture« zeugt. Zum linken Selbstverständnis gehörte auch der kollektivistische Anspruch, die eigenen politischen Ansprüche im Alltag zu verwirklichen. Die ehemalige Henry-Cow-Bassistin Georgina Born, heute Hochschullehrerin für Musik, Kultur- und Sozialwissenschaften, schreibt in einem Essay über das Politikverständnis der Band, das Resultat ihres kollektivistischen Anspruchs sei ein »widerborstiges autoritäres Totem oder Denkgebäude« gewesen, das oft wenig Raum für interne Differenzen und Dissens innerhalb der Gruppe gegeben habe. Allerdings habe sich die Gruppe mit ihrem autoritären Kollektivismus und ihrem zumindest teilweisen Scheitern an den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen als durchaus typisch für die politisch-kulturelle Linke der siebziger Jahre erwiesen. Das gilt wohl auch für die Gender-Aspekte der politischen und persönlichen Konflikte, die sich innerhalb der Gruppe immer wieder ergaben, deren männliches Kerntrio aus Frith, Cutler und Hodgkinson von Born ironisch als »Zentralkomitee« der Band charakterisiert wird.

Für Lindsay Cooper bedeutete dies, sich nicht nur als erste Frau, sondern als erklärte lesbische Feministin in eine bereits existierende Gruppenstruktur zu begeben, die bis dahin eine reine Männersache gewesen war. Chris Cutler bekennt in seinem Beitrag zum Booklet der »Henry Cow 40th Anniversary Box«, er könne sich bis heute nicht vorstellen, wie das für sie gewesen sein muss. Nach Coopers Eintritt entwickelten sich Henry Cow sukzessive zu einer geschlechterparitätisch besetzten Band, was in der Jazz- und Rockszene bis heute relativ selten ist. Außer Cooper und Born stieß als Ergebnis einer zeitweiligen Verschmelzung von Henry Cow mit dem Trio Slap Happy zeitweise die Sängerin Dagmar Krause zur Band, kurz vor der Auflösung von Henry Cow auch noch die Posaunistin Anne-Marie Roelofs. Lindsay Cooper bezeichnete die Jahre mit Born und Krause ab 1975 einmal als das »Golden Age« von Henry Cow.

Im Gegensatz zu ihrem dem Mainstream der Siebziger-Jahre-Linken verhafteten Politikverständnis setzten Henry Cow musikalisch allerdings ganz andere Maßstäbe. Mit ihren experimentellen Auftritten bildeten sie den denkbar größten Gegensatz zu den Agitprop-Bands und Politbarden, die die Veranstaltungen und Festivals linker Parteien und Organisationen dieser Zeit bevölkerten. Georgina Born beschreibt die kulturell-politische Position von Henry Cow als nicht nur an Brecht, Weill und Eisler orientiert, sondern in musikalischer Hinsicht von einer »materialistischen Ästhetik« im Sinn eines »adornitischen Modernismus« geprägt, was von Chris Cutler bestätigt wird. Born mutmaßt allerdings zu Recht, dass Henry Cow dieses Konzept auf ein musikalisches Feld übertrugen, für das Theodor W. Adorno selbst es niemals geltend gemacht hätte. Tatsächlich hatte sich Adorno sehr kritisch über Versuche geäußert, Popmusik mit politischem Protest oder Gesellschaftskritik zusammenzubringen, was er schon wegen des kulturindustriellen Charakters des Pop als zum Scheitern verurteilt sah. Auf den Avantgardismus von Henry Cow trifft dieses Verdikt allerdings kaum zu. Hier war eine gegenläufige Dialektik am Werk, bei der die aus den Siebziger Jahren stammende linke Ideologie der Gruppe durch eine ästhetische Strategie gebrochen wurde, die die Autonomie des Kunstwerks gegen jede kulturindustrielle Zurichtung wahrte.

Bei der Musik von Henry Cow handelte es sich keineswegs um sauertöpfische Exerzitien eines Haufens notorisch übelgelaunter Kritiker. Die Gruppe zeigte auch musikalisch durchaus Sinn für Komik, vor allem der eher absurden Art – kaum zufällig findet sich im Repertoire von Henry Cow mit »Viva Pa Ubu« auch eine Hommage an Alfred Jarry, einen Wegbereiter des Dadaismus.
Lindsay Cooper war noch Mitglied von Henry Cow, als sie zusammen mit Maggie Nichols, Sally Potter, Irene Schweizer und Georgina Born die »Feminist Improvising Group« (FIG) gründete, die freie Improvisation mit politischer Aktion verband. FIG waren nicht nur eines der ersten ausschließlich weiblichen Musikerkollektive in der männerdominierten freien Jazzszene, sondern thematisierten bei ihren Auftritten weibliche Alltagserfahrungen und die daraus folgende Kritik der Geschlechterverhältnisse ebenso wie weibliche und lesbische Sexualität. Dabei wurden theatralische Mittel wie Parodie und Verkleidungen in einer Weise eingesetzt, die heute wohl als Queer-Performance bezeichnet würde. Seitens ihrer männlichen Kollegen und der Jazzkritik ernteten FIG großteils scharfe und von Ressentiments durchsetzte Kritik: Sie spielten »technisch mangelhaft«, ja »dilettantisch« und ließen überhaupt den nötigen Ernst bei der musikalischen Sache vermissen. Bezeichnenderweise schallte es FIG dagegen aus der feministischen Szene entgegen, ihre Musik sei zu virtuos und abstrakt, ja unzugänglich und elitär.

In solchen Reaktionen spiegelte sich auch das Elend eines verbreiteten bewegungslinken Kulturverständnisses. In der linken Musikszene, die sich zum Ziel setzt, die mutmaßlich revolutionären Massen zu bewegen, schmeißt man sich bis heute gern an den vermuteten Publikumsgeschmack heran. Die Ergebnisse unterbieten oft noch das Niveau dessen, was die Kulturindustrie als massentauglich durchsetzt. Während sich der musikalische Populismus der Linken so mit der als kapitalistisch kritisierten Kulturindustrie und ihren falschen Tröstungen uneingestanden gemein macht, setzten Henry Cow und andere Projekte, an denen Cooper sich beteiligte, auf eine konfrontative musikalische Ästhetik, die Offenheit und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung erfordert. Solch avancierte Musik auch einem unvorbereiteten Publikum zuzumuten, ist keineswegs elitär. Elitär ist eher die Vorstellung, bei der ästhetischen Avantgarde handle es sich um eine rein bildungsbürgerliche Veranstaltung, mit der man »der Klasse«, oder, wie heutige Linke es vielleicht formulieren würden, den »Subalternen« nicht kommen dürfe.

Auch in Aufsätzen und Interviews kritisierte Lindsay Cooper die Geschlechterverhältnisse und den Sexismus in allen Bereichen des Musikbetriebs und versuchte, aus dieser Kritik Konsequenzen für eine andere musikalisch-ästhetische Praxis zu ziehen. Allerdings äußerte sie sich allerdings kritisch gegenüber essentialistischen Definitionen weiblicher Identität und wandte sich gegen jede »übergreifende Definition ›feministischer Musik‹«.

Neben ihrer Arbeit mit Henry Cow und FIG gab Cooper auch zahlreiche Gastauftritte bei anderen Canterbury-Bands wie Hatfield and the North, Egg, National Health und dem durch die anarchistischen Spacerocker Gong bekannten Gitarristen Steve Hillage, die alle zugänglichere, aber deshalb nicht unbedingt qualitativ mindere Musik spielten.

Nach der 1978 erfolgten Auflösung von Henry Cow wirkte Cooper als Gastmusikerin auf dem ersten Album des Nachfolgeprojekts Art Bears mit, deren Aufnahmen teils noch als Henry Cow im Studio entstanden. 1983 gründete sie zusammen mit Cutler und Krause sowie der amerikanischen Harfenistin Zeena Parkins das stilistisch und politisch in der Tradition von Henry Cow stehende Projekt »News from Babel«.

Ein weiterer, eng mit ihren linken und feministischen Positionen verbundener Teil im Werk von Lindsay Cooper ist ihre Filmmusik. Das Album »Rags« etwa entstand als Musik für den Film »The Song of the Shirt«, der sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen sowie dem Widerstand von Frauen in den Sweatshops der Textilindindustrie um 1840 befasst. Lindsay Cooper recherchierte dafür eigenen Aussagen zufolge ausgiebig zeitgenössische Bänkellieder und andere Straßenmusik und bearbeitete dieses Material für ihre Filmmusik. Viele ihrer Filmmusiken entstanden in Zusammenarbeit mit ihrer engen Freundin, FIG-Mitbegründerin, Filmemacherin und Sängerin Sally Potter. Ab den achtziger Jahren war Cooper in der globalen Avantgardeszene aktiv, woraus zahlreiche Kooperationen mit Musikern wie Zeena Parkins, Alfred Harth, Phil Minton, Mike Westbrook, Lol Coxhill, John Zorn und David Thomas von Pere Ubu resultierten.

In enger Zusammenarbeit mit Sally Potter als Textautorin und Sängerin entstand auch Lindsay Coopers Songzyklus »Oh Moscow«, eine politisch-poetische Reflexion über den Kalten Krieg. Das Werk wurde 1987 uraufgeführt, Lindsay Cooper ging mit »Oh Moscow« anschließend fast fünf Jahre weltweit auf Tour, während die darin thematisierte politische Spaltung Europas sich buchstäblich vor den Augen der Musiker und ihres Publikums aufzulösen begann. Musikalisch gehört »Oh Moscow« zu den zugänglicheren Arbeiten Coopers, als zeithistorisches künstlerisches Dokument ist es sicher einzigartig. Bis zum krankheitsbedingten Ende ihrer Karriere unternahm Cooper weitere solcher politisch-musikalischen Reflexionen über das Zeitgeschehen, etwa Anfang der neunziger Jahre mit »Sahara Dust« über den damaligen Golfkrieg und 1994 mit dem Stück »Nightmare« für das von verschiedenen Künstlern getragene Gemeinschaftsprojekt »Sarajevo Suite«. Schließlich trat sie auch als Komponistin von moderner Kunstmusik und Choreographien hervor, darunter mit ihrem »Concerto for Sopranino Saxophone and Strings«.

Vermutlich bereits Ende der siebziger Jahre, noch während der Endphase von Henry Cow, wurde bei Lindsay Cooper Multiple Sklerose diagnostiziert. Sie hielt das Wissen um ihre Erkrankung selbst vor ihren engsten Freunden und Bandmitgliedern so lange wie möglich geheim, weil sie befürchtete, ständig darauf angesprochen oder gar auf ihre Krankheit reduziert zu werden. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand zusehends, so dass sie nach und nach alle ihre Aktivitäten aufgeben musste und schließlich bis zu ihrem Tod mit finanzieller Unterstützung ihres Freundeskreises in ihrer Wohnung gepflegt wurde.

Zu den Gedenkkonzerten in London (21. November) und Huddersfield (22. November) werden neben den verbliebenen Mitgliedern von Henry Cow auch zahlreiche weitere der erwähnten Musiker zusammenkommen, um dort auch Coopers Filmkompositionen, Musik von »News from Babel« und schließlich den Zyklus »Oh Moscow« noch einmal aufzuführen. Chris Cutler kündigte an, aus diesem Anlass auch eine Doppel-CD mit vergriffenem und unveröffentlichtem Material von Lindsay Cooper herauszubringen.

Mittwoch, 10. September 2014

Klassenkämpfer wider Willen

Die KPD und der Antisemitismus zur Zeit der Weimarer Republik.
 
von Olaf Kistenmacher, Jungle World, 14.07.2011


Eine bekannte Fotografie zeigt Walter Ulbricht, den späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR, KPD-Mitglied seit 1918 und seit 1928 deren Reichstagsabgeordneter, im Januar 1931 auf einer NSDAP-Versammlung in Berlin-Friedrichshain. Im Vordergrund ist Joseph Goebbels zu sehen (1). Auf solche aus heutiger Sicht befremdlichen Zusammentreffen wie auch auf kurzfristige Kooperationen beider Parteien beim BVG-Streik 1932 wird mitunter hingewiesen, um die Gefahr einer »Querfrontpolitik« zu verdeutlichen (etwa Angela Marquardt in Jungle World 33, 1998). Der Inhalt von Ulbrichts damaliger Rede ist hingegen bis heute wenig bekannt. Die Tageszeitung Die Rote Fahne, das Zentralorgan der KPD, veröffentlichte sie 1931. In diesem Protokoll ist auch folgender Wortwechsel Ulbrichts mit einem anonymen Zwischenrufer dokumentiert: »Am 21. Januar stimmten die Naziführer für die Subventionen der Mansfeld-AG von 7 Millionen Mark. Die Herren Otto Wolff, Jakob Goldschmidt und Co. (Zwischenruf: der Jude Otto Wolff, der Jude Goldschmidt). Jawohl, dem jüdischen hundertfachen Millionär Otto Wolff wurden noch weitere Millionen geschenkt, aber dafür haben die nationalsozialistischen Führer gestimmt.« (2)

In der Ulbricht-Werksausgabe der DDR fehlt dieser Wortwechsel, der Ulbrichts Unwillen belegt, dem antisemitischen Ressentiment offen zu widersprechen. Seit dem 19. Jahrhundert hatte die sozialistische und kommunistische Linke stets gegen Judenfeindschaft Partei ergriffen. Die Rote Fahne druckte in den Jahren der Weimarer Republik August Bebels, Friedrich Engels’ oder Wladimir I. Lenins Pamphlete gegen den Judenhass (3). Gleichwohl schien Ulbrichts Reaktion mit der Linie der Partei vereinbar zu sein. Für die politische Auseinandersetzung ist es von zweitrangiger Bedeutung, ob man Ulbricht selbst judenfeindliche Ressentiments attestiert oder nicht. Wichtiger ist die Frage nach der Tradition, in der seine Reaktion stand. Anhand der Berichterstattung der Roten Fahne lässt sich nachzeichnen, wie sich die zwiespältige Haltung der KPD zur »Judenfrage« gleichsam von selbst entwickelte – ohne dass dies einzelnen Akteuren bewusst oder von ihnen beabsichtigt gewesen sein mochte.

Die Politik der KPD in der Spätzeit der Weimarer Republik wird üblicherweise mit der These von einer »Stalinisierung« der Partei erklärt. Doch trotz aller Kurswechsel, die die KPD in diesen Jahren vollzog, und trotz der immensen Fluktuation von Mitgliedern in den letzten Jahren der Weimarer Republik – in manchen Ortsgruppen wechselte die Mitgliederschaft zu 100 Prozent – wies die Darstellung von »Juden« in den Veröffentlichungen der KPD eine bemerkenswerte Kontinuität auf. Zwar standen die einschlägigen Artikel nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung. Aber sie stellten »Juden« doch meist als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse dar. Dadurch konnte die KPD an der Deutung festhalten, Judenfeindschaft sei nichts als der »Sozialismus der dummen Kerls« (4). Außerdem konnte so die Hoffnung genährt werden, hinter der Feindschaft gegen »die Juden« stecke ein antikapitalistisches Potential, das im Sinne des Kommunismus genutzt werden könne.

»Hakenkreuzparade vor Hakennasen«

Was in dem Wortwechsel zwischen Ulbricht und der Person im Publikum lediglich anklingt, hatte Ruth Fischer acht Jahre zuvor drastischer ausgedrückt. Auf einer KPD-Veranstaltung, zu der »besonders die völkischen Gegner« eingeladen waren, hatte Fischer, Mitglied der Parteizentrale, des späteren Zentralkomitees, 1923 ihr Publikum mit den Worten zu gewinnen versucht: »Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner … ?« (5)

1923 sollte nach dem Plan der Dritten Internationale in Deutschland die Revolution stattfinden. Die KPD versuchte deshalb, über ihre klassische Klientel hinaus Anhänger zu gewinnen – auch unter Nationalisten und Antisemiten. Anders als Ulbrichts Rede von 1931 fand sich Fischers Rede nicht in der Roten Fahne, obwohl diese über die Veranstaltung Folgendes berichtete: »Am Schluss rief Ruth Fischer den Studenten, die hartnäckig nach dem Großen Mann verlangt hatten, zu: ›Der Gigant, der Deutschland befreien wird, ist da! Ihr seht ihn nicht! Der Gigant ist das deutsche Proletariat, zu dem Ihr gehört, und mit dem Ihr gehen sollt!‹ – Dann lauter Beifall von allen Seiten, und die Gegner schieden, nicht gerade versöhnt, aber mit dem Gefühl gegenseitiger Achtung.« (6)

Es war der Rätekommunist Franz Pfemfert, der 1923 in seiner Zeitschrift Die Aktion Fischers Rede in Auszügen zitierte. Pfemfert hatte im Ersten Weltkrieg eine Splittergruppe namens Antinationale Sozialistische Partei Deutschlands (A.S.P.) ins Leben gerufen. 1918/19 war er auf dem Gründungsparteitag der KPD dabei, verließ die Partei aber nach kurzer Zeit. Als antinationaler Rätekommunist kritisierte Pfemfert sie seitdem für den Bolschewismus, den Stalinismus und wies auf antisemitische Tendenzen in der Partei hin (Birgit Schmidt in Jungle World 23, 2004). Doch erst der Vorwärts, die Tageszeitung der SPD, lenkte durch eine neue Überschrift (»Ruth Fischer als Antisemitin«) die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt, als sie Pfemferts Bericht im August 1923 wiedergab (7).

Ruth Fischers Argumentation unterschied sich vor allem durch die drastische Wortwahl von dem, was zur gleichen Zeit in der Roten Fahne zu lesen war. Im Sommer 1923 diskutierten dort Karl Radek, der Vertreter der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Deutschland, und andere KPD-Vertreter mit dem bekannten Nationalsozialisten Ernst Graf von Reventlow. Radek gab Reventlow recht, dass die deutschen Industriebosse »mit den jüdischen Kapitalisten zusammen Deutschland« beherrschten, und versprach, sofern die kommunistischen Arbeiter mit den nationalistischen kleinbürgerlichen Massen vereint kämpften, »ein Ende der Herrschaft der beschnittenen und unbeschnittenen Kapitalisten« (8). Paul Frölich, der spätere Biograph Rosa Luxemburgs, zitierte Reventlows Aussage zustimmend: »Der Volksstaat soll an Vollbürgern alle Arbeitenden und arbeitsunfähig Gewordenen begreifen, aber nur sie. Die übrigen sind Drohnen, somit Schädlinge.« (9)

In ihrer Haltung zur »Judenfrage« stand die KPD in der Tradition der SPD des 19. Jahrhunderts. Die SPD hatte antisemitische Parteien bekämpft und Judenhass verurteilt. Gleichwohl gab sich August Bebel in seiner Rede auf dem Kölner Parteitag 1893 zuversichtlich, dass die Judenfeindschaft »schließlich wider Willen revolutionär werden« müsse (10). Wilhelm Liebknecht sagte bei gleicher Gelegenheit: »Ja, die Herren Antisemiten ackern und säen, und wir Sozialdemokraten werden ernten. Ihre Erfolge sind uns also keineswegs unwillkommen.« (11) Im »ABC des Kommunismus«, einem Grundlagenwerk für neue KPD-Mitglieder, das 1920 auf Deutsch erschien, schrieben Nikolaj I. Bucharin und Jewgenij A. Preobraschenskij, die herrschende Klasse benutzte die Judenfeindschaft, um »die Empörung der unterdrückten Arbeiter und Bauern von Gutsbesitzern und Bourgeoisie ab-, gegen die ganze jüdische Nation zu lenken« (12). Ähnliches stand wiederholt in der Roten Fahne (13). Demnach begriff Judenfeindschaft zwei Komponenten in sich: auf der einen Seite eine Ideologie, die die herrschende Klasse propagierte und die die Kommunisten zu bekämpfen hatten, und auf der anderen Seite eine noch unreife »Empörung« der einfachen Bevölkerung, an die die KPD anknüpfen müsse. Oder mit den Worten Ruth Fischers: Wer »gegen das Judenkapital aufruft«, befinde sich bereits im Klassenkampf, wenn auch vielleicht unbewusst.

In der Diskussion mit dem Antisemiten Reventlow bediente sich Karl Radek 1923 eines Arguments, das vor allem in der Phase von 1928 bis 1933 wiederkehren sollte. Er warnte, dass nach einem faschistischen Staatsstreich in Deutschland dasselbe passieren werde wie in Ungarn, wo »Graf Bethlen mit der jüdischen Börse seinen Frieden macht« (14). Eine Sonderausgabe der Roten Fahne fasste diese Warnung in eine griffige Zeichnung: Am Rande einer nationalsozialistischen Demonstration stehen zwei Männer mit für antisemitische Karikaturen typischen Merkmalen. Beide haben Hakennasen, wulstige Lippen und halb geschlossene Augenlider und sehen trotz eleganter Kleidung schmutzig aus. Die Überschrift lautet: »Hakenkreuzparade vor Hakennasen. Eine wahre Begebenheit. Geld stinkt nicht oder: So sieht ihr Antisemitismus aus!« (15) Durch diese Wortwahl erweckte die Karikatur den Eindruck, die Abbildung zeige nicht nur ein zufälliges Ereignis, sondern das wesentliche Verhältnis zwischen Nationalsozialisten und »jüdischen Großindustriellen«. In den Jahren zwischen 1928 und 1933 brachte die Rote Fahne Überschriften wie »Juda soll nicht verrecken! Nazianleihe für Warenhäuser. So sieht der Kampf der Nazis gegen Zinsknechtschaft und jüdisches Warenhaus-Kapital in Wirklichkeit aus«, »Ein Nazi spitzelt für den jüdischen Chef«, »Nazis als Helfer des ›jüdischen‹ Kapitals« oder »Nazis für jüdisches Kapital«. Die Anführungszeichen in der Überschrift »Nazis als Helfer des ›jüdischen‹ Kapitals« zeigen, dass der Redaktion bewusst war, wie problematisch der Ausdruck »jüdisches Kapital« war, was sie aber nicht daran hinderte, ihn zu verwenden.

Von 1924 bis 1928 hatte die Zahl solcher Darstellungen abgenommen. Aber sie waren nicht verschwunden. Auch in der Phase der Stabilisierung der Weimarer Republik versuchte die Rote Fahne völkischen Parteien nachzuweisen, dass diese im Dienste des Kapitals ständen und ihrer Klientel nichts bieten könnten. Ein Wahlplakat, das die Rote Fahne 1924 zum Ausschneiden abdruckte, war mit der ironischen Überschrift versehen: »Die neuesten Arbeiterfreunde oder wie die Völkischen das Kapital bekämpfen« (16). Ein anderes Wahlplakat wurde noch deutlicher: »›Judengeld stinkt nicht!‹ Einiges über die Geldquellen der Völkischen. Was die völkisch-vaterländische Partei kostet und wer sie bezahlt« (17). Das Plakat war wie eine Zeitungsseite mit einem langen Artikel gestaltet. Der erklärte aber nicht, von wem das angebliche Zitat »Judengeld stinkt nicht!« stammte. Die Botschaft war trotzdem deutlich: Die völkische Partei sei nicht nur eine Partei des Kapitals, sondern nehme »Judengeld«.

Vom Proletariat zum »arbeitenden Volk«

Nach Aussage ehemaliger KPD-Mitglieder wie Hans Jäger, der die Anti-Nazi-Arbeit der KPD leitete, oder Karl Retzlaw war der Antisemitismus auch in den Jahren von 1928 bis 1933 »kein Problem, das die Partei besonders beschäftigte« (18). Erst 1932 erschien die einzige diesbezügliche Erklärung des Zentralkomitees, betitelt »Kommunismus und Judenfrage«. Das ZK bezeichnete darin zwar den Antisemitismus als eine der »wichtigsten Agitationswaffen« der NSDAP. Doch die KPD blieb bei der Position, der Antisemitismus sei lediglich ein Propagandainstrument der herrschenden Klassen, um »die werktätigen Massen zu verwirren und vom Klassenkampf abzuhalten« (19). Entsprechend versuchte Ulbricht auf der NSDAP-Versammlung, dem Publikum den Weg in den Klassenkampf zu weisen. Die deutschen Großunternehmer bezeichnete er als »Handlanger der internationalen Hochfinanz«, und der NSDAP-Führung hielt er vor, die Interessen des Kapitals zu vertreten. Entsprechend schloss Ulbricht mit dem Aufruf: »Vor jedem nationalsozialistischen Arbeiter, Angestellten und Kleingewerbetreibenden steht die Frage: Mit den Kommunisten gegen die Kapitalshyänen, gegen die deutschen Sklavenhalter des internationalen Finanzkapitals, gegen die Wucherer und Schieber, oder mit den Kapitalisten und mit den nationalsozialistischen Führern gegen die revolutionären Arbeiter.« (20)

Der »Sieg des arbeitenden Volkes«, behauptete Ulbricht, sei »gleichzeitig der siegreiche Kampf um die nationale Befreiung des deutschen Volkes«. Diese Aussage entsprach dem 1930 verabschiedeten Programm der KPD zur »nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes«, war aber historisch nichts Neues. Bereits Anfang der zwanziger Jahre bezog sich die KPD positiv sowohl auf die deutsche Arbeiterklasse wie auch auf das deutsche »Volk«. Rosa Luxemburgs antinationale Position hatte nicht einmal in den frühen Jahren der Weimarer Republik einen wesentlichen Einfluss auf die Politik der KPD. 1932 ironisierte die Rote Fahne Luxemburgs Position in einer Überschrift als »Rosa Fehler« (21). Von Mitte der zwanziger Jahre an kam die antiimperialistische Glorifizierung »nationaler Befreiungsbewegungen« hinzu. Die Komintern erweiterte den berühmten Aufruf aus dem »Kommunistischen Manifest« mit den Worten: »Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!« (22)

Die Pointe des »Programms zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« bestand darin, sich im Gegensatz zur NSDAP als die eigentlich nationale Partei zu präsentieren. Der NSDAP wurde »nationalverräterische(r)« Faschismus vorgeworfen. Die KPD attestierte ihr, weder national noch sozialistisch noch eine Arbeiterpartei zu sein: »Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, sie seien eine ›nationale‹, eine ›sozialistische‹ und eine ›Arbeiter‹partei. Wir erwidern darauf, dass sie eine volks- und arbeiterfeindliche, eine antisozialistische, eine Partei der äußersten Reaktion, der Ausbeutung und Versklavung der Werktätigen sind.« (23) Die Nationalsozialisten würden sich am »Hoch- und Landesverrat an den Lebensinteressen der arbeitenden Massen Deutschlands« beteiligen.
Zu diesem Nationalismus kam ein zweites Motiv. In der kommunistischen Presse war es üblich, die Herrschaft des Kapitals als Herrschaft von Kapitalisten darzustellen. Ein solcher personifizierter Antikapitalismus schien einfache Lösungen dafür anzubieten, wie die kapitalistische Gesellschaft überwunden werden könne – nämlich indem die Kapitalisten beseitigt würden. Auf der Titelseite zeigte die Rote Fahne 1925 einen muskulösen Arbeiter, der mit nacktem Oberkörper in einer Fabriklandschaft steht. In seinen kräftigen Händen hält er zwei kleine, dickliche Menschen, durch ihre Kleidung als Industriekapitalist und Großgrundbesitzer zu erkennen. Daneben ist zu lesen: »Entfernt die Parasiten. Wählt Kommunisten« (24). Eine wirkliche Aufhebung des Kapitalismus würde, schreibt Moishe Postone in seiner Darstellung der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie, auch die Abschaffung der proletarischen Arbeit und damit des Proletariats bedeuten. Der traditionelle Marxismus hingegen nahm die Produktionsweise des industriellen Kapitalismus nicht einfach nur als Tatsache hin, sondern ging davon aus, dass »die Produktionsweise des Sozialismus wesentlich die gleiche sein werde wie die des Kapitalismus: Das Proletariat und seine Arbeit werden im Sozialismus ›zu sich selbst kommen‹« (25). Wie die Redeweise von den »Parasiten« deutlich macht, reproduzierte ein solcher Antikapitalismus biologistische Vorstellungen, wonach es einen vermeintlich gesunden, nützlichen Bereich der Produktion gebe – an dem sich die Kapitalisten wie »Parasiten« bereicherten.

Die Wiederentdeckung der »Judenfrage«

Weder aus dem Nationalismus noch aus dem personifizierten Antikapitalismus folgte aber notwendig eine antisemitische Position. Dazu brauchte es als drittes Element das Stereotyp, »die Juden« unterhielten zum Kapital eine besondere Affinität, die sie von »den Deutschen« unterscheide. Solche Vorstellungen waren in der Weimarer Republik weit verbreitet. Dass »Juden« zu einer »semitische(n) Rasse« gehörten, stand auch im »ABC des Kommunismus« (26). Und dass Juden eine besondere Affinität zum Geld hätten, ließ sich, wenn man wollte, schon den marxistischen Klassikern entnehmen. Marx hatte 1843 in »Zur Judenfrage« den »wirklichen Juden« durch »praktisches Bedürfnis«, »Eigennutz«, »Geld« und »Schacher« definiert. Die Rote Fahne druckte 1923 Auszüge aus diesem Text unter der Überschrift: »Karl Marx: Zur Judenfrage. Den Nationalsozialisten ins Stammbuch« (27). Der österreichische Kommunist Otto Heller, der von Mitte der zwanziger Jahre an in Berlin für die Rote Fahne arbeitete, kündigte 1931 in seinem Buch »Der Untergang des Judentums« dessen historisches Ende an. Mit »Judentum« meine er nicht »Juden schlechthin«, auch nicht die Religion, sondern den »Untergang des spezifischen sozialen Typs (…), des durch die Besonderheit der jüdischen Geschichte entstandenen jüdischen Händlers und aller, durch diesen besonderen Ablauf bedingten Begleiterscheinungen seiner Existenz« (28).

Für das ZK war die »Judenfrage« in Deutschland 1932 ebenfalls eine »soziale Frage«, die auf »der besonderen sozialen Geschichte der Juden« beruhte, weil deren »soziale Schichtung der der übrigen deutschen Bevölkerung nicht entspricht, ›anormal‹ ist, woraus die besonderen Konflikte zwischen Juden und Nichtjuden« entständen (29). Die kommunistische »Lösung« dieses Problems bestand in der Sowjetunion darin, aus »Juden« Arbeiter und Bauern zu machen. 1928 erklärte die Sowjetunion das fernöstliche Gebiet Birobidjan zu einer autonomen jüdischen Verwaltungseinheit. Hellers Buch enthält auch einen ausführlichen Reisebericht aus Birobidjan. Begeistert schildert er, dass die Jüdinnen und Juden dort keine »Juden« mehr seien: »Die Leute waren richtige Bauern. Hätten sie nicht jüdisch gesprochen, man hätte nicht geahnt, bei Juden zu sein. Vor allem die Großmutter machte den Eindruck einer behäbigen Bauersfrau.« (30)

Dass antisemitische Vorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig waren, kann zwar erklären, warum sie sich auch in der Roten Fahne finden. Aber nicht, warum sie in der Roten Fahne sogar weiterentwickelt wurden. Die Karikatur »Hakenkreuzparade vor Hakennasen« bediente sich antisemitischer Stereotype in einem Zusammenhang, der einer linken und antifaschistischen Tagezeitung vorbehalten war. Vom »jüdischen Kapital« konnten noch sowohl Mitglieder der KPD wie auch der NSDAP sprechen. Aber dass »Hakenkreuz« und »Hakennasen« eine Einheit bildeten, diese Behauptung blieb für die sich antifaschistisch verstehende Linke reserviert. In den Jahren von 1929 bis 1933 tauchte diese Argumentation in mehreren Varianten wieder auf. So lautete eine Überschrift der Roten Fahne 1929: »Hinter den Kulissen der Hitler-Partei! ›Arbeiterpolitik‹ der Nationalsozialisten. Ehemaliger Bezirksleiter der NSDAP enthüllt die Verbindungen der Nationalsozialisten zu Großkapital und zu den Bombenattentätern – Jüdische Kapitalisten als Geldgeber.« (31) Hermann Remmele, Mitglied des Zentralkomitees der KPD, behauptete auf einer Diskussionsveranstaltung mit Joseph Goebbels 1930, die NSDAP verzichte seit kurzem auf den Schlachtruf »Juda verrecke!«: »So hat u. a. der Gauleiter von Berlin, Dr. Goebbels, einen Parteibefehl erlassen, dass der Ruf ›Juda verrecke!‹ in Zukunft nicht mehr angewendet werden dürfe. Bald danach berichtete die bürgerliche Presse, dass die nationalsozialistische Gauleitung von dem Juden Jakob Goldschmidt, einem vielfachen Millionär und Generaldirektor der Danatbank, große Geldmittel zur Verfügung gestellt bekam.« (32)

Die gleiche Behauptung hatte die Rote Fahne 1929 unter der Überschrift »Im Auftrag Jakob Goldschmidts. Goebbels verbietet: ›Juda verrecke‹« aufgestellt (33). Es ist fraglich, inwieweit sich die NSDAP zu bestimmten Zeiten aus wahltaktischen Überlegungen zurückhielt. Doch unabhängig von der Frage, ob der Antisemitismus 1929/30 im Wahlkampf der NSDAP im Vordergrund stand, war die Erklärung bemerkenswert, die die Rote Fahne und Remmele anboten: Hinter den Wahlkampfmanövern der NSDAP stehe der »Jude Jakob Goldschmidt«. Sogar Artikel, die den Judenhass der Nazis kritisierten, konnten antisemitische Vorstellungen reproduzieren. 1929 erschien der ganzseitige Beitrag »Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel«. Dem Stereotyp von den reichen und mächtigen Juden hält er die Beschreibung einer Realität entgegen, in der Jüdinnen und Juden zu den »Ärmsten der Armen« gehörten: »Wenn man in die Elendsquartiere des Scheunenviertels hineinleuchtet, muss man sagen, gemeiner und tierischer kann eine Lüge nicht sein wie dieser mörderische Antisemitismus gegen die Ärmsten der Armen.« (34) Im nächsten Satz gibt der Beitrag dem »jüdischen Großkapital« eine Mitschuld an den Pogromen der Nationalsozialisten: »Die Pogrome, die diese von dem jüdischen Großkapital gut bezahlten Horden durchführen, sind Mörderfeldzüge gegen arme Proletarier, die nicht nur in dem tiefsten Elend dieser kapitalistischen Gesellschaft ihr Dasein fristen, sondern Sklaven einer mittelalterlichen Zurückgebliebenheit sind.« Auch Ulbricht versuchte 1931 nachzuweisen, dass die »nationalsozialistischen Führer« dem »jüdischen hundertfachen Millionär« dienten (35).

Das »jüdische Kapital« und der Zionismus

Zu solchen Berichten über das »jüdische Kapital« passte die Berichterstattung der Roten Fahne über den Nahen Osten. Zur gleichen Zeit, als die Rote Fahne eine Zusammenarbeit von NSDAP-Führung und »jüdischem Kapitel« konstruierte, stellte sie den Zionismus als Vorstoß des Kapi­talismus, Imperialismus und Faschismus in Nahost dar. In der Antisemitismusforschung herrscht das Bild vor, der antizionistische Antisemitismus sei erst nach 1945 entstanden. Da dessen auffälligstes Merkmal die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozalismus ist, wird der antizionistische Antisemitismus auf Motive wie die Erinnerungsabwehr und den Wunsch zurückgeführt, die Shoah zu relativieren. Ingrid Strobl schreibt über die Motive der westeuropäischen Linken nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967: »Wie unbewusst auch immer, durch die israelische Politik gegen die Palästinenser fühlten sich viele deutsche Linke befreit von jeder Verantwortung, der sie sich als Nachkommen womöglich stellen müssten. Da jedoch die Ungeheuerlichkeit der Shoah selbst für diejenigen, die sich nie näher mit ihr konfrontiert haben, so ohne weiteres nicht zu ignorieren ist, musste sie auf Teufel komm raus relativiert werden.« (36)

Aber bereits 1932 erklärte das ZK in seinem Papier »Kommunismus und Judenfrage«: Die »Kommunisten bekämpfen den Zionismus genau so wie den deutschen Faschismus« (37). Die Ablehnung des Zionismus ging auf eine längere Tradition zurück. Der erste Artikel der Roten Fahne über den Zionismus trug die Überschrift: »Zionismus – Kettenhund des Imperialismus« (38). Während die Dritte Internationale »nationalen Befreiungsbewegungen« in der Dritten Welt ein revolutionäres Potential zusprach, galt der Zionismus als reaktionär und bürgerlich. Die Kibbuzbewegung in Palästina fand in der Roten Fahne keine Erwähnung. Sogar die Kommunistische Partei Palästinas, von jüdischen Mitgliedern gegründet und geprägt, galt Ende der zwanziger Jahre nicht als revolutionäre Partei.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Nahost-Berichterstattung im Spätsommer 1929. Damals kam es im britischen Mandatsgebiet Palästina zu pogromartigen Ausschreitungen, die länger als zwei Wochen andauerten und in deren Verlauf mehr als 100 Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Was in Palästina geschah, war der Kom­intern bekannt. Joseph Berger, Vorsitzender der KP Palästinas, beschrieb in der Internationalen Presse-Korrespondenz das Ausmaß der Gewalt eindrücklich. Die »unter finster-klerikaler, feudaler und bürgerlicher Führung stehenden fanatischen Massen mohammedanischer Bauern überfielen sengend und mordend vor allem die unbewehrten armen jüdischen Siedlungen, jüdische Synagogen und Schulen, wo furchtbare Blutbäder angerichtet wurden. In der Talmudschule von Hebron wurden 60 jüdische Schüler – auch Kinder – getötet und verstümmelt. In der Kolonie Moza wurde eine jüdische Familie samt Frau und Kind abgeschlachtet.« (39)

Der »arabisierte« Kommunismus

Darüber fand sich in der Tageszeitung der KPD kein Wort. Vielmehr begrüßte die Rote Fahne die Gewalt als Auftakt einer antiimperialistischen Aufstandsbewegung. Auf der Titelseite erschien am 28. August 1929 der Beitrag »Der Araberaufstand wächst!«, in dem es heißt: »Besonders charakteristisch für die Entwicklung dieser Bewegung ist, dass die Angriffe der Araber nicht auf die jüdische Bevölkerung beschränkt bleiben, sondern sich gegen ihren Hauptfeind, den englischen Imperialismus, zu richten beginnen. (…) Die Schläge, die die arabischen Eingeborenen gegen die zionistische Bourgeoisie und den zionistischen Faschismus in Palästina führen, sind gleichzeitig Schläge gegen England. Das jüdische Proletariat Palästinas muss Schulter an Schulter mit den arabischen Werktätigen den Kampf gegen ihre(n) gemeinsamen Klassenfeind, den englischen Imperialismus und die mit ihm auf Leben und Tod verbundene jüdische Bourgeoisie führen.« (40)
Dieser Beitrag ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens schreibt die Zeitung selbst, dass es sich um Angriffe »auf die jüdische Bevölkerung« handelte, nicht etwa nur auf Zionistinnen und Zionisten. Zweitens zeigt der Ausdruck »die arabischen Eingeborenen«, dass die Parteinahme für die arabische Seite von rassistischen Vorstellungen nicht frei war, auch wenn er verbürgen sollte, dass die arabische Bevölkerung in Palästina im Gegensatz zu den Jüdinnen und Juden keine Fremden seien. Drittens war die Anspielung auf das »jüdische Proletariat Palästinas« zweifelhaft.

Der Beitrag »Der Araberaufstand wächst!« stand auf der Titelseite in einem besonderen Zusammenhang. Die Überschrift lautete: »Faschisten morden in Berlin«. Der Beitrag über Palästina war mit der Fotografie eines Soldaten illus­triert, unter der zu lesen stand: »Stahlhelmlümmel? Nein, ein Mitglied der jüdisch-faschistischen Legion in Jerusalem«. Der Artikel kritisierte nicht nur den Flügel um Wladimir Jabotinsky innerhalb der zionistischen Bewegung, sondern unterschied gar nicht mehr zwischen der zionistischen Bewegung, älteren, nichtzionistischen jüdischen Gemeinden in Palästina oder der KP Palästinas, die eine antizionistische Position vertrat. Auch die Rede von dem »jüdischen Proletariat Palästinas« zielte nicht auf die Kommunistische Partei Palästina. Auf einer ZK-Sitzung im Jahr 1929 bezeichnete Hermann Remmele die jüdischen Mitglieder der KP Palästinas vielmehr als »Zionisten«, die nicht das »revolutionäre Element« verkörpern könnten: »Unsere Partei hat in Palästina 160 Mitglieder, davon 30 Araber, die anderen 130 Zionisten. Es ist ganz klar, dass diese Partei nicht eine solche Einstellung haben kann, wie sie dem Gesetz der Revolution entspricht. Gerade das unterdrückte Volk, jene Schicht des Volkes, die das revolutionäre Element, den Verhältnissen entsprechend, überhaupt ausmachen kann, sind nur die Araber.« (41)

Anfang der dreißiger Jahre bestellte die Komintern die führenden jüdischen Mitglieder der KP Palästinas nach Moskau. Die KP Palästinas sollte sich unterdessen, wie es hieß, »arabisieren«. Leopold Trepper, Mitglied der KP Palästinas, schreibt in seinen Erinnerungen, die Komintern habe »die Parole von der ›Arabisierung und Bolschewisierung‹« ausgegeben: »Als wenn es genügt hätte, in den verantwortlichen Organen einfach die Juden durch Araber zu ersetzen, um automatisch stärkeren Zulauf zu bekommen. (…) Bei dem Versuch, die Weisungen von oben buchstabengetreu zu befolgen, wurde einer unserer Kameraden in der Nähe von Haifa gelyncht.« (42) Viele Mitglieder der KP Palästinas wurden in den Jahren von 1936 bis 1938 verhaftet und ermordet.

Es gab innerhalb der kommunistischen Linken Kritik an der Darstellung der Roten Fahne. Die sogenannte Rechtsopposition um den früheren KPD-Vorsitzenden Heinrich Brandler und den ehemaligen Chefredakteur der Roten Fahne, August Thalheimer, schrieb 1929 in ihrem Organ Gegen den Strom: »Ohne den Versuch einer marxistischen Untersuchung des Klassencharakters auch dieses Kleinkrieges spricht die ›Rote Fahne‹ unterschiedslos von den Juden, die sie natürlich alle als zionistische Faschisten bezeichnet, und die sie den Arabern, die natürlich alle ›Revolutionäre‹ sind, entgegenstellt.« (43) Die »jüdischen Genossen in der Kommunistischen Partei Palästinas« wären, so heißt es in dem Beitrag, gewiss verwundert, wenn sie wüssten, dass die KPD sie »als freche jüdische Eindringlinge« darstelle. Nach der Deutung der Roten Fahne hatte die arabische Bevölkerung, als das »echte« Volk, für werktätig und revolutionär zu gelten, während die jüdische Bevölkerung fremd im Nahen Osten sei und auf der Seite des Kapitals und des Faschismus stehe. Klassenunterschiede innerhalb der arabischen und jüdischen Bevölkerung wurden kaum thematisiert.

Wie die ZK-Erklärung von 1932 zeigt, revidierte die KPD ihre Position bis 1933 nicht. In der Roten Fahne ging die Berichterstattung über Palästina zwar nach 1930 zurück. Aber die Berichte über die Verbindung von »jüdischem Kapital« und Nationalsozialisten wurde bis 1933 fortgeführt. In beiden Fällen wurden »die Juden« als Personifikationen der herrschenden Klasse, als Kapitalisten und damit als »Parasiten« vorgestellt. Die Analyse der Roten Fahne macht deutlich, wie die Zeitung Argumentationsfiguren etablierte, die nur die politische Linke gebrauchen konnte. In diesem Sinn handelte es sich tatsächlich um einen Antisemitismus von links – nicht etwa, weil Judenfeindschaft genuin aus der politischen Linken stammen würde, sondern weil die judenfeindlichen Darstellungen in einen spezifisch linken Kontext integriert und dadurch legitimiert wurden.

In der heutigen Diskussion, wie sie im Streit um den Antisemitismus in der Linkspartei wieder aufflammt, herrscht das Bild vor, in West­europa sei der antizionistische Antisemitismus erst nach dem Sechs-Tage-Krieg entstanden. Die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus habe sich aus dem Wunsch ergeben, die deutsche Schuld zu relativieren. Doch die KPD nahm ähnliche Gleichsetzungen bereits in den zwanziger Jahren vor. Das könnte bedeuten, dass sich »linker« Antimsemitismus nicht nur aus den Motiven des sogenannten sekundä­ren Antisemitismus, sondern aus einer viel weiter zurückreichenden Traditionslinie speist. Dieser Traditionslinie ist nicht allein dadurch beizukommen, dass radikale Linke das Existenzrecht Israels anerkennen oder sich mit der Shoah auseinandersetzen. Es müsste vielmehr reflektiert werden, warum sich die Mehrheit der kommunistischen Linken bereits in den zwanziger Jahren positiv auf nationale Befreiungsbewegungen bezog, das Recht auf nationale Selbstbestimmung für Jüdinnen und Juden im Nahen Osten aber nicht gelten sollte.

Anmerkungen:
(1) Das Foto ist abgedruckt in: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Band 4. Berlin/DDR 1966, S. 272
(2) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(3) »Friedrich Engels über den Antisemitismus«, »Rote Fahne«, 24.8.1922; »Juda verrecke … ! Was ist Antisemitismus?«, »Rote Fahne«, 23.9.1930; »Lenin über Juden«, »Rote Fahne«, 3.1.1931; »Stalin über Antisemitismus«, »Rote Fahne«, 3.2.1931
(4) Diese Formel wird häufig August Bebel zugeschrieben. In einem Interview hatte Bebel 1894 hingegen gesagt, dass sie »doch die Sache nicht« treffe.
(5) Franz Pfemfert: Die schwarzweiszrote Pest im ehemaligen Spartakusbund, in: »Die Aktion« 14, 1923; alle Hervorhebungen hier und im Folgenden im Original.
(6) »Zum Existenzkampf der geistigen Arbeit«, »Rote Fahne«, 29.7.1923
(7) »›Hängt die Judenkapitalisten.‹ Ruth Fischer als Antisemitin«, »Vorwärts«, 22.8.1923
(8) Karl Radek: »Kommunismus und deutsche nationalistische Bewegung«, »Rote Fahne«, 16.8.1923
(9) »Nationale Frage und Revolution«, »Rote Fahne«, 3.8.1923
(10) August Bebel: Vorschlag einer Resolution zum Thema Antisemitismus und Sozialdemokratie, in: Iring Fetscher (Hg.): Marxisten gegen Antisemitismus, Hamburg 1974, S. 76
(11) Wilhelm Liebnecht, zitiert nach: Rosemarie Leuschen-Seppel: Sozialdemokratie und Antisemitismus. Bonn 1978, S. 155
(12) Nikolaj I. Bucharin/Jewgenij A. Preobraschenskij: Das ABC des Kommunismus, Zürich 1985, S. 197–199
(13) »Der Stolz der jüdischen Frontsoldaten«, »Rote Fahne«, 14.9.1925
(14) Karl Radek: »Kommunismus und deutsche nationalistische Bewegung«, »Rote Fahne«, 16.8.1923
(15) »Hakenkreuzparade vor Hakennasen«, in: Deutschlands Weg. Sonderausgabe der »Roten Fahne«, 29.7.1923
(16) »Die neuesten Arbeiterfreunde«, »Rote Fahne«, 23.4.1924
(17) »›Judengeld stinkt nicht!‹«, »Rote Fahne«, 25.4. 1924
(18) Karl Retzlaw: Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters. Frankfurt/Main 1985, S. 310
(19) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, in: Der Jud’ ist Schuld … ? Diskussionsbuch über die Judenfrage. Basel/u. a. 1932, S. 283
(20) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(21) »Leninismus und nationale Frage. Lenin gegen Rosa Fehler«, »Rote Fahne«, 21.1.1932
(22) »›Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!‹ Von G. Sinowjew«, »Rote Fahne«, 8.7.1925
(23) »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung«, »Rote Fahne«, 24.8.1930
(24) »Entfernt die Parasiten. Wählt Kommunisten«, »Rote Fahne«, 20.11.1925
(25) Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg/Br. 2003, S. 116, S. 557
(26) Bucharin/Preobraschenskij: ABC des Kommunismus, S. 198
(27) »Karl Marx: Zur Judenfrage«, »Rote Fahne«, 14.3.1923
(28) Otto Heller: Der Untergang des Judentums. Berlin/Wien 1931, S. 7
(29) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, S. 277
(30) Heller: Untergang des Judentums, S. 293
(31) »›Arbeiterpolitik‹ der Nationalsozialisten«, »Rote Fahne«, 9.11.1929
(32) Hermann Remmele: Sowjetstern oder Hakenkreuz. Berlin 1930, S. 13–14
(33) »Im Auftrag Jakob Goldschmidts«, »Rote Fahne«, 17.11.1929
(34) »Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel«, »Rote Fahne«, 19.9.1929
(35) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(36) Ingrid Strobl: Das unbegriffene Erbe. Bemerkungen zum Antisemitismus in der Linken, in: dies.: Das Feld des Vergessens, Berlin/Amsterdam 1994, S. 110
(37) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, S. 284–285
(38) »Zionismus – Kettenhund des englischen Imperialismus«, »Rote Fahne«, 25.7.1925
(39) Joseph Berger: »Das Blutbad im ›Heiligen Lande‹«, in: »Inprekorr« 86 (1929)
(40) »Der Araberaufstand wächst!«, »Rote Fahne«, 28.8.1929
(41) Hermann Remmele: Referat auf der ZK-Sitzung vom 24./25.10.1929, in: 2. Verhandlungstag – 25.10.1929, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen, RY I/2/1/74
(42) Leopold Trepper: Die Wahrheit, München 1975, S. 33–34
(43) »Zu den Ereignissen in Palästina«, in: »Gegen den Strom« 10 (1929)

Donnerstag, 4. September 2014

Links, jüdisch, vergessen

Uwe-Karsten Heye erzählt die Geschichte der Familie Benjamin.
 - von Tanja Dückers, Jungle World, 04.09.2014

Die Weizsäckers, die Mann-Familie, ganz zu schweigen von Goethe und seiner Entourage, sie haben ihren Stammplatz im kulturellen Gedächtnis der Deutschen. Fernsehserien werden über sie gedreht und zur Prime-Time gesendet, Bücher befassen sich mit ihrem privaten und öffent­lichen Leben. Anders verhält es sich mit der Familie Benjamin. Mit ihr identifizieren sich wenige Deutsche; nicht mit Walter Benjamin und seinem Bruder Georg, dem beliebten Schularzt und überzeugten Kommunisten, der von den Nazis in Mauthausen ermordet wurde; nicht mit Walter Benjamins Schwester Dora und seiner Schwägerin Hilde Benjamin, die die erste Justizministerin der DDR war, oder mit ihrem Sohn Michael, Rechtsprofessor in Moskau und Ost-Berlin.

Wahrscheinlich hat dieses Desinteresse etwas mit der linken Gesinnung und dem Judentum der Familienmitglieder zu tun. Umso wichtiger, dass nun eine kenntnisreiche und höchst lesenswerte Familiengeschichte der Benjamins erschienen ist. »Die Benjamins: Eine deutsche Familie« lautet der Titel der von Uwe-Karsten Heye verfassten Biographie. Heye war Reden­schreiber von Willy Brandt, später Pressereferent unter Gerhard Schröder. Er ist der Familie Benjamin im wahrsten Sinne des Wortes nachgegangen – bis nach Portbou, dem spanischen Grenzstädtchen, wo sich Walter Benjamin am 26. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben genommen hat.

Das Buch erzählt nicht chronologisch, sondern schildert kapitelweise das Schicksal der fünf Familienmitglieder. Auf der Grundlage von bislang unbekanntem Archivmaterial und Gesprächen mit Zeitzeugen entsteht ein beeindruckendes Psychogramm der Familie. Vieles, was Heye in seinem Buch beschreibt, ist in anderen Biographien bislang nicht berücksichtigt worden, da die Autoren sich meist ausschließlich auf Walter Benjamin konzentrierten. Von Heye erfahren wir Näheres über die Schwester Dora: Sie hatte in den zwanziger Jahren an der Universität Greifswald über »Die soziale Lage der Berliner Konfektionsarbeiterinnen unter besonderer Berücksichtigung der Kinderaufzucht« promoviert. Die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft war eines ihrer zentralen Themen; sie bewegte sich in feministischen Kreisen, trug Bubikopf und war mit dem Psychologen und Suchtmediziner Fritz Fränkel bekannt. Ihr Engagement galt Müttern und Kindern sowie den »Schlafburschen«, die vom Land in die Metropole kamen, um dort zu arbeiten. Vor allem im »Roten Wedding«, damals wie heute ein »Problembezirk«, war sie aktiv. Sie setzte sich für Straßenkinder ein und kämpfte gegen Kinderarbeit, die sehr weit verbreitet war. Uwe-Karsten Heye schreibt: »Wer in der Dissertation von Dora Benjamin blättert, erkennt, wie fortschrittlich sie vor gut 85 Jahren gewesen ist.« Sie war eine enge Freundin von Hilde Benjamin. Dora ging ins Exil, erst nach Frankreich, später in die Schweiz, wo sie starb.

Mit Erschrecken liest man, wie die Schweizer Grenzbehörden mit jüdischen Flüchtlingen wie Dora Benjamin umgingen. »Flüchtlinge nur aus Rassegründen, zum Beispiel Juden, gelten nicht als politische Flüchtlinge!«, lautete die Anordnung des Chefs der Polizeiabteilung des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartments. Die Grenzen sollten vollständig geschlossen werden.

Besonders eindrucksvoll sind die Kapitel zu Georg und Hilde Benjamin. Der Autor schildert die Verfolgung des jüdischen Kommunisten Georg, seine Inhaftierung und seinen Tod im KZ Mauthausen, dessen Umstände bis heute nicht geklärt sind. Sehr anrührend sind dabei die von Heye wiedergegebenen, bislang größtenteils unbekannten Briefe von Georg an seinen kleinen Sohn, dessen Aufwachsen er fast ausschließlich aus dem Gefängnis heraus verfolgen konnte. Er ließ ihn Rätsel lösen, überlegte sich Aufgaben und Gedichte für das Kind, trieb Schabernack mit ihm, nahm Anteil an den Kinderkrankheiten und gab ärztliche Ratschläge. Er war ein solch engagierter Vater, dass er den Spitznamen »Babypapa« hatte. Für die dama­lige Zeit galt er als ungewöhnlich gefühlsbetonter Mann.

Heye unternimmt den Versuch, Hilde Benjamin, die erste Justizministerin der DDR, die im Westen als »rote Hilde« verschrien war, neu zu beurteilen. Er begreift ihren Enthusiasmus für den neuen Staat DDR als Reaktion auf das Leid, das sie und ihre Familie (sie war die Ehefrau des in Mauthausen ermordeten Georg Benjamin) unter den Nazis erfahren mussten. Hilde Benjamin war eine schwer traumatisierte Frau. Scharf kritisiert der Autor die mediale Kampagne gegen die Justizministerin im Adenauer-Deutschland. Einige Passagen aus der damaligen Presse lesen sich, als sei »der Kommunist« Georg Benjamin zu Recht ermordet worden. Hilde wurde lediglich als Dogmatikerin wahrgenommen, ihr Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit unterschlagen. Auch der Vergleich zwischen der ersten Justizministerin der DDR und dem NS-Juristen Roland Freisler war mehr als unpassend. In den westlichen Medien wurde lange Zeit aus beinahe jedem in der DDR verurteilen Nazi ein, so Heye, »Opfer des unmenschlichen Unrechtssystems DDR« gemacht. Heye erinnert daran, dass 1950 selbst die Zeit die Legitimität der Nürnberger Prozesse bezweifelte. Das im Kalten Krieg entstandene Zerrbild der kommunistisch orientierten Familie Benjamin kann Heye korrigieren. In den Kapiteln über Benjamin sind es vor allem Heyes persönlicher Ton, sein Mut zur eigenen Stellungnahme, seine Einfühlung in die Flucht- und Vertreibungsgeschichte des weltberühmten Philosophen und Schriftstellers, die die Biographie lesenswert machen. Hier wird nicht nur akkurat jede Menge Material zusammengetragen, was vor Heye auch schon einige Autoren getan haben, vielmehr wird das Leben Benjamins aus heutiger Sicht mit eigener Bewertung geschildert.



So hat Heye selbst den Fluchtweg von Walter Benjamin über die Pyrenäen abgeschritten. Mittlerweile kann jeder Tourist diesen Weg – »camí Walter Benjamin« oder »la ruta de Walter Benjamin« – selber laufen. Bis hin nach Portbou, zur großartigen Erinnerungsstätte »Passagen – Hommage an Walter Benjamin«, einer der schönsten Gedenkorte Europas, geschaffen von dem israelischen Künstler Dani Karavan. In Portbou hatte sich Walter Benjamin am 26. September 1940, nachdem sein Visum von den spanischen Grenzbehörden für ungültig erklärt worden war, das Leben genommen. Ein ungültiges Visum war gleichbedeutend mit der Rückkehr in das von den Nazis besetzte Frankreich, die Gestapo war Benjamin schon auf den Fersen. Dem herzkranken Philosophen hatten die Spanier eine Nacht in einem Hotel gelassen, um sich für die Strapazen der Abschiebung vorzubereiten, dann sollte er zurückgeschickt werden.

Wenn man »Die Benjamins« liest, muss man nicht selten an die Flüchtlingsschicksale der Gegenwart denken und die fragwürdige Politik an den EU-Außengrenzen.

Uwe-Karsten Heye: Die Benjamins. Eine deutsche Familie. Aufbau-Verlag, Berlin 2014, 361 Seiten, 22,99 Euro