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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 14. August 2014

Verdammte dieser Erde

Spanien im Herzen - Lieder des Spanischen Bürgerkrieges (7-CD - 1-DVD Box)
Sie trotzten dem Faschismus und machten sich in ihren Liedern Mut: Die umfangreiche Edition »Spanien im Herzen« widmet sich dem Liedgut des Spanischen Bürgerkriegs.

-  von Oliver Koch, Jungle World 14. August 2014


Früher oder später passiert es vielen. Noch bevor man gelernt hat, wer gegenwärtig Präsident der Bundesrepublik Deutschland ist und was es mit Überhangmandaten eigentlich auf sich hat, entdeckt man im 20 Kilometer entfernten alternativen Jugendzentrum Buenaventura Durutti. Es sind Geschichten und bunte Plakate im Infoladen, die von seiner Aufrichtigkeit zeugen. Durutti war ein unbeugsamer Anarchist, einer, der für seine Überzeugung in den Tod zu gehen bereit war – und doch nur einer der vielen großen Kämpfer, die im Spanischen Bürgerkrieg dem Faschismus trotzten. Mit 16 war die Welt noch übersichtlicher, man ließ sich seine Mythen nicht so leicht von der Realität versauen. Zumindest ein grober Umriss des Spanischen Bürgerkriegs, abzüglich vieler finsterer Details, zählte zum kleinen Einmaleins linker Sozialisation in Westdeutschland. Mit den Schrecken, den innerlinken Zwistigkeiten und politischen Morden konnte man sich ja später noch beschäftigen.
In einem anderen Deutschland wäre die Jugend womöglich anders verlaufen. 1940 in Bautzen geboren, nähert sich Dr. Jürgen Schebera dem Spanischen Bürgerkrieg über Theater und Musik. Das Berliner Ensemble gibt ein Gastspiel im örtlichen Stadttheater, ein Bertolt-Brecht-Abend mit Helene Weigel. Schebera ist begeistert, am folgenden Tag sucht er die Musikalienhandlung auf, kauft Schellackplatten und wird zum ersten Mal mit einer Person konfrontiert, die ihn über Jahrzehnte beschäftigen wird: Ernst Busch. »Lieder, Spaniens Himmel breitet seine Sterne« heißt das Album, Schebera ist zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Es ist der Beginn einer Leidenschaft. Fortan sammelt er alle Aufnahmen Buschs, die in der DDR erscheinen.

Ernst Busch, Schauspieler, Regisseur und Sänger, trat in Spanien bei den Internationalen Brigaden auf. Einige seiner Lieder sind auf »Spanien im Herzen« enthalten, einer Box, die so üppig ausgestattet ist, dass der Paketbote sie lieber mit einer Sackkarre anliefert. Sieben Jahre hat Schebera investiert, um das Liedgut des Spanischen Bürgerkriegs in zeitgenössischen Liederbüchern zu sichten, eine Auswahl zu treffen und die Entstehungsgeschichten der Lieder zu dokumentieren. »Ich bin gut vernetzt«, sagt er. »Ich bin Mitglied im verschworenen Verband der Schellacksammler.« Eine Obsession, die so abwegig gar nicht ist, schließlich ist Schebera Literatur- und Musikhistoriker, er arbeitete bis 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR und hat mehrfach über Hanns Eisler und Kurt Weill publiziert – zwei weitere Künstler, die ihn seit Jahrzehnten beschäftigen.

Für seine jüngste Edition steuerten spanische Sammler viele Tonaufnahmen bei, die zwischen 1936 und 1938 in Barcelona und Paris entstanden waren, US-amerikanische Sammler lieferten weitere Schellackaufnahmen. Neben Material von Pete Seeger bekam Schebera auch ein Album, aufgenommen von der League of American Writers, dem amerikanischen Schriftstellerverband. 1943 erschien ihr Album »Behind the Barbed Wire« (Hinter dem Stacheldraht), das sich den Liedern widmet, die später in den Internierungslagern gesungen wurden, in denen man die entmilitarisierten internationalen Kämpfer unter unwürdigen Bedingungen festhielt. Herausgekommen sind sieben CDs und eine DVD mit »Madrid before Hanita«, ­einem Film, der einige der 300 jüdischen Spanien-Kämpfer porträtiert, die damals aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina kamen, um sich den Internationalen Brigaden anzuschließen, außerdem ein großformatiges Begleitbuch, das in drei Sprachen verfasst ist und neben zahlreichen Fotografien, Plakaten und Dokumenten auch Auszüge berühmter Texte von Ernest Hemingway, Ludwig Renn oder Erich Weinert enthält.

»Spanien im Herzen« ist in seinem Umfang einmalig, der Titel der Edition nur allzu passend, schließlich merkt man Schebera deutlich an, dass er sie mit Leidenschaft zusammen­gestellt hat. Auch wenn er sich vorrangig als Dokumentar begreift und auf die zeitübergreifende Bedeutung seines Sujets hinweist. »Durch die Kunstwerke, die dort entstanden sind, wird der Spanien-Krieg noch in 100 Jahren ein Fanal sein«, sagt er mit erhobener Stimme. »Noch in 100 Jahren werden Menschen nach Madrid pilgern, um sich ›Guernica‹ von Pablo Picasso anzusehen, noch in 100 Jahren wird ›Wem die Stunde schlägt‹ von Ernest Hemingway ein Klassiker sein, noch in 100 Jahren werden die Lieder von Ernst Busch und Pete Seeger lebendig sein, genauso wie die spanischen Lieder.« Schebera spricht mit Hingabe über die dama­lige Solidaritätsbewegung, nennt sie ein großes Memento. »50 000 Interbrigadisten aus aller Welt sind damals nach Spanien gefahren, um ihr Leben einzusetzen. Über 20 000 von ihnen sind gefallen.«

»Spanien im Herzen« versammelt über 40 spanische Lieder, viele von ihnen interpretiert in der Tradition des Romancero. Zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs wurden vielfach alte Volkslieder populär, deren Texte zur gegenwärtigen Situation passten oder entsprechend verändert wurden. Zwei CDs enthalten »Lieder des kämpfenden spanischen Volkes«, zu ihnen zählt auch »El Pendón Morado«, das aus der Zeit der Erhebung Madrids gegen die karlistische Herrschaft stammt, die mit Aus­rufung der Ersten Spanischen Republik 1873 ihr Ende fand. Der Liedtext wurde während des Spanischen Bürgerkriegs in seiner Originalversion gesungen: »Schaut hin, schaut hin und macht/Der schändlichen Herrschaft ein Ende./Verlasst jetzt nicht/Das Bataillon,/Denn hier ist der Platz des Milizionärs,/Des guten Bürgers der Nation.« Eine CD enthält »Lieder der repu­blikanischen Armee«. »Canción de Soldados« entstand unmittelbar nach Gründung der Volksmilizen 1936 und wurde auch später noch, als die Miliz längst in eine einheitlich geleitete Volksarmee überführt worden war, gesungen: »Man sagt, Vaterland/Bedeute ein Gewehr und eine Flagge./Mein Vaterland sind meine Brüder,/Die den Acker bestellen.«

Dass Ernst Buschs pathetisch vorgetragene Lieder prominent in seiner Box vertreten sind, sei nicht das Ergebnis seiner privaten Schwärmerei für den Sänger, beteuert Schebera. Busch sei vielmehr »ein zentraler Motor für die kulturelle Seite der Internationalen Brigaden« gewesen. Zwei Jahre verbrachte Busch in Spanien, veröffentlichte dort fünf Ausgaben seines Liederbuchs »Canciónes de las Brigadas Internacionales«, sang vor den Brigadisten und beteiligte sich an spontanen Studioaufnahmen: Carlos Palacio komponierte an Ort und Stelle mit Hanns Eisler, Busch sang die Lieder direkt ein. Busch produzierte sein gleichnamiges Album 1937 in Barcelona, ein Aufkleber auf der Platte weist darauf hin, dass der Ton von schwankender Qualität sei, weil die Stadt unter Bombenbeschuss lag und der elektrische Strom häufig unterbrochen wurde. Schebera zählt »Canciónes de las Brigadas Internacionales« zu den Ikonen des Bürgerkriegs: »Genauso wie ›Guernica‹ oder ›This Spanish Earth‹ des niederländischen Filmemachers Joris Ivans.«

Schebera hat Recht. Wer sich hierzulande mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs beschäftigt, kommt an Busch kaum vorbei. Ob Picassos weltberühmtes Gemälde, das den Krieg als apokalyptisches Szenario darstellt und fern von Einflussnahmen politischer Interessengruppen entstand, tatsächlich mit Kampfliedern vergleichbar ist, ist fraglich. Dass all die Durchhalteparolen und Identitätsbeschwörungen vieler der auf »Spanien im Herzen« versammelten Lieder im Dienste politischer ­Vereinigung standen, weiß natürlich auch Schebera. Nur zählt er sicher nicht zu denen, die zwischen Kunst und Propaganda einen grundsätzlichen Widerspruch sehen.

Rätselhaft indes ist die wenig ausbalancierte Auswahl der Lieder auf »Spanien im Herzen«. Das Eingreifen der Interbrigaden, von Freiwilligen aus über 50 Nationen, die über Sammelzentren in Paris und Lyon nach Spanien kamen, hat entschieden dazu beigetragen, dass der Spanische Bürgerkrieg international in Erinnerung geblieben ist. Schließlich kämpfte nicht nur der größte Teil der Freiwilligen ab Oktober 1936 auf ihrer Seite: Wer den Krieg überlebte und nach Hause fuhr, konnte in der Regel offener über die Kriegsereignisse reden und publizieren, als es in Spanien möglich war. Überrepräsentiert sind die Interbrigaden auf »Spanien im Herzen« trotzdem. Obwohl sie nur einen verschwindend geringen Teil derer ausmachten, die sich den Franquisten entgegenstellten, widmen sich allein drei CDs und ein Drittel des Begleitbuchs ihren Liedern.

Wer in westdeutschen Jugendzentren aufwuchs, wird empört aufschreien: Was war mit den Anarchisten? Welche Lieder stimmte die »Centuria Erich Mühsam« an? Was hat Durutti gesungen, als er mit seiner Kolonne durch die Dörfer streifte und mit Bauern über die Kollektivierung sprach? Davon ist wenig zu finden auf »Spanien im Herzen«, lediglich vereinzelte Stücke. Dazu zählt zum Beispiel »Hijos del pueblo«, das 1931 für den anarchistischen Gewerkschaftsverband CNT entstand: »Rotes Banner, kein Leiden mehr,/Die Ausbeutung muss enden./Erhebe dich, stolzes Volk,/Zum Ruf der sozialen Revolution./Es gibt keine Rechtfertigung,/Die Union allein wird es verlangen,/Unsere Reihen zerbrechen nicht./Ihr starrköpfigen Bourgeois:/Zurück! Zurück!« Ein weiteres Lied, »Arroja la bomba«, war eine Reaktion auf die Verhaftung eines Anarchisten im Jahr 1932 und wurde, Schebera zufolge, zu einer Hymne der Anarchisten.

Die Libertären sind unterrepräsentiert in dieser Box, der Anarchismus war bis zu Beginn des Bürgerkriegs die wichtigste Kraft in der Arbeiterbewegung Kataloniens und Andalusiens. Es liegt nahe, dem Herausgeber ein ideologisch verzerrtes Geschichtsbild zu unterstellen: Schebera räumt denen, die im Verlauf der Kriegsjahre zu Opfern politischer Hexenjagden wurden, die als »Trotzkisten« und andere »Linksabweichler« von Kommunisten verfolgt wurden, wenig Platz ein und käut damit eine Geschichtsschreibung wieder, wie sie auch in der DDR gelehrt wurde. Dass Teile der Inter­brigadisten an stalinistischen Säuberungen beteiligt waren, wurde dort gern verschwiegen.
Schebera weist den Vorwurf so prompt zurück, als hätte er ihn schon öfter gehört. Dass die Anarchisten kaum in seiner Edition vertreten sind, sei ein großes Problem, sagt er. »Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, weil ich die Anarchisten viel ausführlicher ­dokumentieren wollte. Aber authentisches Tonmaterial war kaum zu bekommen, Schellackplatten hatten die Anarchisten nicht gemacht, dazu fehlten ihnen die Mittel.« Auch habe er die innerlinken Konflikte durchaus erwähnt, immer wieder lassen sich Passagen in den Liedkommentaren finden. Ob es sich eine derart umfassende Edition eines so fachkundigen Herausgebers leisten kann, die den Heldenmythos internationaler Kämpfer in Frage stellenden Abgründe nur beiläufig zu erwähnen, steht auf einem anderen Blatt.

»Die historische Analyse des Spanischen Bürgerkriegs ist kein Gegenstand dieser Tondokumentation, sie würde deren Rahmen bei weitem sprengen«, heißt es im Vorwort des Begleitbuchs. Wahrscheinlich ahnte Schebera schon, was auf ihn zukommen würde: Rezensenten, die sich dazu berufen fühlen, seiner Edition Kritiklosigkeit zu unterstellen; beinharte Analytiker, die es nicht erdulden, sich für Momente einer sehnsüchtigen Revolutionsromantik hinzugeben, wie sie in ein paar einfachen Lieder Ausdruck findet – mag es auch noch so verlockend sein. Aber mal ehrlich, wer seine Geschichtsauffassung von ein paar Liedern abhängig macht, wäre wohl auch naiv genug, nach »Jingle Bells« der alten Erzählung vom rauschbärtigen Mann auf seinem Schlitten anheimzufallen.
Schebera ist überzeugt, dass einige der Spanien-Lieder die Zeit überdauern werden. Weil sie einfach gut sind, meint er. Und in dieser Sekunde bemerkt man, dass es eigentlich schon passiert. Zwischen Schebera und dem westdeutschen Interviewer liegen ein paar Generationen, aber dem Charme des 24jährigen Pete Seeger, der sich 1943 mit ehemaligen Kämpfern des Lincoln-Bataillons traf, um die besten ihrer Stücke auf »Songs of the Lincoln Bataillon« zu verewigen, kann man sich wirklich schwer entziehen. »Spanien im Herzen« wird ein Klassiker werden.

V. A.: Spain in My Heart. Lieder des Spanischen Bürgerkriegs (Bear Family Productions/Bear Family Records)

Donnerstag, 7. August 2014

Das Erbe des Patrioten


Der von Willy Brandt 1972 eingeführte Radikalenerlass betraf Zehntausende, die nach wie vor auf Entschädigung warten. Niedersachsen will nun die Anwendung des Radikalenerlasses aufarbeiten.
 - von Thorsten Mense, Jungle World, 7.8.2014

»Wir wollen mehr Demokratie wagen«, sagte Willy Brandt in seiner häufig zitierten Regierungserklärung im Jahre 1969. Drei Jahre später führte die sozialliberale Koalition unter Vorsitz des sozialdemokratischen Bundeskanzlers den sogenannten Radikalenerlass ein und stellte damit all jene, die eine andere Vorstellung von Demokratie hatten oder sich auch bloß im Rahmen legaler demokratischer Partizipation an Protesten beteiligten, unter den Generalverdacht, »Verfassungsfeinde« zu sein.

Mit dem Radikalenerlass wurde die Überprüfung von bereits angestellten oder angehenden Beamten zur Norm. 3,5 Millionen Personen wurden überprüft, mehrheitlich Linke. Es wurden mehr als 35 000 Dossiers angefertigt und 11 000 Berufsverbote ausgesprochen. Mitte der siebziger Jahre wurde die Überprüfung den Ländern übertragen, die sie erst ab Mitte der achtziger Jahre allmählich abschafften. Bayern stellte 1991 als letztes Bundesland die Regelanfrage beim Verfassungsschutz ein. Die Rehabilitation der Betroffenen hingegen steht bislang aus.
Der Europäische Gerichtshof wertete bereits 1995 die Anwendung der »Grundsätze zur Frage der verfassungsfeindlichen Kräfte im öffentlichen Dienst«, wie der Radikalenerlass offiziell hieß, als Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Jedoch wurde noch 2012 eine von der Linkspartei angestoßene Debatte im Bundestag unterbunden und der zugehörige Antrag auf Rehabilitation der Opfer des Berufsverbots abgelehnt. Nicht nur CDU/CSU und FDP verweigerten sich der Diskussion. Michael Hartmann (SPD), der jüngst wegen des Konsums von Crystal Meth in die Schlagzeilen geraten ist, bezeichnete den Antrag in der damaligen Debatte als »folkloristisch« und forderte vom Antragsteller der Linkspartei, Wolfgang Gehrke, dieser solle sich erst einmal »für all das Unrecht« entschuldigen, das er als ehemaliges Mitglied von KPD und DKP »direkt oder indirekt« zu verantworten habe. Auf eine Petition von Betroffenen im selben Jahr reagierte das Innenministerium empört: Es habe weder eine Bespitzelung politischer Oppositioneller noch Berufsverbote gegeben. Vielmehr habe es sich um »eine Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes« gehandelt, so die Antwort.
Nun gibt es einen neuen Vorschlag zur Rehabilitation, diesmal auf Landesebene, der bessere Chancen auf Erfolg zu haben scheint. Mitte Mai brachten die niedersächsischen Regierungsparteien SPD und Grüne einen Antrag zur »Aufarbeitung der Schicksale der von Berufsverboten betroffenen Personen« in den Landtag ein. Der Antrag wurde überraschenderweise von allen Parteien unterstützt, selbst FDP und CDU sprachen von begangenem Unrecht und der Notwendigkeit einer Aufarbeitung. Damit soll sich nun eine Kommission, bestehend aus Abgeordneten, Gewerkschaftern und Betroffenen, befassen.

Am Ende, so die Hoffnung, könnte auch eine materielle Wiedergutmachung stehen. »Rehabilitierung umfasst nicht nur moralische und politische Aspekte, sie beinhaltet auch die Behebung des angerichteten Schadens in finanzieller Hinsicht«, heißt es in einer Stellungnahme von Betroffenen. Ihre Forderungen werden auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt. Mit einem Antrag an den Verdi-Bundeskongress im kommenden Jahr soll die Unterstützung noch vergrößert werden. Zudem fordern die Verfasser des Antrags die Abschaffung von Extremistenklauseln, die als Folge des Radikalenerlasses noch immer in manchen Tarifverträgen des Öffentlichen Dienstes zu finden sind.
Der Radikalenerlass steht exemplarisch für die deutschen Kontinuitäten nach dem von außen erzwungenen Ende des Nationalsozialismus. CDU/CSU, FDP und SPD waren sich damals einig, dass Kommunisten, und nicht etwa die über acht Millionen ehemaligen NSDAP-Mitglieder, eine Bedrohung für Deutschland darstellten. Während verdiente NS-Schergen überall in staatlichen Institutionen Fuß fassen konnten, wurden vermeintlich linke Lokführer und Postbeamte als Gefahr betrachtet. »Nazis rein, Linke raus«, fasste dies ein Artikel auf Zeit Online vergangenes Jahr treffend zusammen. Für Bundeskanzler Willy Brandt und die SPD war der Kampf gegen Linksradikale zugleich Teil des Kampfes gegen die innere linke Opposition, die sich entgegen dem 1959 verabschiedeten Godesberger Programm weiterhin auf den Marxismus als Teil der sozialdemokratischen Tradition berief. Zwar wird Brandt gerne mit den Worten zitiert, der Radikalenerlass sei einer seiner schwersten politischen Fehler gewesen. Jedoch verkörpert der »Patriot« Brandt zugleich die deutschnationale Ausrichtung der Sozialdemokratie. »Deutsche. Wir können stolz sein auf unser Land«, hieß es 1972 auf einem seiner Wahlplakate. Kritische Lehrer und Lehrerinnen, die das anders sahen, waren dementsprechend unerwünscht. Im Kern teilte die SPD die Meinung der CDU, die damals auf Plakaten verkündete: »Wir werden nicht zulassen, dass Kommunisten unsere Kinder zu Kommunisten erziehen.«
Diese alten Denkmuster sind immer noch weit verbreitet. Das zeitweilige Berufsverbot für den antifaschistisch engagierten Realschullehrer Michael Csaszkóczy von 2004 bis 2007 im damals von der CDU regierten Baden-Württemberg offenbarte den weiterhin vielerorts tiefsitzenden und emotional aufgeladenen Antikommunismus. Dieser trat auch in der Diskussion im niedersächsischen Landtag zu Tage. Angelika Jahns (CDU) relativierte die NS-Zeit, die sie in einem Atemzug mit der »SED-Diktatur« als »sehr schwierige Jahrzehnte« der deutschen Geschichte bezeichnete. Reinhold Hilbers (CDU) rief auf die Kritik der SPD an der damaligen Verfolgung Andersdenkender in den Saal: »Nicht Andersdenkende! Es ging um Kommunisten!« Aber auch der von der rot-grünen Landesregierung für den Antrag angegebene Grund, nämlich dass »politisch motivierte Berufsverbote, Bespitzelungen und Verdächtigungen nie wieder Instrumente des demokratischen Rechtsstaates sein dürfen«, ist angesichts der Beobachtung von kritischen Journalisten und Anwälten durch den niedersächsischen Verfassungsschutz skeptisch zu betrachten.

Aber es gibt positive Entwicklungen. Michael Csaszkóczy darf mittlerweile unterrichten und bekam vom Landgericht Karlsruhe 33 000 Euro Entschädigung vom Land Baden-Württemberg zugesprochen. Das birgt Hoffnung für die Betroffenen des Radikalenerlasses, die den niedersächsischen Vorschlag als wichtigen Schritt betrachten. In einer Stellungnahme sprechen sie von einem »impulsgebenden Dokument«, stellen aber zugleich fest: »Mitleid, Bedauern, ›Respekt und Anerkennung‹ gegenüber den Betroffenen genügt nicht.« Sie wollen vollständig rehabilitiert werden, dazu gehöre nicht zuletzt auch die »materielle Wiedergutmachung«. Angesichts der parteiübergreifenden Einigkeit stehen die Chancen hierfür gut, aber erst einmal nur für die 130 Betroffenen aus Niedersachsen. Die bundesweite Aufarbeitung steht weiterhin aus.