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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Mittwoch, 28. Mai 2014

Zum Teufel mit Stalin

Die Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938 und der Antisemitismus in der Sowjetunion.
 
von Olaf Kistenmacher, Jungle World, 28.05.2014

Um die Atmosphäre in der Sowjet­union Ende der dreißiger Jahre nachvollziehen zu können, habe er sich, schreibt der Historiker Karl Schlögel in »Terror und Traum«, von Michail Bulgakows Roman »Der Meister und Margarita« inspirieren lassen. Diesem phantastischen Roman gelinge, was »den Geschichtswissenschaften weitgehend verwehrt« sei, nämlich eine gesellschaftliche Stimmung darzustellen, in der nichts sicher ist, jederzeit alles passieren kann, Menschen plötzlich auftauchen oder verschwinden. (1) In »Der Meister und Margarita« kommt der Teufel unter dem Namen Woland nach Moskau, gibt sich als Spezialist für Schwarze Magie aus, tötet nach Belieben, treibt unzählige Menschen in den Wahnsinn. Aber es ist auch dieser Woland, der mit seinen drei Gehilfen die Titelfiguren, einen »Meister« genannten Schriftsteller und dessen Geliebte Margarita, aus ihrem Unglück befreit. Für Michail Bulgakow gab es in den dreißiger Jahren etwas Schlimmeres als den Teufel. Bulgakow konnte zu dieser Zeit nicht mehr veröffentlichen; sein Roman, heute ein Klassiker der Weltliteratur, erschien erst 26 Jahre nach seinem Tod. Auf fast jeder Seite des Romans ist, obwohl er kaum direkt angesprochen wird, der als »Große Säuberung« bezeichnete Terror der Jahre 1936 bis 1938 spürbar. Zahlreiche prominente Bolschewiki wurden in Schauprozessen als angebliche Mitglieder eines »trotzkistisch-sinowjetischen terroristischen Zentrums« vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, rund zwei Millionen Menschen verhaftetet, mindestens 700 000 von ihnen wurden hingerichtet oder »verschwanden« in den Arbeitslagern. Obwohl eine umfangreiche historische Forschung über die Ereignisse existiert, sind zu den Ursachen noch viele Fragen offen. In dem Sammelband »Verbrechen im Namen der Idee« nennt Barry McLoughlin außer Josef W. Stalins paranoidem Machtwillen außenpolitische und wirtschaftliche Gründe für den Terror. (2) Doch die entscheidende Frage, weshalb sich so viele Menschen an den Verfolgungen beteiligten, ist damit noch nicht geklärt. Unterstützten sie Stalins Politik aus Angst, ebenfalls verhaftet zu werden, oder glaubten sie ernsthaft, ehemalige Protagonisten der Russischen Revolution wie Grigorij Sinowjew, Karl Radek, Nikolai Bucharin hätten einen Putsch in der UdSSR vorbereitet und wollten den Sozialismus in einem Lande beseitigen? Nach dem dritten und letzten Moskauer Prozess ließ Stalin selbst eine offizielle Lehre verbreiten: Die 1938 verfasste »Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) ­– Kurzer Lehrgang« hält fest, dass der Kampf gegen den »Judas Trotzki« gewonnen sei, und kündigt an: »Die kapitalistische Umwelt, die bestrebt ist, die Macht der Sowjetunion zu schwächen und zu untergraben, verstärkt ihre ›Arbeit‹ zur Organisierung von Mörder-, Schädlings- und Spionenbanden innerhalb der Sowjetunion. (...) Die Sowjetmacht straft mit fester Hand diesen Abschaum der Menschheit und rechnet schonungslos mit ihm ab, als mit den Feinden des Volkes und Verrätern an der Heimat.« (3)

Alles das scheint aus heutiger Perspektive so unglaublich wie der Teufelsspuk in »Der Meister und Margarita«. Zwar analysiert Christoph Jünke in dem Band »Nie wieder Kommunismus?« die »Logik des stalinistischen Terrors« und fasst den Forschungsstand zum Großen Terror zusammen (4), und seit 2013 erinnert eine Tafel am Karl-Liebknecht-Haus an die deutschen KPD-Mitglieder, die in den dreißiger Jahren in der UdSSR ermordet wurden. Doch trotz solcher Versuche, die Jahre 1936 bis 1938 als Teil der eigenen Geschichte anzuerkennen, haben die Ereignisse für die gegenwärtige radikale Linke in Deutschland kaum Bedeutung, als gehörten sie einer anderen Zeit und einer anderen Welt an. Bini Adamczak interpretiert das fehlende Gedenken als Ausdruck einer »Schuldabwehr, die ein linkes Subjekt erschafft, das mit den Fehlern und Verbrechen der historischen Vorgänger in keiner inneren Beziehung steht«. (5) In ihrem Buch »Gestern morgen«, das die Geschichte des Kommunismus von seinem Ende 1939 her erzählt, bilden die Moskauer Prozesse die letzte Etappe vor dem Hitler-Stalin-Pakt. Wahrscheinlich denken heutzutage mehr Menschen an das Gerichtsverfahren gegen die Mitglieder von Pussy Riot, wenn sie die Bezeichnung »Moskauer Prozesse« hören, als an die UdSSR unter Stalin. Milo Rau, dessen Film über den Pussy-Riot-Prozess im Frühjahr 2014 in Deutschland gezeigt wurde, sagt in dem Begleitbuch, er habe »ursprünglich« den Prozess von 1937, gegen Bucharin und Genrich G. Jagoda, reinszenieren wollen, sei aber davon abgekommen, weil es »nur noch sehr wenige Zeitzeugen« gebe, die er für seine Form des Reen­actment brauche. (6)

Stalinistische Verfolgung

Während durch Gruppen wie den Berliner Arbeitskreis »Stalin hat uns das Herz gebrochen« die kritische Auseinandersetzung mit den sta­linistischen Verfolgungen nach 1945 zum festen Bestandteil linken Geschichtsbewusstseins gehört und mehrere wissenschaftliche Studien erwiesen haben, inwiefern auch die spätere linke Feindschaft gegen den »Zionismus« in dieser Tradition steht, gilt das nicht für die »Große Säuberung« von 1936 bis 1938. Dabei lassen sich zwischen den Ereignissen vor und nach 1945 mehrere Ähnlichkeiten entdecken. Erstens richteten sich die Anklagen vor wie nach 1945 gegen ehemalige Parteigrößen. In den Jahren 1936 bis 1938 wurden Bolschewiki der ersten Stunde wie Sinowjew, Lew Kamenew oder Bucharin der wahnwitzigsten Verbrechen bezichtigt. Der Hauptangeklagte in Abwesenheit war stets Leo Trotzki, der mittlerweile seit Jahren im Exil lebte. 1951 wurde in der Tschechoslowakei Rudolf Slánský angeklagt; er war kurz zuvor noch Generalsekretär und damit der zweitmächtigste Mann in der tschechoslowakischen sozialistischen Partei gewesen. Auch Paul Merker, der kurz darauf in der DDR verhaftet wurde, war Mitglied des SED-Politbüros. Bereits in der Weimarer Republik hatte Merker zu den führenden Funktionären in der KPD gehört. Zweitens waren die Prozesse begleitet von einer Verhaftungswelle. Die Jahre 1936 bis 1938 waren nicht die erste sogenannte »Säuberung« der Partei und der Gesellschaft. Aber in diesen Jahren wurden 85 Prozent aller Todesurteile unter Stalin vollstreckt. In der Tschechoslowakei wurden von 1949 bis 1954 rund 55 000 Menschen inhaftiert und 178 Todesurteile vollstreckt. In der DDR wurden parallel zu Merkers Verhaftung mehrere jüdische Gemeinden durchsucht, rund ein Viertel ihrer Mitglieder flohen in den Westen.

Die dritte Gemeinsamkeit ist noch nicht ausreichend erforscht. Doch es ist unübersehbar, dass sowohl in den Jahren 1936 bis 1938 als auch in den Jahren nach 1945 unter den prominenten Angeklagten nicht wenige aus jüdischen Familien stammten. Offiziell sollte das keine Rolle spielen. Nach 1945 wies allerdings die Bezeichnung »Zionist« darauf hin. Artur London, im Prozess gegen Rudolf Slánský Anfang der fünfziger Jahre einer der Mitangeklagten, der nicht zum Tode verurteilt wurde, erinnerte sich später, dass die Geheimpolizisten, die die Verhöre durchführten, bei jeder erwähnten Person erfahren wollten, ob »es sich da nicht um einen Juden handelt«: »Die Geschickteren unter ihnen fragten: ›Wie hieß er vorher? Hat er nicht im Jahr 1945 seinen Namen geändert?‹« Die Polizisten setzten allerdings jedes Mal anstelle der Bezeichnung »Jude« das Wort »Zionist« ein. Als London auf den Bedeutungsunterschied hinwies, bekam er zur Antwort: »Wir gehören dem Sicherheitsapparat einer Volksdemokratie an. Das Wort Jude ist eine Beschimpfung. Deshalb schreiben wir ›Zionist‹.« (7) Paul Merker kam zwar nicht aus einer jüdischen Familie, aber gleichzeitig mit ihm wurden mehrere Repräsentanten der Jüdischen Gemeinden in der DDR, wie Julius Meyer, verhaftet und verhört. Als Meyer und andere 1953 aus der DDR flohen, berichtete das Neue Deutschland, sie seien »als ›zionistische Agenten‹ entlarvt« worden. (8)

Die jüdische Identität der Angeklagten spielte, so jedenfalls Leo Trotzki, bereits in den Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre eine Rolle. In »Thermidor und Antisemitismus« berichtete Trotzki 1937 zum Beispiel, dass sein Sohn Sergei Sedow in Moskau verurteilt worden sei, weil er angeblich »eine Massenvergiftung der Arbeiter« plane. Zu dieser Zeit hätten die sowjetischen Behörden verbreitet, dass der »›echte‹ Name« von Trotzki Bronstein sei. Damit, so Trotzki, wollten sie »meine jüdische Herkunft und die halbjüdische Herkunft meines Sohnes herausstellen«. (9)

Ein Verbrechen, drei Prozesse

Als offizieller Grund für die Moskauer Prozesse galt die Ermordung von Sergei M. Kirow. Der beliebte Leningrader Parteisekretär war am 1. Dezember 1934 vor seinem Büro in Smolny erschossen worden. Obwohl der Täter, Leonid W. Nikolajew, noch am Tatort festgenommen wurde und Eifersucht als Motiv angab, hieß es, der Mord sei nur der erste Akt einer ungeheuren Verschwörung. Es folgten drei große Schauprozesse, vom August 1936 bis März 1938, um die angeblichen Hintermänner zu präsentieren: Grigorij Sinowjew, in den zwanziger Jahren Vorsitzender der Kommunistischen Internationale, Lew Kamenew, ehemaliger Vorsitzender des Moskauer Sowjets, Igor Smirnow, einer der ältesten Bolschewiki, Karl Radek und als der mächtige Mann im Hintergrund Leo Trotzki. Menschen, die noch kurz zuvor als Revolutionäre der ersten Stunde verehrt wurden, galten nun als »Lakaien und Agenten der deutschen und japanischen Faschisten«. (10) Als im dritten und letzten Prozess sogar Genrich G. Jagoda, ein alter Tschekist, der bis zum September 1936 das Volkskommissariat des Inneren geleitet hatte, auf der Anklagebank saß, war offensichtlich, dass niemand vor der Verfolgung sicher sein konnte. Doch so unglaublich die Anklagen klangen – die prominenten Angeklagten gestanden und bezichtigten sich selbst der absurdesten Verbrechen. Die meisten von ihnen wurden zum Tod verurteilt, die Urteile sofort vollstreckt. Widerspruch kam vor allem von dem Hauptangeklagten in Abwesenheit, Leo Trotzki. Noch im gleichen Jahr bemühte sich sein ältester Sohn, Leo Sedow, im französischen Exil, die Anklagepunkte in einem »Rotbuch über den Moskauer Prozess« akribisch zu widerlegen. Für ihn war der Prozess der Versuch der »endgültigen Vernichtung der Opposition«, die es seit den zwanziger Jahren in Russland gegen Stalin gegeben hat. (11) Sedow zeigte, wie in dem Gerichtsverfahren mit Fälschungen gearbeitet wurde, wie widersprüchlich Aussagen waren, und betonte, dass ausgerechnet jüdische Kommunisten vor Gericht als ­Gestapo-Agenten präsentiert wurden. Wer solle denn glauben, dass »ein junger jüdischer Kommunist, der sich Trotzkist nennt, die Gestapo um Mitwirkung bei der Ermordung Stalins bittet?« (12) Mit einem jüdischen Trotzkisten würden die deutschen Nationalsozialisten doch nicht kooperieren, sondern ihn in ein Konzentrationslager stecken, schrieb Sedow, der 1938 in Paris unter ungeklärten Umständen nach einer Blinddarmoperation starb.

In seinem mexikanischen Exil bildete Leo Trotzki eine Kommission, um die Anklagepunkte nach der Art eines rechtsstaatlichen Verfahrens überprüfen zu lassen. Als Verhandlungsleiter gewann er den US-amerikanischen Philo­sophen John Dewey. Auf die Unterstützung der kommunistischen Parteien konnte Trotzki ebenso wenig bauen wie auf die sozialistische Linke und die Gewerkschaftsinternationale. Selbst jemand wie André Gide, der in diesen Jahren auf Distanz zur kommunistischen Bewegung ging, stand für die Kommission nicht zur Verfügung. Die Kommission kam zu dem wenig überraschenden Schluss, dass auf der Basis des »gesamten Beweismaterials« die Moskauer Prozesse vom August 1936 und vom Januar 1937 »als falsche Anklage« zu bewerten seien: »Wir betrachten Leo Trotzki und Leo Sedow als nicht schuldig.« (13)

Gide war 1937 in die Sowjetunion gereist und beschrieb in »Zurück aus Sowjetrussland« seine Enttäuschung: »Von Monat zu Monat verschlimmert sich der Zustand der UdSSR. Weiter und weiter entfernt sie sich von dem, was sie in unserer Hoffnung war, was sie für unsere Hoffnung sein müsste.« (14) Arthur Kostler, der 1931 der KPD beigetreten war, verarbeitete seine Erschütterung in dem Roman »Sonnenfinsternis«. Die Hauptfigur Nicolas S. Rubaschow sollte eine Mischung aus Bucharin, Radek und Trotzki sein. Koestler versuchte zu ergründen, warum sich die Angeklagten selbst dann der absurdesten Verbrechen bezichtigten, wenn sie nicht gefoltert worden waren. Ihre Verurteilung erscheint in dem Roman als die logische Konsequenz einer Politik, die sie selbst mit geprägt haben. »Die Geschichte hat uns gelehrt, dass man ihr mit einer Lüge oft besser als mit einer Wahrheit dient«, schreibt Rubaschow während seiner Haft in sein Tagebuch. (15) Indem sie ihre individuelle Wahrheit den Lügen der Partei unterordneten, dienen sie ein letztes Mal der revolutionären Sache.

Doch die Moskauer Schauprozesse riefen nicht nur Entsetzen hervor. Lion Feuchtwanger, der in Romanen wie »Erfolg« bereits in der Weimarer Republik vor dem Faschismus gewarnt und auf den verbreiteten Antisemitismus hingewiesen hatte, bereiste 1936 die Sowjetunion und verteidigte sogleich in seinem Buch »Moskau 1937« die Prozesse. Feuchtwanger hatte dem zweiten Moskauer Prozess, in dessen Mittelpunkt Karl Radek stand, beigewohnt und war »von der Schuld der Angeklagten überzeugt«. (16) Er war mit dieser Haltung nicht ­allein. Heinrich Mann hatte ebenfalls an den Moskauer Prozessen nichts auszusetzen. Als er aufgefordert wurde, öffentlich zu protestieren, schrieb Mann in der Karlsbader Zeitung Volkswille: »Wenn aber – zum Schaden der Revolu­tion – Verschwörer auftraten, mussten sie, zum Nutzen der Revolution, schnell und gründlich verschwinden. Ich bin mehrmals aufgefordert worden, zu protestieren. Ich kann nur Bedauern äussern – und vermuten, dass dasselbe Bedauern niemandem, gerade in Moskau, ferngelegen hat: weder denen, die das Urteil herbeiführten, noch den Gerichteten, die es reumütig hinnahmen. Warum sollte ihre Reue gespielt und unter falschen Versprechungen ihnen auferlegt worden sein?« (17) Mann blieb bei seiner Haltung. In seiner Autobiographie »Ein Zeitalter wird besichtigt«, die seit 1946 in vielen Sprachen und unzähligen Auflagen erschien, schreibt er: »Die armen Teufel waren selbst Revolutionäre, handelten aber gegen die Revolution, wie sie ist.« (18)

Schuldige, Verräter, »Schädlinge«

Obwohl Feuchtwanger die Sowjetunion verteidigte, bemerkte er auf den Straßen Moskaus eine merkwürdige Stimmung: »Allmählich aber ist in der Bevölkerung eine richtige Schädlingspsychose entstanden. Man hat sich angewöhnt, alles, was schiefgeht, mit Sabotage zu erklären, während sicherlich ein großer Teil der Mängel schlicht und einfach auf Unfähigkeit zurückzuführen ist.« (19) Der Große Terror fing nicht mit den Moskauer Prozessen an, und so gewaltig die Auswirkungen auf die sowjetische Gesellschaft waren, so müssen auch die Ursachen auf der Ebene der Gesellschaft gesucht werden. Die Jahre 1936 bis 1938 stellten einen grausamen Höhepunkt dar, aber, wie Orlando Figes in seiner umfangreichen Studie »Die Flüsterer« erinnert, markierten sie »nur eine von vielen Repressionswellen«. (20) Es sei eine populäre Vorstellung gewesen, dass in Russland der Sozialismus »durch reine Willenskraft zu erreichen« sei. Figes zitiert einen Studenten, der sagte: »Wir waren davon überzeugt, eine kommunistische Gesellschaft zu schaffen, die durch die Fünfjahrpläne Wirklichkeit werden würde, und wir waren zu jedem Opfer bereit.« (21) Die Auseinandersetzung zwischen der Stalin’schen Fraktion und der Opposition um Trotzki bestand in den zwanziger Jahren in der Frage, ob in Sowjetrussland der Sozialismus aufgebaut werden könne. Die Stalin’sche Seite setzte sich mit der Auffassung durch, dass die strukturellen Voraussetzungen gegeben seien, um den Sozialismus in einem Lande aufzubauen: »Wir haben alles, was notwendig ist, um die sozialistische Wirtschaft, die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten.« (22) Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Warenwirtschaft und die kapitalistische Produktionsweise im Kern überwunden seien und der Fünfjahresplan den allgemeinen Bedürfnissen entspreche. ­Etwaige Probleme beim Aufbau des Sozialismus in einem Lande konnten also nicht auf strukturelle Faktoren zurückgeführt werden, sondern dafür mussten »innere Feinde«, »Saboteure« und ihre »Schädlingsarbeit« verantwortlich sein. Richtete sich in den Jahren nach der Revolution die Suche nach Schuldigen gegen Vertreter der alten Ordnung, so konzentrierte sich die Suche nach Saboteuren seit Mitte der zwanziger Jahren auf den Bereich der Wirtschaft.

Ende der zwanziger Jahre begann die Verfolgung der »Kulaken«. Die Folge dieser Politik war, dass in den Jahren 1930 bis 1933 zwischen 4,6 und 8,5 Millionen Menschen an Hunger oder Krankheiten starben. Wie Figes ausführt, hatte die Bezeichnung »Kulak« keine klar umrissene Bedeutung. Die Feindschaft gegen sie wurde auch auf die Nachkommen projiziert. Eine »Kulakenherkunft« galt als Makel, wer ihn nicht tragen wollte, versuchte, die Herkunft zu verbergen. Das Verschweigen der eigenen Familiengeschichte ist das große Thema in »Die Flüsterer«.

Sowohl die soziale als auch die nationale Herkunft wurden seit Mitte der zwanziger Jahre für das Leben in der sowjetischen Gesellschaft immer wichtiger. Das galt nicht zuletzt für die jüdische Minderheit. Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit der äußere Druck oder auch der ­eigene Wunsch, ein neues Leben anzufangen, dafür verantwortlich waren, die ererbte Iden­tität abzulegen. »Die Laskins waren typische Vertreter der ersten Generation sowjetischer Juden. Sie identifizierten sich mit dem Internationalismus der Revolution, der die Beseitigung aller nationalen Vorurteile und Ungleichheiten verhieß«, schreibt Figes: »In einigen ­jüdischen Familien äußerte sich der Wunsch, ›sowjetisch‹ zu sein, darin, dass man jede verbleibende Identifizierung mit jüdischer Kultur und Religion unterdrückte.« (23) Ein »Jude« zu sein, bedeutete auch, nicht zur Arbeiterklasse zu gehören. Selbst ein Mitglied der KPD wie Otto Heller, der in seinem Buch »Der Untergang des Judentums« 1931 begeistert über die Lage in der Sowjetunion berichtete, musste einräumen, dass Beschlüsse des Zentralkomitees der KPdSU zu dieser Zeit »oft von untergeordneten Instanzen« gegen Jüdinnen und Juden »in einer national gehässigen Weise ausgelegt« würden. (24) Dass sich die herrschende Politik und die gesellschaftliche Stimmung gegen die Juden richtete, fiel nur wenigen auf, weil auch andere nationale Minderheiten von Diskriminierungen betroffen waren. Allerdings notierte Walter Benjamin in seinem »Moskauer Tagebuch« schon 1927, wie sich der Machtkampf zwischen Stalin und Trotzki, Sinowjew und Kamenew auswirkte: »Dann die politischen Informationen: Entfernung der Opposition aus den leitenden Stellen. Damit identitsch: Entfernung zahlreicher Juden zumal aus den mittleren Chargen. Antisemitismus in der Ukraine.« (25)

Das Ende der Revolution

Es war für die parteikommunistische Linke bereits ein Skandal, dass Trotzki im Exil wiederholt von einem Ende, einem »Thermidor« der Revolution geschrieben hatte. Doch als er nach den ersten beiden Moskauer Schauprozessen darauf hinwies, dass Stalin »die antisemitischen Tendenzen im Land ausgenutzt« habe, erhielt er, wie er 1937 in »Thermidor und Antisemitismus« schrieb, zahlreiche empörte Zuschriften. Es lag Trotzki fern, von einem linken Antisemitismus zu sprechen. Aber er führt in »Thermidor und Antisemitismus« aus, inwiefern es sich um einen Antisemitismus »nicht nur des alten und althergebrachten, sondern auch des neuen, der sowjetischen Spielart«, handle: »In Wirklichkeit hat das Sowjet-Regime eine Reihe von neuen Phänomenen hervorgerufen, die es infolge der Armut und des niedrigen Bildungsstands der Bevölkerung möglich machten, von neuem eine antisemitische Atmosphäre zu schaffen, und sie tatsächlich geschaffen hat.« (26) Trotzkis Erklärung war noch insofern der kommunistischen Tradition verhaftet, als er Judenfeindschaft als einen echten Gruppenkonflikt deutete und nach realen Ursachen für die Antipathien suchte. Juden, so Trotzki, stellten in der Sowjetunion »einen unverhältnismäßig hohen Anteil in der Bürokratie«, deshalb könnten die Stalin’schen Behörden den »Hass der Bauern und Arbeiter auf die Bürokratie« auf die Juden umlenken. Trotzki verwies allerdings auf eine längere Vorgeschichte. Bereits zehn Jahre zuvor, im Machtkampf um die Nachfolge Lenins, habe Stalin antisemitische Stereotype benutzt, um seine innerparteilichen Gegner zu diskreditieren. Allerdings verschleierte Stalin nach Trotzkis Erinnerungen die Strategie. Öffentlich habe er erklärt: »Wir kämpfen gegen Trotzki, Sinovjew und Kamenew, nicht weil sie Juden sind, sondern weil sie die Opposition sind.« Diese »bewusst doppeldeutigen Worte«, so Trotzki, richteten sich nur vordergründig gegen den Antisemitismus. Ihre eigentliche Botschaft war: »Vergesst nicht, die Führer der Opposition sind – Juden!« (27) Trotzki besaß mehrere Protokolle von Parteiversammlungen, die eine antisemitische Stimmung selbst in der KPdSU belegten. Auf einer Versammlung in Sibirien hatte ein Parteiredner erklärt: »Trotzki hat schon vor längerer Zeit begonnen, eine spalterische Politik zu betreiben. Trotzki kann kein Kommunist sein; seine Nationalität beweist, dass er die Spekulation braucht.« (28)
Es ist bemerkenswert, dass Trotzkis Erklärungsansatz einen Vorläufer hatte, auch wenn Trotzki diesen vermutlich nicht gekannt hat. Der US-amerikanische Anarchist Alexander Berkman schrieb 1925 in seinem Bericht »Der bolschewistische Mythos«: »Der Hass auf die Bourgeoisie wurde auf die Intellektuellen umgelenkt, die offizielle Propaganda fördert und verstärkt diesen Geist. Sie werden als Feinde des Proletariats, Verräter der Revolution dargestellt – bestenfalls als Spekulanten, wenn nicht als aktive Konterrevolutionäre.« Es handele sich allerdings um mehr als einen »Ausbruch volkstümlicher Ressentiments«: »Das Feuer wird in Moskau gelegt.« (29) Berkman war mit Emma Goldman 1919 aus den USA nach Russland ausgewiesen worden und bis 1922 durch das Land gereist. In ihren Reiseberichten pro­tokollierten sie die Gespräche mit Jüdinnen und Juden über die Gefahr eines neuen Antisemitismus (Jungle World 11/2011). Berkmans und Goldmans Deutung dieses Phänomens ergab sich aus diesen Gesprächen. Es ist gut vorstellbar, dass Trotzki zu ähnlichen Einschätzungen kam, ohne von Berkman oder Goldman zu wissen.

Anderen Intellektuellen wurde das Phänomen erst später bewusst, aber unterschwellig ahnten sie bereits in den dreißiger Jahren etwas. Über den Protagonisten von »Sonnenfinsternis« hat Arthur Koestler im Rückblick geschrieben, dessen zweiter Vorname »Salmanowitsch (Salomonson)« mache ihn »zum Juden«, »aber weder fiel mir das auf, noch hat mich je ein Leser darauf aufmerksam gemacht«. (30) Manès Sperber, der sich während der dreißiger Jahre in seiner Romantrilogie »Wie eine Träne im Ozean« kritisch mit dem Stalinismus auseinandersetzt, schreibt in den siebziger Jahren in seinen Lebenserinnerungen, dass er 1932 in Deutschland einen Albtraum von einem Pogrom in einer russischen Stadt hatte: »Eine Frau rief mir ungeduldig zu, ich sollte ihr folgen, weglaufen, sonst würde es zu spät sein.« Als Sperber auf eine Gruppe junger Kommunisten wies, die ihn beschützen würden, schrie die Frau: »Komm, Verrückter! Die Komsomolzen machen ja den Pogrom, die Komsomolzen!« In dieser Zeit, schreibt Sperber, sei »eine unabweisbare Ahnung« in ihm aufgestiegen, dass »die Judenfrage auch in der Sowjetunion vielleicht nicht gelöst und der Judenhass nicht besiegt« worden sei.(31)

Es waren nicht nur Mitglieder der kommunistischen Parteien, die Trotzkis Analysen vehement widersprachen. Auch prominente Juden in den USA teilten nicht Trotzkis Sichtweise. Der bekannte Rabbi Stephen Wise bezeichnete Trotzkis Aussagen über einen unterschwelligen Antisemitismus in den Moskauer Schauprozessen als »feigen Kunstgriff«. (32) In einer US-amerikanischen jüdischen Zeitung hieß es: »Wir pflegten in der Sowjetunion, soweit der Antisemitismus betroffen war, unseren einzigen Lichtblick zu sehen. Es ist unverzeihlich, dass Trotzki gegen Stalin grundlose Beschuldigungen erhebt.« (33) Welche Rolle die von Trotzki beschriebenen Anspielungen in den Anklagen spielten, ist noch ungeklärt. Es wird aber in den meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen darauf hingewiesen, dass, wie es Karl Schlögel in »Terror und Traum« ausdrückt, unter den genannten Verdächtigten im ersten und zweiten Prozess »erstaunlich häufig jüdische Namen« waren. (34)

Der Historiker Mario Keßler erinnert daran, dass während der Moskauer Prozesse fast alle autonomen Organisationen der jüdischen Minderheit in der Sowjetunion aufgelöst wurden. Unter den Opfern der »Großen Säuberung« befanden sich auch zahlreiche Repräsentanten des 1928 geschaffenen jüdischen autonomen Gebiets in der UdSSR, Birobidjan. Sie wurden nach Moskau bestellt, verhaftet und exekutiert. Das gleiche Schicksal ereilte auch die führenden jüdischen Mitglieder der Kommunistischen Partei Palästina. Wie das ehemalige Mitglied der KP Palästina, Leopold Trepper, in den siebziger Jahren schrieb, wurden »sämtliche Mitglieder des Zentralkomitees der palästinensischen Partei liquidiert – nein, einer hat überlebt, ein einziger: Joseph Berger (Barsilai), nach zwanzigjähriger Odyssee im Gulag. Von den insgesamt zwei- bis dreihundert Mitgliedern der Parteikader sind höchsten zwanzig davongekommen.« (35) Keßler schließt sich Trotzkis Einschätzung an, dass Judenfeindschaft nicht das zentrale Motiv für den Stalin’schen Terror war, aber »als Mittel diente«, um jüdische Kommunisten grundsätzlich »zu diskreditieren«. (36) Wladislaw Hedeler, Herausgeber der »Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938«, hob im Gespräch mit der Jungle World den Unterschied zu den Verfolgungen nach 1945 hervor: Während nach dem Zweiten Weltkrieg von den Stalinisten eine »jüdische Verschwörung erfunden« wurde, waren Juden in den dreißiger Jahren eine nationale Gruppe unter vielen, die als illoyal gegenüber dem Sozialismus zu gelten hatte.

Von der jüngeren Trotzki-Forschung ist zu diesem Thema wenig zu erwarten. So sorgte Robert Service selbst für einen Skandal, weil er in seiner Biographie wie besessen auf Trotzkis jüdische Identität hinweist und schreibt, dass Trotzki »auf aufdringliche Weise schlau war, unverblümt in seinen Meinungsäußerungen. Niemand konnte ihn einschüchtern. Bei Trotzki waren diese Charakteristika ausgeprägter als bei den meisten anderen Juden«. (37) Zudem dichtet Service Trotzki den »jiddischen Namen Leiba« an. Der Historiker David North hat die von Service angegebenen Quellen überprüft: In keiner findet sich der angebliche echte Vorname. Der falsche Name gehe vielmehr auf russische Nationalisten zurück, für die Trotzki die Personifikation allen Übels sei. In diesem Streit ist die politische Welt wieder in Ordnung: Der Marxist David North verteidigt Trotzki gegen den antikommunistischen Historiker Robert Service, der, wie North es ausdrückt, »offensichtlich an Antisemiten (appelliert), für die Trotzkis jüdischer Hintergrund von großer Bedeutung ist«. (38) In den Jahren 1936 bis 1938, als die sowjetischen Behörden den Namen Bronstein als Stigma verwendeten, waren die Rollen nicht so klar verteilt.

Der Meister und die Revolution

2012 erschien Alexander Nitzburgs Neuübersetzung von der »Der Meister und Margarita«, die eine politische Relektüre von Bulgakows Roman ermöglicht. Nitzburgs Kommentar verdeutlicht, dass der »Meister« genannte Schriftsteller sich in einer psychiatrischen Klinik befindet, nachdem er verhaftet wurde. Margarita glaubt, er sei »verbannt« worden. Nach ihrer gemeinsamen erfolgreichen Flucht heißt es, »in einem Moskauer Amtsgebäude war ein ganzes Stockwerk hellwach«. Es handelt sich um den damaligen Sitz der Geheimpolizei. In einer Passage, die in früheren Versionen gestrichen war, soll sogar Stalin persönlich gemeint sein, auch wenn er nicht namentlich genannt wird. Von ihm sagt der Teufel: »Er macht seine Sache ganz und gar richtig.« (39) So unvorstellbar die Situation in der damaligen Sowjetunion, so unglaublich die Reaktionen, die der Roman in den dreißiger Jahren auslöste. Als Bulgakow im engsten Freundeskreis aus dem Manuskript vorlas, »hörten aus irgendeinem Grunde alle wie erstarrt zu«, wie Jelena Bulgakowa in ihrem Tagebuch notierte: »Alles war ihnen unheimlich.« Ein Freund wollte sie im Wohnungsflur »überzeugen, dass man den Roman auf keinen Fall einreichen dürfe, das könnte schlimme Folgen haben«. (40)

Im heutigen Russland ist der Stalinismus auf befremdliche Weise gegenwärtig. Auf Demons­trationen werden Stalin-Porträts hochgehalten, die Pro-Putin-Fraktion auf der Straße wie auch westliche Medien wollen in Putin einen Wiedergänger Stalins sehen, und die Linkspartei konnte sich lange nicht entscheiden, ob sie für das »antifaschistische« Russland oder für das ukrainische »Selbstbestimmungsrecht der Nationen« sein sollte. Mittlerweile scheint sie sich für ersteres entschieden zu haben.

Es ist in der Geschichte grundsätzlich problematisch, von einem Anfang oder einem Ende zu sprechen. Die Moskauer Prozesse lassen sich vielleicht umso besser verstehen, wenn man sie nicht nur als Moment des Niedergangs, sondern als Teil einer Entwicklung betrachtet. In den Jahren 1936 bis 1938 ging zwar etwas mit ungeheurer Gewalt zu Ende, aber es entstand auch etwas. So lassen sich die Moskauer Prozesse als Vorläufer der Verfolgungen nach 1945 verstehen. Zwei Ähnlichkeiten sind unübersehbar: In den dreißiger Jahren wie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die »Säuberung« gegen die Revolution und ihre Partei selbst, gegen ehemals führende Personen, und der Terror war vor wie nach 1945 von einer »Säuberung« der Gesellschaft begleitet. Damit festigte Stalin nicht nur seine Macht, sondern erhielt die Vorstellung aufrecht, dass es für gesellschaftliche Krisen immer konkrete Schuldige gebe. Dabei wurden vor wie nach 1945 ältere Stereotype bemüht, und es kann nicht überraschen, dass als »Verräter« und »Saboteure« wieder jüdische Kommunisten präsentiert wurden.

Zwar macht es einen bedeutenden Unterschied, ob das Feindbild »Zionismus« nach dem Zweiten Weltkrieg zum festen Bestandteil des Marxismus-Leninismus wurde, fixiert in den »Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánský« – oder ob es sich in den dreißiger Jahren um indirekte Anspielungen handelte. Um zu verstehen, wie sich antise­mitische Stereotype im Marxismus-Leninismus festsetzen konnten, muss man sich aber mit dieser Vorgeschichte auseinandersetzen. In den dreißiger Jahren wurde noch nicht das Bild ­einer »jüdischen Verschwörung« entworfen, aber es wurden jüdische Kommunisten beschuldigt, an einer antisowjetischen Verschwörung mitzuwirken. Das Feindbild von den il­loyalen Juden musste man nach 1945 nicht erst erfinden. Das antisemitische Potential war schon 1936 in der Hetze gegen das »trotzkistisch-sinowjetische terroristische Zentrum« vorhanden.

Anmerkungen

(1) Karl Schlögel: Terror und Traum, Frankfurt/Main 2011, S. 35
(2) Barry McLoughlin: Vernichtung des Fremden, in: Verbrechen im Namen der Idee, hg. von Hermann Weber u. Ulrich Mählert, Berlin 2007, S. 85
(3) Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) – Kurzer Lehrgang, Berlin (Ost) 1951, S. 411
(4) Christoph Jünke: Schädelstätte des Sozialismus, in: Gruppe INEX: Nie wieder Kommunismus?, Münster 2012, S. 92
(5) Bini Adamczak: Gestern morgen, Münster 2011, S. 56
(6) Milo Rau: Die Zürcher Prozesse/Die Moskauer Prozesse, Berlin 2014, S. 6
(7) Arthur London: Ich gestehe, Hamburg 1970, S. 219 f.
(8) »Ausschluss zionistischer Agenten aus der VVN«, ­zitiert nach: Thomas Haury: Antisemitismus von links, Hamburg 2002, S. 402
(9) Leo Trotzki: Thermidor und Antisemitismus, in: ders.: Schriften 1, Band 1.2, Hamburg 1988, S. 1045 f.
(10) Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, S. 407 f.
(11) Leo Sedow: Rotbuch über den Moskauer Prozess ­(Reprint der ersten deutschen Ausgabe 1937), Frankfurt/Main 1988, S. 9
(12) Sedow: Rotbuch über den Moskauer Prozess, S. 108
(13) Zitiert nach: Isaac Deutscher: Trotzki. III, Stuttgart u. a. 1972, S. 366
(14) André Gide: Retuschen zu meinem Russlandbuch, in: ders.: Gesammelte Werke 2, Stuttgart 1996, S. 119
(15) Arthur Koestler: Sonnenfinsternis, Hamburg 2005, S. 94 f.
(16) Lion Feuchtwanger: Moskau 1937, Berlin 1993, S. 97
(17) Heinrich Mann: Die Revolution, zitiert nach: »Die Aktion« 209/2004, S. 105
(18) Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, Reinbek 1976, S. 79 f.
(19) Feuchtwanger, Moskau 1937, S. 36
(20) Orlando Figes: Die Flüsterer, Berlin 2008, S. 36
(21) Figes, Die Flüsterer, S. 162
(22) Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, S. 340.
(23) Figes, Die Flüsterer, S. 129-131
(24) Otto Heller: Der Untergang des Judentums, Berlin/Wien, S. 315
(25) Walter Benjamin: Moskauer Tagebuch, Frankfurt/Main 1980, S. 19
(26) Trotzki, Thermidor und Antisemitismus, S. 1043
(27) Trotzki, Thermidor und Antisemitismus, S. 1048
(28) Zitiert nach: Matthias Vetter: Antisemiten und Bolschewiki, Berlin 1995, S. 261
(29) Alexander Berkman: Der bolschewistische Mythos, Frankfurt/Main 2004, S. 163
(30) Koestler, Sonnenfinsternis, S. 255
(31) Manés Sperber: Die vergebliche Warnung, München 1983, S. 178 f.
(32) Zitiert nach: Joshua Rubenstein: Leon Trotsky, New Haven/London 2011, S. 177
(33) Zitiert nach: Deutscher,Trotzki. III, S. 344
(34) Schlögel, Terror und Traum, S. 189
(35) Leopold Trepper: Die Wahrheit, München 1978, S. 65
(36) Mario Keßler: Antisemitismus, Zionismus und Sozialismus, Mainz 1994, S. 129
(37) Zitiert nach: David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen 2010, S. 200
(38) North, Verteidigung Leo Trotzkis, S. 169
(39) Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita, Berlin 2013, S. 433 u. 554
(40) Jelena Bulgakowa: Margarita und der Meister, S. 492 u. S. 355

Donnerstag, 8. Mai 2014

Stalins Zion

An der chinesischen Grenze zwischen den Flüssen Bira und Bidschan entstand in den dreißiger Jahren ein jüdischer Staat auf sowjetischem Staatsgebiet. Die Regierung war überzeugt, dass nur der Sozialismus »die jüdische Frage« lösen könne und rief am 7.  Mai 1934 die Jüdische Autonome Oblast aus. Die Bewohner von Birobidschan sollten durch Arbeit in der Landwirtschaft zu guten Proletariern werden.
 
von Jonas Engelmann, Jungle World, 08.05.2014


Während sich 1931 im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina die jüdische Untergrundgruppe Irgun formierte, um mit Waffengewalt einen jüdischen Staat zu erkämpfen, träumte der jüdische Kommunist Otto Heller in Deutschland von einem ganz anderen Zion: »Der Palästinatraum«, schrieb er, »wird längst schon zur Historie gehören, wenn in Birobidschan Automobile, Eisenbahn, Dampfer fahren, die Schlote gewaltiger Fabriken rauchen und die Kinder einer freien jüdischen Arbeiter- und Bauerngeneration in blühenden Gärten herumspringen werden.« So prophezeite er es in seinem Buch »Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage, ihre Kritik, ihre Lösung durch den Sozialismus«. Die Geschichte verlief bekanntlich anders; das ominöse »Birobidschan«, von dem Heller träumte, ist jedoch tatsächlich Realität geworden, als ein von Stalin geplantes »rotes Palästina« in der russischen Taiga, ein jüdisches Gebiet, in dem es allerdings keine blühenden Gärten und keine Sicherheit gab, sondern zum Teil katastrophale Bedingungen herrschten.

Die »Lösung der Judenfrage« sollte durch die Assimilation in der sozialistischen Landwirtschaft vorangetrieben werden. Bis die Religionen irgendwann endgültig überwunden wären, da träumten Heller und Stalin den gleichen Traum, benötigte das Judentum einen eigenen Staat oder zumindest etwas Ähnliches. So wurde am 7. Mai 1934 ein »rotes Zion« auf dem Gebiet und unter Kontrolle der Sowjetunion gegründet. »Birobidschan betrachten wir als einen jüdischen nationalen Staat«, erklärte der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Kalinin 1934, also 14 Jahre vor der Gründung des Staates Israels. Birobidschan kann man kaum als »Staat« bezeichnen, vielmehr handelt es sich um eine Autonome Provinz, dennoch ist es höchst bemerkenswert, dass dieses seltsame Gebilde an der sibirisch-chinesischen Grenze, mit Jiddisch als Amts- und Geschäftssprache, jüdischen Schulen, Theatern und Zeitungen bis heute existiert. Die, laut offizieller Bezeichnung, »Jüdische Autonome Oblast« mit dem in der Stadt Birobidschan angesiedelten Verwaltungszentrum verfügt über ein Gebiet, das fast doppelt so groß ist wie das heutige israelische Staatsgebiet. Allerdings leben dort kaum mehr Juden, wer konnte, übersiedelte spätestens ab 1989 nach Israel. Auch zuvor verschlug es nur wenige der über zweieinhalb Millionen sowjetischen Juden in die 5 000 Kilometer östlich von Moskau gelegene Region, die ungünstige infrastrukturelle und klimatische Bedingungen bietet. Juri Larin, ein jüdischer Volkswirtschaftler, berichtete nach einem Besuch in Birobidschan vom ewig gefrorenen Unterboden, von Sumpfgebieten und der ständigen Insektenplage, es gebe Überschwemmungen und langandauernde Fröste von minus 40 Grad. Auch kulturell sei die Region isoliert. Die sojwetische Propaganda zeichnete dagegen das Bild einer aufblühenden Provinzlandschaft. In dem Klezmer-Lied »Dos Lid fun Birobidshan« heißt es: »Durch dichte Wälder/fährt fröhlich eine Bahn./Neue Juden kommen/nach Birobidschan./Und auf frischen Feldern/Stroh für ein neues Dach:/Nie zuvor haben Juden/so sehr gelacht.«

Dieses Bemühen, ein positives Bild der Jüdischen Autonomen Oblast zu zeichnen, scheint Stalins judenfeindliche Politik gegenüber den »wurzellosen Kosmopoliten« zunächst zu widersprechen. »Korenizacija« (Einwurzelung) aber ist das Prinzip der sowjetischen Nationalitätenpolitik jener Jahre. Es ging dabei um die »Heranbildung eines einheimischen Proletariats, Rekrutierung und Einbindung von Nicht-Russen in den Staats- und Propagandaapparat«, schreibt die Historikerin Antje Kuchenbecker in ihrem 2000 im Metropol-Verlag erschienenen Buch »Zionismus ohne Zion«: »Im Falle der jüdischen ›korenizacija‹ ging es um den Aufbau einer sowjet-jüdischen ›Er­satz‹-Kultur auf Basis des Jiddischen.« Ein jüdischer Staat sollte zur Proletarisierung des Judentums beitragen und die Volkskultur stärken, insbesondere die jiddische Sprache, die in Abgrenzung zum Hebräischen, als Sprache des Klassenfeindes, gefördert wurde.

Der Versuch, die jüdische Bevölkerung in bestimmten Regionen anzusiedeln, war nicht neu. Schon 1791 schränkte Katharina II. nach der Eroberung großer Teile Polens und dem damit verbundenen Anwachsen der jüdischen Bevölkerung im Russischen Reich deren Bewegungsfreiheit ein. Über 90 Prozent der mehr als fünf Millionen Juden wurden in einen sogenannten Ansiedlungsrayon verbannt, ein 15 Provinzen umfassendes Gebiet von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Neben der Einschränkung der Bewegungsfreiheit für Juden wurde auch ihr Zugang zu höheren Schulen begrenzt, viele Berufe blieben ihnen verwehrt, nur wenige durften Land besitzen. Hinzu kam der sich in Pogromen entladende Antisemitismus der Bevölkerung, oftmals toleriert, wenn nicht gar gefördert, von der Staatsführung. Zwischen 1880 und 1914 verließen daher über zwei Millionen Juden das Russische Reich Richtung Westen. Zionisten wie Leon Pinsker blieben und versuchten, die Ursache des Hasses zu ergründen. Resigniert formulierte er: »Die Judophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär, und als eine seit 2000 Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar.« Einzig ein jüdischer Staat erscheint ihm als sichere Zuflucht vor dem Antisemitismus.

Auch wenn der Antisemitismus nach der Revolution von 1917 fortdauerte – bis 1921 fanden über 1 200 Pogrome statt, bei denen 60 000 Juden starben –, kehrte in den jüdischen Gemeinden der postrevolutionären Sowjetunion ein wenig Ruhe ein: Die Juden besaßen plötzlich die gleichen bürgerlichen Rechte wie der Rest der Bevölkerung und erhielten eigene Schulen und Verwaltungen. Ein Ende der sozialen und wirtschaftlichen Diskriminierung schien greifbar. Robert Weinberg schreibt in seinem 2003 im Verlag Neue Kritik erschienenen Buch »Birobidschan – Stalins vergessenes Zion«: »Die Bolschewiki engagierten sich für die Rechte der nationalen und ethnoreligiösen Minderheiten, und die Nationalitätenpolitik der 1920er Jahre war vergleichsweise liberal: Alle nationalen und ethnischen Kulturen wurden toleriert, Religionsausübung allerdings wurde bekämpft.« Auf der einen Seite stand also die Unterdrückung der jüdischen Religion und die Bekämpfung des Zionismus als bürgerlicher Nationalismus, auf der anderen Seite wurde der Aufbau staatlicher jüdischer Einrichtungen und verschiedener Projekte ­betrieben, um Juden als Landwirte zu »verwurzeln«. Arno Lustiger nennt dies einen »innersowjetischen Pseudozionismus«, der pragmatische Hauptgrund der Bemühungen sei nicht die jüdische Selbstbestimmung, sondern das Ziel gewesen, all jene verarmten Juden zu versorgen, die spätestens 1917 ihre Existenzgrundlage verloren hatten.

Auf der Halbinsel Krim lebten zu dieser Zeit etwa 40 000 Juden und für kurze Zeit schien diese Region dafür bestimmt zu sein, den »jüdischen neuen Menschen« hervorzubringen, die »Luftmenschen« in Arbeiter und Bauern zu verwandeln. Die Regierung gründete 1924 das Staatliche Komitee zur Landansiedelung werktätiger Juden (Komerd), schenkte jüdischen Siedlern auf der Krim 342 000 Hektar Land, führte Jiddisch als Amts- und Geschäftssprache ein und stellte Fördergelder zum Aufbau von landwirtschaftlichen Betrieben bereit. Als es jedoch zu Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner der Krim durch die übrige Bevölkerung kam, schwenkte die Regierung um: Nach und nach wurden die Fördergelder gestrichen und 1932 die jüdische Ansiedelung auf der Krim unterbunden.

Denn seit 1928 stand ein neues Siedlungsgebiet im Mittelpunkt: die Region um Birobidschan. Das 1859 annektierte, nur dünn besiedelte Gebiet an der chinesischen Grenze versprach, wie Arno Lustiger schreibt, drei Probleme gleichzeitig zu lösen: »Eine Grenzregion wurde besser gesichert, und dem Streben vieler Juden nach einem ›eigenen‹ Territorium konnte begegnet werden, ohne in Konflikte mit einer bereits ansässigen Bevölkerung zu geraten. Und nicht zuletzt würde ein Scheitern des Projekts endgültig als Argument dienen können, alle Kolonisationspläne – etwa für die Krim – zurückzuweisen.«

So begann in den späten zwanziger Jahren eine Kampagne, um die Juden nach Birobidschan zu locken: »Errichtet ein sozialistisches Birobidschan« und »Festigt die großen Errungenschaften der Leninschen Nationalitätenpolitik« verkündeten Plakate in der gesamten Sowjetunion, Spielfilme wie der Propagandastreifen »Glückssucher« kündeten vom neuen jüdischen Paradies und ein auf den Namen »Birobidshanez« getauftes Flugzeug legte in zwei Wochen 5 000 Kilometer zurück und verteilte Flugblätter über dem ganzen Land. Die Regierung vergab günstige Kredite, kam für die Reisekosten der Siedler auf und sorgte sogar für die Verpflegung auf der Reise. »Allerdings«, so Robert Weinberg, »bereiteten die Behörden die neuen Siedler kaum auf die Strapazen vor, die sie in der unbekannten und unwirtlichen Region erwarteten. Auch sorgten sie weder für menschenwürdige Unterkünfte noch für Lebensmittel, medizinische Versorgung und angemessene Arbeitsbedingungen.« So brach von den rund 50 000 Juden, die in den ersten zehn Jahren nach Birobidschan kamen, etwa die Hälfte den Aufenthalt wieder ab. Tragisch vor allem für kommunistische Juden aus den USA, Argentinien und einigen sogar aus Palästina, von denen bis Mitte der Dreißiger über 1 000 in die Sowjetunion aufgebrochen waren, um den Aufbau eines sozialistischen jüdischen Staates zu unterstützen. Sie wurden Zeuge der schizophrenen Politik Stalins zur »Lösung der Judenfrage«, die den ersten Niedergang der Region einläutete. »Gegen Ende der dreißiger Jahre galt Stalins Hauptinteresse dem russischen Patriotismus; Maßnahmen, die den kulturellen Ausdruck der einzelnen nationalen und ethnoreligiösen Minoritäten befördern sollten, blieben auf der Strecke«, so Weinberg.

Exemplarisch zeigt sich diese Entwicklung an der Lebensgeschichte von Josef Liberberg, dem Vorsitzenden des Jüdischen Autonomen Gebiets. Der Geschichtsprofessor, der sich vor allem mit jüdischer Arbeitergeschichte beschäftigte, förderte in Birobidschan den Aufbau von Schulen und kulturellen Einrichtungen. 1936 wurde er zusammen mit der gesamten Leitungsebene Birobidschans festgenommen. Ihm wurde vorgeworfen, sämtliche jüdischen Kultureinrichtungen in das Autonome Gebiet holen zu wollen, um dort ein zweites Palästina zu errichten – wenige Jahre zuvor war genau das noch der offizielle Plan für diese Region. Zusammen mit 45 weiteren Mitgliedern der jüdischen Verwaltung wurde Liberberg 1937 hingerichtet. Im gleichen Jahr wurden in Birobidschan zwei russische Bauarbeiter, die Juden verbal beleidigt hatten, zu zwei Jahren Haft verurteilt. Absurde wie auch tragische Verhältnisse: Während die Verwaltung Birobidschans den mörderischen Launen und den Plänen Stalins für das russische Judentum ausgeliefert war, wurden in der Region die vermutlich weltweit schärfsten Gesetze gegen Antisemitismus gesetzlich festgeschrieben und umgesetzt.
Erstaunlicherweise blieb der Status der Region als Jüdisches Autonomes Gebiet weiterhin erhalten und nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der jüdischen Bewohner zu, erreichte 1948 ihren Höchstwert von 48 000.Viele heimatlos gewordene sowjetische Juden waren darunter, aber auch etwa 100 jüdische Waisenkinder aus den USA, die durch ein amerikanisches Solidaritätskomitees für Birobidschan in die Region gebracht wurden. Der Ehrenvorsitzende des Komitees war kein Geringerer als Albert Einstein – nicht die letzte Obskurität in der seltsamen Geschichte der Oblast. Die sowjetische Führung zeigte wiederum Interesse, der Region neuen Aufschwung zu ermöglichen und ließ sogar den Bau einer Synagoge zu – die allerdings zehn Jahre später einem Brand in einer nahegelegenen Fabrik zum Opfer fiel. Jüdische Theater wurden gegründet, es entstand ein Museum für jüdische Geschichte, jiddische literarische Zirkel gründeten sich. Diese Entwicklung endete 1948 abrupt, als Stalin seine antisemitische Kampagne gegen »wurzellose Kosmopoliten« ausrief. Jüdische Intellektuelle und Journalisten auch in Birobidschan wurden verhaftet, Jiddisch-Unterricht wurde verboten, Theater, Museen und Kinos wurden geschlossen, die 30 000 Bände umfassende Judaica-Sammlung der Bibliothek verbrannt, der Kontakt mit Juden aus anderen Ländern wurde unterbunden. Dafür wurde versucht, nicht-jüdische Siedler in die Region zu locken. Von dieser Entwicklung erholte sich die Region auch nach Stalins Tod 1953 nicht mehr. 1959 waren weniger als neun Prozent der Bevölkerung Juden, zaghafte kulturelle Aktivitäten gab es erst wieder ab Mitte der Sechziger. 1984 wurde dann zum 50. Jubiläum der Jüdischen Autonomen Oblast eine neue Synagoge erbaut, die sich die Gemeinde allerdings mit den ­Adventisten vom Siebenten Tag teilen musste. Erst 2004 erhielt Birobidschan wieder eine ­eigene Synagoge – die erste in der Geschichte der Sowjetunion, die mit Hilfe staatlicher Mittel finanziert wurde.

Nach 1989 versuchte die jüdische Verwaltung, das kulturelle Leben wieder stärker zu fördern, auch um den Autonomiestatus in der Umbruchzeit nicht zu gefährden. Jiddisch wurde wieder als Wahlfach an Schulen angeboten, es entstanden jüdische Sportvereine, Sommercamps für ausländische Juden und eine zionistische Jugendgruppe. All das änderte jedoch nichts daran, dass die Möglichkeit, nach Israel oder Westeuropa auszureisen, von den meisten Birobidschaner Juden genutzt wurde. 2012 waren nur noch 1 600 der insgesamt 175 000 Einwohner jüdisch. 2007 machte die jüdische Gemeinde Birobidschans 2007 auf sich aufmerksam, als sie verkündete, den weltweut größten Chanukka-Leuchter erbaut zu haben. Der Rekord wurde, alles andere wäre in der tragischen Geschichte Birobodschans verwunderlich, nicht anerkannt.

Die verbliebenen Juden hoffen trotz solcher Rückschläge den Status als Autonomes Verwaltungsgebiet behalten zu können. Seit einigen Jahren wird staatlicherseits diskutiert, die Oblast in die Verwaltungsregion Chabarowsk einzugliedern. Das wäre das Ende eines von vornherein zum Scheitern verurteilten Experiments, in dem sich auch die gesamte Tragik des russischen Judentums spiegelt.

Karl Schlögel/Karl-Konrad Tschaepe (Hg.): Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden. Matthes & Seitz, Berlin 2014, 640 S., 49,90 Euro