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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Montag, 27. Januar 2014

Als Spion in Auschwitz

Tagesspiegel, 26.01.2014, von Jan Ludwig



Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz befreit. Vom dortigen Grauen wusste die Welt bereits. Nicht zuletzt dank eines polnischen Offiziers, der freiwillig ins Lager ging – und wieder ausbrach.

Was soll man über einen Mann sagen, der freiwillig nach Auschwitz ging? Der sich als einziger Mensch in ein Lager bringen lässt, in das über eine Million Menschen deportiert wurden und das nur jeder sechste mehr oder weniger lebend verließ?
Es ist patriotisch, sagen polnische Diplomaten. Es ist heroisch, sagt der Oberrabbiner von Polen. Es ist Wahnsinn, sagt die Vernunft.
Witold Pilecki jedoch ist bei völlig klarem Verstand, als er sich am 19. September 1940 in Warschau auf die „Allee der Polnischen Armee“ begibt.

Die deutsche SS hat wieder eine Razzia begonnen, nun sammelt sie ihre Opfer. Mit Papieren ausgestellt auf „Tomasz Serafínski“, mischt sich Pilecki unter die Gefangenen.
Seit einem Jahr ist Polen da schon besetzt. Als Deutschland seinen Nachbarn überfiel, prallte waffentechnisch der Zweite auf den Ersten Weltkrieg. Blutig und kurz waren die Kämpfe. Doch im Untergrund leisten polnische Soldaten weiter Widerstand. Pilecki, geboren 1901, hatte schon als Jugendlicher im Ersten Weltkrieg für sein Land gekämpft. Nun gründet der Kavallerie-Offizier die Polnische Geheimarmee.

Im Sommer 1940 erfährt diese Geheimarmee von einem Lager. Polen nennen die nächstliegende Stadt Oswiecim; unter den Deutschen heißt sie Auschwitz. Dort, so munkelte man, sollen polnische Lehrer, Priester, Ingenieure hingebracht werden, vielleicht sogar getötet. Die Geheimarmee entscheidet, Pilecki in das Lager zu schicken, damit er – unter falschem Namen – spioniert.

Der Plan scheint an jenem Sommerabend 1940 zu funktionieren. Pilecki muss mit Hunderten anderer im Scheinwerferlicht einer Reitbahn auf dem Boden übernachten. Zwei Tage später werden sie weggebracht, erst auf Lastwagen, dann im Güterwaggon, bis der Zug am Abend hält. Türen werden aufgerissen, Hunde bellen, gleißende Lampen blenden die Insassen. Pilecki hört, wie Wachsoldaten einen Passagier anbrüllen, er solle loslaufen. Er wird erschossen, genau wie zehn weitere – als Strafe für den „Ausbruchsversuch“. An einem Stacheldrahtzaun angekommen, führen die SS-Männer die Gefangenen durch ein Tor. „Arbeit macht frei“ steht darauf.

947 Tage wird Pilecki in Auschwitz verbringen. Als er in das Lager hineinging, war es ein Konzentrationslager für polnische politische Gefangene, als er daraus flieht, ein Brandmal der Menschheit.

Was wir über Pileckis Odyssee wissen, entstammt vor allem den Berichten, die er während und nach seiner Lagerzeit schrieb. Über die ersten Stunden im KZ vermerkt er darin: „Im unheimlichen Lichtschein, den die Scheinwerfer von allen Seiten warfen, erkannten wir Wesen, die wie Menschen aussahen, deren Verhalten aber dem wilder Tiere glich.“

Pilecki blickt in einen Abgrund, sieht kaum vorstellbaren Sadismus. Er berichtet von dem Häftling Ernst Krankemann, einem verurteilten Mörder, der als Kapo das Straßenbaukommando leitet, dabei die Planierwalze nutzt, um Gefangene zu überrollen. Der SS-Sanitäter Klehr rammt Häftlingen Phenolspritzen ins Herz, er „mordete mit der Nadel mit gewaltigem Eifer, mit irrem Blick und sadistischem Lächeln“. Pilecki fährt fort: „Nach jeder Tötung eines Opfers machte er einen Strich an die Wand. Die Liste der von ihm Getöteten umfasste zu meinen Zeiten gegen vierzehntausend, und dafür rühmte er sich täglich mit großer Zufriedenheit.“

Pilecki entgeht den Torturen, auch dem „Blutigen Alois“ und dem „Würger“. Doch mit anzusehen, wie Menschen derart sterben, schürt den Hass in ihm. „Ich spürte, dass wir alle endlich durch dieselbe Wut vereinigt waren, in einem Durst nach Rache“, schreibt Pilecki über sich und seine Mitgefangenen.

Pilecki soll spionieren und Berichte nach außen schleusen. Vor allem aber soll er eine Untergrundorganisation aufbauen. Im Falle eines Aufstandes oder eines Angriffs von außen könnte die den Widerstand organisieren. Nach und nach rekrutiert er ein dichtes Netz aus je fünf Männern, hauptsächlich Polen. Er spricht sie bei der Zwangsarbeit an, zieht sie ins Vertrauen. Um die Organisation nicht zu gefährden, verrät er den Fünfergruppen nur wenig voneinander.

Nach einigen Wochen orchestriert Pilecki so Hilfen im Lager. Wer schwach ist, erhält eine zweite Ration, wer krank ist, einen Arbeitsplatz mit einem Dach über dem Kopf. Doch bis die erhofften Partisanen außerhalb des Lagers stark genug sind, können die Insassen den täglichen Erschießungen und Folterungen nur tatenlos zusehen.

Ein Häftling, der im November 1940 entlassen wird, schmuggelt seinen ersten Bericht nach draußen. Über Warschau und Stockholm erreicht der Report London, den Sitz der polnischen Exilregierung. Die leitet ihn im März 1941 an die britische Regierung weiter. Doch was die nun zum ersten Mal zu lesen bekommt, wird für unzuverlässig und übertrieben gehalten. Dabei steht das Schlimmste noch bevor.

Im September 1941, ein Jahr nach Pileckis Ankunft, kann das Stammlager die ankommenden Menschenmassen kaum noch bewältigen. Von der Front treffen tausende sowjetische Kriegsgefangene ein. Die Russen gehören zu den ersten, an denen man Zyklon B ausprobiert. Ein zweites Lager wird nun drei Kilometer entfernt errichtet: Birkenau. Kaum jemand kehrt aus Auschwitz-Birkenau zurück. Es ist das Vernichtungslager.

Pilecki darf im Stammlager bleiben. Hier arbeiten sich die Gefangenen zu Tode, sie erfrieren in der Kälte oder man stellt sie an die „Todesmauer“, besonders gern an polnischen Feiertagen. Zehntausende Menschen gehen im Stammlager zugrunde.

Auch ein Lager des Grauens braucht eine Infrastruktur, braucht Bäcker, Klempner, Schuster, Maurer. Wer überleben will, sollte backen und klempnern, schustern und mauern können. Oder jedenfalls so tun als ob.

„Du bist nicht vielleicht Ofensetzer?“, wird Pilecki eines Tages von einem Kapo gefragt. „Jawoll, ich bin Ofensetzer“, erwidert Pilecki, ohne zu überlegen. Pilecki soll einen Arbeitstrupp zusammenstellen, er wählt vier Mithäftlinge. Dann bringen die Wachen sie in die Wohnung eines SS-Mannes. Pilecki und seine Kameraden sollen den Kachelofen von einem Raum in den nächsten umsetzen. Der SS-Mann erklärt, was zu tun ist, und geht. Im lakonischen Ton, den sein ganzer Bericht durchzieht, schreibt Pilecki: „Ich fragte in die Runde, ob irgendjemand eine Ahnung vom Ofensetzen habe. Das war nicht der Fall.“ Da stehen also fünf Häftlinge, keiner vom Fach, und schauen sich gegenseitig an.

„Wer um sein Leben kämpft, bringt Dinge fertig, die er nie für möglich gehalten hätte.“ Stück für Stück baut Pilecki den Ofen ab, merkt sich jedes Teil und setzt ihn wieder zusammen. Vier Tage Zeit für einen Ofen, vier Tage Zeit, um ein Leben außerhalb des Stromzauns zu sehen, wo Menschen ihren Nachbarn helfen, Ehemänner ihre Frauen küssen, gemeinsam frühstücken. „Als ich dann am fünften Tag den neuerrichteten Ofen das erste Mal versuchsweise befeuern sollte, schaffte ich es, im Lager so gründlich verloren zu gehen, dass ich unentdeckt blieb.“

Wenn es in dieser Geschichte nicht um Leben und Tod ginge, um Auschwitz und industrielles Morden, könnte man Pilecki für eine Art Hauptmann von Köpenick halten. Er gibt sich auch als Gerber aus, als Schreibhilfe und Bäcker, Schreiner und Kartograf. Aber Pilecki narrt nicht eine bornierte preußische Obrigkeit. Er düpiert Wachmannschaften mit Totenkopf auf den Kragenspiegeln.

Witold Pilecki mag sportlich gewesen sein, robust, trickreich und intelligent. Vor allem aber hatte er unfassbar viel Glück.

„Ich bin eine ziemlich merkwürdige Natur, wie ich mehr als einmal bemerkt habe. Andere Menschen verlieren den Appetit, wenn sie Fieber haben; ich dagegen fresse wie ein Scheunendrescher.“ Er erkrankt an Typhus, holt sich eine Lungenentzündung – und überlebt beides, wiewohl nur knapp, dank der Hilfe seiner Vertrauten. Von der Küche bis zur Gerberei, vom Postamt bis zum Stall besetzen seine Kameraden wichtige Posten. An besonders verhassten Aufsehern rächen sich Pileckis Leute. Sie sammeln Läuse, die auf Typhus-Infizierten saßen, und spucken sie mit Blasrohren auf Wachmänner – einige erkranken, sterben sogar. Sie locken Kapos in einen Hinterhalt. Die Erschlagenen werden von Pileckis Kameraden im Krematorium verbrannt, um keine Spuren zu hinterlassen.

Und doch kommt die SS der Untergrundbewegung auf die Schliche. Rund 50 Gefangene werden exekutiert. Immer mehr werden in andere Lager verlegt, nach Buchenwald, Sachsenhausen oder Neuengamme.

Im Frühjahr 1943, nachdem er drei Winter in Auschwitz überlebt hat, beschließt Pilecki zu fliehen. Als Fluchtort wählen er und zwei seiner Mitgefangenen die Bäckerei. Sie liegt außerhalb des Lagers. Kein Zaun trennt sie vom Umland. „Jasiek“, ein Freund, der dort arbeitet, nimmt mit frischem Brot Abdrücke eines Schlüssels und einer Schraubenmutter, die die Außentür versperren. Ein befreundeter Schlosser fertigt die nötigen Werkzeuge. Kameraden arbeiten zu, versorgen sie mit Essen, Kleidung, aber auch Tabak, um die Spürhunde zu verwirren.

Derart bepackt, warten Pilecki und seine Kumpanen auf die Osternacht 1943. Als beide Wachposten in der Bäckerei nicht aufpassen, werfen sich die drei gegen die Außentür, bis sie schließlich aufschwingt. Dann rennen sie los. Obwohl er von einer Wache angeschossen wird, schafft es Pilecki schließlich bis nach Warschau.

Doch die Geschichte des Witold Pilecki ist damit nicht zu Ende.
Der Zweite Weltkrieg wütete noch zwei weitere Jahre. Im Dienste der polnischen Heimatarmee kämpfte Pilecki 1944 beim Warschauer Aufstand mit. Er sinniert bis zur Befreiung von Auschwitz darüber, wie man das Lager hätte erobern können, erst von innen, dann von außen. Doch die polnische Heimatarmee zögert. Sie hält einen Angriff ohne alliierte Hilfe für aussichtslos.

Pileckis Report von 1940 gilt als erster Bericht aus Auschwitz, und spätestens ab 1942 war bekannt, was in den Vernichtungslagern vor sich ging. Allein: das Lager im Süden Polens war für britische Bomber praktisch nicht zu erreichen. Auch deshalb wurde das KZ nie von außen angegriffen. Am 27. Januar 1945 befreiten schließlich Soldaten der Roten Armee die letzten Gefangenen. Erst dann wurde die Welt endgültig gewahr, dass Pilecki nicht übertrieben hatte.

So unglaublich klingt selbst für heutige Leser die Geschichte, dass man sich fragt, ob sie wahr sein kann. „Die Originale der ersten Reporte sind zwar verloren gegangen“, sagt Piotr Setkiewicz, Leiter der Forschungsabteilung im Auschwitz-Museum. „Aber es besteht kein Zweifel, dass Pilecki die Quelle der allerersten Berichte aus Auschwitz ist, die im März 1941 in London eintrafen.“ Dass Pileckis Geschichte in der Öffentlichkeit lange unbekannt blieb, hat einen anderen Grund.
Polen fiel 1945 unter kommunistische Herrschaft. Die Rote Armee installierte ein Moskau-treues Regime. Doch das war nicht das Polen, das Pilecki erkämpfen wollte. Und so spionierte er weiter für die antikommunistische Opposition. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Im Jahr 1947 nahmen ihn Agenten des Regimes fest. Sie beschuldigten ihn der „westlichen Spionage“, folterten ihn, rissen ihm die Nägel aus. Pilecki, der für sein Heimatland ins KZ gegangen war und daraus floh, der Hauptmann der polnischen Kavallerie, der im Warschauer Aufstand kämpfte, wurde vor Gericht gestellt, wegen Landesverrats verurteilt und 1948 erschossen. Einen „Feind des Volkes“ nannte man Pilecki damals.

65 Jahre später, im Januar 2013, steht Ryszard Schnepf auf einem Podium in Washington. Der Botschafter Polens spricht zu den Besuchern, die wegen Pilecki ins Holocaust Memorial Museum gekommen sind. Schnepf nennt ihn einen „Diamanten unter den polnischen Helden“. Längst ist das polnische Staatsräson. Nach dem Fall des alten Regimes 1989 wurde Pilecki voll rehabilitiert, postum ehrte ihn der Staat mit den höchsten Orden des Landes. Michael Schudrich, der Oberrabbiner von Polen, nennt Pilecki einen „Helden für die Juden von Polen“.

Lange hatten polnisch-jüdische Gruppen dafür geworben, Pilecki auch als Kämpfer gegen den Holocaust wahrzunehmen. In keinem Land starben mehr Juden als im deutsch besetzten Polen. Aber aus keinem Land stammen auch mehr „Gerechte unter den Völkern“. Über 6000 Menschen haben sich nachweislich unter Einsatz ihres Lebens für Juden eingesetzt, indem sie sie versteckten, versorgten oder außer Landes brachten.

Doch nach seiner Verurteilung 1948 versuchten die damaligen Machthaber jede Spur und jede Erinnerung an Pileckis Taten zu tilgen. Sie ließen sein Haus zerstören, sein Grab schänden. Das wirkt nach. In der Abteilung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die für die „Gerechten unter den Völkern“ zuständig ist, ist Pileckis Hauptbericht bis heute unbekannt. Man verspricht jedoch, seinen Fall zu prüfen, falls die nötigen Dokumente noch vorgebracht werden.

Sonntag, 19. Januar 2014

„Ich öffne Menschen Türen zu ihrer Sexualität“

Tagesspiegel vom 19.01.2014, von Veronica Frenzel und Jens Mühling

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Talk-Shows, die neue Koalition, Alice Schwarzer – alle streiten über Prostitution. Die wissen doch gar nicht, wovon sie reden, sagt die Sexarbeiterin Kristina Marlen.

Kristina Marlen – ist das Ihr wirklicher Name oder ein Pseudonym?

Kristina und Marlen sind meine beiden Vornamen. Den Nachnamen behalte ich als Sexarbeiterin lieber für mich. Wenn ich nicht ohnehin Marlen hieße, wäre das ein schöner Künstlername – ich bin ein großer Fan von Marlene Dietrich.

Auf Ihrer Webseite gibt es inszenierte Fotos, auf denen Sie der Diva sehr ähnlich sehen.

Wer weiß, vielleicht bin ich ja ihre Wiedergeburt. Jedenfalls fühle ich mich den Berliner 20er Jahren sehr verbunden, einer Zeit, in der mit großer Neugier Sexualität ausgelebt wurde. Diese Art von Offenheit würde ich mir in der heutigen Prostitutionsdebatte wünschen. Stattdessen bildet sich da eine merkwürdige Allianz aus feministischen Forderungen und erzkonservativem Gedankengut.

Alice Schwarzer sagt, Prostitution sei grundsätzlich sexistisch, erniedrigend und ausbeuterisch.

Das müsste ich als Feministin doch irgendwann gemerkt haben, bei all den Kunden und Kundinnen, die ich hatte. Habe ich aber nicht, meine Realität sieht völlig anders aus. Beim Wort Prostitution denken derzeit alle an dasselbe Bild: Eine Gruppe brutaler Männer fällt über eine wehrlose, festgehaltene Frau her, die sich nicht auf Deutsch artikulieren kann. Nichts an diesem Bild hat mit Sexarbeit zu tun – solche Frauen sind Opfer von Entführung, Verschleppung, Menschenhandel, sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Prostitution beruht grundsätzlich auf beiderseitigem Einverständnis.

Im Alltag dürfte das mitunter anders aussehen.

Es gibt keinen Alltag normaler Prostituierter, es gibt nur viele Vorurteile über diesen vermeintlichen Alltag. Ich kenne Straßenprostituierte, die ein wirklich schwieriges Leben haben, geprägt von Armut, prekärem Aufenthaltsstatus und so weiter. Aber auch die sehen sich nicht als Opfer. Was Menschenhandel und sexuelle Nötigung angeht, braucht es natürlich Schutzmaßnahmen. Aber da stellt sich für mich eher die Frage nach Armut und Wohlstand in Europa, nach Bleiberechtsregelungen und wirksamem Opferschutz – und sicher nicht die Frage nach einem Berufsverbot.

Das deutsche Prostitutionsgesetz ist eins der liberalsten in Europa. Kritiker fordern eine Regelung wie in Schweden, wo es seit 1999 strafbar ist, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

In einer schwedischen Regierungserklärung wurde eingeräumt, dass sehr unklar ist, was das Gesetz bewirkt hat. Prostitution gibt es weiter, nur findet sie jetzt in einem komplett kriminalisierten Umfeld statt, in dem Frauen viel schlechter geschützt sind. Auch die Hinweise auf Zwangsprostitution, die ja oft von Freiern kommen, sind zurückgegangen – welcher Mann geht zur Polizei, wenn er dafür eine Straftat einräumen muss? Ich halte das schwedische Modell für den völlig falschen Ansatz.

Sie sind Mitglied im neuen „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“, der die Stärkung von Sexarbeitern fordert. Wie soll die aussehen?

Wir wollen Bedingungen für selbstbestimmte Sexarbeit ohne körperliche und seelische Risiken schaffen. Dieses Anliegen vertritt auch unser "Appell für Prostitution", für den wir derzeit Unterschriften sammeln. Verbote und Stigmatisierungen werden die Situation nicht besser, sondern schlechter machen. Niemand weiß das besser als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, deshalb müssen in der Prostitutionsdebatte verstärkt diejenigen zu Wort kommen, die den Beruf ausüben.

So wie Sie selbst. Wie kamen Sie zu dieser Arbeit?

Damit begann ich vor etwa fünf Jahren. Als selbstständige Physiotherapeutin habe ich damals Körperarbeit angeboten, die durch Berührungen emotionale Prozesse auslöst und das Körperbewusstsein stärkt. Dabei war häufig auch sexuelle Energie im Raum. Von Kunden kam dann die Anfrage, diesem Aspekt mehr Raum zu geben. Als ich mich dafür entschied, war ich erst völlig überrascht, dass ich mich nicht erniedrigt fühlte. Das hätte ich mir nie vorstellen können!

Warum nicht?

Weil ich aus einer sehr feministischen Familie komme. Meine Mutter war in der Frauenbewegung aktiv, ich wuchs mit ihrem „Emma“-Abo auf. Mit 13 hatte ich einen „PorNo!“-Anstecker an der Jacke und war felsenfest überzeugt, dass jede Form von Pornografie und Prostitution Frauen erniedrigt. Plötzlich begriff ich, dass das nicht stimmt.

Wenn Sie sich nicht erniedrigt fühlten, was empfanden Sie stattdessen?

Ich hatte das Gefühl, dass etwas Gutes passiert ist. Da war jemand sehr glücklich, und mir ging’s auch gut. Als es sich wiederholte, merkte ich immer mehr, wie schön es ist, einen Raum zu schaffen, der explizit der sexuellen Energie gewidmet ist.

Für Ihre Mutter muss das ein Schock gewesen sein.

Meine Mutter nimmt sich sehr ernst bei dem Satz: Ich möchte, dass du glücklich bist. So hat sie auch auf meinen ersten Berufswechsel reagiert. Ich habe Jura und Sozialwissenschaften studiert. Aber dann merkte ich, ich brauche etwas Körperliches. Vor dem Schreibtisch wäre ich verendet.

Weiß jeder, was Sie machen?

Wenn mich jemand fragt, lüge ich nicht. Ich binde es aber nicht jedem auf die Nase, mit dem ich als Physiotherapeutin oder Trainerin zu tun habe.

Sie sprechen auch in Ihrer Beziehung über den Beruf?

Natürlich. Für meine Partnerin ist das in Ordnung.

War das von Anfang an so?

Als es losging, war ich Single. Anfangs habe ich das selbst in einer Art Halbdunkel geparkt, es war etwas Verruchtes, von dem ich dachte: Sobald ich eine Beziehung habe, lasse ich es sein. Dann trat jemand in mein Leben, und ich merkte: Ich möchte das nicht sein lassen. Ich versuchte, es meinem Partner zu erklären, vergeblich. Die Beziehung ist kaputtgegangen, ich bin nicht in einem Reihenhaus gelandet – und habe ein glückliches Leben.

Auf Ihrer Webseite stößt man auf geheimnisvolle Wörter wie „blissful bondage“ oder „sacred kink“, da werden „spielerisch die Grenzen der Komfortzone befragt“ und ...

... im Grunde sind das alles Codewörter für Sexspielarten, die von dem abweichen, was Ken und Barbie so im Bett machen. Fetischspielarten, intensive Sinneserfahrungen. Spezialisiert habe ich mich auf Bondage, die Kunst des Fesselns. Supergerne biete ich auch erotische Ringkämpfe an. Ich bin 1,83 Meter groß und ziemlich trainiert, ich kann Männer zu Boden ringen. Für viele ist das eine tolle Erfahrung, von einer Frau nicht nur symbolisch, sondern körperlich dominiert zu werden.

Wer sind Ihre Freier?

Zum Beispiel Menschen, die mit ihrem Partner keine Sexualität mehr erleben, weil der vielleicht einen Unfall hatte oder krank ist. Auch Witwer. Mein ältester Klient war 85, der hatte jahrelang seine Frau gepflegt. Als sie starb, stellte er überrascht fest, dass er sexuelle Bedürfnisse hatte.

Wie hat der zu Ihnen gefunden?

Er saß im Wartezimmer beim Arzt und hat in der „Zitty“ geblättert, da hatte ich mal eine Anzeige. Es gibt auch Kunden, die nach einer Trennung Sexualität wollen, ohne sofort eine neue Beziehung anzufangen. Dann gibt es Menschen, die eine Frage zu ihrer Sexualität haben, etwa nach Prostata- oder Samenleiteroperationen, sie wollen wissen, wie Lust und Erektionsfähigkeit zusammenhängen. Es kommen auch Frauen zu mir, die ihre Sexualität erkunden wollen, die ihre Möse nicht kennen und wissen möchten, was da möglich ist. Andere Frauen interessieren sich für BDSM ...

... sadomasochistische Praktiken – das sind Frauen, die „Fifty Shades of Grey“ gelesen haben?

Kann sein. Oder sie hatten schon immer solche Fantasien und wussten nicht, wohin damit. Dann gibt es Klienten, die mit ihrem Partner einen bestimmten Teil ihrer Sexualität nicht ausleben können.

Zum Beispiel?

Bei mir war mal jemand mit einem Wollsockenfetisch. Dem war das total peinlich, er konnte seiner Freundin nicht davon erzählen. Die Socken hatte er extra gekauft, so lange Stulpen. Ich habe ihn damit massiert, gestreichelt, gefesselt, und er war selig!

Gibt es auch Sachen, die Sie nicht machen?

Klar. Ich habe keine Klinikausstattung. Und jemand, der sich als Vollzeitaschenbecher bewirbt, wird bei mir auch nicht viel Freude haben.

Was bitte ist ein Vollzeitaschenbecher?

Das ist jemand, der gerne den Mund aufmacht, wenn die Herrin abascht.

Klingt so, als hätte das alles nicht viel mit Sex im herkömmlichen Sinne zu tun.

Im Sinne von Penetration? Ich frage mich, warum Sex so oft darauf reduziert wird. Wenn ich meine Arbeit beschreibe, kann ich bei manchen förmlich sehen, wie sie verzweifelt in ihrer Großhirnrinde rumstochern und nicht drauf kommen, was das mit Sex zu tun hat. Die begreifen nicht, dass ich da zwei Stunden lang was mit Leuten mache, und es kommt mitunter gar nicht zum klassischen Geschlechtsakt, eventuell nicht mal zum Orgasmus. Die meisten denken: Sex ist, wenn ein erigierter Schwanz irgendwo eingeführt wird. Dass Sexualität Kommunikation ist, dass Sex bedeutet, seinen Körper zu verstehen, zu entdecken, ihn als Lustorgan zu stimmen, denken die wenigsten. Ich bin froh, dass meine Kundinnen und Kunden da gedanklich weiter sind als die, die sich gerade am lautstärksten an der Prostitutionsdebatte beteiligen.

Suchen die meisten Freier nicht eher die Art von Erlebnis, die die berüchtigten Flatrate-Bordelle bieten: unbegrenzter Sex zum Discount-Preis?

Ich kenne Frauen, die durchaus gerne in Flatrate- Bordellen arbeiten. Mein Ding wäre das nicht, aber ich sehe die Vorteile. Man muss keine Akquise machen, die Kontaktaufnahme ist relativ entspannt, es muss nicht über Geld verhandelt werden. Im Grunde sind Flatrate-Puffs eine Marketing-Idee für Männer, die sich selbst überschätzen. Die wollen zehn Mal, zahlen für drei Mal, können vielleicht zwei Mal und erzählen hinterher ihren Kumpels, was sie da für einen Zampano gemacht haben.

Sie selbst finden Ihre Kunden über Annoncen?

Vor allem übers Internet, da inseriere ich auf diversen Massage- und Domina-Portalen.

Ist das die Art von Portalen, wo Kunden auch Bewertungen vergeben können?

Ich habe mich auch schon gefragt, ob da irgendwo eine Bewertung von mir rumgeistert.

Wir haben keine gefunden. Dafür jede Menge menschenverachtender Kommentare zu anderen Frauen.

Klar, das ist ein Grottental. Es wäre naiv zu behaupten, dass es in der Sexarbeit keinen Sexismus gibt. Man sollte aber auch nicht alles für bare Münze nehmen, was Männer so online von sich geben. Oft dürfte das nicht viel mit dem zu tun haben, was sich wirklich mit der Frau abgespielt hat. Es ist kein Mythos, dass Freier es gerne haben, wenn es der Frau gefällt. Das ist Teil des Kundeninteresses, das wird ihnen jede Sexarbeiterin bestätigen. Wenn man Kunden beiderseitig erfüllenden Sex anbietet, werden sie darauf immer eingehen.

Auf Ihrer Webseite steht der Hinweis: „Wenn du besondere Wünsche hast, sag mir das vorher.“ Klingt, als käme es öfter mal zu Konflikten.

Nein, das ist als Einladung gemeint. Wenn jemand einen Fußfetisch anmeldet, dann baue ich das in die Session ein. Natürlich müssen Prostituierte die Fähigkeit haben, Grenzen zu setzen, man muss sich fragen, was man will und was nicht. Jeder andere Beruf hat Ausbildungswege, wo man sich mit solchen Fragen auseinandersetzen kann. Das würde ich mir auch für die Sexarbeit wünschen.

Weil Sie auf manches nicht vorbereitet waren?

Es gab Momente, in denen mir nicht klar war, wie man Grenzen kommuniziert, und zwar so, dass sich das Gegenüber weiter eingeladen fühlt. Inzwischen vertraue ich da meinem Körper total. Wenn ich merke, irgendwas stimmt hier gerade nicht, dann lenke ich verbal oder körperlich um.

Stimmt es eigentlich, dass Prostituierte nie küssen?

Das ist ein Mythos. Edel-Escorts werben mit „leidenschaftlichen Küssen“, andere Frauen mit dem Schlagwort „girlfriend experience“, also Sex, der sich so echt anfühlt wie mit der Freundin. Wo die eigenen Grenzen verlaufen, ist sehr unterschiedlich, das lässt sich nicht am Küssen festmachen. Ich zum Beispiel bin bei meinen Pflegepraktika nicht so gut mit Krankheit und Morbidität klargekommen, damit, jemandem den Hintern abzuwischen. Später merkte ich: Sperma und Lustschweiß machen mir nichts aus.

Ist es schwer, berufliche und private Lust zu trennen?

Ich kann Liebe und Sex trennen, muss es aber nicht. Auch die sexuelle Dienstleistung kann sehr herzverbunden sein, meine ist es zumindest. Ich könnte nicht mit Menschen zusammenleben, die glauben, sie hätten ein Recht auf meine Sexualität. Wer mich liebt, muss meine Freiheit akzeptieren und den Teil schätzen, der uns beiden gehört.

Ist es vorstellbar, sich bei der Arbeit zu verlieben?

Es gibt für mich immer eine Art temporäre Verliebtheit bei der Arbeit. Ich vergleiche das gern mit Psychotherapeuten. Die vermieten auf Zeit eine Beziehung, etwas, was man sonst nur in intimen Momenten hat. Sie richten in ihrem Herzen einen riesigen Parkplatz für ihre Klienten ein. Ähnlich ist es bei mir. Ich bin jedes Mal komplett da. Mit meiner Arbeit öffne ich Menschen Türen zu ihrer Sexualität. Und im Idealfall nehmen sie das mit in ihr Leben.

Sie meinen: in ihre Partnerschaft?

Nicht unbedingt. Sexualität hat eine eigene Existenzberechtigung, erst mal unabhängig von der Partnerschaft. Kunden sagen oft zu mir: „Mit der Partnerin geht das nicht ...“ Meine Antwort ist: Dann geht es eben nicht, das spricht nicht gegen die Beziehung. Ich glaube, ein wichtiger Grund für die Ablehnung von Prostitution ist, dass wir an einem bürgerlichen Verständnis von Partnerschaft rütteln, am Zusammenhang von Liebe und Sexualität.

Ist es falsch, da einen Zusammenhang zu sehen?

Ich finde es legitim und schön, wenn Paare Sex nur in der Partnerschaft leben. Ich glaube aber nicht, dass sich guter Sex in und außerhalb der Beziehung ausschließen. Im Gegenteil: Wenn beide Partner ihren sexuellen Raum haben, kann das die gemeinsame Sexualität sehr bereichern.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie lange Sie diese Arbeit machen werden?

Ich glaube, ich kann das ewig machen. Es sollte niemand denken, dass Prostituierte jung und schön sein müssen. Viele Frauen entdecken den Beruf erst spät im Leben, durch Zufall, vielleicht weil sie merken, dass sie Geld nehmen können für etwas, was ihnen eh Spaß macht. Die gehen dann total auf in der Sexarbeit. Gerade diese älteren Frauen sind oft sehr frequentiert – weil sie es so beherzt tun.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Wildes Leben ohne Ende

Zwischen Pop und Politik, Boheme und Unterschicht: Ja, Panik vermögen wie kaum eine andere Band derzeit, politische Inhalte auf kluge Weise zu vermitteln. »Libertatia«, das fünfte Album der Band, ist eine Kampfansage. Aber eine zärtliche.
 
von Christian Werthschulte, Jungle World, 16.01.2014



Eigentlich war sie immer auch mit der Gelassenheit im Bunde, die Band Ja, Panik. Klar, sie redeten von Kapitalismus, wo alle von »der Wirtschaft« sprachen. Sie sangen auf Deutsch und Englisch, den Sprachen ihres Nachtlebens, während in ihrer Wahlheimat Berlin die Hetze gegen Touristen größer wurde. Aber sie waren dennoch dabei, beim Knabenchor des deutschsprachigen Indierock. Zumindest ein wenig.

»Libertatia« ist das fünfte Album von Ja, Panik. Im Titelstück packt die zum Trio geschrumpfte Band die Synthesizer aus, klatscht in die Hände und streut ein wenig Glitter über ihren Indierock. Und Andreas Spechtl singt darüber in Hochdeutsch: »Ich wünsch mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht.« Nostalgie für die Idee einer fortschrittlicheren Zukunft, gepaart mit etwas Glamrock – das ist selten im deutschen Gitarren-Pop, wo nichts so sehr verachtet wird wie Künstlichkeit und wo das gefühlige Einverständnis mit dem Publikum die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft im Club ist. In Österreich, wo die Mitglieder von Ja, Panik aufwuchsen, ist das anders. Dort versteht man Pop als mit Zitaten gespickte Performance, als Uneigentlichkeit, nicht erst seitdem Hans Hölzl vom langhaarigen Bassisten der Rockband Drahtiwaberl zum Boheme-Kokser Falco wurde. Auch Ja, Panik versuchten sich an dieser Form von Künstlichkeit. Früher legten sie collagierte Textkonvolute über Indierock, mittlerweile arbeiten sie sich durch die Popgeschichte. »Libertatia« ist ein Zitatpop-Album geworden.

»Das Vorwärtstreiben ist der einzig fruchtbare Weg, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Der Rückblick, der einem gewisse Instrumente gibt, um damit eine gewisse Form von Zukunft zu bestreiten«, erzählt Andreas Spechtl. Wobei der Fortschritt nicht so leicht zu haben ist. »In Deutschland hat man die fünfziger Jahre am liebsten«, meint Spechtl und hat damit Recht. Nicht umsonst tut sich die Linkspartei derzeit dadurch hervor, im Schulterschluss mit der FAZ den rheinischen Kapitalismus als Ende der Geschichte zu propagieren. Auch das Album »Libertatia« bedient sich für seine Utopie in der Geschichte. Angeblich existierte im 17. Jahrhundert eine Piratenkolonie namens Libertatia auf Madagaskar, die als Räterepublik organisiert war und deren Mitglieder nicht nur plünderten, sondern auch Sklaven befreiten.

Ja, Panik stehen vor dem alten Problem sich als politisch definierender Popmusik. Es ist das eine, progressive Bewegungen und ihre Symbolik zu zitieren und ihre Ideen zu den eigenen zu machen. Schwieriger ist es schon, diese Ideen auch innerhalb eines Bandgefüges umzusetzen. Konzertbühnen und Proberäume sind nicht die idealen Orte für Diskussionen. Vielleicht ist das Studio besser geeignet: »Der Aufnahmeprozess ist diesmal demokratischer gewesen«, meint Andreas Spechtl. »Man hat viel vorm Computer gesessen, einer hat etwas ausprobiert, die anderen haben zugehört. Dann wurde diskutiert.« Aus dieser Mischung ergibt sich der Sound von »Libertatia«, eine detailreich produzierte Gitarrenpalette, in der selbst das Feedback noch eine gewisse Distanz zum Ausbruch des Rock wahrt.

Womit man auch gleich beim zweiten Problem angekommen ist. Denn wie will man das Verlangen nach politischem Fortschritt eigentlich hörbar machen, wenn zwar bei der kleinsten politischen Regung sofort die Frage nach dem Sound der Revolte gestellt wird, aber damit lediglich ein durchformatierter Kanon zwischen Protestsong und Protestrap gemeint ist? Das ausgeschlossene Dritte und zugleich eine Alternative sind all die Versuche, Politik über eine Form zu vermitteln, die nicht auf Identifikation mit einem ohnehin schon politisierten Publikum setzt – Versuche wie Phil Ochs goldener Anzug, mit dem er die Folkies unter seinen Fans verschreckte; oder die im Bällebad aus analogen Synthesizern verborgenen Zitate von Carlos Castoriadis, mit denen Stereolab immer wieder an die Möglichkeiten vergangener historischer Momente erinnerten.



Bei Ja, Panik kommen diese Momente aus den frühen Achtzigern, der Periode, als Klassenkonflikte noch an der Spitze der Pop-Charts verhandelt wurden. »Ich habe in den vergangenen Jahren viel Highlife und White Funk gehört«, erzählt Spechtl. »Wenn ›DMD KIU LIDT‹ unsere The-Jam-Platte war, dann ist ›Libertatia‹ vielleicht unsere The-Style-Council-Platte.« Und ähnlich wie Paul Weller mit The Style Council die barsche Working-Class-Männlichkeit seiner Post-Punk-Band The Jam in Richtung kleiner Zugeständnisse an Soul und Funk verschob, haben auch Ja, Panik auf ihrem neuen Album den Groove für sich entdeckt. »Wir haben uns zum ersten Mal mehr mit Loops als mit Harmonien beschäftigt«, beschreibt Spechtl die neu entdeckte Körperlichkeit seiner Band. »Unser Produzent Tobias Levin hat uns auch mal mehrere Tage nur einen Basslauf und einen Beat spielen lassen, damit wir einen körperlicheren Zugang zu unserer Musik finden.« »Dance the ECB« beginnt mit einem trockenen Funk-Bass, über dem sich Spechtl in gehauchtem Sprechgesang übt, bevor er »Shake the government and shake the police« kiekst. »Das ist eine sehr europäische Platte, und zwar im Guten wie im Schlechten«, meint er. »Europa steht ja vor den Trümmern eines gewissen Nationalitätsdenkens.« Nichts könnte das besser verkörpern als die Machtlosigkeit der Europäischen Zentralbank, die sich dem deutschen Spardiktat unterordnen muss – und der Spechtl mit einem wissenden Nicken in Richtung DAF eine Tanzkur verordnet. Später, in »Eigentlich wissen es alle«, bricht die Schlafzimmer-Soul-Atmosphäre in Form eines schmierig gegniedelten Tenor-Saxophons in die Melancholie, mit der Spechtl über das Älterwerden nachdenkt.

»Ein wildes, suchendes Leben macht sich gut, solange man mit 35 Jahren zur Vernunft kommt. Ich muss das gerade in meiner Umgebung erfahren und da sieht sich die Gruppe Ja, Panik als Gegenpunkt«, erzählt der 30jährige Sänger. Also, einfach weitermachen mit dem Leben in der Grauzone zwischen Boheme und Unterschicht? »Ich will da gar nicht die Prekaritätsromantik auspacken, aber es ist mir schon wichtig, dass wir uns dafür entschieden haben, von der Musik leben zu wollen. Ich habe bestimmt nicht mehr Geld als eine Verkäuferin, aber ich habe ein anderes Leben.«

Und dieses andere Leben, ein Leben zwischen nächtlichen Taxifahrten, Drinks, wackligen Knien und programmatischen Bekenntnissen, hält Spechtl in seinen Texten fest. Nicht als Chronist, sondern als Dichter. »Es ist nicht unbedingt ich, der da spricht«, sagt er. »Viele Dinge lege ich anderen in den Mund, ich sammle Phrasen und Zeilen, die ich zwischen den Songs hin- und herschiebe. Da spielen dann auch so profane Dinge wie Reim oder Versmaß eine Rolle.« Dichterische Freiheit – noch so eine Selbstverständlichkeit, die man sich in der deutschen Bodenständigkeit zwischen Egotronic und Thees Uhlmann immer erst erstreiten muss. Denn warum soll man nicht dem einfachsten aller Popträume folgen dürfen: Sich so weit wie möglich neu zu erfinden, ohne dass dies gleich in Verwertbarkeit münden muss?

Wobei sich auf »Libertatia« auch die Grenzen dieser Freiheit erkennen lassen. Kein Stück auf dem Album geht über Experimente mit der Songform hinaus, die Roxy Music schon in den frühen siebziger Jahren durchexerziert haben. Aber wer würde auch etwas anderes erwarten von Musikern, die im Zeitalter von Britpop und The-Bands sozialisiert wurden, dieser musikalischen Verkörperung gesellschaftlicher Alternativlosigkeit? So ist »Libertatia« ein durchaus ambivalentes Album. Seine Qualitäten erschließen sich erst, wenn man die eigenen Erwartungen schon gedämpft und die Grenzen der Platte akzeptiert hat. Erst dann fällt auf, wie spielerisch Spechtl zwischen Hauchen und Singen, Deutsch, Französisch und Englisch wechselt. Erst dann merkt man, wie er niemals in die Pose des angry young man verfällt, wie schön leise er »ACAB«, diesen abgedroschensten aller Slogans, singt. Bei Ja, Panik wird daraus »All cats are beautiful« und trotzdem ist allen klar, dass die Polizeigewalt gemeint ist. So zärtlich hat schon lange niemand mehr gegen den Staat gewettert.

Ja, Panik: Libertatia (Staatsakt/Rough Trade)