Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 30. Oktober 2014

"Es ist nicht wahr, weil es nicht lügt"

Das postmoderne Theater hat sich mit dem Kapitalismus zusammengetan und feiert auf der Bühne den großen Kontingenzkindergeburtstag, kritisiert Bernd Stegemann, Dramaturg und Professor für Schauspielgeschichte.
Interview: Jakob Hayner, Jungle World, 30. Oktober 2014



Sie kritisieren den Zustand des Gegenwartstheaters. Die Postdramatik habe die Tradition von Mimesis, Spiel und Bedeutung durch Selbstreferenz, Ironie und Performativität ersetzt. Sie habe das Ereignis zu einem Zeichen seiner selbst gemacht und kokettiere mit dem Anschein von Authentizität. Wie verhält sich das Theater der Gegenwart zum Erbe der Avantgarde?

Viele der avantgardistischen Techniken werden in der Postmoderne weitergeführt. Doch man wird den Verdacht nicht los, dass sie lediglich wiederholt werden. Sie selbst entstammen auch nicht mehr einer politischen Haltung, sondern sie sind zum Zitat geworden. Das ist der kritische Gegenwartszustand des Theaters in der Postmoderne, wie auch aller anderen Kunstformen heute; dass Wirkungstechniken, die eine politische Intention hatten, von dieser Intention abgelöst worden und zu Effekten reduziert sind, die in einer Rivalität um Aufmerksamkeit Erfolg haben wollen. Die Konsequenzen kann man auf dem Theater heute beobachten: Es ist ein unglaublich virtuoses Theater, ein unglaublich effektsicheres Theater, es herrscht ein technisch ausgefeiltes Können oder strategisches Nichtkönnen, aber es ist alles nur noch Zitat. Und zwar das Zitat einer äußerlichen Wirkung, die sich komplett abgelöst hat von einer Haltung zur Welt.

Wenn das Theater »echte Arbeitslose« auf die Bühne stellt, soll das Wirklichkeit darstellen. Es gibt offenbar eine große Sehnsucht nach Authentizität auf der Bühne.

Die Authentizität ist eine bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts. Sie ist die Form, in der der Bürger versuchte, Glaubwürdigkeit trotz Widersprüchlichkeit herzustellen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, spätestens in der Postmoderne, wurde jedoch vergessen, dass Authentizität ein Inszenierungseffekt des bürgerlichen Subjekts ist. Das Authentische wird als Ausdruck einer nicht weiter zu befragenden Wahrheit des Subjekts begrüßt. Damit ist es zu einem ideologischen Begriff geworden, weil mit ihm vergessen gemacht werden soll, dass das Authentische im Spiel der sozialen Abhängigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft eine ganz bestimmte strategische Bedeutung hat, nämlich die der Glaubwürdigkeit auf dem Markt, der Glaubwürdigkeit im Aushandeln des Wertes der eigenen Handlungen, des eigenen Daseins und der Waren, die man produziert.
Das Authentische ist immer schon ein Fetisch gewesen. Doch wie heute niemand mehr den Fetischcharakter der Ware erkennen möchte, so wird auch hier die Erkenntnis verweigert. Man hat einmal gewusst, dass der Fetischcharakter nicht »ist«, sondern das Produkt einer Inszenierung ist, die einen bestimmen Zweck hat. Durch die Aura des Authentischen soll die Ware, der Mensch einen höheren Wert bekommen. Dieser Blick auf die Realität war lange möglich. Und das hat man auch lange innerhalb der bürgerlichen Klasse gewusst und ist stra­tegisch damit umgegangen. Erving Goffman konnte noch Ende der Fünfziger ein berühmtes Buch schreiben mit dem Titel »Wir alle spielen Theater«, wo er deutlich beschrieben hat, dass das bürgerliche Subjekt Theater spielen muss, denn wenn es das nicht täte, wäre es sofort dysfunktional für alle sozialen Verabredungen, die es gezwungen ist einzugehen. Es ist ein gesellschaftlicher Zwang. Und im Theaterspielen haben wir den größten Erfolg, wenn der andere meine Spieltechnik nicht durchschaut, wenn er also denkt, dass ich nicht spiele. Dann wirke ich authentisch.
Authentizität ist das gelungene Spiel des erzwungenen Lügens. In der Postmoderne ist die dialektische Vorgeschichte vergessen worden. Als wäre es authentisch, wenn ich die Verkäuferin aus dem Supermarkt auf die Bühne stelle und sie ihre Geschichte erzählen lasse. Das kann gar nicht authentisch sein. Es kann es erstens nicht sein, weil sie als Verkäuferin kein echtes authentisches Leben führt, sondern sie muss Theater spielen – Freundlichkeit, Pünktlichkeit –, sie ist gezwungen, etwas darzustellen, und zweitens ist sie, wenn sie als Laie auf eine Bühne tritt, durch das Dispositiv der Bühne gezwungen, diesen Schreck des Lampenfiebers, die Verschämtheit, dieses »O Gott, ich bin auf einer Bühne« darzustellen. Sie ist doppelt entfremdet. Und diese doppelte Entfremdung wird in der Postmoderne als Authentizität gefeiert. Das ist die größte Lüge, die die bürgerliche Gesellschaft errichtet hat.

Darin schwingt auch eine Verachtung des ästhetischen Scheins mit. Obwohl die Kunst wesentlich Schein ist, wird ein Wesen außerhalb der Kunst behauptet, ein hinzutretendes Ereignis. Dann besuchen Menschen eine Performance und sagen danach, dass sie über das Gesehene nicht sprechen könnten, ein Kultus des Außersprachlichen. Woher kommt diese Mystifikation von Kunst?

Die postmoderne Kunst versucht, Präsenzereignisse zu evozieren, und zwar als metaphysische Ereignisse. Das eine ist der Fetisch der Authentizität und das andere ist, dass Kunst wieder religiös wird. Das ist eine verlogene Attitüde, zu behaupten, dass man nicht darüber sprechen könnte, dass man es kaputtmachen oder beschmutzen würde. Das ist nur die Fetischisierung eines letztlich irrelevanten Erlebnisses. Da kann man Lukács zitieren: »Das innere Licht ist die trübste Beleuchtungsart.« Die berühmte Sehnsucht nach der Tiefe ist etwas, was das bürgerliche Subjekt seit jeher umgetrieben hat, weil es in der Tiefe sich unbeschmutzt und rein fühlt und dann unendlich schöne Seele mit sich selber spielen darf. Und die schöne Seele ist, wie Hegel es unnachahmlich gesagt hat, das einzig absolut Böse in der Welt. Sie kann in dieser Welt nichts Sinnvolles tun, da sie sich die Hände nicht schmutzig machen will und leider alle anderen für schmutzig erachtet.

Wie hängen postmoderne Ästhetik und postmoderne Weltanschauung zusammen?

Die Doppellüge vom Authentischen und Metaphysischen in den postmodernen Ästhetiken ist gleichzeitig das Verbot der Darstellung, der Mimesis, des Schauspiels. Der Schauspieler lügt offensiv. Er sagt, dass er etwas vormacht, und deswegen ist das, was er vormacht, auch keine Lüge mehr, weil wir alle wissen, dass es ein Vorgemachtes ist. Die postmoderne Sensi­bilität reagiert auf diese offensive Lüge mit geschmacklicher Verstimmung, weil ihr vorgeführt wird, dass womöglich ihr eigenes Subjektverhältnis genauso verlogen ist. Doch das hat sie kaschiert mit der Selbstfetischisierung. Und deswegen ist der schauspielerische Vorgang der unappetitliche Vorgang innerhalb der Postmoderne. Es ist anstößig. Man reagiert mit »Igitt!«, mit einem ästhetischen »Igitt«. Hinzu kommt, dass die postmoderne Gesellschaft alle Menschen zu permanenten Resonanzräumen machen möchte für die Konsumangebote, die Geschmacksangebote und die Dienstleistungsangebote, die an alle herangetragen werden. Wenn David Riesman den innengeleiteten und den außengeleiteten Charakter unterscheidet, so sind wir alle außengeleitete Charaktere geworden – und zwar zwangsweise. Wir sind alle Menschen, die möglichst durchlässig sein sollen für die Vielfältigkeit der Konsumangebote, die auf uns einprasseln. Nur dann sind wir fügsame und im flow befindliche, kreative und kommunikativ anschmiegsame Entitäten.

Der Performance wird immer größere Bedeutung beigemessen. Politiker werden beispielsweise danach beurteilt, wie sie wirken, was sie ausstrahlen, wie sie sich inszenieren. Ihre Gesten werden analysiert. Worum geht es bei der alltäglichen Performance?

Es sind Geschmacksdiskurse und Anwesenheitsdiskurse, also Diskurse über Verfügbarkeit. Das postmoderne Subjekt hat sich rund um die Uhr verfügbar zu halten. Es hat verfügbar zu sein für alle Zumutungen und sie sollen nicht mehr als Zumutungen erlebt werden, sondern als Herausforderungen, als challenge, als Anreiz, als Inspiration, als Möglichkeit erlebt werden. Das, was man früher als kollektive Zumutung erlebt hätte, wird heute ins Gegenteil verkehrt. Und diese Verkehrung dient dem Kapital. Alle kündigen sich quasi innerlich permanent selbst und das Kapital hat die größtmögliche flexible Arbeitsmasse. Die Bewährungsproben, wie es bei Luc Boltanski heißt, haben sich verunendlicht. Jede Sekunde wird evaluiert, jede Sekunde wird bewertet, in jeder Sekunde steht man auf der Probe, ob man in den nächsten Sekunden, im nächsten Projekt noch wertvoll genug ist, um weitermachen zu dürfen.

Im Prozess der Kreativität ist Negativität unerwünscht. Viele Tabus sind heute weniger wirkmächtig, doch dieses eine scheint sich zu verfestigen.

Negative Affekte werden als Blockade im flow erlebt. Man darf keine kritische Frage stellen, denn das lähmt die Bereitschaft, immer wieder neu auf alles zu reagieren. Und das ist eine komplizierte Verdrehung, die da stattgefunden hat, weil sie in gewisser Weise eine Technik aus dem Kreativitätsleben inhaltlich gemacht. Die Technik funktioniert an sich sehr gut. Wenn man etwas erfinden möchte, ist es sinnlos, permanent den Versuch der Erfindung in Frage zu stellen. Man lähmt dann die Lust am Herumspinnen. Doch wenn man diesen Krea­tivitätsmodus auf den gesamten Alltag ausweitet, dann wird die eigene Biographie zu einem Projekt. Doch die eigene Biographie ist kein Projekt, sondern ein Leben, das irreversibel voranschreitet. Das Leben ist nichts, was man jeden Moment anders machen kann, weil Leben immer bedeutet, zu altern. Aber der Kreativitätsboom behauptet, wir wären permanent in einem Nicht-Alter, also immer kontingent für alles. Und das stimmt einfach nicht, das ist eine Lüge.
Die Postmoderne bestreitet ja die Erkennbarkeit dieses dicht gewebten Schleiers. Und dieser resignative, relativistische Teil verschwistert sich dann mit einem lifestyle der Einzigartigkeit, den zum Beispiel das Theater von René Pollesch immer propagiert: Es ist alles nur ein großer Kontingenzkindergeburtstag. Da verbindet sich Resignation mit etwas Orgienähnlichem.

Die Arbeitsbedingungen im Theater haben sich verändert: Es gibt mehr Produktionen, mehr Projekte, weniger Zeit und kleinere Ensembles. Die immer kürzeren Produktions­zyklen lassen es kaum zu, dass ein Stoff allmählich entwickelt wird, vielmehr wird der Stil des Regisseurs auf diesen angewendet. Welche Auswirkungen hat das auf das Theater?

Das eine ist der abrufbare Stil des Regisseurs, der keine Entwicklungsphase mehr braucht, sondern nur noch eine Einübungsphase. Dazu kommt die Umwandlung von Probenzeit in Projektzeit. Alle laufen los und die Schauspieler interviewen Passanten in der Stadt und fragen diese dann zum Beispiel, was halten sie eigentlich von Alzheimer und Sterbehilfe, und dann bekommen sie verschiedene Antworten und mit diesen rennen sie dann zurück ins Theater, es wird aufgeschrieben und zu einem Text gemacht und anschließend steht man auf der Bühne und sagt diese Sätze – ohne einen spielerischen Vorgang damit verbinden zu können, weil es sich nur um lose verbundene Zufalls­äußerungen handelt. Und man denkt, man hätte jetzt Wirklichkeit auf die Bühne ­gebracht. Doch da ist weder ein Begriff von Wirklichkeit noch einer von Theatralisierung. Und weder wird angeschaut, wie diese Meinungen entstanden sind, noch wird das auf der Bühne in Zusammenhang gestellt, sondern nur moderierend nebeneinandergereiht. Aufgrund ästhetischer Tabus wird auf Theatralisierung verzichtet. Das offensive Lügen, das Verwandeln, findet nicht statt. Alles soll ungelogen, authentisch sein. Aber es ist nicht wahr, weil es nicht lügt. Das ist der Widerspruch des Theaters.

Welche Formen des Schauspiels haben sich im Gegenwartstheater etabliert?

Es hat sich aufgeteilt. Es gibt das psychologische Schauspiel, den commercial realism, wo der Schauspieler versucht, hinter der Figur zu verschwinden. Das findet man vor allem im Film. Das ist weniger ein künstlerisches Schauspiel, sondern ein Handwerk, um im Film reüssieren zu können. Diese Form ist selbst verkümmert und dient keineswegs einer komplexen Weltdarstellung, sondern ist in ihrer Klischeehaftigkeit heute ein reaktionäres Projekt. Im Theater versucht man, sich mit Authentizitätseffekten zu retten: Laien stehen auf der Bühne oder Schauspieler sprechen Texte von Laien. Oder man überfordert den Schauspieler auf der Bühne. Wenn er ganz schnell ganz viel Text sprechen muss, wie bei Pollesch, ist er in einer ­Situation, in der er nicht gestalten kann, in der er keine Souveränität über seine Wirkung hat, sondern er wirkt als überforderter Schauspieler, was wiederum authentisch wirkt. Es gibt immer weniger bewusstes Spiel, sondern nur noch Reaktionen auf die Probleme, die mir gestellt werden. Da muss man dann mit postmoderner Lockerheit auf diese Zumutungen reagieren, wie auch außerhalb des Theaters.

Der Regisseur spielt im postmodernen Theater eine wichtige Rolle. Wie hat der Regisseur sich aus der arbeitsteiligen Organi­sation eines Ensembles zur entscheidenden Instanz entwickeln können?

Der Regisseur ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Um den ökonomischen Erfolg eines Ensembles zu sichern, hat man sich für eine strikte Hierarchisierung entschieden: einen Mann an der Spitze. Oft waren die Regisseure Leute, die künstlerisch nichts beizutragen hatten, sondern für den reibungslosen Ablauf der Proben und Aufführungen gesorgt haben. Mit dem Naturalismus entstand die Notwendigkeit, dass die theatralen Mittel eine Weiter­entwicklung benötigten. Es brauchte einen Blick aus dem Zuschauerraum, um die Wirkungen zu erfassen. Das ist die künstlerische Begründung für den Regisseur. Der Regisseur ist der vorweggenommene, aber auch der allmächtige Zuschauer. Er ist der König des Theaters und hat auch die Königsposition: achte Reihe Mitte, Zentralperspektive. Die Position des Regisseurs hat sich institutionell so weit verfestigt, dass es heute ein regiedominiertes und -fixiertes deutsches Theater gibt.
Ein Beispiel: Wenn der Regisseur die Probe verlässt, ist Pause. Das ist wie ein Angestelltenverhältnis und kein kollektiver künstlerischer Prozess. Dieses Problem kann man durch die Abschaffung des Regisseurs aber nicht lösen. Die Mitarbeiter sind durch eine 150jährige Entfremdungsgeschichte versklavt. Es bräuchte eine langwierige Revolution, damit die künstlerischen Mitarbeiter wieder in die Position kommen, anderes Theater zu machen. Der Regisseur hingegen muss aufgrund des heutigen Theatermarktes mit seinen Hitparaden und Stilzwängen permanent an sich arbeiten. Er überprüft die Wirksamkeit der Effekte. Er muss beständig sein Geschmacksempfinden idiosynkratisch schärfen, da er unter einem Innovationsdruck steht, ständig neue Einfälle für neue Effekte zu haben.

Der Regisseur nimmt zwar den Blick des Publikums ein, doch wie ist das Verhältnis zum Publikum tatsächlich beschaffen?

Die Zuschauer werden weniger. Und sie wollen das, was sie geboten bekommen, oft nicht. Und dann wird behauptet, das müsse so sein, das sei Avantgarde, das müsse verstören. Das ist eine Schutzbehauptung. Denn die Effekte werden nicht aus einem avantgardistischen Impuls heraus entwickelt. Sie werden produziert, um Erfolg zu haben. Und wenn man keinen Erfolg hat, kann man es wieder so drehen, dass dies ein Beweis für die Kunst sei. Weil alle es doof finden, ist es toll. Aber das passiert nicht aus einer politischen Haltung heraus. Das ist das Ärgerliche. Es wird vieles gekonnt, aber es wird nichts damit gewollt.

Entgrenzter Kampf dem Arbeitskampf


Die Arbeitgeber kämpfen gegen aufsässige Gewerkschaften. Im derzeitigen Arbeitskampf von Lokführern und Piloten geht es um weitaus mehr als die Verkürzung der Arbeitszeit und höhere Löhne.

 - von Elmar Wigand, Jungle World, 30.10.2014

Selbst der verschlafenste Zeitgenosse dürfte es mittlerweile gemerkt haben: Unter dem Schlagwort der »Tarifeinheit« findet eine konzertierte Kampagne gegen das Streikrecht in Deutschland statt. Die mediale Propaganda gegen Lokführer, Zugbegleiter, Piloten und ihre gut organisierten Gewerkschaften ist in vollem Gange, der hysterische Schulterschluss von Süddeutscher Zeitung bis Bild, von Deutschlandfunk bis WDR2, von Heute-Show bis Heute-Journal ist vollzogen. Auf die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und die Vereinigung Cockpit darf, ja muss aus allen Rohren geschossen werden. Dabei sind die kursierenden Argumente offensichtlich vorgeschoben und in sich widersprüchlich.

Die vielbeschworene Tarifeinheit, um die es angeblich gehen soll, ist den Arbeitgebern völlig gleichgültig. Deutsche Unternehmen flüchten seit 1993 unter Anleitung ihrer Verbände massenhaft aus der Tarifbindung. Die Mehrheit der deutschen Beschäftigten arbeitet mittlerweile ohne Tarifvertrag. Und dort, wo noch Tarife existieren, hebeln Arbeitgeberverbände die Tarifeinheit durch Hunderte von Verträgen mit »christlichen« Scheingewerkschaften aus, die zwar kaum Mitglieder haben, dafür aber Dumpinglöhnen zustimmen. Kein Wunder, dass die GDL für diese Arbeitgeber bedrohlich wirkt.
Anders als beim Streik der GDL 2008 ist diesmal nicht der Gerichtssaal Hauptaustragungsort des Kampfes. Damals ging es dem auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwalt Thomas Ubber vor dem Bundesarbeitsgericht (BAG) um Streikverbote wegen »Unverhältnismäßigkeit« und um eine faktische Gewerkschaftszerschlagung durch horrende Schadenersatzforderungen. Die gerichtlichen Manöver des von Ubber vertretenen Konglomerats aus DB, Lufthansa, Fraport und anderen scheiterten: Das BAG erlaubte 2008 in eingeschränktem Maße Streiks im Fernverkehr und schaffte 2010 einen Zwang zur Tarifeinheit ab.
Dieses Mal versuchen die Arbeitgeber, ihr Ansinnen mithilfe einer höheren Institution durchzusetzen: dem Bundestag. Damit die Arbeitsgerichte in Zukunft Streiks verbieten können, bedarf es einer Gesetzesänderung. Die gegenwärtige Kampagne der Arbeitgeber munitioniert jene Politiker, die gut organisierte und kampfbereite Gewerkschaften marginalisieren oder zerschlagen wollen. Dabei geht es nur vordergründig um eine Zementierung des brüchigen Alleinvertretungsanspruchs der DGB-Gewerkschaften und eine Verlängerung ihrer babylonischen Gefangenschaft in der Sozialdemokratie, die durch die Linkspartei zu einem gewissen Grad gefährdet scheint. Es geht vielmehr um die Hegemonie über die Streikkultur in Deutschland. Die Arbeitgeber wollen sich die Definitionsmacht über die Inhalte und Formen des Arbeitskampfs sichern.
Gestreikt werden soll nur noch in Ausnahmefällen, um Dampf abzulassen, als kurze Showeinlage, um 15 Sekunden lang in die Tagesschau zu kommen, um Mitglieder mit Fresspaketen und Schwenkelementen bewaffnet in Bussen zu ritualisierten Großevents durchs Land zu gondeln. Aber es darf dabei niemand geschädigt oder beeinträchtigt werden – nicht »unsere Wirtschaft«, auch nicht Konsumenten und brave Pendler, die zu »ihrer Arbeit« wollen und bei Verspätung Abmahnungen riskieren. Alle anderen Formen des Streiks gelten offensichtlich als Vorstufe des Terrors. Die große Koalition will Anfang Dezember über einen Gesetzesentwurf zur Tarifeinheit beraten, der mit dem Grundgesetz nur schwer vereinbar sein dürfte. Aber vielleicht lässt sich die öffentliche Hysterie derart steigern, dass sogar eine Grundgesetzänderung in Betracht kommt.

Solche Kampagnen müssen allerdings vorbereitet und strategisch geplant werden. Hier lohnt sich ein Blick nach Hamburg: Am 14. September kam in der privaten Universität Bucerius Law School (BCL) eine illustre Runde von habilitierten Streik- und Gewerkschaftsgegnern zusammen, um eine vermeintlich drängende Frage zu beantworten: »Entgrenzter Arbeitskampf?« Vertreter des Münchener Zentrums für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht (Zaar), das von dem Juraprofessor und erbitterten Gewerkschaftsverächter Volker Rieble geleitet wird, waren zu Gast in Hamburg. Dort sprach auch die »jüngste Professorin unter Deutsch- lands Juristen«, Lena Rudkowski von der Freien Universität Berlin. Sie referierte in Hamburg zu einem Thema, über das sie bereits promoviert hatte und mit dem sie 2012 mit 25 Jahren in den Professorenstand gelangt war: »Gesetzgeberische Optionen – von der Regulierung des Streiks in der Daseinsvorsorge zur umfassenden Kodifizierung«. Zudem ging es um die »arbeitskampfrechtliche Verhältnismäßigkeit« (Professor Hans Hanau, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg), um Schadenersatzforderungen beziehungsweise »Drittbetroffenheit und Drittschaden im Arbeitskampf« (Markus Sprenger, Kommunaler Arbeitgeberverband Hessen) und um ein bedrohlich klingendes Thema mit dem Titel »strafrechtliche Gestaltungsmöglichkeiten im Arbeitskampf« (Karsten Gaede, BCL).
Die sogenannte Daseinsvorsorge bildet einen zentralen Begriff in der Debatte der Streikgegner. Rudkowski orientiert sich dabei an dem bekannten Arbeitsrechtler Gregor Thüsing von der Universität Bonn und einem Gesetzesvorschlag der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Stiftung vom März 2012. Darin ist der Bereich der Daseinsvorsorge, für deren Gewährleistung Streiks stark eingeschränkt oder sogar unmöglich gemacht werden sollen, sehr weit gefasst: Neben dem Flug- und Schienenverkehr sollen die medizinische Versorgung, die Telekommunikation, das Bildungswesen, die Energie- und Wasserversorgung, die Müllabfuhr, der Zahlungsverkehr und sogar die Betreuung in Kindertagesstätten dazu gehören. Der Gesetzesentwurf wurde erarbeitet von den Arbeitsrechtsprofessoren Martin Franzen (Zaar), Gregor Thüsing und Christian Waldhoff von der Humboldt-Universität Berlin. Nach den Vorstellungen der Verfasser müssten Streiks vier Tage vorher angekündigt werden. Aber dazu käme es nur im äußersten Notfall: Die Hälfte aller Beschäftigten, nicht etwa aller Gewerkschaftsmitglieder, müssten in einer Urabstimmung für den Streik stimmen.
Das Argument der Daseinsvorsorge bietet eine Möglichkeit, die Mehrheit der Bevölkerung gegen jede Berufsgruppe oder Branche aufzubringen. So kann ein Streik als eine Art Geiselhaft verunglimpft werden, in die »die Gesellschaft« und »unsere Wirtschaft« angeblich von egoistischen Berufsgruppen, durchgeknallten Gewerkschaftsbossen und sinnlos konkurrierenden Gewerkschaften genommen wird. Auch Gewerkschafter sind gegen solche Ressentiments nicht gefeit. Doch jene DGB-Mitglieder, die sich angesichts vehementer Angriffe auf ihre frechen berufsständischen Konkurrenten vielleicht klammheimlich ins Fäustchen lachen, sollten sich näher mit der Geschichte der Zerschlagung der US-amerikanischen Flugverkehrsgewerkschaft Professional Air Traffic Controllers Organization (Patco, Mitglied der AFL-CIO) durch die Reagan-Administration im Jahr 1981 beschäftigen. Damals wurde aus einem Streik im Flugverkehr ein nationaler Notstand konstruiert, Militär und FBI wurden hinzugezogen, 90 Prozent der Streikenden nach einem kurzen Ultimatum gefeuert und lebenslang auf schwarze Listen gesetzt, die Gewerkschaft wurde vollständig zerschlagen. Es war der Beginn des dramatischen Niedergangs der US-Gewerkschaftsbewegung.

Bemerkenswert an dem Argument der Daseinsvorsorge ist zudem: Auch hier verteidigen die Hardliner des freien Marktes etwas, das ihnen in Wirklichkeit vollkommen gleichgültig ist. Einerseits fordern und betreiben sie seit 30 Jahren den Rückzug der öffentlichen Hand aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, privatisieren, sparen und kürzen, ja bestreiten den Wert der öffentlichen Daseinsvorsorge. Andererseits beschwören ausgerechnet diese Strategen im Streikfall den unermesslichen Wert der Daseinsvorsorge und rufen nach dem starken Staat. Dass die Zahl der Streiks in diesen Branchen zunimmt, liegt nicht zuletzt daran, dass etwa aus einstmals verbeamteten Lokführern und Spezialisten für Flugsicherung einfache Lohnabhängige gemacht wurden, die ihr Streikrecht nun gegen die Auslagerung an Subunternehmer und Lohndrückerei nutzen.
Es geht im derzeitigen Arbeitskampf also um weit mehr als um berechtigte Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung und angemessenem Lohn. Es geht um die Entstehung einer widerspenstigen Streikkultur in Deutschland, um die Verteidigung grundlegender Bürgerrechte und um Versuche, diese durch Gesetze, Gerichte und die mediale Fabrikation von Konsens systematisch zu beschneiden.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Auf Datenwolke sieben

Nur auf die Algorithmen ist noch Verlass. Dries Verhoevens Kunstaktion »Wanna Play?« und das Vertrauen in die Versprechen der Digitalwirtschaft.

- von Roger Behrens, Jungle World, 16.10.2014

Wer E-Mails schreibt, bei Partnerportalen eingeloggt ist oder seinen Facebook-Account pflegt, bewegt sich in erster Linie nicht in sozialen Netzen, sondern in einer kommodifizierten Sphäre des E-Commerce. Dass die Datensicherheit nicht mehr gewährleistet ist, wo man doch nichts anderes will, als ein wenig Kontakte zu knüpfen oder seinen Selbstdarstellungsdrang zu befriedigen, ist nur ein Teil des Problems; denn vor allem ist es ja so, dass die Daten bereits bei Vertragsabschluss als Waren einem oder mehreren Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.

Was dann und wann als Skandal diskutiert wird, ist eigentlich nichts weiter als die Konsequenz, ja logische Notwendigkeit technologischer Rationalität im Zeitalter der sogenannten Informationsgesellschaft. Nachvollziehbar ist das anhand des – vermeintlichen – Skandals um die Aktion des holländischen Performancekünstlers Dries Verhoeven. Er wollte Anfang Oktober für zwei Wochen in einen Container ziehen, um mit Hilfe der Chats auf der Sex-Dating-App Grindr zu zeigen, wie das Internet soziale Beziehungen verändert: »Hey! Whats up?« – »Hey! Not much!« war dann zu lesen, groß in den durch eine Glasfront einsehbaren Raum projiziert. Nach Protesten gegen die Veröffentlichung der Chats und Profilbilder wurde das Projekt abgebrochen.

Früher gab es, wenn ich es richtig erinnere, bereits auf der ersten Doppelseite der Bravo, auf der auch der jeweilige Heftinhalt präsentiert wird, in einer kleinen Ecke die Rubrik »Brieffreundschaften«, wo die pubertäre Leserschaft die Möglichkeit hatte, sich mit anderen Pubertierenden aus aller Welt über Hobbys (Reiten, Reisen, Briefeschreiben etc.) und Musik (The Teens, Bay City Rollers, The Runaways etc.) auszutauschen. Das war in Ordnung und hatte überdies den pädagogischen Nebennutzen, junge Menschen aus zumeist bildungsfernen Schichten mit den Grundfunktionen moderner Informationstechnik (eben Briefpost) und sowieso dem Gebrauch der Schriftsprache vertraut zu machen. Briefeschreiben und Briefelesen wie ebenso das Telefonieren – 1980 kostete ein Ortsgespräch pro 8 Minuten 23 Pfennig –, wie schließlich auch Radio und Fernsehen verliehen der medialen Apparatewelt noch etwas Gemütlichkeit. Ein Brief, nach McLuhans Definition wahrscheinlich eher ein »heißes Medium«, gab nicht nur intime Einblicke in das Privatleben, sondern galt – und gilt ja immer noch – in seiner Form als intim, »persönlich«. Die jungen Leute aus der Bravo-Brieffreundschaftsecke hatten eigenes Briefpapier, bemalten oder beklebten die Umschläge hübsch, geschrieben wurde leserlich in Schönschrift. Insgesamt konnte ja die sogenannte Kommunikationsgesellschaft, die sich im Übergang von den Siebzigern zu den Achtzigern weltweit etablierte – in der Bundesrepublik mit großen Namen wie Jürgen Habermas oder Friedemann Schulz von Thun theoretisch unterfüttert –, noch glaubwürdig einiges an Humanisierung der Verhältnisse versprechen: Sich vernünftig und verständigungsorientiert miteinander zu unterhalten, gilt bis heute als eine demokratische Basiskompetenz.

In den neunziger Jahren schlägt das um, die Kommunikationsgesellschaft wird ungemütlich, die »heißen« Medien werden wie die Gesellschaft kälter, wesentlich bedingt durch die technische Versachlichung zwischenmenschlicher Beziehungen (Stichworte: Computerisierung, Digitalisierung), und ebenso wesentlich – da es sich um leitungsvermittelte Technik handelt – abhängig von der voranschreitenden ökonomischen Privatisierung der Informations- und Kommunikationsangebote.
Die weiteren Daten sind gemeinhin gekannt: 1984 kommt der Apple Macintosh auf den Markt, im selben Jahr wird in Deutschland die erste E-Mail empfangen, das Anfang der neunziger Jahre eingeführte Mobilfunknetz wird immer weiter ausgebaut, die Computer werden kleiner, die Telefone auch, bis beide Geräte als PCs, also als persönliche Rechenmaschinen, in Tablets und Smartphones verwandelt werden. Dann kommen Kommunikationstechniken, die von vornherein schon gar keinen spezifischen Funktions-, geschweige denn Substanzbegriff haben (im Gegensatz zu Brief, Kino, Radio, Telefon, Fernseher etc.), sondern nur noch Markennamen sind, nämlich mit ihrem Unternehmen in ihrem Sinn und Zweck synonym: Facebook, Twitter, Instagram, schließlich Grindr und die Hetero-Version Blendr.

»Home« – wie früher bei Home Computer – ist jetzt nicht mehr die Sphäre der Wohnung, die eine Tür hat, die man hinter sich zuziehen kann, um seine Ruhe zu haben, sondern eine Wolke von privaten Daten, irgendwo im virtuellen Raum des allgegenwärtigen Netzes. Was sich hier technisch vollzogen hat, ist eine Entwicklung vom Primat des Apparats zum Primat der App. Bedeutung hat das für das Verhältnis von Leib und Seele, Körper und »Geist« – materielle Zwangsverhältnisse werden durch ideelle Zwangsverhältnisse überlagert: Existentielle Inklusion und Exklusion werden zumeist nur noch – und dafür aber umso grausamer – in den sozialen Randzonen physischer Gewaltverhältnisse erfahren, zumeist gekoppelt an die klassischen Disziplinaranstalten wie Gefängnis, Hospital, Schule, Heim, Auffanglager etc. Ob die Anpassung an lebensweltlich erforderliche Strukturen gelingt, ist indes eher davon abhängig, ob die richtige App installiert ist, ob man sich ins richtige soziale Netzwerk eingeschaltet hat, ob man also in korrekter Weise alle wichtigen Informationen zur Selbstoptimierung der technisch adäquaten Plattform übermittelt hat. Den Rest besorgt ein Algorithmus, auf dessen Zuverlässigkeit die Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft offenbar gerade in den menschlich unzuverlässigsten Bereichen vertrauen, nämlich bei Liebe, Sex, Freundschaft und sonstiger Zuneigung.

Um sich allerdings entsprechend für solche Anpassungsleistung und Leistungsanpassung parat zu machen, muss von vornherein noch der letzte Rest bürgerlicher Subjektivität abgelegt werden, um sich im sozialen Netz als Avatar authentisch zu präsentieren. Dem geht voraus, dass das Individuum das, was es zumindest ideologisch befähigt, gesellschaftlich »autonom«, eben als Individuum aufzutreten, bereits vollständig einem Prozess der Sozialisation überlässt, der nicht mehr der psychischen Konfiguration von Ich, Es und Über-Ich folgt, sondern mit den behavioristischen Mustern einer – heute selbstverständlich liberal und postmodern ausdifferenzierten – Typologie von Rollen konform geht.

Die Menschen, die zur Befriedigung ihrer Triebwünsche sich die entsprechende Dating-App installiert haben, agieren nicht mehr als Subjekte, sondern als digitale Schauspieler einer Rolle, bei der letztlich unerheblich ist, ob sie mit der Realität des eigenen Lebensalltags und seinen Widrigkeiten übereinstimmt oder nicht.

Im Zuge der Skandalisierung der NSA-Praxis wurden auch – mit weitaus leiseren Tönen – zum Beispiel die Sicherheitslücken bei Facebook problematisiert; das Software-Unternehmen Adobe hat gerade mit Datenschutzangelegenheiten zu kämpfen, weil es unverschlüsselt Nutzerinformationen ihrer E-Book-Reader-Kundschaft gesammelt und ausgewertet hat. Eine Fernsehwerbung für verschiedene E-Mail-Account-Anbieter zeigt eine Frau, die Leuten beim Tippen von Chat-Einträgen über die Schulter guckt: »Das will man doch nicht«, lautet die Botschaft. Tatsächlich kann man sich ohne Weiteres einen unterhaltsamen Zeitvertreib daraus machen, im öffentlichen Nahverkehr die Chat-Kolonnen der Smartphone-Facebook-Kommunizierenden mitzulesen (allein schon, weil die alte soziolinguistische Unterscheidung zwischen einem elaborierten und einem restringierten Sprachcode noch einmal eine völlig neue Dimension in Richtung Vollverblödung bekommt). Dass man die ganzen Idiotismen von »ey aller«, »digger«, »lol« und »ich geh nachher noch h&m – küsschen mein schatz« mitbekommt, scheint also an sich nichts Schlimmes zu sein, um das sich der gemeine Sozialenetzbewohner Sorgen machen müsste.

Was also ist bei Dries Verhoevens Aktion der Skandal? Abgesehen davon, dass er eine nichtkünstlerische Praxis in den hehren Bereich der Kunst hineinzieht, wo es ja nachgerade nur noch darum geht, hier und da sich über das vermeintlich Skandalöse zu echauffieren – vermutlich nichts weiter, als dass er eine neue Sozialtechnologie rückübersetzt in eine Situation, die ausstaffiert ist nach dem alten Vergesellschaftungsmodell der Intimität des Privaten: dass er nämlich die über die Dating-App verschickten Nachrichten großflächig projiziert in einem Raum, der in seiner Gestaltung eben nicht als Ausstellungsraum fungiert, sondern als Wohnzimmer, einschließlich der Vorhänge, die zugezogen werden sollten, wenn es zur Sache geht.

Die verwaltete Welt wird zur verschalteten Welt. Die Trennung zwischen Hard- und Software, die uns heute technologisch selbstverständlich scheint, bestimmt nicht nur den Charakter der Maschinen und ihrer Programme, sondern auch die Programmierung von Nutzern und ihrer Profile. Früher hat eine – nicht zuletzt wegen der Größe der Apparate – immobile Technik den Menschen in den demokratisch verfassten Gesellschaften Mobilität versprochen, nämlich gerade bewegliche Unabhängigkeit von den Apparaten, über die zwischenmenschliche Verständigung funktioniert; die Mobiltechnik hingegen hat den Menschen als permanenten User immobil gemacht.

Dries Verhoeven hat mit seiner Aktion zeigen wollen, was eigentlich bei jedem Besuch auf Amazon auch passiert: dass sichtbar wird, wie aus einem sogenannten Information-Pull-System, bei dem nach Informationen gesucht werden muss, ein Information-Push-System geworden ist, in dem unablässig Informationen geliefert werden, die eigentlich niemand braucht – es sei denn als Elemente sehr privater Angelegenheiten, für die es aber im Prinzip überhaupt keine App und auch keinen Apparat geben kann.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Endstation Ferienheim

Lutz Seiler erzählt in seinem Roman »Kruso« von einer verschworenen Gemeinschaft auf Hiddensee, die sich um DDR-Flüchtlinge kümmert.
 - von Kerstin Cornils, Jungle World, 09.10.2014

Nicht alle Wasserleichen sind so schön anzuschauen wie bei dem Präraffaeliten John Everett Millais, der Ophelia als bleiche Schönheit im düsterem Schilf malte. Anders als Hamlets unglückliche Geliebte sind die meisten Toten, die an fremden Küsten angespült werden, Vergessene ohne Namen. Ed Bendler, der junge Held in Lutz Seilers dunkel funkelndem Roman »Kruso«, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Spuren der anonymen Toten nachzugehen, die in der Zeit zwischen dem Mauerbau und der Wende auf der Flucht gen Westen in der Ostsee ertrunken sind. Doch viel kann er nicht in den Katakomben dänischer Archive und auf Friedhöfen in Erfahrung bringen. Das Schicksal der Wasserleichen ist kaum zu rekonstruieren, zumal die Flüchtlinge aus Sorge um ihre Angehörigen selten Abschiedsbriefe hinterlassen haben. Auch sind die Ertrunkenen keineswegs schöne Leichen mit üppigem Präraffaelitenhaar. Es sind von Aalen Zerfressene, von Kugeln Durchlöcherte, Aufgeschwemmte ohne Zähne. Manchmal ist von ihren Körpern nicht mehr übrig als ein Stumpen in einem fauligen Schuh.

Hiddensee, das wie ein Seepferdchen geformte Eiland am nördlichen Rande Ostdeutschlands, ist das magische Zentrum dieses ersten Romans des Lyrikers Lutz Seiler. Zunächst führt der ehemalige Maurer Ed ein unscheinbares Leben als Germanistikstudent in Halle. Doch als seine Freundin so plötzlich von einer Straßenbahn erfasst wird, als hätten Michail Bulgakow und Uwe Johnson gemeinsam einen Albtraum inszeniert, beschließt er, sich aus seinem bisherigen Alltag zu verabschieden. Kurz spielt er mit dem Gedanken, sich in den Hof zu stürzen, dann aber bricht er mit 150 Mark in der Tasche nach Hiddensee auf, zur »Insel der Seligen, der Träumer und Traumtänzer, der Gescheiterten und Ausgestoßenen«. Zwar setzen die Kartographen der DDR alles daran, die Geographie verzerrt darzustellen. Dennoch weiß jeder, dass es von Hiddensee zur dänischen Insel Møn nur 50 Kilometer sind. Dass dieser verträumte Ort voller Kreidefelsen und Sanddornbüsche aufgrund seiner geographischen Lage ein Magnet für Republikflüchtlinge ist, liegt auf der Hand.
Doch gerade wegen der Nähe zum Westen ist die Zahl der Grenzsoldaten auf der Insel beträchtlich. Ständig lungern vor der Küste Patrouillenboote, ständig wandert nachts der suchende Scheinwerfer des Leuchtturms über die Landschaft. Ed muss so rasch wie möglich eine Unterkunft auftreiben und eine unauffällige Arbeit als Saisonkraft annehmen. Er findet das Gesuchte in der kleinen Gaststätte »Zum Klausner«, die zu einem Betriebsferienheim gehört. Hier gelten ganz eigene Gesetze.

Allmählich zeigt sich, dass im Klausner, wo einst Berühmtheiten wie Billy Wilder, Thomas Mann und Lotte Lenya abgestiegen sind, ein doppeltes Spiel gespielt wird. Tagsüber werden die Gäste der Insel von flinken Kellnern mit Schnitzeln verköstigt. Nachts aber schlägt die Stunde der Menschen, die aus der DDR fliehen wollen. Das zwölfköpfige Team des Gasthofs hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Verzweifelten Unterschlupf zu gewähren und sie von ihrem lebensgefährlichen Vorhaben abzubringen. In diesem Sinn versteht sich der Bund der Eingeweihten als eine »Art Untergrund zur Anhäufung innerer Freiheit (…) ohne Flucht, ohne Ertrinken«. Ziel ist es, jeden Schiffbrüchigen des Landes in drei Nächten zu den »Wurzeln der Freiheit« zu führen.

Alle Fäden dieser subversiven Gegengesellschaft laufen bei Kruso zusammen. Er, der Tellerwäscher, ist ein vor Kraft strotzender Mann mit indianischen Gesichtszügen, Sohn eines russischen Generals und einer wolgadeutschen Zirkusartistin und Namensvetter des Helden in Daniel Defoes berühmter Robinsonade. Seiler hat erklärt, dass diese Figur auch Züge des früh verstorbenen Sängers der Band Feeling B trägt. Der Musiker Aljoscha Rompe hatte es gewagt, als privilegierter Spross einer Funktionärsfamilie Punkkonzerte am Strand von Hiddensee zu geben.

In Ed erkennt Kruso einen Gleichgesinnten. So wie er, der heimliche König der Insel, nach seiner vor Jahren am Ostseestrand verschollenen Schwester Sonja sucht, hat der junge Mann aus Halle den Verlust seiner Freundin noch nicht überwunden. Eine rätselhafte Freundschaft beginnt, umrauscht von inzestuösen Trakl-Gedichten, homoerotischen Annäherungen und dem Klappern der Teller in der Küche. Dieser enge Männerbund soll dafür bürgen, dass Krusos hochherziges Rettungsprojekt unzerstörbar ist.

Doch unzerstörbar ist diese Arche nicht. Es ist der Sommer 1989 und das auf den Feindsender eingestellte Radio berichtet pausenlos von DDR-Bürgern, die in Ungarn ihre Ausreise in den Westen erzwingen. Als die DDR zusammenbricht, beginnt auch das Klausner zu erodieren. Mehr und mehr Mitarbeiter lassen das Gasthaus samt seiner Rettungsmission im Stich. Was geschieht mit den Rändern des Landes, wenn das Zentrum implodiert? Mit dem Untergang der DDR wird auch der Zusammenhalt der klandestinen Gemeinschaft porös, die Hiddensee jenseits des ideologisch verbiesterten Festlandes zu einer Enklave freier Menschen machen wollte. Seiler, der versierte Lyriker, findet grandiose Bilder für das Wegbrechen der alten Ordnung, die auch die verpönten Subkulturen mit in den Abgrund reißt. Brillant ist etwa das an Joseph Beuys gemahnende Bild der Honigbibliothek, die in ihrer klebrigen Melancholie davon kündet, dass auch der intellektuelle Kellner namens Rimbaud seinen Platz im Klausner verlassen hat. Über die Bücher, die er zurückgelassen hat, läuft Honig: Nie mehr wird der Abtrünnige dem Klausner-Team daraus vorlesen können. Am Ende verkleben Schrift und Honig zu einer ­sämigen Masse, aus der wie auf einem schwermütigen barocken Stillleben Ameisen, Asseln und Kakerlaken strömen.

Kruso wird klar, dass er auf seiner Arche bleiben muss, obwohl das Schiff zu sinken droht. Längst kommen die Unglücklichen der DDR nicht mehr zu ihm, sondern »machen rüber«. Doch der kapitalismuskritische Abwäscher meint, die eigentliche Mission des Ostens – von den kasachischen Jurten bis ins Eichsfeld – ­bestehe darin, dem Westen einen Weg in die Freiheit zu weisen. Manches an seinem Entwurf könnte heute Putin gefallen, auch trägt Krusos Handeln bisweilen diktatorische Züge. Gleichzeitig aber hat das Rettungsschiff Klausner etwas Anrührendes und Heroisches. Nicht umsonst sieht sich Ed als Don Quijote der DDR: »Eine einsame, komische Figur, aber auch treu und tapfer vielleicht.« In gewisser Weise hat Seiler mit seiner Hiddensee-Robinsonade das östliche Gegenstück zu Jonathan Franzens US-amerikanischem Roman »Freiheit« geschrieben. Seine Freiheit nutzt Ed, um an der Ostsee nach den Wasserleichen eines unter­gegangenen Landes zu suchen. Mögen die anderen doch indes ihre Waschmaschinen west­licher Fabrikation kaufen.

Lutz Seiler: Kruso. Suhrkamp, Berlin 2014, 481 Seiten, 22,95 Euro

Donnerstag, 2. Oktober 2014

I Have A Stream

Wie der Streaming-Dienst Netflix die öffentlich-rechtliche Disziplinargesellschaft überwinden hilft und sie durch eine von Big Data geprägte Kontrollgesellschaft ersetzt.
 
Von Berthold Seliger, Jungle World ,02. Oktober 2014
Das Geschäftsmodell der Musik­industrie ist es, uns ihren Schmarrn als überteuerte CDs und Downloads unterzujubeln. Wenn das Geschäftsmodell mal hakt, ruft der Lobbyistenverband der Musikindustrie nach dem Staat, die Musikfans sollen gewissermaßen verpflichtet werden, die überteuerten Produkte in den gated communities, auf den Vertriebswegen, die der Musikindustrie gehören, für viel Geld zu kaufen.

Das Geschäftsmodell der Verlagsindustrie ist es, uns ihre Bücher möglichst ausschließlich in gedruckter Form und zu festgelegten, überteuerten Preisen (die Buchpreisbindung gilt in der Wirtschaft als eine Festlegung von Kartellmacht) zu verkaufen. Das vorhandene preisgünstigere Modell, nämlich das E-Book, wird von der Kulturindustrie und von der Politik benachteiligt – durch überteuerte Preise und dadurch, dass der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der vom Staat für gedruckte Bücher gewährt wird, nicht für E-Books gilt, da müssen 19 Prozent Mehrwersteuer bezahlt werden. Förderungswürdiges »Kulturgut« ist für die deutsche Politik eben nicht der ­Inhalt eines Buches, sondern einzig der Druck desselben, also wenn man so will das Vertriebsmodell. Eine einseitige Subvention der Kulturindustrie durch den Staat, zum Nachteil der Leser. Wenn das Geschäftsmodell in Schwierigkeiten gerät, etwa dadurch, dass ein Vertriebskonzern wie Amazon versucht, bessere Rabatte auszuhandeln, ruft der Lobbyistenverband namens »Börsenverein des Deutschen Buchhandels« nach – genau: dem Staat!

Das Geschäftsmodell des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist es, uns all den Mist, den wir mit unseren monatlichen Zwangsgebühren finanzieren müssen, als das unterzujubeln, was wir eigentlich sehen wollen, denn die Quote, erhoben von einem börsennotierten Konsumforschungskonzern bei sage und schreibe 5 640 Haushalten mit sage und schreibe 10 500 Personen, kann natürlich nicht lügen. (Die mehreren Millionen in Deutschland lebenden Nicht-EU-Bürger, die natürlich auch das monatliche Zwangsgeld an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten abführen müssen, werden bei der Erhebung übrigens nicht mitgezählt.) Und so werden wir also gezwungen, mit unseren monatlichen Gebühren Fernsehsendungen von Andrea Berg, Helene Fischer, Florian Silbereisen und eine nationalistische »Volks-Rock’n’ Roll-Show« zu finanzieren. Und wenn irgendein dumpfer Thronfolger in irgendeinem der sich als Demokratien tarnenden dumpfen europäischen Königreiche heiratet, ist das deutsche Staatsfernsehen unter Garantie live dabei, und zwar gerne auch auf allen Kanälen zugleich – ein schöneres, ein hässlicheres Bild für die Gleichschaltung des deutschen Fernsehens lässt sich kaum finden.

Das deutsche Staatsfernsehen ist eine einzigartige, effektive Verblödungsmaschine, der pure Fernsehhorror. Und wenn das Geschäftsmodell mal nicht mehr funktioniert? Macht nichts, denn das Geschäftsmodell ist ein explizit staatliches unter der Tarnung eines »öffentlich-rechtlichen« Systems, weswegen es auch völlig egal ist, ob und was die Menschen tatsächlich schauen, denn es kommt auf das »cui bono?« an, und das heißt: Das Staatsfernsehen dient dazu, die Bürger zu verblöden, es geht darum, gesellschaftlich Stupidität zu fabrizieren und die Zuschauer zu regierbaren Konsumenten zu degradieren, ganz im Sinn von Metternichs Diktum, das Volk solle sich »nicht versammeln, sondern zerstreuen«. Und wo auf Metternich das Biedermeier folgte, haben wir heute das neudeutsche Biedermeier von Angela Merkel und Andrea Kiewel und wie sie alle heißen. Und für den obszönen Programmterror der Öffentlich-Rechtlichen zahlen wir pro Haushalt noch eine monatliche Zwangsabgabe, ­einen sogenannten Rundfunkbeitrag in Höhe von 17,98 Euro, ganz egal, ob wir an der staatlich organisierten Verblödungskampagne teilnehmen, sie ignorieren oder gar boykottieren.
Da kann in den bürgerlichen Feuilletons noch so häufig die fehlende Qualität des deutschen Staatsfernsehens angeprangert werden, da kann noch oft konstatiert werden, dass die Programmverantwortlichen der Öffentlich-Rechtlichen, der »Öffis«, nicht mehr bei Trost seien – solange die Öffis als hochsubventionierte Beamtenapparate konstruiert sind, denen Kreativität fremd, eigenes Nachdenken suspekt und anspruchsvolles Programm zuwider ist, wird sich nichts ändern. Zumal dort Apparate entstanden sind, in denen die Angst regiert – Angst, Fehler zu machen, Angst, einen Flop zu landen, Angst, aufzufallen. Und die Regisseure und Drehbuchautoren leben längst in einem System der feinen, indirekten Zensur durch die Medienboards und Filmförderungsanstalten und all die anderen Institutionen, die Filme oder Serien finanzieren.

Interessant ist, wie heftig sich das deutsche Staatsfernsehen gegen neue Marktteilnehmer wehrt, die eine andere Art des Fernsehens ermöglichen. Die Öffis stellen sich das ja so vor, dass ihre Zuschauer sich brav um elf Uhr zum »ZDF-Fernsehgarten«, um 18.50 Uhr zur »Lindenstraße« in der ARD und um 20.15 Uhr zum »Tatort« vor den Fernseher setzen. Die Hoheit über den Zeitplan der Kunden, die das Ganze finanzieren, haben die Fernsehverantwortlichen – ein diktatorisches System, das die technischen Möglichkeiten, die das moderne Fernsehen längst bereithält, aus Machtgründen ignoriert. Ein Räderwerk einer panoptischen Maschine, um es mit Foucault zu sagen, eine Disziplinargesellschaft, die wir natürlich, als Beitragszahler wie als Zuschauer, »selbst in Gang halten – jeder ein Rädchen«.

Diesem öffentlich-rechtlichen Disziplinierungsapparat steht das neue amerikanische System des Fernsehens als Streaming, »on demand«, gegenüber, dessen interessantester Vertreter, Netflix, jetzt auch auf dem deutschen Markt vertreten ist. Netflix und die andere Art des Fernsehens wird in den Feuilletons gerne als »Revolution« bezeichnet, dabei hat Netflix nur das gemacht, was technisch eben längst möglich ist, nämlich die Zuschauer aus dem starren Programmkorsett der Sender zu befreien. Die Zuschauer können sich das, was sie sehen wollen, ansehen, wann sie es wollen. Man muss nicht mehr dann, wenn die Fernsehdiktatoren das wollen, auf dem Sofa sitzen, und man ist auch nicht mehr darauf angewiesen, eine Serie – und Serien sind bekanntlich die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Bezahlsender, von den »Sopranos« über »Breaking Bad«, »24« bis hin zu »House of Cards« – stückchenweise im wöchentlichen Rhythmus zu sehen (Disziplinargesellschaft!).
Netflix hat es gerade beim Erscheinen der neuen Staffel seiner Renommier-Serie »House of Cards« vorgemacht: Veröffentlicht wird die ganze Staffel auf einen Schlag, zu einem Termin statt episodenweise. Und der Abonnent kann selbst entscheiden, wann und wie er die Serie sehen will, ob Folge für Folge über mehrere Tage oder Wochen, ob als Marathon in einem Stück an einem Wochenende oder irgendwas dazwischen. Netflix schreibt dem Zuschauer auch nicht vor, auf welchem Empfangsgerät er die Serie zu sehen hat – man kann zwischen verschiedenen Empfangsgeräten hin und her wechseln und eine Folge auch mal in der U-Bahn auf dem Smartphone weiterschauen. Fernsehen auf Abruf, ohne Werbung und für relativ wenig Geld – 7,99 Euro verlangt Netflix in Deutschland, wo das Angebot des Senders allerdings noch eingeschränkt ist (die neuen Folgen von »House of Cards« sind vertraglich zum Beispiel dem Abosender Sky zugesichert, der sie im alten Stil, Folge für Folge, ausstrahlt). In den USA kostet das dort wesentlich üppigere Netflix-Angebot 8,99 Dollar (im Gegensatz zu etwa 80 Dollar fürs Kabelfernsehen), der Sender hat dort 70 Prozent seiner weltweit über 50 Millionen Kunden, und zu abendlichen Stoßzeiten ist Netflix für gut 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet verantwortlich.

Mit Netflix hat sich das Fernsehverhalten vieler Amerikaner stark verändert. Viele verzichten auf die teuren Kabelgebühren und setzen ganz auf den Streamingdienst, der ihnen viele Filme und interessante Serien werbefrei und jederzeit und auf den Geräten ihrer Wahl liefert. Gerade unter jungen Leuten ist das »andere Fernsehen«, das »anders fernzusehen« ermöglicht, ein Erfolgsmodell. Und genau hier lauert die Gefahr für das traditionelle Fernsehen deutscher Provenienz, das ziemlich sicher zum Verlierer werden wird, wenn es nicht auf die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer reagiert. Das klassische Geschäftsmodell des Staatsfernsehens, aber auch des deutschen Privatfernsehens steht unter Beschuss, Streaming wird nach dem Musikgeschäft auch das Fernsehen dauerhaft verändern.

Zusätzlich zu den genannten Kriterien – Benutzerfreundlichkeit und bestimmte Konsumfreiheiten – hat Netflix ein weiteres Pfund, mit dem es wuchern kann, nämlich die Qualität der Eigenproduktionen. Es lohnt sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen, etwa auf die gefeierte Serie »House of Cards«. Bei der Vorzeigeserie mit ihren radikalen Innenansichten der amerikanischen Politik und des Washington der Lobbyisten, Medienkonzerne und korrupten Politiker ging Netflix auf den ersten Blick ein hohes Risiko ein. Man gewährte dem ­Produzenten und Regisseur David Fincher freie Hand, kaufte nicht etwa, wie beim US-Bezahlfernsehen üblich, erstmal eine Pilotfolge, sondern gab für 100 Millionen Dollar gleich zwei komplette Staffeln mit jeweils 13 Episoden in Auftrag. Man lässt den Kreativen freie Hand (während Regisseure oder Drehbuchschreiber hierzulande jede Änderung den Filmförderungsinstitutionen, die die Filme finanzieren, vorlegen und von ihnen absegnen lassen müssen). Und genau dadurch entsteht Qualität – wie Musiker eben wissen, wie Musik zu schreiben ist, und nicht die Manager in den Sesseln der Plattenkonzerne, so sind es die Kreativen, denen bei den deutschen Öffis permanent Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, während sie bei Netflix (oder auch HBO) Vertrauen genießen. So kann eine Geschichte mit langem Atem erzählt werden, die Charaktere können komplex gezeichnet und entwickelt werden. Und man kann Mut beweisen. Schwer vorstellbar, dass die heikle Eingangsszene von »House of Cards« die Kontrollinstanzen des deutschen Staatsfernsehens überwunden hätte: Dort wird detailliert gezeigt, wie ein führender Politiker mit seinen bloßen Händen den Hund seiner Nachbarin erwürgt.

Natürlich gibt es auch Nachteile. Zwar wird die öffentlich-rechtliche Disziplinargesellschaft überwunden, doch wie immer beim Streaming wird sie durch eine neue, von Big Data geprägte Kontrollgesellschaft ersetzt, dieses, wie Deleuze schrieb, »neue Monster«, das die alten Disziplinarsysteme ablöst – also »ultra-schnelle Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen«. Denn der Zuschauer sendet bei den Streamingsystemen gewissermaßen zurück, sein Konsumverhalten wird detailliert festgehalten und analysiert. Netflix hat schon vor Jahren ein Big-Data-Kontrollsystem entwickelt, mit dem jedes noch so kleine Verhaltensdetail aller Nutzer protokolliert und in einer eigens geschaffenen Abteilung gespeichert wird. Die Filme und Serien werden hier in Datenpunkte unterteilt, jeder mit Attributen und über 100 Dimensionen, sogenannten »Mikrotags«. Netflix hat eigene Subgenres destilliert, mit der ganze Filme, aber eben auch 20sekündige Sequenzen beurteilt werden.

So entwickeln Streaming-Dienste wie Netflix detaillierte Nutzerprofile und wissen nicht nur ganz genau, ob der Nutzer gerade sein Fernsehgerät, seinen PC, sein Laptop oder Smartphone nutzt, ob er dabei zu Hause oder unterwegs ist, wann er einschaltet und wie lange – nein, Net­flix weiß auch, welches Verhältnis von Gefühlen und Vorlieben die Nutzer zu welchen Tageszeiten oder an welcher Stelle innerhalb eines Films erwarten.

Man könnte sagen, dass auch die auf den ersten Blick mutige Entscheidung für zwei Staffeln von »House of Cards« eigentlich gar nicht so riskant war, wie es scheinen mag – denn aufgrund der Auswertung des vorhandenen Datenschatzes seiner Kunden wusste Netflix längst, dass das britische Original der Serie ebenso populär war wie Filme, die von David Fincher gedreht wurden oder in denen Kevin Spacey mitspielte. Netflix ermittelt, wie »sig­nifikant Schauspieler sind« (so Netflix-Produktchef Neil Hunt) – die Schauspieler werden ebenso wie die Zuschauer zu Datenpunkten in einem alles umspannenden, perfekten Datensystem, und die Abonnenten von Netflix können die konzerneigenen Algorithmen unterstützen, indem sie ihre persönlichen Filmvorlieben mitteilen (die »Taste Preferences« erlauben zum Beispiel »kitschig«, »düster«, »obszön«) und erhalten dafür noch passgenauere Programmvorschläge.

Mit dieser perfekten Kontrolle überwinden die Streaming-Dienste hierzulande auch eine ihrer größten Hürden, nämlich die niedrigen Übertragungsraten. Im Vergleich mit den USA, Skandinavien und China herrscht in Deutschland die digitale Steinzeit, das Netz ist langsam, von flächendeckender Breitbandversorgung der Bevölkerung oder von einem schnellen 4G-Mobilnetz können deutsche Nutzer nur träumen. Der Netflix-Konkurrent Amazon hat dieser Tage seine 99 Euro teure Box »Fire TV« ausgeliefert, mit der Fernsehzuschauer, dem seit drei Jahren bestehenden Angebot »Apple TV« nicht unähnlich, Videoinhalte aus dem Internet auf dem Fernseher sehen, aber auch Serien oder Spiel­filme aus der Amazon-Prima-Bibliothek auswählen können. Die nach Angaben des Konzerns »zehntausenden Geräte« waren bereits am ersten Tag ausverkauft. Das Netzproblem umgeht Amazon dadurch, dass man auf den Geräten bestimmte Inhalte individuell für die Kunden programmiert hat – Inhalte, von denen man aufgrund der betriebseigenen detaillierten Kundenausforschung, der Amazon-Profile, annimmt, dass sie die Kunden sehen wollen.

Ganz egal, ob Netflix auch hierzulande Marktführer wird oder ob sich eine der anderen TV-Streaming-Plattformen wie Maxdome, Watch­ever oder Amazon Prime Instant Video langfristig durchsetzen kann, klar ist, dass das klassische Fernsehen auch im sich an technische Entwicklungen gewöhnlich nur langsam anpassenden Deutschland seine beste Zeit hinter sich hat. Das lineare Fernsehen gehört der Vergangenheit an, die modernen Zuschauer wollen Filme, Serien oder Dokumentarfilme sehen, wann sie Lust und Zeit haben und wo sie wollen. Derzeit erwirtschaftet die Branche mit Online-Videotheken, Abomodellen und Downloads 163 Millionen Euro. Bis 2018 soll der Markt auf etwa 450 Millionen wachsen, wovon Abomodelle 300 Millionen Euro ausmachen sollen – ein Wachstumsmodell. Der Preis, den die derzeit noch meist jungen Zuschauer zahlen, ist die gated community. Die Streamingdienste wollen den gläsernen Zuschauer – und ganz offensichtlich unterwerfen sich die meisten Zuschauer der Kontrolle durch Big Data und durch die ausgeklügelten Algorithmen der Konzerne freiwillig und gerne. Die Konsumenten der »Sharing Economy« sind nun mal wil­lige Konsumenten.

Donnerstag, 18. September 2014

Das "Rote Wien"

Ein Blick auf das »Rote Wien« zwischen 1919 und 1934 bietet Hinweise für eine ­alternative kommunale Wohnungspolitik und verdeutlicht deren Möglichkeiten und Grenzen.
von Raphael Kiczka, Jungle World 18. September 2014


Wie kaum ein anderes Bauwerk steht der Karl-Marx-Hof für das »Rote Wien« und seine alternative Wohnungs- und Kommunalpolitik: Über 1,2 Kilometer lang, mit geschlossener Bauweise, Toren und Türmen, steht er wie eine Festung im bürgerlich-konservativen Wiener Bezirk Döbling. 1930 eröffnet, bot der Hof mit 1 382 Wohnungen etwa 5 000 Menschen Platz. Geplant als Höhepunkt des Wohnbauprogramms, sollte er, wie alle Gemeindebauten, der Sozialdemokratie ein Denkmal setzen. »Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen«, formulierte der damalige Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung den symbolischen Wert der Wohnbaupolitik des »Roten Wiens«.

Die enorme Bautätigkeit durch die Stadt, vor allem in den zwanziger Jahren, hatte vor allem praktische Gründe: 1917 bestanden drei Viertel der Wohnungen aus nur ein oder zwei Zimmern, die in den Zins- beziehungsweise Mietskasernen, mehrgeschossigen, dicht um Innenhöfe gebauten Mietshäusern für Arbeiter und Angestellte, häufig kein oder kaum direktes Licht bekamen. Die Überbelegung wegen der hohen Mieten führte zu Gesundheitsproblemen, so wurde Typhus die »Wiener Krankheit« genannt. Einen Schutz der Mieterinnen und Mieter gab es nicht, so dass sie der Willkür der Hauseigentümer ausgeliefert waren. Der Bau von Mietshäusern brachte anders als Wohnungen für Wohlhabende nur mäßige Erträge für die Bauherrn. Es herrschte also ein strukturelles Unterangebot an günstigem Wohnraum, das auch soziale Konflikte barg. 1910 und 1911 kam es in Wien zu Massenprotesten gegen Teuerung und Wohnungsnot.

1919 gewann die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) die absolute Mehrheit im Wiener Gemeinderat. Ein Wahlerfolg, der den Anfang für das Experiment »Socialism in one city« bedeutete, wie die Historikerin Jill Lewis in ihrem gleichnamigen Artikel über das »Rote Wien« schreibt. Umgeben von konservativen Mehrheiten, sollten in Wien Alternativen im Bereich der Gesundheits-, Bildungs-, Kultur- und Wohnbaupolitik entwickelt werden. Die 64 000 Gemeindewohnungen, die gebaut wurden, bis der Putsch der Austrofaschisten 1934 dem »Roten Wien« ein Ende bereitete, sind die augenfälligsten Monumente dieser Zeit. Gleichzeitig vereinigen sie durch ihren Aufbau und ihre Organisation die grundlegenden Inhalte des Experimentes, auf kommunaler Ebene schon im Hier und Jetzt sozialistische Ideen zu verwirklichen. Trotz der revolutionären Rhetorik ging es der österreichischen Sozialdemokratie darum, im Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse realpolitisch tätig zu werden: Statt Revolution standen Kompromiss und Verhandlungen mit den politischen Gegnern auf der Tagesordnung. Aufgrund der Kräfteverhältnisse wurde erwartet, dass ein revolutionärer Umsturz zu einem Bürgerkrieg führen würde. Anstelle einer radikalen Gesellschaftsveränderung wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Etablierung einer bürgerlich-parlamentarischen Republik und einer proletarischen Gegenkultur angestrebt, die Vorarbeit für eine sozialistische Gesellschaft leisten sollte. In »revolutionärer Kleinarbeit« sollte durch sozialistische Bewusstseinsbildung der »neue Mensch«, so der Austromarxist Max Adler, geschaffen werden. Die Gestaltung der Lebenswelt nahm dabei eine zentrale Rolle ein, die Schaffung besserer Wohn- und Lebensbedingungen war prioritär.
Die Sozialdemokratie erbte 1919 eine bankrotte Stadt, in der etwa ein Drittel der Bevölkerung Österreichs lebte. Kreditfinanziert wurde vor dem Krieg jedoch auch die technische und soziale Infrastruktur ausgebaut viele städtische Dienstleistungsunternehmen waren kommunalisiert. Darauf konnte die Sozialdemokratie aufbauen und sich auf neue Politikfelder konzentrieren. Wegen der hohen Inflationsrate reduzierten sich die (Inlands-) Schulden und auch die Mieten sanken nun gegen null. Grund dafür war eine kaiserliche Notverordnung (»Friedenszins«), die 1917 im Angesicht einer Radikalisierung der Arbeiter nicht nur den Kündigungsschutz verbesserte, sondern auch Mietsteigerungen blockierte. Mit dem Mietengesetz verbesserte die Sozialdemokratie 1922 weiter die Lage der Mieterinnen und Mieter. Durch diese Regulierungen, eine Wertzuwachssteuer, die die Profitaussichten durch eine Übertragung von Liegenschaften senkte, und eine progressive Besteuerung von Immobilieneigentum wurden private Investitionen auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt unprofitabel.

Nicht nur der private Wohnbau kam durch die gezielte Zerstörung des Marktes zum Erliegen, auch große Flächen von Bauland verloren drastisch an Wert. Dies nutzte die Stadt Wien und kaufte sie – teils über Mittelsmänner – zu einem Bruchteil des alten Preises auf, so dass sie am Ende fast ein Drittel der städtischen Fläche besaß. Als das Ende der Inflation Planungssicherheit verschaffte, konnte 1923 mit dem ersten Wohnbauprogramm auf diesem Baugrund begonnen werden. Die finanzielle Basis für die Bauvorhaben bildete die Reorganisation des Steuersystems: Dank der Anerkennung als eigenes Bundesland 1922 konnte Wien eigenmächtig Steuern erheben. Durch eine Reihe von Konsumptions- und Luxussteuern sollte das Steuersystem sozialen Ausgleich schaffen, wichtig war dabei die zweckgebundene Wohnbausteuer, die das kommunale Bauprogramm zu großen Teilen finanzierte. Schulden mussten nicht aufgenommen werden.

Um die Wohnungsnot zu lindern, unterstützte die Sozialdemokratie anfänglich auch die selbst­organisierte Siedlerbewegung, die an den Stadträndern – zunächst illegal – einfache Häuser mit Gärten zur Selbstversorgung errichtete. Doch schon bald fiel die Entscheidung für groß angelegte innenstadtnahe Gemeindebauten. Als Gründe wurden die höheren Erschließungskosten des Umlandes genannt, wichtig war aber wohl auch die Angst vor einer Entproletarisierung der Ar­beiterinnen und Arbeiter sowie fehlende Kontroll- und Einflussmöglichkeiten durch die Partei in den selbstorganisierten Siedlungen. Denn der Wohnbau sollte nicht nur die Wohnungsnot lindern und gesunde Lebensbedingungen schaffen, sondern auch das proletarische Bewusstsein schärfen und die Arbeiter politisieren. Die Gemeindebauten waren von Institutionen der Stadt Wien – und damit kaum zu trennen von der Partei – organisiert. Besonders in den größeren Neubauten gab es eine Vielzahl von Einrichtungen und Gemeinschaftsräumen, etwa Poststationen, Gesundheitszentren, genossenschaftliche Einkaufsläden, Kindergärten, Kinos, Bäder, Waschhäuser und Bibliotheken. Als Monumente des proletarischen Selbstbewusstseins wurden die Gemeindebauten abwechslungsreich und fortschrittlich von führenden Architekten Wiens erbaut.

Auch die Gemeindewohnungen selbst, die nach einem Punktesystem gemäß sozialer Bedürftigkeit vergeben wurden, waren ein großer Fortschritt gegenüber den Zinskasernen. Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten einzig Betriebs- und Unterhaltungskosten der Wohnung zahlen, da die Steuerfinanzierung keine Rückzahlung von Krediten nötig machte. Außerdem waren die Baukosten vergleichsweise gering. Die Fläche wurde billig erworben, die Stadt Wien gründete gemeindeeigene Baustofflieferanten und Baufirmen, die auch wegen der Quantität der Baumaterialien günstig arbeiten konnten, und die städtischen Transportunternehmen wurden für den Wohnbau mitgenutzt. Die Miete betrug 1926 damit gerade einmal vier Prozent des durchschnittlichen Lohns eines Arbeiters. Diese niedrigen Wohnkosten waren auch nationalökonomisch gewünscht, denn der Druck, die Löhne zu erhöhen, wurde so effektiv gesenkt. Dies war von zentraler Bedeutung, denn zu jener Zeit konnte Österreich nur als Niedriglohnstandort konkurrenzfähig bleiben.

Die Wohnungen selbst waren zwar aus heutiger Sicht eher klein, dafür besaßen sie aber üblicherweise die notwendigen sanitären Einrichtungen, waren direkt beleuchtet und belüftet. Dies alles steigerte die Lebensqualität und den gesundheitlichen Standard. Bei den Gemeinderatswahlen drückte sich die Zustimmung zu dieser Politik durch einen stetig wachsenden Stimmanteil aus, auch die Mitgliederzahlen der SDAP stiegen in Wien 1928 auf über 400 000.

Trotz dieser konkreten Erfolge konnte die Strukturkrise nicht gelöst werden. Die christsozial dominierte Bundesregierung blies 1929 zum »finanziellen Marsch auf Wien« und veränderte im Rahmen einer Zentralisierungsstrategie den Verteilungsschlüssel zwischen Bund und Ländern. Verstärkt durch die Krise, sanken so die Steuereinnahmen Wiens und viele Reformen wurden nicht weitergeführt oder sogar rückgängig gemacht. Auch das Bauprogramm verlor in den Dreißigern deutlich an Schwung. Trotz der starken Durchdringung des Lebens mit sozial­demokratischen Institutionen in Wien konnte den Angriffen der rechtsnationalen Kräfte im Februar 1934 wenig entgegengesetzt werden. Dies lag auch an der sozialdemokratischen Führung, die bis zuletzt auf Verhandlungen mit den politischen Gegnern vertraute, Angriffe der bürgerlich-klerikalen Kräfte nicht beantwortete und ihre Basis zurückhielt. Den Angriffen von Polizei, Heimwehr und Artillerie des Bundesheeres konnte nur kurz standgehalten werden – Hauptschauplätze des bewaffneten Widerstands waren die größeren Gemeindebauten. Nach wenigen Tagen war das Ende des »Roten Wien« jedoch besiegelt, die Bundesregierung verbot alle sozialdemokratischen Institutionen und Publikationen.

Das kommunale Bauprogramm wurde Mitte der Neunziger quasi eingestellt, 2004 errichtete die Stadt Wien den letzten Gemeindebau. Eine gesellschaftspolitische Utopie wird mit Wohnbaupolitik länger nicht mehr verfolgt. Hing der Erfolg der Baumaßnahmen im »Roten Wien« stark mit der gezielten Zerstörung des Wohn- und Immobilienmarktes zusammen, so arbeitet die Stadtpolitik heute vor allem mit privaten Investoren zusammen. Fehlender Wohnraum und steigende Mieten sind die Folge, grundlegende Alternativen zu einer marktförmigen Organisation der Wohnungs­politik vergessen. Wenn Steine reden könnten, wären die Wiener Gemeindebauten eine gute Gelegenheit, um sich an die Erfahrungen des »Roten Wien« zu erinnern und Möglichkeiten und Grenzen einer alternativen Kommunal- und Wohnungspolitik zu diskutieren.

Donnerstag, 11. September 2014

Politisch improvisiert

Der Tod Lindsay Coopers vor einem Jahr wurde hierzulande kaum zur Kenntnis genommen. In Großbritannien wird ihr zu Ehren die legendäre Avantgarde-Band Henry Cow noch einmal zusammenkommen.
 
von Udo Wolter, Jungle World, 11. September 2014
Als die Fagottistin, Multiinstrumentalistin, Komponistin und linke Feministin Lindsay Cooper am 18. September vergangenen Jahres ihrer langjährigen Erkrankung erlag, wurde dies in den hiesigen Feuilletons nicht einmal registriert. In ihrem Herkunftsland Großbritannien widmeten ihr immerhin Guardian und Independent ausführliche Nachrufe, Ende dieses Jahres werden ihre musikalischen und politischen Weggefährten zwei Gedenkkonzerte geben.

Dabei wird, über 35 Jahre nach ihrer Trennung, auch die legendäre Avantgarde-Rockband Henry Cow noch einmal auftreten, mit der Lindsay Cooper bekannt wurde. Neben Soft Machine in ihrer Frühphase mit Robert Wyatt waren Henry Cow das wohl avancierteste und experimentierfreudigste Ensemble der sogenannten Canterbury-Szene, deren locker verbundene Bands sich meist irgendwo zwischen Progressive Rock und Jazz bewegten (Jungle World 34/2006). Die 1968 gegründete Band, zu deren früher Kernbesetzung der Avantgarde-Gitarrist Fred Frith, Saxophonist Tim Hodgkinson und Schlagzeuger Chris Cutler gehörten, verband Progrock mit Einflüssen aus Neuer Musik, Anleihen bei Brecht, Weill und Eisler, Zappaeskes, Free-Jazz und elektronischen Klangexperimenten zu einer ebenso eigenwilligen wie bis heute herausfordernden musikalischen Neuschöpfung. Henry Cow hatten sich im Zuge des Aufbruchs der Neuen Linken gegründet und verstanden sich zumindest zeitweise als kommunistisches Kollektiv.

Ein Leben zwischen Politik und Musik: Lindsay Cooper 1978
Ein Leben zwischen Politik und Musik: Lindsay Cooper 1978 (Foto: Rec Rec Shop / Doris Stauffer)
 
Lindsay Cooper stieß 1974 dazu. Sie hatte nach ihrer klassischen Musikausbildung bereits mit der progressiven Folkrock-Band Comus gespielt und war darüber mit der Canterbury-Szene in Kontakt gekommen. Die Multiinstrumentalistin spielte Oboe, Saxophon, Flöte und Klavier – ihr Hauptinstrument aber war das Fagott, mit dem sie zum unverwechselbaren Sound von Henry Cow beitrug. Kompositorisch hatte sie große Bedeutung in der Band, die Hälfte von »Western Culture«, der letzten Platte von Henry Cow, stammt aus ihrer Feder. Die Einführung des Fagotts als Soloinstrument in einen experimentellen Rock- und Jazz-Kontext war bereits an sich bemerkenswert, schließlich gilt das Fagott bis heute als eher unbewegliches Soloinstrument. Cooper spielte es mit elektrischer Verstärkung und Effektgeräten, ähnlich wie Miles Davis es in den siebziger Jahren mit der Trompete getan hatte.

Über das komplizierte Verhältnis zwischen ästhetischer und politischer Praxis bei Henry Cow und über Lindsay Coopers Bedeutung für die Band geben unter anderem die ausführlichen Texte ehemaliger Bandmitglieder im Begleitheft zur 2008 veröffentlichten »Henry Cow 40th Anniversary Box« Auskunft. Gemäß ihrem antihierarchischen Anspruch teilte sich die Gruppe ihre Einkünfte gleichmäßig mit der auf ihren ausgedehnten Touren mitreisenden Entourage. Nach Abzug der Kosten, die nötig waren, um das Equipment inklusive Tourbus funktionsfähig zu halten, blieb für Musiker und Crew allerdings oft wenig bis nichts übrig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Nachdem musikalische Differenzen zur Beendigung des Vertrags mit Virgin Records geführt hatten – der experimentelle Stil von Henry Cow war dem Management von Virgin nicht einträglich genug –, organisierte und produzierte die Band Konzerte und Platten selbst, um eine zumindest prekäre wirtschaftliche Tragfähigkeit zu ermöglichen. Henry Cow begründeten so das Prinzip der Independent-Vermarktung von Rockgruppen mit und riefen mit »Rock in Opposition« (R.I.O.) ein Netzwerk musikalisch und politisch ähnlich gesinnter Gruppen ins Leben, das mit Unterbrechungen bis heute existiert.

Im Laufe ihrer Karriere verlegten Henry Cow den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten immer mehr von Großbritannien nach Kontinental­europa, wo die Band von der freien Musikszene und ihrem Publikum positiv aufgenommen wurde. Vor allem spielten Henry Cow bei zahlreichen Kulturfestivals mehr oder weniger radikaler linker Parteien in ganz Europa, besonders in Italien. Dort tourten sie nicht nur ausgiebig auf Einladung der PCI-Zeitung L’Unita, sondern spielten auch im Rahmen von Veranstaltungen zahlreicher, untereinander oft verfeindeter linksradikaler Gruppen.
Politisch bewegten sich Henry Cow innerhalb der Ideologien, die die damalige linksradikale Szene bestimmten. Darunter auch der Maoismus, wovon etwa die auf ein bekanntes Mao-Zitat anspielende Cooper-Komposition »Half the Sky« auf »Western Culture« zeugt. Zum linken Selbstverständnis gehörte auch der kollektivistische Anspruch, die eigenen politischen Ansprüche im Alltag zu verwirklichen. Die ehemalige Henry-Cow-Bassistin Georgina Born, heute Hochschullehrerin für Musik, Kultur- und Sozialwissenschaften, schreibt in einem Essay über das Politikverständnis der Band, das Resultat ihres kollektivistischen Anspruchs sei ein »widerborstiges autoritäres Totem oder Denkgebäude« gewesen, das oft wenig Raum für interne Differenzen und Dissens innerhalb der Gruppe gegeben habe. Allerdings habe sich die Gruppe mit ihrem autoritären Kollektivismus und ihrem zumindest teilweisen Scheitern an den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen als durchaus typisch für die politisch-kulturelle Linke der siebziger Jahre erwiesen. Das gilt wohl auch für die Gender-Aspekte der politischen und persönlichen Konflikte, die sich innerhalb der Gruppe immer wieder ergaben, deren männliches Kerntrio aus Frith, Cutler und Hodgkinson von Born ironisch als »Zentralkomitee« der Band charakterisiert wird.

Für Lindsay Cooper bedeutete dies, sich nicht nur als erste Frau, sondern als erklärte lesbische Feministin in eine bereits existierende Gruppenstruktur zu begeben, die bis dahin eine reine Männersache gewesen war. Chris Cutler bekennt in seinem Beitrag zum Booklet der »Henry Cow 40th Anniversary Box«, er könne sich bis heute nicht vorstellen, wie das für sie gewesen sein muss. Nach Coopers Eintritt entwickelten sich Henry Cow sukzessive zu einer geschlechterparitätisch besetzten Band, was in der Jazz- und Rockszene bis heute relativ selten ist. Außer Cooper und Born stieß als Ergebnis einer zeitweiligen Verschmelzung von Henry Cow mit dem Trio Slap Happy zeitweise die Sängerin Dagmar Krause zur Band, kurz vor der Auflösung von Henry Cow auch noch die Posaunistin Anne-Marie Roelofs. Lindsay Cooper bezeichnete die Jahre mit Born und Krause ab 1975 einmal als das »Golden Age« von Henry Cow.

Im Gegensatz zu ihrem dem Mainstream der Siebziger-Jahre-Linken verhafteten Politikverständnis setzten Henry Cow musikalisch allerdings ganz andere Maßstäbe. Mit ihren experimentellen Auftritten bildeten sie den denkbar größten Gegensatz zu den Agitprop-Bands und Politbarden, die die Veranstaltungen und Festivals linker Parteien und Organisationen dieser Zeit bevölkerten. Georgina Born beschreibt die kulturell-politische Position von Henry Cow als nicht nur an Brecht, Weill und Eisler orientiert, sondern in musikalischer Hinsicht von einer »materialistischen Ästhetik« im Sinn eines »adornitischen Modernismus« geprägt, was von Chris Cutler bestätigt wird. Born mutmaßt allerdings zu Recht, dass Henry Cow dieses Konzept auf ein musikalisches Feld übertrugen, für das Theodor W. Adorno selbst es niemals geltend gemacht hätte. Tatsächlich hatte sich Adorno sehr kritisch über Versuche geäußert, Popmusik mit politischem Protest oder Gesellschaftskritik zusammenzubringen, was er schon wegen des kulturindustriellen Charakters des Pop als zum Scheitern verurteilt sah. Auf den Avantgardismus von Henry Cow trifft dieses Verdikt allerdings kaum zu. Hier war eine gegenläufige Dialektik am Werk, bei der die aus den Siebziger Jahren stammende linke Ideologie der Gruppe durch eine ästhetische Strategie gebrochen wurde, die die Autonomie des Kunstwerks gegen jede kulturindustrielle Zurichtung wahrte.

Bei der Musik von Henry Cow handelte es sich keineswegs um sauertöpfische Exerzitien eines Haufens notorisch übelgelaunter Kritiker. Die Gruppe zeigte auch musikalisch durchaus Sinn für Komik, vor allem der eher absurden Art – kaum zufällig findet sich im Repertoire von Henry Cow mit »Viva Pa Ubu« auch eine Hommage an Alfred Jarry, einen Wegbereiter des Dadaismus.
Lindsay Cooper war noch Mitglied von Henry Cow, als sie zusammen mit Maggie Nichols, Sally Potter, Irene Schweizer und Georgina Born die »Feminist Improvising Group« (FIG) gründete, die freie Improvisation mit politischer Aktion verband. FIG waren nicht nur eines der ersten ausschließlich weiblichen Musikerkollektive in der männerdominierten freien Jazzszene, sondern thematisierten bei ihren Auftritten weibliche Alltagserfahrungen und die daraus folgende Kritik der Geschlechterverhältnisse ebenso wie weibliche und lesbische Sexualität. Dabei wurden theatralische Mittel wie Parodie und Verkleidungen in einer Weise eingesetzt, die heute wohl als Queer-Performance bezeichnet würde. Seitens ihrer männlichen Kollegen und der Jazzkritik ernteten FIG großteils scharfe und von Ressentiments durchsetzte Kritik: Sie spielten »technisch mangelhaft«, ja »dilettantisch« und ließen überhaupt den nötigen Ernst bei der musikalischen Sache vermissen. Bezeichnenderweise schallte es FIG dagegen aus der feministischen Szene entgegen, ihre Musik sei zu virtuos und abstrakt, ja unzugänglich und elitär.

In solchen Reaktionen spiegelte sich auch das Elend eines verbreiteten bewegungslinken Kulturverständnisses. In der linken Musikszene, die sich zum Ziel setzt, die mutmaßlich revolutionären Massen zu bewegen, schmeißt man sich bis heute gern an den vermuteten Publikumsgeschmack heran. Die Ergebnisse unterbieten oft noch das Niveau dessen, was die Kulturindustrie als massentauglich durchsetzt. Während sich der musikalische Populismus der Linken so mit der als kapitalistisch kritisierten Kulturindustrie und ihren falschen Tröstungen uneingestanden gemein macht, setzten Henry Cow und andere Projekte, an denen Cooper sich beteiligte, auf eine konfrontative musikalische Ästhetik, die Offenheit und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung erfordert. Solch avancierte Musik auch einem unvorbereiteten Publikum zuzumuten, ist keineswegs elitär. Elitär ist eher die Vorstellung, bei der ästhetischen Avantgarde handle es sich um eine rein bildungsbürgerliche Veranstaltung, mit der man »der Klasse«, oder, wie heutige Linke es vielleicht formulieren würden, den »Subalternen« nicht kommen dürfe.

Auch in Aufsätzen und Interviews kritisierte Lindsay Cooper die Geschlechterverhältnisse und den Sexismus in allen Bereichen des Musikbetriebs und versuchte, aus dieser Kritik Konsequenzen für eine andere musikalisch-ästhetische Praxis zu ziehen. Allerdings äußerte sie sich allerdings kritisch gegenüber essentialistischen Definitionen weiblicher Identität und wandte sich gegen jede »übergreifende Definition ›feministischer Musik‹«.

Neben ihrer Arbeit mit Henry Cow und FIG gab Cooper auch zahlreiche Gastauftritte bei anderen Canterbury-Bands wie Hatfield and the North, Egg, National Health und dem durch die anarchistischen Spacerocker Gong bekannten Gitarristen Steve Hillage, die alle zugänglichere, aber deshalb nicht unbedingt qualitativ mindere Musik spielten.

Nach der 1978 erfolgten Auflösung von Henry Cow wirkte Cooper als Gastmusikerin auf dem ersten Album des Nachfolgeprojekts Art Bears mit, deren Aufnahmen teils noch als Henry Cow im Studio entstanden. 1983 gründete sie zusammen mit Cutler und Krause sowie der amerikanischen Harfenistin Zeena Parkins das stilistisch und politisch in der Tradition von Henry Cow stehende Projekt »News from Babel«.

Ein weiterer, eng mit ihren linken und feministischen Positionen verbundener Teil im Werk von Lindsay Cooper ist ihre Filmmusik. Das Album »Rags« etwa entstand als Musik für den Film »The Song of the Shirt«, der sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen sowie dem Widerstand von Frauen in den Sweatshops der Textilindindustrie um 1840 befasst. Lindsay Cooper recherchierte dafür eigenen Aussagen zufolge ausgiebig zeitgenössische Bänkellieder und andere Straßenmusik und bearbeitete dieses Material für ihre Filmmusik. Viele ihrer Filmmusiken entstanden in Zusammenarbeit mit ihrer engen Freundin, FIG-Mitbegründerin, Filmemacherin und Sängerin Sally Potter. Ab den achtziger Jahren war Cooper in der globalen Avantgardeszene aktiv, woraus zahlreiche Kooperationen mit Musikern wie Zeena Parkins, Alfred Harth, Phil Minton, Mike Westbrook, Lol Coxhill, John Zorn und David Thomas von Pere Ubu resultierten.

In enger Zusammenarbeit mit Sally Potter als Textautorin und Sängerin entstand auch Lindsay Coopers Songzyklus »Oh Moscow«, eine politisch-poetische Reflexion über den Kalten Krieg. Das Werk wurde 1987 uraufgeführt, Lindsay Cooper ging mit »Oh Moscow« anschließend fast fünf Jahre weltweit auf Tour, während die darin thematisierte politische Spaltung Europas sich buchstäblich vor den Augen der Musiker und ihres Publikums aufzulösen begann. Musikalisch gehört »Oh Moscow« zu den zugänglicheren Arbeiten Coopers, als zeithistorisches künstlerisches Dokument ist es sicher einzigartig. Bis zum krankheitsbedingten Ende ihrer Karriere unternahm Cooper weitere solcher politisch-musikalischen Reflexionen über das Zeitgeschehen, etwa Anfang der neunziger Jahre mit »Sahara Dust« über den damaligen Golfkrieg und 1994 mit dem Stück »Nightmare« für das von verschiedenen Künstlern getragene Gemeinschaftsprojekt »Sarajevo Suite«. Schließlich trat sie auch als Komponistin von moderner Kunstmusik und Choreographien hervor, darunter mit ihrem »Concerto for Sopranino Saxophone and Strings«.

Vermutlich bereits Ende der siebziger Jahre, noch während der Endphase von Henry Cow, wurde bei Lindsay Cooper Multiple Sklerose diagnostiziert. Sie hielt das Wissen um ihre Erkrankung selbst vor ihren engsten Freunden und Bandmitgliedern so lange wie möglich geheim, weil sie befürchtete, ständig darauf angesprochen oder gar auf ihre Krankheit reduziert zu werden. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand zusehends, so dass sie nach und nach alle ihre Aktivitäten aufgeben musste und schließlich bis zu ihrem Tod mit finanzieller Unterstützung ihres Freundeskreises in ihrer Wohnung gepflegt wurde.

Zu den Gedenkkonzerten in London (21. November) und Huddersfield (22. November) werden neben den verbliebenen Mitgliedern von Henry Cow auch zahlreiche weitere der erwähnten Musiker zusammenkommen, um dort auch Coopers Filmkompositionen, Musik von »News from Babel« und schließlich den Zyklus »Oh Moscow« noch einmal aufzuführen. Chris Cutler kündigte an, aus diesem Anlass auch eine Doppel-CD mit vergriffenem und unveröffentlichtem Material von Lindsay Cooper herauszubringen.

Mittwoch, 10. September 2014

Klassenkämpfer wider Willen

Die KPD und der Antisemitismus zur Zeit der Weimarer Republik.
 
von Olaf Kistenmacher, Jungle World, 14.07.2011


Eine bekannte Fotografie zeigt Walter Ulbricht, den späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR, KPD-Mitglied seit 1918 und seit 1928 deren Reichstagsabgeordneter, im Januar 1931 auf einer NSDAP-Versammlung in Berlin-Friedrichshain. Im Vordergrund ist Joseph Goebbels zu sehen (1). Auf solche aus heutiger Sicht befremdlichen Zusammentreffen wie auch auf kurzfristige Kooperationen beider Parteien beim BVG-Streik 1932 wird mitunter hingewiesen, um die Gefahr einer »Querfrontpolitik« zu verdeutlichen (etwa Angela Marquardt in Jungle World 33, 1998). Der Inhalt von Ulbrichts damaliger Rede ist hingegen bis heute wenig bekannt. Die Tageszeitung Die Rote Fahne, das Zentralorgan der KPD, veröffentlichte sie 1931. In diesem Protokoll ist auch folgender Wortwechsel Ulbrichts mit einem anonymen Zwischenrufer dokumentiert: »Am 21. Januar stimmten die Naziführer für die Subventionen der Mansfeld-AG von 7 Millionen Mark. Die Herren Otto Wolff, Jakob Goldschmidt und Co. (Zwischenruf: der Jude Otto Wolff, der Jude Goldschmidt). Jawohl, dem jüdischen hundertfachen Millionär Otto Wolff wurden noch weitere Millionen geschenkt, aber dafür haben die nationalsozialistischen Führer gestimmt.« (2)

In der Ulbricht-Werksausgabe der DDR fehlt dieser Wortwechsel, der Ulbrichts Unwillen belegt, dem antisemitischen Ressentiment offen zu widersprechen. Seit dem 19. Jahrhundert hatte die sozialistische und kommunistische Linke stets gegen Judenfeindschaft Partei ergriffen. Die Rote Fahne druckte in den Jahren der Weimarer Republik August Bebels, Friedrich Engels’ oder Wladimir I. Lenins Pamphlete gegen den Judenhass (3). Gleichwohl schien Ulbrichts Reaktion mit der Linie der Partei vereinbar zu sein. Für die politische Auseinandersetzung ist es von zweitrangiger Bedeutung, ob man Ulbricht selbst judenfeindliche Ressentiments attestiert oder nicht. Wichtiger ist die Frage nach der Tradition, in der seine Reaktion stand. Anhand der Berichterstattung der Roten Fahne lässt sich nachzeichnen, wie sich die zwiespältige Haltung der KPD zur »Judenfrage« gleichsam von selbst entwickelte – ohne dass dies einzelnen Akteuren bewusst oder von ihnen beabsichtigt gewesen sein mochte.

Die Politik der KPD in der Spätzeit der Weimarer Republik wird üblicherweise mit der These von einer »Stalinisierung« der Partei erklärt. Doch trotz aller Kurswechsel, die die KPD in diesen Jahren vollzog, und trotz der immensen Fluktuation von Mitgliedern in den letzten Jahren der Weimarer Republik – in manchen Ortsgruppen wechselte die Mitgliederschaft zu 100 Prozent – wies die Darstellung von »Juden« in den Veröffentlichungen der KPD eine bemerkenswerte Kontinuität auf. Zwar standen die einschlägigen Artikel nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung. Aber sie stellten »Juden« doch meist als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse dar. Dadurch konnte die KPD an der Deutung festhalten, Judenfeindschaft sei nichts als der »Sozialismus der dummen Kerls« (4). Außerdem konnte so die Hoffnung genährt werden, hinter der Feindschaft gegen »die Juden« stecke ein antikapitalistisches Potential, das im Sinne des Kommunismus genutzt werden könne.

»Hakenkreuzparade vor Hakennasen«

Was in dem Wortwechsel zwischen Ulbricht und der Person im Publikum lediglich anklingt, hatte Ruth Fischer acht Jahre zuvor drastischer ausgedrückt. Auf einer KPD-Veranstaltung, zu der »besonders die völkischen Gegner« eingeladen waren, hatte Fischer, Mitglied der Parteizentrale, des späteren Zentralkomitees, 1923 ihr Publikum mit den Worten zu gewinnen versucht: »Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner … ?« (5)

1923 sollte nach dem Plan der Dritten Internationale in Deutschland die Revolution stattfinden. Die KPD versuchte deshalb, über ihre klassische Klientel hinaus Anhänger zu gewinnen – auch unter Nationalisten und Antisemiten. Anders als Ulbrichts Rede von 1931 fand sich Fischers Rede nicht in der Roten Fahne, obwohl diese über die Veranstaltung Folgendes berichtete: »Am Schluss rief Ruth Fischer den Studenten, die hartnäckig nach dem Großen Mann verlangt hatten, zu: ›Der Gigant, der Deutschland befreien wird, ist da! Ihr seht ihn nicht! Der Gigant ist das deutsche Proletariat, zu dem Ihr gehört, und mit dem Ihr gehen sollt!‹ – Dann lauter Beifall von allen Seiten, und die Gegner schieden, nicht gerade versöhnt, aber mit dem Gefühl gegenseitiger Achtung.« (6)

Es war der Rätekommunist Franz Pfemfert, der 1923 in seiner Zeitschrift Die Aktion Fischers Rede in Auszügen zitierte. Pfemfert hatte im Ersten Weltkrieg eine Splittergruppe namens Antinationale Sozialistische Partei Deutschlands (A.S.P.) ins Leben gerufen. 1918/19 war er auf dem Gründungsparteitag der KPD dabei, verließ die Partei aber nach kurzer Zeit. Als antinationaler Rätekommunist kritisierte Pfemfert sie seitdem für den Bolschewismus, den Stalinismus und wies auf antisemitische Tendenzen in der Partei hin (Birgit Schmidt in Jungle World 23, 2004). Doch erst der Vorwärts, die Tageszeitung der SPD, lenkte durch eine neue Überschrift (»Ruth Fischer als Antisemitin«) die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt, als sie Pfemferts Bericht im August 1923 wiedergab (7).

Ruth Fischers Argumentation unterschied sich vor allem durch die drastische Wortwahl von dem, was zur gleichen Zeit in der Roten Fahne zu lesen war. Im Sommer 1923 diskutierten dort Karl Radek, der Vertreter der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Deutschland, und andere KPD-Vertreter mit dem bekannten Nationalsozialisten Ernst Graf von Reventlow. Radek gab Reventlow recht, dass die deutschen Industriebosse »mit den jüdischen Kapitalisten zusammen Deutschland« beherrschten, und versprach, sofern die kommunistischen Arbeiter mit den nationalistischen kleinbürgerlichen Massen vereint kämpften, »ein Ende der Herrschaft der beschnittenen und unbeschnittenen Kapitalisten« (8). Paul Frölich, der spätere Biograph Rosa Luxemburgs, zitierte Reventlows Aussage zustimmend: »Der Volksstaat soll an Vollbürgern alle Arbeitenden und arbeitsunfähig Gewordenen begreifen, aber nur sie. Die übrigen sind Drohnen, somit Schädlinge.« (9)

In ihrer Haltung zur »Judenfrage« stand die KPD in der Tradition der SPD des 19. Jahrhunderts. Die SPD hatte antisemitische Parteien bekämpft und Judenhass verurteilt. Gleichwohl gab sich August Bebel in seiner Rede auf dem Kölner Parteitag 1893 zuversichtlich, dass die Judenfeindschaft »schließlich wider Willen revolutionär werden« müsse (10). Wilhelm Liebknecht sagte bei gleicher Gelegenheit: »Ja, die Herren Antisemiten ackern und säen, und wir Sozialdemokraten werden ernten. Ihre Erfolge sind uns also keineswegs unwillkommen.« (11) Im »ABC des Kommunismus«, einem Grundlagenwerk für neue KPD-Mitglieder, das 1920 auf Deutsch erschien, schrieben Nikolaj I. Bucharin und Jewgenij A. Preobraschenskij, die herrschende Klasse benutzte die Judenfeindschaft, um »die Empörung der unterdrückten Arbeiter und Bauern von Gutsbesitzern und Bourgeoisie ab-, gegen die ganze jüdische Nation zu lenken« (12). Ähnliches stand wiederholt in der Roten Fahne (13). Demnach begriff Judenfeindschaft zwei Komponenten in sich: auf der einen Seite eine Ideologie, die die herrschende Klasse propagierte und die die Kommunisten zu bekämpfen hatten, und auf der anderen Seite eine noch unreife »Empörung« der einfachen Bevölkerung, an die die KPD anknüpfen müsse. Oder mit den Worten Ruth Fischers: Wer »gegen das Judenkapital aufruft«, befinde sich bereits im Klassenkampf, wenn auch vielleicht unbewusst.

In der Diskussion mit dem Antisemiten Reventlow bediente sich Karl Radek 1923 eines Arguments, das vor allem in der Phase von 1928 bis 1933 wiederkehren sollte. Er warnte, dass nach einem faschistischen Staatsstreich in Deutschland dasselbe passieren werde wie in Ungarn, wo »Graf Bethlen mit der jüdischen Börse seinen Frieden macht« (14). Eine Sonderausgabe der Roten Fahne fasste diese Warnung in eine griffige Zeichnung: Am Rande einer nationalsozialistischen Demonstration stehen zwei Männer mit für antisemitische Karikaturen typischen Merkmalen. Beide haben Hakennasen, wulstige Lippen und halb geschlossene Augenlider und sehen trotz eleganter Kleidung schmutzig aus. Die Überschrift lautet: »Hakenkreuzparade vor Hakennasen. Eine wahre Begebenheit. Geld stinkt nicht oder: So sieht ihr Antisemitismus aus!« (15) Durch diese Wortwahl erweckte die Karikatur den Eindruck, die Abbildung zeige nicht nur ein zufälliges Ereignis, sondern das wesentliche Verhältnis zwischen Nationalsozialisten und »jüdischen Großindustriellen«. In den Jahren zwischen 1928 und 1933 brachte die Rote Fahne Überschriften wie »Juda soll nicht verrecken! Nazianleihe für Warenhäuser. So sieht der Kampf der Nazis gegen Zinsknechtschaft und jüdisches Warenhaus-Kapital in Wirklichkeit aus«, »Ein Nazi spitzelt für den jüdischen Chef«, »Nazis als Helfer des ›jüdischen‹ Kapitals« oder »Nazis für jüdisches Kapital«. Die Anführungszeichen in der Überschrift »Nazis als Helfer des ›jüdischen‹ Kapitals« zeigen, dass der Redaktion bewusst war, wie problematisch der Ausdruck »jüdisches Kapital« war, was sie aber nicht daran hinderte, ihn zu verwenden.

Von 1924 bis 1928 hatte die Zahl solcher Darstellungen abgenommen. Aber sie waren nicht verschwunden. Auch in der Phase der Stabilisierung der Weimarer Republik versuchte die Rote Fahne völkischen Parteien nachzuweisen, dass diese im Dienste des Kapitals ständen und ihrer Klientel nichts bieten könnten. Ein Wahlplakat, das die Rote Fahne 1924 zum Ausschneiden abdruckte, war mit der ironischen Überschrift versehen: »Die neuesten Arbeiterfreunde oder wie die Völkischen das Kapital bekämpfen« (16). Ein anderes Wahlplakat wurde noch deutlicher: »›Judengeld stinkt nicht!‹ Einiges über die Geldquellen der Völkischen. Was die völkisch-vaterländische Partei kostet und wer sie bezahlt« (17). Das Plakat war wie eine Zeitungsseite mit einem langen Artikel gestaltet. Der erklärte aber nicht, von wem das angebliche Zitat »Judengeld stinkt nicht!« stammte. Die Botschaft war trotzdem deutlich: Die völkische Partei sei nicht nur eine Partei des Kapitals, sondern nehme »Judengeld«.

Vom Proletariat zum »arbeitenden Volk«

Nach Aussage ehemaliger KPD-Mitglieder wie Hans Jäger, der die Anti-Nazi-Arbeit der KPD leitete, oder Karl Retzlaw war der Antisemitismus auch in den Jahren von 1928 bis 1933 »kein Problem, das die Partei besonders beschäftigte« (18). Erst 1932 erschien die einzige diesbezügliche Erklärung des Zentralkomitees, betitelt »Kommunismus und Judenfrage«. Das ZK bezeichnete darin zwar den Antisemitismus als eine der »wichtigsten Agitationswaffen« der NSDAP. Doch die KPD blieb bei der Position, der Antisemitismus sei lediglich ein Propagandainstrument der herrschenden Klassen, um »die werktätigen Massen zu verwirren und vom Klassenkampf abzuhalten« (19). Entsprechend versuchte Ulbricht auf der NSDAP-Versammlung, dem Publikum den Weg in den Klassenkampf zu weisen. Die deutschen Großunternehmer bezeichnete er als »Handlanger der internationalen Hochfinanz«, und der NSDAP-Führung hielt er vor, die Interessen des Kapitals zu vertreten. Entsprechend schloss Ulbricht mit dem Aufruf: »Vor jedem nationalsozialistischen Arbeiter, Angestellten und Kleingewerbetreibenden steht die Frage: Mit den Kommunisten gegen die Kapitalshyänen, gegen die deutschen Sklavenhalter des internationalen Finanzkapitals, gegen die Wucherer und Schieber, oder mit den Kapitalisten und mit den nationalsozialistischen Führern gegen die revolutionären Arbeiter.« (20)

Der »Sieg des arbeitenden Volkes«, behauptete Ulbricht, sei »gleichzeitig der siegreiche Kampf um die nationale Befreiung des deutschen Volkes«. Diese Aussage entsprach dem 1930 verabschiedeten Programm der KPD zur »nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes«, war aber historisch nichts Neues. Bereits Anfang der zwanziger Jahre bezog sich die KPD positiv sowohl auf die deutsche Arbeiterklasse wie auch auf das deutsche »Volk«. Rosa Luxemburgs antinationale Position hatte nicht einmal in den frühen Jahren der Weimarer Republik einen wesentlichen Einfluss auf die Politik der KPD. 1932 ironisierte die Rote Fahne Luxemburgs Position in einer Überschrift als »Rosa Fehler« (21). Von Mitte der zwanziger Jahre an kam die antiimperialistische Glorifizierung »nationaler Befreiungsbewegungen« hinzu. Die Komintern erweiterte den berühmten Aufruf aus dem »Kommunistischen Manifest« mit den Worten: »Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!« (22)

Die Pointe des »Programms zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« bestand darin, sich im Gegensatz zur NSDAP als die eigentlich nationale Partei zu präsentieren. Der NSDAP wurde »nationalverräterische(r)« Faschismus vorgeworfen. Die KPD attestierte ihr, weder national noch sozialistisch noch eine Arbeiterpartei zu sein: »Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, sie seien eine ›nationale‹, eine ›sozialistische‹ und eine ›Arbeiter‹partei. Wir erwidern darauf, dass sie eine volks- und arbeiterfeindliche, eine antisozialistische, eine Partei der äußersten Reaktion, der Ausbeutung und Versklavung der Werktätigen sind.« (23) Die Nationalsozialisten würden sich am »Hoch- und Landesverrat an den Lebensinteressen der arbeitenden Massen Deutschlands« beteiligen.
Zu diesem Nationalismus kam ein zweites Motiv. In der kommunistischen Presse war es üblich, die Herrschaft des Kapitals als Herrschaft von Kapitalisten darzustellen. Ein solcher personifizierter Antikapitalismus schien einfache Lösungen dafür anzubieten, wie die kapitalistische Gesellschaft überwunden werden könne – nämlich indem die Kapitalisten beseitigt würden. Auf der Titelseite zeigte die Rote Fahne 1925 einen muskulösen Arbeiter, der mit nacktem Oberkörper in einer Fabriklandschaft steht. In seinen kräftigen Händen hält er zwei kleine, dickliche Menschen, durch ihre Kleidung als Industriekapitalist und Großgrundbesitzer zu erkennen. Daneben ist zu lesen: »Entfernt die Parasiten. Wählt Kommunisten« (24). Eine wirkliche Aufhebung des Kapitalismus würde, schreibt Moishe Postone in seiner Darstellung der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie, auch die Abschaffung der proletarischen Arbeit und damit des Proletariats bedeuten. Der traditionelle Marxismus hingegen nahm die Produktionsweise des industriellen Kapitalismus nicht einfach nur als Tatsache hin, sondern ging davon aus, dass »die Produktionsweise des Sozialismus wesentlich die gleiche sein werde wie die des Kapitalismus: Das Proletariat und seine Arbeit werden im Sozialismus ›zu sich selbst kommen‹« (25). Wie die Redeweise von den »Parasiten« deutlich macht, reproduzierte ein solcher Antikapitalismus biologistische Vorstellungen, wonach es einen vermeintlich gesunden, nützlichen Bereich der Produktion gebe – an dem sich die Kapitalisten wie »Parasiten« bereicherten.

Die Wiederentdeckung der »Judenfrage«

Weder aus dem Nationalismus noch aus dem personifizierten Antikapitalismus folgte aber notwendig eine antisemitische Position. Dazu brauchte es als drittes Element das Stereotyp, »die Juden« unterhielten zum Kapital eine besondere Affinität, die sie von »den Deutschen« unterscheide. Solche Vorstellungen waren in der Weimarer Republik weit verbreitet. Dass »Juden« zu einer »semitische(n) Rasse« gehörten, stand auch im »ABC des Kommunismus« (26). Und dass Juden eine besondere Affinität zum Geld hätten, ließ sich, wenn man wollte, schon den marxistischen Klassikern entnehmen. Marx hatte 1843 in »Zur Judenfrage« den »wirklichen Juden« durch »praktisches Bedürfnis«, »Eigennutz«, »Geld« und »Schacher« definiert. Die Rote Fahne druckte 1923 Auszüge aus diesem Text unter der Überschrift: »Karl Marx: Zur Judenfrage. Den Nationalsozialisten ins Stammbuch« (27). Der österreichische Kommunist Otto Heller, der von Mitte der zwanziger Jahre an in Berlin für die Rote Fahne arbeitete, kündigte 1931 in seinem Buch »Der Untergang des Judentums« dessen historisches Ende an. Mit »Judentum« meine er nicht »Juden schlechthin«, auch nicht die Religion, sondern den »Untergang des spezifischen sozialen Typs (…), des durch die Besonderheit der jüdischen Geschichte entstandenen jüdischen Händlers und aller, durch diesen besonderen Ablauf bedingten Begleiterscheinungen seiner Existenz« (28).

Für das ZK war die »Judenfrage« in Deutschland 1932 ebenfalls eine »soziale Frage«, die auf »der besonderen sozialen Geschichte der Juden« beruhte, weil deren »soziale Schichtung der der übrigen deutschen Bevölkerung nicht entspricht, ›anormal‹ ist, woraus die besonderen Konflikte zwischen Juden und Nichtjuden« entständen (29). Die kommunistische »Lösung« dieses Problems bestand in der Sowjetunion darin, aus »Juden« Arbeiter und Bauern zu machen. 1928 erklärte die Sowjetunion das fernöstliche Gebiet Birobidjan zu einer autonomen jüdischen Verwaltungseinheit. Hellers Buch enthält auch einen ausführlichen Reisebericht aus Birobidjan. Begeistert schildert er, dass die Jüdinnen und Juden dort keine »Juden« mehr seien: »Die Leute waren richtige Bauern. Hätten sie nicht jüdisch gesprochen, man hätte nicht geahnt, bei Juden zu sein. Vor allem die Großmutter machte den Eindruck einer behäbigen Bauersfrau.« (30)

Dass antisemitische Vorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig waren, kann zwar erklären, warum sie sich auch in der Roten Fahne finden. Aber nicht, warum sie in der Roten Fahne sogar weiterentwickelt wurden. Die Karikatur »Hakenkreuzparade vor Hakennasen« bediente sich antisemitischer Stereotype in einem Zusammenhang, der einer linken und antifaschistischen Tagezeitung vorbehalten war. Vom »jüdischen Kapital« konnten noch sowohl Mitglieder der KPD wie auch der NSDAP sprechen. Aber dass »Hakenkreuz« und »Hakennasen« eine Einheit bildeten, diese Behauptung blieb für die sich antifaschistisch verstehende Linke reserviert. In den Jahren von 1929 bis 1933 tauchte diese Argumentation in mehreren Varianten wieder auf. So lautete eine Überschrift der Roten Fahne 1929: »Hinter den Kulissen der Hitler-Partei! ›Arbeiterpolitik‹ der Nationalsozialisten. Ehemaliger Bezirksleiter der NSDAP enthüllt die Verbindungen der Nationalsozialisten zu Großkapital und zu den Bombenattentätern – Jüdische Kapitalisten als Geldgeber.« (31) Hermann Remmele, Mitglied des Zentralkomitees der KPD, behauptete auf einer Diskussionsveranstaltung mit Joseph Goebbels 1930, die NSDAP verzichte seit kurzem auf den Schlachtruf »Juda verrecke!«: »So hat u. a. der Gauleiter von Berlin, Dr. Goebbels, einen Parteibefehl erlassen, dass der Ruf ›Juda verrecke!‹ in Zukunft nicht mehr angewendet werden dürfe. Bald danach berichtete die bürgerliche Presse, dass die nationalsozialistische Gauleitung von dem Juden Jakob Goldschmidt, einem vielfachen Millionär und Generaldirektor der Danatbank, große Geldmittel zur Verfügung gestellt bekam.« (32)

Die gleiche Behauptung hatte die Rote Fahne 1929 unter der Überschrift »Im Auftrag Jakob Goldschmidts. Goebbels verbietet: ›Juda verrecke‹« aufgestellt (33). Es ist fraglich, inwieweit sich die NSDAP zu bestimmten Zeiten aus wahltaktischen Überlegungen zurückhielt. Doch unabhängig von der Frage, ob der Antisemitismus 1929/30 im Wahlkampf der NSDAP im Vordergrund stand, war die Erklärung bemerkenswert, die die Rote Fahne und Remmele anboten: Hinter den Wahlkampfmanövern der NSDAP stehe der »Jude Jakob Goldschmidt«. Sogar Artikel, die den Judenhass der Nazis kritisierten, konnten antisemitische Vorstellungen reproduzieren. 1929 erschien der ganzseitige Beitrag »Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel«. Dem Stereotyp von den reichen und mächtigen Juden hält er die Beschreibung einer Realität entgegen, in der Jüdinnen und Juden zu den »Ärmsten der Armen« gehörten: »Wenn man in die Elendsquartiere des Scheunenviertels hineinleuchtet, muss man sagen, gemeiner und tierischer kann eine Lüge nicht sein wie dieser mörderische Antisemitismus gegen die Ärmsten der Armen.« (34) Im nächsten Satz gibt der Beitrag dem »jüdischen Großkapital« eine Mitschuld an den Pogromen der Nationalsozialisten: »Die Pogrome, die diese von dem jüdischen Großkapital gut bezahlten Horden durchführen, sind Mörderfeldzüge gegen arme Proletarier, die nicht nur in dem tiefsten Elend dieser kapitalistischen Gesellschaft ihr Dasein fristen, sondern Sklaven einer mittelalterlichen Zurückgebliebenheit sind.« Auch Ulbricht versuchte 1931 nachzuweisen, dass die »nationalsozialistischen Führer« dem »jüdischen hundertfachen Millionär« dienten (35).

Das »jüdische Kapital« und der Zionismus

Zu solchen Berichten über das »jüdische Kapital« passte die Berichterstattung der Roten Fahne über den Nahen Osten. Zur gleichen Zeit, als die Rote Fahne eine Zusammenarbeit von NSDAP-Führung und »jüdischem Kapitel« konstruierte, stellte sie den Zionismus als Vorstoß des Kapi­talismus, Imperialismus und Faschismus in Nahost dar. In der Antisemitismusforschung herrscht das Bild vor, der antizionistische Antisemitismus sei erst nach 1945 entstanden. Da dessen auffälligstes Merkmal die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozalismus ist, wird der antizionistische Antisemitismus auf Motive wie die Erinnerungsabwehr und den Wunsch zurückgeführt, die Shoah zu relativieren. Ingrid Strobl schreibt über die Motive der westeuropäischen Linken nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967: »Wie unbewusst auch immer, durch die israelische Politik gegen die Palästinenser fühlten sich viele deutsche Linke befreit von jeder Verantwortung, der sie sich als Nachkommen womöglich stellen müssten. Da jedoch die Ungeheuerlichkeit der Shoah selbst für diejenigen, die sich nie näher mit ihr konfrontiert haben, so ohne weiteres nicht zu ignorieren ist, musste sie auf Teufel komm raus relativiert werden.« (36)

Aber bereits 1932 erklärte das ZK in seinem Papier »Kommunismus und Judenfrage«: Die »Kommunisten bekämpfen den Zionismus genau so wie den deutschen Faschismus« (37). Die Ablehnung des Zionismus ging auf eine längere Tradition zurück. Der erste Artikel der Roten Fahne über den Zionismus trug die Überschrift: »Zionismus – Kettenhund des Imperialismus« (38). Während die Dritte Internationale »nationalen Befreiungsbewegungen« in der Dritten Welt ein revolutionäres Potential zusprach, galt der Zionismus als reaktionär und bürgerlich. Die Kibbuzbewegung in Palästina fand in der Roten Fahne keine Erwähnung. Sogar die Kommunistische Partei Palästinas, von jüdischen Mitgliedern gegründet und geprägt, galt Ende der zwanziger Jahre nicht als revolutionäre Partei.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Nahost-Berichterstattung im Spätsommer 1929. Damals kam es im britischen Mandatsgebiet Palästina zu pogromartigen Ausschreitungen, die länger als zwei Wochen andauerten und in deren Verlauf mehr als 100 Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Was in Palästina geschah, war der Kom­intern bekannt. Joseph Berger, Vorsitzender der KP Palästinas, beschrieb in der Internationalen Presse-Korrespondenz das Ausmaß der Gewalt eindrücklich. Die »unter finster-klerikaler, feudaler und bürgerlicher Führung stehenden fanatischen Massen mohammedanischer Bauern überfielen sengend und mordend vor allem die unbewehrten armen jüdischen Siedlungen, jüdische Synagogen und Schulen, wo furchtbare Blutbäder angerichtet wurden. In der Talmudschule von Hebron wurden 60 jüdische Schüler – auch Kinder – getötet und verstümmelt. In der Kolonie Moza wurde eine jüdische Familie samt Frau und Kind abgeschlachtet.« (39)

Der »arabisierte« Kommunismus

Darüber fand sich in der Tageszeitung der KPD kein Wort. Vielmehr begrüßte die Rote Fahne die Gewalt als Auftakt einer antiimperialistischen Aufstandsbewegung. Auf der Titelseite erschien am 28. August 1929 der Beitrag »Der Araberaufstand wächst!«, in dem es heißt: »Besonders charakteristisch für die Entwicklung dieser Bewegung ist, dass die Angriffe der Araber nicht auf die jüdische Bevölkerung beschränkt bleiben, sondern sich gegen ihren Hauptfeind, den englischen Imperialismus, zu richten beginnen. (…) Die Schläge, die die arabischen Eingeborenen gegen die zionistische Bourgeoisie und den zionistischen Faschismus in Palästina führen, sind gleichzeitig Schläge gegen England. Das jüdische Proletariat Palästinas muss Schulter an Schulter mit den arabischen Werktätigen den Kampf gegen ihre(n) gemeinsamen Klassenfeind, den englischen Imperialismus und die mit ihm auf Leben und Tod verbundene jüdische Bourgeoisie führen.« (40)
Dieser Beitrag ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens schreibt die Zeitung selbst, dass es sich um Angriffe »auf die jüdische Bevölkerung« handelte, nicht etwa nur auf Zionistinnen und Zionisten. Zweitens zeigt der Ausdruck »die arabischen Eingeborenen«, dass die Parteinahme für die arabische Seite von rassistischen Vorstellungen nicht frei war, auch wenn er verbürgen sollte, dass die arabische Bevölkerung in Palästina im Gegensatz zu den Jüdinnen und Juden keine Fremden seien. Drittens war die Anspielung auf das »jüdische Proletariat Palästinas« zweifelhaft.

Der Beitrag »Der Araberaufstand wächst!« stand auf der Titelseite in einem besonderen Zusammenhang. Die Überschrift lautete: »Faschisten morden in Berlin«. Der Beitrag über Palästina war mit der Fotografie eines Soldaten illus­triert, unter der zu lesen stand: »Stahlhelmlümmel? Nein, ein Mitglied der jüdisch-faschistischen Legion in Jerusalem«. Der Artikel kritisierte nicht nur den Flügel um Wladimir Jabotinsky innerhalb der zionistischen Bewegung, sondern unterschied gar nicht mehr zwischen der zionistischen Bewegung, älteren, nichtzionistischen jüdischen Gemeinden in Palästina oder der KP Palästinas, die eine antizionistische Position vertrat. Auch die Rede von dem »jüdischen Proletariat Palästinas« zielte nicht auf die Kommunistische Partei Palästina. Auf einer ZK-Sitzung im Jahr 1929 bezeichnete Hermann Remmele die jüdischen Mitglieder der KP Palästinas vielmehr als »Zionisten«, die nicht das »revolutionäre Element« verkörpern könnten: »Unsere Partei hat in Palästina 160 Mitglieder, davon 30 Araber, die anderen 130 Zionisten. Es ist ganz klar, dass diese Partei nicht eine solche Einstellung haben kann, wie sie dem Gesetz der Revolution entspricht. Gerade das unterdrückte Volk, jene Schicht des Volkes, die das revolutionäre Element, den Verhältnissen entsprechend, überhaupt ausmachen kann, sind nur die Araber.« (41)

Anfang der dreißiger Jahre bestellte die Komintern die führenden jüdischen Mitglieder der KP Palästinas nach Moskau. Die KP Palästinas sollte sich unterdessen, wie es hieß, »arabisieren«. Leopold Trepper, Mitglied der KP Palästinas, schreibt in seinen Erinnerungen, die Komintern habe »die Parole von der ›Arabisierung und Bolschewisierung‹« ausgegeben: »Als wenn es genügt hätte, in den verantwortlichen Organen einfach die Juden durch Araber zu ersetzen, um automatisch stärkeren Zulauf zu bekommen. (…) Bei dem Versuch, die Weisungen von oben buchstabengetreu zu befolgen, wurde einer unserer Kameraden in der Nähe von Haifa gelyncht.« (42) Viele Mitglieder der KP Palästinas wurden in den Jahren von 1936 bis 1938 verhaftet und ermordet.

Es gab innerhalb der kommunistischen Linken Kritik an der Darstellung der Roten Fahne. Die sogenannte Rechtsopposition um den früheren KPD-Vorsitzenden Heinrich Brandler und den ehemaligen Chefredakteur der Roten Fahne, August Thalheimer, schrieb 1929 in ihrem Organ Gegen den Strom: »Ohne den Versuch einer marxistischen Untersuchung des Klassencharakters auch dieses Kleinkrieges spricht die ›Rote Fahne‹ unterschiedslos von den Juden, die sie natürlich alle als zionistische Faschisten bezeichnet, und die sie den Arabern, die natürlich alle ›Revolutionäre‹ sind, entgegenstellt.« (43) Die »jüdischen Genossen in der Kommunistischen Partei Palästinas« wären, so heißt es in dem Beitrag, gewiss verwundert, wenn sie wüssten, dass die KPD sie »als freche jüdische Eindringlinge« darstelle. Nach der Deutung der Roten Fahne hatte die arabische Bevölkerung, als das »echte« Volk, für werktätig und revolutionär zu gelten, während die jüdische Bevölkerung fremd im Nahen Osten sei und auf der Seite des Kapitals und des Faschismus stehe. Klassenunterschiede innerhalb der arabischen und jüdischen Bevölkerung wurden kaum thematisiert.

Wie die ZK-Erklärung von 1932 zeigt, revidierte die KPD ihre Position bis 1933 nicht. In der Roten Fahne ging die Berichterstattung über Palästina zwar nach 1930 zurück. Aber die Berichte über die Verbindung von »jüdischem Kapital« und Nationalsozialisten wurde bis 1933 fortgeführt. In beiden Fällen wurden »die Juden« als Personifikationen der herrschenden Klasse, als Kapitalisten und damit als »Parasiten« vorgestellt. Die Analyse der Roten Fahne macht deutlich, wie die Zeitung Argumentationsfiguren etablierte, die nur die politische Linke gebrauchen konnte. In diesem Sinn handelte es sich tatsächlich um einen Antisemitismus von links – nicht etwa, weil Judenfeindschaft genuin aus der politischen Linken stammen würde, sondern weil die judenfeindlichen Darstellungen in einen spezifisch linken Kontext integriert und dadurch legitimiert wurden.

In der heutigen Diskussion, wie sie im Streit um den Antisemitismus in der Linkspartei wieder aufflammt, herrscht das Bild vor, in West­europa sei der antizionistische Antisemitismus erst nach dem Sechs-Tage-Krieg entstanden. Die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus habe sich aus dem Wunsch ergeben, die deutsche Schuld zu relativieren. Doch die KPD nahm ähnliche Gleichsetzungen bereits in den zwanziger Jahren vor. Das könnte bedeuten, dass sich »linker« Antimsemitismus nicht nur aus den Motiven des sogenannten sekundä­ren Antisemitismus, sondern aus einer viel weiter zurückreichenden Traditionslinie speist. Dieser Traditionslinie ist nicht allein dadurch beizukommen, dass radikale Linke das Existenzrecht Israels anerkennen oder sich mit der Shoah auseinandersetzen. Es müsste vielmehr reflektiert werden, warum sich die Mehrheit der kommunistischen Linken bereits in den zwanziger Jahren positiv auf nationale Befreiungsbewegungen bezog, das Recht auf nationale Selbstbestimmung für Jüdinnen und Juden im Nahen Osten aber nicht gelten sollte.

Anmerkungen:
(1) Das Foto ist abgedruckt in: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Band 4. Berlin/DDR 1966, S. 272
(2) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(3) »Friedrich Engels über den Antisemitismus«, »Rote Fahne«, 24.8.1922; »Juda verrecke … ! Was ist Antisemitismus?«, »Rote Fahne«, 23.9.1930; »Lenin über Juden«, »Rote Fahne«, 3.1.1931; »Stalin über Antisemitismus«, »Rote Fahne«, 3.2.1931
(4) Diese Formel wird häufig August Bebel zugeschrieben. In einem Interview hatte Bebel 1894 hingegen gesagt, dass sie »doch die Sache nicht« treffe.
(5) Franz Pfemfert: Die schwarzweiszrote Pest im ehemaligen Spartakusbund, in: »Die Aktion« 14, 1923; alle Hervorhebungen hier und im Folgenden im Original.
(6) »Zum Existenzkampf der geistigen Arbeit«, »Rote Fahne«, 29.7.1923
(7) »›Hängt die Judenkapitalisten.‹ Ruth Fischer als Antisemitin«, »Vorwärts«, 22.8.1923
(8) Karl Radek: »Kommunismus und deutsche nationalistische Bewegung«, »Rote Fahne«, 16.8.1923
(9) »Nationale Frage und Revolution«, »Rote Fahne«, 3.8.1923
(10) August Bebel: Vorschlag einer Resolution zum Thema Antisemitismus und Sozialdemokratie, in: Iring Fetscher (Hg.): Marxisten gegen Antisemitismus, Hamburg 1974, S. 76
(11) Wilhelm Liebnecht, zitiert nach: Rosemarie Leuschen-Seppel: Sozialdemokratie und Antisemitismus. Bonn 1978, S. 155
(12) Nikolaj I. Bucharin/Jewgenij A. Preobraschenskij: Das ABC des Kommunismus, Zürich 1985, S. 197–199
(13) »Der Stolz der jüdischen Frontsoldaten«, »Rote Fahne«, 14.9.1925
(14) Karl Radek: »Kommunismus und deutsche nationalistische Bewegung«, »Rote Fahne«, 16.8.1923
(15) »Hakenkreuzparade vor Hakennasen«, in: Deutschlands Weg. Sonderausgabe der »Roten Fahne«, 29.7.1923
(16) »Die neuesten Arbeiterfreunde«, »Rote Fahne«, 23.4.1924
(17) »›Judengeld stinkt nicht!‹«, »Rote Fahne«, 25.4. 1924
(18) Karl Retzlaw: Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters. Frankfurt/Main 1985, S. 310
(19) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, in: Der Jud’ ist Schuld … ? Diskussionsbuch über die Judenfrage. Basel/u. a. 1932, S. 283
(20) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(21) »Leninismus und nationale Frage. Lenin gegen Rosa Fehler«, »Rote Fahne«, 21.1.1932
(22) »›Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!‹ Von G. Sinowjew«, »Rote Fahne«, 8.7.1925
(23) »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung«, »Rote Fahne«, 24.8.1930
(24) »Entfernt die Parasiten. Wählt Kommunisten«, »Rote Fahne«, 20.11.1925
(25) Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg/Br. 2003, S. 116, S. 557
(26) Bucharin/Preobraschenskij: ABC des Kommunismus, S. 198
(27) »Karl Marx: Zur Judenfrage«, »Rote Fahne«, 14.3.1923
(28) Otto Heller: Der Untergang des Judentums. Berlin/Wien 1931, S. 7
(29) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, S. 277
(30) Heller: Untergang des Judentums, S. 293
(31) »›Arbeiterpolitik‹ der Nationalsozialisten«, »Rote Fahne«, 9.11.1929
(32) Hermann Remmele: Sowjetstern oder Hakenkreuz. Berlin 1930, S. 13–14
(33) »Im Auftrag Jakob Goldschmidts«, »Rote Fahne«, 17.11.1929
(34) »Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel«, »Rote Fahne«, 19.9.1929
(35) »Genosse Ulbrichts Abrechnung mit den Nazis«, »Rote Fahne«, 24.1.1931
(36) Ingrid Strobl: Das unbegriffene Erbe. Bemerkungen zum Antisemitismus in der Linken, in: dies.: Das Feld des Vergessens, Berlin/Amsterdam 1994, S. 110
(37) ZK der KPD: Kommunismus und Judenfrage, S. 284–285
(38) »Zionismus – Kettenhund des englischen Imperialismus«, »Rote Fahne«, 25.7.1925
(39) Joseph Berger: »Das Blutbad im ›Heiligen Lande‹«, in: »Inprekorr« 86 (1929)
(40) »Der Araberaufstand wächst!«, »Rote Fahne«, 28.8.1929
(41) Hermann Remmele: Referat auf der ZK-Sitzung vom 24./25.10.1929, in: 2. Verhandlungstag – 25.10.1929, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen, RY I/2/1/74
(42) Leopold Trepper: Die Wahrheit, München 1975, S. 33–34
(43) »Zu den Ereignissen in Palästina«, in: »Gegen den Strom« 10 (1929)