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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Freitag, 20. September 2013

Der das Krokodil zähmt - Klaus Kordon wird 70



Aus: Berliner Zeitung, 20.09.2013, von Cornelia Geissler

Dem Geschichtenerzähler Klaus Kordon zum 70. Geburtstag. Neben den Romanen, mit denen der Leser in die Vergangenheit steigen und dort eine Orientierung finden kann, schreibt Kordon immer wieder klassische fantasievolle Kinderbücher.

Ein simpler Kalenderspruch macht Manfred Lenz klar, was er sich alles gefallen lassen hat, wo er mitgespielt hat, wenn er widersprechen wollte. „Wer nicht lebt, wie er denkt, wird irgendwann denken, wie er lebt.“ Manfred Lenz ist das Alter Ego des Schriftstellers Klaus Kordon in „Krokodil im Nacken“, seinem persönlichsten Buch.
Es beginnt in der Isolationshaft im Stasi-Gefängnis nach einem Fluchtversuch aus der DDR. Die Frau sitzt in einer anderen Zelle, die Kinder sind im Heim. Das ist Kordons Geschichte! Von dort aus gehen die Gedanken zurück zu den Anfängen des Lebens in der Nachkriegszeit in Berlin-Prenzlauer Berg, im Kinderheim nach dem Tod der Mutter (der Vater war schon im Krieg gestorben). Nach einem holprigen Start nimmt sein Berufsweg mustergültig Fahrt auf. Als der Prager Frühling niedergeschlagen wird, schnappt das Krokodil zum ersten Mal zu.
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Flugblätter in Briefkästen 

 

„Während andere junge Leute den Namen des tschechoslowakischen Staatsmannes und Hoffnungsträgers Dubcek an die Hauswände pinselten, Plakate klebten gegen diese Art von Bruderhilfe oder Flugblätter in Briefkästen warfen und dafür Exmatrikulation, Verhaftung und Gefängnisstrafe riskierten, verlas der Abteilungsleiter Lenz vor seinen Mitarbeitern eine die Lage erklärende Rede des Zentralkomitees der SED“, heißt es im Roman. „Und die verheuchelten Worte, die so leicht zu durchschauen waren, die Lügen, die er mithalf zu verbreiten, würgten ihm danach noch tagelang im Hals.“
Klaus Kordon schreibt, wie aus kleinen Zugeständnissen Normalität werden konnte, wie Menschen Privates und Öffentliches für sich so selbstverständlich trennten, dass sie ohne Mühe unterschieden, wo und wem sie was sagen konnten. Das 2002 erschienene Buch lässt Geschichte lebendig werden: mit glaubhaften Charakteren, munteren Dialogen – vor allem aber mit dringlichen menschlichen Fragen. Das ist Kordons Art zu schreiben: Sein Buch „1848. Die Geschichte von Jette und Frieder“ handelt zwar von der Märzrevolution, aber eben auch vom Erwachen der Liebe. Und „Julians Bruder“ beschreibt eine Jugend um 1945, erzählt vom falschen Glauben an Hitlers Krieg und zugleich von Vertrauen und Schuld.
Neben den Romanen, mit denen der Leser in die Vergangenheit steigen und dort eine Orientierung finden kann, schreibt Kordon immer wieder klassische fantasievolle Kinderbücher, etwa über „Jinbal von den Inseln“ oder „Paula Kussmaul“ und ihre Abenteuer. „Ich bin ein Geschichtenerzähler“ nannte er 1988 einen Sammelband. Am Sonnabend feiert Klaus Kordon seinen 70. Geburtstag. Mögen ihm noch viele Geschichten einfallen und viele Fragen zum Erzählen drängen.


Donnerstag, 12. September 2013

Erich Loest: Die Stasi war sein Eckermann





Aus: Berliner Zeitung, 12.09.2013

Mit Erich Loest hat Deutschland einen seiner aufrichtigsten und größten Chronisten verloren. Seine brummige Unbestechlichkeit, gepaart mit bissigem Humor und Liebe zu den Menschen, wird fehlen. Ein Nachruf von Matthias Schnitzler.

Christa Wolf schrieb moderner, Stefan Heym internationaler und Ulrich Plenzdorf der Jugend zugewandter. Das beste Buch jedoch über das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik stammt von Erich Loest. Ein wahrhaftigeres Stück DDR-Literatur als seinen Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) wird man kaum finden. Wer wissen will, wie der Alltag in Leipzig oder Karl-Marx-Stadt wirklich aussah, muss Loest lesen. Erst dann geht einem auf, wie viele faule Kompromisse andere Autoren gemacht haben.
Wolfgang Wülff ist ein Durchschnittstyp. Ingenieur ohne Ehrgeiz, genügsam, wenn man ihn in Ruhe lässt. Der Polizeihund, der ihn als Halbwüchsiger bei einer Demonstration gegen das Verbot einer Beatgruppe ansprang, verfolgt ihn Jahre später noch. Partei, Leistungsdruck, Karriere, letztere von seiner Frau eingefordert, sind ihm zuwider. Als Wülff im Schwimmbad einen Mann beobachtet, der seinen Sohn zum Leistungsschwimmer abrichten will, rastet er aus. Beschimpft den vorbildlichen DDR-Bürger als „gottverdammten Faschisten“. Vor Gericht kommt der Angeklagte glimpflich davon. Seine Frau schmeißt ihn raus. Beruflich tritt er einen weiteren Schritt zurück. Wülff lebt sein Leben, privatistisch, durchaus spießig, aber mit einem Rest an persönlicher Würde.
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Vorwurf der "Standpunktlosigkeit"

 

All dies schildert Loest in „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ höchst lebendig, nah an den Menschen, mal ironisch, mal zotig, rundum gelungen: ein Kultbuch. So großartig konnte DDR-Literatur sein. Dass und wie der Roman (als Lizenz auch in Westdeutschland) nach leidvollen und mutigen Kämpfen des Autors gegen die Zensur erschien, gehört untrennbar zum Werk dazu. In der Publikation „Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR“ (1984) hat Loest penibel über alle Widrigkeiten und Schweinereien Buch geführt. Der Roman ist rasend schnell ausverkauft, spätere Auflagen werden, auch wegen des großen Zuspruchs in der Bevölkerung, verboten. Dies führt 1981 letztlich zur Ausreise des Schriftstellers in die BRD.
Geboren wurde Erich Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Als sogenannter „Werwolf“ nahm er 1945 noch am Ende des Zweiten Weltkriegs teil, kurz zuvor war er der SS beigetreten. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Journalist bei der Leipziger Volkszeitung, wurde nach seinem ersten Roman „Jungen die übrig blieben“ (1950) aber in die Produktion abkommandiert: Dem Buch über das Schicksal eines jugendlichen Hitler-Soldaten und seinem unpolitischen Herumtreiben in der Nachkriegszeit warf man „Standpunktlosigkeit“ vor. Alle anderen Werke seiner Frühzeit fand Loest später wegen ihrer kommunistischen Propaganda zurecht unerträglich, auf das Debüt war er stolz, weil es glaubwürdiger ist als viele der sogenannten „Wandlungsromane“ seiner Kollegen.
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Die Grenzen der Selbstverleugnung

 

1953 bekommt Loest größere Probleme, weil er kritisch nach den wahren Ursachen des Aufstands vom 17. Juni fragt. Nach der geforderten Selbstkritik darf er in der Partei und im Schriftstellerverband bleiben; der XX. Parteitag der KPdSU und die Ereignisse in Polen und Ungarn aber rütteln Loest wieder auf. 1957 wird er wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Haft in Bautzen verurteilt – und sitzt sie komplett ab, weil er zu einem Schuldeingeständnis nicht bereit ist. Nicht wenige Freunde und Schriftstellerkollegen lassen ihn fallen, und Erich Loest verliert seinen Glauben an den Kommunismus endgültig.
Nach der Entlassung möchte die Diktatur mit demokratischer Fassade den Schriftsteller befrieden. Unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß darf Loest Kriminal- und Abenteuerromane veröffentlichen, die ihm und seiner Familie den Broterwerb sichern. Irgendwann aber steht Loest vor dem Spiegel und weiß, dass es mit der Selbstverleugnung nicht weitergehen kann. Jetzt muss, koste es, was es wolle, wieder über das Leben in der DDR geschrieben werden: „Es geht seinen Gang“ entsteht. Nach dem Ärger um die Veröffentlichung hat Loest bereits ein weiteres Buch zur Hälfte fertig, den Roman „Völkerschlachtdenkmal“. Beenden wird er ihn in Osnabrück, seiner neuen Heimat.
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Diagnose "Auslandtrauma"

 

Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre ist Loest auf dem Höhepunkt seines Könnens. „Völkerschlachtdenkmal“, 1984 bei Hoffmann und Campe verlegt, ist ein irrwitziger Rückblick auf 150 Jahre Sachsen mit pikaresken Elementen. Alfred Linden, der wegen eines geplanten Bombenattentats auf das Leipziger Denkmal in der Psychiatrie sitzt, ist eine Art Oskar Matzerath der DDR und erzählt von der eigenen Familie und der sächsischen Historie: „Von heute aus gesehen sind wir ein bisschen Abfall, ein Rest an der falschen Seite, Peinlichkeit, Krätze der Geschichte“. Mit „Löwenstadt“ wird Loest 2009 eine Fortsetzung dieses Hauptwerks in die Nachwendezeit vorlegen.
Der Roman „Zwiebelmuster“ (1985) hält das Niveau. Ein linientreuer Verfasser historischer Prosa will endlich einmal in den Westen reisen. Deshalb sucht er neue Themen, für die er in München und Griechenland recherchieren muss. Als nach mühsamen Anläufen der Reiseantrag endlich bewilligt wird, bricht er an der Grenze zusammen: „Auslandtrauma“ diagnostizieren die Ärzte. Nach der Genesung darf er ein Buch über das weltberühmte Meißener Zwiebelmuster schreiben.
Während Loest in Bad Godesberg am Rhein seine neue Heimat findet, schwindet der direkte Bezug zur DDR immer mehr. Vom 9. Oktober in Leipzig und dem Mauerfall wird auch er überrascht. Den folgenden Romanen merkt man jetzt die nicht nur räumliche Entfernung an. In „Nikolaikirche“ (1995), seinem wohl bekanntesten und erfolgreich verfilmten Werk, treffen wir auf holzschnittartige Figuren: Loest kennt die Gesellschaft der DDR nicht mehr aus persönlicher Anschauung. Ein letztes Meisterwerk gelingt ihm jedoch, als er wieder zurückblickt. „Sommergewitter“ (2005) ist der bisher überzeugendste deutsche Roman über den Volksaufstand von 1953.
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Mehr als dreißig Bücher

 

Ebenso bedeutend wie als Romancier war Loest bis zuletzt auch als öffentlicher Einmischer, unerbittlicher Kritiker, politischer Stichwortgeber. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen hat er stets Ross und Reiter genannt, für weniger bekannte Opfer gekämpft, konnte aber auch eigene Fehler eingestehen und schuldig Gewordenen vergeben. In „Der Zorn des Schafs“ hat Loest über die Bespitzelung durch den Staat, durch Kollegen und Nachbarn berichtet: Allein für die Zeit zwischen 1975 und 1981 existieren 31 Ordner zu 300 Seiten. „Die Stasi“, so betitelte der als „Autor II“ in den Akten geführte Loest ein weiteres Buch, „war mein Eckermann.“