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"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)
Freitag, 20. September 2013
Donnerstag, 12. September 2013
Erich Loest: Die Stasi war sein Eckermann
Aus: Berliner Zeitung, 12.09.2013
Christa Wolf schrieb moderner, Stefan Heym internationaler
und Ulrich Plenzdorf der Jugend zugewandter. Das beste Buch jedoch über das
Leben in der Deutschen Demokratischen Republik stammt von Erich Loest. Ein
wahrhaftigeres Stück DDR-Literatur als seinen Roman „Es geht seinen Gang oder
Mühen in unserer Ebene“ (1978) wird man kaum finden. Wer wissen will, wie der
Alltag in Leipzig oder Karl-Marx-Stadt wirklich aussah, muss Loest lesen. Erst
dann geht einem auf, wie viele faule Kompromisse andere Autoren gemacht haben.
Wolfgang Wülff ist ein Durchschnittstyp. Ingenieur ohne
Ehrgeiz, genügsam, wenn man ihn in Ruhe lässt. Der Polizeihund, der ihn als
Halbwüchsiger bei einer Demonstration gegen das Verbot einer Beatgruppe
ansprang, verfolgt ihn Jahre später noch. Partei, Leistungsdruck, Karriere,
letztere von seiner Frau eingefordert, sind ihm zuwider. Als Wülff im Schwimmbad
einen Mann beobachtet, der seinen Sohn zum Leistungsschwimmer abrichten will,
rastet er aus. Beschimpft den vorbildlichen DDR-Bürger als „gottverdammten
Faschisten“. Vor Gericht kommt der Angeklagte glimpflich davon. Seine Frau
schmeißt ihn raus. Beruflich tritt er einen weiteren Schritt zurück. Wülff lebt
sein Leben, privatistisch, durchaus spießig, aber mit einem Rest an persönlicher
Würde.
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Vorwurf der "Standpunktlosigkeit"
All dies schildert Loest in „Es geht seinen Gang oder Mühen
in unserer Ebene“ höchst lebendig, nah an den Menschen, mal ironisch, mal zotig,
rundum gelungen: ein Kultbuch. So großartig konnte DDR-Literatur sein. Dass und
wie der Roman (als Lizenz auch in Westdeutschland) nach leidvollen und mutigen
Kämpfen des Autors gegen die Zensur erschien, gehört untrennbar zum Werk dazu.
In der Publikation „Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in
der DDR“ (1984) hat Loest penibel über alle Widrigkeiten und Schweinereien Buch
geführt. Der Roman ist rasend schnell ausverkauft, spätere Auflagen werden, auch
wegen des großen Zuspruchs in der Bevölkerung, verboten. Dies führt 1981
letztlich zur Ausreise des Schriftstellers in die BRD.
Geboren wurde Erich Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Als
sogenannter „Werwolf“ nahm er 1945 noch am Ende des Zweiten Weltkriegs teil,
kurz zuvor war er der SS beigetreten. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als
Journalist bei der Leipziger Volkszeitung, wurde nach seinem ersten Roman
„Jungen die übrig blieben“ (1950) aber in die Produktion abkommandiert: Dem Buch
über das Schicksal eines jugendlichen Hitler-Soldaten und seinem unpolitischen
Herumtreiben in der Nachkriegszeit warf man „Standpunktlosigkeit“ vor. Alle
anderen Werke seiner Frühzeit fand Loest später wegen ihrer kommunistischen
Propaganda zurecht unerträglich, auf das Debüt war er stolz, weil es
glaubwürdiger ist als viele der sogenannten „Wandlungsromane“ seiner
Kollegen.
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Die Grenzen der Selbstverleugnung
1953 bekommt Loest größere Probleme, weil er kritisch nach
den wahren Ursachen des Aufstands vom 17. Juni fragt. Nach der geforderten
Selbstkritik darf er in der Partei und im Schriftstellerverband bleiben; der XX.
Parteitag der KPdSU und die Ereignisse in Polen und Ungarn aber rütteln Loest
wieder auf. 1957 wird er wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“
zu siebeneinhalb Jahren Haft in Bautzen verurteilt – und sitzt sie komplett ab,
weil er zu einem Schuldeingeständnis nicht bereit ist. Nicht wenige Freunde und
Schriftstellerkollegen lassen ihn fallen, und Erich Loest verliert seinen
Glauben an den Kommunismus endgültig.
Nach der Entlassung möchte die Diktatur mit demokratischer
Fassade den Schriftsteller befrieden. Unter den Pseudonymen Hans Walldorf und
Waldemar Naß darf Loest Kriminal- und Abenteuerromane veröffentlichen, die ihm
und seiner Familie den Broterwerb sichern. Irgendwann aber steht Loest vor dem
Spiegel und weiß, dass es mit der Selbstverleugnung nicht weitergehen kann.
Jetzt muss, koste es, was es wolle, wieder über das Leben in der DDR geschrieben
werden: „Es geht seinen Gang“ entsteht. Nach dem Ärger um die Veröffentlichung
hat Loest bereits ein weiteres Buch zur Hälfte fertig, den Roman
„Völkerschlachtdenkmal“. Beenden wird er ihn in Osnabrück, seiner neuen
Heimat.
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Diagnose "Auslandtrauma"
Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre ist
Loest auf dem Höhepunkt seines Könnens. „Völkerschlachtdenkmal“, 1984 bei
Hoffmann und Campe verlegt, ist ein irrwitziger Rückblick auf 150 Jahre Sachsen
mit pikaresken Elementen. Alfred Linden, der wegen eines geplanten
Bombenattentats auf das Leipziger Denkmal in der Psychiatrie sitzt, ist eine Art
Oskar Matzerath der DDR und erzählt von der eigenen Familie und der sächsischen
Historie: „Von heute aus gesehen sind wir ein bisschen Abfall, ein Rest an der
falschen Seite, Peinlichkeit, Krätze der Geschichte“. Mit „Löwenstadt“ wird
Loest 2009 eine Fortsetzung dieses Hauptwerks in die Nachwendezeit vorlegen.
Der Roman „Zwiebelmuster“ (1985) hält das Niveau. Ein
linientreuer Verfasser historischer Prosa will endlich einmal in den Westen
reisen. Deshalb sucht er neue Themen, für die er in München und Griechenland
recherchieren muss. Als nach mühsamen Anläufen der Reiseantrag endlich bewilligt
wird, bricht er an der Grenze zusammen: „Auslandtrauma“ diagnostizieren die
Ärzte. Nach der Genesung darf er ein Buch über das weltberühmte Meißener
Zwiebelmuster schreiben.
Während Loest in Bad Godesberg am Rhein seine neue Heimat
findet, schwindet der direkte Bezug zur DDR immer mehr. Vom 9. Oktober in
Leipzig und dem Mauerfall wird auch er überrascht. Den folgenden Romanen merkt
man jetzt die nicht nur räumliche Entfernung an. In „Nikolaikirche“ (1995),
seinem wohl bekanntesten und erfolgreich verfilmten Werk, treffen wir auf
holzschnittartige Figuren: Loest kennt die Gesellschaft der DDR nicht mehr aus
persönlicher Anschauung. Ein letztes Meisterwerk gelingt ihm jedoch, als er
wieder zurückblickt. „Sommergewitter“ (2005) ist der bisher überzeugendste
deutsche Roman über den Volksaufstand von 1953.
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Mehr als dreißig Bücher
Ebenso bedeutend wie als Romancier war Loest bis zuletzt auch
als öffentlicher Einmischer, unerbittlicher Kritiker, politischer
Stichwortgeber. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen hat er
stets Ross und Reiter genannt, für weniger bekannte Opfer gekämpft, konnte aber
auch eigene Fehler eingestehen und schuldig Gewordenen vergeben. In „Der Zorn
des Schafs“ hat Loest über die Bespitzelung durch den Staat, durch Kollegen und
Nachbarn berichtet: Allein für die Zeit zwischen 1975 und 1981 existieren 31
Ordner zu 300 Seiten. „Die Stasi“, so betitelte der als „Autor II“ in den Akten
geführte Loest ein weiteres Buch, „war mein Eckermann.“
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