Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 19. Dezember 2013

"Emanzipation wird erst in der Praxis denkbar" - Interview mit Angela Davis


Aus: Jungle World Nr. 51, 19. Dezember 2013

Angela Davis ist emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, und eine Wegbereiterin der kritischen Analyse von ineinandergreifenden Formen sozialer Ungleichheit entlang von race, class und gender. Sie studierte bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse und war in der Schwarzen Befreiungsbewegung aktiv. Weltweit bekannt wurde sie als politische Gefangene und als radikale Gefängniskritikerin. Anlässlich der Einrichtung einer nach ihr benannten Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Goethe-Universität Frankfurt sprach die Jungle World mit ihr über den Prison Industrial Complex (in etwa »gefängnisindustrieller Komplex«), Feminismus und die Möglichkeiten von Diversity als machtkritischem Analyserahmen.

Interview: Jeanette Ehrmann und Vanessa ­Eileen Thompson
.
In den deutschen Medien werden Sie als Gendertheoretikerin und Bürgerrechtsaktivistin beschrieben. Finden Sie diese Beschreibung treffend oder würden Sie sich heute immer noch als Black Woman Revolutionary positionieren?

Ich würde sagen, dass Revolution auch heute noch eine politische Möglichkeit ist, aber ich fände es selbstgefällig, mich selbst als Revolutionärin zu bezeichnen. Als Black Woman Revolutionary habe ich mich in den achtziger Jahren bezeichnet, als ich gefragt wurde, ob ich eine Feministin sei. Die Charakterisierung als Bürgerrechtsaktivistin ist nicht unproblematisch, da sie häufig die Radikalität der sozialen Kämpfe entschärft und sie Machtstrukturen einverleibt. Es hat mich erstaunt, dass Nelson Mandela in der Berichterstattung über seinen Tod als Bürgerrechtsaktivist beschrieben wurde, als ob der Kampf gegen die Apartheid ein rein rechtlicher gewesen sei. Ich setze mich zwar für die Rechte von illegalisierten Migrantinnen und Migranten, Gefängnisinsassen und LGBTQ ein, verorte mich aber selbst in der Kontinuität der Black Radical Tradition, die Emanzipation über den rechtlichen Rahmen hinaus denkt. Das Label Bürgerrechtsaktivistin kann ich zwar akzeptieren, aber ich finde es wichtig, sich politisch konkret zu positionieren und verstehe mich daher vor allem als Abolitionistin.

Als Abolitionistin argumentieren Sie, dass der US-amerikanische Prison Industrial Complex eine moderne Form der Versklavung sei. Wo sehen Sie die Kontinuität?

Der Prison Industrial Complex steht für die globale Verbreitung von Gefängnis- und Bestrafungstechnologien, die aus den ehemaligen Sklavereigesellschaften der US-Südstaaten stammen. Dort sieht man heute Gefängnisinsassen auf Baumwollfeldern arbeiten. Man fühlt sich fast zurückversetzt in die Zeit der Sklaverei. Diese extrem repressive Form der Bestrafung, die eine direkte Folge des Bestrafungs- und Gewaltregimes der Südstaaten-Plantage ist und noch nicht einmal den Anspruch auf Resozialisierung erhebt, wird in den meisten Darstellungen der Geschichte des Gefängnisses, so auch bei Michel Foucault, ausgeblendet. Durch den Fokus auf Gefängnisse im Nordosten der USA verschwindet der Zusammenhang zwischen den rassistischen Bestrafungstechnologien der Sklaverei und heutigen Formen von Strafe. Im Übergang von der Sklaverei zur Demokratie wurden Bürgerrechte erteilt, die durch den Prison Industrial Complex systematisch wieder zurückgenommen werden. Aus dem sozialen Tod der Versklavten wird in der modernen Demokratie der rechtliche Tod der Gefangenen. Der Zweck der Inhaftierung ist das Wegschließen, Zurichten und Verwalten von Körpern. Heute betrifft das diejenigen, die nach dem Wegfall staatlicher Investitionen in Bildung und sozialstaatlicher Leistungen nicht in ein neoliberales Arbeitsregime integrierbar sind und das sind, vor allem Arme und People of Color in den USA, Europa und im globalen Süden.

Lässt sich der Prison Industrial Complex als Analyserahmen auch auf Formen von Rassismus in Europa anwenden, wie etwa Racial Profiling, Residenzpflicht und Lager, das europäische Grenzregime und Abschiebegefängnisse? Oder artikuliert sich der Prison Industrial Complex hier anders?

Zuallererst ist es wichtig, den Zusammenhang von Versklavung und Kolonialismus sichtbar zu machen. Vor dem Hintergrund der Kontinuität der Versklavung und des Prison Industrial Complex lassen sich dann auch die Verbindungslinien von europäischem Kolonialismus zu diesem ziehen. Ich habe mich in Frankfurt am Main mit Aktivistinnen und Aktivisten of Color getroffen, die mir von aktuellen Fällen rassistischer Polizeigewalt berichtet haben, und ich bin erschüttert über die Ähnlichkeiten. Trayvon Martin und Oscar Grant sind nur die Spitze des Eisbergs in den USA. In Deutschland wurde Christy Schwundeck 2011 in einem Jobcenter in Frankfurt am Main von der Polizei erschossen. Oury Jalloh ist 2005 in Dessau in Polizeihaft, gefesselt an Händen und Füßen, unter bislang ungeklärten Umständen verbrannt. Die Kontinuitäten lassen sich auch über die Genealogien der Kämpfe gegen Versklavung und kolonial-rassistische Unterdrückung verstehen, in denen sich die aktuellen Initiativen in Deutschland verorten.

Feministinnen haben lange dafür gekämpft, dass sexualisierte Gewalt beziehungsweise Gewalt gegen Frauen als Straftatbestand gilt. Wie lässt sich eine feministisch-abolitionistische Perspektive ohne Strafe und Gefängnis denken? Wäre der Ansatz der Restorative Justice, bei dem es als Alternative zur staatlichen Strafjustiz vor allem um die Suche nach gemeinsamen Lösungen für Konflikte geht, eine denkbare feministische Option?

Das Verhältnis zwischen Abolitionismus und Frauenbewegung war schon immer reich an Spannungen und diese haben sich genau an der Frage der Kriminalisierung von Gewalt gegen Frauen entzündet. Es ist verständlich, dass der erste Impuls ist, die Täter zu bestrafen, weil wir noch keine Vorstellung davon haben, wie der Täter anders zur Rechenschaft gezogen werden kann. Beth Ritchie zeigt in ihrem Buch »Arrested Justice. Black Women, Violence, and America’s Prison Nation« auf, dass die Anti-Gewalt-Bewegungen des Mainstream immer mit einer rassifizierten Gefängnis­praxis kollaborierten. Die Frage ist also: Wie geht man mit dieser global am weitesten verbreiteten Form von Gewalt um? Und ich glaube, dass es andere, kreativere Wege als die Bestrafung gibt. Radikale Feministinnen sind in der Lage, diese anderen Wege der Gerechtigkeit zu imaginieren. Restorative Justice ist ein Prozess, in dem nicht nur Täter und Opfer einer Straftat zusammengebracht werden, sondern die Partnerinnen und Partner, die ganze Familie, die Community. Hier geht es nicht nur um Bestrafung, sondern um Verantwortung und darum, soziale Beziehungen wiederherzustellen. An diesem Ansatz arbeitet Incite!, eine radikalfeministische Orga­nisation von Women of Color in den USA, die versucht, alternative und kreative Formen des Umgangs mit Gewalt zu entwickeln. Im Moment stehen wir aber noch ganz am Anfang dieses Umdenkens.

Sie hatten während Ihrer Studienjahre in Frankfurt die Möglichkeit, bei Adorno zu promovieren. Stattdessen gingen Sie in die USA zurück, um sich in der Schwarzen Befreiungsbewegung zu engagieren. Welche Bedeutung hat Theorie in politischer Praxis?

Mein Studium der Kritischen Theorie war intellektuell sehr inspirierend und hat meine späteren Arbeiten zum Zusammenwirken von race, class und gender – was ich als »Triple Oppression« bezeichnet habe – nachhaltig beeinflusst. Meine Entscheidung, in die USA zurückzugehen und mich der Schwarzen Befreiungsbewegung anzuschließen, hatte auch mit meinem Verständnis von Theorie und Praxis zu tun. Ohne Adorno vereinfachen zu wollen, unterscheide ich mich insofern von ihm, als ich der Praxis einen eigenen epistemologischen Wert beimesse, der auf die Theorie rückwirkt. Manche Dinge können erst in der Praxis denkbar gemacht werden. Emanzipatorische Wissensproduktion ist vor allem ein kollektiver Prozess, der aus der Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft entspringt.

Anlässlich der Schaffung der Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies sind Sie an die Goethe-Universität Frankfurt zurückgekehrt. Wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Gender und Diversity auch als markttaugliche Konzepte in eine neoliberale Logik einverleibt werden können?

Wir dürfen Konzepte nie für selbstverständlich nehmen. Konzepte sind Werkzeuge, die wir genauso wie unsere Objekte immer wieder neu bestimmen müssen. Es gab historisch immer Kämpfe darum, wer unter die Kategorie »Frau« fällt. So ist das Konzept der Intersektionalität in einem spezifisch historischen Moment entwickelt worden, um die Interdependenzen von gender, race und class denken zu können. Mit dem Diversity-Konzept findet nicht nur eine begriffliche, sondern auch eine politische Verschiebung statt, die die Radikalität feministischer Politiken im Hinblick auf die Vielfältigkeit der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit aushebeln kann. Diese Widersprüche müssen wir immer mitdenken, ohne sie auf eine Seite hin aufzulösen.

Freitag, 25. Oktober 2013

"Die Künstler müssen wieder lernen, ihre Macht zu nutzen"

Patti Smith, Calexico, Tortoise – in den vergangenen 25 Jahren hat Berthold Seliger mit einigen der bedeutendsten Popmusiker der Gegenwart zusammengearbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Konzertagent hat er sich immer wieder lautstark und leidenschaftlich selbst zu Wort gemeldet, kaum ein Phänomen der Musikwelt wurde von seiner Kritik verschont. In seinem Buch »Das Geschäft mit der Musik« zieht Seliger Bilanz und begründet zugleich seine Entscheidung, die eigene Konzertagentur nach einem Vierteljahrhundert zu schließen.
 
Interview: Maurice Summen, Jungle World, 24.10.2013


War die Musikbranche zu Beginn Ihrer Laufbahn ein ideell bedeutender Ort für Sie?

Sie ist es immer noch. Es ist doch großartig, mit Musikern arbeiten und die Herstellung von Kunst ermöglichen zu dürfen. Wie kriegt man etwas finanziert, das ein Inhalt ist? Wie rechnet sich eine Tournee so, dass der Künstler davon leben kann? Diese Aufgabenstellung finde ich im Musikgeschäft sehr interessant.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich unter anderem mit staatlich subventionierter Popmusik. Liegt die Verachtung für den »Staatspop«, wie Sie es nennen, auch darin begründet, dass Sie von der Politik ins Musikgeschäft gewechselt sind?

Der Staatspop stellt in der Realität kein großes Problem dar, bundesweit fließen hier nur ein paar Millionen Euro. Geld übrigens, das letztlich nicht den Künstlern, sondern den Besitzenden zugutekommt. Mietzahlungen sind ein passendes Beispiel: Die herrschende Politik versäumt es, günstiges Wohnen in interessanten Stadtteilen zu ermöglichen. Wir wissen alle, dass bezahlbare Mieten eine der besten Förderungen von Zeitkultur darstellen – die Mieten steigen trotzdem drastisch. Wenn Künstler nun also ein paar hundert oder auch ein paar tausend Euro staatliche Förderung erhalten, können sie dieses Geld gleich wieder bei den Eigentümern ihrer Mietwohnungen für die drastisch steigenden Mieten abliefern. Der Staatspop ist also nicht mehr als eine Umverteilungsmaßnahme zugunsten der Besitzenden, vor allem aber stellt er ein ideologisches Problem dar, und zwar für die Künstler. Denn der Künstler sollte gesellschaftliche Entwicklungen verfolgen und Perspektiven an­bieten, die in aller Regel nicht aus der Mitte der Gesellschaft kommen, sondern von ihrem Rand. Er sollte Kommentare liefern, auch gegen die Gesellschaft. Und ich kann doch nicht gegen den sein, von dem ich mich und meine Kunst ­finanzieren lasse – auch der Hofnarr beißt natürlich nicht die Hand, die ihn füttert.
Es scheint mir eine mittelständische Denkweise zu sein, dass der Staat alles irgendwie regeln muss. Die Idee also: Ich möchte zwar die Distinktionsgewinne aus dem Pop herausziehen, und irgendjemand, nicht ich, muss das auch bezahlen. Meiner Meinung nach kann es nicht die Aufgabe der Gesellschaft sein, den Bürgerkindern ihren Distinktionsvorteil zu subventionieren. Nein, Kultur muss unabhängig und ausdrücklich staatsfern sein. »Outside the society« singt Patti Smith über ihre Rolle als Künstlerin. Eine Rolle, die schon Schubert in der Winterreise beschrieben hat: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.«

Vernünftige Rahmenbedingungen für Ihre Arbeit und die der Künstler müssen trotzdem geschaffen werden. Kommen wir auch im Popgeschäft nicht am Sozialstaat vorbei?

Die Rahmenbedingungen muss es geben, sie sind ganz logisch und immer die gleichen: Es muss günstige Mieten geben, weil Popmusiker in der Regel kein hohes Einkommen haben. Dann brauchen wir eine funktionierende Künstlersozialkasse, schließlich liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen der unter 30jährigen Popmusiker unter 10 000 Euro im Jahr. Und diese Rahmenbedingungen muss der Staat schaffen. Aber das gilt ja im großen und ganzen nicht nur für Künstler.

Nur selten reicht das Einkommen den Künstlern zum Überleben. Das Arbeitsamt vermittelt in der Regel kein Engagement in ihrem Berufsfeld, sondern einen Fulltime-Job im Callcenter. Gibt es Lösungsansätze?

Tatsächlich sind fast alle Künstler, die ich kenne, hart arbeitende Menschen. Und doch muss man von dieser Arbeitsideologie runterkommen: Ein Lob der Faulheit! Was mir vorschwebt, ist ei­ne Mindestgage, wie es sie in Frankreich gibt: Ein Musiker verdient 80 Euro netto pro Konzert. Das habe ich mal im Rahmen einer Anhörung im Berliner Senat vorgetragen und wurde nur belächelt: »So wenig?« Ich sagte denen: »Macht euch nichts vor, damit wäre bestimmt 90 Prozent der Musiker geholfen.« Wenn du pro Jahr 60 Konzerte nachweisen kannst, dann sollte dir eine Grundsicherung für die Nichtauftrittszeit gewährleistet werden, wie in Frankreich.

Junge aufstrebende Musiker denken bei ihrer Karriereplanung aber immer noch eher an einen Plattenvertrag als an Mindestgagen.

Es sind eben hauptsächlich Mittelstands-Kids, die von der modernen Welt wenig verstanden haben, aber unbedingt Mami und Papi mit einem echten Plattenvertrag beweisen wollen, dass sie es geschafft haben. Mich stört die Denkweise der jungen Musiker: »Wir können von unserer Kunst nicht richtig leben, weil Spotify uns nicht ordentlich bezahlt.« Das ist vollkommener Bullshit. Die erfolgreichen Künstler verdienen immer noch verdammt viel, die mittleren können auch okay von der Musik leben. Die jungen Künstler, die radikalere Sachen machen und in Nischen unterwegs sind, die verdienen tatsächlich wenig. Diesem Problem müssen wir uns stellen und ihnen eine gewisse soziale Absicherung gewährleisten.

Aber wäre nicht eine Welt wünschenswert, in der ein Künstler nicht erst 60 Auftritte nachweisen muss, um sein Mindesteinkommen gewährleistet zu bekommen?

Natürlich. Ich bin letztlich Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens, auch wenn es da berechtigte Zweifel gibt. Aber mit welcher Logik darf man erwarten, dass die »Schlecker-Frau«, wie man heute ekelhafterweise zu sagen pflegt, ihrer Lohnarbeit unter schrecklichen Bedingungen nachgehen muss, während der Küns­tler sein Einkommen einfach so gewährleistet bekommen soll? Solange wir in dieser kapitalistischen Gesellschaft leben, in der es große Ungerechtigkeiten in der Lohnarbeit gibt, muss auch der Künstler seinen Anspruch auf Grundab­sicherung irgendwie rechtfertigen. Also muss er zunächst gewisse Kriterien akzeptieren. Es sollten sich endlich erfahrene Leute an einen Tisch setzen und diese Kriterien bestimmen.

Das klingt nach einer schrecklichen Expertenrunde.

Genau, damit will man eigentlich nichts zu tun haben. Man weiß instinktiv, dass es absoluter Quatsch ist, in dieser Sache auf den Staat zu bauen. Am Ende kann man doch einem Künstler nur raten: »Mach gute Musik, erspiele dir ein Publikum, dann hast du irgendwann dein Auskommen.«

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch mit dem globalen Livemarkt. Können sich kleine Künstler heute überhaupt noch unabhängig von den Branchenriesen ein Publikum erspielen?

Für den Künstler sind die gegenwärtigen Bedingungen besser als früher. Das mag hinsichtlich der globalisierten Verhältnisse der Unterhaltungsindustrie zunächst einen Widerspruch darstellen. Aber durch die Digitalisierung sind ein paar Türen aufgegangen. Als kleiner oder mittlerer Künstler, der sich ein Publikum erspielen will, ist es eigentlich heute einfacher als je zuvor.

Inwiefern?

Man braucht eigentlich keine Zwischenhändler mehr. Interessanterweise sind es ja immer die Mittelsmänner, die das meiste Geld verdienen, auch in der Musikindustrie. Der Gründer von CTS-Eventim wird seit Juni 2013 erstmals in der Forbes-Liste der Dollarmilliardäre geführt. Er ist also mit dem einen Geschäft, in das er 1996 eingestiegen ist, nämlich dem Verkauf von Konzerttickets, in 17 Jahren zum Milliardär geworden. Dass an dem System etwas faul sein muss, ist doch klar. Denn die Künstler, für die seine Firma Tickets verkauft hat, sind natürlich nicht Milliardäre geworden.

Das Versprechen, im Internet könne jeder in seiner Nische geschäftlich erfolgreich sein, hat sich nicht erfüllt. Wir haben es auch online fast ausschließlich mit gigantischen Marken zu tun. Keiner redet über Streaming-Dienste, alle nur noch von Spotify.

Das Phänomen hat man in der digitalen Welt noch stärker als in der analogen, weil das Internet von Plattformen wie Spotify lebt. Und es scheint sich immer nur eine Anwendung zu behaupten: iTunes, Google, Facebook, Spotify. Die Benutzerfreundlichkeit ist die Schimäre unserer Tage, die Plattform mit dem bequemsten Service setzt sich durch. Wer den Preis dafür zahlt, ist unwichtig. Die meisten Menschen kennen die Alternativen zu diesen Produkten nicht beziehungsweise nicht mehr. Und natürlich entwickelt sich – wie beim Beispiel des Ticketverkaufs – rasend schnell eine Monopolstellung. Die Konzerne sind im Postkapitalismus eben im Imperiengeschäft, wie Walt es in der Serie »Breaking Bad« formuliert. Man kommt an ihnen in gewissen Bereichen nicht mehr vorbei und muss sein Ticket eben bei Eventim kaufen.
Es wäre die Aufgabe der Künstler, das zu ändern. Ich beschreibe in meinem Buch einige Beispiele, wo Künstler die Höhe der Ticketgebühren, aber auch die Höhe des Ticketpreises festlegen. Obwohl die Künstler viel mehr verdienen könnten, wenn sie die Ticketpreise höher ansetzen würden. Das darf man nicht unterschätzen: Die Künstler haben die eigentliche Macht! Niemand wird dafür bezahlen, den Boss einer Plattenfirma oder eines Ticketing-Konzerns auf der Bühne zu sehen. Die Künstler ermöglichen das Musikgeschäft, ohne sie findet es nicht statt. Nur müssen die Künstler wieder lernen, diese Macht zu nutzen und für ihre Interessen zu kämpfen.

Und kaum ein Pop-Feuilletonist beschäftigt sich gerne mit Konzernstrategien. Liegt es daran, dass alle nur Lady Gaga oder Kanye West zum Essen treffen wollen?

Innerhalb der Musikindustrie gibt es eine Art Schweigegelübde darüber, wie man Geld verdient. Dafür muss es einen Grund geben, anscheinend wird ein Teil des Geldes auf unse­riöse Weise verdient. Darüber will niemand reden. Es gibt tatsächlich kaum Journalisten, die das Geschäftsmodell der Musikbranche hin­terfragen. Nehmen wir das tolle Beispiel der Band Grizzly Bear, deren Mitglieder kürzlich darüber gejammert haben, dass sie trotz ihrer Chart-Erfolge nicht mehr als ihre Zahnärzte verdienen. Das wurde dann von der Süddeutschen Zeitung bis Visions nachgeplappert. Im Spiegel habe ich neulich gelesen: Ein Zahnarzt verdient durchschnittlich 170 000 Euro im Jahr – finde ich eine ganze Menge. Ich kann von 30 bis 40 000 Euro Jahresgehalt schon ganz ordentlich leben. Der Chef der Gema verdient allerdings 484 000 Euro, die Kanzlerin wiederum nur 230 000 Euro. Anstatt Relationen zu betrachten, wird lieber die Aussage einer Band unkritisch nachgebetet. Niemand hinterfragt, wie die Künstler genau bezahlt werden.

Werden im Pop ausschließlich Alibidiskussionen geführt?

Natürlich, es ginge sonst um die großen Fragen nach gerechter Verteilung und gerechtem Lohn. Aber dass ausgerechnet Spotify mich reich machen soll als Künstler, oder Amazon, oder iTunes oder wer auch immer, das ist doch eine absurde Vorstellung. Das sind doch alles kapitalistische, global agierende Konzerne, deren Hauptinteresse nun einmal ihr Profit ist. Spotify hat genauso wenig Interesse an Kultur oder an gerechter Bezahlung von Künstlern wie die großen Plattenkonzerne. Man kann doch nicht ernsthaft so tun, als ob diese Unternehmen Philanthropen sind, die aus kulturellem Interesse Künstler fördern.
Das Problem ist doch – egal ob bei Streaming-Diensten oder bei alten Plattenverträgen –, dass wir überall das Gema-System haben. Also der, der am meisten gehört wird, bekommt auch am meisten ausgeschüttet. Diese Streaming-Unternehmen, von Spotify bis zum neuen Videodienst Vevo, genießen in den ersten beiden Jahren Sonderregelungen, nämlich einen Pauschalvertrag mit der Gema. Das heißt, es wird nie detailliert abgerechnet. Das Geld wird einfach nach der bekannten, skandalösen Gema-Quote pauschal verteilt. Der kleine Künstler bekommt so gut wie nichts, während die Gema-Großkünstler wieder einmal über die Maßen profitieren.

Reden wir doch über die Hintergründe der Streaming-Dienste. Wem dienen die einschlägigen Plattformen?

Die Major-Labels sind auf der Suche nach neuen Vertriebsmöglichkeiten. Den digitalen Vertriebsweg hatte man in den vergangenen zehn Jahren fast ausschließlich Apple überlassen. Jetzt hat man das kapiert, und siehe da: An Spotify sind die Major-Labels beteiligt, genauso wie Coca-Cola; Vevo gehört Universal und Sony und übrigens auch der Abu Dhabi Media Company. Abu Dhabi ist Teil der Vereinigten Arabischen Emirate, ein feudaler Shariastaat – womit einige der größten Gangster also traut vereint wären. Und das Copyright ist das Öl des 21. Jahrhunderts! Streaming-Dienste sind Konstruktionen unter Mithilfe der Major-Labels, um deren Produkte wieder besser verkaufen zu können. Man sollte hier Gilles Deleuzes Gedanken der Kon­trollgesellschaften verfolgen. Kontrolle, das »neue Monster«, »ultra schnelle Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen«, darum geht es letztlich. Die Narration lautet: »Du genießt totale Freiheit!« In Wirklichkeit hast du aber immer eine Käseglocke über dir, du bleibst unter Kontrolle. Sagen wir, ein Streaming-Dienst stellt dir 25 Millionen Musikstücke zur Verfügung, aus denen du wählen kannst. Was ja auch wirklich toll ist. Aber eigentlich will man dir damit Mainstream-Ware verkaufen, das Immergleiche, die Produkte der Industrie. Sie wollen dich an die Hand nehmen mit ihren Algorithmen, die dir sagen: »Wenn du Künstler A magst, wirst du Künstler B lieben.« Du wirst dich so immer innerhalb der Massenwaren der Kulturindustrie aufhalten, innerhalb der Kontrollgesellschaft, die die Bewusstseinsindustrie für dich gebastelt hat.

Aber wieso lassen wir uns gern an die Hand nehmen? Weil wir Angst haben?

Die Angstbesessenheit der Mittelschicht in Deutschland ist absurd, aber auch ein interessantes Phänomen. In den nächsten Jahren werden Billionen Euros vererbt, und trotzdem fürchten sich alle wahnsinnig. Sie fahren diese ganzen bescheuerten SUVs, gated communities auf Rädern. Die Kinder müssen auf Privatschulen gebracht werden, nicht weil sie so besser ausgebildet werden, sondern weil das Netzwerk dort besser funktioniert.
Die jungen Leute haben über drei Jahrzehnte Neoliberalismus erfahren. Absolventen der Popakademie gründen Firmen zusammen mit Werbern. Es wird dort nicht nur anders ge­redet – Werberjargon und Betriebswirtschaftssprache treffen aufeinander –, über Musik wird kaum noch nachgedacht. Wichtiger wird der schnelle Deal für die nächste McDonalds-Werbung oder eine eigene H&M-Modelinie, weil man weiß: Der Künstler ist eigentlich nicht gut genug, um sich länger als ein paar Jahre am Markt zu halten, man muss da in kürzester Zeit rausholen, was irgend geht.

Sie sprechen die McDonalds-Kampagne mit Cro und Konsorten an. In den neunziger Jahren hätte man sie – vor allem unter den Fans – noch als Skandal gewertet. Heute träumen junge Leute vom eigenen Youtube-Channel, über dessen Werbeeinnahmen man sein Leben finanzieren kann …

Aber das schaffen nur ganz wenige. Im Grunde ist das so, wie auf den Lottogewinn zu hoffen.

Aber Popstar zu werden gleicht von der Wahrscheinlichkeit her auch einem Lottogewinn, oder?

Ja. An gegenwärtigen Popstars lässt sich viel illustrieren: Heute will man Popstar werden, weil man damit Geld verdienen kann. Noch in den Siebzigern oder Achtzigern gab es andere Motive. Es ging darum, Leute für die eigene Musik zu begeistern – oder sogar die Gesellschaft zu verändern! Kein Wunder, dass Künstler wie Tom Waits und Adam Yauch keine Werbe-Deals machen. Oder Neil Young, der einmal gesungen hat: »Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke«. Heute ist ein Popstar jemand, der alles mitmacht. Der Sponsoringdeal ist manchmal schon unterschrieben, bevor die Musik veröffentlicht wird.

Weil Werbeverträge, zum Beispiel mit Telefon­anbietern, einem jungen Künstler häufig eine größere Öffentlichkeit schaffen, als es die Industrie über die klassische Radiolandschaft vermag.

Aber der Marktwert der Künstler sinkt oft genauso schnell, wie er gestiegen ist. Patti Smith hat das mal sehr schön auf den Punkt gebracht: »Build a good name! Keep your name clean. Don’t make compromises« – geh sorgsam mit deinem Image um, du hast nur dieses eine! Die Leute, die dich verkaufen – ob Plattenfirmen, Booking-Agenten oder Manager –, die stehen nicht auf der Bühne, es kommt ihnen nicht auf ihren Namen, ihr Image an. Nachdem sie dich gemolken haben, melken sie den nächsten. Als Künstler bleibst du dagegen auf ewig derjenige aus dem McDonalds-Spot.

Es wäre wundervoll, wenn sich dieses Patti-Smith-Zitat nicht nur Künstler, sondern alle Menschen zu Herzen nehmen würden.

Dann hätten wir eine andere Welt. An dieser Stelle möchte ich gerne noch auf das Glück eingehen. Ich glaube nicht, dass du mit irgendetwas, das du für Geld kaufen kannst, glücklich werden kannst. Die Leute sind irrsinnig konsumistisch im Internet unterwegs, leiden aber gleichzeitig an Burn-out und Selbstoptimierungswahn. Diese ganzen Kleinbürger, die als Hipster in Erscheinung treten, sind doch hochgradig unglücklich, ihre Beziehungen funktionieren nicht mehr.
Ich beschreibe in meinem Buch das Monterey International Pop Festival, eine Veranstaltung, die von den Künstlern 1967 selbst organisiert wurde. Vielleicht kennen Sie diesen Film, in dem man die ganzen Größen sieht: Jimi Hendrix, Janis Joplin und so weiter. In diesem Film ist keine Werbung zu sehen, kein Sponsoring, kein Security-Personal, kein Backstage-Bereich. Jimi Hendrix geht aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurück ins Publikum. Keine Distanz, kein Oben und Unten. Dahin müsste man es wieder zurückdrehen, zu einem Festival ohne Coca-Cola und Smartphone-Terror, ohne dass jemand sein Scheißhandy hochhält und ständig irgendwas mitfilmen muss. Gleich unter Gleichen, keiner kann sich mit seinem Geld einen besseren Platz kaufen. Ich würde behaupten, wenn du von so einem Festival nach Hause kommst, bist du ein glücklicherer Mensch, als wenn du zehnmal zum Berlin-Fes­tival gegangen bist. Das ist eine These. Und wie man das, was dahinter steht, politisch nennt, wissen Sie selbst.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Drache bleibt Drache

Über Antisemitismus und Antizionismus in der deutschen Linken
 
von Peter Ullrich, Jungle World, 24.10.2013
Gilad Atzmon, britisch-israelischer Künstler und bekennender Antizionist, schrieb im Jahr 2005 – es war nicht sein erster Ausfall dieser Art – in seinem Weblog, man müsse anfangen, die Vorstellung ernstzunehmen, dass die Juden die Welt kontrollierten: »Since America currently enjoys the status of the world’s only super power and since all the Jews listed above declare themselves as devoted Zionists, we must begin to take the accusation that the Jewish people are trying to control the world very seriously.« Erst 2012 veröffentliche die westdeutsche Splittergruppe »Kommunistische Initiative« ein Flugblatt mit dem Titel »Gegen Imperialismus, Zionismus und Krieg!«, in dem es unter anderem heißt: »Kein Mitleid, kein Bedauern, keinerlei Rücksicht insbesondere mit dem zionistischen Regime Israel, dessen Existenz allein schon eine Kriegsdrohung darstellt! In diesem Brückenkopf des US-Imperialismus konzentrieren sich zunehmend die reaktionärsten, chauvinistischsten, rassistischsten und profaschistischen Kräfte des Imperialismus im Kampf gegen die Völker.« Beides sind jüngere Beispiel dafür, wie sich Antisemitismus von links manifestieren kann. Sie verlangen natürlich eine Interpretation, also den Nachweis, warum sie antisemitisch sind, denn zumindest das zweite Beispiel ist ja nicht explizit feindlich gegen Juden gerichtet. Dafür ist ein Blick auf die Geschichte und spezifische Existenzweise des gegenwärtigen Antisemitismus als fragmentiertes Phänomen hilfreich.

Vom Antijudaismus zum Antizionismus

Die Vielfalt von disparaten Erscheinungs- und Äußerungsformen der Judenfeindschaft ergibt sich aus ihrer langen, gebrochenen, aber nicht abgebrochenen Geschichte, die bis in die christliche Antike zurückreicht und in den vergangenen Jahrhunderten unter sich wandelnden sozialen Gegebenheiten unterschiedliche Formen hervorbrachte, namentlich christlichen Antijudaismus, modernen Antisemitismus, sekundären Antisemitismus und antisemitischen Antizionismus.

In der Frühzeit des Christentums entstand die zunächst vor allem religiös begründete Feindschaft gegen eine Menschengruppe in der Situation religiöser Absetzung. Das Judentum war die Verkörperung vom »Zweifel des Christentums an der eigenen Heilsgewissheit« (Zimmermann 2007). Die Juden wurden des »Christusmords« bezichtigt und verschiedenster anderer Vergehen verdächtigt. Diverse Mythen kursierten vor allem im Mittelalter über das angebliche jüdische Treiben. Dazu zählten Vorstellungen von der rituellen Ermordung christlicher Kinder, der Vergiftung von Brunnen, des Verbreitens der Pest oder der Schändung religiöser Symbole des Christentums. Daraus wurde eine soziale Benachteiligung und Festlegung auf bestimmte, unangesehene Sphären des sozialen Lebens abgeleitet. In Pogromen entlud sich diese Ausgrenzung als praktischer Hass auf mörderische Weise. Der zentrale theologische Hintergrund wird in der die meiste Zeit über präsenten Möglichkeit der religiösen Konversion deutlich. In der Forschung, die häufig eine zeitliche Abfolge bestimmter, dominanter Erscheinungsformen postuliert, wird diese Phase in der Regel als »christlicher Antijudaismus« bezeichnet. Auch diese Form des Judenhasses ist bis in die heutige Zeit, teils auch im linken Kontext, präsent (vgl. Benz 2004).

Eine entscheidende Wandlung erfährt die Judenfeindschaft im Rahmen der gesellschaftlichen Umbrüche im 19.Jahrhundert. Diese Wandlungsprozesse beinhalteten eine materielle Umgestaltung der Welt (Industrialisierung, Technisierung, Urbanisierung), die Heraus­bildung moderner sozialer Verkehrs- und Wissensformen (Bürokratisierung und Verwissenschaftlichung) und die sukzessive Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise. Die Feindschaft gegen Juden nimmt die entsprech­ende Gestalt der Wissensformen dieser Zeit an und bekommt zudem völlig neue Funktionen. Neu und typisch für das späte 19.Jahrhundert ist die Konstruktion der eigenen Gruppe wie auch des jüdischen »Anderen« als Abstammungsgemeinschaft, die ethnisch oder rassisch gefasst wird. Der Antisemitismus artikuliert sich als antiaufklärerisches und antimodernes Projekt, insbesondere, weil er versucht, die abgelehnten und als bedrohlich empfundenen Aspekte des modernen Lebens in verschwörungstheoretischer Manier zu »erklären«. Dieser Antisemitismus, der sich seit dem späten 19. Jahrhundert, teilweise unter Bezug auf die neuen Rassenlehren, auch programmatisch selbst so bezeichnet, wird meist »moderner Antisemitismus« oder, wegen seiner Rolle im Prozess der Herausbildung der bürgerlichen Nationalstaaten, »nationaler Antisemitismus« genannt (Holz 2001). Dabei wird den Juden nicht nur der Status eines anderen oder gegnerischen »Volkes« zugewiesen, sondern eine prinzipielle Andersartigkeit als »nicht-identitäres« Kollektiv. Die jüdische Existenzweise gilt dem Antisemitismus als Gegenprinzip zur »normalen« (beispielsweise eigenen nationalen) Gruppe, die als identitär, ursprünglich und organisch gewachsen aufgefasst wird. Trotz dieser neuen Inhalte und Formen besteht eine gewisse Kontinuität zum Antijudaismus beispielsweise in der nun immer mehr ins Zentrum der Ideo­logie rückenden Verknüpfung von »Jüdischem« mit Geld und Zins (Juden arbeiteten im Mittel­alter wegen des christlichen Zinsverbots oft als Geldverleiher oder Händler, von handwerklichen Berufen waren sie meist ausgeschlossen). Doch im Zentrum steht nun die Fiktion vom »jüdischen Kapitalisten«, dessen angeblich besondere Raffgier gegen die bodenständige Sphäre der konkreten Arbeit und Produktion gestellt wird. Die antisemitische Erklärung der Welt war immer mit handfesten Bestrebungen der Aussonderung und Verfolgung von Juden verbunden. Diese Feindschaft zeigte sich in institutionellen Ausschlüssen und entlud sich in Pogromen (insbesondere während der mittelalterlichen Kreuzzüge und, gerade in Osteuropa, bis ins 20.Jahrhundert hinein). Sie gipfelte in der Vernichtung von Millionen Juden durch den deutschen Nationalsozialismus, die am eindringlichsten durch die Todesfabrik Auschwitz symbolisiert wird, welche zum Synonym für das Menschheitsverbrechen wurde (Diner 1988; Claussen 2005).

Der Völkermord an den europäischen Juden wurde zum Kuliminationspunkt des mörderischen Potentials des Antisemitismus und zum bedeutenden Wendepunkt in seiner Geschichte. Jeder spätere Diskurs über Antisemitismus fand im Wissen um das kaum Fassbare der Shoa statt und machte jede bisherige Form der Judenfeindschaft zur bloßen Vorgeschichte. Zugleich stellt die Shoa auch den Ausgangspunkt von Form- (nicht Struktur-) Wandlungen des Antisemitismus dar. Eine Mehrheit der Vereinten Nationen gelangte angesichts der Vernichtung eines großen Teils der europäischen Juden zu der Ansicht, dass zum Schutz der Juden gegen den Antisemitismus ein jüdischer Nationalstaat zu schaffen sei, was zur israelischen Unabhängigkeitserklärung und Staatsgründung im Jahre 1948 führte, also zur Verwirklichung der Bestrebungen des politischen Zionismus ein halbes Jahrhundert nach seiner Begründung als politische Bewegung auf dem Basler Zionistenkongress. Der Antisemitismus, in vielen Ländern Europas weiter verbreitet, war fortan in der deutschen politischen Öffentlichkeit des­avouiert; dies änderte die Kommunikationsbedingungen für Antisemitismus grundlegend. Auch und gerade in Deutschland ist dieses Weltbild nicht über Nacht verschwunden, wurde jedoch in der öffentlichen Sphäre nach 1945 bekämpft.

Der »sekundäre« Antisemitismus

In dieser postnationalsozialistischen Situation entsteht der »sekundären Antisemitismus«, eine Abwandlung des modernen Antisemitismus alten Stils zu einem Antisemitismus trotz oder wegen Auschwitz. Auschwitz steht im Widerspruch zur nationalistischen Idee der Affirmation der eigenen Nation über Zeit und Raum hinweg. Auf diese Situation bilden sich verschiedene Reaktionen, darunter antisemitische Umdeutungsversuche der Geschichte. Zu diesen gehören die das eigene Kollektiv exkulpierende Holocaust-Leugnung, die Täter-Opfer-Umkehr (beispielsweise durch die Idee, Juden hätten an der Shoa mitgewirkt oder würden sie nun instrumentalisieren) und die Gleichsetzung von Juden und jüdischen Institutionen mit den nationalsozialistischen Tätern. Diese Phänomene schließen einerseits an den Antisemitismus vor Auschwitz an. So ist die Täter-Opfer-Umkehr schon in frühen antisemitischen Texten zu finden (Holz 2001). Dafür steht der Ausspruch »Die Juden sind unser Unglück« des antisemitischen Historikers und Wegbereiters des Anti­semitismus im deutschen Bürgertum, Heinrich von Treitschke. Andererseits finden sich inhaltliche Variationen und vor allem neue Motive (insbesondere das der Selbstlegitimation der deutschen Tätergeneration durch Anklagen gegen Juden), die an nachwachsende Generationen weitergegeben werden, weshalb dafür ursprünglich der Begriff »sekundärer Antisemitismus« gewählt wurde.
Zum Teil gleichzeitig bildet sich ein antisemitischer Antizionismus, eine Gegnerschaft zum Zionismus heraus, die antisemitischen Mustern folgt oder als Platzhalter für die öffentlich nicht legitim kommunizierbare Feindschaft gegenüber dem Judentum auftritt. Dieser Antizionismus setzt sich zum Teil fort in dem, was man »israelbezogenen Antisemitismus« nennen könnte, also eine antijüdische Feindbildkonstruktion, die sich vorrangig aus dem Nahostkonflikt speist, aber eben nicht auf den Konfliktgegner Israel beschränkt bleibt.

Die verschiedenen Grundformen der Judenfeindschaft koexistieren weiter in der Gesellschaft. Der religiöse Antijudaismus ist nicht ganz verschwunden und auch der sekundäre Antisemitismus hat den primären nicht verdrängt. Allerdings ist die Darstellung der quantitativen Bedeutung des Antisemitismus und seiner jeweiligen Formen nicht einfach. Insbesondere die Durchdringung des Alltags mit niederschwelligen Ausdrucksformen von Antisemitismus ist nicht statistisch messbar. Etwas anders sieht dies bei manifesten und damit strafrechtlich relevanten antisemitischen Delikten aus. Dazu gehören Schmierereien, Friedhofsschändungen, Angriffe auf Personen, Anschläge auf Einrichtungen oder hetzerische Propaganda. In der Bundesrepublik wurden im vergangenen Jahrzehnt jährlich zwischen 1 200 und 1 700 solcher mehrheitlich von Rechtsradikalen verübten Delikte verzeichnet, manche, wie der brutale Angriff von Jugendlichen auf einen jüdischen Rabbiner in Berlin im Sommer 2012, erfuhren weite Medienresonanz, andere wurden kaum öffentlich bekannt.
Kollektive, die sich des Antisemitismus zur Konstruktion von Fremdgruppen und zur Stabilisierung der eigenen Gruppenidentität bedienen, unterscheiden sich jedoch in kultureller und politischer Hinsicht. Albert Scherr und Barbara Schäuble (2008) haben gezeigt, dass sich deren Weltanschauungen sogar gegenseitig ausschließen können, also dass antisemitische Fremdbildkonstruktionen der einen Gruppe unter Umständen von anderen antisemitisch eingestellten Gruppen explizit abgelehnt werden. So kon­fligierte beispielsweise in einer der von ihnen durchgeführten Gruppendiskussionen reli­giöser und mit dem Nahostkonflikt begründeter Antisemitismus muslimischer Jugendlicher explizit mit einer biologistisch-rassistisch begründeten Vererbungstheorie eines Russlanddeutschen. Beide wiederum unterschieden sich von einer sekundär-antisemitischen Differenzkonstruktion bei einer Gruppe ostdeutscher Jugendlicher. Aus all diesen Gründen liegt es nahe, von einem amorphen, vielgestaltigen und brüchigen Phänomenfeld zu sprechen, das zudem fragmentiert ist.

Die Fragmentierung des Antisemitismus ist ein Resultat teils recht erfolgreicher Bemühungen zur Bekämpfung des Antisemitismus, die sich zumindest abschwächend auf die Verbreitung verschiedener Ausdrucksweisen und Einstellungen ausgewirkt haben. Die Umfrageforschung verzeichnete für die Geschichte der Bundesrepublik »einen langsamen, aber stetigen Rückgang in der Verbreitung antisemitischer Vorurteile vor allem in den jüngeren Genera­tionen«, bei etwas diffuseren Entwicklungen in den vergangenen Jahren (Bergmann 2010). Diese Bekämpfung, die sich unterschiedlichster Mittel bediente – von der Entnazifizierung und reeducation zur politischen Bildung über öffentliche Erinnerungs-, Gedenkstätten-, Bildungs- und Kulturpolitik bis hin zur strafrechtlichen Verfolgung –, hat jedoch auch unerwartete und zum Teil unerwünschte Nebeneffekte. Gerade die Desavouierung des Antisemitismus, also sein absoluter Legitimitätsverlust im Angesicht der nationalsozialistischen Judenvernichtung, führte dazu, dass sich außerhalb der extremen Rechten kaum jemand zum Antisemitismus öffentlich bekennt – unabhängig von tatsächlichen entsprechenden Einstellungen oder Handlungen. Bernd Marin spricht deswegen vom »Antisemitismus ohne Antisemiten« (Marin 1979). Dieser sei ein »Massenvorurteil ohne Legitimation, ohne öffentliches Subjekt, ohne propagandistische Träger, ohne das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis einer Ideologie«.

Antisemitismus in der Geschichte der Linken

Diese Existenzweise des Antisemitismus als zwar bekämpfte und fragmentierte, doch vielgestaltige soziale Struktur erklärt zu einem Teil, warum es auch in der Linken Antisemitismus gibt. Anders als für die Gesamtbevölkerung gibt es zur quantitativen Bedeutung der Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der politischen Linken keine genauen Zahlen. Neben dem linken Kampf gegen Antisemitismus, der auch manches Mal hätte mit mehr Verve betrieben werden können, gab es in der Linken stets auch eine Tradition der gesonderten Ablehnung des Zionismus (im Gegensatz zu anderen Nationalismen), insbesondere durch die sozialistische und kommunistische Arbeiter­bewegung schon vor dem Ersten Weltkrieg und ihrer damit einhergehenden Spaltung. Dieses linke Erbe war eine der Voraussetzungen, die es in der Phase der späten stalinschen Herrschaft ermöglichten, eine antisemitische Kampagne durchzuführen, die im Wesentlichen dem Zweck diente, trotz bestehender immenser Legiti­mitätsdefizite die staatskommunistische Herrschaft als jeweils »nationale(n) Kommunismus« (Ullrich 2007) in den osteuropäischen Volks­demokratien durchzusetzen. In diesen Ländern kam es zu einer Welle von hetzerischen Veröffentlichungen, Verhaftungen und Schauprozessen, die ihren antisemitischen Charakter kaum verbargen. Diese Terrorkampagnen richteten sich gegen jede reale und vor allem allerhand konstruierte Opposition oder Abweichung von der jeweils gültigen Parteilinie, gegen »Trotzkismus«, »Titoismus«, »Opportunismus«, »Kosmopolitismus« und gegen Ende immer klarer gegen den Zionismus.
Kennzeichnend für die Verfolgungswelle war, dass sie sich gegen jüdische Personen oder Organisationen richtete, diese gegen die marxistische Theorie als Abstammungsgemeinschaft ethnisch konstruierte und sie einer kapitalistisch-imperialistischen Verschwörung gegen die »werktätigen Völker« zieh. Diesem verschwörungstheoretischen Wahngebilde – denn die Vorwürfe waren schlicht konstruiert und die teilweise gestehenden Angeklagten der Schauprozesse gestanden nur aufgrund der Folter oder aus kaum mehr nachvollziehbarer Parteiraison – fielen zahlreiche Personen zum Opfer, darunter viele kommunistische Aktivisten, Revolutionäre der ersten Stunde und hochrangige Funktionäre. Die Camouflage, die das antijüdische Feindbild leicht verbrämt, besteht darin, dass der Gegner nur »Zionismus« genannt wird. Auch damit entsteht schon eine mit der marxistischen Theorie nicht zu vereinbarende Verschwörungstheorie, die partikularistisch den jüdischen Nationalismus stigmatisiert. Doch hier ist sie zusätzlich de facto gegen jüdische Per­sonen gerichtet und betont zudem jeweils deren jüdische »Herkunft«, die zum ernsten Risikomerkmal wurde. Sie wurde auch in der DDR im Rahmen von Parteisäuberungsaktionen erfasst und zum besonderen Kontrollkriterium (Timm 1997); die Sowjetführung forderte die Regis­trierung aller Juden in der DDR. Dieser Antizionismus griff tief ins Arsenal des modernen Antisemitismus, ja entsprach diesem in allen wesentlichen Strukturen, klagte »jüdische Ka­pitalisten« für allerlei Unbill an und vollzog die den Holocaust relativierende Täter-Opfer-Umkehr. Eindrücklich aus Klaus Holz’ (2005) Analyse der entsprechenden Texte ist dieses typische Zitat, geschrieben vom Vorsitzenden der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei: »Die zionistischen Organisationen und ihre amerikanischen Herren waren (...) in der Lage, die Leiden, die Hitler und andere Faschisten den Juden zufügten, schamlos auszubeuten. Man könnte fast sagen, daß sie aus Auschwitz und Majdanek Kapital schlagen möchten.«

Antifaschistischer Antizionismus

Der Kampf gegen den Zionismus wird so zum »antifaschistischen« Kampf gegen die Opfer der Judenvernichtung. So nimmt es auch nicht wunder, dass ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung nach solcherart massenmedialer Propaganda auch in der DDR die Signale verstand und das Land verließ. Mit dem Tod Stalins fand diese Terrorkampagne ihr Ende. Auch spätere Phasen der Hetze gegen Israel (die nun auch mehr im Kontext des Kalten Krieges ge­sehen werden müssen) schlossen hier nur teilweise an. Ganz überwunden wurde dieses Erbe aber nicht. Noch bis in die achtziger Jahre beispielsweise erschien in der DDR antizionistisch camouflierte antisemitische Propaganda, von Karikaturen, die Israelis und Nazis gleichsetzten (beispielsweise Moshe Dayan und Hitler) bis hin zu Kindermärchen, in denen der böse und gefräßige »kleine Drache Zion« den Kindern Palästinas ihr Essen stiehlt, was diese zu dem Schluss kommen lässt: »Ein Drache bleibt doch immer ein Drache!« (Amadeu-Antonio-Stiftung 2010). Die politische Linke, beziehungsweise ihre reaktionären stalinistischen Ableger, war also ein wichtiger Akteur in der Entstehung einer antisemitischen Spielart des Antizionismus. Allerdings ist dies nicht typisch für die Linke in einem umfassenden Sinn und es ist ist keinesfalls von einer einfachen Kontinuität auszugehen, die heute von besonderem Einfluss wäre.

Insbesondere eine Kontinuität zwischen dem spätstalinistischen (volksdemokratischen) Antisemitismus und der heutigen außerparlamentarischen bundesdeutschen Linken ist zweifelhaft. Schon die westdeutsche KPD/DKP zeigte sich in den entsprechenden Kampagnen zurückhaltender. Positionierungen wie die eingangs zitierte der Kommunistischen Initiative verdeutlichen aber, dass es sich nicht ausschließ ­lich um ein Problem der Vergangenheit handelt.

Späterer antisemitischer Antizionismus schöpfte möglicherweise in Teilen auch aus diesem Erbe, nahm jedoch teilweise andere Formen und Inhalte an. Antisemitische Konnotationen kamen in diesem Kontext insbesondere als sekundär-antisemitische Argumentationen, beispielsweise in Form omnipräsenter NS-Vergleiche und Dämonisierungen Israels, vor. Auch die Deutung des Judentums als abgelehnte »Volksklasse«, die den affirmierten »Völkern« gegenübersteht, zieht sich durch die Textproduktion zumindest der militanten antiimperialistischen Linken. Der antisemitische Gehalt vieler Texte und Terroraktionen – vom Anschlag der Westberliner Tupamaros auf das jüdische Gemeindezentrum 1969 in Berlin bis zur euphorischen Unterstützung der Ermordung der israelischen Olympiamannschaft 1972 durch RAF-Mitglieder – ist nicht zu leugnen. Dennoch muss die Einordnung der sonstigen stark israelfeindlichen Texte und Aktionen, die häufiger Anklänge an den Antisemitismus hatten, sich aber nicht gegen Juden richteten, auch andere Kontexte berücksichtigen. Die Gleichsetzung mit Nazi-Deutschland war Teil der Kritik an den USA im Kontext des Vietnam­krieges. Die Dämonisierung Israels war auch eine Reaktion auf den Philosemitismus der Eliten. Die Verherrlichung der palästinensischen Militanten war auch Ausdruck einer generellen Hoffnung der metropolitanen Linken auf die nationalen Befreiungsbewegungen als Subjekte der Revolution. Insbesondere aber war sie auch eine Reaktion auf Israels neue Rolle als »imperialistische« und Besatzungsmacht, die sich in der Suez-Krise 1956 angekündigte und 1967, mit dem Beginn der dauerhaften Besatzung nichtisraelischen Territoriums manifest wurde. Die in diesem Kontext entstehende Feindschaft, Abwertung und nationalistische Mobilisierung kann antisemitischen Charakters oder Inhalts sein, aber auch schlicht aus den allgemeinen Konfliktdynamiken resultieren. Dies kompliziert die Einordnung des linken Antizionimus und linker Israelkritik. Der Anteil von verschwörungstheoretischem Wahn, par­tikularistischer, aber konfliktbezogener Ablehnung und realpolitischer Analyse ist oft kaum klar zu bestimmen.

Die heutige Linke

Wendet man sich nach diesem Parforceritt durch die Geschichte dem Antisemitismus in der gegenwärtigen Linken zu, wie er sich im Anti­zionismus oder in der Kritik an Israel äußern kann, muss die oben geforderte differenzierende Analyse geführt werden. Unter den kursierenden Beispielen, die als Beleg für linken Antisemitismus dienen sollen, gibt es jene, bei denen dieser Nachweis leicht fällt. Es gibt jene, bei denen keine eindeutige Einordnung möglich ist. Und es gibt solche, bei denen der Vorwurf zu­rück­gewiesen werden muss. Die im Folgenden zu ana­lysierenden Beispiele, die pars pro toto für viele andere stehen, dienen der Darstellung tatsächlicher Ausprägungen von Antisemitismus. Sie sind alle weder typisch für den linken Diskurs, noch können quantitative Aussagen über ihre Verbreitung oder über die Zustimmung zu solcherart Positionierungen getroffen werden.

Eines der eindrücklichsten Beispiele für die kommunikative Aktualisierung von Antisemitismus in linken Kontexten stammt aus Köln. An der am dortigen Dom von Kölner Friedensbewegten aufgestellten »Klagemauer« befand sich ein Bild, welches Ausgangspunkt einer harten öffentlichen Debatte wurde. Es handelt sich um ein Foto von einer Demonstration in Indonesien. In dessen Zentrum wiederum ist ein Plakat zu sehen, das zum eigentlichen Grund der Auseinandersetzung wurde. Auf ihm abgebildet ist ein Mann, der mit Messer und Gabel ein vor ihm auf dem Teller liegendes Kind verspeist. Daneben steht ein Glas, mit einer roten Flüssigkeit, wohl Blut symbolisierend. Die Männerfigur ist in Blauweiß gehalten und trägt einen Latz mit Davidstern, referiert damit klar auf Israel beziehungsweise das Judentum, die Gabel ist mit der US-Fahne gemustert, auf dem Messer steht »Gaza«. Das Kind ist, insbesondere durch eine Kuffijah, das sogenannte »Palästinensertuch«, als palästinensisch erkennbar. Die am Plakat sichtbaren Buchstaben »GUPS« verweisen auf die Generalunion Palästinensischer Studierender als möglichen ursprünglichen Urheber des Plakates. An antisemitischen Topoi herangezogen werden am deutlichsten die Kindsmordlegenden und das rituelle Bluttrinken. Unabhängig von einer späteren vagen Distanzierung des Initiators der Kölner »Klagemauer« von möglichen antisemitischen Lesarten und der Beteuerung, dass intentional nicht antisemitische Legenden aufgerufen werden sollten, sondern die Männerfigur für den Staat Israel stehe und sich das Bild, verdeutlicht durch einen Untertext, konkret auf schreckliche Folgen des israelischen Angriffs auf Gaza beziehe, nicht auf Untaten von Juden generell, ist doch der antisemtische Gehalt nicht zu leugnen. Die Inten­tion ist für mögliche Bildwirkungen schlicht vernachlässigbar.

Um sich nicht auf den deutschen Kontext zu beschränken, sei ein weiteres Bild – diesmal aus Brasilien stammend – analysiert. Es handelt sich um eine Karikatur des Brasilianers Carlos Latuff, die unter anderem auf der britischen Website von Indymedia zu finden war. Latuffs Karikaturen sind eine populäre und harsche Kritik der israelischen und US-amerikanischen Politik und international in linken Zeitungen, Zeitschriften und Internetforen verbreitet. Häufig kommen bei ihm drastische Vergleiche, beispielsweise mit NS-Deutschland oder Hitler, vor. Im analysierten Bild sind Israelkritik und Antizionismus mit antisemitischen Topoi eng verwoben. Abgebildet ist Ariel Sharon (damals israelischer Premierminister), der in tarnfarbenen Armeehosen und eingewickelt in eine israelische Fahne auf einer Kugel sitzt, mehrere Gewehre, eine Pistole und ein Kampfflugzeug mit sich führend. Er hält eine Hand auf, in die eine andere Hand in den Farben der USA Bündel mit Dollarnoten fallen lässt. Mit der Pistole zielt er auf einen neben ihm sitzenden Palästinenser (durch die Kuffiyah erkennbar), der sehr klein gehalten ist und nur über eine neben ihm liegende Steinschleuder als Waffe verfügt (ein Bezug zur bib­lischen Geschichte von David und Goliath). Was eine drastische Darstellung und Kritik des Nahostkonflikts sein will, ist zugleich mehrfach problematisch und bemüht antisemitische Topoi und Strukturen. Insbesondere ist der zentrale NS-Vergleich problematisch. Sharons Arm trägt den Schriftzug »Massaker«, wobei die beiden »s« wie SS-Runen geschrieben sind, der Palästinenser hingegen hat eine Nummer auf dem Arm – tätowiert wie KZ-Häftlinge. Besonders drastisch – und in der Tat eher untypisch, aber umso deutlicher – ist der einen großen Teil des Bildes prägende Schriftzug »Sharon Anti Christ«, der das Bild aus der politischen in die religiöse Sphäre überführt und Anschlussfähigkeit an christliche antijüdische Diskurse ermöglicht.

Philosemitismus und Antisemitismusvorwurf

Auf einem Workshop zum Thema »Die deutsche Linke und der Nahostkonflikt«, den die der Linkspartei nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung im Frühjahr 2012 durchführte, gab es einen offenen Themenblock, in dem sich spontane Arbeitsgruppen zu selbstgewählten Fragen austauschten. Eine der Arbeitsgruppen hatte das Thema »Funktionen des Antisemitismusvorwurfs«. Auf der gemeinsam erarbeiteten Ergebnisliste versammelten sich verschiedenste unlautere Gründe, einen Antisemitismusvorwurf zu äußern, nicht aber der, dass dieser Vorwurf möglicherweise dazu dienen könnte, tatsächlichen Antisemitismus anzuklagen. Diese Situa­tion verdeutlicht die Logik der linken Antisemitismusdebatte. Sie zeigt, wie sehr sie als Themenfeld ein Eigenleben führt, sich sogar von ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Antisemitismus, zu lösen scheint. Zwei Gründe für dieses Arbeitsgruppenergebnis, beide real und wirkmächtig, fallen ins Auge: Ein Motiv ist der Unwille, sich kritisch und selbstkritisch mit Antisemitismus in der Linken zu beschäftigen, eine Position, die besonders für radikale Kritiker Israels und nicht zuletzt für die wirklichen Antisemiten unter ihnen typisch ist. Der andere Grund ist die Abwehrhaltung gegen einen mit tatsächlich kontinuierlicher Willkür, Beliebigkeit und Aggressivität vorgetragenen verdinglichten Antisemitismusvorwurf, der Menschen delegitimiert – und somit vom Instrument der Kritik zum allzeit bereiten Herrschaftsinstrument (Claussen 1992) verkommt.

Es gibt einen Diskurs – innerhalb der politischen Linken, insbesondere, aber nicht ausschließlich vertreten von antideutschen und zumindest in dieser Tradition stehenden Debattanten –, der eine so niedrige Schwelle für das Anbringen des Antisemitismusvorwurfs hat, dass all die geschilderten Ambivalenzen verschwinden, die mit der Fragmentierung und der überindividuellen Existenzweise des Antisemitismus zusammenhängen. Unterscheidungen zwischen manifestem Aussagegehalt, möglichen Rezeptionsweisen und diskriminierender Praxis verschwimmen vollkommen. Im Bestreben, Antisemitismus nachzuweisen, werden statt dessen Indizien zusammengetragen – um den Preis der Aufgabe begrifflicher und moralischer Differenzierung. Mehrere solche Antisemitismusdebatten mit Bezug zum Nahostkonflikt gab es in der jüngeren Zeit. Allein im Jahr 2012 wurde in der deutschen Öffentlichkeit um den die BDS-Kampagne unterstützenden Jenaer Bürgermeister Schröter, Günter Grass’ Gedicht »Was gesagt werden muss«, den Friedenspreis für Judith Butler und die Israelkritik von Jakob Augstein gestritten. Alle diese Debatten fanden ihren Widerhall und rege Beteiligung im linken Diskurs, wenn dieser nicht durch die beteiligten Akteure ohnehin tangiert war (bei Butler als wichtige Anregerin der poststrukturalistischen Linken, bei Augstein als Her­ausgeber einer wichtigen linken Wochenzeitung). Alle Diskussionen folgten dem gleichen Erregungsmuster. Auf die Skandalisierung folgend, wurde Antisemitismus konstatiert und von der Gegenseite mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen. Ein Beispiel, das für viel Furor auch in der linken Medienöffentlichkeit sorgte, war die Platzierung Augsteins auf der »Hitliste« der schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Ausfälle des Simon-Wiesenthal-Centers in Los Angeles, die gemeinhin als Antisemiten-Top-Ten wahrgenommen wird, zusammen mit unter anderem den ägyptischen Muslimbrüdern, dem iranischen Regime und den griechischen Neofaschisten der Partei »Chrysi Avgi« (Goldene Morgenröte). Während es eine relativ einmütige Zurückweisung insbesondere der Stärke der Vorwürfe aus allen Richtungen gab – so in verschiedenen Leitartikeln, von Antisemitismusforschern, vom Zentralrat der Juden –, waren linke proisraelische Meinungen klar in ihrer Einschätzung, dass Augsteins Äußerungen, die ihn auf die Liste gebracht hatten, offensichtlich antisemitisch seien.

Tatsächlich lassen sich Augsteins Bezeichnung Gazas als »Lager«, seine Anspielungen, orthodoxe Juden würden vor allem nach dem Rachegesetz handeln, und die Unterstützung für Grass als Tabubrecher für »uns« Deutsche in diesem Sinn verstehen. Der anti-antisemitische Diskurs bewegt sich jedoch, wie auch manche unter Augsteins Verteidigern, weit von diesen Stellen weg und bringt auch Belege für Augsteins vorgeblichen Antisemitismus, die jeder Beweiskraft für einen solchen Vorwurf entbehren. So wurde Augstein in der Taz vorgehalten, die Bezeichnung Israels als Besatzungsmacht sein »NS-Jargon«.Auch in der immer wieder aufflammenden Diskussion über Antisemitismus in der Linkspartei wurde mehrfach deutlich, dass sich der Antisemitismusvorwurf als politische Waffe gegen einen ohnehin feststehenden Gegner in Anschlag bringen lässt, notfalls auch mit schlicht erfundenen »Argumenten«, etwa wenn der Partei vorgeworfen wird, das Existenzrecht Israels nicht anzuerkennen, ein Vorwurf, der von Unkenntnis der Beschlusslage der Partei zeugt.
Ein instruktives aktuelles Beispiel, in dem es nur am Rande um den Nahostkonflikt geht, das aber die unangemessene Schärfe und Beliebigkeit linker Antisemitismusvorwürfe verdeutlicht, produzierte die »Linke Liste« an der Universität Frankfurt am Main, als im Mai 2012 ein Bündnis linker Gruppen und Parteien im Rahmen der Krisenproteste zu Aktionen vor der Europäischen Zentralbank aufrief. Die »Linke Liste« veröffentliche dazu ein Flugblatt, das die »Occupy«-Bewegung einer radikalen Kritik unterzieht. Ihr wird Inhaltsleere, Beliebigkeit, Reformismus, Personifizierung sozialer Verhältnisse und anderes vorgeworfen. Die Abrechnung gipfelt in dem Vorwurf an die Aktivisten im »Occupy«-Bündnis, ein wichtiges einigendes Moment für sie sei »antisemitische(r) Hass auf die Formen kapitalistischer Zirkulation«, der dem »Pogrom der 99 % über das 1 % Tür und Tor öffnet«. Hier verflüchtigt sich jeder Unterschied zwischen einer heterogenen und diffusen Sammlungsbewegung auf der einen und der Bewegung der selbsternannten Antisemiten auf der anderen Seite; zwischen den problematischen Elementen der im »Occupy«-Bündnis verbreiteten Weltbilder und der Realisierung hasserfüllter, mörderischer Praxis. Was sich statt dessen zeigt, ist die verbreitete Vorstellung vom »Antisemitismus der anderen«, die den sozialen Charakter postnazistischer Diskurse nicht ernst nimmt.

Literatur
Amadeu-Antonio-Stiftung (Hg.): »Das hat’s bei uns nicht gegeben!«, Berlin 2010
Wolfgang Benz: Was ist Antisemitismus?, München 2004
Werner Bergmann: Ergebnisse der Einstellungsforschung zum Antisemitismus in Deutschland, Fassung vom Juni 2011
Detlev Claussen: »Versuch über den Antizionismus«. In: ders./Thomas Haury: Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992
Ders.: Grenzen der Aufklärung. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt/Main 2005
Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt/Main 1988
Klaus Holz: Nationaler Antisemitismus, Hamburg 2001
Bernd Marin: »Ein historisch neuartiger ›Antisemitismus ohne Antisemiten‹«. In: »Geschichte und Gesellschaft« 5 (1979), S. 545 ff.
Albert Scherr / Barbara Schäuble: »Wir« und »die Juden«. In: »Berliner Debatte Initial« 19 (2008), 1/2, S. 3 ff.
Angelika Timm: Hammer, Zirkel, Davidstern, Bonn 1997
Peter Ullrich: »Nationaler Kommunismus nach Auschwitz«. In: »Utopie kreativ« 199 (2007), S. 455 ff.
Michael Zimmermann: »Antiziganismus – ein Pendant zum Antisemitismus?«. In: Klaus-Michael Bogdal u. a. (Hgg.): Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz, Stuttgart 2007, S. 337 ff.

Der Text ist die redaktionell gekürzte und bearbeitete Fassung eines Kapitels aus Peter Ullrichs Buch »Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs«, das soeben im Wallstein-Verlag erschienen ist und 19,90 Euro kostet.

Freitag, 20. September 2013

Der das Krokodil zähmt - Klaus Kordon wird 70



Aus: Berliner Zeitung, 20.09.2013, von Cornelia Geissler

Dem Geschichtenerzähler Klaus Kordon zum 70. Geburtstag. Neben den Romanen, mit denen der Leser in die Vergangenheit steigen und dort eine Orientierung finden kann, schreibt Kordon immer wieder klassische fantasievolle Kinderbücher.

Ein simpler Kalenderspruch macht Manfred Lenz klar, was er sich alles gefallen lassen hat, wo er mitgespielt hat, wenn er widersprechen wollte. „Wer nicht lebt, wie er denkt, wird irgendwann denken, wie er lebt.“ Manfred Lenz ist das Alter Ego des Schriftstellers Klaus Kordon in „Krokodil im Nacken“, seinem persönlichsten Buch.
Es beginnt in der Isolationshaft im Stasi-Gefängnis nach einem Fluchtversuch aus der DDR. Die Frau sitzt in einer anderen Zelle, die Kinder sind im Heim. Das ist Kordons Geschichte! Von dort aus gehen die Gedanken zurück zu den Anfängen des Lebens in der Nachkriegszeit in Berlin-Prenzlauer Berg, im Kinderheim nach dem Tod der Mutter (der Vater war schon im Krieg gestorben). Nach einem holprigen Start nimmt sein Berufsweg mustergültig Fahrt auf. Als der Prager Frühling niedergeschlagen wird, schnappt das Krokodil zum ersten Mal zu.
.

Flugblätter in Briefkästen 

 

„Während andere junge Leute den Namen des tschechoslowakischen Staatsmannes und Hoffnungsträgers Dubcek an die Hauswände pinselten, Plakate klebten gegen diese Art von Bruderhilfe oder Flugblätter in Briefkästen warfen und dafür Exmatrikulation, Verhaftung und Gefängnisstrafe riskierten, verlas der Abteilungsleiter Lenz vor seinen Mitarbeitern eine die Lage erklärende Rede des Zentralkomitees der SED“, heißt es im Roman. „Und die verheuchelten Worte, die so leicht zu durchschauen waren, die Lügen, die er mithalf zu verbreiten, würgten ihm danach noch tagelang im Hals.“
Klaus Kordon schreibt, wie aus kleinen Zugeständnissen Normalität werden konnte, wie Menschen Privates und Öffentliches für sich so selbstverständlich trennten, dass sie ohne Mühe unterschieden, wo und wem sie was sagen konnten. Das 2002 erschienene Buch lässt Geschichte lebendig werden: mit glaubhaften Charakteren, munteren Dialogen – vor allem aber mit dringlichen menschlichen Fragen. Das ist Kordons Art zu schreiben: Sein Buch „1848. Die Geschichte von Jette und Frieder“ handelt zwar von der Märzrevolution, aber eben auch vom Erwachen der Liebe. Und „Julians Bruder“ beschreibt eine Jugend um 1945, erzählt vom falschen Glauben an Hitlers Krieg und zugleich von Vertrauen und Schuld.
Neben den Romanen, mit denen der Leser in die Vergangenheit steigen und dort eine Orientierung finden kann, schreibt Kordon immer wieder klassische fantasievolle Kinderbücher, etwa über „Jinbal von den Inseln“ oder „Paula Kussmaul“ und ihre Abenteuer. „Ich bin ein Geschichtenerzähler“ nannte er 1988 einen Sammelband. Am Sonnabend feiert Klaus Kordon seinen 70. Geburtstag. Mögen ihm noch viele Geschichten einfallen und viele Fragen zum Erzählen drängen.


Donnerstag, 12. September 2013

Erich Loest: Die Stasi war sein Eckermann





Aus: Berliner Zeitung, 12.09.2013

Mit Erich Loest hat Deutschland einen seiner aufrichtigsten und größten Chronisten verloren. Seine brummige Unbestechlichkeit, gepaart mit bissigem Humor und Liebe zu den Menschen, wird fehlen. Ein Nachruf von Matthias Schnitzler.

Christa Wolf schrieb moderner, Stefan Heym internationaler und Ulrich Plenzdorf der Jugend zugewandter. Das beste Buch jedoch über das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik stammt von Erich Loest. Ein wahrhaftigeres Stück DDR-Literatur als seinen Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) wird man kaum finden. Wer wissen will, wie der Alltag in Leipzig oder Karl-Marx-Stadt wirklich aussah, muss Loest lesen. Erst dann geht einem auf, wie viele faule Kompromisse andere Autoren gemacht haben.
Wolfgang Wülff ist ein Durchschnittstyp. Ingenieur ohne Ehrgeiz, genügsam, wenn man ihn in Ruhe lässt. Der Polizeihund, der ihn als Halbwüchsiger bei einer Demonstration gegen das Verbot einer Beatgruppe ansprang, verfolgt ihn Jahre später noch. Partei, Leistungsdruck, Karriere, letztere von seiner Frau eingefordert, sind ihm zuwider. Als Wülff im Schwimmbad einen Mann beobachtet, der seinen Sohn zum Leistungsschwimmer abrichten will, rastet er aus. Beschimpft den vorbildlichen DDR-Bürger als „gottverdammten Faschisten“. Vor Gericht kommt der Angeklagte glimpflich davon. Seine Frau schmeißt ihn raus. Beruflich tritt er einen weiteren Schritt zurück. Wülff lebt sein Leben, privatistisch, durchaus spießig, aber mit einem Rest an persönlicher Würde.
.

Vorwurf der "Standpunktlosigkeit"

 

All dies schildert Loest in „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ höchst lebendig, nah an den Menschen, mal ironisch, mal zotig, rundum gelungen: ein Kultbuch. So großartig konnte DDR-Literatur sein. Dass und wie der Roman (als Lizenz auch in Westdeutschland) nach leidvollen und mutigen Kämpfen des Autors gegen die Zensur erschien, gehört untrennbar zum Werk dazu. In der Publikation „Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR“ (1984) hat Loest penibel über alle Widrigkeiten und Schweinereien Buch geführt. Der Roman ist rasend schnell ausverkauft, spätere Auflagen werden, auch wegen des großen Zuspruchs in der Bevölkerung, verboten. Dies führt 1981 letztlich zur Ausreise des Schriftstellers in die BRD.
Geboren wurde Erich Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Als sogenannter „Werwolf“ nahm er 1945 noch am Ende des Zweiten Weltkriegs teil, kurz zuvor war er der SS beigetreten. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Journalist bei der Leipziger Volkszeitung, wurde nach seinem ersten Roman „Jungen die übrig blieben“ (1950) aber in die Produktion abkommandiert: Dem Buch über das Schicksal eines jugendlichen Hitler-Soldaten und seinem unpolitischen Herumtreiben in der Nachkriegszeit warf man „Standpunktlosigkeit“ vor. Alle anderen Werke seiner Frühzeit fand Loest später wegen ihrer kommunistischen Propaganda zurecht unerträglich, auf das Debüt war er stolz, weil es glaubwürdiger ist als viele der sogenannten „Wandlungsromane“ seiner Kollegen.
.

Die Grenzen der Selbstverleugnung

 

1953 bekommt Loest größere Probleme, weil er kritisch nach den wahren Ursachen des Aufstands vom 17. Juni fragt. Nach der geforderten Selbstkritik darf er in der Partei und im Schriftstellerverband bleiben; der XX. Parteitag der KPdSU und die Ereignisse in Polen und Ungarn aber rütteln Loest wieder auf. 1957 wird er wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Haft in Bautzen verurteilt – und sitzt sie komplett ab, weil er zu einem Schuldeingeständnis nicht bereit ist. Nicht wenige Freunde und Schriftstellerkollegen lassen ihn fallen, und Erich Loest verliert seinen Glauben an den Kommunismus endgültig.
Nach der Entlassung möchte die Diktatur mit demokratischer Fassade den Schriftsteller befrieden. Unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß darf Loest Kriminal- und Abenteuerromane veröffentlichen, die ihm und seiner Familie den Broterwerb sichern. Irgendwann aber steht Loest vor dem Spiegel und weiß, dass es mit der Selbstverleugnung nicht weitergehen kann. Jetzt muss, koste es, was es wolle, wieder über das Leben in der DDR geschrieben werden: „Es geht seinen Gang“ entsteht. Nach dem Ärger um die Veröffentlichung hat Loest bereits ein weiteres Buch zur Hälfte fertig, den Roman „Völkerschlachtdenkmal“. Beenden wird er ihn in Osnabrück, seiner neuen Heimat.
.

Diagnose "Auslandtrauma"

 

Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre ist Loest auf dem Höhepunkt seines Könnens. „Völkerschlachtdenkmal“, 1984 bei Hoffmann und Campe verlegt, ist ein irrwitziger Rückblick auf 150 Jahre Sachsen mit pikaresken Elementen. Alfred Linden, der wegen eines geplanten Bombenattentats auf das Leipziger Denkmal in der Psychiatrie sitzt, ist eine Art Oskar Matzerath der DDR und erzählt von der eigenen Familie und der sächsischen Historie: „Von heute aus gesehen sind wir ein bisschen Abfall, ein Rest an der falschen Seite, Peinlichkeit, Krätze der Geschichte“. Mit „Löwenstadt“ wird Loest 2009 eine Fortsetzung dieses Hauptwerks in die Nachwendezeit vorlegen.
Der Roman „Zwiebelmuster“ (1985) hält das Niveau. Ein linientreuer Verfasser historischer Prosa will endlich einmal in den Westen reisen. Deshalb sucht er neue Themen, für die er in München und Griechenland recherchieren muss. Als nach mühsamen Anläufen der Reiseantrag endlich bewilligt wird, bricht er an der Grenze zusammen: „Auslandtrauma“ diagnostizieren die Ärzte. Nach der Genesung darf er ein Buch über das weltberühmte Meißener Zwiebelmuster schreiben.
Während Loest in Bad Godesberg am Rhein seine neue Heimat findet, schwindet der direkte Bezug zur DDR immer mehr. Vom 9. Oktober in Leipzig und dem Mauerfall wird auch er überrascht. Den folgenden Romanen merkt man jetzt die nicht nur räumliche Entfernung an. In „Nikolaikirche“ (1995), seinem wohl bekanntesten und erfolgreich verfilmten Werk, treffen wir auf holzschnittartige Figuren: Loest kennt die Gesellschaft der DDR nicht mehr aus persönlicher Anschauung. Ein letztes Meisterwerk gelingt ihm jedoch, als er wieder zurückblickt. „Sommergewitter“ (2005) ist der bisher überzeugendste deutsche Roman über den Volksaufstand von 1953.
.

Mehr als dreißig Bücher

 

Ebenso bedeutend wie als Romancier war Loest bis zuletzt auch als öffentlicher Einmischer, unerbittlicher Kritiker, politischer Stichwortgeber. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen hat er stets Ross und Reiter genannt, für weniger bekannte Opfer gekämpft, konnte aber auch eigene Fehler eingestehen und schuldig Gewordenen vergeben. In „Der Zorn des Schafs“ hat Loest über die Bespitzelung durch den Staat, durch Kollegen und Nachbarn berichtet: Allein für die Zeit zwischen 1975 und 1981 existieren 31 Ordner zu 300 Seiten. „Die Stasi“, so betitelte der als „Autor II“ in den Akten geführte Loest ein weiteres Buch, „war mein Eckermann.“

Freitag, 23. August 2013

Der Chef der Lotter-Idole

aus: Jungle World, 18. Juli 2013

Er ist einer der bekanntesten Menschen des Planeten. Außerhalb Nordkoreas könnte er wohl nirgendwo eine Straße überqueren, ohne erkannt zu werden. Martin Compart lässt zum 70. Geburtstag von Mick Jagger die Karriere des Sängers Revue passieren und erklärt, warum die Beatles die Musik und die Rolling Stones das Lebensgefühl verändert haben.

von Martin Compart

Die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts begannen erst 1963. Mit der Ermordung John F. Kennedys und dem ersten Album der Beatles – »Please Please Me«. Und sie endeten 1969 mit der Katastrophe von Altamont.
Man glaubt es kaum, aber vor den Sixties gab es die Fifties. Also die Zeit, in der Mick Jagger und seine Bande die Jugend erlebten und zu Rock ’n’ Roll-Rabauken sozialisiert wurden.

Wie war das mit den Fifties in Westdeutschland? Mandolinen im Mondenschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur kurz innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, Conny packte Peters Badehose ein, Streifenpolizisten, die wie bewaffnete Briefträger aussahen, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und für die ein Käseigel der Gipfel des Hedonismus war. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock ’n’ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war der Friedhof des Dritten Reichs, auf dem die Zombies tanzten.

Und im Mutterland des Rock ’n’ Roll? In den USA hatte 1956 Reverend John Carroll von der Erzdiözese Boston früh und weitsichtig erkannt, welche Gefahren von dieser »Stimmungsmusik, um Radkappen zu stehlen«, ausgeht: »Der Rock ’n’ Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind Angelegenheit der Gerichte und der Polizei.«

Viele bibeltreue Amerikaner standen ihm zur Seite. Aufrechte Amerikaner, die Schwarze als Menschen zweiter Klasse betrachteten. Man wurde in der Not als Jugendlicher nicht alleingelassen. Man bekam wertvolle Tipps. Etwa in Contacts, der Zeitung des Catholic Youth Center: »Vernichte die Platten, die du besitzt, wenn sie heidnische Kultur und heidnische Lebensweise repräsentieren. Überprüfe vorher, welche Platten bei einer Hausparty oder einem Schulfest gespielt werden sollen (…). Rufe einen DJ an oder schreibe ihm, wenn er lausige Platten vorstellt. Schalte dein Radio aus oder suche eine andere Station, wenn du anzügliche Songtexte hörst.«

Aber irgendwie kriegten sie es nicht hin, dass Elvis Presley ignoriert wurde. Stattdessen löste sich der Respekt der Jugendlichen vor den Weltkriegsveteranen in der Säure des Rock ’n’ Roll auf. Ab 1957 wurde die Musik zum Ausdruck ­einer verzweifelten Suche der Jugend nach ihrer Identität. Rock ’n’ Roll-Platten waren Schmerzmittel, die es nicht »auf Kasse« gab. Sie waren zusammen mit einer Handvoll Filme der ­einzige Ausweg aus dem Elend des Konsumstalinismus. Musik war ein Versprechen. Nein, das Versprechen. Und das ist abseits der Hitparadenscheiße bis heute so. Oder wie es der US-amerikanische Musikjournalist Robert Christgau ausdrückte: »In schlechten Zeiten ist Musik eine Erinnerung daran, dass bessere Zeiten nicht nur möglich, sondern auch erreichbar sind.« Der Musikkritiker Greil Marcus schreibt dazu: »1959, als Danny and the Juniors’ ›Rock ’n’ Roll is here to stay‹ sangen, da versprachen sie ihren Zuhörern nicht, dass sie zu dieser Musik erwachsen werden – sie versprachen ihnen vielmehr die ewige Jugend.« Bei for­ever young ging es nicht um Biologie, sondern um Ideologie. Eine Ideologie, der Mick Jagger seinen Lebtag anzuhängen scheint. Noch immer hüpft er über die Bühne wie ein läufiges Karnickel, noch immer schwängert er Frauen im Alter seiner Enkel. Sein Kumpel Keith Richards sagte über ihn: »Er hat einen Peter-Pan-Komplex.«

Dann begannen die Sixties: Der Rock ’n’ Roll war nicht ganz tot, aber sauber kastriert. ­Legionen von Rickys, Johnnys und Frankys belagerten die Hitparaden und sangen saubere Lieder für saubere Teenager mit sauberen Tampons. Die Fünfziger lehnten sich bis 1963 in die Sechziger herüber. Es war das Niemandsland zwischen Elvis und den Beatles, das schwarze Loch der Popmusik (dass in dieser Zeit eine Menge hervorragende Musik gemacht wurde, gehört nicht hierher). Die letzte Rebellion war gezähmt und die nächste noch nicht in Sicht, die Fünfziger hatten noch nicht geendet und die Sechziger noch nicht begonnen. Fröhlichkeit und Langeweile warfen bleiche Schatten. Picknicks, Autokinos, Milchbars, Dates, Kirmes, Telefonorgien. Keine Trendgurus, keine Rock-Lexika, keine Fachleute, die einem halfen, die Vergangenheit zu interpretieren, die Gegenwart zu reflektieren oder die Zukunft des Pop zu prognostizieren. Es gab nicht mal Popradio. Der endlos lange cruel summer der Teenager. Politisches Vakuum. Das große Nichts.

»Rock ’n’ Roll erwischte England wie die Bombe von Hiroshima«, sagte Keith Richards. Dann kamen die Beatles und Europas Teenager begannen durchzudrehen. 1964 kehrte der Rock in die USA zurück mit der großen British Invasion: Alle englischen Bands wurden von Bomber Harris in ein Flugzeug in die Staaten gesetzt und zerbombten die US-Hitparaden. Mit Gitarren wie Kalaschnikows schossen die Brit-Bands den Frankys & Rickys die Eier weg. Die Kulturrevolution trat in die entscheidende Phase. 
Und die schlimmste Band überhaupt waren die Rolling Stones mit ihrem androgynen Frontmann. Sie machten einfach den meisten Krach. Manchmal klang es wie das nächtliche Gejaule geiler Koyoten, die sich bis an den Rand der Vorstädte herangewagt hatten. Das war etwas anderes als die Beatles. Bald bewiesen unsere Wirtschaftswunderkapitäne und deren toupierte Frauen ein bemerkenswertes Differenzierungsvermögen, indem sie die Beatles zähneknirschend akzeptierten oder gar zu »Yesterday« an den fetten Wanst drückten – Haare zwar lang, aber gewaschen und anständig in Uniformen angezogen, na ja, halt englische Künstler. All der Hass auf die Welt und ihren Nachwuchs ergoss sich nun über die Rolling Stones, die noch schmutziger als ein Stripclub waren. Auch der konservative Journalist Matthias Walden war dabei und schrieb in einem Bericht 1965 über ein Konzert in der Berliner Waldbühne, bei dem es zu Krawallen kam: »Auf den überhohen Laternen der steilen Riesen­arena hockten nun Menschen in der Haltung exaltierter Affen und versetzten die ächzenden Masten in Schwingungen, bis die besessenen Jockeys brüllend von den Kandelabern brachen, um zehn Meter tief auf die Köpfe und Rücken ihrer Kumpane zu stürzen (…). Einige Träger platzenger Hosen sah ich geschüttelt wie von verschluckten Pressluftbohrern, Schulmädchenkörper zuckten in einer Weise, die den Chronisten ratlos machen und den Pornographen inspirieren musste. Die elektrischen Gitarren teilten Schläge eines rhythmisch-musikalischen Flagellantismus aus, der unmöglich nur die Ohren treffen konnte (…). Mick Jagger, stöhnender Chef der Lotter-Idole, sang ›I can’t get no satisfaction‹ (…), zuckte von den Zehen bis zu den Spitzen seines weibischen Schopfes und wiederholte mit obszöner Stimmvibration sein glaubhaftes Geständnis: ›I can’t get no satisfaction‹ (…). Man hat zwar in der Waldbühne keinen weißen Kittel gesehen, aber die Zuständigkeit der Medizin ist wohl nicht ganz zu leugnen. Während und nach dem Auftritt der Rolling Stones feierte die Zerstörungswut hemmungsloser Jugendlicher wahre Triumphe.«

Die Stones beballerten die weißen Redneck-Charts mit schwarzen Rhythmen. Der wahre Sound zur Teenage Angst, dass woanders das wahre Leben stattfindet. Im Mai 1965 hatten die Stones in L.A. bei den Aufnahmen zu »Satisfaction« erstmals Kokain genommen. Den Veranstaltern der Deutschland-Tour 1965 schickte die Regierung von Oberbayern eine Rechnung über die Nachzahlung von 14 158 Mark Vergnügungssteuer, da es sich beim Münchner Stones-Spektakel nicht um eine musikalische Darbietung gehandelt habe, sondern um »schieren Lärm mit artistischen Beigaben«.

Die Musik wurde immer wilder, die Haare wurden immer länger und die Jugendlichen immer undankbarer. Und immer war Vietnam gegenwärtig. Der Vietnam-Krieg war der Krieg meiner Generation. Irgendwie war man dabei, mental mittendrin. Als er ausbrach, waren wir acht, zehn oder zwölf Jahre alt. Als er zu Ende ging, waren wir längst aus der Schule. Er prägte unser Leben wie die Musik, beeinflusste das Bewusstsein.

Und was tat dieser Mick Jagger? Er rannte vorne mit, als jugendliche Demonstranten die amerikanische Botschaft in London stürmen wollten. Bevor der ganze Achtundsechziger-Terror losbrach, hatten sich die Stones erstmal ihren Ritterschlag zum Bürgerschreck Nr. 1 geholt: Sie wurden vor Gericht gestellt und mussten ein paar Tage in den Knast, weil man sie mit Dope erwischt hatte – Jagger, Richards und Brian Jones. Man hatte eine Party erst gesprengt, als sich die anwesenden Beatles verdrückt hatten. George Harrison sagte zu Jagger: »Weißt du, das ist der Unterschied zwischen den Beatles und den Rolling Stones: Die Stones werden verhaftet, wenn die Beatles gegangen sind.« Im Gefängnis von Brixton schrieb Jagger 1967 »2 000 Light Years From Home«. Kein Trost, aber immerhin war er hinter Gittern. Das ließ die Spießer frohlocken.

Aus den Gammlern wurden Hippies. Und dann kamen auch noch die Studenten dazu. Als 1968 über die anständigen Bürger wie eine biblische Heimsuchung hereinbrach, war die Welt endgültig verspielt. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über Ratschläge derjenigen, die es gut mit ihnen meinten. Die Hippies heroisierten alles, was die freie Marktwirtschaft als nutzlos dämonisierte, weil es für Konsum und Reproduktion nichts brachte. Scheiß auf die Regeln. Die Hippies wollten das System aus dem Universum kicken.

Dann starb Brian Jones. Jones war das musikalische Genie der Anfangszeit. Er konnte sich jedes Instrument nehmen und nach einigem Herumexperimentieren darauf spielen. Aber er hatte ein Defizit: Er konnte keine Songs schreiben. Tödlich. Absolut tödlich angesichts des Höhenfluges des Duos Nanker & Phelges alias Jagger & Richards, die seit Sommer 1963 gemeinsam Songs schrieben. Die knallten ­einen Hit nach dem anderen heraus und rächten sich nun dafür, dass der kurzbeinige Blondschrat mal die Chefrolle beansprucht hatte. Jones hatte sogar dafür gesorgt, dass er in Hotels immer besser untergebracht wurde als seine Mitsteine.

Ende der Sechziger gab es neben dem Finanzamt noch eine größere Bedrohung für Mick Jagger und seine Band. Nämlich die sogenannte progressive Musik. Der Stones-Fan sah sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, er höre kommerzielle Musik. Als ob Cream oder Pink Floyd ihre Platten verschenkt hätten. Die Stones waren erledigt. Sie verdienten zu viel Geld. Nein, dass sie überhaupt Geld machten, war der Punkt. Ganz im Gegensatz offensichtlich zu Cream, Mothers of Invention, Pink Floyd, Jefferson Airplane, Grateful Dead, Hendrix oder Crosby, Stills & Nash. Die Stones waren absolut out. Das Hinterletzte für zurückgebliebene Brutalos.

Man hörte, dass Jagger sich mit Kenneth Anger herumtrieb und mit dem Satanismus flirte. Ziemlich unglaubwürdig, wenn man sich den Text von »Sympathy For the Devil« (1968) anhört. Das hat nichts mit Psychopathen zu tun, die Kätzchen an Kreuze nageln oder Kinder foltern. Satanisten sind Weicheier, die den Teufel anflehen, ihr miserables Leben zu verbessern. Von sowas war Old Mick immer meilenweit entfernt.

Und dann geschah Altamont! Ein Freekonzert zum Abschluss ihrer US-Tour 1969. Ausgerechnet mit dem berüchtigtsten Chapter der Hells Angels als Security. In Altamont holten die Stones Vietnam nach Kalifornien. In dieser infernalischen Atmosphäre schien alles möglich. Das Pearl Harbour der Gegenkultur. Die wildgewordenen Hells Angels konnten innerhalb von Sekunden den Tod bringen, und keiner war fähig, etwas dagegen zu tun, weglaufen war nicht möglich. Die Hippies waren einer Gewalt ausgeliefert, der sie nicht entkommen konnten, jedenfalls nicht ohne Gegengewalt. Vier Menschen starben. Pure Feigheit vor zusammengekauerten Kröten auf Feuerstühlen. Vollgedröhnt mit schlechtem Acid befanden sie sich für Stunden in einer vergleichbaren Situation wie ihre Altersgenossen im südostasiatischen Dschungel. Ein von Menschenhand ausgelöster Blitz konnte einschlagen und sie auslöschen. Bestialisch, wie der afroamerikanische Zuschauer Meredith Hunter niedergemetzelt wurde. Fast mit derselben mitleidlosen Gewalt wie in My Lai. Manche – und nicht die Dümmsten – behaupten, FBI oder CIA hätten die Angels mit Downers gefüttert und ihnen ordentlich was in den Schnaps getan, damit sie richtig ausflippten. Jedenfalls hatte das Establishment endgültig gewonnen. Der Hippie-Traum und einige andere Träume der Gegenkultur wurden im Matsch von Altamont von aufgeputschten Vollidioten zertrampelt wie Meredith Hunters Körper.

»All dieser Stuss, dass Altamont das Ende einer Ära markiert, ist doch nur intellektuelle Scheiße. Es war das Ende von gar nichts«, sagte Sonny Barger, Präsident der Hells Angels, die einen Kopfpreis auf Mick Jagger aussetzten, weil er schlecht über sie geredet habe. »Altamont konnte nur den Stones passieren. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Den Bee Gees würde so was nie passieren«, sagte Keith Richards.

Doch natürlich wurde es zum Fanal, zum Ende einer Ära. Kurz darauf setzte Charles Manson noch einen drauf. Charles Manson war der Blue-collar-Albtraum-Hippie, der den bourgeoisen Drop-out-Traum zerstörte. Zwei Jahre zuvor war ein Langhaariger ein Bruder – jetzt wusste man das nicht mehr genau. Wenn die Leute es durch Manson und Altamont noch nicht mitgekriegt hatten, dann aber spätestens nach dem Tod von Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison: Die Party war vorbei. Es war das Ende der Sixties. Überall konnte man die Toilettenspülung rauschen hören. Ende der Sechziger lösten sich die Beatles auf. Sie hatten die Musik verändert, die Stones das Lebensgefühl. Als erste Superband des kommenden Jahrzehnts polarisierten sie wie eh und je. Es ist besser, dafür gehasst zu werden, was man ist, als dafür geliebt zu werden, was man nicht ist. Auch ein Unterschied zwischen Stones und Beatles. Irgendwie waren Anfang der siebziger Jahre alle leicht durchgeknallt. Man sah es nicht, aber das Jahrzehnt der Rebellion und der Neuorientierung war allmählich vorbei. Wer je an Love & Peace geglaubt hatte, wurde eines Besseren belehrt. Eine Knarre ­oder ein Scheckbuch machten noch immer mehr Eindruck als verwelkte Blumen. Was der Stones-Fan schon länger ahnte, ging auch der Szene auf: Machtverhältnisse lassen sich nicht durch Peace-Zeichen, tägliches Schädeldeckenabheben und WG-Rumgehänge ändern. Wenn die Stones damals eine richtige Botschaft rüberbrachten, dann die, dass man sich ­keine Illusionen mehr erlauben konnte und dass die Zukunft nicht die Vergangenheit des übernächsten Trips ist.

Mit dem Album »Let It Bleed« gaben sie 1969 eine Vorschau auf das, was in den Siebzigern auf uns zukommen sollte. Mit dem Nachfolger »Sticky Fingers« war man 1971 bereits voll im neuen Jahrzehnt, das aus Junk, Kaputtgehen, zerbrochenen Träumen, Zynismus, Ausverkauf der Sixties und Neuaufrüstung des Systems bestehen sollte. Wenn man die Welt schon nicht verändern konnte, wollte man wenigstens massenhaft Drogen, Sex und Konsum. Das war die Rache dafür, dass man nicht länger als ­guter Mensch leben konnte. Dabei waren wir die Generation, die niemals alt werden würde. Wir würden nie zum Establishment gehören.

1998 sagte Jagger: »Rebellion, ja, die lag damals in der Luft, und es war sicher der Schwung, der den Stones half. Rebellion hat unserem Erfolg, aber nie der Musik genützt. Rock ’n’ Roll ist nicht deshalb gute Musik, weil sie rebellisch war. Ich meine, waren Bill Hailey oder Elvis ­Revoluzzer? Sicher nicht. Aber Rock ’n’ Roller.«
Das Ende der Sechziger-Stones war nicht ­Altamont, sondern der 12. Mai 1971 in St.Tropez. Jagger, der intelligente, zynische Rocker, als der er sich bis dato mehr oder weniger glaubwürdig verkauft hatte, heiratete ein Jet-Set-Girl und ließ eine Hochzeit ausrichten, wie sie sich nur ein komplett angetörnter Walt Disney hätte ausdenken können. Es war der Gipfel von Kitsch und Geschmacklosigkeit, schlimm wie ein Elvis-Film. Richards bäumte sich noch mal schwach gegen das Kommende auf, als er während der Feier einen Ascher durch ein geschlossenes Fenster warf. Das war wohl der Akt, der den Fans endgültig klar machte, dass die Stones-Krone künftig ein Junkiehaupt zieren würde. Keith, the human riff, war zwar längst auf seiner langen Odyssee durch sämtliche Heroinlatrinen, behielt aber seine Credibility.

Mit Jaggers Jet-Set-Gehoppse und Richards Abdriften in die Welt der harten Drogen waren die Stones anders geworden. Der ganze Mythos war in die Luft geflogen. Sie waren zu einer Scheiß-Siebziger-Band mutiert. Nach wie vor gute Musik, aber auch Arschlöcher auf dem Weg nach Las Vegas. Sie tummelten sich an der Côte und machten 1972 das Album »Exile on Mainstreet«.

Jagger wurde echt zum Problem. Klasse war sein Auftritt in Nicholas Roegs Film »Performance« (1968) gewesen. Die rausgeschnittenen Hardcore-Szenen wurden in Amsterdam auf ­einem Porno-Festival gezeigt und brachten ­Jagger einen Preis als bester Pornodarsteller ein. Hat er nie abgeholt. Journalisten, die in den Sechzigern die Stones am liebsten in die Folterkeller gesperrt hätten, sabberten jetzt hinter Jagger her und befragten ihn als Jugendorakel. Er verkörperte Disco, bevor es Disco überhaupt gab. Aus dem Che Guevara der Jugendvorstellung war der Liberace der Sixties-Revolte geworden.

Aber Jaggers Fans der ersten Stunde waren nicht besser. Die Rebellion war vorüber und entließ orientierungslose Veteranen. Die Visionen begannen zu verschwimmen. Irgendwas war schiefgelaufen. Was, das durchschauten nur die harten Zyniker und Conspiracy-Freaks. Man sah die Kumpels jetzt weniger. Keine ­Frage: Diese Generation hatte auch versagt. Als es nämlich anfing, ernst zu werden, kauften wir uns lieber Kopfhörer für die Stereoanlage. Langsam und klammheimlich wurde der Friede mit dem System gemacht. Bloß nicht mehr auffallen. Der Dealer meines Vertrauens. Wie im Werbefernsehen. Hauptsache, sie ließen einen kiffen, sperrten einen nicht ein und ­erlaubten die kleinen, miesen Freuden einer feierabendlichen Gegenkultur. Die Guevara-Poster vergilbten. Autos mussten her, um wenigstens am Wochenende in Amsterdam die verspielte Jugend zu beschwören.
Insofern spiegelt Jagger die Karriere der Achtundsechziger-Generation: von der Rebellion zu den Geldtöpfen. Vom Widerstand gegen das System zum Establishment. Heute ist er ­einer der ganz Großen. Wie Elvis und die Beatles ist er sein eigenes Genre. Die Definition des Superstars, eine eigene Gelddruckmaschine.

Aber er hat die Rolling Stones auch durch die Zeit geführt und dafür gesorgt, dass sie nicht, wie so viele Sechziger-Bands, einfach in der Versenkung der Nostalgie verschwanden. Er ist auch der eigentliche musikalische Kopf der Band. Keith Richards ist der konservative Rhythm-and-Blues-Mann, immer auf der Suche nach dem perfekten Riff. Jagger war immer für neue Trends offen, um sie in die Musik der Stones zu integrieren. Zusammen mit Richards griff er Stilrichtungen, von Country bis Rap und Worldmusic auf, drehte sie durch den Rolling-Stones-Fleischwolf und spuckte einen aktuellen Stones-Song aus. Als Popikone ist er wie der Saurier vor dem Meteor: zu schwach, um noch die Welt zu beherrschen, aber noch stark genug, um sich in ihr zu behaupten.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Baumwolle und Blut

Marx, Engels und der Amerikanische Bürgerkrieg.
 - von Peter Bierl, Jungle World , 4.7.2013

Bei strömendem Regen marschiert die geschlagene Armee der Sklavenhalter am 4.Juli 1863 zurück nach Süden. Drei Tage lang hatten die Konföderierten bei Gettysburg die Truppen der Union angegriffen. Am ersten Tag hatten die grau uniformierten Soldaten der Südstaaten ihre in Blau gekleideten Gegner auf die Hügel östlich des Städtchens zurückgedrängt. Am zweiten Tag scheiterten sie bei dem Versuch, die Flanken der Unionsarmee zu durchbrechen, und am dritten und letzten Tag endete ihr Frontalangriff im Zentrum in einem Desaster. Von 15 000 Angreifern wurde die Hälfte von den Kanonen und Musketen der Yankee-Armee niedergemäht. »Pickett’s Charge«, benannt nach George Pickett, dem Kommandeur der Division der Konföderierten, entschied in Pennsylvania die Schlacht, die den Wendepunkt des amerikanischen Bürgerkriegs darstellte.
Diese Schlacht, die vor genau 150 Jahren stattfand, ist mit mehr als 50 000 Toten und Verwundeten die blutigste, die je auf amerikanischem Boden ausgetragen wurde. Es ist die erste klare Niederlage, die die konföderierte Armee auf dem östlichen Kriegsschauplatz erleidet. Ihr Oberbefehlshaber Robert E. Lee verliert den Nimbus des Unbesiegbaren, seine Armee die Initiative. Lees Strategie, die Yankees mit einer Offensive zu zermürben, vielleicht gar die Hauptstadt Washington oder Philadelphia zu bedrohen und England und Frankreich zur diplomatischen Anerkennung der Konföderation zu bewegen, ist gescheitert.

Während Lee am Unabhängigkeitstag der USA die geschlagenen Truppen über den Potomac nach Virginia führt, beendet Nordstaaten-General Ulysses S. Grant im Westen den Feldzug gegen Vicksburg, die letzte größere Bastion der Konföderation am Mississippi. Die ausgehungerte Besatzung von 30 000 Mann kapituliert. Strategisch ist es der bis dahin bedeutendste Sieg der Unionsarmee. Wenige Tage später hat der Norden die Kontrolle über den gesamten Fluss, einen zentralen Transportweg, wiederhergestellt, die Konföderation ist geteilt. Mit diesem zweifachen Sieg Anfang Juli 1863 ist der Krieg militärisch vorentschieden.

Der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 ist neben dem Kampf um die Unabhängigkeit (1776–1783) das zentrale Ereignis in der Geschichte des Landes und eines der bedeutendsten Ereignisse der Neuzeit. Das Ende des Konflikts bringt rund vier Millionen Afroamerikanern die Befreiung von der Sklaverei, wenn auch nicht von rassistischer Unterdrückung. Ein bürgerlich-demokratisches System, das es zu dieser Zeit sonst nirgendwo in vergleichbarer Form gab, hatte seine schwerste Bewährungsprobe bestanden. Die Einigung des Landes schuf die Voraussetzung dafür, dass die USA das britische Empire als Weltmacht ablösen konnten. Friedrich Engels prognostizierte bereits 1864 den Aufstieg der USA einschließlich des Siegeszugs imperialer Politik. Die neue Armee und Flotte würden, so schrieb er, bald auch Verwendung finden. Hätte der Norden verloren und hätten die USA sich in mehrere Staaten geteilt, wäre die Geschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen. Schauerlich die Vorstellung, der deutsche »Griff zur Weltmacht« (Fritz Fischer) wäre bereits im Ersten Weltkrieg von Erfolg gekrönt gewesen.

Der amerikanische Bürgerkrieg ist der erste moderne Krieg, mit U-Booten, Panzerschiffen, Heißluftballonen und Massenheeren, die sich auf riesigen Territorien gegenüberstehen. Die Muskete als gebräuchlichste Infanteriewaffe ist zwar ein einschüssiger Vorderlader. Eingesetzt wird allerdings eine verbesserte Variante mit größerer Reichweite und Zielgenauigkeit, die zusammen mit der Artillerie für enorme Verluste der Gegner sorgt, zumal die militärische Taktik der Entwicklung der Waffentechnik hinterherhinkt. Ordentlich in Reih’ und Glied marschieren die Soldaten aufeinander los. Hätte man mit älteren Musketen nur wenige getroffen, mähen die Salven aus verbesserten Waffen ganze Reihen nieder. Zugleich ist der Stand von Medizin und Hygiene oft noch fast mittelalterlich: Viele Soldaten sterben am Wundbrand, den miserablen sanitären Verhältnissen in den Camps fallen mehr Menschen zum Opfer als den Kampfhandlungen.

Nach der Schlacht von Gettysburg agiert der Süden defensiv. Was die Soldaten beider Seiten in den Schützengräben in Virginia im Sommer und Winter 1864 erleben, wiederholt sich später in anderer Konstellation an der Westfront 1914 bis 1918. Die Amerikaner hatten 1861 – wie viele Europäer im Sommer 1914 – geglaubt, die Sache werde nach ein bis zwei Treffen ausgestanden sein, in denen sich Fußvolk mit wehenden Fahnen und schneidige Kavalleristen auf offenem Feld gegenübertreten. Diese Hoffnung erklärt, warum sich zunächst Zehntausende freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Im Norden musste die Regierung unter Abraham Lincoln jedoch später die Wehrpflicht einführen, worüber es zu scharfen Auseinandersetzungen kam.

Die Massenheere und die Massenproduktion von Waffen und Verpflegung erforderten, die Zivilbevölkerung stärker zu mobilisieren als je zuvor. Beide Seiten schlachteten militärische Erfolge propagandistisch aus und versuchten, die Bevölkerung der jeweiligen Gegenseite durch Offensiven zu beeindrucken. Lees Vorstöße nach Maryland im Jahr 1862 und nach Pennsylvania 1863 sollten die Yankees reif für den Frieden machen. Auf dem Marsch durch Georgia und die Carolinas zerstörten Unionstruppen 1864 Bahnanlagen, Fabriken und Ernten, um die Versorgung der Konföderation zu unterbinden und den Durchhaltewillen der Zivilisten zu brechen. Unterwegs schlossen sich Tausende Deserteure der Südarmee und rebel­lische Sklaven den Unionstruppen an.

Rasse und Klasse
Wenn dieser Konflikt im historischen Bewusstsein und in den Geschichtsbüchern der Europäer eine marginale Rolle spielt, dann weil Medien und Schulen jedes Landes sich hier noch immer darauf konzentrieren, Geschichte als erfolgreiche Herausbildung des eigenen Nationalstaates darzustellen. Zudem verhindert in Eu­ropa der Antiamerikanismus jede differenzierte Beschäftigung mit den USA, die vielen weiterhin als Schurkenstaat gelten. Wären Marx und Engels ebenso ignorant gewesen wie manche antiimperialistische und globalisierungskritische Linke von heute, hätten sie vielleicht unter dem Motto »Kein Blut für Baumwolle« Friedensdemonstrationen gegen geldgierige Yankees veranstaltet und damit die rassistische Konföderation der Sklavenhalter gestärkt.

Dabei ist dieser Konflikt für radikale Linke hochinteressant: Klassenverhältnisse und Rassismus waren in ihm untrennbar verknüpft. Aus dieser Diagnose ergeben sich Fragen nach der Bedeutung und dem Verhältnis von »objektiven« ökonomischen und gesellschaftlichen Tatsachen und »subjektiven« handlungsleitenden Einstellungen. Außerdem lassen sich am Ausgang des Krieges die Erfolge und Grenzen von Bündnispolitik beispielhaft veranschaulichen. Der Sieg der Union beruhte auf einer breiten Koalition, in der die Abschaffung der Sklaverei am Anfang nur von einer Minderheit gefordert wurde. Umgekehrt trug der Rassismus der Weißen im Norden zu einer schnellen Versöhnung beider Seiten bei, so dass die Rebellen im Süden bald rehabilitiert wurden und die Großgrundbesitzer ungeschoren blieben. Dagegen wurden die Afroamerikaner nach dem Ende der Periode der sogenannten reconstruction entrechtet und waren bis in die sechziger Jahre hinein einem institutionalisierten Rassismus sowie dem Terror des Mobs ausgesetzt, der Tausende von Schwarzen lynchte.

Religion und Moralvorstellungen waren eine mächtige Triebkraft in dem Konflikt. Die Legitimität der Gesellschaftsordnung im Süden wurde im Norden klassenübergreifend und grundsätzlich untergraben durch Harrriet Beecher Stowes Bestseller »Uncle Tom’s Cabin« (»Onkel Toms Hütte«, 1852), einen rührseligen Kitsch­roman, der die »besondere Institution«, wie die Sklaverei euphemistisch genannt wurde, an ihrem moralisch empfindlichsten Punkt traf, indem er beschrieb, wie Ehegatten, Eltern und Kinder durch den Sklavenhandel auseinandergerissen wurden. Der Abolitionismus wurde getragen von einer protestantischen Bewegung, der Bürgerkrieg galt vielen im Norden als Kampf gegen die Mächte des Bösen, die Union dagegen als Vertreterin der Sache Gottes. John Brown war ein bibelfester Puritaner, der den bewaffneten Kampf predigte und mit aller Härte führte. Sein Versuch, durch die Erstürmung des Armeearsenals von Harper’s Ferry 1859 einen allgemeinen Sklavenaufstand auszulösen, scheiterte. Sein Tod am Galgen aber adelte in den Augen vieler seine Ziele. Als er hingerichtet wurde, läuteten im Norden die Kirchenglocken. Der Song mit dem Refrain »John Brown’s body lays a-mouldring in the grave, but his soul goes marching on« avancierte zum beliebtesten Marschlied der »blauen« Soldaten, ja geradezu zur Hymne der Union.
Marx und Engels haben sich intensiv mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigt. Marx trat in Großbritannien vor Antikriegsversammlungen mit Tausenden von Teilnehmern auf, die gegen die Unterstützung der Sklavenhalter durch das Empire protestierten. Zwar ist den vielen Zeitungsartikeln und Briefen, die die beiden über Amerika verfassten, kein Werk wie »Der Bürgerkrieg in Frankreich« gefolgt, in dem Marx die Epoche von der Revolution von 1848 bis zum deutsch-französischen Krieg und der Pariser Commune 1871 analysierte. Dennoch sind Marx’ und Engels’ Schriften zum Amerikanischen Bürgerkrieg aufschlussreich, weil sie zeigen, was Marx meinte, als er im »Kapital« betonte, er wolle das Kapital darin im idealen Durchschnitt darstellen, während der real existierende Kapitalismus in einzelnen Ländern anhand konkreter Gegebenheiten und empirischer Studien zu analysieren sei.

Marx und Engels befassen sich in ihren Schriften zum Bürgerkrieg mit den Ursachen des Konflikts, dem Kriegsverlauf, den Auseinandersetzungen zwischen den politischen Parteien sowie den Klassen der amerikanischen Gesellschaft. Engels als Militärexperte konzentrierte sich auf die Schlachten und Feldzüge. Der »General«, so sein Spitzname, erkannte das Neuartige dieses Kriegs und skizzierte bereits 1862 jene Strategie, die die Kommandeure Ulysses S. Grant und William T. Sherman zwei Jahre später tatsächlich verfolgen sollten, indem die Unionsarmee mit Georgia das geographische Zentrum der Konföderation besetzte, an die Küste von Carolina marschierte und das Gebiet der Konföderation so ein weiteres Mal spaltete.

Bis dahin trieben schwere Niederlagen der Union und die Unfähigkeit vieler ihrer Generäle Engels zur Verzweiflung. »Wir sind im Arsch«, schreibt er im Sommer 1862 an Marx und bekräftigt so seine Solidarität mit der Union. Marx ist vom Sieg der guten Sache, der Befreiung der Sklaven, überzeugt, die für ihn revolu­tionären Charakter hat; irgendwann müsse sich das Übergewicht an Menschen und Ressourcen des Nordens schließlich auswirken. Entscheidend war jedoch für Marx und Engels, ähnlich wie für die radikalen Führer der Schwarzen wie Frederick Douglass, dass die Lincoln-Regierung ihr Zögern aufgab, die Sklavenbefreiung offensiv als Ziel proklamierte und die Schwarzen bewaffnete.

Die Ineffizienz der Sklaverei

Marx hat sich schon früh mit den USA beschäftigt, las das berühmte Buch von Alexis de Toqueville (1835) über die Demokratie in Amerika und erwog 1843 sogar, nach Texas auszuwandern. In der frühen Schrift »Die deutsche Ideologie« (1846) charakterisieren Marx und Engels die Vereinigten Staaten als vollendetes Beispiel eines modernen Staats, der nur um des Privat­eigentums willen existiere. Der religiöse Pluralismus in Amerika diente Marx als Vorbild für die Trennung von Staat und Kirche, für ein Land, in dem Konfession und Religion Privatsache sind. 1849 lobte Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung die demokratischen Traditionen und Institutionen in den USA, die dem bürokratisch-autoritären Preußen vorzuziehen seien. Im Londoner Exil schrieb er ab 1852 als Korrespondent für die New York Tribune über den Krimkrieg und die italienische Einigung, die Weltwirtschaftskrise von 1857, die britische Innen- und Weltpolitik, die Opiumkriege in China und den Aufstand indischer Sepoy-Soldaten gegen die Kolonialherrschaft.

Insgesamt schrieb Marx rund 350 und Engels etwa 125 Beiträge für das Blatt, das als Organ des liberalen Bürgertums galt und im ganzen Land gelesen wurde. Der Chefredakteur, Charles Dana, hatte Marx 1848 in Köln besucht und zur Mitarbeit aufgefordert, im Bürgerkrieg arbeitete Dana dann als Staatssekretär im Kriegsministerium. Der Herausgeber des Blattes, Horace Greely, war ein linksliberaler Reformer und Abolitionist und mit Lincoln befreundet. Selbstverständlich berichtete die Tribune umfassend über den Bürgerkrieg, braucht dafür aber keinen ausländischen Korrespondenten. Im März 1862 verlor Marx den Job, immerhin über Jahre hinweg eine seiner Haupteinnahmequellen, auch wenn er oft klagte, dass Honorare nicht einträfen oder seine Beiträge verstümmelt worden seien.

Für die Wiener Zeitung Die Presse schrieb Marx seit 1861 mehr als 50 Artikel, in etlichen Beiträgen versuchte er, den europäischen Lesern die Ereignisse jenseits des Atlantik zu erklären. Dieses Engagement endete ebenfalls 1862, weil seine Ansichten der Redaktion zu radikal erschienen. Zu berücksichtigen ist bei den Schriften über den Bürgerkrieg, dass Marx selbst nie in den USA war, Engels reiste erst im Sommer 1888 nach Nordamerika. Beide waren für ihre Studien auf Zeitungen und Briefe von Freunden angewiesen. Viele ihrer alten Kampfgenossen aus der Revolution von 1848 waren in die USA emigriert und kämpften dort in den Reihen der Republikaner und der Unionsarmee gegen die Sklaverei, darunter Joseph Weydemeyer. Marx besuchte, um sich zu informieren, in London ein amerikanisches Kaffeehaus, in dem Zeitungen aus dem Norden und Süden auslagen, Engels wartete in Manchester auf Schiffe, die Depeschen mit den neuesten Nachrichten aus Amerika brachten. Erst 1866 konnte beim zweiten Versuch das erste Seekabel verlegt werden, das eine einigermaßen sichere Telegrafenverbindung zwischen Amerika und Europa herstellte.

Trotz dieser schwierigen Arbeitsbedingungen beschreibt Marx präzise die Ursachen und Auslöser des Kriegs. Für ihn steht fest, dass sich die Sklaverei ausbreiten müsse, um profitabel zu sein und zu überleben. Dabei argumentiert er ökonomisch und politisch. Die Sklaverei brauche fruchtbaren Boden, der nur einfache Tätigkeiten nötig mache. Intensive Landwirtschaft widerspreche dem System, denn der Sklave sei kaum motiviert, qualifizierte Arbeit sorgfältig zu leisten. Die extensive Wirtschaft aber lauge den Boden aus, so dass ständig neues Land gewonnen werden müsse. Das Argument ist ein wenig schwach, weil die amerikanischen Pflanzer Dünger hätten einsetzen können wie auf Kuba. Stichhaltiger und offensichtlich war jedoch, dass die Sklavenhalter den Staatsapparat nur dominieren konnten, wenn neue Bundesstaaten, in denen Sklaverei herrschte, in die Union aufgenommen würden. Für die Verteilung der Sitze im Repräsentantenhaus waren und sind die Bevölkerungszahlen ausschlaggebend. Dort gewannen die Abgeordneten aus freien Staaten eine immer größere Mehrheit, weil der damalige Nordwesten, der heutige mittlere Westen, immer dichter besiedelt wurde. Die Bevölkerung des Nordwestens sei 1860 alleine schon so stark wie die des Südens, bemerkt Marx. Der gesamte Norden hatte mehr als 20 Millionen Einwohner, der Süden rund zwölf Millionen, von denen ein Drittel Sklaven waren. Nach dem Kompromiss der Gründerväter wurde jeder Sklave bei der Zuteilung von Sitzen im Repräsentantenhaus nur mit drei Fünfteln gewichtet, was den Anteil der Sklavenhalter weiter schmälerte. Nur im Senat, wo ­jeder Staat unabhängig von seiner Größe und Bevölkerungszahl zwei Sitze innehatte, konnte der Süden eine Vetomacht behalten, vorausgesetzt, dass nicht nur freie, sondern auch neue Sklavenstaaten in die Union aufgenommen werden.

Die These von Marx lautete, dass die Sklavenfrage zentral sei, »nicht in dem Sinne, ob die Sklaven innerhalb der bestehenden Sklavenstaaten direkt emanzipiert werden sollten oder nicht, sondern ob die 20 Millionen Freien des Nordens sich länger einer Oligarchie von 300 000 Sklavenhaltern unterordnen sollten«. Darum, so Marx, wollten die Sklavenhalter nicht bloß ihre bisherigen Staaten vereinen, sondern ihre Macht auf das ganze Territorium der USA ausdehnen. Sie führten einen »Eroberungskrieg zur Ausbreitung und Verewigung der Sklaverei«.

Der »Racencharakter« und das Kapital

Bereits 1619 war das erste Schiff mit Afrikanern in der Kolonie Virginia eingetroffen. Im 18.Jahrhundert schufteten schwarze Sklaven und weiße Zwangsarbeiter in den englischen Kolonien in Nordamerika. Manchmal flüchteten oder rebellierten sie gemeinsam, manchmal kämpften sie zusammen mit Indianern gegen ihre Herren. Eine solche Kooperation suchten Kolonialmacht und Plantagenbesitzer zu verhindern. Den weißen Zwangsarbeitern, deren Dienst ohnehin zeitlich begrenzt war, wurden als Freie gewisse Rechte gewährt, etwa das Recht, Waffen zu tragen. Gleichzeitig wurden von Massachusetts im Norden bis South Carolina im Süden Ehen zwischen Weißen und Schwarzen verboten. So entstand jene color line, wie der sozialistische Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois es nannte, Rassismus als Herrschaftsinstrument einer weißen herrschenden Klasse, den die armen Weißen als Einstellung ebenfalls verinnerlichten. Immerhin genossen diese im Unterschied zu den Schwarzen Grund- und Bürgerrechte, wenngleich manche Südstaaten sie etwa durch ein Zensuswahlrecht beschränkten.

Die Sklaven mussten in Virginia, North Carolina und Kentucky Tabak, in South Carolina Reis und später im tiefen Süden Baumwolle anbauen. Viel Geld ließ sich dadurch aber erst seit der Industrialisierung verdienen. Die Erfindung der Baumwollentkörnungsmaschine (1794) steigerte die Produktivität enorm, für einen weiteren Schub sorgte deren Antrieb durch Dampfmaschinen. Die entsprechende Nachfrage enstand dank der englischen Textilfabrikanten. »King Cotton« regierte bald den Süden. Die Sklaverei verschwand keineswegs, wie manche Gründerväter gemeint hatten. Im Gegenteil, die Zahl der Sklaven verzehnfachte sich zwischen 1790 und 1860 auf vier Millionen. Und die Sklavenhalter diktierten die Außenpolitik der jungen Republik. Thomas Jefferson hatte die schönen Worte von Leben, Freiheit und Streben nach Glück in der Unabhängigkeitserklärung formuliert. Im Laufe seines langen Lebens besaß Jefferson als Plantagenbesitzer auch Hunderte von Menschen. Er ließ sie auspeitschen und verkaufte einige in den Süden, um die anderen einzuschüchtern. Als Präsident signalisierte Jefferson Kaiser Napoleon, dass er eine Invasion Haitis durch die frühere französische Kolonialmacht billigen werde. Die Schwarzen auf der Insel hatten mit ihrer erfolgreichen Revolte, bei der sie französische und spanische Truppen besiegten, den Sklavenhaltern in den USA einen Schrecken eingejagt. Die US-Pflanzer fürchteten, das Beispiel könnte Schule machen. Nur der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, John Adams, aus Massachusetts stammend und nur vier Jahre im Amt, unterstützte die junge Republik Haiti.
Auch in den sogenannten Seminolen-Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts ging es um die Sklaverei. Die Seminolen waren eine Gruppe von Indianern, entflohenen Schwarzen und unzufriedenen Weißen. Aus der Perspektive der Sklavenhalter ging es dabei darum, einen gefähr­lichen Widerstandsherd zu zerschlagen, der durch Rassismus erzeugte Spaltungen überwunden hatte. Der Krieg gegen Mexiko 1846/47 sowie die Annexionen von Texas und dem Südwesten, die Engels seinerzeit als historischen Fortschritt gerechtfertigt hatte, weil er die Mexikaner für unfähig hielt, die kapitalis­tische Entwicklung zu befördern, dienten in Wahrheit der Ausbreitung der Sklaverei. Mexiko hatte sie nach der Unabhängigkeit von Spanien offiziell verboten. Die Invasionen amerikanischer Abenteurer in Kuba und Zentralamerika in den Jahren vor dem Bürgerkrieg wurden von den Südstaaten und ihrem poli­tischen Personal in Washington unterstützt, um die Sklaverei auszudehnen.
Der Protest gegen diese Expansionspolitik, dem sich etwa Lincoln als junger Abgeordneter 1848 anschloss, war zwar durch die Ablehnung der Sklaverei motiviert. Diese Haltung war aber nur bei wenigen Ausdruck einer prinzipiellen Gegnerschaft, noch seltener einer Sympathie für die Schwarzen oder gar einer antirassistischen Haltung. Die meisten Arbeiter, Bauern und Handwerker im Norden vertraten lediglich ihre materiellen Interessen. Sie fürchteten um den Wert ihrer selbständigen oder lohnabhängigen »freien« Arbeit in der Konkurrenz mit der Sklaverei, aber auch mit freien Schwarzen. Marx machte sich darüber keine Illusionen. Die Wahlsiege der Demokratischen Partei 1862 im Norden erklärte er mit einer Propaganda, die Vorurteile schürte: Die Iren sähen die Schwarzen als Konkurrenz an und die Bauern im Nordwesten hassten sie »in zweiter Linie nach dem Sklavenhalter«. Die demokratische Presse verbreite täglich Schreckensmeldungen, denen zufolge nach einem Sieg der Republikaner die »Nigger« ihre Territorien überschwemmen würden. Das rassistische Schimpfwort setzte Marx in Anführungszeichen. Die Demokratische Partei der USA, die heute mit Barack Obama den ersten schwarzen Präsidenten stellt, war damals in ihrer Mehrheit für die Sklaverei und blieb rassistisch bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Zur Zeit des Bürgerkriegs war der Rassismus als Ideologie in Europa und Nordamerika enorm verbreitet. Auch wenn sich Wissenschaftler und Schriftsteller nicht einig waren, welche und wie viele Rassen es gebe, wie man sie vonein­ander abgrenzen könne, ob Rassen durch Blut, Boden oder »geistig« bestimmt seien, stimmten sie darin überein, dass sich alle Menschen auf diese Weise klassifizieren ließen. Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen galten als angeboren und durch die jeweilige Rasse determiniert, es gebe Herren- und Sklavenrassen. Marx übernimmt die rassistische Kategorie der Rasse, etwa wenn er im dritten Band des »Kapital« einen »angebornen Racencharakter« unterstellt und behauptet, dieselbe ökonomische Basis von Gesellschaften bringe »unend­liche Variationen und Abstufungen in der Erscheinung« hervor, die »zahllos verschiedene empirische Umstände, Naturbedingungen, Racenverhältnisse, von außen wirkende geschichtliche Einflüsse« verursachen. Berüchtigt sind seine Schimpftiraden, etwa die Beleidigung Ferdinand Lassalles als »jüdischen Nigger«, in der antisemitisches und rassistisches Vorurteil zusammenkommen.

Die Ursachen des Bürgerkriegs

Gleichwohl ist die Marxsche Theorie frei von jedem systematischen Bezug auf irgendwelche Rassenlehren. In seinen Schriften zum US-Bürgerkrieg distanziert sich Marx von der rassistischen Doktrin, wonach nur bestimmte Rassen der Freiheit fähig, die anderen aber zum Arbeiten geboren seien, darunter »die Neger im Süden und die Deutschen und Iren im Norden«. Das lehnt Marx ab. Er warnt, dass, gestützt auf diese Lehre, im Falle eines Sieges der Sklavenhalter auch die weißen Arbeiter im Norden auf das »Niveau des Helotentums« gedrückt würden. Dass Marx die Kategorie der Rasse übernimmt und Rassismus als wirkmächtigen Faktor gesellschaftlicher Entwicklungen ausblendet, hat jedoch Folgen für seine Analyse. Das Handeln sowohl der armen Weißen des Südens als auch der Mittelschicht und der Arbeiter des Nordens ließ sich nämlich aus ökonomischen und sozialen Faktoren nicht vollständig ableiten.

Erklärbar war, dass ein Teil der freien Bauern, Handwerker und Arbeiter der Südstaaten zur Union hielt, was sich am Widerstand gegen die Sezession in Teilen von Tennessee und vor allem Virginia zeigte, wo es zur Abspaltung von West Virginia kam. Schwieriger wurde es mit der Masse der armen Weißen im Süden, die von den Sklavenhaltern als white trash, als weißer Müll, diffamiert wurden. Marx vergleicht sie mit den Plebejern im alten Rom. Sie würden mit der Aussicht, selbst einmal zu Sklavenhaltern aufzusteigen, »gekirrt«, was ein weiteres Motiv für die Expansionspolitik darstelle. In einem anderen Text nennt Marx sie »geborene Filibuster«, also Freibeuter, wie sie Mitte des 19.Jahrhunderts auf Kuba und in Nicaragua einfielen, die einen Bandenkrieg im Süden führen könnten. Im Mai 1862 postulieren Marx und Engels in einem gemeinsam verfassten Artikel einen Gegensatz zwischen der Masse der Weißen im Süden und der Sklavenhalteroligarchie. Sie behaupten, die Bevölkerung würde sich am Krieg kaum beteiligen. Tatsächlich kämpften und starben Zehntausende von weißen Südstaatlern, die keine Sklaven hatten, in den Reihen der Konföderation, weil sie wie ihre Herren davon überzeugt waren, dass die Sklaverei rassisch gerechtfertigt sei, aber auch für die Idee einer ländlich geprägten Gesellschaft, mit wenig Staat und niedrigen Steuern, in der man auf riesigen unbebauten Ländereien jagen und sein Vieh weiden konnte.

Viele Bauern besaßen damals nur ein paar Sklaven oder Familien einige Hausdiener. Um 1850 lebte die Hälfte der Sklaven auf Farmen mit weniger als 20 Sklaven, insgesamt gab es etwa knapp 400 000 Sklavenhalter. Ein prominentes Beispiel für die Ambivalenz kleiner Leute aus dem Norden in Hinblick auf die Sklaverei ist Ulysses S. Grant, der als Oberkommandeur die Union zum Sieg führen und als Präsident später entschieden gegen den Ku-Klux-Klan vorgehen sollte. Grant war zwar kein Abolitionist, stammte aber aus Ohio, wo eigene, harte Arbeit als Tugend und die Sklaverei als ihr Gegensatz und somit als unvereinbar mit republikanischen Prinzipien galt, weshalb Grant diese Institution eigentlich ablehnte. Seine Frau stammte aus Missouri, einem Sklavenstaat, ihr Vater besaß Feldsklaven, sie selbst brachte Haussklaven in die Ehe mit. 1854 brach Grant seine militärische Karriere ab und bewirtschaftete eine Farm in Missouri. In Sklavenstaaten war jedoch harte Arbeit auf dem Feld ein Makel, dazu waren allein Schwarze und white trash verdammt. Grants Ansehen bei den Nachbarn sank, weil er selbst auf seinem Land ackerte, einen Lohnarbeiter konnte er nicht anheuern und kaufte schließlich selbst einen Feldsklaven. Die Farm blieb unrentabel, die Wirtschaftskrise 1857 sorgte für einen Preisverfall, schließlich erkrankte Grant an Malaria und gab die Landwirtschaft auf.
Treffender als die Überlegungen zu den armen Weißen des Südens war Marx’ Urteil über die Ursachen des Bürgerkriegs, die er allein in der Sklaverei ausmachte, ähnlich den meisten Zeitgenossen in den USA. In England taten jedoch die Freunde der Konföderation, als ginge es um Zölle und die Rechte der Einzelstaaten. Manche Liberale sprachen gar vom Recht auf Selbstbestimmung, zumal die Sezession ja von den Parlamenten der Südstaaten beschlossen worden war. Marx zerpflückte die Rechtfertigungen britischer Kriegstreiber: Der Süden habe keine Skrupel gehabt, in die Rechte der Einzelstaaten einzugreifen, als es darum ging, entflohene Sklaven im Norden gefangenzunehmen, und der Zuckerrohranbau in Louisiana werde auch durch Zölle geschützt.

Später, nach dem Ende der reconstruction, übernahmen in den USA ehemalige Konföderierte und ihre Unterstützer im Norden die Deutungshoheit. Sie verbreiteten die Legende vom Kampf des Südens um seinen Lebensstil und um die Selbstbestimmung der Einzelstaaten, die erst im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung wieder in Frage gestellt wurde. Allerdings suggeriert selbst Howard Zinn in seinem linken Standardwerk »People’s History of the United States« (1995), die Elite der Nordstaaten habe lediglich Schutzzölle für ihre Industrieprodukte, einen freien Markt, eine staatliche Zentralbank, freies Land und freie Arbeitskräfte angestrebt. Das ist nicht falsch, spielt aber die Bedeutung der Sklavenfrage herunter. Klassenübergreifend wurde im Norden die Sklaverei als Hindernis für die weitere Entwicklung angesehen. Tatsächlich scheiterte Mitte des 19. Jahrhunderts der Versuch, den Süden zu industrialisieren, an den Plantagenbesitzern, die ihr Kapital lieber in Land und Sklaven investierten. So blieb der Süden eine unterentwickelte Exportökonomie, mit geringer Infrastruktur und hohem Analphabetismus auch unter den Weißen.

Noch heute wird der Bürgerkrieg in der Reenactment-Szene und in einigen populären Büchern und Filmen glorifiziert und enthis­torisiert. Südstaaten-Generäle, allen voran Lee, dazu »Stonewall« Jackson, ein fundamentalistischer Christ, und der Kavallerieoffizier Jeb Stuart erscheinen als ritterliche Gentlemen und geniale Feldherren. Nach bürgerlichen Maßstäben waren sie Landes- und Hochverräter, die gegen ihren Eid als Offiziere der Union verstießen. Konföderierte Soldaten folterten und ermordeten gefangene schwarze Unionssoldaten und deren weiße Offiziere gnadenlos. Berüchtigt sind Massaker wie jenes von Fort Pillow, als Südstaatler ihre besiegten schwarzen Gegner an Zeltrahmen kreuzigten und verbrannten. Marx und Engels erkannten zwar die militärischen Fähigkeiten der Südstaaten-Generäle an, aber sie vergaßen nie, wozu diese dienten.
Kenntnisreich analysierte Marx die politische Entwicklung hin zum Bürgerkrieg. Infolge der Westexpansion musste bei jedem neuen Bundesstaat (aber auch schon beim Territorialstatus) entschieden werden, ob es ein Sklaven- oder freier Staat werden sollte. 1820 fand der Kongress einen Kompromiss: Missouri wurde Sklavenstaat, aber alle Gebiete westlich und nördlich sollten frei bleiben. Die Vereinbarung hatte bis zu den Annexionen nach dem Mexiko-Krieg Bestand, als der Konflikt offen ausbrach. Im Streit um die Zukunft Kaliforniens und New Mexicos drohten Südstaatler erstmals mit der Sezession. 1850 sorgte das sogenannte Sklavenfluchtgesetz, das die Behörden im Norden verpflichtete, geflohene Sklaven an ihre Eigentümer auszuliefern, für starke Proteste im Norden. Freie Schwarze, Abolitionisten und ganze Kirchengemeinden leisteten Widerstand gegen die Häscher, sogar gegen Polizei und Militär. Frederick Douglass plädierte für den bewaffneten Kampf. Allerdings war der Rassismus im Norden ebenfalls virulent: Die »freien« Staaten Illinois, Indiana und Iowa verboten den Zuzug von Schwarzen.

Der Nebraska-Kansas-Act teilte 1854 ein riesiges Gebiet im Westen in einen freien und ­einen Sklavenstaat, kündigte im Interesse der Sklavenhalter frühere Kompromisse auf, spal­tete das Land und führte zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen »Freiländern« und dem Mob der Sklavenhalter in Kansas. Aus dem Konflikt entstand die Republikanische Partei, deren Ziel es zwar nicht war, die Sklaverei abzuschaffen, die jedoch deren weitere Ausbreitung verhindern sollte. Schon diese Position genügte jedoch, wie Marx erkannt hat, um einen Bürgerkrieg auszulösen, sobald die Partei die Macht in Washington übernehmen würde, was mit der Wahl Lincolns zum Präsidenten im November 1860 dann auch geschah.

Fortschrittliche Republikaner

Die Republikanische Partei repräsentierte ein breites Bündnis aus Mittelschicht und herrschender Klasse, das die Sklaverei als Hemmschuh, aber auch als moralisches Übel ansah. Zu ihrer Attraktivität bei Habenichtsen trug bei, dass sie eine Landverteilung versprach. 1863 verabschiedete die republikanische Mehrheit im Kongress den Homestead Act: Jeder durfte sich fortan auf unbesiedeltem Land niederlassen, 64 Hektar bewirtschaften und nach fünf Jahren rechtmäßiger Eigentümer werden. Die Abolitionisten stellten die Minderheit in der Partei, selbst unter den Gegnern der Sklaverei gab es etliche Rassisten. Lincoln ist durchaus typisch für die Mehrheit der Partei. Als Bauernsohn durch harte Arbeit aufgestiegen, vertrat er als Anwalt große Eisenbahngesellschaften, als Politiker das Big Business und plädierte für die Einrichtung einer Zentralbank. Die Gleichstellung von Weißen und Schwarzen hielt er für nicht praktikabel, weil er von der Existenz unterschiedlicher Rassen ausging. Noch 1862 wollte er ehemalige Sklaven in Afrika oder Lateinamerika ansiedeln und wehrte sich dagegen, Schwarze in die Armee einzuberufen. Die Sklaverei lehnte er zwar ab, betonte aber als Präsident am Anfang des Bürgerkriegs, könnte er die Union retten, ohne die Sklaven zu befreien, würde er dies tun.

»Old Abe« wage sich nur vorwärts, wenn die Umstände und die öffentliche Meinung ein Zögern verbieten, notierte Marx im Februar 1862. Im Sommer desselben Jahres glaubte Marx, der Übergang zur revolutionären Kriegsführung sei eingetreten: Die Regierung schaffte die Sklaverei in der Hauptstadt und den Territorien ab, in West Virginia stufenweise. Sklaven wurden frei, sobald sie die Linien der Union erreichten, und wurden überdies militärisch organisiert. Engels polemisierte indessen gegen die »Feigheit in Regierung und Kongress«, Lincoln verklausuliere jede »Scheinmaßregel«, und ein General agiere dümmer als der andere. Der Norden werde am Ende siegen, auch wenn der Kampf sich in die Länge ziehe, war die felsenfeste Überzeugung von Marx: »Es scheint mir, dass Du dich a little too much durch den militärischen aspect der Dinge bestimmen lässt«, antwortet er dem Freund.

»Die Vernunft siegt doch in der Weltgeschichte«, schrieb Marx, als im Herbst 1862 der Vorstoß Lees nach Maryland zurückgeschlagen wurde und Lincoln die Sklavenbefreiung ankündigte. »Er tut das Bedeutendste immer in der möglichst unbedeutendsten Form. (…) Zögernd, widerstrebend, unwillig singt er die Bravour-Arie seiner Rolle, als ob er um Verzeihung bäte, dass die Umstände ihn nötigen, Löwe zu sein«, urteilte er über den Präsidenten. Erst aufgrund der hohen Kriegsverluste akzeptierten Politiker und Wähler im Norden die Argumente von Abolitionisten und Radikalen wie Marx: Die Befreiung der Sklaven werde den Norden stärken, den Süden schwächen und die Unterstützung der Konföderation durch Frankreich und England verhindern. Insgesamt flüchteten während des Kriegs etwa eine halbe Million Schwarze von den Plantagen, rund 200 000 Schwarze kämpften schließlich in der Unionsarmee. Vermutlich hatte Lincoln ein Gespür für den richtigen Moment, weil seine Haltung gegenüber der Sklavenfrage die ambivalente Meinung der Bevölkerung widerspiegelte. So bezog sich seine Proklamation der Sklavenbefreiung, die 1863 in Kraft trat, nur auf die Menschen in den feindlichen Territorien der Konföderation, schloss also jene aus, die in den vier Grenzstaaten lebten, die sich nicht der Konföderation angeschlossen hatten. Als Schwarze in die Armee aufgenommen wurden, konnten sie nicht zu Offizieren aufsteigen und bekamen einen geringeren Sold als die weißen Soldaten, die ihnen vielfach mit offenem Rassismus begegneten.

Nach der Ermordung Lincolns am 14. April 1865 kondolierte Marx im Namen der Internationale: »Er war einer der seltenen Männer, denen es gelingt, groß zu werden, ohne dass sie aufhören, gut zu sein.« Nach der Schlacht von Gettysburg wäre der Präsident dagegen fast ausgerastet: Wieder einmal hatte ein Feldherr der Union eine Chance nicht genutzt. Die geschlagenen Konföderierten konnten ungehindert abziehen. Der Krieg zog sich noch fast zwei Jahre hin. Den Kampf für die bürgerliche Gleichstellung mussten die Afroamerikaner noch 100 Jahre länger führen.