Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 24. Mai 2012

Kein Interesse an Nazis

Zum Tod des Historikers Arno Lustiger, der sich mehr für die Opfer des Antisemitismus als für die Antisemiten interessierte.
 
von Tjark Kunstreich, Jungle World, 24.05.2012


Die Nazis hatten sich vorgenommen, die Juden auszurotten. Ihr Vernichtungsfeldzug wurde gestoppt. Die Vorstellung aber, dass eine Welt ohne Juden eine bessere sein könnte, und entsprechende Versuche, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, haben seit 1945 an verschiedenen Orten und unter völlig unterschiedlichen ideologischen Vorzeichen immer wieder Konjunktur. Deswegen gibt es bis heute ein großes Inter­esse am Antisemiten, an den subjektiven Beweggründen für seinen Judenhass und den objektiven Voraussetzungen für dessen mörderische Entfesselung. Mal gilt es, die Beweggründe oder die Voraussetzungen für antisemitische Greueltaten zu historisieren, ein anderes Mal, sie gegeneinander abzuwägen. Immer noch wird unter Historikern darüber gestritten, ob die Vernichtung der Juden eine Folge des Eroberungskrieges oder sein Zweck war.

Arno Lustiger, der am 15. Mai mit 88 Jahren gestorben ist, war einer der wenigen Historiker, die sich für diese Fragen nicht interessierten. Das lag wahrscheinlich daran, dass er gar kein studierter Historiker war. 1924 im polnischen Bedzin geboren, überlebte er die Vernichtung, wie alle anderen, die überlebten: zufällig. Sein Vater und viele Angehörige wurden ermordet. Als einer der wenigen, die die Todesmärsche der Häftlinge überstanden hatten, forderte er 2005, als er am 27. Januar vor dem Bundestag sprach, dass dieser mörderische Höhepunkt des nationalsozialistischen Terrors endlich gründlich historisch untersucht werden müsse. Im April 1945 war er von einem der Todesmärsche geflohen und von Volkssturm-Leuten gefangen genommen worden, konnte abermals fliehen und wurde dann von amerikanischen Soldaten mehr tot als lebendig gefunden.
Den Todesmärschen fielen in den letzten Kriegsmonaten noch einmal Hunderttausende KZ-Häftlinge zum Opfer, bis zuletzt sollten die Spuren der Nazi-Verbrechen vertuscht werden. Und obwohl die Volksgenossen eigentlich um ihr eigenes Überleben kämpften, fanden sie noch Zeit genug, auf geflohene Häftlinge Jagd zu machen. Die Barbarisierung der deutschen Gesellschaft fand in dieser Zeit ihren Höhepunkt, als nicht nur der Krieg in Form alliierter Bomben, sondern auch die Überlebenden der Vernichtung im Osten in den Todesmärschen heimkehrten. Diese Monate bis zum Mai 1945 waren der Beweis dafür, dass die Vision von einer Welt ohne Juden und »Untermenschen« nicht in eine bessere Welt, sondern in die Entfesselung des vormals an die Juden gebundenen Hasses auf ­alles und jeden führt. Die Alliierten haben die Deutschen nicht befreit, sie haben sie in erster Linie davor bewahrt, sich gegenseitig umzubringen; im Osten, indem »die Russen« Angst und Schrecken verbreiteten, im Westen mittels Reeducation.

Lustiger ging nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem Tod lebte, und beteiligte sich am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde. Von 1945 bis 1948 lebte er zusammen mit seiner Mutter und seinen Schwestern im Displaced-Persons-Lager Zeilsheim, arbeitete als Redakteur der jiddischen Zeitung Unterwegs und als Übersetzer für die amerikanischen Truppen. 1950 machte er sich als Textilfabrikant selbstständig, heiratete und bekam zwei Töchter. Lange engagierte sich Lustiger nicht öffentlich, sondern in der von ihm 1951 mitgegründeten Zionistischen Organisation in Deutschland, deren langjähriger Vorsitzender und späterer Ehrenvorsitzender er war. Ein wichtiger Bereich seiner Tätigkeit war die Unterstützung osteuropäischer und sowjetischer ­Juden, die nach Israel ausreisen wollten.

Dieses Interesse an den Juden des Ostens, zu denen er selbst gehörte, und dem ungeheuer­lichen Verrat der Kommunisten, insbesondere Stalins, an ihnen, war das Thema seines Lebens. Nachdem die Töchter aus dem Haus waren und Lustiger genug Geld verdient hatte, um nicht mehr arbeiten zu müssen, begann er ­Mitte der achtziger Jahre mit seinen historischen Forschungen. Sein erstes Buch »Schalom Libertad« erschien 1989 und widmete sich der Beteiligung von Juden am Spanischen Bürgerkrieg. Dass in der kommunistischen wie in der anarchistischen Geschichtsschreibung des Krieges die Beteiligung der Juden ausgeblendet wurde, veranlasste ihn zu einer akribischen Aufrechnung – mit dem Ergebnis, dass die Beteiligung der Juden an der Verteidigung der Republik im Vergleich zu den Angehörigen anderer Nationen überdurchschnittlich hoch war.

Lustigers 1998 erschienenes Werk »Stalin und die Juden« über das Jüdische Antifaschistische Komitee und die Juden in der Sowjetunion verdeutlicht dagegen auf nachdrückliche Weise, dass die sowjetischen Juden, die schon in den dreißiger Jahren während der Moskauer Prozesse immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt waren, sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion an Stalins Seite stellen mussten. Ihnen wurden Hoffnungen gemacht auf einen eigenen Staat, denn auch Stalin wollte die Juden loswerden. Während des Krieges, als die Vernichtung im europäischen Teil der Sowjetunion am grausamsten ins Werk gesetzt wurde, kämpften auch hier sehr viele Juden, sei es als Partisanen, sei es in der Roten Armee, und gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil waren sie auch hier überdurchschnittlich vertreten. Das Ende der Vernichtung und die Niederlage der Deutschen kam, die Befreiung der Juden blieb in der Sowjetunion jedoch aus. Nach 1945 setzte Stalin mehrere antisemitische Kampagnen in Gang, die den Zweck hatten, die Juden als Handelnde aus der Geschichte des Krieges zu streichen. Nach der Gründung Israels 1948 keimte Hoffnung für die sowjetischen Juden auf, als Golda Meir als erste israelische Botschafterin in Moskau von einer begeisterten Menge durch die Straßen getragen wurde. Doch was folgte, waren Hinrichtungen von Juden nach der sogenannten »Ärzteverschwörung« und dem Prozess gegen den tschechoslowakischen Kommunistenführer Rudolf Slansky in Prag. Die bereits geplante Deportation der Juden wurde nach Stalins Tod nicht mehr verwirklicht.

Mit der damals noch recht jungen Jungle World reisten wir Ende der Neunziger mit Lustiger durch einige deutsche Städte, um sein Buch vorzustellen und Werbung für die Zeitung zu machen. Damals wollte das Publikum eher rührselige Geschichten aus dem jüdischen Widerstand hören, garniert mit Partisanenliedern wie »Sag nie, du gehst den letzten Weg«. Der Historiker Lustiger verweigerte sich dem ebenso wie jedem anderen Angebot zur Identifikation. Die sein ganzes Werk durchziehende Intention zielt zum einen auf historische Gerechtigkeit – auf den wissenschaftlichen Nachweis, dass die Juden überproportional am Kampf gegen den Nationalsozialismus beteiligt waren – und zum anderen darauf, ohne dass er es ausgesprochen oder bewusst reflektiert hätte, die Vernichtung als jene Katastrophe darzustellen, als die sie sich für die Juden darstellte. Sein letztes, im vergangenen Jahr erschienenes Buch »Rettungs­widerstand« über nichtjüdische Judenretter vertieft diese Sichtweise auf die Vernichtung. Mit Arno Lustiger ist ein Historiker gestorben, dem es, um es mit Walter Benjamin zu sagen, nicht darum ging, »zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist«, sondern der versucht hat, »sich einer Erinnerung (zu) bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt«.

Donnerstag, 17. Mai 2012

"Die Aufarbeitung beginnt gerade erst" - Interview mit Freke Over

aus: Jungle World, Nr. 45, 11. November 2010
 
Am 9. November 1989 fiel die Mauer, im Frühling wurden in Ostberlin, immer noch Hauptstadt der DDR, über 120 Häuser besetzt. Am 3. Oktober 1990 fand die deutsche Vereinigung statt, am 14. November wurden die besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain geräumt. Dazwischen lag fast ein Jahr ohne staatliche Autorität. Freke Over war vor 20 Jahren Sprecher der Besetzer der Mainzer Straße, später, zwischen 1995 und 2006, wurde er in Friedrichshain auf der Liste der PDS dreimal direkt ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Heute betreibt er in Brandenburg das »Ferienland Luhme« und ist Stadtverordneter in Rheinsberg.
Interview: Ivo Bozic
Wie bist du vor 20 Jahren in die Mainzer Straße gekommen?
Nach dem Mauerfall 1989 hat es mich nach Berlin gezogen, in die damals spannendste Stadt der Welt. Und nachdem am 1. Mai 1990 die Mainzer Straße besetzt worden war, bin ich dort im Juni eingezogen. Damals wurden mangels staatlicher Autorität massenweise Häuser in der DDR besetzt, man konnte einfach in leerstehende Häuser einziehen. Allein in der Mainzer Straße waren zwölf Häuser besetzt, zehn auf der einen und zwei auf der anderen Straßenseite. So entwickelte sich die Mainzer Straße schnell zum Zentrum der Hausbesetzerszene.
Wer waren die Bewohner?
Die kamen aus ganz unterschiedlichen politischen Spektren. Im Vergleich zu den anderen besetzten Häusern in Berlin waren in der Mainzer Straße sehr viele, ja eigentlich hauptsächlich, Wessis.
Wie viele Hausprojekte gab es damals im ­Osten?
120 Häuser, die sich alle mehr oder weniger als politische Projekte verstanden, haben sich im Verhandlungsgremium der besetzten Häuser zusammengeschlossen. Der Sommer 1990 war der kurze Sommer der Anarchie. Wir konnten tun und lassen, was wir wollten, wir konnten unsere Vorstellungen von selbstbestimmtem Wohnen und unzählige Projekte einfach umsetzen. Niemand hinderte uns, die Volkspolizei trat praktisch nicht in Erscheinung.
Wann änderte sich die Lage?
Als im September 1990 der Westberliner Senat zu den Verhandlungen mit dem Ostberliner Magistrat dazukam, wurde schnell klar, dass der Senat kein Interesse hatte, Lösungen für alle Häuser herbeizuführen. Dann kam der 3. Oktober. Am Tag zuvor wurde die Polizeihoheit an Westberlin übertragen, und von diesem Zeitpunkt an mussten auch Räumungen befürchtet werden.
Und es war dann ja auch schon bald soweit.
Am 12. November wurde morgens bekannt, dass drei Häuser geräumt worden seien, zwei in der Pfarrstraße und eines im Prenzlauer Berg, daraufhin sind etwa 70 Leute aus der Mainzer Straße spontan einmal um den Häuserblock gezogen. Dabei wurden auch, wie es heißt, »Barrikaden gebaut« – in Wirklichkeit behinderten zwei Baustellenabsperrungen leicht den Verkehr auf der Frankfurter Allee. Als wir nach zehn Minuten wieder in der Mainzer Straße waren, wurde die Demonstration auch schon mit Wasserwerfern und Räumpanzern angegriffen, wir haben uns schnell in die Häuser zurückgezogen, die Räumpanzer schoben Autos zur Seite, Wasserwerfer zielten auf die Fenster, drückten uns die Scheiben ein, und aus den Fenstern flog dann vieles zurück. So begann die Eskalation.
Es gab dann heftige, viele Stunden dauernde Straßenschlachten im ganzen Kiez.
Ja, bis zum Abend war die Mainzer Straße von Polizei befreit, es wurden Barrikaden errichtet, Gräben ausgehoben. Wir haben aber auch ganz intensiv versucht, Verhandlungen zu erreichen, eine Hamburger Lösung für Berlin zu schaffen. Die Hafenstraße hat ja nach mehrtägigen Straßenschlachten eine Verhandlungslösung erreicht, das war unser Vorbild. Aber für Berlin war das politisch nicht vorgesehen. Die Straße sollte geräumt werden, 1 500 Bereitschaftspolizisten waren an diesem Tag im Einsatz. Aber die massive Gegenwehr von uns und anderen Häusern und auch von der normalen Bevölkerung führte dazu, dass sich die Polizei im Laufe der Nacht aus dem gesamten Kiez zurückziehen musste.
Am nächsten Tag wurden die Barrikaden weiter befestigt und es kamen Journalisten und Schaulustige in Massen.
Am 13. November haben alle möglichen Leute nochmal versucht zu verhandeln. Von Bärbel Bohley über Harald Wolf bis zu Renate Künast, alle waren da. Am Abend haben wir mitbekommen, dass aus Westdeutschland massive Polizeikräfte unterwegs waren, zeitweise war die Autobahn zwischen Braunschweig und Berlin für die Truppentransporte gesperrt. Da wussten wir, jetzt kommen sie mit allem, was sie haben, und am Morgen werden sie angreifen.
Etwa 4 000 Polizisten und 400 Hausbesetzer lieferten sich am 14. November eine der dramatischsten Straßenschlachten der Berliner Nachkriegsgeschichte.
Auf jeden Fall war es das Heftigste, was ich jemals in meinem Leben an staatlicher Gewalt erlebt und gesehen habe. Ich persönlich hätte gerne auf diese Erfahrung verzichtet, aber ich finde es bis heute wichtig und richtig, dass wir diesen Kampf geführt haben, auch wenn wir wussten, dass wir ihn nicht militärisch gewinnen würden. Es wurden von der Polizei tausende Gasgranaten und Gummigeschosse eingesetzt, die damals gar nicht zugelassen waren. Es soll sogar zwei Schussverletzungen durch scharfe Waffen gegeben haben, ob das stimmt, kann ich aber nicht sagen. Für uns war das dafür ausschlaggebend, dass wir uns in die Häuser zurückgezogen haben und dass wir uns dann schließlich auch haben festnehmen lassen, weil wir sagten, das ist es nicht wert, dass hier jemand dabei draufgeht.
Der Grad der Eskalation hat damals viele in eine Art Schock versetzt. In einem der acht besetzten Häuser der Kreutziger Straße nebenan wurden noch am selben Tag Mietverträge unterzeichnet aus Angst vor Räumung. Insgesamt ging es nach der Räumung der Mainzer Straße nur noch ums Legalisieren. War die Räumung der Todesstoß für die Hausbesetzerbewegung als politisches Projekt?
Anders als in den achtziger Jahren, als man mal hier und mal da ein Haus geräumt und den vermeintlich »guten« Besetzern Verträge gegeben hat, ging es bei der Mainzer Straße nur darum, ein für alle Mal die Machtverhältnisse klarzustellen, und zwar nicht nur gegenüber den Besetzern, sondern auch gegenüber der restlichen ostdeutschen Bevölkerung, damit die da gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.
Ein für die Linke derart krasses Ereignis wie dieses hat nicht einen einzigen Jahrestagsritus oder ähnliches nach sich gezogen, wie kann das sein?
Naja, eine Revival-Straßenschlacht halte ich nicht für ein politisch sinnvolles Konzept. Die Häuser der Mainzer Straße waren für uns verloren, die wurden ja auch sofort mit enormem staatlichen Einsatz saniert, den Eigentümern wurde die Sanierung sogar aus staatlichen Mitteln geschenkt. Der Staat hatte Fakten geschaffen. Der 14. November ist für mich nur ein Tag der Depression. Was ich aber schade finde, ist, dass wir nicht diesen kurzen Sommer der Anarchie feiern und dieses tolle Projekt, das wir da alle zusammen in dieser Ausnahmezeit durchgezogen haben.
Was war das Großartige daran?
Wir haben etwa als Straße beschlossen, wir wollen einen Abenteuerspielplatz bauen, und dann haben wir einfach angefangen, das zu tun. Wir haben entschieden, wir wollen ein wenig Verkehrsberuhigung, und einfach angefangen, Blumenkästen aufzustellen. Wir haben versucht, mit den anderen Anwohnern zu gemeinsamen Strukturen zu kommen, ob in der Volxküche oder in unseren Kneipen, Läden, bei Kulturveranstaltungen, Festen. Sicher war nicht alles erfolgreich und gut, aber es war ganz viel Bewegung drin, es war ganz viel möglich, und ganz viel davon war ein gesellschaftliches Ausprobieren.
Und geblieben sind nur solche romantischen Erinnerungen?
Nach der Räumung waren wir anfangs noch ganz euphorisch, wir dachten, es geht irgendwie weiter. Es gab ja eine unfassbar große Solidaritätswelle. Die Bevölkerung brachte ohne Ende Kleidung und andere Spenden vorbei, und Linke aus ganz Europa erklärten sich solidarisch, auf die eine oder andere Weise. Es gab in den nächsten Tagen weltweit Krawalle mit mindestens 15 Millionen Mark Sachschaden. Wir haben eine Weile gebraucht, um zu merken, da geht gar nichts los, das ist jetzt wirklich vorbei. Aber es ist sicher mehr geblieben als die Erinnerung der Beteiligten. Es waren auch nicht nur positive Erfahrungen. Ich glaube, von denen, die die Räumung miterlebt haben, ist keiner ohne kleineren oder größeren Knacks davongekommen, das war für alle eine einschneidende Lebenserfahrung, für manche traumatisch.
Die Abwesenheit der Staatsgewalt in diesem Sommer hatte sicher viele positive Auswirkungen, aber auch negative, etwa die, dass selbst Gewalt ausgeübt werden musste – gegen die in Ostberlin sehr aktiven Neonazis.
Die Nazis haben das Fehlen der staatlichen Gewalt auch ausgenutzt, sie haben in Lichtenberg ebenfalls Häuser besetzt und häufig besetzte Häuser in Friedrichshain angegriffen. Da konnte man sich nicht auf die Polizei verlassen, man musste sich selbst verteidigen. Einmal kam der Chef der Polizeiwache bei uns vorbei und entschuldigte sich, sie seien da neulich nicht gekommen, weil sie so wenige gewesen seien und Angst gehabt hätten, von den Nazis aufs Maul zu kriegen, und ob wir nicht künftig zusammenarbeiten könnten: gemeinsame Funkkanäle, gemeinsame Alarmierung.
Den Job der Polizei haben die Hausbesetzer teilweise ohnehin übernommen.
Wir haben die öffentliche Sicherheit hergestellt, ja. Wir haben originär staatliche Aufgaben wahrgenommen, um die körperliche Unversehrtheit von uns und anderen zu sichern. Es gab eine Wachzentrale, die über Funk mit den anderen besetzten Häusern im Bezirk verbunden war, und wenn irgendwas losging, dann gab es Alarm. Dann: Helme auf, rein in unsere Wanne und hin zum Einsatz. Und es hat dennoch Übergriffe gegeben, die nicht verhindert werden konnten, bis hin zu zwei Entführungen durch Nazis.
Auf der einen Seite gab es diesen unglaublichen Freiraum, auf der anderen Seite bedeutete das, hinter Stacheldraht und Falltüren leben zu müssen. Wenn du das heute abwägst …
Immer lieber den Freiraum als die staatliche Gewalt, auch um den Preis, dass man sich selber kümmern muss. Dann malt man den Stacheldraht halt rosa an.
Nicht jeder empfindet es als Ideal, so ein militarisiertes Leben zu führen.
Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt militarisiert gefühlt, denn es gab keine Hierarchien, sondern im Gegenteil Selbstverantwortung. Aber es stimmt, es war viel Gewalt im öffentlichen Raum, und das war nicht schön, das hat keinen Spaß gemacht.
Würdest du sagen, das Besondere an diesem Sommer war vor allem das einzigartige Machtvakuum?
Der historische Moment hat Dinge möglich gemacht, die jetzt unvorstellbar sind.
Gibt es irgendeine Form der historischen Aufarbeitung dieser Zeit?
Man kann uns jederzeit einladen und uns fragen. Neulich wurde eine Doktorarbeit an der Uni Graz abgelegt zur Mainzer Straße. Und gerade hatte der Interviewfilm »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag – die Mainzer wird geräumt« Premiere. Ich denke, die historische Aufarbeitung beginnt erst so langsam.

Zur Besetzerbewegung in der Mainzer Straße findet sich auf Youtube die zehnteilige Filmreihe »Kollektiv Mainzer Straße – Sag niemals nie«.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Frieden auf Erden und den Menschen die Sintflut

aus: Jungle World, 22.12.2011

Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus. Heute fragt man, wer bombardiert wird. Ein historischer und soziologischer Überblick über den Frieden als Mythos und Politik.

von Rainer Trampert
Das Wort »Frieden« löst Unbehagen aus. Sei friedlich, sagen die Eltern, wenn das Kind den Mund halten soll, und Äcker und Wiesen, unter denen Tote liegen, heißen Friedhöfe. Gegen Carl Knudsen, »der in Boldixum auf Föhr seiner Mutter mit ­einem Hammer schwere Kopfverletzungen beigebracht hatte, denen sie kurz darauf erlegen war«, sei Anklage wegen Mordes erhoben worden, schrieb 1950 die Regionalzeitung. Tatmotiv sei Knudsens Wunsch gewesen, »sich an der Mutter dafür zu rächen, dass sie den letzten Willen ihres Ehemannes nicht geachtet habe. Knudsens Vater hatte als seine Grabschrift den Satz ›Mein Leben war nur Arbeit und Verdruss‹ verlangt. Seine Frau hatte jedoch die Worte ›Ruhe in Frieden‹ anbringen lassen.« Vermutlich wollte seine Mutter nur vermeiden, dass der Verdruss im Leben des Verstorbenen auf sie zurückfällt. Aber Knudsen fand es zynisch, dass ein Leben voller Kummer mit Ruhe und Frieden im Tod vergolten wird.

Es gebe schmutzige Kriege, aber auch »schmierige Frieden«, sagte Ernst Bloch. Christen sind darin Virtuosen. Die friedliche Konfliktbewältigung war nie Gottes Ansinnen. Als er nach dem Schöpfungsakt die Bosheiten der Menschen sah, sprach er: »Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde.« Das hat er wiederholt versucht – mit Sintfluten und Schwefel. Aber der Mensch war zäher als der Dinosaurier. Von Gott stammt der Kanon aller Diktaturen: Wer ihm gehorche, solle leben, »weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden«.

Jesus brach dann mit dem göttlichen Hass auf die Menschen. Doch kaum durften die Christen in Rom mitregieren, verwarfen sie seine Worte und entwickelten Thesen zum »gerechten Krieg« – eine Vorlage für SPD und Grüne. Danach verbrannten sie Frauen und folterten nach Herzenslust, organisierten Kreuzzüge und verfolgten Juden – Martin Luther rief auf, Synagogen anzuzünden –, sie skalpierten Indianer, segneten Hitlers Waffen, Papst Woityla nannte General Pinochet einen »großen Freund der katholischen Kirche«, und sein Großinquisitor Ratzinger exkommunizierte 150 Priester der Befreiungstheologie. Die christliche Gewaltlosigkeit ist nur eine Anweisung an die, die unten sind, ihr Schicksal geduldig zu ertragen.
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Der Landfrieden und der Hauptmann von Köpenick

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Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus, heute fragt man, wer bombardiert wird. Drohnen und Soldaten töten im Auftrag Frieden schaffender, Frieden bringender, erzwingender, erhaltender, sichernder oder Frieden bewahrender Kommandos. Die Umbenennung ist ein Erfolg der Friedensbewegung – vielleicht der einzige. Unter linken Bellizisten ist der Krieg zur Verbreitung der Zivilisation beliebt. Eine Propaganda mit Vor- und Nachteilen. Der Vorteil: Dem Gegner wird die Zivilisation abgesprochen, die eigene muss nicht reflektiert werden, der Soldat wird auf gegnerische Barbaren programmiert, verliert die Hemmungen beim Töten und mutiert selbst zum Barbaren. Das stärkt die Kampfmoral. »Unser Aufzug, bei dem sich das Winseln der Gefangenen mit unserem Jubeln und Lachen vermischte, hatte etwas Urkriegerisches und Barbarisches« (Ernst Jünger). Die Mutation des zivilen Soldaten ist nicht neu. Marx schrieb, die »moderne Zivilisation« gehe in Amerika auf Skalpjagd und hetze in Afrika Kinder zu Tode: »Sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit.« Europa habe »den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt«. Die Nachteile sind, dass die Aversion gegen die westliche Zivilisation und die Gegenaufklärung anschwillt und der Soldat heute nicht mehr auf die Heroisierung seiner Regression zum Urkrieger hoffen kann. Die Ersetzung von Soldaten durch Killerdrohnen wird das Problem nicht lösen.

Auch für die innere Stabilität gibt es viele Frieden: Betriebsfrieden, sozialen Frieden, Arbeitsfrieden, Landfrieden, Burgfrieden und Friedenspflicht. »Frieden« ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch ein Instrument zur Disziplinierung der Gesellschaft, die der Untertan als Lebenssinn antizipiert. »Wenn dein Wille nur ist stille, wirst du von dem Kummer frei! Dein Papa« (Poesiealbum). Keiner verkörperte den Landfrieden so gefühlsduselig wie Heinz Rühmann – privat etwa beim Kindergeburtstag der Goebbels’ und beruflich. In dem Film »Der Hauptmann von Köpenick« nach Carl Zuckmayer sitzt Schuster Voigt für Lappalien zehn Jahre im Gefängnis. Nach der Entlassung besorgt er sich eine Uniform und sammelt Soldaten, mit denen er zum Rathaus von Köpenick marschiert. Er will einen Pass. »Mit dem Geld hätten sie doch weit kommen können, sogar ins Ausland«, sagt der Beamte. »Nee«, sagt Voigt, »sie glauben gar nicht, wie schön Deutschland ist. Ich wollte nicht unter fremder Erde begraben sein.« Der Kaiser war gerührt und begnadigte ihn.
Beim Landfrieden geht es um die Einhaltung der öffentlichen Ordnung in Friedenszeiten. Am 2. November 1959 zogen 40 Jugendliche durch Leipzig und riefen: »Wir wollen keinen Lipsi und keinen Ado Koll, wir wollen Elvis Presley und seinen Rock’n’Roll!« Das Bezirksgericht verurteilte 15 von ihnen wegen Landfriedensbruchs zu bis zu viereinhalb Jahren Haft. In Schwabing wurden 1962 Jugendliche, die zur Gitarre Friedenslieder sangen, des Landfriedensbruchs bezichtigt. Die Polizei ritt in die Menge und löste die Schwabinger Krawalle aus. Für den Landfrieden zog der SPD-Bürgermeister von Stadtoldendorf (Niedersachsen) 1951 mit der NSDAP-Mitgliederliste unter dem Arm und einem Tross Journalisten zum Gaswerk. Dort übergab er die Liste mit 600 Namen auf einer Koksschaufel den Flammen. Davor hatte er auf dem jüdischen Friedhof einen Kranz niedergelegt. Das »dient dem sozialen Frieden«, sagte er, »was hätte passieren können, wenn das Verzeichnis in falsche Hände geraten wäre! Dort sind alle Personen verzeichnet, die heute in der Stadt Rang und Namen besitzen.« Der Stern würdigte den Akt mit einer Story voller Begeisterung und einem Foto von der Feuerluke.

Der Burgfrieden sorgt wiederum in Zeiten hegemonialer Kriege dafür, dass Pazifisten und Sozialisten in Schutzhaft genommen oder umgebracht werden. Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Erich Mühsam wurden ausgebürgert oder in Lagern ermordet, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinterrücks erschossen, während Ernst Jünger, der Bote von der Freude am Töten (»Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht«), von Nazis und Helmut Kohl verehrt wurde. »Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert« (Tucholsky).
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Nibelungen, Opferkult und hilfsbereite Kinder

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Das deutsche Bewusstsein assoziiert traditionell Krieg mit Ehre und Frieden mit Fahnenflucht. Der gute Ruf des Krieges basiert unter anderem darauf, dass die ersehnte deutsche Nation im Krieg geschaffen wurde und dass bedeutende Philosophen den Mythos vom Krieg als Natur des Menschen nach Kräften förderten. Dazu gesellt sich ein bis heute anhaltender deutscher Opferkult, der auf das Nibelungenlied zurückzuführen ist. Ein Nationalmythos, in dem die eigene Sippe am Ende komplett draufgeht, hinterlässt Spuren. Deutsche empfinden sich notorisch als Opfer von irgendetwas: Juden, Franzosen, Amerikaner, Bolschewisten, gelbe Gefahr, Halbstarken, Islam, Globalisierung, Wallstreet. Und wer sich als Opfer fühlt, neigt zu Verschwörungsphantasien und präventiver Gewaltanwendung. Die Kette ist lang. Die SPD wollte 1914 verhindern, dass deutsche Frauen und Kinder »das Opfer russischer Bestialität werden«, die Opferpropaganda der Nazis war uferlos: »Versailler Schandfrieden«, »raffendes Kapital«, »jüdische Weltverschwörung«, »bolschewistische Juden«.

Immanuel Kant meinte: »Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist.« Dass diese These falsch ist, bestätigte jüngst wieder Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut. In allen Tests hätten Kleinkinder wildfremde Menschen, die Hilfe brauchten, vorbehaltlos unterstützt, selbst dann, »wenn ein Spiel sie fesselte« – unabhängig von Eltern und Belohnungen. Das humanistische Menschenbild ist eine der Scheidelinien zum Faschismus, für den der Mensch Wolf unter Wölfen ist – unter Führung eines Alphatieres. Josef Goebbels fand das vermeintliche Naturgesetz auch bei Vögeln: »Die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet für ihn die Eier aus, dafür sorgt der Mann für Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab.« Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.
Friedrich Nietzsche versorgte die deutsche Seele mit Heroismus: »Was ist gut? – (…) nicht Friede überhaupt, sondern der Krieg.« Seine »Übermenschen« seien »frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute (…) davongehen.« Martin Hei­deg­ger ließ das Individuum im »Sein als die Dimension des Ekstatischen der Eksistenz« verschwinden und pries die »innere Wahrheit und Größe der nationalsozialistischen Bewegung«. Heute verehrt Peter Sloterdijk Heidegger, weil er die Epochenfrage gestellt habe: »Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?« Ein Alphatier? Er bangt um das Abendland: »In Bevölkerungen mit starken Jungmänneranteilen« steige »der Bellizismus, indessen überalterte Völker zum Pazifismus neigen«. Man ahnte, dass »Überalterung« etwas Gutes sein muss.

Auch die grüne Antje Vollmer, die häufig vor Kasernen saß, offenbarte sich in ihrem Buch »Der heiße Frieden« als Freundin der Rudelphilosophie. Der »Prozess der Konzentration der Menschenmassen« übersteige »jedes Maß an menschenmöglicher Gastfreundschaft«. Sie wollte aber nicht nur Verständnis für Pogrome äußern, sondern andeuten, dass sie zur völkischen Regeneration taugen. Die »kleine Bewegung des Daumens«, der im römischen Zirkus das Metzeln der Christen auslöste, habe »ihre ordnungsstiftende Binnenwirkung gehabt«, auch der Krieg werde als Stifter eines »Gemeinschaftsgefühls« erfahren. Und so fragte sie: »Zerstören sich Weltreiche also nicht nur durch maßlose Kriege, sondern womöglich gerade dadurch, dass sie sich nicht in Kriegen blutig erneuern?« Die Gegenposition formulierte die herrschsüchtige Rancherin, gespielt von Barbara Stanwyck, in dem Western »Vierzig Gewehre«: »Man soll den Frieden in einem Land nicht auf Gräbern aufbauen.« Etwas philosophischer: Menschen sind nicht von Natur böse, das Übel ist, »dass noch keine Welt ist, in der sie, wie es bei Brecht aufblitzt, nicht mehr böse zu sein brauchen« (Adorno). Um die wäre also zu kämpfen, statt über blutige Erneuerungen zu lamentieren.
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Deutsche Legionäre und der Kampf gegen Kartoffelkäfer

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Selbst nach 1945 wollten viele Deutsche keinen Frieden. Vielleicht der Kriegsversehrte, der auf Beinstumpen hinter einem Pappkarton Druckknöpfe verkaufte. Aber im Westen war die Masse davon überzeugt, der Kalte Krieg beweise doch, dass Hitler die Welt ganz richtig betrachtet habe. Und dass die Vereinigten Staaten nicht an der Seite Deutschlands gen Moskau marschieren wollten, wurde ihnen als Schwäche ausgelegt. In einer Emnid-Umfrage fanden 1949 nur 19 Prozent den »Frieden« wichtig. 60 Prozent der Spiegel-Leser wollten Krieg, 31 Prozent waren für »die Rückeroberung der Ostgebiete«, 16 »für die Erhaltung der westlichen Bürgerfreiheit«, 13 »für den Schutz von Frau und Kind«. In der Ethikskala stand die Eroberung des Ostens weit über dem Leben von Frau und Kind.
Hunderttausende Deutsche zogen gleich wieder in Kriege. 300 000 kämpften in der Fremdenlegion für Frankreich in Indochina und Nordafrika. Heute sind 10 000 in der Legion unterwegs. Als Israel 1948 am Tag der Staatsgründung von fünf arabischen Staaten und den Palästinensern angegriffen wurde, standen deutsche Offiziere den Arabern zur Seite. Die Illustrierte Revue schwärmte: »Die Deutschen sind uns am liebsten, sagten die Syrer und holten sich deutsche Offiziere.« Auf Seiten der Araber »überall deutsche Offiziere«: »General von Strachwitz« kämpfte mit der »ersten illegalen deutschen Militärmission nach dem Kriege« gegen die Juden, Hauptmann Keil führte sein »gefürchtetes Panzer-Rollkommando« dorthin, »wo die Juden Durchbrüche erzielt hatten«, »Leutnant Siebert bildete« arabische Fallschirmjäger aus. »Er galt als Draufgänger«, Oberst Kriebel war »Spezialist für Wüstenkrieg« usw.

Es gab auch die Initiative gegen die Wiederbewaffnung. Sie verabschiedete 1955 in der Frankfurter Paulskirche das »Deutsche Manifest« gegen Wiederbewaffnung und »Zerreißung unseres Volkes«. Der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer, Gustav Heinemann, Professor Gollwitzer und DGB-Redner beschworen das einige Vaterland. Auf dem Saal-Transparent stand: »Wir werden weder für Dollar – noch für Rubel sterben!« Lieber für die Reichsmark? Man sah sich in der »Pflicht gegenüber 18 Millionen Deutschen« in der DDR und allen »östlichen Völkern«, die man »aus der sowjetischen Gewalt herausbringen« wollte. Sie beklagten nicht die Bewaffnung, sondern befürchteten, dass an der Westbindung die Wiedervereinigung scheitern würde. 1957 verfassten dann 18 Wissenschaftler den berühmten »Göttinger Appell« gegen die atomare Bewaffnung. Darin bekannten sie sich zum Kampf der »westlichen Welt gegen den Kommunismus« und zur Atombombe, die einen »wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit« leiste. Aber »ein kleines Land wie die BRD« solle sie nicht haben.

Beide deutschen Staaten pflegten einen ungetrübten Umgang mit Verschwörungen. Die BRD-Propaganda ließ ständig »den Russen« bis zum Atlantik vorrücken, die SED verbreitete 1950, die USA hätten aus Flugzeugen Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen. Plakate zeigten einen Käfer, der in eine US-Flagge gehüllt war: »Kampf für den Frieden – Ami-Käfer sollen unsere Ernte vernichten. Kartoffelkäfer vernichten, ist Kampf gegen die Kriegspläne der Imperialisten. Dein Kampf gegen die Pest aus den USA ist Kampf für den Frieden!« Auch die KPD klebte Plakate mit dem Käfer. Ihrer hatte ein Dollar-Zeichen auf dem Rücken: »Er frisst 10 Milliarden jährlich an Besatzungskosten. Wir arbeiten nicht für Schmarotzer und Besatzer. Wähle Kommunisten!« Dass der Marshall-Plan ausgeblendet wurde, liegt auf der Hand, unerträglich war die Adaption der wenige Jahre vorher von den Nazis herausgegebenen »Kartoffelkäfer-Fibel«, mit der sie das Gerücht verbreitet hatten, amerikanische Bomber würden Kartoffelkäfer abwerfen.
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Scherzartikel des Friedens

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Die DKP überbrückte wacker alle Durststrecken der Friedensbewegungen, bot auf jedem Ostermarsch ihre Algebra an: »Frieden statt Raketen« und »Arbeit statt Raketen«. Das ergibt: »Frieden = Arbeit«. Marx war zwar der Meinung, dass das »internationale Prinzip« der Arbeiterklasse »der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – Arbeit«. Er meinte aber, dass die Menschen im Kommunismus von ihrer Arbeit leben, statt vom Diebstahl fremder Arbeit. Der DKP ging es um Arbeit im Kapitalismus, und da lässt sich ihre Formel nur als Aufruf zum »sozialen Frieden« verstehen. In Anlehnung an Marx strebte Herbert Marcuse die klassenlose »befriedete Gesellschaft« an, in der ein neuer Menschentypus das Leben nicht verdienen müsse, sondern es genießen könne, in der die aggressive Produktivität und der Heroismus dem Frieden, der Schönheit und der Sensibilität zu weichen hätten und sich die Fähigkeiten und Bedürfnisse wirklich freier Individuen entfalten könnten.

Die Friedensbewegten im Bonner Hofgarten hielten es wieder mit dem Nibelungenmythos. Fremde Mächte wollten Deutschland zum »Schlachtfeld« machen, was »unser nationales Interesse« verletze. Gemeint war das der vereinten Nation, die als Fiktion vorweggenommen wurde. Sie warfen sich wie tot auf die Straße, schwelgten im Selbstmitleid. Später musste »der Wahnsinn am Golf die Existenz der gesamten Menschheit« (PDS) gefährden, damit auch Deutsche leiden durften, und: »Die Kölner Jecken wollen nicht verrecken.« Niemand bedrohte sie.

Doch nur die Grünen und ihre Freunde konnten es mit der Verschlagenheit der Christen aufnehmen. Als der deutsche Krieg wieder legitim wurde, stellte sich heraus, dass die Grünen, die an der Brust der Friedensbewegung gezeugt wurden und der Linken mit dem zutreffenden Verdacht, sie würden es mit der Gewaltfreiheit nicht genaunehmen, das Leben erschwert hatten, gar keine Pazifisten waren. Die Lage erforderte ihr Bekenntnis zum Krieg und sie lieferten dafür abgefeimte Begründungen. Die Tageszeitung freute sich über den Golf-Krieg, weil »Saddam in der Tradition des Hitler-Faschismus« stehe, und Joschka Fischer berief sich bei der Bombardierung der Serben auf die Verhinderung von »Auschwitz«. Hitler und Auschwitz waren nun arabische und serbische Phänomene. Unverschämter hätte der Deutschland real oder ideell regierende Teil der 68er den späten Schlussstrich unter der deutschen Geschichte kaum ziehen können. Da blieb fast unbemerkt, dass die hoch gelobte Friedensbewegung der DDR verschwunden war. Rainer Eppelmann von der Initiative »Schwerter zu Pflugscharen« verkaufte noch schnell NVA-Kriegsgerät in der Welt, wissend, dass sie Leben auslöschen würden – das war’s.
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Charakterlose Gleichgültigkeit und die Weisen von Zion

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Die Friedensbewegung existiert nicht mehr und die Kriegsbegeisterung ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Imperialismus führt seine Kriege weit weg im Süden oder in Asien. Man hat mehr Angst um sein Sparbuch als vor dem Krieg, und für den Frieden in anderen Erdteilen fehlt die Empathie. Die charakterlose Abgestumpftheit, mit der Deutsche im Zweiten Weltkrieg Spielsachen jüdischer Kinder in der Kreissammelstelle abholten, äußert sich heute in dem Wunsch, dass die mit Spielzeug beladenen chinesischen Schiffe möglichst nicht von Piraten aufgehalten werden. Man sorgt sich, dass Deutschland wegen der Abstinenz im Krieg gegen Gaddafi von den künftigen Machthabern bei der Ölverteilung übergangen werden könnte.

Bei den Grünen ist Friedenspolitik auf Kurzinterventionen von Christian Ströbele geschrumpft. Prowestliche Linke ziehen in jeden Krieg des Westens. Nicht bedingungslos, die Propaganda muss ihnen versprechen, dass irgendwem »Zivilisation« gebracht werden soll. Dann rufen Antideutsche sogar nach jenem deutschen Militär, das sie in der Traditionen der Wehrmacht einordnen. Die Partei »Die Linke« beantragt noch in alter Friedenstradition, aber ohne Resonanz, den Abzug deutscher Truppen und die Begrenzung der Rüstungsexporte. Bei ihr setzt sich zunehmend durch, dass Kriege dann erlaubt sind, wenn die Uno, in der Despotien in der Mehrheit sind, die Freigabe erteilt. Die Friedensaktionen sind immer häufiger von Ressentiments gegen Amerika und Israel geprägt. Auf Demonstrationen schallt es aus Lautsprechern: »Wir sind alle Hizbollah!«; vorneweg »linke« Abgeordnete.

Bisweilen verschwimmt die Grenze zwischen Friedensaktivisten und Rechtsextremen. Abgeordnete der Linkspartei projizieren ihren antisemitischen Wahn auf totalitäre Organisationen (Hamas, Hizbollah), sofern die nur versichern, Juden vernichten zu wollen. Ein »Bremer Friedensforum« stellte sich – wie früher die SA – mit Schildern vor dem Bauch »Boykottiert israelische Früchte« vor Läden, in denen es jüdische Avocados entdeckt hatte. Nicht nur Christen pflegen »schmierige Frieden«. Die Junge Welt hat »Das Kapital« gegen »Die Protokolle der Weisen von Zion« ausgetauscht. Wussten Sie schon? Hinter den Angriffen auf Muslime in den USA soll sich ein gewisser »Eric Cantor« verbergen! – Was? Den kennen Sie nicht? Das ist doch »der ranghöchste Jude im Kongress und ein führender Vertreter der Pro-Israel-Lobby!« Der Aufstand im Iran für mehr Freiheiten wurde abgefertigt als »konterrevolutionäre Revanche an der islamischen Revolution (…) der Volksklassen«. Der KBW sprach in den siebziger Jahren von »Volksmassen«, als er die Nähe zur Mörderkolonne von Pol Pot suchte.

Dass fast nur noch der Papst und der antisemitische Sumpf im Namen des Friedens unterwegs sind, ist tragisch. Die Sklavenarbeiter in den Minen in den armen Ländern und die Bauern, die von ihrem Land vertrieben werden, damit die reichen Länder mit strategischen Rohstoffen für ihre High-Tech-Industrie versorgt werden und die Böden für den Bedarf an Energie- und Nahrungspflanzen nutzen können, verdienen Unterstützung durch antimilitaristische und antikapitalistische Kämpfe im »Norden« – ebenso Rebellen im arabischen Raum, die sich nicht vom antisemitischen Religionsterror vereinnahmen lassen.

Zweitens ist die Wiederkehr hegemonialer Schlachten evident. Die Konkurrenz der alten und neureichen Imperien (vor allem China) um Mineralien und Böden auf der Welt spitzt sich wegen des siechenden Öls, der klimabedingten Verwüstungen und der Krisen zu, Russland setzt seine Flaggen auf den Grund der Nordmeere, China platzt ökonomisch und militärisch aus den Nähten und beansprucht immer mehr Territorium, andere asiatische Staaten bitten die USA um Schutz, die USA beanspruchen die Führung im asiatisch-pazifischen Raum und kündigen die Aufstockung ihrer Militärpräsenz in Asien an, Europa schwankt zwischen der Bildung eines neuen Machtkerns und dem Zerfall in die Kleinstaaterei.

Kriege wird es geben, solange der Kapitalismus existiert, weil er expandieren muss, sich Märkte, Rohstoffe und fremden Mehrwert aneignen, Investitionen, Transportwege und Sklavenarbeit militärisch sichern muss. Wer das begreift, wird die Worte des Bischofs auf einer Friedenskundgebung: »Lasst bitte keinen Zweifel daran, dass ihr als Friedensbewegung wirklich den Krieg bekämpft und nichts und niemanden sonst« als Aufforderung zum permanenten Krieg verstehen. Man muss mit Dogmatikern der Gewaltfreiheit auskommen, auch wenn sie den Frieden stören – weiter kommt man mit Kurt Hiller, dem Gründer der Gruppe »Revolutionärer Pazifismus«, der nach dem Ersten Weltkrieg erläuterte: »Gewaltloser Pazifismus ist gut als Beschreibung eines Endzielzustandes, als visionäre, eschatologische Malerei, nicht als Anleitung zum Handeln morgen früh.« Morgen früh geht es um die Entehrung und Beseitigung des Krieges und seiner patriotischen, völkischen, ökonomischen und männlichen Wurzeln.