Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Samstag, 28. April 2012

Michael Stein - Es gibt keine falsche Note

Vorbemerkung von agit: Nächste Woche ist mal wieder Mai-Demo. Michael, wir werden den Zwang zur Lohnarbeit verfluchen und dabei auch an Dich denken.  Dein Todestag jährt sich diesen Oktober zum 5. Mal. Vielen Dank für die Abende mit Dir!

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Quelle: Jungle World Nr. 49, 6. Dezember 2007

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Am 24. Oktober starb Michael Stein an Krebs. Er war Drucker, Kommunist, Saxo­phonist, Journalist, Bassist, Schriftsteller, ­Kabarettist, Situationist, Agitator und ­Budd­hist – alles nacheinander und gleichzeitig zugleich. Er verfluchte den Zwang zur Lohnarbeit, Mahnbescheide und Haftbefehle: Nachrichten aus der Scheinwelt. ­Michael Stein beeinflusste so unterschiedliche Künstler wie Wiglaf Droste und Judith Hermann; die Berliner Lesebühnen prägte er von Beginn an. Er wurde 55 Jahre alt. Das Dossier besorgte Bov Bjerg.


Stein – was
Über den Verweigerer jeder Konvention.

»Stein – was« stand immer auf dem Ablaufplan der Reformbühne, als letzter Beitrag vor der Pause. »Stein – was«, das reflektierte, dass wir im Grunde genommen niemals wussten, was Michael machen würde – einen Text, ein Lied, eine Hassrede oder ein organisiertes Schweigen. Aber etwas würde er machen.

Jeder schien Stein zu kennen. Jeder schien eine oder zwei »Michael-Stein-und-ich«-Geschichten zu haben, wie um sich zu vergewissern. Stets blieb das Gefühl, ihn überhaupt nicht zu kennen. War das, was er sagte, nur ein Spiel mit der Rea­lität, oder war sein Spiel mit der Realität seine wahre Meinung?

Er war der konsequenteste Mensch, den ich kannte. Sein Weg war die Verweigerung jeglicher Konvention. Wenn er eine tolerante Freundin hatte, suchte er Sex mit Männern. Wenn er irgendwo unter allen Umständen willkommen war, unternahm er alles, dort ein Lokalverbot gegen sich zu erwirken, wobei wiederum ein sol­ches Verbot die sicherste Garantie dafür war, ihn regelmäßig in eben diesem Lokal anzutreffen. Als es bei der taz gut für ihn lief, provozierte er seinen Rausschmiss. Als es beim Benno-Ohnesorg-Theater gut für ihn lief, provozierte er seinen Rausschmiss. Als es bei den Vorlesebühnen gut für ihn lief, hörte er auf, Texte zu schreiben. Als es mit dem freien Vortrag gut lief, versuchte er, rassistische und sexistische Versatzstücke vorzutragen. Als diese ihm nicht geglaubt wurden, versuchte er, das Schweigen auf die Bühne zu bringen. An den Lesebühnen ist er gewissermaßen gescheitert. Denn trotz wütender Meinungsäußerungen des Publikums, obwohl wir manchmal überhaupt nicht mit seinem Beitrag einverstanden waren, stand es doch niemals ernsthaft zur Debatte, Michael hinauszuwerfen. Zum einen war das fast unmög­lich, denn was sollten die Kriterien für einen solchen Rauswurf sein? Zum anderen wuss­ten wir immer, dass Michael trotz seines Widerwillens immer einer unserer Besten war. Einmal hatte ich ein Lied vorbereitet, und Michael bot an, mich auf der Gitarre zu begleiten. Ohne zu üben, nahm er die Gitarre und begleitete mich wie ein alter Profi. An einem mäßigen Tag konnte Stein immer noch den besten Text des Abends machen. Wenn einer seiner Auftritte schlimm ankam, steckte dahinter viel mehr Mühe als hin­ter einem bejubelten Beitrag.

Es war sein Spiel, er betrieb es ohne Kompromisse, die er so hasste. Er wollte seinen Weg gehen und wollte dafür keine Anerkennung, aber er wollte auch nicht dabei gestört werden. Lieber ging er ins Gefängnis, als gegenüber den Äm­tern seine bescheidenen Einkommensverhältnisse offen zu legen. Niemals hätte ich geglaubt, dass er bereit sei, diese Konsequenz mit seinem Leben zu bezahlen.
Als das Amt von ihm einen Arztbescheid for­der­te, bat er um ein vorsorgliches Lungenröntgen. Er hatte sich mit den verschiedensten Men­schen die verschiedensten Zigaretten ­geteilt und wollte ausschließen, an Tuberkulose erkrankt zu sein, jetzt, wo er mit einer Frau und seiner neugeborenen, zweiten Tochter zusammenlebte. Es war wie in dem alten Witz: Der Arzt hatte eine gute und eine schlechte Nach­richt für ihn. Die gute war, dass er kein Tbc hatte. Die schlechte, dass es wie Lungenkrebs aussah. Aber, so sagten sie ihm mit frohlockenden Stimmen, »Sie haben unglaubliches Glück! Ihr Krebs ist absolut operabel, seien Sie froh, dass er zufällig entdeckt worden ist, in einem Jahr könnten Sie schon daran gestorben sein!«

War es die absolute Sicherheit, die Einhelligkeit von jedermanns Meinung, der soziale Druck, der so entstanden war? War es die schein­bare Gnade der scheinbaren Staatsärzte – »Wir können Ihnen Leben schenken«? Oder war es anfangs nur die Angst vor einer Operation an der Lunge – es wäre ja nicht die erste gewesen? Oder war zuerst die Angst, und die entwickelte sich dann zu einer Haltung? Es wäre sinnlos gewesen, ihn das zu fragen. Irgendetwas hätte er mir bestimmt geantwortet, aber nichts, das mir weitergeholfen hätte.

Was hätten wir tun, was hätte ich sagen können, damit seine Entscheidung anders gefallen wäre? War es besser, ihm drastisch klarzumachen, welches Wagnis er da eingeht, oder hätte ich ihn warnen sollen vor der Operation? War es vernünftig, an seine Vernunft und Verantwor­tung, wenn schon nicht sich, so doch seiner Frau und seinen Kindern gegenüber zu appellieren, oder hätte ich eine Zeitungsmeldung lancieren können, dass allen Lungenoperierten die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird? Wäre es vielleicht am besten gewesen, Mi­chael die Operation offiziell zu verbieten, mit einem staatlichen Beschluss, damit er alles dafür hätte unternehmen können, sie zu bekommen? An dem Versuch, Michael voraus zu sein, waren schon ganz andere gescheitert, Dutzende Mitarbeiter verschiedener Ämter, Behörden und Staatsgewalten könnten davon Zeugnis ablegen. Ich, der Psychiater, sein Psychiater, wie er mich gern nannte, in völliger Unklarheit über seine geistige Verfassung, rätselnd über seine Motive und Beweggründe. Wenigstens bin ich mir ziemlich sicher, dass ihn das einiger­maßen erfreut hätte.

Wie muss Michael zeitlebens mit sich gekämpft haben. Am Ende seines Lebens wurde das deutlich, als er sich einerseits mit moderns­ten Apparaten immer wieder das Fortschreiten seiner Krankheit anzeigen ließ, andererseits die Konsequenz dieser modernen Diagnostik ver­weigerte. Als er sich immer wieder neue, noch merkwürdigere Heilmethoden suchte, ohne jemals an eine dieser Methoden glauben zu können. Als er eine Vorsorgeuntersuchung machte, um den Tod in Kauf zu nehmen. Als er sich der Schulmedizin verweigerte, um das Ende seines Lebens im schlimmsten Alptraum zu verbringen, den die Schulmedizin bereithält.

Es kann sein, dass Stein lange geglaubt hat, den Tod austricksen zu können. Er hat immer alle ausgetrickst: die Polizei, die BVG, das Arbeitsamt, die Frauen und die Männer. Immer hat er es geschafft. Wie sollte er darauf kommen, dass sich dieser Gegner so unflexibel, so vollkommen ohne Humor, so gänzlich unerschütterlich zeigen würde?

»Stein – was« wird nie mehr auf unserem Zettel stehen. Obwohl es immer unwahrscheinlich war, dass er länger als ich leben würde, war ich unausgesprochen davon überzeugt, dass er bei meiner Beerdigung sprechen und die ganze Veranstaltung mit antisemitischen Sottisen auflockern würde. Schließlich hatte er vor acht Jahren für meine Hochzeitszeitung einen seiner letzten Texte geschrieben. Er schrieb da­rüber, wie wir uns einst kennen gelernt hätten in einem Gebüsch im Tiergarten. »Keck reckte sich mir dein Hintern entgegen« oder so ähnlich. Die Verlockung, die Reaktion der versammelten Großmütter zu sehen, war offensichtlich zu groß. Auf seinen Lippen spielte dabei dieses Lächeln. Spöttisch, herausfordernd, unsicher. In dieser Mischung konnte man einen Hauch von echter Freude entdecken.

Jakob Hein



Frühere Jahre

Über den Musiker

Wer Erinnerungen an Stein zusammenträgt, schreibt auch über sich selbst. Ich komme da nicht drumherum.

Ende der siebziger Jahre war ich ein schüchter­ner Spätstudent und Angehöriger einer Sponti-Musikgruppe namens Trotz & Träume, die aus drei bis fünf Typen bestand, die ihre Instrumen­te knapp beherrschten und jede Menge Lieder zum Überwachungsstaat, zur Terroristenhatz, zum Bi-Sein und Sex oder Liebe verfassten. Als wir Aufnahmen machen wollten, suchten wir Verstärkung.
Die Rockband Pille Palle und die Ötterpötter arbeitete im gleichen Umfeld, das man damals schon anfing, »alternativ« zu nennen, und aus diesem stießen der Trompeter Burkhard, seine Geige spielende Freundin Christiane und der Bassist und Saxophonist Michael Stein zu uns. Wir liehen uns Geld (Vorform von Sponsoring), probten zehn Tage im alternativen Landgasthaus Gems am Bodensee, gaben dort ein gefeiertes Konzert und nahmen dann am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg 36 die geübten Stücke auf: desas­trös schlecht, weil ohne jede Ahnung von der Technik, mit der wir umgingen.

Keiner sagte damals »Stein« zu Stein, wir nann­ten ihn »Micha« und sprachen, ehe wir ihn besser kannten, über ihn als den »Drucker« – er hatte den Ruf eines gewerkschaftlich verwurzelten Kommunisten. Westberliner Kommunist und Arbeiter – das war schon etwas Besonderes. Micha war bei der Arbeit mit uns zurückhaltend und entwarf die schönsten Arrangements. Nichts spielte er glänzend, alles verlässlich gut. Er moch­te unsere Art zu erzählen, ließ aber durchblicken, er selbst schreibe noch ganz andere Stücke, die zeigte er uns damals nicht. Ich erin­nere mich, wie er auf der Bühne der Gems in dem Chaos der Individualisten sich mit seinem Bass in den Rhythmus einwiegte, den wir übernehmen sollten, ein Fels in der Brandung, bis alle es hatten, und wie Christiane, die Geigerin, mich anstieß und seufzte: »Er hält das alles zusammen …«  Kurz darauf waren sie ein Paar.
Ich habe den Stein jener Zeit als freundlichen Praktiker in Erinnerung. Weltveränderungs-Praktiker. Tatsächlich, aus seinen Jackentaschen schauten oft mehrere Kulis. Er warf uns dann und wann Bohemefaulheit vor, und dass er von der Arbeit hergekommen war (oder vom Handwerk, Maschinen-Werk), spielte eine Rolle für ihn und uns.

Genauso wichtig war aber sein Opa, der ihm die musikalischen Freiräume finanzierte – er er­zählte es grinsend und dankbar. Ich weiß, wie begeistert er auf dem Konzert im Max und Moritz war, das wir zum Erscheinen der Platte gaben, und wie skeptisch er mich anschaute, als ich sagte, ab jetzt würde ich meine Doktorarbeit schreiben. Wir waren Ende Zwanzig, und man entscheidet sich, ohne es zu ahnen, für einen der paar möglichen Wege.

Einfach, indem man ihn geht.

Unsere Wege kreuzten sich Anfang der achtziger Jahre wieder, als meine erste LP bei CBS erschienen war. Micha begutachtete mich spöttisch in einem Biergarten in der Nähe des Hermannplatzes, und seine Miene hellte sich auf, als ich erzählte, ein ganzes Zelt Alternativer hätte mich auf dem taz-Fest gerade ausgebuht, weil ich in einem Lied eine junge Frau mit Sol­da­ten übers Ficken hatte plaudern lassen. Er lach­te, und (ich glaube) er sagte: »Die Fotzen«. Jeden­falls stellten wir fest, dass wir ein bestimmtes auferlegtes Pflichtgefühl los waren und etwas freier in der Welt.
Seit ich in der Großbeerenstraße wohnte, kam Micha manchmal vor der Probe im Mehringhof zu mir zum Tee. Im Frühjahr 1984 bot mir die große CBS (kurz »die Firma«) an, eine Tour mit Band zu machen, ich kannte eine Schlagzeu­gerin und bat Micha für alles weitere um Rat. Wir waren dann eine Drei-Mann-Truppe mit Frau am Schlagzeug und einem Techniker, der das Ganze mit viel Hall versah.

Drei Wochen Proben, sechs Wochen touren. Gründlich durchsumpfte Nächte, systematischer Schlafentzug, konsequente Einnahme an- und abturnender Mittel. Durch Universitätsstädte, immer kurz hinter der erfolgreichen Ina Deter her, mal vor 18, mal vor 200 Leuten. War ein anderer Stein, der sich da mit Tom-Waits-Kasset­ten vollaufen ließ, Frauen mitnahm und in Philosophierlaune kam. Wie ein Glimmfeuer, das einen Funken braucht. Sein bleiches Stoppelbartgesicht beim späten Frühstück, gespielter Wutausbruch an der Rezeption, dies große Lachen, eine Nachtfahrt von Mannheim nach Wilhelmshaven, wo er fuhr, ich ihn wachhielt, wir über sowas wie die Aushebelung von Ordnung und Hitze in der Kälte redeten. So, fand ich, spielte er auch Saxophon: reißerisch schräg, heiß im Kalten. An einem Punkt im Konzert ging er jedesmal ans Gesangsmikro, ich mimte Synthibass, Frank Augustin klimperte Jazzklavier, Anja Kießling ließ die Besen tanzen, und Stein sang: »Picknick-Time«, die gegroovte Geschichte eines Schrebergartenmörders, der von seinem Blut­bad nur den schönen Sohn der Familie ausnimmt, jetzt sein Lustwerkzeug, »und wenn ich ihn einmal nicht mehr mag, wird auch er mein Geheimnis bleiben«. Zum Schluss geschrien, in den erschreckten Jubel des Publikums sagte ich meist: »Nach diesem Stück von Bettina Wegner, das Michael Stein gerade gesungen hat … «

Natürlich war die Rede von einer nächsten Platte, und Michas Skepsis gegenüber der Firma war groß. Klar war auch, dass die Profimusiker von Spliff, mit denen ich vorher gearbeitet hatte, diese Tourband nicht ernst nahmen. So wie sie Ton Steine Scherben nicht ernst nahmen. Mit denen hatten wir unterwegs einen Off-Tag in Braunschweig verbracht, Claudia Roth hatte das Hotel gebucht, Rio hatte gegen Morgen thea­tralisch den Portier geohrfeigt, sich entschuldigt, trotzdem war Polizei aufgelaufen, und ich hatte irgendwie zu schlichten versucht. Micha kicherte: »Wie zwei Räuberhäuptlinge.« Rio trennte sich von den Scherben, und mir sagte man: Du hast einen Rockpalast-Auftritt, verscherz’ den nicht.

Es folgt ein Abschnitt, über dessen Verlauf und Wertung sich Stein und ich nie geeinigt haben. Er fand mich zutiefst opportunistisch, ich fand ihn feige. Jedenfalls kam er nicht zu den Probeaufnahmen ins Spliff-Studio, für die ich gebaggert hatte, und dann gab es die Tourband nicht mehr. Es blieb aber ein Text auf meiner LP »Viel zu schön«, der war eigentlich eine Widmung für Micha auf ein Gitarrenriff, das er mir mal gab. Als wir so im Krach auseinanderkamen, machte ich stattdessen eine eigene Melodie, ich wollte stolz sein und nahm das Lied damit auf.
Ich sah ihn erst wieder nach dem Mauerfall, als Kompagnon von Wiglaf Droste, über Regale stürmende Ostler spottend. An jenem Abend im »SO 36« sprach ich ihn noch nicht an, aber bald war die Schranke auf. Spätestens 1994 bei Sarah Schmidts und Frank Augustins Salon Pröppke war nur Freude, uns wiederzusehen, als Notizen­macher, Überlebende der hohlen Kulisse Alternativkultur, die zu Staatsehren drängte, als Wei­termacher. Keine Verträge mehr, keine Ansprüche. Im März 1995 veranstalteten wir unseren einzigen gemeinsamen Abend: »Maurenbrecher und Stein – zwei alte Säcke des Showbizz erinnern sich«, Roter Salon der Volksbühne. Ich habe den Flyer noch, aber nicht das Programm, weiß, dass wir spät anfingen, dass Steins neue Clique dabei war, mit Judith Hermann, Peter Heinze, dieser Clan, der meine Phantasie reizte.

Wir blieben uns nachher nah und fremd. Sahen uns häufig, unternahmen nichts Größeres mehr miteinander. Planten es manchmal.

Guckten uns manchmal an in der Reformbühne, Stein und ich, und er rief mir z. B. bei einem Text von Ahne, wenn ich erstaunt die Augen hob, begeistert zu: »Ja, der lebt auch in seiner eigenen Welt!«

Manche Parallelwelten sind sich so nah.

Manfred Maurenbrecher

»Eigentlich hat mir die Arbeit Spaß gemacht«

Ein Gespräch mit Michael Stein (Sommer 2007)

Warst du jetzt mal wieder bei der Reformbühne oder den Surfpoeten?
Nein. Eine Zeit lang dachte ich, mir fehlt das mit den Auftritten. Ich bin ja dann auch noch eigentlich relativ häufig aufgetreten bis vor zwei Monaten. Nein, das ist erst mal ganz weg.

Ist es zu anstrengend?
Nein, das ist jetzt einfach alles aus dem Mittelpunkt gerückt. Auch das Erzählen. Ich hab’ das ja auch damals thematisiert auf der Bühne mit meiner Diagnose und hab’ auch noch zwei Film­chen gemacht, auch auf der Straße, zum Thema Gesundheit und so weiter. Ich hab’ dann aber auch, was ich schon früher teilweise problematisch fand, alles, was ich tue, immer beobachtet unter: »Wie kann ich’s verwursten?« Ein ständiges Objektivieren. Also, es macht mir zwar Spaß, aber nicht unter dem Druck.
Ich habe immer erzählt, was mir passiert. Auch gezielt passiert. Das ganze Affentheater mit den Kontrolleuren. Das macht zwar Spaß, aber eigentlich ist es kindisch. Nach zehn Mal weißt du, wie der Hase läuft.
Es gibt einige Sachen, bei denen ich mich gefragt habe, wozu ich die eigentlich mache. Eigent­lich nur durch die Erkrankung. Einfach, weil ich grundsätzlicher noch mal nachdenke. Zum Beispiel, was gewesen wäre, wenn ich mich gleich hätte operieren lassen und alles wäre total glatt gelaufen, was zwar unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir’s mal an. Ich hätte mit Sicherheit wieder angefangen zu rauchen und schön weiter gesoffen, weil es eben auch Spaß macht.
Ich will jetzt nicht die Diagnose nutzen, um mich selbst zu erziehen, aber es hat natürlich diesen Charakter: dass ich einfach anders noch mal über alles mögliche nachdenke, also auch über das Auftreten. Und über den Anspruch, den ich eigentlich hatte, nämlich wahrhaftig zu sein. Was ja so nie ganz stimmt auf der Bühne, weil du dann doch immer auf ’ne Pointe aus bist. Wenn ich das gemerkt habe, dann habe ich das destruktiv gewendet und ganz gezielt auf alles verzichtet. Also nicht erst nach der Diagno­se, sondern schon vorher. Schreiben ohne Pointe eben.
Aber – wozu jetzt? Wozu stellste dich auf die Bühne, um das zu machen? Oder über den Tod zu erzählen, was ich häufig gemacht habe, als ich in diesem Hospizverein war. In dieser Weise die gute Laune verderben – warum eigentlich? Mein Ziel war ja nie, schlechte Laune zu schaffen, auch wenn das hin und wieder passiert ist. Ich habe mich schon besser gefühlt, wenn ich das thematisch trotzdem so aufbereiten konnte, dass es goutiert werden konnte. Und da gehört dann eine Pointe schon dazu.
Ich kenn’ das ja auch, wenn man sich so in Rage redet. Es ist dann eben alles komisch. Es hat mir durchaus große Freude bereitet, aber dann hatte ich eben oft auch einen Widerwillen dagegen. Ich hab’ das erlebt, als wir mit Wiglaf und Max Goldt unterwegs waren, und die Leute, als Max Goldt auf die Bühne kam, nur deshalb schon gelacht haben. Er hat sich hingesetzt, hat »Guten Abend!« gesagt, und die Leute haben gelacht. Da kann jetzt Max Goldt nichts dafür.

Dann will man nur noch mit dem Hammer rein, oder?
Jedenfalls in dem letzten halben Jahr … Ich hab’ mich nicht wirklich entfernt, ich denke auch immer wieder nach, was ich jetzt doch noch für die Bühne machen könnte, aber vielleicht ohne selber bei der Vorstellung zu sein. Zum Beispiel mit dem Film. Robert Weber hat ja auch früher öfters Filme gemacht. Aber es ist eben sehr aufwändig.
In erster Linie bin ich jetzt dabei herauszukrie­gen, was wahr ist. Das klingt sehr albern, aber es ist wirklich so. Was wahr ist mit meiner Diag­nose und wie ich damit umgehe, aber auch was wahr ist im Leben. Also wie ich das alles sehe: meinen Konflikt mit dem Arbeitsamt, mei­nen Konflikt mit den Kontrolleuren, und was daran für mich einfach nur völlig eingefahren ist.

Eingefahren?
Zum Beispiel klare Feindbilder, die ich natürlich auch immer wieder hinterfrage. Oder auch bei den Kontrolleuren in der Situation selber, wo das gar keine Feindschaft ist, wo die zum Teil sogar selber lustig drauf reagiert haben. Aber eben all das, was ich tue, und was ich öffentlich auf der Bühne tue, und wie ich mit meinen Frauen umgegangen bin. So wie man eben denkt, wenn man kurz vorm Tod steht. Es ist ja wirklich so. Es ist auf jeden Fall nicht auszuschließen. Und da steht eben das Auftreten nicht vorne, sondern … – »Sondern?« Na ja, mal kieken.
Es ist ähnlich wie damals mit dem Schreiben, dass es mich nicht mehr interessiert. Und ir­gend­wann war es so, dass es gar nicht darum geht, dass es mich nicht mehr interessiert, sondern dass es einfach weg ist. Ich könnte es wahr­scheinlich auch gar nicht mehr. Ich müsste mich erst wieder richtig hinsetzen, um schreiben zu lernen. Und das kann mit dem Auftreten auch passieren. Ich hab das nun jahrelang gemacht, teilweise war es sehr gut, teilweise ist es völlig entglitten. Es kann auch sein, dass es völlig an Bedeutung verliert, dass ich irgendwann gar nicht mehr den Ehrgeiz habe, frei zu reden vor vielen Leuten. Ich hab’ früher immer die bewundert, die das konnten, so Leute wie Kapielski, als ich noch geschrieben habe, also nur geschrieben habe. Oder Höge eben mit seinen Bildervorträgen und so.
Jedenfalls war das für mich unerreichbar, weil man immer davon geprägt war, dass die Sache einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss hat und der Schluss eben immer sehr wichtig ist. Und beim Schreiben geht das ja, da hat man Zeit. Ich hätte mich das nie getraut. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst vorgenommen hab’: »So, ich will das jetzt auch können!« Es kam dann so, weil ich nicht mehr geschrieben habe, und dann fiel mir auch ein, dass das ja das ist, was Kapielski macht oder was Höge macht.

War das von Anfang an bei der Reformbühne so?
Dass ich frei geredet habe? Nein, die Gedanken waren schon noch geschrieben, aber handschrift­lich. Und dann wurden es immer mehr nur noch Notizen. Das hat sich immer mehr verschoben. Irgendwann hatte ich dann nur noch Worte notiert, damit ich überhaupt weiß, was ich erzählen will.

Und die Suche nach der Wahrheit – eher­ medi­tativ?
Ja, eigentlich schon. Man kann nicht wirklich er­zählen, was eine Situation ausmacht. Also, ich kann’s jedenfalls nicht. Das Komplexe, ich dachte, das könnte man am besten im Film darstellen, wenn man eine Stimme erzählen lässt, und gleichzeitig den Dialog. Oder wie Arno Schmidt das gemacht hat, mit den verschiedensten Ebenen: eine Klammer setzen und Klammer in Klammer. Das, was die Leute sagen, und das, was sie dazu denken. Und das, was der Autor da­zu denkt, noch mal in Klammern. Also so eine komplexe Art. Aber so schreibe ich ja nicht. Ich hab’ mich immer eher journalistisch orientiert. Wo mir das eben auffiel, dass man eine Situation nicht wirklich darstellen kann. Dass das eigentlich nur geht, wenn du einen ganz bestimmten Blick, also so ’ne Art Tunnelblick hast und reingehst in die Situation und dann alles andere aus­schaltest, also nur die Reaktion auf dich wahrnimmst. Am besten so wie Hunter Somsn das gemacht hat. Selber die Geschichten erleben, die man schreibt.

Wer?
Hunter S. Thompson. »Angst und Schrecken in Las Vegas« ist von dem. Dass du selber die Si­tua­tion schaffst, über die du dann schreibst.
Nach ’ner Tour saßen Wiglaf und ich in ’ner Pension, bei viel Alkohol. Und dann musste eben auch Wiglaf das eingestehen, dass es so willkürlich ist, über wen man jetzt herzieht und wie schlecht man einen macht. Dass das eigentlich keinen wirklichen Wert hat. Auch wenn man auf der Bühne dabei ganz wichtig guckt, so kritisch. Also Wiglaf macht das ja auch ganz gern. Jetzt hat er einen am Wickel, und da muss man was dazu sagen. Belanglos. Also, hm. Jein.

Er hat im Laufe der Jahre versucht, das zu relativieren, indem er wenigstens zwei Angriffen auch immer eine Liebeserklärung hinterhersetzt, an Peter Hacks oder Johnny Cash … Du machst das alles nicht schreibend, sondern denkend.
Ich könnte es nicht mal notieren. Hin und wieder erzähl’ ich mal was darüber. Wenn ich mit Maja spreche. Oder mit Robert Weber. Aber es ist eben nichts für die Bühne. Es würde nicht funk­tionieren. Man könnte es schon für die Büh­ne machen, wenn man richtig dran arbeitet und dann sagt: Gut, bei aller Relativierung, es ist jetzt auch wieder nur ein Ausschnitt von der Wirklichkeit, aber eben ein sehr kompakter Ausschnitt. So könnte man’s schon machen. Aber das ist nichts, was man schaffen kann, wenn man … – in einem Wochentakt zum Beispiel würde es gar nicht gehen. Als wir das Benno-Ohnesorg-Theater gemacht haben, das war ja im Monatstakt, also selbst das war schon schwierig. Obwohl ich diesen Anspruch gar nicht verwirklichen konnte und auch nicht wollte, es aber immer wieder versucht hab’, trotzdem. Es waren auch viel längere Texte als jetzt bei den Lesebühnen, keine fünf Minuten oder so. Ich hab’ also jedenfalls damals schon teilweise ziemliche Latten geschrie­ben, ’ne Viertelstunde.
Ich finde es sowieso erstaunlich, dass die Leute überhaupt durchhalten, anderthalb Stunden oder länger, einen Text nach dem anderen. Ich könnte mich an nichts mehr erinnern danach.

Ich glaube, es bleibt relativ viel hängen. Gerade bei dir. Ein Gedanke oder eine Formulierung. Oder auch so eine Art Spirit, die Dinge mal in einer bestimmten Perspektive zu sehen.
Ich glaube, dass das nachgelassen hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht mehr die Kraft gehabt habe auf der Bühne oder auch kon­zept­leer war. Oder dass insgesamt der Anspruch zurückgetreten ist, mit dem Publikum mehr zusammen zu machen. Es gab ja zu Anfang noch den Fotzenblock, als wir im Schokoladen waren zum Beispiel, wo man ein paar Mal vor irgendwelchen Demos war, wo dann an die hundert Leute gekommen sind. Was jetzt immer noch so ein bisschen ist bei dieser 2.-Mai-Demo, die ja daran anknüpft. Oder diese Verbindung, wo wir eben Publikumsspiele gemacht haben. Der Problemlaster zum Beispiel, wo die dann Zettel abgeben konnten mit ihren Problemen, und wir haben die dann spontan auf der Bühne gelöst. Diese Sachen sind ein biss­chen weg.
Eine Zeit lang sind die Leute immer wieder gekommen. Die waren dann auch bei einer Demo mit oder sonstwie. Da musstest du nicht jedes Mal neu etwas erläutern, wenn du eine zusammenhängende Geschichte über mehrere Folgen gemacht hast. Das ist jetzt weg.

Vielleicht hat es auch mit der Größe zu tun: dass man sich als Zuschauer nicht mehr als Teil dieser kleinen Sekte versteht, sondern die Distanz zu denen auf der Bühne wächst.
Das kann schon sein. Im Mudd Club hat es sich ja noch eine Zeit lang hingezogen. Es kann schon sein, dass auf Dauer die Größe … Das müsste man mal analysieren.
Das Gespräch mäandert. Es geht jetzt um die Un­ter­schiede der verschiedenen Lesebühnen, um Michael Steins Anfänge bei der Höhnenden Wochenschau, sei­ne Arbeiten fürs Radio, um Krebs und andere Krankheiten – gekürzt, gekürzt, gekürzt – und landet schließ­lich bei Improvisation, Buddhismus und Lohnarbeit.

Auf Stephen Nachmanovitch (1) kam ich im Jahr 2003. Und da kam ich dann auch auf Thich Nath Hanh (2).
Und der erzählt die Geschichte des Improvisa­tions­theaters?

Es geht gar nicht um Theater, es geht um Improvisation. Improvisation in Leben und Kunst. Ausgangspunkt ist die künstlerische Improvisation. Er ist Geiger. Und er fängt eben an mit der Frage: Was inspiriert uns? Wo sind die Blockaden? Wo tritt die Angst ein? Er erweitert auch den Begriff der Kunst. Das alles gilt auch für die Kunst des Lehrens, oder wenn man ein Auto repariert oder wenn jemand ein Arzt ist.
Das ist ja großartig. (lacht und liest) »Hab’ keine Angst vor Fehlern. Es gibt keine.« Ich kenn’ das noch ein bisschen anders von Miles Davis: »Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast.« (3)
Für einen Freund von mir ist das Leben langes Sitzen und Meditieren. Für andere Zen-Buddhis­ten ist Arbeit eben die Meditation, da gibt’s die verschiedensten Entfaltungen. (lacht)

Bei Nachmanovitch musste ich an die Arbeits­debatte denken. Er sagt auch, dass dieser ganze Dualismus Quatsch ist: »Wir machen dies jetzt, um dann die Früchte zu haben.« Genauso in der Kunst: dass man die Kunst betreibt, um dann ein Ergebnis zu erzielen.
Das ist der Punkt. Aber das kriegst du in einer Gesellschaft, wo Lohnarbeit ist, fast nicht weg­gedacht. Aber trotzdem, ich finde das Gedicht gegen die Arbeit mittlerweile erweiterungsbedürftig. Was heißt mittlerweile, seit langem eigentlich.
Ich hab’ das ja oft noch kommentiert, ehe wir das gemacht haben. Also, es ist zwar okay so und gut so, und man sollte es auch gegen (unverständlich) vertreten. Aber eigentlich ist es Schwachsinn. Alles ist ein Fluch der Menschheit. Das ist auch beliebig, weißt du? Geld ist Fluch der Menschheit, Geißel der Menschheit, Krankheit ist eine Geißel der Menschheit (lacht), Ehe ist ’ne Geißel der Menschheit.
Ich weiß noch, wenn ich arbeiten gegangen bin, dann hat das mir auch immer Freude bereitet. In dem Gebet gegen die Arbeit ist ein biss­chen doppelte Moral, weil ich durchaus gern zwischendurch immer wieder in der Druckerei gearbeitet habe. Und mit dem Druckerberuf, das ging ja noch alles in den Siebzigern. Du konn­test ja einfach deinen Beruf aussuchen! Das ist heute unvorstellbar. Ich hab’ noch mit Freude gemacht, was ich gemacht habe, obwohl ich Klassenkampf gemacht habe zeitig. Aber eigentlich hat mir die Arbeit Spaß gemacht.
Trotzdem ist die weitergehende Unterscheidung auch existent. Es gibt zu viele sinnlose Produkte. Das ist vielleicht sogar befriedigend für die Leute, die das machen. Das kann man sogar einräumen, dann haben sie wenigstens was zu tun und kommen nicht auf dumme Gedanken oder so, aber es ist eben sinnlos. Be­stimm­te Produkte, die ich als Drucker auch gedruckt habe, wo ich dann dachte: »Das geht eigentlich nicht. Das müsste man sofort wieder wegschmeißen.« Wir haben ganz viele Prospekte gedruckt. Vierfarbige, richtig aufwändige Teile, wo schon von vornherein klar war: Zehn Prozent werden überhaupt, ach, keine Ahnung … Das hätte man gleich für den Müll …

Was ist denn dann mit uns, wenn wir einen Text schreiben, ein Bild malen? Wir verlangen ja auch Eintritt von unserem Publikum.
In diesem Fall könnte ich es gar nicht mal sagen. Es ist leicht, wenn es ganz offensichtlich etwas Schädliches ist.

Interview: Dan Richter

Erfolg ist ein Gefängnis

Über Professionalität und Opportunismus.

Der Liebende lebt in der Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Liebesbeweise wecken Misstrauen. Liebe ist ein Gefängnis, weil sie dem Geliebten sagt, wer er sein soll. Der Künstler lebt in der Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Im Applaus sieht er schon die Steinigung. Erfolg ist ein Gefängnis.
Vor Publikum frei zu sein, erfordert Überzeugungen. Aber wann werden aus Überzeugungen Vorurteile? Wer ist sich treu und wer reaktionär? Was unterscheidet Professionalität von Opportunismus? Die gesellschaftlichen und per­sönlichen Umstände, unter denen die ersten Lesebühnen entstanden sind, existieren nicht mehr. Wir haben für uns gesprochen, mehr Werbung brauchten wir nicht. Die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum war aufgehoben. Inzwischen sitzt im Publikum das Establishment von morgen, und die Opportunisten von heute stehen auf der Bühne. Der antikapitalistische Konsens der Nachwendezeit besteht nur noch als ironisches Zitat, als Kampf gegen Beck’s und den Milchkaffee.

Sind wir ein Kollektiv oder eine Interessengemeinschaft? Längst brauchen die Lesebühnen ihr Publikum und nicht umgekehrt. Aber der Künstler muss seinen Ruf zerstören, alles andere ist Besitzstandswahrung. Wir werden alt. Wer sich erinnert, wie es war, provoziert die Jugend. Die Reaktion ist ihr Altersrassismus und unsere pädagogische Geduld. Aber anders als Möbel werden Kunstwerke nie unmodern. Bei Stein war Alter keine Größe, es gab nur das Jetzt und den Tod. Und er war nie dort, wohin ihm seine Nachahmer zu folgen glaubten.

Talent ist die Fähigkeit, in gesellschaftlich rele­vante Situationen zu geraten. Stein hat sein Leben in eine gesellschaftlich relevante Situation verwandelt, bis zur Aufgabe des Privaten. Die wenigsten kannten seine Adresse. Wie A­dor­no sagt: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.« Noch den Krebs hat er als Forschungsreise inszeniert. Das erste Mal, dass ich ihn privat erlebt habe, war bei seinem Begräbnis.

Jochen Schmidt

Anmerkungen:

(1) Stephen Nachmanovitch: US-amerikanischer Musiker, geb. 1950
(2) Thich Nath Hanh: vietnamesischer Zen-Buddhist, geb. 1926
(3) Das erwähnte Zitat von Miles Davis: »When you hit a wrong note, it’s the next note that makes it good or bad.«

Montag, 23. April 2012

Bini Adamczak: Hauptsache Nebenwiderspruch - Geschlechtliche Emanzipation und Russische Revolution

von Bini Adamczak

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Im Jahr 1968 veröffentlichte der Stuttgarter Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) ein Plakat mit dem Slogan »Alle reden vom Wetter. Wir nicht«. Schon dass das Motiv von der Deutschen Bahn geklaut war, die lediglich an Stelle der Elektrizitätsbewunderer Marx, Engels und Lenin eine elektrische Lokomotive abgebildet hatte, hätte misstrauisch machen können. Schließlich sollte die Deutsche Bahn bis in die Gegenwart nicht aufhören, über das Wetter zu sprechen, das sich deutschen Pünktlichkeitsnormen gegenüber taub zu stellen scheint. Als die Linke Liste der Universität Frankfurt im Jahr 2002 das Thema wieder aufgriff, kam sie der Wahrheit vermutlich näher. Ihr abgewandelter Slogan hieß »Alle reden vom Wetter. Wir tun was dagegen« und wurde illustriert von der Bauanleitung für eine utopische Wettermaschine. Auch Fragen zu Temperatur, Bewölkung oder Niederschlag spielen eine gewisse Rolle in der Politik und ihrer Geschichte, in der es eben nicht nur schlechte Kleidung gibt, sondern auch schlechtes Wetter. Das gilt auch für die Revolution. Über die deutsche von 1918 schrieb der konservative Antifaschist Sebastian Haffner in seiner Autobiographie »Geschichte eines Deutschen«: »Schon dass der Kriegsausbruch bei prächtigem Sonnenwetter und die Revolution bei nasskaltem Novembernebel vor sich ging, war ein schweres Handicap für die Revolution« – die dann ja auch bekanntlich misslang. Haffner bemerkte es bereits einen Monat später: »Das Schicksal der Revolution war im Grunde besiegelt, als am 24. Dezember die Arbeiter und Matrosen nach siegreicher Straßenschlacht vor dem Schloss sich zerstreuten und nach Hause gingen, um Weihnachten zu feiern.« Demgegenüber fand die Russische Revolution, die im Februar 1917 begann, bessere klimatische Bedingungen vor. Wie der Historiker Orlando Figes vermutet, brach sie wohl auch deswegen aus, weil sich wegen des guten Wetters so viele Menschen auf den Straßen befanden. (1) Schließlich waren es an diesem Tag in Petrograd frühlingshafte fünf Grad unter Null.

Missverständlichkeiten


Der sonnige Tag, an dem die Russische Revolution ihren Anfang nahm, war der 23. Februar 1917, nach westlichem Kalender der 8. März – der Internationale Frauentag. Während der Frauentag zuvor an unterschiedlichen Tagen begangen worden war, sollte er vier Jahre später endgültig auf das Datum des 8. März festgelegt werden, und zwar – auch wenn diese Tradition immer wieder unsichtbar gemacht wurde – genau aufgrund des Ereignisses der Russischen Revolution. Schließlich war es eine größere Anzahl jener Menschen, deren Geschlecht dieser Tag gewidmet ist, die zunächst für Gleichberechtigung demonstrierten, dann für Brot streikten, schließlich zum Stadtzentrum marschierten und »Weg mit dem Zaren« skandierten. Sie trugen Hosen, kurze Haare und immer öfter Gewehre. Einige Tage und Kämpfe später dankte der Zar ab. Wiederum einige Wochen oder Monate darauf traf die Nachricht davon in den Dörfern ein, in denen die absolute Mehrheit der russischen Bevölkerung lebte. Zunächst füllten sich die Kirchen mit weinenden Bauern, die nicht wussten, was nun aus ihnen werden sollte, nachdem ihnen ihr geliebter Zar, immerhin ein Gott auf Erden, genommen worden war. Kurz darauf, als auch die Landeshauptleute und die regionale Polizei entmachtet waren, dankten sie Gott für den Volkssieg und beteten für die neue Regierung. Dann enteigneten sie das Kirchenland, setzten die Priester ab und weigerten sich, weiter für den Gottesdienst zu zahlen.
Nicht nur in den Dörfern, im gesamten Land waren die Reaktionen auf die Revolution sehr unterschiedlich. Manche Russinnen hielten sie für eine »nationale Erhebung« gegen einen zaristischen Hof, von dem es seit einiger Zeit hieß, er sei in Wirklichkeit von Deutschen dominiert worden, andere begrüßten einander mit dem abgewandelten Ostergruß »Russland ist auferstanden!« oder zeigten sich fest davon überzeugt, dass Lügen, Spielen, Stehlen, Fluchen und vor allem Trunkenheit nun auf einen Schlag verschwinden würden. Die Missverständnisse lassen sich nicht ausräumen, noch lassen sie sich zeitlich oder fraktionell ordnen. Denn es wollen nicht nur Gleiche Verschiedenes zu verschiedener Zeit oder Verschiedene Verschiedenes zu gleicher Zeit, sondern auch Gleiche zur gleichen Zeit Verschiedenes. Die Revolution ist – neben anderem – ein Ensemble vielfältiger Missverständnisse, die aber überlagert werden von dem einen Missverständnis – dass alle einander verstehen. Im Augenblick der Erkenntnis ihrer Freiheit zogen die Menschen auf dem Land ihre besten Kleider an, küssten einander und feierten drei Tage lang durch.

Die Revolution ist – neben anderem – das Erleben eines Ereignisses des Einverständnisses und zugleich millionenfaches Missverständnis. Die provisorische Regierung in Petrograd, die Russland zwischen Februar und Oktober 1917 zu regieren versuchte, wollte die vielleicht wichtigste Frage der Revolution, die Frage der Landverteilung nämlich, einer Konstituierenden Versammlung überlassen, für die sie die ersten allgemeinen Wahlen vorbereitete. Bis dahin, so vertrat es die Regierung gegenüber den ungeduldigen Bäuerinnen, wären Inbesitznahmen von adligem Land ungesetzlich. Die Bäuerinnen, bildungshungrig in Sachen Demokratie, verstanden und erließen kurzerhand auf den Bauernversammlungen eigene Gesetze, welche die Enteignungen legitimierten. Während die bürgerlichen Offiziere, wenn sie vom Volk redeten, die Nation meinten, zählten für die bäuerlichen Soldaten die Offiziere selbst nicht zum Volk. Deswegen dürften sie es nicht als einen Widerspruch zur Volksdemokratie begriffen haben, den Herren Offizieren damit zu drohen, sie umzubringen, für den Fall, dass sie den Vormarsch befehlen sollten. Von solcher Missverständlichkeit blieben auch die kommunistischen Parolen nicht verschont. Die Konzeption des »Schützengraben-Bolschewismus« durch einfache Soldaten beschrieb ein hoher Offizier, General Brussilow, so: »Sie wollten nur das eine: Frieden, damit sie nach Hause gehen, die Gutsbesitzer ausrauben und frei leben konnten, ohne Steuern zu zahlen oder irgendeine Autorität anzuerkennen. Sie hatten nicht die leiseste Ahnung von den Parteien noch von irgendeinem Kommunismus oder der Unterteilung in Arbeiter und Bauern, aber sie träumten davon, zu Hause ohne Gesetz oder Gutsbesitzer zu leben. Diese anarchistische Freiheit nannten sie Bolschewismus.«

Viele Soldatinnen schienen der Meinung zu sein, dass es sich bei »Annexionen«, von denen in der Parole »Frieden ohne Annexionen« die Rede war, um Länder auf dem Balkan handelte, oder hielten die »Internationale« für eine Gottheit. Während der frühen zwanziger Jahre kam auch der antisemitische Antikommunist Henry Ford aufgrund der durchgesetzten »sozialistischen« Rationalisierung und Taylorisierung zu einem ähnlichen Ruhm: Viele Menschen vermuteten, dass es sich bei ihm um eine Art Gott handele, der hinter Lenin und Trotzki stehe. Doch entgegen dem Hochmut des bürgerlichen Historikers und seiner hochgeborenen Zeitzeuginnen hatten sie auch Recht. Ein nationaler Volksbegriff war immer schon wenig revolutionär, geschweige denn emanzipatorisch. Vor allem aber waren Land durch »wilde« Enteignung und Frieden durch Desertion faktisch die Quintessenz der Revolution von 1917, welcher der Bolschewismus in einem kurzen historischen Moment ihren politischen Namen gegeben hatte. Doch entscheidend ist weniger, das Missverständnis im Nachhinein durch Parteinahme und Sortierung auszuräumen, sondern der Umstand, dass es sich nicht ausräumen lässt. Es lässt sich ausräumen nur auf Kosten der Revolution.
Genauso wird aber das bolschewistische Politikmodell lesbar, als Versuch, die Vielstimmigkeit der Revolution wieder zum Verstummen zu bringen: in einer Bewegung, die kaum, dass sie die Macht der Räte gefordert hat, erst die bürgerlichen Parteien verbietet, dann die sozialdemokratischen, sozialrevolutionären, anarchistischen Organisationen und Zeitungen zerschlägt, um bald darauf die innerparteiliche Opposition zu unterbinden und schließlich abweichende Gedanken unter Strafe zu stellen. Das Bemühen, die Polyphonie der Revolution auf Linie zu bringen, offenbarte Lenin bereits 1918: »Jede maschinelle Großindustrie (…) erfordert die bedingungslose und strengste Einheit des Willens. (… ) Aber wie kann die strengste Einheit des Willens gesichert werden? Durch die Unterordnung des Willens von Tausenden unter den Willen eines einzigen. Die Revolution hat soeben die ältesten, die stärksten und schwersten Fesseln, denen sich die Massen unter der Knute unterworfen hatten, zerschlagen. Das war gestern. Heute aber fordert dieselbe Revolution, und zwar im Interesse des Sozialismus, die widerspruchslose Unterordnung der Massen unter den einheitlichen Willen der Leiter des Arbeitsprozesses.« (2)

Von solchen Äußerungen wird sich nicht nur Lenins alter Lehrer, der Sozialdemokrat Karl Kautsky, missverstanden gefühlt haben, der analysierte, im Sozialismus solle die Stellung der Arbeiterinnen noch unter das Niveau des Kapitalismus gedrückt werden, oder auch der Revolutionär Victor Serge, der bei seiner Ankunft in Russland 1918 in ähnlichen Verlautbarungen Grigori Sinowjews, des Vorsitzenden der Petrograder Sowjets, eine »Theorie der Erstickung aller Freiheit« entdeckte. (3) Von diesem Autoritarismus dürften sich vor allem auch alle Arbeiterinnen verarscht gefühlt haben, die mit der Forderung der »Arbeiterkontrolle« in den Aufstand gegen die Autoritäten gezogen waren.
In der Revolution überlagerten sich diverse Affekte, Hass auf alle Autoritäten, Sehnsucht nach Freiheit wie nach Rache und viele andere mehr. Bäuerinnen verhafteten ihre Priester, Hausangestellte zogen in die großen Wohnzimmer und verbannten ihre vorherigen Herrinnen in die kleinen Kammern, sogenannte Frauen rasierten sich die Haare und forderten gleichen Lohn, Kellner demonstrierten gegen Trinkgelder, Prostituierte streikten und Soldatinnen forderten in Solidarität mit den streikenden Arbeiterinnen den 8-Stunden-Tag für Kriegseinsätze. Zugleich wurden Adlige vergewaltigt, Diebe gelyncht und Fremd- oder Reichaussehende verprügelt. Hierin, und nicht in der Einsetzung einer provisorischen demokratischen Regierung oder in der Absetzung dieser Regierung, besteht das Ereignis der Revolution. Die Enteignungen von Großgrundbesitz, die bereits seit Monaten »wild« stattgefunden hatten, nahmen zu, nachdem ein Sozialrevolutionär Agrarminister geworden war, noch mehr, nachdem die bolschewistische Regierung sie »legalisiert« hatte. Nach den Erfahrungen der brutalen Rache, die das zaristische Regime nach dem niedergeworfenen Revolutionsversuch von 1905 an den Bäuerinnen genommen hatte, wussten diese um die Schwierigkeit, lokale Revolutionen gegen eine organisierte Konterrevolution zu verteidigen. Eine Revolution, die (was wünschenswert wäre) das Machtzentrum unbesetzt lassen will, muss zugleich Vorsorge treffen, dass es nicht von anderer Seite besetzt wird. Ein Vakuum hat die Eigenschaft, allerlei Dreck anzuziehen. Zu viele Niederlagen in Revolutionen – von Frankreich 1848 über Spanien 1936 bis Ägypten 2011 – warnen davor, die Bedeutung des fortgesetzten Kampfes um und gegen die Staatsmacht zu unterschätzen.

Aber auch das so häufig auf seinen historisch-logischen Begriff gebrachte große Ereignis – Ergreifung der Staatsmacht – wird von der Uneindeutigkeit heimgesucht, von der es sich in seiner präzisen militärischen Organisation abzuheben sucht. Die Oktoberrevolution, die zu ihrem zehnjährigen Jubiläum von der Sowjetregierung fürs Kino Eisensteins gedächtniswirksam als Erhebung der Massen inszeniert wurde, erscheint mit etwas Sympathie fürs Detail als konspirativer Putsch in Form einer Kette von Missgeschicken und Missverständnissen. Angesetzt hatte ihn Lenin gegen den Widerstand seiner Partei auf die Mittagszeit des 25. Oktober, da an diesem Tag der allgemeine Rätekongress tagte, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die seit langem erhobene Forderung »Alle Macht den Räten« realisiert und die Entmachtung der provisorischen Regierung beschlossen hätte. Aber die Erstürmung des Winterpalais durch die bolschewistische Militärorganisation, die den Räten vorgreifen und den Bolschewiki einen strategischen Vorteil bringen sollte, musste mehrfach verschoben werden – zunächst auf 15, dann auf 18 Uhr, dann wurde auf eine feste Zeit gleich ganz verzichtet. Im entscheidenden Moment stellte sich heraus, dass es keine rote Lampe gab, die das vereinbarte Startsignal hätte geben sollen. Der Kommissar, der die rote Lampe holen sollte, verlief sich in der Dunkelheit, fiel in eine Schlammgrube und kehrte mit einer Lampe zurück, die sich weder am Fahnenmast befestigen ließ noch überhaupt rot war. Schließlich behauptete Lenin, um die historische Chance auf die Diktatur seiner Partei nicht verstreichen zu lassen, die Regierung sei gestürzt, obwohl noch nichts dergleichen geschehen war. Als die Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre am späten Abend aus Protest gegen die gewaltsame Entmachtung der provisorischen Regierung den Rätekongress verließen und damit das Feld der Macht räumten, war der Angriff auf das Winterpalais noch in vollem Gange. Aber kaum waren die Minister verhaftet, entdeckten die bolschewistischen Arbeiter den riesigen Weinkeller des Winterpalais und begannen ein Saufgelage, das durch keine Disziplin gestoppt werden konnte. Die zur Bewachung des Schatzes abgestellten Kommissare waren nach kürzester Zeit betrunken und der auf die Straße gepumpte Wein wurde aus den Rinnsteinen genossen. Rückblickend mag die glorreiche Stürmung des Winterpalais somit als Missverständnis erscheinen, als die Eroberung eines von wenigen Ministern schlecht bewachten Weinkellers.

Bedürftigkeiten


Vielleicht war die am meisten missverstandene Theoretikerin der Revolution – kurz vor oder kurz nach Marx – Alexandra Kollontai. Zumindest wurden ihre Polemiken gegen repressive Sexualmoral recht unterschiedlich verstanden. Die Forderung nach freier Liebe – frei von klerikal-staatlichen Eingriffen, ökonomischen Zwängen, patriarchaler Gewalt (4) – interpretierte das Fürsorgeamt in Saratow im Sinne eines »Dekrets zur Verstaatlichung von Frauen«, mit dem es die Ehe abschaffte und sogenannten Männern das Recht auf genehmigte Bordelle zusprach. In Wladimir erstellte das »Büro der freien Liebe« einen Aufruf an alle unverheirateten Frauen zwischen 18 und 50, sich zu registrieren, damit Sexualpartner für sie ausgewählt werden könnten. Im Interesse des Staates, den Kollontai weitgehend aus den sexuellen Beziehungen heraushalten wollte, sollten sogenannte Männer das Recht erhalten, sich unter den Registrierten, auch ohne deren Zustimmung, eine Partnerin zur Fortpflanzung auszusuchen. Gleichzeitig durfte sich die Marxistin Kollontai, weil sie den Klassenkampf durch einen Geschlechterkampf ersetzt habe, von einer Genossin aus der kommunistischen Frauenorganisation Zenotel als »Kommunistin mit einer soliden Dosis feministischen Mülls« beschimpfen lassen. Als 1926 Mitglieder der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol an einer Gruppenvergewaltigung teilnahmen, wurde dies auf eine von Kollontai inspirierte Theorie der sexuellen Befreiung zurückgeführt. Der einflussreiche Pädagoge und Sublimationstheoretiker Aron Zalkind hatte schon vorher Kollontai kritisch in seinen »Zwölf sexuellen Geboten« erwähnt. Sie habe vergessen darüber zu informieren, dass die Protagonistin ihrer berühmten Novelle »Liebe der drei Generationen«, welche für sich die gleichen sexuellen Rechte in Anspruch nahm, die traditionell für sogenannte Jungen galten, unter Satyriasis (dem männlichen Gegenstück zur Nymphomanie) leide. Freizügige, häufige Sexualität galt diesen Sowjetideologinnen als ungesunde Energieverschwendung, vor allem aber als unkommunistische Ablenkung von der Arbeit. Zu diesem »Anti-Kollontai« dürfte auch Lenin beigetragen haben, der im Interview mit der deutschen Sozialdemokratin Clara Zetkin einen bemerkenswerten Kommentar zur Alexandra Kollontai zugeschriebenen »Glaswassertheorie« abgab, von der er meinte, sie habe »unsere Jugend toll gemacht, ganz toll«. (5) Die Glaswassertheorie der sowjetischen zwanziger Jahre funktionierte dabei anders als der in den achtziger Jahren auf westdeutschen Spielplätzen kursierende Witz, der ein Glas Wasser als Verhütungsmethode anbot – anstelle von reproduktiver Sexualität. Sie benannte die Ansicht, dass Sexualität ein ebenso einfaches Bedürfnis wie Hunger oder Durst sei und dementsprechend ohne weitere romantische Komplikationen befriedigt werden könne. Lenin antwortete: »Nun gewiss! Durst will befriedigt sein. Aber wird sich der normale Mensch unter normalen Bedingungen in den Straßenkot legen und aus einer Pfütze trinken? Oder auch nur aus einem Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist? ( … ) Zur Liebe gehören zwei, und ein drittes, ein neues Leben entsteht. In diesem Tatbestand liegt ein Gesellschaftsinteresse, eine Pflicht gegen die Gemeinschaft.« (6) In der Rückführung von Sexualität auf Reproduktion der Gattung und deren Bestimmung als gemeinschaftliche Pflicht stimmte Lenin – einschließlich der biopolitischen und eugenischen Implikationen – mit seinen Kontrahentinnen überein. Durch die Verbildlichung nichtmonogamer oder ungezügelter Sexualität als Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist, rief er allerdings nicht nur den in der frühen Sowjetunion prominenten Hygienediskurs auf, sondern vor allem eine klassische heterosexistische Gedankenfigur, die freie weibliche Sexualität mit dem Verlust einer gewissen »Ehre« oder »Reinheit« und damit auch respektabler Attraktivität ver­knüpft(e). (7)

Sein profundes Verständnis sexueller Herrschaft und Befreiung hatte Lenin eher unbeabsichtigt schon in »Staat und Revolution« offenbart, seinem letzten Text vor der Revolution, der zugleich sein staatskritischster war: »Allein der Kommunismus macht den Staat völlig überflüssig, denn es ist niemand niederzuhalten, ›niemand‹ im Sinne einer Klasse, im Sinne des systematischen Kampfes gegen einen bestimmten Teil der Bevölkerung. Wir sind keine Utopisten und leugnen durchaus nicht die Möglichkeit und Unvermeidlichkeit von Ausschreitungen einzelner Personen und ebenso wenig die Notwendigkeit, solche Ausschreitungen zu unterdrücken. Aber dazu bedarf es (…) keines besonderen Unterdrückungsapparats; das wird das bewaffnete Volk selbst mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit bewerkstelligen, mit der eine beliebige Gruppe zivilisierter Menschen sogar in der heutigen Gesellschaft Raufende auseinanderbringt oder eine Frau vor Gewalt schützt.« (8)

Der Kommunismus, sagte Lenin damit wider Willen, würde ebenso frei von Staat sein wie der Kapitalismus frei von sexistischer Gewalt. Anders als mit optimistischeren Voraussagen lag er mit dieser Prognose sehr nah an der tatsächlich wenig utopischen Wahrheit des realen Sozialismus. Die Abgrenzung von der Utopie erfolgte hier in zweifacher Hinsicht. Zum einen wird ein paradiesisches Imago des Kommunismus durch die Behauptung der »Unvermeidlichkeit« einer gewissen Gewalt und der »Notwendigkeit« ihrer – gewaltsamen – Unterdrückung durchkreuzt. Zum anderen wird die Möglichkeit dieser Unterdrückung schon in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgemacht, die damit bereits Momente der zukünftigen enthält. Aber das wenig unschuldige Beispiel der »zu beschützenden Frau« gibt Auskunft über die Voraussetzungen dieses Arguments einer scheinbar voraussetzungslosen Gewalt »Einzelner«. Die Annahme, dass eine nicht allzu beliebige Gruppe Menschen in aller Zukunft weiterhin auf Schutz angewiesen bleiben müsse – das heißt erstens, dass sie nicht in der Lage sein werde, sich selbst zu schützen, zweitens, dass sie sich der Gewalt immer wieder als geeignetes Objekt anbieten werde –, gilt Lenin als ahistorisch und deren Gegenthese somit als utopisch. Verdeckt wird damit der »systematische Kampf gegen einen bestimmten Teil der Bevölkerung«, durch welchen die geschlechtliche Klasse nicht unähnlich der ökonomischen »niedergehalten«, hervorgebracht und bestätigt wird. Die Politik der Russischen Revolution, auch als bolschewistische, ging hier über Lenins beschränktes Vorstellungsvermögen hinaus. Wenn auch nicht über seine Staatstheorie, deren Anwendbarkeit Lenin in diesem Fall nicht gegeben sah. Denn in der Bekämpfung der – im marxistischen Diskurs der Sowjetunion nicht sogenannten – Geschlechterklassen und der männlichen Herrschaft war es eben der Staat, dem die zentrale Rolle zugedacht war.

Denkbarkeiten


Sexuelle und geschlechtliche Emanzipation wurde in der sozialistischen Theorie – von Engels über Bebel, Zetkin, Kollontai – im Rahmen einer Kritik der Familie konzipiert, die selbst als in Auflösung begriffen gedacht wurde. Die vorbürgerliche wie die kleinbürgerliche Familie gilt dieser Theorie als Produktionseinheit, die auf Grundlage einer auch geschlechtlichen Arbeitsteilung die für die Reproduktion ihrer Mitglieder notwendigen Lebensmittel bereitstellt. In dem Moment, in dem die (kapitalistische) Industrie Textilien, Nahrung, Werkzeuge billiger zur Verfügung stellen kann, verliert die Familie zentrale »produktive« Funktionen und gerät in eine Krise, die mit der weiblichen Lohnarbeit zugleich eine Krise der patriarchalen hierarchischen Arbeitsteilung ist. In klassisch teleologischer Manier besteht die Aufgabe des Sozialismus darin, die im Kapitalismus begonnene Tendenz zum Absterben der Familie und des in ihr institutionalisierten Sexismus durch die Sozialisierung zu Ende zu bringen, das heißt Vergesellschaftung oder leider eher Verstaatlichung ihrer verbliebenen Funktionen. Wenn Kinder von großen demokratischen und antiautoritären Institutionen aufgezogen werden, Essen nicht mehr in Kleinküchen, sondern in öffentlichen Kantinen zubereitet wird, Alte und Kranke nicht länger von sogenannten Angehörigen gepflegt werden und die Reinigung der Wohnungen nicht mehr privat organisiert wird, dann ist die Familie gänzlich überflüssig und stirbt ab. Und mit ihr die geschlechtliche Arbeitsteilung, also die Grundlage der Geschlechterdifferenz samt der auf Aneignung unbezahlter Reproduktionsarbeit basierenden sexistischen Ausbeutung. Statt sich lange – wie der westliche Feminismus – um Veränderungen innerhalb der Familie zu bemühen, proklamiert der sozialistische direkt deren Abschaffung: »Unsere Aufgabe besteht nicht im Streben nach Gerechtigkeit in der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Unsere Aufgabe ist, Männer wie Frauen von der Arbeit im Kleinfamilienhaushalt zu befreien.« (9)
Das Problem dieser Konzeption wird deutlich, wenn die als Verstaatlichung konzipierte Vergesellschaftung der Hausarbeit aufgrund ökonomischer Umstände nicht gelingt, weil sich öffentliche Speisung, Reformheime, Kindertagesstätten usw. als Sozialausgaben niederschlagen, an denen der sozialistische Staat wie jeder kapitalistische zuerst kürzt. Die auf die Produktivkraftentwicklung fokussierte Teleologie dieses historischen Materialismus suggeriert, dass Freiheit zur Wahl nur gewährt werden könne und dürfe, wenn durch Einsicht in die Notwendigkeit und deren materielle Bearbeitung alle Möglichkeiten versammelt sind. Nur unter der Bedingung des vollkommenen Überflusses kann Freiheit existieren. Erst wenn Arbeit produktiver ist, darf sie anfangen Spaß zu machen, erst wenn der Zug im Bahnhof steht, dürfen alle mal ans Steuer, erst wenn der Staat fähig ist, sämtliche reproduktiven Arbeiten zu übernehmen, kann die geschlechtliche Ausbeutung abgeschafft werden. Hauptsache Nebenwiderspruch: Erst kommt der Reichtum, dann die Demokratie. Insofern liegt die Familie als kostengünstige Alternative – zumindest übergangsweise – wieder nahe. Und selbst nach gestiegener Produktivkraftentwicklung blieb bis in die späten Achtziger im Wirkungsbereich der Sowjetunion der nicht vergesellschaftete Rest, der an notwendiger Arbeit bis zur totalen Robotisierung immer noch anfällt, in der Hauptsache sogenannten Frauen überlassen.

Der Grund dafür liegt, wie etwa Felicita Reuschling argumentiert, in der Abwertung jener notwendigen Arbeiten, die als »reproduktiv« gefasst werden. (10) Diese gelten als rückständig, stumpf, unproduktiv-repetitiv und – größtmögliches Schimpfwort – kleinbürgerlich. Auch Lenin polterte in dem Interview, das er Clara Zetkin gab, gegen die »kleinliche, eintönige, kraft- und zeitzersplitternde und verzehrende Arbeit im Einzelhaushalt«, an welcher die Frauen verkümmerten, so »dass ihr Geist dabei eng und matt, ihr Herzschlag träge, ihr Wille schwach wird«. (11) So wenig sich diese Kritik der »Sklaverei des Spülbeckens« (Maria dalla Costa) abweisen lässt, so erstaunlich ist doch umgekehrt, dass im Kontrast dazu die Fabrikarbeit, zumal die diszipliniert-militarisierte, in solch glänzendem Licht erscheint. Erstaunlich bleibt auch, dass eine stumpfe, rückständige Arbeit entweder vom Staat überflüssig gemacht wird oder von einer traditionell hierfür bereitgestellten Gruppe – Frauen genannt – erledigt werden muss. Diesbezüglich erwies sich Lenin als der undogmatische, antiökonomistische Denker, der er als praktischer Revolutionär auch immer war. Seine Hauptattacke galt den männlichen Genossen, die es als »gegen ›das Recht und die Würde des Mannes‹« betrachteten, in Anführungszeichen gesetzte »Weiberarbeit« zu verrichten. Lenins Schlussfolgerung, die sozialistische Frauenarbeit schlösse »ein gutes Stück Erziehungsarbeit unter den Männern mit ein«, wurde zwar von den Bolschewiki ebenso geteilt wie die Forderung, »Männer« sollten »Frauen« im Haushalt »helfen« (!), sie nimmt aber in der sozialistischen Emanzipationstheorie keinen systematischen Stellenwert ein. Emanzipation wurde über Staat und Lohnarbeit konzipiert, sie enthielt damit eine unhinterfragte Norm, die bestimmte, in welche Richtung die Entwicklung zu gehen hatte.

Geschlechtlichkeiten


Im Frühjahr 1929 rief der Volkskommissar für Gesundheit, Nikolai Semaschko, ein Gremium von »Experten«, forensischen Gynäkologen, klinischen Psychiatern, Biologen zusammen, die dem Justizkommissariat dabei helfen sollten, über den Antrag der Bürgerin Kamenew auf operativen und juristischen Geschlechtswechsel zu entscheiden. (12) Der Antrag war bei weitem nicht der erste seiner Art, bereits 1923 hatte ein Transmann sich mit einem ähnlichen Anliegen an die Behörden gewandt. Angesichts der Selbstversuche von Intellektuellen, mit Hilfe von Bluttransfusionen Alte jung und Junge weise zu machen, angesichts der Forderung, die Toten wiederzuerwecken, und der Planung, den Mars zu besiedeln, musste die medizinische Überarbeitung eines Körpergeschlechts, das für die Zukunft ohnehin nicht mehr vorgesehen war, eigentlich wie ein Detail erscheinen.
In der Debatte um den Antrag der Bürgerin Kamenew, in der die anwesenden Expertinnen – ausschließlich sogenannte Männer – eine Vielzahl von Beispielen geschlechtlicher und sexueller Anormalitäten anführten, zeigte sich allerdings eine bemerkenswerte Begrenzung des sexualreformerischen Biologiediskurses in der frühen Sowjetunion. Das zweifelhafte Recht, eine biologische Abweichung zu sein, wurde nur den Perversen des europäischen und städtischen Russland zugestanden. Für die islamisch geprägten Regionen der zentralasiatischen Sowjetunion hingegen galten geschlechtliche und sexuelle »Anomalien« als Ausdruck einer ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit. Im Gegensatz zum Verhältnis zwischen Islam und Homosexualität im 21. Jahrhundert, aber in Übereinstimmung mit dem europäischen Orientalismusdiskurs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (13) wurden die sexuellen Praktiken dieser Regionen einer »unzivilisierten« Kultur zugeschrieben. Dies ging so weit, dass in diesen Regionen nicht nur die zaristischen Sodomiegesetze intakt blieben, sondern in Usbekistan das 1923 geschaffene sowjetische Gesetz gegen sexuelle Belästigung von Frauen auch auf erwachsene Männer ausgedehnt wurde. Damit sollten vor allem Jungen vor erzwungener Prostitution geschützt werden, es ließe sich aber vermuten, dass sich auch die männlichen russischen Kommissare vor den Avancen der regionalen Männer schützen wollten.

In der Diskussion des vom Gesundheitskommissars Nikolai Semaschko einberufenen Gremiums erwies sich jedoch noch eine andere Norm als relevant. Und diese führte zu einer deutlichen Asymmetrie in der Bewertung transgeschlechtlicher Bewegungen. Während Transweiblichkeit nämlich, schwule Effeminierung etwa, als bürgerlich-dekadent, als Bedrohung vor allem des Militärs aufgefasst wurde, wurde Transmännlichkeit zwar als übertriebene Form von Geschlechtergleichheit kritisiert. Diejenigen, die sie für sich beanspruchten, wurden aber zugleich als revolutionäre Bolschewiki, als nützliche Mitglieder der Roten Armee wie der sozialistischen Gesellschaft respektiert. Dies wurde besonders deutlich an der Diskussion um den berühmten Transgender Jewgenja Fedorowna/Jewgeni Fedorowitsch, auf dessen »Fall« im »Expertengremium« mehrfach Bezug genommen wurde. 1922 hatte er eine Postangestellte geheiratet, eine Ehe, deren Legitimität kurz darauf angezweifelt wurde. Aber die Anklage, die auf »Verbrechen wider die Natur« lautete, scheiterte im liberalen Klima der frühen Sowjetunion. Ein sowjetisches Gericht erklärte die Ehe für rechtens, mit dem simplen Hinweis darauf, dass sie einvernehmlich geschlossen worden war. Aber Jewgeni Fedorowitsch hatte nicht nur geheiratet, er war auch Mitglied der Tscheka gewesen. Das war keineswegs eine Ausnahme. Menschen wie sie/er fanden sich in Mengen in der Roten Armee, in den Fabriken, in den Parteiorganisationen. Volkskommissar Nikolai Semaschko selbst hatte bereits sieben Jahre vor dem Expertinnentreffen, 1922, festgestellt, dass die »maskulinisierte« Frau mit zerzaustem, oft schmutzigem Haar, einer Zigarette im Mund, absichtlich schlechtem Benehmen und rauher Stimme ein Massenphänomen darstelle. Die wahren Gegnerinnen bestanden in den gepuderten, gerougten, Nägel feilenden »Damen« der klassenfremden Milieus. Bolschewistische »Frauen«, die Härte, Effizienz, kalte Rationalität, Rücksichtslosigkeit als zentrale Eigenschaften ihrer politischen Subjektivität ausbildeten, waren nicht nur ein Massenphänomen, sie repräsentierten auch das sowjetische Subjektideal. Der Neue Mensch war ein Drag King.

Beschränktheiten


Diese »kommunistische« Gesellschaft war wesentlich keine Gesellschaft der Männer, sondern eine männliche Gesellschaft, eine Gesellschaft der Männlichkeit. In der frühen Sowjetunion wurden Geschlechter als im Sinne des Fortschritts aufeinander folgende Stadien menschlicher Entwicklung konzipiert, von denen die eine durch die andere zu überwinden ist. Einmal mehr hieß es, alle Menschen würden Brüder – allerdings in den seltensten Fällen warme. Das sozialistische Emanzipationsmodell übernahm somit das liberale, aus dessen Vokabular die Brüderlichkeitsrhetorik ja stammt, befreite es aber von dessen partikularistischer Beschränkung, welche brüderliche Gleichheit als Gleichheit von Brüdern fasst. Die in der Revolution reproduzierte Hierarchie geschlechtlicher Attribute dient nicht wie in Gesellschaften mit heterosexistischer Produktionsweise der Konstitution spezifischer Subjektivitäten gemäß einer vorgeschriebenen gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die geschlechtliche Opposition wird von einer räumlichen der Sphären (privat/öffentlich) in eine zeitliche (konservativ/progressiv) transponiert. Die Gegenüberstellung lautet dann nicht mehr Heim/Welt oder Arbeit/Familie, sondern Zukunft/Vergangenheit. Nicht von Natur aus beteiligen sich Frauen nur am nachbarschaftlichen Geschwätz übers Wetter und nicht am wissenschaftlichen Diskurs der Öffentlichkeit, sondern aufgrund ihrer sozialen Rückständigkeit. Die geschlechtliche Bewegung der Revolution von 1917 ist universell, es ist die Bewegung einer universellen Maskulinisierung. Die bolschewistische Bewegung, die den Reichtum zur Bedingung der Freiheit erklärt, beschneidet gleichzeitig den Reichtum gesellschaftlicher Möglichkeiten. Auf einer solch künstlich verknappten Basis fällt es schwer, die kommunistische Frage zu stellen, wie die Gesamtheit jener Arbeiten organisiert werden soll, die wir als notwendig anerkennen zur Befriedigung der Bedürfnisse, die uns befriedigenswert erscheinen. Die historischen Geschlechter samt der sie hervorbringenden Beziehungsweisen müssten dafür als affektive, habituelle, intellektuelle, praktische Ressourcen verstanden werden, aus denen eine kommunistische Gesellschaft im Prozess ihrer Befreiung wählen kann. Dies ist der Moment der Freiheit, den die Russische Revolution verfehlt, um etwa die Hälfte.

Der begrenzte Universalismus der revolutionären Emanzipationsbewegung lässt sich bis in die »postrevolutionäre« Namensgebung hinein verfolgen. Wie die folgende Liste einiger der schönsten neuen Namen zeigt, waren die Militanz konnotierenden Namen keineswegs so zu nennenden Jungen vorbehalten – das »weibliche A« am Ende weist meistens darauf hin: Marx, Engelina, Rosa, Wladlen, Iljina, Marlen (für Marx und Lenin), Prawda, Barrikada, Oktjabrina, Rewoljuzija, Parischkomuna, Molot (Hammer), Serpina (Sichel), Dasmir (es lebe die Weltrevolution), Diktatura und Terrora. Auch hier allerdings artikulierte sich die Revolution in der Form des Missverständnisses. Namen, die Kindern gegeben wurden, weil sie wegen ihres Klanges für revolutionär gehalten wurden, lauteten auch Embryo, Vinaigrette und – als ginge es darum, mit der zukünftigen Generation auch das Wetter zu ändern – Markisa.

Anmerkungen:
(1) Orlando Figes: Tragödie eines Volkes, Berlin 2008
(2) Wladimir Iljitsch Lenin: Die nächsten Aufgaben der Sowjetrepublik (1918), zit. n. Karl Kautsky: Terrorismus und Kommunismus (1918), in: ders.: Demokratie oder Diktatur, Bd. 1, Berlin 1990, S. 311 f.
(3) Victor Serge: Erinnerungen eines Revolutionärs, Hamburg 1991, S. 82
(4) Alexandra Kollontai: Die neue Moral und die Arbeiterklasse, Münster 1977
(5) Clara Zetkin: Erinnerungen an Lenin, Berlin 1925
(6) Ebd., S. 7, Hervorhebung B.A.
(7) Wann können diese Klammern endlich weg? Es nervt.
(8) Wladimir Iljitsch Lenin: Staat und Revolution, Berlin 1970, S. 93
(9) Jewgeni Preobraschenski, zit. n. Wendy Z. Goldman: Women, the State and Revolution, Cambridge 1993, S. 6
(10) Felicita Reuschling: Familie im Kommunismus, in: Phase 2 36 (2010), S. 18 ff.
(11) Clara Zetkin, Erinnerungen, S. 12
(12) Dan Healey: Homosexual Desire in Soviet Russia, Chicago / London 2001, S. 167 ff.
(13) Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail, Hamburg 2008

Quelle:
Der Text ist die gekürzte, bearbeitete Fassung eines Essays, der in dem im Unrast-Verlag von der Gruppe Inex herausgegebenen Band »Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus« erschienen ist.

Sonntag, 22. April 2012

Ein aufklärendes Feuerwerk

aus: Neues Deutschland, 14.04.2012

Die antifaschistische Dokumentation »Das deutsche Volk klagt an« und ihre unverhoffte Wiedergeburt

Was verbindet einen französischen Germanistikprofessor und ein ehemaliges RAF-Mitglied? Ein Buch, das vor einem Dreivierteljahrhundert in Paris verfasst wurde. Lionel Richard und Karl-Heinz Dellwo erzählten »nd«, wie es zum Reprint von »Das deutsche Volk klagt an« kam.
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Der französische Germanistikprofessor Lionel Richard beim Gespräch in der »nd«-Redaktion
Auch Bücher erleben mitunter eine wundersame Auferstehung. Ein französischer Volksschullehrer erhält eines Tages von einer älteren Kollegin ein Buch, das sie in der Vorkriegszeit in Paris gekauft hatte. Als Erscheinungsjahr ist 1938 angegeben. Der Lehrer weiß, dass er nicht nur einen bibliophilen, sondern historischen Schatz in den Händen hält. Er ist Mitglied der Association des Amis de la Fondation pour la Mémoire de la Deportation (AFMD), des Freundeskreises der Stiftung zur Erinnerung an die Deportierten. Sein Vater ist im deutschen KZ Buchenwald umgekommen. Das Buch, das ihn fesselt, aufwühlt und schockiert, trägt den Titel »Le peuple allemand accuse« Kein geringerer als Romain Rolland hat das Vorwort verfasst: »Dieser Titel erinnert an die mannhafte Herausforderung, die vor Zeiten ein Mensch in das Gesicht der Gewalt warf. Es handelte sich einst um einen einzigen verurteilten Unschuldigen. Und zu diesem Aufruf empörte sich das Gewissen der ganzen Welt. Heute schweigt die Welt angesichts eines Volkes, das zu Grabe getragen wird.«
Auf die Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und den weltberühmten Artikel »J’accuse!« gegen ein aus Antisemitismus gespeistes Unrechtsurteil bezog sich auch das Vorwort der nicht namentlich ausgewiesenen Verfasser des »Tatsachenberichts« (so der Untertitel): »Als Émile Zola sein unsterbliches ›J’accuse‹ schrieb, ging es um das Schicksal eines Einzelnen … Heute geht es um das Schicksal Hunderttausender von Unschuldigen, die in den Bagnos (frz.: Strafanstalten, K.V.) des Dritten Reiches leiden und leiden werden. Es geht um das Schicksal eines Volkes von fünfundsechzig Millionen, um die Sicherheit Europas, um den Frieden der Welt. Darum musste dieses Buch geschrieben werden.«

André Boulicault, Vorsitzender der AFMD im südfranzösische Département Gard, will den Report über »Hitlers Krieg gegen die Friedenskämpfer in Deutschland« der heutigen französischen Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen. Der Reprint erscheint 2008 in tausend Exemplaren.
Nun schlägt die Stunde von Lionel Richard. Der emeritierte Professor für vergleichende Literaturgeschichte von der Université de Picardie »Jules Verne« in Amiens stößt auf die Buchanzeige. Er weiß, dass die Erstausgabe 1936 auf Deutsch in der Edition du Carrefour erschien, die auch Publikationen des Presse-»Imperiums« von Willi Münzenberg herausgab. Und er kennt den Namen des verantwortlichen Redakteurs. Richard hat Jahrzehnte über Exilliteratur geforscht und publiziert, weilte auch mehrfach in der DDR, erstmals an der Wende 1961/62. Damals lernte er Maximilian Scheer kennen, Mitglied des Schriftstellerverbandes und des P.E.N. sowie des Deutschen Friedensrates. Und eben jenen kann er in seiner Rezension für »Le Monde diplomatique« als Autor von »Das deutsche Volk klagt an« (ein uns Heutigen freilich zu optimistisch klingender Titel) benennen.

Eigentlich hieß der 1896 geborene Rheinländer Walter Maximilian Schlieper. »Er war in der Weimarer Republik ein renommierter Theaterkritiker, hatte mit Wolfgang Langhoff gearbeitet und musste im März 1933 aus Deutschland fliehen«, erzählt Richard. »Um seine Familie nicht zu gefährden wählte er ein Pseudonym. Er nahm seinem zweiten Vornamen und eliminierte aus dem Nachnamen drei Buchstaben.« In Paris wurde Scheer Mitarbeiter der Nachrichtenagentur INPRESS, die - so Richard mit einem Leuchten in den Augen - »vom legendären Sándor Radó geleitet wurde«, einem ungarischem Geografen, Kommissar der Budapester Räterepublik von 1919, im Krieg in der Schweiz Mitglied der »Roten Kapelle«, hernach in Stalins Gulag interniert.

Nun ist es Lionel Richard, der sich um einen Reprint bemüht, gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo (Jg. 1952), der nach seiner Haft (wegen Beteiligung am RAF-Geiseldrama von Stockholm, 1975) den Laika-Verlag in Hamburg gegründet hat. Die Dritte im Bunde ist Scheers Tochter, Katharina Schlieper. »Es ist ein wichtiges Buch - noch heute«, befindet sie. In ihrem Vorwort für den dieser Tage erschienenen ersten deutschen Reprint zitiert sie den Vater. Das Schreiben und Redigieren war für ihn die Hölle. Die Hiobsbotschaften, von mutigen Illegalen aus dem »Reich« geschmuggelt, das immense, erdrückende Material, das in Paris auf Scheers Schreibtisch gelangte und innerhalb von sechs Wochen zu einem Buch verdichtet wurde, kann keinen Menschen unberührt lassen.


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Sinnbildlich mit schwarzem Cover; die erste französische Übersetzung
Zu der hier offerierten Schreckensbilanz der ersten drei Jahre Hitlerdiktatur gehören 225 000 Verurteilte, die aneinandergereiht, mit seitwärts ausgestreckten Armen eine Menschenkette von Aachen bis Paris, von München bis Mailand bilden würden. Ungezählt sind die erschlagenen, erschossenen, zu Tode gefolterten oder in den Selbstmord Getriebenen. Im Buch abgedruckt sind Totenlisten und Abschiedsbriefe. 112 KZ waren bereits bis 1936 im NS-Staat errichtet; der jüngste Häftling (Oranienburg) zählte 13 Lenze. Eine beigelegte Übersichtskarte zeigt die Dichte der Lager, womit allein schon das Argument der Deutschen nach 1945, man habe nichts gewusst, entkräftet ist. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr seinerzeit die hier erstmals veröffentlichte »Disziplinarordnung« in einem KZ (Esterwegen). Mehrere Seiten füllen die Namen von entlassenen

Universitätsprofessoren. Vermerkt sind die Gesetze und Verordnungen, die den Terror sanktionierten und die Diktatur etablierten. Konfrontiert werden Versprechen des NSDAP-Programms an Arbeiter, Bauern und Mittelschichten mit Fakten aus dem Alltag: sinkende Löhne und steigende Preise, Großkapital und Großgrundbesitz blieben unangetastet etc. Vor allem aber werden die Militarisierung der Gesellschaft und der Kurs auf einen neuen Krieges angeprangert.
Lionel Richard, geboren 1938, kann sich an die Okkupation seiner Heimat erinnern, an Schmach, Leid, Not, Empörung. Und an die fröhlichen Augusttage 1944, als Paris befreit ist. Erst im darauffolgenden Jahr lernte er seinen Vater kennen, der 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war und in einer Fabrik nahe Stuttgart Zwangsarbeit leisten musste.
Seine Liebe zur deutschen Literatur hat ein Exilant in ihn erweckt, erzählt Richard. Peter Rosenbaum hieß dieser. Er gehörte zu jenen deutschen Antifaschisten, die nach dem Krieg nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren wollten - entsetzt über das »Im Namen des deutschen Volkes« über die Völker Europa gebrachte Leid. Er leitete die deutschsprachige Abteilung in einer internationalen Buchhandlung in Paris, die eines Tages auch der junge Richard betrat - um sie fortan wissbegierig immer wieder aufzusuchen. Der Deutsche macht ihn mit Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Hermann Hesse vertraut. »Und er sagte mir: ›Wenn ich Gedichte von Becher lese, kommen mir die Tränen.‹« Die Sehnsucht brannte noch in ihm. »Ich habe zwar nicht bei Bechers Versen weinen müssen«, bemerkt der Franzose schmunzelnd, »aber ich habe das Haus des Dichters am Majakowski-Ring in Berlin-Pankow besucht.«

Doch zurück zum Buch »Das deutsche Volk klagt an« Dieses »aufklärende Feuerwerk über den Terror im Dritten Reich«, so Richard im Geleitwort zum Reprint, hat Scheer natürlich nicht allein bewerkstelligen können. In seinen Memoiren »So war es in Paris« nannte der 1978 Verstorbene als seine Helfer »Bruno« und »Nico«. Richard und Dellwo vermuten, dass es sich bei ersterem um Bruno Meisel handelte und bei »Nico« um Erich Birkenhauer, einst Sekretär von Ernst Thälmann, der nach dessen Verhaftung im März 1933 die internationale Kampagne zur Freilassung des KPD-Vorsitzenden initiierte. Später in die Sowjetunion beordert, wurde Birkenhauer (durch Intrige von Herbert Wehner) verhaftet, zu zwölf Jahren Arbeitslager und dann, im September 1941 (!), zum Tode verurteilt. Vielleicht erklärt diese Mitautorenschaft, warum dieser Report in der DDR - im Gegensatz zum »Braunbuch« über den Reichstagsbrandprozess 1933 - keine Nachauflage erlebte. Auch stützte sich Scheer in Paris auf die von Alfred Kantorowicz, dem späteren »Abtrünnigen«, gegründete Deutsche Freiheitsbibliothek. Es könnten auch weitere, in der DDR zeitweilig verfemte Westemigranten wie Albert Schreiner, Mitglied der KPD/Opposition, mitgewirkt haben.
»In dem Buch wird nicht nur über die Opfer und den Widerstand der Kommunisten gegen Hitler, sondern auch der Sozialdemokraten, bürgerlichen Demokraten, Katholiken und Protestanten berichtet«, sagt Dellwo. Ein weiterer Grund, warum es in der DDR keinen Reprint gab? Richard ergänzt: »Dokumentiert sind hier die Verfolgung der Juden wie auch das Schicksal der Homosexuellen und Zwangssterilisierten.« Letztere gehörten in beiden deutschen Staaten zu den verschwiegenen Opfern. Für Dellwo ist das Buch vor allem deshalb »so wichtig, weil es Einblick in die Systematik gibt, mit der die Nazis die gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen zerschlugen. Und ich halte es gerade wegen seiner Nichtideologisierung in der Berichterstattung für eines der wichtigsten der Zeit.«

Das deutsche Volk klagt an. Hitlers Krieg gegen die Friedenskämpfer in Deutschland. Ein Tatsachenbericht. Laika-Verlag, Hamburg. 405 S., br., 24,90 €

Reichtum ist langweilig - Interview mit Harry Belafonte

Harry Belafonte über die Macht des Künstlers, Occupy Wall Street und sein Verhältnis zu Deutschland

aus: Neues Deutschland, 14.04.2012

Harry Belafonte ist Sänger (»Matilda«, »Banana Boat Song«), Schauspieler und Bürgerrechtler in einer Person. Seine gerade erschienene Autobiographie »My Song« liest sich spannend wie ein Geschichtsbuch des 20. Jahrhunderts. Der heute 85-Jährige erzählt darin von seinen Begegnungen mit Martin Luther King, John F. Kennedy, Fidel Castro, Marlon Brando, Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Bob Dylan. Olaf Neumann nahm in Hamburg an einem Presse-Gespräch mit Harry Belafonte teil.
 
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Harry Belafonte
nd: Obwohl Sie selbst in bitterarme Verhältnisse hineingeboren wurden, gelang Ihnen eine unvergleichliche Weltkarriere. Erfüllt Sie das rückblickend mit Stolz?
Belafonte: Wissen Sie, ich habe unter der Armut gelitten, inzwischen bin ich ihr entkommen, aber mental habe ich sie nie hinter mir gelassen. Jeder, den ich kenne und mit dem ich zu tun habe, hat irgendeine Beziehung zur Armut. Ich sorge mich wirklich um die kleinen Kinder, die in Afrika oder Jamaika barfuß durch die Straßen laufen müssen. Oder um die jungen Männer, die ich in amerikanischen Gefängnissen besuche. Die kommen oft aus ärmlichen Verhältnissen und haben es eigentlich nicht verdient, im Gefängnis zu sitzen. Der Knast ist Amerikas Antwort auf die Wirtschaftskrise. In diesem Kontext ist die Armut stets vor meiner Haustür, meine besten Songs handeln von ihr.

Sie sagen, Optimismus sei der Treibstoff Ihrer Hoffnung. Worauf hoffen Sie?
Eine Sache, auf die ich anfangs gehofft hatte, war, dass Präsident Obama in der Lage ist, eine moralische Richtschnur zu ziehen. Die Welt ist zu einem dunklen Ort geworden, und in Amerika hat die Abwesenheit von Moral das Rechtssystem unterminiert. Wenn die Gerechtigkeit in Gefahr ist, dann verfällt die Gesellschaft. Ich hatte gehofft, dass Barack Obama das wieder in Ordnung bringen könnte. Bis zu diesem Moment hat er aber noch keinen Beweis geliefert, ob er die Tragweite des Problems voll verstanden hat.

Sie haben in Hollywood Filme gedreht, Konzerte auf der ganzen Welt gegeben und Millionen Platten verkauft. Aber vor allem haben Sie gegen die Rassentrennung und für die Bürgerrechte gekämpft. Würden Sie rückblickend irgendetwas an Ihrem Leben ändern wollen?
Ja. Ich hätte meine letzte Frau zuerst geheiratet. (lacht) Ich habe schon sehr früh gelernt, dass meine persönliche Herausforderung darin bestand, ein Leben ohne Möglichkeiten ins Gegenteil zu drehen. Ich wollte da raus, ich wollte immer ein erfolgreiches Leben. Aber ich toleriere keine Ungerechtigkeiten. Das ist praktisch in meiner DNA verankert. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, ist es unmöglich, ruhig zu bleiben. Das waren die Voraussetzungen, dass ich in meinem Leben Leute wie Dr. King, Nelson Mandela, Eleanor Roosevelt, Marlon Brando und Rod Steiger begegnet bin. An diesen Erfahrungen würde ich nichts ändern wollen.

Warum waren ausgerechnet Sie ausgewählt worden, mit Staatsoberhäuptern zusammenzusitzen, die Ihre Meinung hören wollten?
Ich gebe Ihnen dafür mal ein Beispiel: Eines Tages bekam ich einen Anruf von einem Mitarbeiter John F. Kennedys. Er sagte, das Center wolle mit mir reden. Kennedy kam dann zu mir nach Hause. Der Grund seines Besuches war die schwarze Symbolfigur Jackie Robinson, der immer ein Anhänger der Demokratischen Partei war, bis sie ihn eines Tages sehr verärgerten. Daraufhin ging der Baseballstar zu den Republikanern, zu Nixon und Eisenhower. Die Demokarten machte das sehr nervös, weil sie befürchteten, ohne Robinson keine Wählerstimmen aus der schwarzen Community zu bekommen. Also suchten sie nach der nächstmöglichen Persönlichkeit, und die sollte ich sein.

Was haben Sie Kennedy gesagt?
Ich wollte auf keinen Fall als billiger Stimmenfänger dienen. Ich sagte ihm: Wenn Sie eine Richtlinie hinsichtlich der Bürgerrechte für Schwarze erarbeiten und unsere Bewegung wirklich verstehen, dann wüsste ich eine Persönlichkeit, die Sie gern unterstützt. Und so nannte ich ihm Martin Luther King. Kennedy hatte diesen Namen zwar mal gehört, wusste aber nicht, wer Dr. King eigentlich war. Ich glaube, er hatte keine guten Berater. Mit der Zeit gelang es uns, den Demokraten ein umfassendes Bild unserer Bewegung zu vermitteln. Später traf ich auch die Präsidenten Johnson, Carter und Clinton, ich habe aber niemals mit einem Republikaner zusammengearbeitet.

»Ich war kein Künstler, der Aktivist geworden war. Ich war ein Aktivist, der Künstler geworden war«, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie viel Macht haben Künstler?
Mein Mentor Paul Robeson sagte einmal, es sei ein großes Abenteuer, ein Künstler zu sein, denn Künstler haben unvorstellbare Macht. Bedeutender als die Macht ist jedoch die Tatsache, dass Künstler die Pförtner am Tor zur Wahrheit sind. Ihre eigentliche Mission ist, die Wahrheit aufzuzeigen und Menschen emotional zu berühren. Im Zuge meiner Arbeit habe ich festgestellt, wie wenig die weißen Amerikaner über die schwarzen wussten und umgekehrt. Um dem abzuhelfen, habe ich vor zehn Jahren die Anthologie »The Long Road To Freedom« herausgebracht - mit Liedern, die den langen Weg in die Freiheit jener Amerikaner nachvollziehen, die einst als Sklaven aus Afrika gekommen waren. Ich habe in der Welt der Pop-Musik angefangen, aber sie war mir auf Dauer zu oberflächlich. Ich wollte tiefer eintauchen und der Öffentlichkeit auch die verborgene Folk-Musik Amerikas präsentieren. Mein »Banana Boat Song« ist ein Lied über Menschen und eine bestimmte Kultur. Als kleiner Junge habe ich in Jamaika beobachtet, wie schwarze karibische Arbeiter Boote mit Bananen beluden. Und dabei sangen sie solche Lieder. Das vorherrschende Klischee unter Weißen war, dass Schwarze glücklich und fröhlich in ihrer Armut waren. Dieses Bild wollte ich korrigieren und einmal die Wahrheit erzählen. Leute wie Woody Guthrie und Leadbelly taten das übrigens auch.

Was treibt Sie im Innersten an?
Ich hasse es zu sagen, dass ich auf einer Mission bin. Aber wahrscheinlich bin ich es. Die Erfahrung der Armut hat mich streng gemacht, jeder Tag, an dem ich mich nicht engagiere, ist ein verlorener. Armut ist mein Antrieb, Reichtum ist langweilig. Meine Zukunft sieht leider nicht besonders strahlend aus, das Alter ist mit Schmerzen und Qualen verbunden. Ich verliere meine Haare und meine Stimme. Und ich kann auf unebenem Boden nicht mehr laufen, weshalb ich einen Stock benutze.

Und dennoch scheinen Sie voller Energie. Woher kriegen Sie die?
Von jungen Menschen. Ich lebe in New York in einer Gegend voller Schwarzer und Latinos. Dort ist auch die überaus starke Gewerkschaft der Gesundheitsbranche zuhause. Ich glaube, die wichtigste Bewegung in Amerika ist derzeit Occupy Wall Street. Die Banken sind die letzten Überbleibsel des römischen Imperiums, der einzige, der fehlt, ist Nero. Ich glaube, Barack Obama kann nicht mal Harfe spielen.

Wie denken Sie über die Occupy Wall Street Bewegung?
Ich hätte nicht erwartet, dass ich solch eine Bewegung junger Amerikaner noch erleben würde. Ich höre da einen gewissen vertrauten Klang: Die Protestierer sind unzufrieden mit den Verhältnissen, sie schlagen Krach, weil sie keine Jobs bekommen und nicht aus Langeweile. Alles, was man über diese Bewegung sagt, sagte man damals auch über uns Bürgerrechtler. Anfangs vermisste ich hinter Occupy Wall Street die Ideologie, aber gerade das ist das Potente an ihr. Keine dieser neuen Stimmen zitiert Marx, aber alle kritisieren den Kapitalismus. Ich arbeite gerade an einem neuen Film, er heißt »Another Night In The Free World« und wagt einen tieferen Blick hinter die Kulissen von Occupy Wall Street. Die Pluralität dieser Bewegung ist verblüffend. Dahinter stecken nicht nur arme Menschen, sondern auch Harvard- und Yale-Absolventen, Künstler und sogar Gang-Mitglieder. Ich glaube, diese Bewegung wird langfristig wirklich etwas verändern.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihren ersten Deutschlandbesuch?
Das war 1957. Ich sollte ein Konzert in Berlin geben, hasste aber die Vorstellung, nach Deutschland zu kommen. Ich mochte nicht, wofür Deutschland stand. Immerhin war ich im Krieg in der Navy gewesen, und nur wenige Jahre danach sollte ich plötzlich in Deutschland auftreten. Diesen Termin wollte ich aus meinem Kalender streichen. Der Boss von RCA Österreich - ein Jude übrigens - rief mich daraufhin an und meinte, ich würde einen Fehler begehen. Erstens sei Deutschland ein wichtiger Markt für einen Sänger wie mich. Zweitens müsste Deutschland sich in eine neue Richtung bewegen, weg von seiner unrühmlichen Vergangenheit. Er sagte, Künstler könnten dabei helfen, die Weltsicht der jungen Deutschen zu prägen. Ich sollte doch hingehen und den Deutschen meine schwarzen und karibischen Wurzeln präsentieren. Wir haben lange debattiert und schließlich willigte ich ein, in Berlin im Titania-Palast aufzutreten.

Welchen Eindruck machte Berlin damals auf Sie?
Als wir in der Stadt eintrafen, standen am Flughafen gerade mal fünf Maschinen. Überall sah man die Silhouetten ausgebombter Gebäude. Mein amerikanischer Bandleader war im Krieg schwer verletzt worden, die Deutschen hatten ihm einen Arm weggeschossen. Er wollte aber unbedingt dieses Konzert dirigieren. Er schaute aufs Orchester und sagte verbittert: »Welcher von diesen Bastarden hat auf mich geschossen?« Die Stimmung war äußerst angespannt. Vor unserem Hotel hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt, die meisten waren blond. Was sie skandierten, klang aus der Ferne wie »Sieg heil!« In Wirklichkeit war es aber »Harry, Harry!«

Hatten Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?
Nun, das Publikum im Theater war zuerst sehr ruhig, bis ich »Hava Nagila« sang - ein hebräisches Volkslied (beginnt mit heiserer Stimme zu singen und auf dem Tisch zu trommeln). Noch bevor ich bei der zweiten Strophe war, begann das Publikum, den Text mitzusingen. Ich glaube, dieser Abend in Berlin war meine zweitgrößte Offenbarung. Eine wirklich seltsame Geschichte: Ich als schwarzer Amerikaner, der zu Hause gegen die Rassentrennung kämpfte, sang auf einmal jüdische Lieder zusammen mit Menschen, dessen direkte Vorfahren die Juden vernichten wollten. Das war das neue Deutschland! Ich wurde sogar gebeten, für eine zweite Show zu bleiben, diesmal sollte ich nur für Leute aus dem Ostsektor singen.

Dennoch sollte es fast 20 Jahre dauern, bis Sie wieder nach Deutschland kamen.
Das hatte damit zu tun, dass ich mich in Amerika immer stärker für die Bewegung engagierte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Martin Luther King und den anderen Freunden. Während sie zu Hause inhaftiert wurden, sang ich in Paris und Berlin. Als ich schließlich wiederkam, war Fritz Rau mein Impresario. Die Tour sollte in Hamburg starten, am selben Tag starb jedoch mein Vater, also musste ich sie verschieben. Ich bin glücklich, dass ich die Chance hatte, dabei zuzusehen, wie Deutschland sich veränderte. Mein allerletztes Konzert habe ich übrigens hier in Hamburg gespielt, das war 2004.

Am 19. April läuft die Dokumentation »Sing Your Song« über Belafontes Karriere und seinen Kampf gegen die Rassentrennung in den Kinos an.
Harry Belafonte: My Song. Die Autobiographie. Kiepenheuer & Witsch, 622 S., Euro 24,99 €.
»Sing Your Song«: USA 201, Regie Susanne Rostock, Produzent Harry Belafonte.
Filmstart 19. April

aus: Neues Deutschland, 14.04.2012

Freitag, 20. April 2012

Lobby statt Molly

aus: Der Freitag, 09.10.2011

Vor 20 Jahren wurde in Ostberlin die Mainzer Straße geräumt. Die ehemaligen Besetzer trafen sich nun bei einer Filmpremiere wieder


Er wolle sich sein eigenes Bild davon machen, „wie die realen Verhältnisse 1990 waren“, sagt ein Student, der am Sonntagabend ins Kino Moviemento in Berlin-Kreuzberg gekommen ist. Er möchte sich ein Stück Geschichte anschauen, er war damals 11 Jahre alt. Der Saal ist mit 120 Leuten voll besetzt, es werden zusätzliche Holzbänke aufgestellt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, die Mainzer wird geräumt! heißt der Film, der hier Premiere feiert. Es ist die Dokumentation der größten Straßenschlacht zwischen Polizei, Hausbesetzern und Sympathisanten im wiedervereinten Berlin.
Regisseurin Katrin Rothe hat 20 Jahre danach mehrere Zeitzeugen befragt: Besetzer aus Ost und West, den Lesebühnen-Star Ahne, den Fotografen Harald Hauswald oder die kürzlich verstorbene Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Die Mainzer Straße war ein Symbol für Ostberlin.

Wohnungsbesetzungen waren im Osten nicht so politisch aufgeladen wie im Westen. Wer illegal in eine Wohnung einzog, machte das nicht aus gesellschaftlichem Protest, sondern aus pragmatischen Gründen. Sogar Angela Merkel war mal Hausbesetzerin. Weil man ihr in der DDR nicht rechtzeitig eine Wohnung zugeteilt hatte, zog sie in Ostberlin einfach in eine leerstehende, erzählte sie in einem Interview. Sie zahlte, anders als westdeutsche Besetzer, sogar Miete. Nach dem Herbst 1989 gab es im Osten dann auch wegen der Ausreisewelle viele leerstehende Gebäude. Und es gab schnell mehr als 100 besetzte Häuser. Eine Zeit, in der die Stadt wie eine große Spielwiese wirkte.

Einfach mal besetzt

Eigentlich wollte er damals nur eine Kneipe gründen, erzählt Ahne. Es sei ihm nicht um eine politische Botschaft, sondern um Party gegangen. Als er die vielen freistehenden Wohnungen sah, haben er und seine Kumpels sie einfach besetzt.

Bastian Krondorfer kam mit anderen Westberliner Schwulen 1990 ins „Tuntenhaus“ in der Mainzer Straße 4. Nach und nach stießen auch politisierte, schwulenbewegte Ossis dazu. „Ost und West blieb bei uns immer Thema. Man wollte das Gleiche, war aber unterschiedlich sozialisiert, auch in der Sprache.“ Für erfahrene Westbesetzer sei die Welt voller Feinde gewesen, erinnert sich Christian Scholz. „Wir hatten dieses Runde-Tisch-Ding im Kopf und mussten uns nicht so produzieren wie die aus dem Westen“. Küchendienstpläne organisierten sie dennoch gemeinsam.

Als am 12. November morgens um 7 Uhr drei besetzte Häuser in Friedrichshain geräumt wurden, demonstrierten die anderen Besetzer und forderten politische Lösungen. Sie errichteten an den Enden der Straße Barrikaden. Molotowcocktails und Steine flogen, Straßenbahnen brannten. Am 14. November begannen 3.000 Polizisten mit Wasserwerfern, Hubschraubern und Tränengas, die Häuser zu räumen. Einige Besetzer hatten sich verbarrikadiert, andere – wie Ahne – versuchten über die Dächer zu fliehen. „Ich kam mir vor wie in einem Slap-Stick, wie bei Dick und Doof“, sagt er im Film. Viele Zuschauer lachen. Als der Abspann läuft, wird es sehr still im Saal, es folgt langer Applaus. Und weil Premiere ist, gibt es hinterher Sekt.

Rien ne va plus

In der Lounge versammeln sich einige Protagonisten des Films und jene, die nochmal deren Heldengeschichten hören wollen. Die Regisseurin hat selbstgebackenen Kuchen mitgebracht. „Bist gar nicht älter geworden“, sagt ein West- zum Ostbesetzer. Sie haben sich seit 20 Jahren nicht gesehen, rekonstruieren erstmal die Strategien von gestern. „Für mich war das damals eine große politische Niederlage“, sagt Bastian Krondorfer, der jetzt Ende 40 ist, in der Aids-Forschung arbeitet und wieder in Kreuzberg lebt. „Mit der Räumung war klar: Rien ne va plus, die sozialen Bewegungen sind am Ende.“ Es klingt wehmütig. Manche Besetzer seien daran zerbrochen, andere hätten sich ins Private zurückgezogen oder sind „Hauseigentümer geworden“. Krondorfer suchte lange nach einem neuen Platz. Er fand ihn in Berlins boomendem Techno-Underground. Viele Besetzer trafen sich in den Nullerjahren auf Raves wieder. Sie feierten erneut in leerstehenden Häusern, doch aus Politaktivisten waren desillusionierte Nihilisten geworden.

Harald Hauswald lehnt im Moviemento an der Bar und lauscht den Besetzern, er hat die Randale 1990 für den Stern fotografiert. Jetzt macht er Reisegeschichten in Osteuropa. „Castor? Vor 20 Jahren wäre ich dabei gewesen.“ Er prostet der Regisseurin zu, sie hat selber in einem besetzten Haus gelebt. 2009 sah sie Berichte über die G8-Ausschreitungen in London und wurde wütend: „Man kann Protest nicht nur auf Krawall reduzieren.“ Sie fing an, der Frage nachzugehen: „Waren wir 1990 militant? Und warum?“ Es klingt spannend, aber die Antwort bleibt aus. Im Film lassen die Veteranen nur die Tage der Anarchie aufleben.

Nur mit einer Telefonkette

Rothe glaubt, es sei wieder Zeit für Protest: „100 verletzte Demonstranten? Die darf es in Deutschland nicht geben“, spielt sie auf die Eskalation bei Stuttgart 21 an. Auf die früheren Hausbesetzer wirken die schwäbischen Bahnhof-Protestler super organisiert, mit modernster Technik und ganzen Schulklassen als Unterstützung. „Wir waren damals auf einfachste Kommunikation angewiesen, nur Telefonketten. Aber es lief“, sagt Christian Scholz. Ab und zu wandert er noch durch die Mainzer Straße, die ihm nun totsaniert erscheint. Am Straßenpflaster könne man aber noch erkennen, „dass es mal offen war“, sagt er. Jeder sieht, was er sehen will.

Für Bastian Krondorfer wird es nach den Ausflügen ins unpolitische Raver-Dasein nun wieder ernst: Er hat gerade eine Räumungsklage am Hals. Der Eigentümer möchte alle Bewohner eines mit Senatsgeldern sanierten Hausprojektes in der Köpenicker Straße loswerden. Krondorfer hat jetzt einen Anwalt. Er möchte politischen Druck nicht mehr mit dem Molly, sondern mit einer Lobby ausüben. Sollte das scheitern, müsse er sich etwas Neues einfallen lassen, sagt er. Die Verhältnisse holen ihn gerade wieder ein.

Mittwoch, 18. April 2012

Auf, auf zum Kampf!

Veranstaltung am 21. April 2012, Conne Island:

Eine kritische Revue zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung anhand ihrer Lieder

Es singt live: Der Hausener Küchenchor
Gespräch mit Prof. Hartmut Fladt (Akademie der Künste Berlin/radioEins) und Bernd Gehrke (freier Autor/Berlin)
Aftershow Salooning mit DJ Eiko

Warum beschäftigt sich eine linke Veranstaltung zwanzig Jahre nach dem Ende des Realsozialismus – noch dazu unterstützt durch einen Chor– mit dem Liedgut der deutschen Arbeiterbewegung? Haftete derartigen Liedern nicht schon in den letzten Jahrzehnten der DDR der Ruch des Veralteten, Vorgeschriebenen, ja Autoritären an? Und wer überhaupt hat heute, wo es keine Arbeiterklasse im herkömmlichen Sinne mehr gibt bzw. man mit deren selbsterklärten RepräsentantInnen besser wenig zu tun haben möchte, überhaupt noch etwas mit Arbeiterkultur zu schaffen? Handelt es sich womöglich um ewig Gestrige mit einem unkritisch affirmativen Bezug auf die Geschichte der Arbeiterbewegung?

Die Tradition von Arbeiterkultur und Arbeiterlied sind mittlerweile weit genug entfernt, um sich ihnen historisch anzunähern, sich ihrem Inhalt und ihrer Form ebenso aus kritischer Perspektive zuzuwenden, wie zugleich ihrer herausragenden Bedeutung für das Verständnis einer linken Kultur und Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Rechnung zu tragen. Aller kritischen Distanz zum Trotz haftet den Platten von Ernst Busch ja noch heute eine emotionale Aura an, die etwas von jenem identifikatorischen Potential offenbart, aus dem die Arbeiterlieder ihre Kraft bezogen. Ihr Blick war in die Zukunft gerichtet, sie gründeten auf einem emphatischen Fortschrittsbegriff und suchten für das historische Projekt einer besseren Zukunft um für den Kampf um die Geschichte zu mobilisieren. Ebenso wie sie deshalb kultureller Ausdruck von kämpferischem Geschichtsoptimismus und Fortschrittsglauben waren, spiegelte sich in den Liedern zugleich die Realgeschichte der Arbeiterbewegung, ihre historischen Rahmenbedingungen wie Wendepunkte. Da sie in der Regel anhand konkreter, für die Linke richtungsweisender oder tragischer Ereignisse entstanden sind, erlaubt ihr Charakter als Gedächtnisreservoir der Linken einen wenngleich ungewöhnlichen, so doch erhellenden Blick auf die Geschichte der Arbeiterbewegung seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Kalten Krieges. Da sie ihrer Funktion als Kampflied nach mobilisierenden Charakter trugen und sich in ihnen Deutungen bestimmter Ereignisse und Konstellationen in besonderer Weise verdichteten, erhöht sich ihre Bedeutung als Zugang zur Geschichte der Arbeiterbewegung sogar noch. In jedem Fall lässt sich an ihren Texten, Entstehungsbedingungen und musikalischen Besonderheiten die Geschichte der deutschen, aber auch der internationalen Arbeiterbewegung in kondensierter Form entschlüsseln.

Die Veranstaltung des Roten Salon will letztlich weder eine affirmative Ehrenrettung des deutschen Arbeiterliedguts betreiben, noch es einfach als ideologisch oder gar reaktionär abtun. Entlang einer Chronologie der deutschen Arbeiterbewegung werden ausgewählte Lieder live durch einen Chor präsentiert. Im moderierten Gespräch mit dem Berliner Musikwissenschaftler Hartmut Fladt werden die Lieder in ihrer Zeit kontextualisiert und ihre thematischen, musikalischen und biographischen Besonderheiten vorgestellt. Die Revue hebt mit dem Beginn des modernen Arbeiterlieds und der Entstehung der deutschen Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, die sich in Abgrenzung zu Kapital und kaiserlichem Obrigkeitsstaat ihre eigene kulturelle Praxis – die Arbeiterkultur, bestehend aus Traditionsvereinen, Jugend- und Sportorganisationen, Spielmannszügen und eben auch Arbeiterchören– schaffte. Sie führt über die Weimarer Republik, als angesichts der aufgeheizten, bürgerkriegsähnlichen politischen Lage und der Entstehung von Massenmedien wie Radio und Film linksradikale Arbeiterkultur, linkes Theater und avantgardistische Literatur einen unerreichten Aufschwung erlebten, bis hin zur enggeführten Auseinandersetzung mit dem europäischen Faschismus und wie sich diese im Liedgut niederschlug. Sie thematisiert den Verlust an Legitimität und Strahlkraft, den das Arbeiterliedgut mit der Durchsetzung der SED-Diktatur nach 1945 erfuhr, ebenso wie seine Renaissance in der Bundesrepublik im Umfeld der K-Gruppen. Zu hören sein werden Stücke wie Auf, auf zum Kampf, Der Rote Wedding, Der Heimliche Aufmarsch, Lied einer deutschen Mutter, Lied der Partei, An die Nachgeborenen und andere mehr.