Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Donnerstag, 24. Mai 2012

Kein Interesse an Nazis

Zum Tod des Historikers Arno Lustiger, der sich mehr für die Opfer des Antisemitismus als für die Antisemiten interessierte.
 
von Tjark Kunstreich, Jungle World, 24.05.2012


Die Nazis hatten sich vorgenommen, die Juden auszurotten. Ihr Vernichtungsfeldzug wurde gestoppt. Die Vorstellung aber, dass eine Welt ohne Juden eine bessere sein könnte, und entsprechende Versuche, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, haben seit 1945 an verschiedenen Orten und unter völlig unterschiedlichen ideologischen Vorzeichen immer wieder Konjunktur. Deswegen gibt es bis heute ein großes Inter­esse am Antisemiten, an den subjektiven Beweggründen für seinen Judenhass und den objektiven Voraussetzungen für dessen mörderische Entfesselung. Mal gilt es, die Beweggründe oder die Voraussetzungen für antisemitische Greueltaten zu historisieren, ein anderes Mal, sie gegeneinander abzuwägen. Immer noch wird unter Historikern darüber gestritten, ob die Vernichtung der Juden eine Folge des Eroberungskrieges oder sein Zweck war.

Arno Lustiger, der am 15. Mai mit 88 Jahren gestorben ist, war einer der wenigen Historiker, die sich für diese Fragen nicht interessierten. Das lag wahrscheinlich daran, dass er gar kein studierter Historiker war. 1924 im polnischen Bedzin geboren, überlebte er die Vernichtung, wie alle anderen, die überlebten: zufällig. Sein Vater und viele Angehörige wurden ermordet. Als einer der wenigen, die die Todesmärsche der Häftlinge überstanden hatten, forderte er 2005, als er am 27. Januar vor dem Bundestag sprach, dass dieser mörderische Höhepunkt des nationalsozialistischen Terrors endlich gründlich historisch untersucht werden müsse. Im April 1945 war er von einem der Todesmärsche geflohen und von Volkssturm-Leuten gefangen genommen worden, konnte abermals fliehen und wurde dann von amerikanischen Soldaten mehr tot als lebendig gefunden.
Den Todesmärschen fielen in den letzten Kriegsmonaten noch einmal Hunderttausende KZ-Häftlinge zum Opfer, bis zuletzt sollten die Spuren der Nazi-Verbrechen vertuscht werden. Und obwohl die Volksgenossen eigentlich um ihr eigenes Überleben kämpften, fanden sie noch Zeit genug, auf geflohene Häftlinge Jagd zu machen. Die Barbarisierung der deutschen Gesellschaft fand in dieser Zeit ihren Höhepunkt, als nicht nur der Krieg in Form alliierter Bomben, sondern auch die Überlebenden der Vernichtung im Osten in den Todesmärschen heimkehrten. Diese Monate bis zum Mai 1945 waren der Beweis dafür, dass die Vision von einer Welt ohne Juden und »Untermenschen« nicht in eine bessere Welt, sondern in die Entfesselung des vormals an die Juden gebundenen Hasses auf ­alles und jeden führt. Die Alliierten haben die Deutschen nicht befreit, sie haben sie in erster Linie davor bewahrt, sich gegenseitig umzubringen; im Osten, indem »die Russen« Angst und Schrecken verbreiteten, im Westen mittels Reeducation.

Lustiger ging nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem Tod lebte, und beteiligte sich am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde. Von 1945 bis 1948 lebte er zusammen mit seiner Mutter und seinen Schwestern im Displaced-Persons-Lager Zeilsheim, arbeitete als Redakteur der jiddischen Zeitung Unterwegs und als Übersetzer für die amerikanischen Truppen. 1950 machte er sich als Textilfabrikant selbstständig, heiratete und bekam zwei Töchter. Lange engagierte sich Lustiger nicht öffentlich, sondern in der von ihm 1951 mitgegründeten Zionistischen Organisation in Deutschland, deren langjähriger Vorsitzender und späterer Ehrenvorsitzender er war. Ein wichtiger Bereich seiner Tätigkeit war die Unterstützung osteuropäischer und sowjetischer ­Juden, die nach Israel ausreisen wollten.

Dieses Interesse an den Juden des Ostens, zu denen er selbst gehörte, und dem ungeheuer­lichen Verrat der Kommunisten, insbesondere Stalins, an ihnen, war das Thema seines Lebens. Nachdem die Töchter aus dem Haus waren und Lustiger genug Geld verdient hatte, um nicht mehr arbeiten zu müssen, begann er ­Mitte der achtziger Jahre mit seinen historischen Forschungen. Sein erstes Buch »Schalom Libertad« erschien 1989 und widmete sich der Beteiligung von Juden am Spanischen Bürgerkrieg. Dass in der kommunistischen wie in der anarchistischen Geschichtsschreibung des Krieges die Beteiligung der Juden ausgeblendet wurde, veranlasste ihn zu einer akribischen Aufrechnung – mit dem Ergebnis, dass die Beteiligung der Juden an der Verteidigung der Republik im Vergleich zu den Angehörigen anderer Nationen überdurchschnittlich hoch war.

Lustigers 1998 erschienenes Werk »Stalin und die Juden« über das Jüdische Antifaschistische Komitee und die Juden in der Sowjetunion verdeutlicht dagegen auf nachdrückliche Weise, dass die sowjetischen Juden, die schon in den dreißiger Jahren während der Moskauer Prozesse immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt waren, sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion an Stalins Seite stellen mussten. Ihnen wurden Hoffnungen gemacht auf einen eigenen Staat, denn auch Stalin wollte die Juden loswerden. Während des Krieges, als die Vernichtung im europäischen Teil der Sowjetunion am grausamsten ins Werk gesetzt wurde, kämpften auch hier sehr viele Juden, sei es als Partisanen, sei es in der Roten Armee, und gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil waren sie auch hier überdurchschnittlich vertreten. Das Ende der Vernichtung und die Niederlage der Deutschen kam, die Befreiung der Juden blieb in der Sowjetunion jedoch aus. Nach 1945 setzte Stalin mehrere antisemitische Kampagnen in Gang, die den Zweck hatten, die Juden als Handelnde aus der Geschichte des Krieges zu streichen. Nach der Gründung Israels 1948 keimte Hoffnung für die sowjetischen Juden auf, als Golda Meir als erste israelische Botschafterin in Moskau von einer begeisterten Menge durch die Straßen getragen wurde. Doch was folgte, waren Hinrichtungen von Juden nach der sogenannten »Ärzteverschwörung« und dem Prozess gegen den tschechoslowakischen Kommunistenführer Rudolf Slansky in Prag. Die bereits geplante Deportation der Juden wurde nach Stalins Tod nicht mehr verwirklicht.

Mit der damals noch recht jungen Jungle World reisten wir Ende der Neunziger mit Lustiger durch einige deutsche Städte, um sein Buch vorzustellen und Werbung für die Zeitung zu machen. Damals wollte das Publikum eher rührselige Geschichten aus dem jüdischen Widerstand hören, garniert mit Partisanenliedern wie »Sag nie, du gehst den letzten Weg«. Der Historiker Lustiger verweigerte sich dem ebenso wie jedem anderen Angebot zur Identifikation. Die sein ganzes Werk durchziehende Intention zielt zum einen auf historische Gerechtigkeit – auf den wissenschaftlichen Nachweis, dass die Juden überproportional am Kampf gegen den Nationalsozialismus beteiligt waren – und zum anderen darauf, ohne dass er es ausgesprochen oder bewusst reflektiert hätte, die Vernichtung als jene Katastrophe darzustellen, als die sie sich für die Juden darstellte. Sein letztes, im vergangenen Jahr erschienenes Buch »Rettungs­widerstand« über nichtjüdische Judenretter vertieft diese Sichtweise auf die Vernichtung. Mit Arno Lustiger ist ein Historiker gestorben, dem es, um es mit Walter Benjamin zu sagen, nicht darum ging, »zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist«, sondern der versucht hat, »sich einer Erinnerung (zu) bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt«.

Donnerstag, 17. Mai 2012

"Die Aufarbeitung beginnt gerade erst" - Interview mit Freke Over

aus: Jungle World, Nr. 45, 11. November 2010
 
Am 9. November 1989 fiel die Mauer, im Frühling wurden in Ostberlin, immer noch Hauptstadt der DDR, über 120 Häuser besetzt. Am 3. Oktober 1990 fand die deutsche Vereinigung statt, am 14. November wurden die besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain geräumt. Dazwischen lag fast ein Jahr ohne staatliche Autorität. Freke Over war vor 20 Jahren Sprecher der Besetzer der Mainzer Straße, später, zwischen 1995 und 2006, wurde er in Friedrichshain auf der Liste der PDS dreimal direkt ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Heute betreibt er in Brandenburg das »Ferienland Luhme« und ist Stadtverordneter in Rheinsberg.
Interview: Ivo Bozic
Wie bist du vor 20 Jahren in die Mainzer Straße gekommen?
Nach dem Mauerfall 1989 hat es mich nach Berlin gezogen, in die damals spannendste Stadt der Welt. Und nachdem am 1. Mai 1990 die Mainzer Straße besetzt worden war, bin ich dort im Juni eingezogen. Damals wurden mangels staatlicher Autorität massenweise Häuser in der DDR besetzt, man konnte einfach in leerstehende Häuser einziehen. Allein in der Mainzer Straße waren zwölf Häuser besetzt, zehn auf der einen und zwei auf der anderen Straßenseite. So entwickelte sich die Mainzer Straße schnell zum Zentrum der Hausbesetzerszene.
Wer waren die Bewohner?
Die kamen aus ganz unterschiedlichen politischen Spektren. Im Vergleich zu den anderen besetzten Häusern in Berlin waren in der Mainzer Straße sehr viele, ja eigentlich hauptsächlich, Wessis.
Wie viele Hausprojekte gab es damals im ­Osten?
120 Häuser, die sich alle mehr oder weniger als politische Projekte verstanden, haben sich im Verhandlungsgremium der besetzten Häuser zusammengeschlossen. Der Sommer 1990 war der kurze Sommer der Anarchie. Wir konnten tun und lassen, was wir wollten, wir konnten unsere Vorstellungen von selbstbestimmtem Wohnen und unzählige Projekte einfach umsetzen. Niemand hinderte uns, die Volkspolizei trat praktisch nicht in Erscheinung.
Wann änderte sich die Lage?
Als im September 1990 der Westberliner Senat zu den Verhandlungen mit dem Ostberliner Magistrat dazukam, wurde schnell klar, dass der Senat kein Interesse hatte, Lösungen für alle Häuser herbeizuführen. Dann kam der 3. Oktober. Am Tag zuvor wurde die Polizeihoheit an Westberlin übertragen, und von diesem Zeitpunkt an mussten auch Räumungen befürchtet werden.
Und es war dann ja auch schon bald soweit.
Am 12. November wurde morgens bekannt, dass drei Häuser geräumt worden seien, zwei in der Pfarrstraße und eines im Prenzlauer Berg, daraufhin sind etwa 70 Leute aus der Mainzer Straße spontan einmal um den Häuserblock gezogen. Dabei wurden auch, wie es heißt, »Barrikaden gebaut« – in Wirklichkeit behinderten zwei Baustellenabsperrungen leicht den Verkehr auf der Frankfurter Allee. Als wir nach zehn Minuten wieder in der Mainzer Straße waren, wurde die Demonstration auch schon mit Wasserwerfern und Räumpanzern angegriffen, wir haben uns schnell in die Häuser zurückgezogen, die Räumpanzer schoben Autos zur Seite, Wasserwerfer zielten auf die Fenster, drückten uns die Scheiben ein, und aus den Fenstern flog dann vieles zurück. So begann die Eskalation.
Es gab dann heftige, viele Stunden dauernde Straßenschlachten im ganzen Kiez.
Ja, bis zum Abend war die Mainzer Straße von Polizei befreit, es wurden Barrikaden errichtet, Gräben ausgehoben. Wir haben aber auch ganz intensiv versucht, Verhandlungen zu erreichen, eine Hamburger Lösung für Berlin zu schaffen. Die Hafenstraße hat ja nach mehrtägigen Straßenschlachten eine Verhandlungslösung erreicht, das war unser Vorbild. Aber für Berlin war das politisch nicht vorgesehen. Die Straße sollte geräumt werden, 1 500 Bereitschaftspolizisten waren an diesem Tag im Einsatz. Aber die massive Gegenwehr von uns und anderen Häusern und auch von der normalen Bevölkerung führte dazu, dass sich die Polizei im Laufe der Nacht aus dem gesamten Kiez zurückziehen musste.
Am nächsten Tag wurden die Barrikaden weiter befestigt und es kamen Journalisten und Schaulustige in Massen.
Am 13. November haben alle möglichen Leute nochmal versucht zu verhandeln. Von Bärbel Bohley über Harald Wolf bis zu Renate Künast, alle waren da. Am Abend haben wir mitbekommen, dass aus Westdeutschland massive Polizeikräfte unterwegs waren, zeitweise war die Autobahn zwischen Braunschweig und Berlin für die Truppentransporte gesperrt. Da wussten wir, jetzt kommen sie mit allem, was sie haben, und am Morgen werden sie angreifen.
Etwa 4 000 Polizisten und 400 Hausbesetzer lieferten sich am 14. November eine der dramatischsten Straßenschlachten der Berliner Nachkriegsgeschichte.
Auf jeden Fall war es das Heftigste, was ich jemals in meinem Leben an staatlicher Gewalt erlebt und gesehen habe. Ich persönlich hätte gerne auf diese Erfahrung verzichtet, aber ich finde es bis heute wichtig und richtig, dass wir diesen Kampf geführt haben, auch wenn wir wussten, dass wir ihn nicht militärisch gewinnen würden. Es wurden von der Polizei tausende Gasgranaten und Gummigeschosse eingesetzt, die damals gar nicht zugelassen waren. Es soll sogar zwei Schussverletzungen durch scharfe Waffen gegeben haben, ob das stimmt, kann ich aber nicht sagen. Für uns war das dafür ausschlaggebend, dass wir uns in die Häuser zurückgezogen haben und dass wir uns dann schließlich auch haben festnehmen lassen, weil wir sagten, das ist es nicht wert, dass hier jemand dabei draufgeht.
Der Grad der Eskalation hat damals viele in eine Art Schock versetzt. In einem der acht besetzten Häuser der Kreutziger Straße nebenan wurden noch am selben Tag Mietverträge unterzeichnet aus Angst vor Räumung. Insgesamt ging es nach der Räumung der Mainzer Straße nur noch ums Legalisieren. War die Räumung der Todesstoß für die Hausbesetzerbewegung als politisches Projekt?
Anders als in den achtziger Jahren, als man mal hier und mal da ein Haus geräumt und den vermeintlich »guten« Besetzern Verträge gegeben hat, ging es bei der Mainzer Straße nur darum, ein für alle Mal die Machtverhältnisse klarzustellen, und zwar nicht nur gegenüber den Besetzern, sondern auch gegenüber der restlichen ostdeutschen Bevölkerung, damit die da gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.
Ein für die Linke derart krasses Ereignis wie dieses hat nicht einen einzigen Jahrestagsritus oder ähnliches nach sich gezogen, wie kann das sein?
Naja, eine Revival-Straßenschlacht halte ich nicht für ein politisch sinnvolles Konzept. Die Häuser der Mainzer Straße waren für uns verloren, die wurden ja auch sofort mit enormem staatlichen Einsatz saniert, den Eigentümern wurde die Sanierung sogar aus staatlichen Mitteln geschenkt. Der Staat hatte Fakten geschaffen. Der 14. November ist für mich nur ein Tag der Depression. Was ich aber schade finde, ist, dass wir nicht diesen kurzen Sommer der Anarchie feiern und dieses tolle Projekt, das wir da alle zusammen in dieser Ausnahmezeit durchgezogen haben.
Was war das Großartige daran?
Wir haben etwa als Straße beschlossen, wir wollen einen Abenteuerspielplatz bauen, und dann haben wir einfach angefangen, das zu tun. Wir haben entschieden, wir wollen ein wenig Verkehrsberuhigung, und einfach angefangen, Blumenkästen aufzustellen. Wir haben versucht, mit den anderen Anwohnern zu gemeinsamen Strukturen zu kommen, ob in der Volxküche oder in unseren Kneipen, Läden, bei Kulturveranstaltungen, Festen. Sicher war nicht alles erfolgreich und gut, aber es war ganz viel Bewegung drin, es war ganz viel möglich, und ganz viel davon war ein gesellschaftliches Ausprobieren.
Und geblieben sind nur solche romantischen Erinnerungen?
Nach der Räumung waren wir anfangs noch ganz euphorisch, wir dachten, es geht irgendwie weiter. Es gab ja eine unfassbar große Solidaritätswelle. Die Bevölkerung brachte ohne Ende Kleidung und andere Spenden vorbei, und Linke aus ganz Europa erklärten sich solidarisch, auf die eine oder andere Weise. Es gab in den nächsten Tagen weltweit Krawalle mit mindestens 15 Millionen Mark Sachschaden. Wir haben eine Weile gebraucht, um zu merken, da geht gar nichts los, das ist jetzt wirklich vorbei. Aber es ist sicher mehr geblieben als die Erinnerung der Beteiligten. Es waren auch nicht nur positive Erfahrungen. Ich glaube, von denen, die die Räumung miterlebt haben, ist keiner ohne kleineren oder größeren Knacks davongekommen, das war für alle eine einschneidende Lebenserfahrung, für manche traumatisch.
Die Abwesenheit der Staatsgewalt in diesem Sommer hatte sicher viele positive Auswirkungen, aber auch negative, etwa die, dass selbst Gewalt ausgeübt werden musste – gegen die in Ostberlin sehr aktiven Neonazis.
Die Nazis haben das Fehlen der staatlichen Gewalt auch ausgenutzt, sie haben in Lichtenberg ebenfalls Häuser besetzt und häufig besetzte Häuser in Friedrichshain angegriffen. Da konnte man sich nicht auf die Polizei verlassen, man musste sich selbst verteidigen. Einmal kam der Chef der Polizeiwache bei uns vorbei und entschuldigte sich, sie seien da neulich nicht gekommen, weil sie so wenige gewesen seien und Angst gehabt hätten, von den Nazis aufs Maul zu kriegen, und ob wir nicht künftig zusammenarbeiten könnten: gemeinsame Funkkanäle, gemeinsame Alarmierung.
Den Job der Polizei haben die Hausbesetzer teilweise ohnehin übernommen.
Wir haben die öffentliche Sicherheit hergestellt, ja. Wir haben originär staatliche Aufgaben wahrgenommen, um die körperliche Unversehrtheit von uns und anderen zu sichern. Es gab eine Wachzentrale, die über Funk mit den anderen besetzten Häusern im Bezirk verbunden war, und wenn irgendwas losging, dann gab es Alarm. Dann: Helme auf, rein in unsere Wanne und hin zum Einsatz. Und es hat dennoch Übergriffe gegeben, die nicht verhindert werden konnten, bis hin zu zwei Entführungen durch Nazis.
Auf der einen Seite gab es diesen unglaublichen Freiraum, auf der anderen Seite bedeutete das, hinter Stacheldraht und Falltüren leben zu müssen. Wenn du das heute abwägst …
Immer lieber den Freiraum als die staatliche Gewalt, auch um den Preis, dass man sich selber kümmern muss. Dann malt man den Stacheldraht halt rosa an.
Nicht jeder empfindet es als Ideal, so ein militarisiertes Leben zu führen.
Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt militarisiert gefühlt, denn es gab keine Hierarchien, sondern im Gegenteil Selbstverantwortung. Aber es stimmt, es war viel Gewalt im öffentlichen Raum, und das war nicht schön, das hat keinen Spaß gemacht.
Würdest du sagen, das Besondere an diesem Sommer war vor allem das einzigartige Machtvakuum?
Der historische Moment hat Dinge möglich gemacht, die jetzt unvorstellbar sind.
Gibt es irgendeine Form der historischen Aufarbeitung dieser Zeit?
Man kann uns jederzeit einladen und uns fragen. Neulich wurde eine Doktorarbeit an der Uni Graz abgelegt zur Mainzer Straße. Und gerade hatte der Interviewfilm »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag – die Mainzer wird geräumt« Premiere. Ich denke, die historische Aufarbeitung beginnt erst so langsam.

Zur Besetzerbewegung in der Mainzer Straße findet sich auf Youtube die zehnteilige Filmreihe »Kollektiv Mainzer Straße – Sag niemals nie«.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Frieden auf Erden und den Menschen die Sintflut

aus: Jungle World, 22.12.2011

Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus. Heute fragt man, wer bombardiert wird. Ein historischer und soziologischer Überblick über den Frieden als Mythos und Politik.

von Rainer Trampert
Das Wort »Frieden« löst Unbehagen aus. Sei friedlich, sagen die Eltern, wenn das Kind den Mund halten soll, und Äcker und Wiesen, unter denen Tote liegen, heißen Friedhöfe. Gegen Carl Knudsen, »der in Boldixum auf Föhr seiner Mutter mit ­einem Hammer schwere Kopfverletzungen beigebracht hatte, denen sie kurz darauf erlegen war«, sei Anklage wegen Mordes erhoben worden, schrieb 1950 die Regionalzeitung. Tatmotiv sei Knudsens Wunsch gewesen, »sich an der Mutter dafür zu rächen, dass sie den letzten Willen ihres Ehemannes nicht geachtet habe. Knudsens Vater hatte als seine Grabschrift den Satz ›Mein Leben war nur Arbeit und Verdruss‹ verlangt. Seine Frau hatte jedoch die Worte ›Ruhe in Frieden‹ anbringen lassen.« Vermutlich wollte seine Mutter nur vermeiden, dass der Verdruss im Leben des Verstorbenen auf sie zurückfällt. Aber Knudsen fand es zynisch, dass ein Leben voller Kummer mit Ruhe und Frieden im Tod vergolten wird.

Es gebe schmutzige Kriege, aber auch »schmierige Frieden«, sagte Ernst Bloch. Christen sind darin Virtuosen. Die friedliche Konfliktbewältigung war nie Gottes Ansinnen. Als er nach dem Schöpfungsakt die Bosheiten der Menschen sah, sprach er: »Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde.« Das hat er wiederholt versucht – mit Sintfluten und Schwefel. Aber der Mensch war zäher als der Dinosaurier. Von Gott stammt der Kanon aller Diktaturen: Wer ihm gehorche, solle leben, »weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden«.

Jesus brach dann mit dem göttlichen Hass auf die Menschen. Doch kaum durften die Christen in Rom mitregieren, verwarfen sie seine Worte und entwickelten Thesen zum »gerechten Krieg« – eine Vorlage für SPD und Grüne. Danach verbrannten sie Frauen und folterten nach Herzenslust, organisierten Kreuzzüge und verfolgten Juden – Martin Luther rief auf, Synagogen anzuzünden –, sie skalpierten Indianer, segneten Hitlers Waffen, Papst Woityla nannte General Pinochet einen »großen Freund der katholischen Kirche«, und sein Großinquisitor Ratzinger exkommunizierte 150 Priester der Befreiungstheologie. Die christliche Gewaltlosigkeit ist nur eine Anweisung an die, die unten sind, ihr Schicksal geduldig zu ertragen.
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Der Landfrieden und der Hauptmann von Köpenick

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Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus, heute fragt man, wer bombardiert wird. Drohnen und Soldaten töten im Auftrag Frieden schaffender, Frieden bringender, erzwingender, erhaltender, sichernder oder Frieden bewahrender Kommandos. Die Umbenennung ist ein Erfolg der Friedensbewegung – vielleicht der einzige. Unter linken Bellizisten ist der Krieg zur Verbreitung der Zivilisation beliebt. Eine Propaganda mit Vor- und Nachteilen. Der Vorteil: Dem Gegner wird die Zivilisation abgesprochen, die eigene muss nicht reflektiert werden, der Soldat wird auf gegnerische Barbaren programmiert, verliert die Hemmungen beim Töten und mutiert selbst zum Barbaren. Das stärkt die Kampfmoral. »Unser Aufzug, bei dem sich das Winseln der Gefangenen mit unserem Jubeln und Lachen vermischte, hatte etwas Urkriegerisches und Barbarisches« (Ernst Jünger). Die Mutation des zivilen Soldaten ist nicht neu. Marx schrieb, die »moderne Zivilisation« gehe in Amerika auf Skalpjagd und hetze in Afrika Kinder zu Tode: »Sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit.« Europa habe »den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt«. Die Nachteile sind, dass die Aversion gegen die westliche Zivilisation und die Gegenaufklärung anschwillt und der Soldat heute nicht mehr auf die Heroisierung seiner Regression zum Urkrieger hoffen kann. Die Ersetzung von Soldaten durch Killerdrohnen wird das Problem nicht lösen.

Auch für die innere Stabilität gibt es viele Frieden: Betriebsfrieden, sozialen Frieden, Arbeitsfrieden, Landfrieden, Burgfrieden und Friedenspflicht. »Frieden« ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch ein Instrument zur Disziplinierung der Gesellschaft, die der Untertan als Lebenssinn antizipiert. »Wenn dein Wille nur ist stille, wirst du von dem Kummer frei! Dein Papa« (Poesiealbum). Keiner verkörperte den Landfrieden so gefühlsduselig wie Heinz Rühmann – privat etwa beim Kindergeburtstag der Goebbels’ und beruflich. In dem Film »Der Hauptmann von Köpenick« nach Carl Zuckmayer sitzt Schuster Voigt für Lappalien zehn Jahre im Gefängnis. Nach der Entlassung besorgt er sich eine Uniform und sammelt Soldaten, mit denen er zum Rathaus von Köpenick marschiert. Er will einen Pass. »Mit dem Geld hätten sie doch weit kommen können, sogar ins Ausland«, sagt der Beamte. »Nee«, sagt Voigt, »sie glauben gar nicht, wie schön Deutschland ist. Ich wollte nicht unter fremder Erde begraben sein.« Der Kaiser war gerührt und begnadigte ihn.
Beim Landfrieden geht es um die Einhaltung der öffentlichen Ordnung in Friedenszeiten. Am 2. November 1959 zogen 40 Jugendliche durch Leipzig und riefen: »Wir wollen keinen Lipsi und keinen Ado Koll, wir wollen Elvis Presley und seinen Rock’n’Roll!« Das Bezirksgericht verurteilte 15 von ihnen wegen Landfriedensbruchs zu bis zu viereinhalb Jahren Haft. In Schwabing wurden 1962 Jugendliche, die zur Gitarre Friedenslieder sangen, des Landfriedensbruchs bezichtigt. Die Polizei ritt in die Menge und löste die Schwabinger Krawalle aus. Für den Landfrieden zog der SPD-Bürgermeister von Stadtoldendorf (Niedersachsen) 1951 mit der NSDAP-Mitgliederliste unter dem Arm und einem Tross Journalisten zum Gaswerk. Dort übergab er die Liste mit 600 Namen auf einer Koksschaufel den Flammen. Davor hatte er auf dem jüdischen Friedhof einen Kranz niedergelegt. Das »dient dem sozialen Frieden«, sagte er, »was hätte passieren können, wenn das Verzeichnis in falsche Hände geraten wäre! Dort sind alle Personen verzeichnet, die heute in der Stadt Rang und Namen besitzen.« Der Stern würdigte den Akt mit einer Story voller Begeisterung und einem Foto von der Feuerluke.

Der Burgfrieden sorgt wiederum in Zeiten hegemonialer Kriege dafür, dass Pazifisten und Sozialisten in Schutzhaft genommen oder umgebracht werden. Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Erich Mühsam wurden ausgebürgert oder in Lagern ermordet, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinterrücks erschossen, während Ernst Jünger, der Bote von der Freude am Töten (»Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht«), von Nazis und Helmut Kohl verehrt wurde. »Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert« (Tucholsky).
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Nibelungen, Opferkult und hilfsbereite Kinder

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Das deutsche Bewusstsein assoziiert traditionell Krieg mit Ehre und Frieden mit Fahnenflucht. Der gute Ruf des Krieges basiert unter anderem darauf, dass die ersehnte deutsche Nation im Krieg geschaffen wurde und dass bedeutende Philosophen den Mythos vom Krieg als Natur des Menschen nach Kräften förderten. Dazu gesellt sich ein bis heute anhaltender deutscher Opferkult, der auf das Nibelungenlied zurückzuführen ist. Ein Nationalmythos, in dem die eigene Sippe am Ende komplett draufgeht, hinterlässt Spuren. Deutsche empfinden sich notorisch als Opfer von irgendetwas: Juden, Franzosen, Amerikaner, Bolschewisten, gelbe Gefahr, Halbstarken, Islam, Globalisierung, Wallstreet. Und wer sich als Opfer fühlt, neigt zu Verschwörungsphantasien und präventiver Gewaltanwendung. Die Kette ist lang. Die SPD wollte 1914 verhindern, dass deutsche Frauen und Kinder »das Opfer russischer Bestialität werden«, die Opferpropaganda der Nazis war uferlos: »Versailler Schandfrieden«, »raffendes Kapital«, »jüdische Weltverschwörung«, »bolschewistische Juden«.

Immanuel Kant meinte: »Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist.« Dass diese These falsch ist, bestätigte jüngst wieder Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut. In allen Tests hätten Kleinkinder wildfremde Menschen, die Hilfe brauchten, vorbehaltlos unterstützt, selbst dann, »wenn ein Spiel sie fesselte« – unabhängig von Eltern und Belohnungen. Das humanistische Menschenbild ist eine der Scheidelinien zum Faschismus, für den der Mensch Wolf unter Wölfen ist – unter Führung eines Alphatieres. Josef Goebbels fand das vermeintliche Naturgesetz auch bei Vögeln: »Die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet für ihn die Eier aus, dafür sorgt der Mann für Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab.« Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.
Friedrich Nietzsche versorgte die deutsche Seele mit Heroismus: »Was ist gut? – (…) nicht Friede überhaupt, sondern der Krieg.« Seine »Übermenschen« seien »frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute (…) davongehen.« Martin Hei­deg­ger ließ das Individuum im »Sein als die Dimension des Ekstatischen der Eksistenz« verschwinden und pries die »innere Wahrheit und Größe der nationalsozialistischen Bewegung«. Heute verehrt Peter Sloterdijk Heidegger, weil er die Epochenfrage gestellt habe: »Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?« Ein Alphatier? Er bangt um das Abendland: »In Bevölkerungen mit starken Jungmänneranteilen« steige »der Bellizismus, indessen überalterte Völker zum Pazifismus neigen«. Man ahnte, dass »Überalterung« etwas Gutes sein muss.

Auch die grüne Antje Vollmer, die häufig vor Kasernen saß, offenbarte sich in ihrem Buch »Der heiße Frieden« als Freundin der Rudelphilosophie. Der »Prozess der Konzentration der Menschenmassen« übersteige »jedes Maß an menschenmöglicher Gastfreundschaft«. Sie wollte aber nicht nur Verständnis für Pogrome äußern, sondern andeuten, dass sie zur völkischen Regeneration taugen. Die »kleine Bewegung des Daumens«, der im römischen Zirkus das Metzeln der Christen auslöste, habe »ihre ordnungsstiftende Binnenwirkung gehabt«, auch der Krieg werde als Stifter eines »Gemeinschaftsgefühls« erfahren. Und so fragte sie: »Zerstören sich Weltreiche also nicht nur durch maßlose Kriege, sondern womöglich gerade dadurch, dass sie sich nicht in Kriegen blutig erneuern?« Die Gegenposition formulierte die herrschsüchtige Rancherin, gespielt von Barbara Stanwyck, in dem Western »Vierzig Gewehre«: »Man soll den Frieden in einem Land nicht auf Gräbern aufbauen.« Etwas philosophischer: Menschen sind nicht von Natur böse, das Übel ist, »dass noch keine Welt ist, in der sie, wie es bei Brecht aufblitzt, nicht mehr böse zu sein brauchen« (Adorno). Um die wäre also zu kämpfen, statt über blutige Erneuerungen zu lamentieren.
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Deutsche Legionäre und der Kampf gegen Kartoffelkäfer

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Selbst nach 1945 wollten viele Deutsche keinen Frieden. Vielleicht der Kriegsversehrte, der auf Beinstumpen hinter einem Pappkarton Druckknöpfe verkaufte. Aber im Westen war die Masse davon überzeugt, der Kalte Krieg beweise doch, dass Hitler die Welt ganz richtig betrachtet habe. Und dass die Vereinigten Staaten nicht an der Seite Deutschlands gen Moskau marschieren wollten, wurde ihnen als Schwäche ausgelegt. In einer Emnid-Umfrage fanden 1949 nur 19 Prozent den »Frieden« wichtig. 60 Prozent der Spiegel-Leser wollten Krieg, 31 Prozent waren für »die Rückeroberung der Ostgebiete«, 16 »für die Erhaltung der westlichen Bürgerfreiheit«, 13 »für den Schutz von Frau und Kind«. In der Ethikskala stand die Eroberung des Ostens weit über dem Leben von Frau und Kind.
Hunderttausende Deutsche zogen gleich wieder in Kriege. 300 000 kämpften in der Fremdenlegion für Frankreich in Indochina und Nordafrika. Heute sind 10 000 in der Legion unterwegs. Als Israel 1948 am Tag der Staatsgründung von fünf arabischen Staaten und den Palästinensern angegriffen wurde, standen deutsche Offiziere den Arabern zur Seite. Die Illustrierte Revue schwärmte: »Die Deutschen sind uns am liebsten, sagten die Syrer und holten sich deutsche Offiziere.« Auf Seiten der Araber »überall deutsche Offiziere«: »General von Strachwitz« kämpfte mit der »ersten illegalen deutschen Militärmission nach dem Kriege« gegen die Juden, Hauptmann Keil führte sein »gefürchtetes Panzer-Rollkommando« dorthin, »wo die Juden Durchbrüche erzielt hatten«, »Leutnant Siebert bildete« arabische Fallschirmjäger aus. »Er galt als Draufgänger«, Oberst Kriebel war »Spezialist für Wüstenkrieg« usw.

Es gab auch die Initiative gegen die Wiederbewaffnung. Sie verabschiedete 1955 in der Frankfurter Paulskirche das »Deutsche Manifest« gegen Wiederbewaffnung und »Zerreißung unseres Volkes«. Der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer, Gustav Heinemann, Professor Gollwitzer und DGB-Redner beschworen das einige Vaterland. Auf dem Saal-Transparent stand: »Wir werden weder für Dollar – noch für Rubel sterben!« Lieber für die Reichsmark? Man sah sich in der »Pflicht gegenüber 18 Millionen Deutschen« in der DDR und allen »östlichen Völkern«, die man »aus der sowjetischen Gewalt herausbringen« wollte. Sie beklagten nicht die Bewaffnung, sondern befürchteten, dass an der Westbindung die Wiedervereinigung scheitern würde. 1957 verfassten dann 18 Wissenschaftler den berühmten »Göttinger Appell« gegen die atomare Bewaffnung. Darin bekannten sie sich zum Kampf der »westlichen Welt gegen den Kommunismus« und zur Atombombe, die einen »wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit« leiste. Aber »ein kleines Land wie die BRD« solle sie nicht haben.

Beide deutschen Staaten pflegten einen ungetrübten Umgang mit Verschwörungen. Die BRD-Propaganda ließ ständig »den Russen« bis zum Atlantik vorrücken, die SED verbreitete 1950, die USA hätten aus Flugzeugen Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen. Plakate zeigten einen Käfer, der in eine US-Flagge gehüllt war: »Kampf für den Frieden – Ami-Käfer sollen unsere Ernte vernichten. Kartoffelkäfer vernichten, ist Kampf gegen die Kriegspläne der Imperialisten. Dein Kampf gegen die Pest aus den USA ist Kampf für den Frieden!« Auch die KPD klebte Plakate mit dem Käfer. Ihrer hatte ein Dollar-Zeichen auf dem Rücken: »Er frisst 10 Milliarden jährlich an Besatzungskosten. Wir arbeiten nicht für Schmarotzer und Besatzer. Wähle Kommunisten!« Dass der Marshall-Plan ausgeblendet wurde, liegt auf der Hand, unerträglich war die Adaption der wenige Jahre vorher von den Nazis herausgegebenen »Kartoffelkäfer-Fibel«, mit der sie das Gerücht verbreitet hatten, amerikanische Bomber würden Kartoffelkäfer abwerfen.
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Scherzartikel des Friedens

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Die DKP überbrückte wacker alle Durststrecken der Friedensbewegungen, bot auf jedem Ostermarsch ihre Algebra an: »Frieden statt Raketen« und »Arbeit statt Raketen«. Das ergibt: »Frieden = Arbeit«. Marx war zwar der Meinung, dass das »internationale Prinzip« der Arbeiterklasse »der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – Arbeit«. Er meinte aber, dass die Menschen im Kommunismus von ihrer Arbeit leben, statt vom Diebstahl fremder Arbeit. Der DKP ging es um Arbeit im Kapitalismus, und da lässt sich ihre Formel nur als Aufruf zum »sozialen Frieden« verstehen. In Anlehnung an Marx strebte Herbert Marcuse die klassenlose »befriedete Gesellschaft« an, in der ein neuer Menschentypus das Leben nicht verdienen müsse, sondern es genießen könne, in der die aggressive Produktivität und der Heroismus dem Frieden, der Schönheit und der Sensibilität zu weichen hätten und sich die Fähigkeiten und Bedürfnisse wirklich freier Individuen entfalten könnten.

Die Friedensbewegten im Bonner Hofgarten hielten es wieder mit dem Nibelungenmythos. Fremde Mächte wollten Deutschland zum »Schlachtfeld« machen, was »unser nationales Interesse« verletze. Gemeint war das der vereinten Nation, die als Fiktion vorweggenommen wurde. Sie warfen sich wie tot auf die Straße, schwelgten im Selbstmitleid. Später musste »der Wahnsinn am Golf die Existenz der gesamten Menschheit« (PDS) gefährden, damit auch Deutsche leiden durften, und: »Die Kölner Jecken wollen nicht verrecken.« Niemand bedrohte sie.

Doch nur die Grünen und ihre Freunde konnten es mit der Verschlagenheit der Christen aufnehmen. Als der deutsche Krieg wieder legitim wurde, stellte sich heraus, dass die Grünen, die an der Brust der Friedensbewegung gezeugt wurden und der Linken mit dem zutreffenden Verdacht, sie würden es mit der Gewaltfreiheit nicht genaunehmen, das Leben erschwert hatten, gar keine Pazifisten waren. Die Lage erforderte ihr Bekenntnis zum Krieg und sie lieferten dafür abgefeimte Begründungen. Die Tageszeitung freute sich über den Golf-Krieg, weil »Saddam in der Tradition des Hitler-Faschismus« stehe, und Joschka Fischer berief sich bei der Bombardierung der Serben auf die Verhinderung von »Auschwitz«. Hitler und Auschwitz waren nun arabische und serbische Phänomene. Unverschämter hätte der Deutschland real oder ideell regierende Teil der 68er den späten Schlussstrich unter der deutschen Geschichte kaum ziehen können. Da blieb fast unbemerkt, dass die hoch gelobte Friedensbewegung der DDR verschwunden war. Rainer Eppelmann von der Initiative »Schwerter zu Pflugscharen« verkaufte noch schnell NVA-Kriegsgerät in der Welt, wissend, dass sie Leben auslöschen würden – das war’s.
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Charakterlose Gleichgültigkeit und die Weisen von Zion

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Die Friedensbewegung existiert nicht mehr und die Kriegsbegeisterung ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Imperialismus führt seine Kriege weit weg im Süden oder in Asien. Man hat mehr Angst um sein Sparbuch als vor dem Krieg, und für den Frieden in anderen Erdteilen fehlt die Empathie. Die charakterlose Abgestumpftheit, mit der Deutsche im Zweiten Weltkrieg Spielsachen jüdischer Kinder in der Kreissammelstelle abholten, äußert sich heute in dem Wunsch, dass die mit Spielzeug beladenen chinesischen Schiffe möglichst nicht von Piraten aufgehalten werden. Man sorgt sich, dass Deutschland wegen der Abstinenz im Krieg gegen Gaddafi von den künftigen Machthabern bei der Ölverteilung übergangen werden könnte.

Bei den Grünen ist Friedenspolitik auf Kurzinterventionen von Christian Ströbele geschrumpft. Prowestliche Linke ziehen in jeden Krieg des Westens. Nicht bedingungslos, die Propaganda muss ihnen versprechen, dass irgendwem »Zivilisation« gebracht werden soll. Dann rufen Antideutsche sogar nach jenem deutschen Militär, das sie in der Traditionen der Wehrmacht einordnen. Die Partei »Die Linke« beantragt noch in alter Friedenstradition, aber ohne Resonanz, den Abzug deutscher Truppen und die Begrenzung der Rüstungsexporte. Bei ihr setzt sich zunehmend durch, dass Kriege dann erlaubt sind, wenn die Uno, in der Despotien in der Mehrheit sind, die Freigabe erteilt. Die Friedensaktionen sind immer häufiger von Ressentiments gegen Amerika und Israel geprägt. Auf Demonstrationen schallt es aus Lautsprechern: »Wir sind alle Hizbollah!«; vorneweg »linke« Abgeordnete.

Bisweilen verschwimmt die Grenze zwischen Friedensaktivisten und Rechtsextremen. Abgeordnete der Linkspartei projizieren ihren antisemitischen Wahn auf totalitäre Organisationen (Hamas, Hizbollah), sofern die nur versichern, Juden vernichten zu wollen. Ein »Bremer Friedensforum« stellte sich – wie früher die SA – mit Schildern vor dem Bauch »Boykottiert israelische Früchte« vor Läden, in denen es jüdische Avocados entdeckt hatte. Nicht nur Christen pflegen »schmierige Frieden«. Die Junge Welt hat »Das Kapital« gegen »Die Protokolle der Weisen von Zion« ausgetauscht. Wussten Sie schon? Hinter den Angriffen auf Muslime in den USA soll sich ein gewisser »Eric Cantor« verbergen! – Was? Den kennen Sie nicht? Das ist doch »der ranghöchste Jude im Kongress und ein führender Vertreter der Pro-Israel-Lobby!« Der Aufstand im Iran für mehr Freiheiten wurde abgefertigt als »konterrevolutionäre Revanche an der islamischen Revolution (…) der Volksklassen«. Der KBW sprach in den siebziger Jahren von »Volksmassen«, als er die Nähe zur Mörderkolonne von Pol Pot suchte.

Dass fast nur noch der Papst und der antisemitische Sumpf im Namen des Friedens unterwegs sind, ist tragisch. Die Sklavenarbeiter in den Minen in den armen Ländern und die Bauern, die von ihrem Land vertrieben werden, damit die reichen Länder mit strategischen Rohstoffen für ihre High-Tech-Industrie versorgt werden und die Böden für den Bedarf an Energie- und Nahrungspflanzen nutzen können, verdienen Unterstützung durch antimilitaristische und antikapitalistische Kämpfe im »Norden« – ebenso Rebellen im arabischen Raum, die sich nicht vom antisemitischen Religionsterror vereinnahmen lassen.

Zweitens ist die Wiederkehr hegemonialer Schlachten evident. Die Konkurrenz der alten und neureichen Imperien (vor allem China) um Mineralien und Böden auf der Welt spitzt sich wegen des siechenden Öls, der klimabedingten Verwüstungen und der Krisen zu, Russland setzt seine Flaggen auf den Grund der Nordmeere, China platzt ökonomisch und militärisch aus den Nähten und beansprucht immer mehr Territorium, andere asiatische Staaten bitten die USA um Schutz, die USA beanspruchen die Führung im asiatisch-pazifischen Raum und kündigen die Aufstockung ihrer Militärpräsenz in Asien an, Europa schwankt zwischen der Bildung eines neuen Machtkerns und dem Zerfall in die Kleinstaaterei.

Kriege wird es geben, solange der Kapitalismus existiert, weil er expandieren muss, sich Märkte, Rohstoffe und fremden Mehrwert aneignen, Investitionen, Transportwege und Sklavenarbeit militärisch sichern muss. Wer das begreift, wird die Worte des Bischofs auf einer Friedenskundgebung: »Lasst bitte keinen Zweifel daran, dass ihr als Friedensbewegung wirklich den Krieg bekämpft und nichts und niemanden sonst« als Aufforderung zum permanenten Krieg verstehen. Man muss mit Dogmatikern der Gewaltfreiheit auskommen, auch wenn sie den Frieden stören – weiter kommt man mit Kurt Hiller, dem Gründer der Gruppe »Revolutionärer Pazifismus«, der nach dem Ersten Weltkrieg erläuterte: »Gewaltloser Pazifismus ist gut als Beschreibung eines Endzielzustandes, als visionäre, eschatologische Malerei, nicht als Anleitung zum Handeln morgen früh.« Morgen früh geht es um die Entehrung und Beseitigung des Krieges und seiner patriotischen, völkischen, ökonomischen und männlichen Wurzeln.

Samstag, 28. April 2012

Michael Stein - Es gibt keine falsche Note

Vorbemerkung von agit: Nächste Woche ist mal wieder Mai-Demo. Michael, wir werden den Zwang zur Lohnarbeit verfluchen und dabei auch an Dich denken.  Dein Todestag jährt sich diesen Oktober zum 5. Mal. Vielen Dank für die Abende mit Dir!

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Quelle: Jungle World Nr. 49, 6. Dezember 2007

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Am 24. Oktober starb Michael Stein an Krebs. Er war Drucker, Kommunist, Saxo­phonist, Journalist, Bassist, Schriftsteller, ­Kabarettist, Situationist, Agitator und ­Budd­hist – alles nacheinander und gleichzeitig zugleich. Er verfluchte den Zwang zur Lohnarbeit, Mahnbescheide und Haftbefehle: Nachrichten aus der Scheinwelt. ­Michael Stein beeinflusste so unterschiedliche Künstler wie Wiglaf Droste und Judith Hermann; die Berliner Lesebühnen prägte er von Beginn an. Er wurde 55 Jahre alt. Das Dossier besorgte Bov Bjerg.


Stein – was
Über den Verweigerer jeder Konvention.

»Stein – was« stand immer auf dem Ablaufplan der Reformbühne, als letzter Beitrag vor der Pause. »Stein – was«, das reflektierte, dass wir im Grunde genommen niemals wussten, was Michael machen würde – einen Text, ein Lied, eine Hassrede oder ein organisiertes Schweigen. Aber etwas würde er machen.

Jeder schien Stein zu kennen. Jeder schien eine oder zwei »Michael-Stein-und-ich«-Geschichten zu haben, wie um sich zu vergewissern. Stets blieb das Gefühl, ihn überhaupt nicht zu kennen. War das, was er sagte, nur ein Spiel mit der Rea­lität, oder war sein Spiel mit der Realität seine wahre Meinung?

Er war der konsequenteste Mensch, den ich kannte. Sein Weg war die Verweigerung jeglicher Konvention. Wenn er eine tolerante Freundin hatte, suchte er Sex mit Männern. Wenn er irgendwo unter allen Umständen willkommen war, unternahm er alles, dort ein Lokalverbot gegen sich zu erwirken, wobei wiederum ein sol­ches Verbot die sicherste Garantie dafür war, ihn regelmäßig in eben diesem Lokal anzutreffen. Als es bei der taz gut für ihn lief, provozierte er seinen Rausschmiss. Als es beim Benno-Ohnesorg-Theater gut für ihn lief, provozierte er seinen Rausschmiss. Als es bei den Vorlesebühnen gut für ihn lief, hörte er auf, Texte zu schreiben. Als es mit dem freien Vortrag gut lief, versuchte er, rassistische und sexistische Versatzstücke vorzutragen. Als diese ihm nicht geglaubt wurden, versuchte er, das Schweigen auf die Bühne zu bringen. An den Lesebühnen ist er gewissermaßen gescheitert. Denn trotz wütender Meinungsäußerungen des Publikums, obwohl wir manchmal überhaupt nicht mit seinem Beitrag einverstanden waren, stand es doch niemals ernsthaft zur Debatte, Michael hinauszuwerfen. Zum einen war das fast unmög­lich, denn was sollten die Kriterien für einen solchen Rauswurf sein? Zum anderen wuss­ten wir immer, dass Michael trotz seines Widerwillens immer einer unserer Besten war. Einmal hatte ich ein Lied vorbereitet, und Michael bot an, mich auf der Gitarre zu begleiten. Ohne zu üben, nahm er die Gitarre und begleitete mich wie ein alter Profi. An einem mäßigen Tag konnte Stein immer noch den besten Text des Abends machen. Wenn einer seiner Auftritte schlimm ankam, steckte dahinter viel mehr Mühe als hin­ter einem bejubelten Beitrag.

Es war sein Spiel, er betrieb es ohne Kompromisse, die er so hasste. Er wollte seinen Weg gehen und wollte dafür keine Anerkennung, aber er wollte auch nicht dabei gestört werden. Lieber ging er ins Gefängnis, als gegenüber den Äm­tern seine bescheidenen Einkommensverhältnisse offen zu legen. Niemals hätte ich geglaubt, dass er bereit sei, diese Konsequenz mit seinem Leben zu bezahlen.
Als das Amt von ihm einen Arztbescheid for­der­te, bat er um ein vorsorgliches Lungenröntgen. Er hatte sich mit den verschiedensten Men­schen die verschiedensten Zigaretten ­geteilt und wollte ausschließen, an Tuberkulose erkrankt zu sein, jetzt, wo er mit einer Frau und seiner neugeborenen, zweiten Tochter zusammenlebte. Es war wie in dem alten Witz: Der Arzt hatte eine gute und eine schlechte Nach­richt für ihn. Die gute war, dass er kein Tbc hatte. Die schlechte, dass es wie Lungenkrebs aussah. Aber, so sagten sie ihm mit frohlockenden Stimmen, »Sie haben unglaubliches Glück! Ihr Krebs ist absolut operabel, seien Sie froh, dass er zufällig entdeckt worden ist, in einem Jahr könnten Sie schon daran gestorben sein!«

War es die absolute Sicherheit, die Einhelligkeit von jedermanns Meinung, der soziale Druck, der so entstanden war? War es die schein­bare Gnade der scheinbaren Staatsärzte – »Wir können Ihnen Leben schenken«? Oder war es anfangs nur die Angst vor einer Operation an der Lunge – es wäre ja nicht die erste gewesen? Oder war zuerst die Angst, und die entwickelte sich dann zu einer Haltung? Es wäre sinnlos gewesen, ihn das zu fragen. Irgendetwas hätte er mir bestimmt geantwortet, aber nichts, das mir weitergeholfen hätte.

Was hätten wir tun, was hätte ich sagen können, damit seine Entscheidung anders gefallen wäre? War es besser, ihm drastisch klarzumachen, welches Wagnis er da eingeht, oder hätte ich ihn warnen sollen vor der Operation? War es vernünftig, an seine Vernunft und Verantwor­tung, wenn schon nicht sich, so doch seiner Frau und seinen Kindern gegenüber zu appellieren, oder hätte ich eine Zeitungsmeldung lancieren können, dass allen Lungenoperierten die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird? Wäre es vielleicht am besten gewesen, Mi­chael die Operation offiziell zu verbieten, mit einem staatlichen Beschluss, damit er alles dafür hätte unternehmen können, sie zu bekommen? An dem Versuch, Michael voraus zu sein, waren schon ganz andere gescheitert, Dutzende Mitarbeiter verschiedener Ämter, Behörden und Staatsgewalten könnten davon Zeugnis ablegen. Ich, der Psychiater, sein Psychiater, wie er mich gern nannte, in völliger Unklarheit über seine geistige Verfassung, rätselnd über seine Motive und Beweggründe. Wenigstens bin ich mir ziemlich sicher, dass ihn das einiger­maßen erfreut hätte.

Wie muss Michael zeitlebens mit sich gekämpft haben. Am Ende seines Lebens wurde das deutlich, als er sich einerseits mit moderns­ten Apparaten immer wieder das Fortschreiten seiner Krankheit anzeigen ließ, andererseits die Konsequenz dieser modernen Diagnostik ver­weigerte. Als er sich immer wieder neue, noch merkwürdigere Heilmethoden suchte, ohne jemals an eine dieser Methoden glauben zu können. Als er eine Vorsorgeuntersuchung machte, um den Tod in Kauf zu nehmen. Als er sich der Schulmedizin verweigerte, um das Ende seines Lebens im schlimmsten Alptraum zu verbringen, den die Schulmedizin bereithält.

Es kann sein, dass Stein lange geglaubt hat, den Tod austricksen zu können. Er hat immer alle ausgetrickst: die Polizei, die BVG, das Arbeitsamt, die Frauen und die Männer. Immer hat er es geschafft. Wie sollte er darauf kommen, dass sich dieser Gegner so unflexibel, so vollkommen ohne Humor, so gänzlich unerschütterlich zeigen würde?

»Stein – was« wird nie mehr auf unserem Zettel stehen. Obwohl es immer unwahrscheinlich war, dass er länger als ich leben würde, war ich unausgesprochen davon überzeugt, dass er bei meiner Beerdigung sprechen und die ganze Veranstaltung mit antisemitischen Sottisen auflockern würde. Schließlich hatte er vor acht Jahren für meine Hochzeitszeitung einen seiner letzten Texte geschrieben. Er schrieb da­rüber, wie wir uns einst kennen gelernt hätten in einem Gebüsch im Tiergarten. »Keck reckte sich mir dein Hintern entgegen« oder so ähnlich. Die Verlockung, die Reaktion der versammelten Großmütter zu sehen, war offensichtlich zu groß. Auf seinen Lippen spielte dabei dieses Lächeln. Spöttisch, herausfordernd, unsicher. In dieser Mischung konnte man einen Hauch von echter Freude entdecken.

Jakob Hein



Frühere Jahre

Über den Musiker

Wer Erinnerungen an Stein zusammenträgt, schreibt auch über sich selbst. Ich komme da nicht drumherum.

Ende der siebziger Jahre war ich ein schüchter­ner Spätstudent und Angehöriger einer Sponti-Musikgruppe namens Trotz & Träume, die aus drei bis fünf Typen bestand, die ihre Instrumen­te knapp beherrschten und jede Menge Lieder zum Überwachungsstaat, zur Terroristenhatz, zum Bi-Sein und Sex oder Liebe verfassten. Als wir Aufnahmen machen wollten, suchten wir Verstärkung.
Die Rockband Pille Palle und die Ötterpötter arbeitete im gleichen Umfeld, das man damals schon anfing, »alternativ« zu nennen, und aus diesem stießen der Trompeter Burkhard, seine Geige spielende Freundin Christiane und der Bassist und Saxophonist Michael Stein zu uns. Wir liehen uns Geld (Vorform von Sponsoring), probten zehn Tage im alternativen Landgasthaus Gems am Bodensee, gaben dort ein gefeiertes Konzert und nahmen dann am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg 36 die geübten Stücke auf: desas­trös schlecht, weil ohne jede Ahnung von der Technik, mit der wir umgingen.

Keiner sagte damals »Stein« zu Stein, wir nann­ten ihn »Micha« und sprachen, ehe wir ihn besser kannten, über ihn als den »Drucker« – er hatte den Ruf eines gewerkschaftlich verwurzelten Kommunisten. Westberliner Kommunist und Arbeiter – das war schon etwas Besonderes. Micha war bei der Arbeit mit uns zurückhaltend und entwarf die schönsten Arrangements. Nichts spielte er glänzend, alles verlässlich gut. Er moch­te unsere Art zu erzählen, ließ aber durchblicken, er selbst schreibe noch ganz andere Stücke, die zeigte er uns damals nicht. Ich erin­nere mich, wie er auf der Bühne der Gems in dem Chaos der Individualisten sich mit seinem Bass in den Rhythmus einwiegte, den wir übernehmen sollten, ein Fels in der Brandung, bis alle es hatten, und wie Christiane, die Geigerin, mich anstieß und seufzte: »Er hält das alles zusammen …«  Kurz darauf waren sie ein Paar.
Ich habe den Stein jener Zeit als freundlichen Praktiker in Erinnerung. Weltveränderungs-Praktiker. Tatsächlich, aus seinen Jackentaschen schauten oft mehrere Kulis. Er warf uns dann und wann Bohemefaulheit vor, und dass er von der Arbeit hergekommen war (oder vom Handwerk, Maschinen-Werk), spielte eine Rolle für ihn und uns.

Genauso wichtig war aber sein Opa, der ihm die musikalischen Freiräume finanzierte – er er­zählte es grinsend und dankbar. Ich weiß, wie begeistert er auf dem Konzert im Max und Moritz war, das wir zum Erscheinen der Platte gaben, und wie skeptisch er mich anschaute, als ich sagte, ab jetzt würde ich meine Doktorarbeit schreiben. Wir waren Ende Zwanzig, und man entscheidet sich, ohne es zu ahnen, für einen der paar möglichen Wege.

Einfach, indem man ihn geht.

Unsere Wege kreuzten sich Anfang der achtziger Jahre wieder, als meine erste LP bei CBS erschienen war. Micha begutachtete mich spöttisch in einem Biergarten in der Nähe des Hermannplatzes, und seine Miene hellte sich auf, als ich erzählte, ein ganzes Zelt Alternativer hätte mich auf dem taz-Fest gerade ausgebuht, weil ich in einem Lied eine junge Frau mit Sol­da­ten übers Ficken hatte plaudern lassen. Er lach­te, und (ich glaube) er sagte: »Die Fotzen«. Jeden­falls stellten wir fest, dass wir ein bestimmtes auferlegtes Pflichtgefühl los waren und etwas freier in der Welt.
Seit ich in der Großbeerenstraße wohnte, kam Micha manchmal vor der Probe im Mehringhof zu mir zum Tee. Im Frühjahr 1984 bot mir die große CBS (kurz »die Firma«) an, eine Tour mit Band zu machen, ich kannte eine Schlagzeu­gerin und bat Micha für alles weitere um Rat. Wir waren dann eine Drei-Mann-Truppe mit Frau am Schlagzeug und einem Techniker, der das Ganze mit viel Hall versah.

Drei Wochen Proben, sechs Wochen touren. Gründlich durchsumpfte Nächte, systematischer Schlafentzug, konsequente Einnahme an- und abturnender Mittel. Durch Universitätsstädte, immer kurz hinter der erfolgreichen Ina Deter her, mal vor 18, mal vor 200 Leuten. War ein anderer Stein, der sich da mit Tom-Waits-Kasset­ten vollaufen ließ, Frauen mitnahm und in Philosophierlaune kam. Wie ein Glimmfeuer, das einen Funken braucht. Sein bleiches Stoppelbartgesicht beim späten Frühstück, gespielter Wutausbruch an der Rezeption, dies große Lachen, eine Nachtfahrt von Mannheim nach Wilhelmshaven, wo er fuhr, ich ihn wachhielt, wir über sowas wie die Aushebelung von Ordnung und Hitze in der Kälte redeten. So, fand ich, spielte er auch Saxophon: reißerisch schräg, heiß im Kalten. An einem Punkt im Konzert ging er jedesmal ans Gesangsmikro, ich mimte Synthibass, Frank Augustin klimperte Jazzklavier, Anja Kießling ließ die Besen tanzen, und Stein sang: »Picknick-Time«, die gegroovte Geschichte eines Schrebergartenmörders, der von seinem Blut­bad nur den schönen Sohn der Familie ausnimmt, jetzt sein Lustwerkzeug, »und wenn ich ihn einmal nicht mehr mag, wird auch er mein Geheimnis bleiben«. Zum Schluss geschrien, in den erschreckten Jubel des Publikums sagte ich meist: »Nach diesem Stück von Bettina Wegner, das Michael Stein gerade gesungen hat … «

Natürlich war die Rede von einer nächsten Platte, und Michas Skepsis gegenüber der Firma war groß. Klar war auch, dass die Profimusiker von Spliff, mit denen ich vorher gearbeitet hatte, diese Tourband nicht ernst nahmen. So wie sie Ton Steine Scherben nicht ernst nahmen. Mit denen hatten wir unterwegs einen Off-Tag in Braunschweig verbracht, Claudia Roth hatte das Hotel gebucht, Rio hatte gegen Morgen thea­tralisch den Portier geohrfeigt, sich entschuldigt, trotzdem war Polizei aufgelaufen, und ich hatte irgendwie zu schlichten versucht. Micha kicherte: »Wie zwei Räuberhäuptlinge.« Rio trennte sich von den Scherben, und mir sagte man: Du hast einen Rockpalast-Auftritt, verscherz’ den nicht.

Es folgt ein Abschnitt, über dessen Verlauf und Wertung sich Stein und ich nie geeinigt haben. Er fand mich zutiefst opportunistisch, ich fand ihn feige. Jedenfalls kam er nicht zu den Probeaufnahmen ins Spliff-Studio, für die ich gebaggert hatte, und dann gab es die Tourband nicht mehr. Es blieb aber ein Text auf meiner LP »Viel zu schön«, der war eigentlich eine Widmung für Micha auf ein Gitarrenriff, das er mir mal gab. Als wir so im Krach auseinanderkamen, machte ich stattdessen eine eigene Melodie, ich wollte stolz sein und nahm das Lied damit auf.
Ich sah ihn erst wieder nach dem Mauerfall, als Kompagnon von Wiglaf Droste, über Regale stürmende Ostler spottend. An jenem Abend im »SO 36« sprach ich ihn noch nicht an, aber bald war die Schranke auf. Spätestens 1994 bei Sarah Schmidts und Frank Augustins Salon Pröppke war nur Freude, uns wiederzusehen, als Notizen­macher, Überlebende der hohlen Kulisse Alternativkultur, die zu Staatsehren drängte, als Wei­termacher. Keine Verträge mehr, keine Ansprüche. Im März 1995 veranstalteten wir unseren einzigen gemeinsamen Abend: »Maurenbrecher und Stein – zwei alte Säcke des Showbizz erinnern sich«, Roter Salon der Volksbühne. Ich habe den Flyer noch, aber nicht das Programm, weiß, dass wir spät anfingen, dass Steins neue Clique dabei war, mit Judith Hermann, Peter Heinze, dieser Clan, der meine Phantasie reizte.

Wir blieben uns nachher nah und fremd. Sahen uns häufig, unternahmen nichts Größeres mehr miteinander. Planten es manchmal.

Guckten uns manchmal an in der Reformbühne, Stein und ich, und er rief mir z. B. bei einem Text von Ahne, wenn ich erstaunt die Augen hob, begeistert zu: »Ja, der lebt auch in seiner eigenen Welt!«

Manche Parallelwelten sind sich so nah.

Manfred Maurenbrecher

»Eigentlich hat mir die Arbeit Spaß gemacht«

Ein Gespräch mit Michael Stein (Sommer 2007)

Warst du jetzt mal wieder bei der Reformbühne oder den Surfpoeten?
Nein. Eine Zeit lang dachte ich, mir fehlt das mit den Auftritten. Ich bin ja dann auch noch eigentlich relativ häufig aufgetreten bis vor zwei Monaten. Nein, das ist erst mal ganz weg.

Ist es zu anstrengend?
Nein, das ist jetzt einfach alles aus dem Mittelpunkt gerückt. Auch das Erzählen. Ich hab’ das ja auch damals thematisiert auf der Bühne mit meiner Diagnose und hab’ auch noch zwei Film­chen gemacht, auch auf der Straße, zum Thema Gesundheit und so weiter. Ich hab’ dann aber auch, was ich schon früher teilweise problematisch fand, alles, was ich tue, immer beobachtet unter: »Wie kann ich’s verwursten?« Ein ständiges Objektivieren. Also, es macht mir zwar Spaß, aber nicht unter dem Druck.
Ich habe immer erzählt, was mir passiert. Auch gezielt passiert. Das ganze Affentheater mit den Kontrolleuren. Das macht zwar Spaß, aber eigentlich ist es kindisch. Nach zehn Mal weißt du, wie der Hase läuft.
Es gibt einige Sachen, bei denen ich mich gefragt habe, wozu ich die eigentlich mache. Eigent­lich nur durch die Erkrankung. Einfach, weil ich grundsätzlicher noch mal nachdenke. Zum Beispiel, was gewesen wäre, wenn ich mich gleich hätte operieren lassen und alles wäre total glatt gelaufen, was zwar unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir’s mal an. Ich hätte mit Sicherheit wieder angefangen zu rauchen und schön weiter gesoffen, weil es eben auch Spaß macht.
Ich will jetzt nicht die Diagnose nutzen, um mich selbst zu erziehen, aber es hat natürlich diesen Charakter: dass ich einfach anders noch mal über alles mögliche nachdenke, also auch über das Auftreten. Und über den Anspruch, den ich eigentlich hatte, nämlich wahrhaftig zu sein. Was ja so nie ganz stimmt auf der Bühne, weil du dann doch immer auf ’ne Pointe aus bist. Wenn ich das gemerkt habe, dann habe ich das destruktiv gewendet und ganz gezielt auf alles verzichtet. Also nicht erst nach der Diagno­se, sondern schon vorher. Schreiben ohne Pointe eben.
Aber – wozu jetzt? Wozu stellste dich auf die Bühne, um das zu machen? Oder über den Tod zu erzählen, was ich häufig gemacht habe, als ich in diesem Hospizverein war. In dieser Weise die gute Laune verderben – warum eigentlich? Mein Ziel war ja nie, schlechte Laune zu schaffen, auch wenn das hin und wieder passiert ist. Ich habe mich schon besser gefühlt, wenn ich das thematisch trotzdem so aufbereiten konnte, dass es goutiert werden konnte. Und da gehört dann eine Pointe schon dazu.
Ich kenn’ das ja auch, wenn man sich so in Rage redet. Es ist dann eben alles komisch. Es hat mir durchaus große Freude bereitet, aber dann hatte ich eben oft auch einen Widerwillen dagegen. Ich hab’ das erlebt, als wir mit Wiglaf und Max Goldt unterwegs waren, und die Leute, als Max Goldt auf die Bühne kam, nur deshalb schon gelacht haben. Er hat sich hingesetzt, hat »Guten Abend!« gesagt, und die Leute haben gelacht. Da kann jetzt Max Goldt nichts dafür.

Dann will man nur noch mit dem Hammer rein, oder?
Jedenfalls in dem letzten halben Jahr … Ich hab’ mich nicht wirklich entfernt, ich denke auch immer wieder nach, was ich jetzt doch noch für die Bühne machen könnte, aber vielleicht ohne selber bei der Vorstellung zu sein. Zum Beispiel mit dem Film. Robert Weber hat ja auch früher öfters Filme gemacht. Aber es ist eben sehr aufwändig.
In erster Linie bin ich jetzt dabei herauszukrie­gen, was wahr ist. Das klingt sehr albern, aber es ist wirklich so. Was wahr ist mit meiner Diag­nose und wie ich damit umgehe, aber auch was wahr ist im Leben. Also wie ich das alles sehe: meinen Konflikt mit dem Arbeitsamt, mei­nen Konflikt mit den Kontrolleuren, und was daran für mich einfach nur völlig eingefahren ist.

Eingefahren?
Zum Beispiel klare Feindbilder, die ich natürlich auch immer wieder hinterfrage. Oder auch bei den Kontrolleuren in der Situation selber, wo das gar keine Feindschaft ist, wo die zum Teil sogar selber lustig drauf reagiert haben. Aber eben all das, was ich tue, und was ich öffentlich auf der Bühne tue, und wie ich mit meinen Frauen umgegangen bin. So wie man eben denkt, wenn man kurz vorm Tod steht. Es ist ja wirklich so. Es ist auf jeden Fall nicht auszuschließen. Und da steht eben das Auftreten nicht vorne, sondern … – »Sondern?« Na ja, mal kieken.
Es ist ähnlich wie damals mit dem Schreiben, dass es mich nicht mehr interessiert. Und ir­gend­wann war es so, dass es gar nicht darum geht, dass es mich nicht mehr interessiert, sondern dass es einfach weg ist. Ich könnte es wahr­scheinlich auch gar nicht mehr. Ich müsste mich erst wieder richtig hinsetzen, um schreiben zu lernen. Und das kann mit dem Auftreten auch passieren. Ich hab das nun jahrelang gemacht, teilweise war es sehr gut, teilweise ist es völlig entglitten. Es kann auch sein, dass es völlig an Bedeutung verliert, dass ich irgendwann gar nicht mehr den Ehrgeiz habe, frei zu reden vor vielen Leuten. Ich hab’ früher immer die bewundert, die das konnten, so Leute wie Kapielski, als ich noch geschrieben habe, also nur geschrieben habe. Oder Höge eben mit seinen Bildervorträgen und so.
Jedenfalls war das für mich unerreichbar, weil man immer davon geprägt war, dass die Sache einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss hat und der Schluss eben immer sehr wichtig ist. Und beim Schreiben geht das ja, da hat man Zeit. Ich hätte mich das nie getraut. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst vorgenommen hab’: »So, ich will das jetzt auch können!« Es kam dann so, weil ich nicht mehr geschrieben habe, und dann fiel mir auch ein, dass das ja das ist, was Kapielski macht oder was Höge macht.

War das von Anfang an bei der Reformbühne so?
Dass ich frei geredet habe? Nein, die Gedanken waren schon noch geschrieben, aber handschrift­lich. Und dann wurden es immer mehr nur noch Notizen. Das hat sich immer mehr verschoben. Irgendwann hatte ich dann nur noch Worte notiert, damit ich überhaupt weiß, was ich erzählen will.

Und die Suche nach der Wahrheit – eher­ medi­tativ?
Ja, eigentlich schon. Man kann nicht wirklich er­zählen, was eine Situation ausmacht. Also, ich kann’s jedenfalls nicht. Das Komplexe, ich dachte, das könnte man am besten im Film darstellen, wenn man eine Stimme erzählen lässt, und gleichzeitig den Dialog. Oder wie Arno Schmidt das gemacht hat, mit den verschiedensten Ebenen: eine Klammer setzen und Klammer in Klammer. Das, was die Leute sagen, und das, was sie dazu denken. Und das, was der Autor da­zu denkt, noch mal in Klammern. Also so eine komplexe Art. Aber so schreibe ich ja nicht. Ich hab’ mich immer eher journalistisch orientiert. Wo mir das eben auffiel, dass man eine Situation nicht wirklich darstellen kann. Dass das eigentlich nur geht, wenn du einen ganz bestimmten Blick, also so ’ne Art Tunnelblick hast und reingehst in die Situation und dann alles andere aus­schaltest, also nur die Reaktion auf dich wahrnimmst. Am besten so wie Hunter Somsn das gemacht hat. Selber die Geschichten erleben, die man schreibt.

Wer?
Hunter S. Thompson. »Angst und Schrecken in Las Vegas« ist von dem. Dass du selber die Si­tua­tion schaffst, über die du dann schreibst.
Nach ’ner Tour saßen Wiglaf und ich in ’ner Pension, bei viel Alkohol. Und dann musste eben auch Wiglaf das eingestehen, dass es so willkürlich ist, über wen man jetzt herzieht und wie schlecht man einen macht. Dass das eigentlich keinen wirklichen Wert hat. Auch wenn man auf der Bühne dabei ganz wichtig guckt, so kritisch. Also Wiglaf macht das ja auch ganz gern. Jetzt hat er einen am Wickel, und da muss man was dazu sagen. Belanglos. Also, hm. Jein.

Er hat im Laufe der Jahre versucht, das zu relativieren, indem er wenigstens zwei Angriffen auch immer eine Liebeserklärung hinterhersetzt, an Peter Hacks oder Johnny Cash … Du machst das alles nicht schreibend, sondern denkend.
Ich könnte es nicht mal notieren. Hin und wieder erzähl’ ich mal was darüber. Wenn ich mit Maja spreche. Oder mit Robert Weber. Aber es ist eben nichts für die Bühne. Es würde nicht funk­tionieren. Man könnte es schon für die Büh­ne machen, wenn man richtig dran arbeitet und dann sagt: Gut, bei aller Relativierung, es ist jetzt auch wieder nur ein Ausschnitt von der Wirklichkeit, aber eben ein sehr kompakter Ausschnitt. So könnte man’s schon machen. Aber das ist nichts, was man schaffen kann, wenn man … – in einem Wochentakt zum Beispiel würde es gar nicht gehen. Als wir das Benno-Ohnesorg-Theater gemacht haben, das war ja im Monatstakt, also selbst das war schon schwierig. Obwohl ich diesen Anspruch gar nicht verwirklichen konnte und auch nicht wollte, es aber immer wieder versucht hab’, trotzdem. Es waren auch viel längere Texte als jetzt bei den Lesebühnen, keine fünf Minuten oder so. Ich hab’ also jedenfalls damals schon teilweise ziemliche Latten geschrie­ben, ’ne Viertelstunde.
Ich finde es sowieso erstaunlich, dass die Leute überhaupt durchhalten, anderthalb Stunden oder länger, einen Text nach dem anderen. Ich könnte mich an nichts mehr erinnern danach.

Ich glaube, es bleibt relativ viel hängen. Gerade bei dir. Ein Gedanke oder eine Formulierung. Oder auch so eine Art Spirit, die Dinge mal in einer bestimmten Perspektive zu sehen.
Ich glaube, dass das nachgelassen hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht mehr die Kraft gehabt habe auf der Bühne oder auch kon­zept­leer war. Oder dass insgesamt der Anspruch zurückgetreten ist, mit dem Publikum mehr zusammen zu machen. Es gab ja zu Anfang noch den Fotzenblock, als wir im Schokoladen waren zum Beispiel, wo man ein paar Mal vor irgendwelchen Demos war, wo dann an die hundert Leute gekommen sind. Was jetzt immer noch so ein bisschen ist bei dieser 2.-Mai-Demo, die ja daran anknüpft. Oder diese Verbindung, wo wir eben Publikumsspiele gemacht haben. Der Problemlaster zum Beispiel, wo die dann Zettel abgeben konnten mit ihren Problemen, und wir haben die dann spontan auf der Bühne gelöst. Diese Sachen sind ein biss­chen weg.
Eine Zeit lang sind die Leute immer wieder gekommen. Die waren dann auch bei einer Demo mit oder sonstwie. Da musstest du nicht jedes Mal neu etwas erläutern, wenn du eine zusammenhängende Geschichte über mehrere Folgen gemacht hast. Das ist jetzt weg.

Vielleicht hat es auch mit der Größe zu tun: dass man sich als Zuschauer nicht mehr als Teil dieser kleinen Sekte versteht, sondern die Distanz zu denen auf der Bühne wächst.
Das kann schon sein. Im Mudd Club hat es sich ja noch eine Zeit lang hingezogen. Es kann schon sein, dass auf Dauer die Größe … Das müsste man mal analysieren.
Das Gespräch mäandert. Es geht jetzt um die Un­ter­schiede der verschiedenen Lesebühnen, um Michael Steins Anfänge bei der Höhnenden Wochenschau, sei­ne Arbeiten fürs Radio, um Krebs und andere Krankheiten – gekürzt, gekürzt, gekürzt – und landet schließ­lich bei Improvisation, Buddhismus und Lohnarbeit.

Auf Stephen Nachmanovitch (1) kam ich im Jahr 2003. Und da kam ich dann auch auf Thich Nath Hanh (2).
Und der erzählt die Geschichte des Improvisa­tions­theaters?

Es geht gar nicht um Theater, es geht um Improvisation. Improvisation in Leben und Kunst. Ausgangspunkt ist die künstlerische Improvisation. Er ist Geiger. Und er fängt eben an mit der Frage: Was inspiriert uns? Wo sind die Blockaden? Wo tritt die Angst ein? Er erweitert auch den Begriff der Kunst. Das alles gilt auch für die Kunst des Lehrens, oder wenn man ein Auto repariert oder wenn jemand ein Arzt ist.
Das ist ja großartig. (lacht und liest) »Hab’ keine Angst vor Fehlern. Es gibt keine.« Ich kenn’ das noch ein bisschen anders von Miles Davis: »Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast.« (3)
Für einen Freund von mir ist das Leben langes Sitzen und Meditieren. Für andere Zen-Buddhis­ten ist Arbeit eben die Meditation, da gibt’s die verschiedensten Entfaltungen. (lacht)

Bei Nachmanovitch musste ich an die Arbeits­debatte denken. Er sagt auch, dass dieser ganze Dualismus Quatsch ist: »Wir machen dies jetzt, um dann die Früchte zu haben.« Genauso in der Kunst: dass man die Kunst betreibt, um dann ein Ergebnis zu erzielen.
Das ist der Punkt. Aber das kriegst du in einer Gesellschaft, wo Lohnarbeit ist, fast nicht weg­gedacht. Aber trotzdem, ich finde das Gedicht gegen die Arbeit mittlerweile erweiterungsbedürftig. Was heißt mittlerweile, seit langem eigentlich.
Ich hab’ das ja oft noch kommentiert, ehe wir das gemacht haben. Also, es ist zwar okay so und gut so, und man sollte es auch gegen (unverständlich) vertreten. Aber eigentlich ist es Schwachsinn. Alles ist ein Fluch der Menschheit. Das ist auch beliebig, weißt du? Geld ist Fluch der Menschheit, Geißel der Menschheit, Krankheit ist eine Geißel der Menschheit (lacht), Ehe ist ’ne Geißel der Menschheit.
Ich weiß noch, wenn ich arbeiten gegangen bin, dann hat das mir auch immer Freude bereitet. In dem Gebet gegen die Arbeit ist ein biss­chen doppelte Moral, weil ich durchaus gern zwischendurch immer wieder in der Druckerei gearbeitet habe. Und mit dem Druckerberuf, das ging ja noch alles in den Siebzigern. Du konn­test ja einfach deinen Beruf aussuchen! Das ist heute unvorstellbar. Ich hab’ noch mit Freude gemacht, was ich gemacht habe, obwohl ich Klassenkampf gemacht habe zeitig. Aber eigentlich hat mir die Arbeit Spaß gemacht.
Trotzdem ist die weitergehende Unterscheidung auch existent. Es gibt zu viele sinnlose Produkte. Das ist vielleicht sogar befriedigend für die Leute, die das machen. Das kann man sogar einräumen, dann haben sie wenigstens was zu tun und kommen nicht auf dumme Gedanken oder so, aber es ist eben sinnlos. Be­stimm­te Produkte, die ich als Drucker auch gedruckt habe, wo ich dann dachte: »Das geht eigentlich nicht. Das müsste man sofort wieder wegschmeißen.« Wir haben ganz viele Prospekte gedruckt. Vierfarbige, richtig aufwändige Teile, wo schon von vornherein klar war: Zehn Prozent werden überhaupt, ach, keine Ahnung … Das hätte man gleich für den Müll …

Was ist denn dann mit uns, wenn wir einen Text schreiben, ein Bild malen? Wir verlangen ja auch Eintritt von unserem Publikum.
In diesem Fall könnte ich es gar nicht mal sagen. Es ist leicht, wenn es ganz offensichtlich etwas Schädliches ist.

Interview: Dan Richter

Erfolg ist ein Gefängnis

Über Professionalität und Opportunismus.

Der Liebende lebt in der Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Liebesbeweise wecken Misstrauen. Liebe ist ein Gefängnis, weil sie dem Geliebten sagt, wer er sein soll. Der Künstler lebt in der Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Im Applaus sieht er schon die Steinigung. Erfolg ist ein Gefängnis.
Vor Publikum frei zu sein, erfordert Überzeugungen. Aber wann werden aus Überzeugungen Vorurteile? Wer ist sich treu und wer reaktionär? Was unterscheidet Professionalität von Opportunismus? Die gesellschaftlichen und per­sönlichen Umstände, unter denen die ersten Lesebühnen entstanden sind, existieren nicht mehr. Wir haben für uns gesprochen, mehr Werbung brauchten wir nicht. Die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum war aufgehoben. Inzwischen sitzt im Publikum das Establishment von morgen, und die Opportunisten von heute stehen auf der Bühne. Der antikapitalistische Konsens der Nachwendezeit besteht nur noch als ironisches Zitat, als Kampf gegen Beck’s und den Milchkaffee.

Sind wir ein Kollektiv oder eine Interessengemeinschaft? Längst brauchen die Lesebühnen ihr Publikum und nicht umgekehrt. Aber der Künstler muss seinen Ruf zerstören, alles andere ist Besitzstandswahrung. Wir werden alt. Wer sich erinnert, wie es war, provoziert die Jugend. Die Reaktion ist ihr Altersrassismus und unsere pädagogische Geduld. Aber anders als Möbel werden Kunstwerke nie unmodern. Bei Stein war Alter keine Größe, es gab nur das Jetzt und den Tod. Und er war nie dort, wohin ihm seine Nachahmer zu folgen glaubten.

Talent ist die Fähigkeit, in gesellschaftlich rele­vante Situationen zu geraten. Stein hat sein Leben in eine gesellschaftlich relevante Situation verwandelt, bis zur Aufgabe des Privaten. Die wenigsten kannten seine Adresse. Wie A­dor­no sagt: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.« Noch den Krebs hat er als Forschungsreise inszeniert. Das erste Mal, dass ich ihn privat erlebt habe, war bei seinem Begräbnis.

Jochen Schmidt

Anmerkungen:

(1) Stephen Nachmanovitch: US-amerikanischer Musiker, geb. 1950
(2) Thich Nath Hanh: vietnamesischer Zen-Buddhist, geb. 1926
(3) Das erwähnte Zitat von Miles Davis: »When you hit a wrong note, it’s the next note that makes it good or bad.«

Montag, 23. April 2012

Bini Adamczak: Hauptsache Nebenwiderspruch - Geschlechtliche Emanzipation und Russische Revolution

von Bini Adamczak

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Im Jahr 1968 veröffentlichte der Stuttgarter Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) ein Plakat mit dem Slogan »Alle reden vom Wetter. Wir nicht«. Schon dass das Motiv von der Deutschen Bahn geklaut war, die lediglich an Stelle der Elektrizitätsbewunderer Marx, Engels und Lenin eine elektrische Lokomotive abgebildet hatte, hätte misstrauisch machen können. Schließlich sollte die Deutsche Bahn bis in die Gegenwart nicht aufhören, über das Wetter zu sprechen, das sich deutschen Pünktlichkeitsnormen gegenüber taub zu stellen scheint. Als die Linke Liste der Universität Frankfurt im Jahr 2002 das Thema wieder aufgriff, kam sie der Wahrheit vermutlich näher. Ihr abgewandelter Slogan hieß »Alle reden vom Wetter. Wir tun was dagegen« und wurde illustriert von der Bauanleitung für eine utopische Wettermaschine. Auch Fragen zu Temperatur, Bewölkung oder Niederschlag spielen eine gewisse Rolle in der Politik und ihrer Geschichte, in der es eben nicht nur schlechte Kleidung gibt, sondern auch schlechtes Wetter. Das gilt auch für die Revolution. Über die deutsche von 1918 schrieb der konservative Antifaschist Sebastian Haffner in seiner Autobiographie »Geschichte eines Deutschen«: »Schon dass der Kriegsausbruch bei prächtigem Sonnenwetter und die Revolution bei nasskaltem Novembernebel vor sich ging, war ein schweres Handicap für die Revolution« – die dann ja auch bekanntlich misslang. Haffner bemerkte es bereits einen Monat später: »Das Schicksal der Revolution war im Grunde besiegelt, als am 24. Dezember die Arbeiter und Matrosen nach siegreicher Straßenschlacht vor dem Schloss sich zerstreuten und nach Hause gingen, um Weihnachten zu feiern.« Demgegenüber fand die Russische Revolution, die im Februar 1917 begann, bessere klimatische Bedingungen vor. Wie der Historiker Orlando Figes vermutet, brach sie wohl auch deswegen aus, weil sich wegen des guten Wetters so viele Menschen auf den Straßen befanden. (1) Schließlich waren es an diesem Tag in Petrograd frühlingshafte fünf Grad unter Null.

Missverständlichkeiten


Der sonnige Tag, an dem die Russische Revolution ihren Anfang nahm, war der 23. Februar 1917, nach westlichem Kalender der 8. März – der Internationale Frauentag. Während der Frauentag zuvor an unterschiedlichen Tagen begangen worden war, sollte er vier Jahre später endgültig auf das Datum des 8. März festgelegt werden, und zwar – auch wenn diese Tradition immer wieder unsichtbar gemacht wurde – genau aufgrund des Ereignisses der Russischen Revolution. Schließlich war es eine größere Anzahl jener Menschen, deren Geschlecht dieser Tag gewidmet ist, die zunächst für Gleichberechtigung demonstrierten, dann für Brot streikten, schließlich zum Stadtzentrum marschierten und »Weg mit dem Zaren« skandierten. Sie trugen Hosen, kurze Haare und immer öfter Gewehre. Einige Tage und Kämpfe später dankte der Zar ab. Wiederum einige Wochen oder Monate darauf traf die Nachricht davon in den Dörfern ein, in denen die absolute Mehrheit der russischen Bevölkerung lebte. Zunächst füllten sich die Kirchen mit weinenden Bauern, die nicht wussten, was nun aus ihnen werden sollte, nachdem ihnen ihr geliebter Zar, immerhin ein Gott auf Erden, genommen worden war. Kurz darauf, als auch die Landeshauptleute und die regionale Polizei entmachtet waren, dankten sie Gott für den Volkssieg und beteten für die neue Regierung. Dann enteigneten sie das Kirchenland, setzten die Priester ab und weigerten sich, weiter für den Gottesdienst zu zahlen.
Nicht nur in den Dörfern, im gesamten Land waren die Reaktionen auf die Revolution sehr unterschiedlich. Manche Russinnen hielten sie für eine »nationale Erhebung« gegen einen zaristischen Hof, von dem es seit einiger Zeit hieß, er sei in Wirklichkeit von Deutschen dominiert worden, andere begrüßten einander mit dem abgewandelten Ostergruß »Russland ist auferstanden!« oder zeigten sich fest davon überzeugt, dass Lügen, Spielen, Stehlen, Fluchen und vor allem Trunkenheit nun auf einen Schlag verschwinden würden. Die Missverständnisse lassen sich nicht ausräumen, noch lassen sie sich zeitlich oder fraktionell ordnen. Denn es wollen nicht nur Gleiche Verschiedenes zu verschiedener Zeit oder Verschiedene Verschiedenes zu gleicher Zeit, sondern auch Gleiche zur gleichen Zeit Verschiedenes. Die Revolution ist – neben anderem – ein Ensemble vielfältiger Missverständnisse, die aber überlagert werden von dem einen Missverständnis – dass alle einander verstehen. Im Augenblick der Erkenntnis ihrer Freiheit zogen die Menschen auf dem Land ihre besten Kleider an, küssten einander und feierten drei Tage lang durch.

Die Revolution ist – neben anderem – das Erleben eines Ereignisses des Einverständnisses und zugleich millionenfaches Missverständnis. Die provisorische Regierung in Petrograd, die Russland zwischen Februar und Oktober 1917 zu regieren versuchte, wollte die vielleicht wichtigste Frage der Revolution, die Frage der Landverteilung nämlich, einer Konstituierenden Versammlung überlassen, für die sie die ersten allgemeinen Wahlen vorbereitete. Bis dahin, so vertrat es die Regierung gegenüber den ungeduldigen Bäuerinnen, wären Inbesitznahmen von adligem Land ungesetzlich. Die Bäuerinnen, bildungshungrig in Sachen Demokratie, verstanden und erließen kurzerhand auf den Bauernversammlungen eigene Gesetze, welche die Enteignungen legitimierten. Während die bürgerlichen Offiziere, wenn sie vom Volk redeten, die Nation meinten, zählten für die bäuerlichen Soldaten die Offiziere selbst nicht zum Volk. Deswegen dürften sie es nicht als einen Widerspruch zur Volksdemokratie begriffen haben, den Herren Offizieren damit zu drohen, sie umzubringen, für den Fall, dass sie den Vormarsch befehlen sollten. Von solcher Missverständlichkeit blieben auch die kommunistischen Parolen nicht verschont. Die Konzeption des »Schützengraben-Bolschewismus« durch einfache Soldaten beschrieb ein hoher Offizier, General Brussilow, so: »Sie wollten nur das eine: Frieden, damit sie nach Hause gehen, die Gutsbesitzer ausrauben und frei leben konnten, ohne Steuern zu zahlen oder irgendeine Autorität anzuerkennen. Sie hatten nicht die leiseste Ahnung von den Parteien noch von irgendeinem Kommunismus oder der Unterteilung in Arbeiter und Bauern, aber sie träumten davon, zu Hause ohne Gesetz oder Gutsbesitzer zu leben. Diese anarchistische Freiheit nannten sie Bolschewismus.«

Viele Soldatinnen schienen der Meinung zu sein, dass es sich bei »Annexionen«, von denen in der Parole »Frieden ohne Annexionen« die Rede war, um Länder auf dem Balkan handelte, oder hielten die »Internationale« für eine Gottheit. Während der frühen zwanziger Jahre kam auch der antisemitische Antikommunist Henry Ford aufgrund der durchgesetzten »sozialistischen« Rationalisierung und Taylorisierung zu einem ähnlichen Ruhm: Viele Menschen vermuteten, dass es sich bei ihm um eine Art Gott handele, der hinter Lenin und Trotzki stehe. Doch entgegen dem Hochmut des bürgerlichen Historikers und seiner hochgeborenen Zeitzeuginnen hatten sie auch Recht. Ein nationaler Volksbegriff war immer schon wenig revolutionär, geschweige denn emanzipatorisch. Vor allem aber waren Land durch »wilde« Enteignung und Frieden durch Desertion faktisch die Quintessenz der Revolution von 1917, welcher der Bolschewismus in einem kurzen historischen Moment ihren politischen Namen gegeben hatte. Doch entscheidend ist weniger, das Missverständnis im Nachhinein durch Parteinahme und Sortierung auszuräumen, sondern der Umstand, dass es sich nicht ausräumen lässt. Es lässt sich ausräumen nur auf Kosten der Revolution.
Genauso wird aber das bolschewistische Politikmodell lesbar, als Versuch, die Vielstimmigkeit der Revolution wieder zum Verstummen zu bringen: in einer Bewegung, die kaum, dass sie die Macht der Räte gefordert hat, erst die bürgerlichen Parteien verbietet, dann die sozialdemokratischen, sozialrevolutionären, anarchistischen Organisationen und Zeitungen zerschlägt, um bald darauf die innerparteiliche Opposition zu unterbinden und schließlich abweichende Gedanken unter Strafe zu stellen. Das Bemühen, die Polyphonie der Revolution auf Linie zu bringen, offenbarte Lenin bereits 1918: »Jede maschinelle Großindustrie (…) erfordert die bedingungslose und strengste Einheit des Willens. (… ) Aber wie kann die strengste Einheit des Willens gesichert werden? Durch die Unterordnung des Willens von Tausenden unter den Willen eines einzigen. Die Revolution hat soeben die ältesten, die stärksten und schwersten Fesseln, denen sich die Massen unter der Knute unterworfen hatten, zerschlagen. Das war gestern. Heute aber fordert dieselbe Revolution, und zwar im Interesse des Sozialismus, die widerspruchslose Unterordnung der Massen unter den einheitlichen Willen der Leiter des Arbeitsprozesses.« (2)

Von solchen Äußerungen wird sich nicht nur Lenins alter Lehrer, der Sozialdemokrat Karl Kautsky, missverstanden gefühlt haben, der analysierte, im Sozialismus solle die Stellung der Arbeiterinnen noch unter das Niveau des Kapitalismus gedrückt werden, oder auch der Revolutionär Victor Serge, der bei seiner Ankunft in Russland 1918 in ähnlichen Verlautbarungen Grigori Sinowjews, des Vorsitzenden der Petrograder Sowjets, eine »Theorie der Erstickung aller Freiheit« entdeckte. (3) Von diesem Autoritarismus dürften sich vor allem auch alle Arbeiterinnen verarscht gefühlt haben, die mit der Forderung der »Arbeiterkontrolle« in den Aufstand gegen die Autoritäten gezogen waren.
In der Revolution überlagerten sich diverse Affekte, Hass auf alle Autoritäten, Sehnsucht nach Freiheit wie nach Rache und viele andere mehr. Bäuerinnen verhafteten ihre Priester, Hausangestellte zogen in die großen Wohnzimmer und verbannten ihre vorherigen Herrinnen in die kleinen Kammern, sogenannte Frauen rasierten sich die Haare und forderten gleichen Lohn, Kellner demonstrierten gegen Trinkgelder, Prostituierte streikten und Soldatinnen forderten in Solidarität mit den streikenden Arbeiterinnen den 8-Stunden-Tag für Kriegseinsätze. Zugleich wurden Adlige vergewaltigt, Diebe gelyncht und Fremd- oder Reichaussehende verprügelt. Hierin, und nicht in der Einsetzung einer provisorischen demokratischen Regierung oder in der Absetzung dieser Regierung, besteht das Ereignis der Revolution. Die Enteignungen von Großgrundbesitz, die bereits seit Monaten »wild« stattgefunden hatten, nahmen zu, nachdem ein Sozialrevolutionär Agrarminister geworden war, noch mehr, nachdem die bolschewistische Regierung sie »legalisiert« hatte. Nach den Erfahrungen der brutalen Rache, die das zaristische Regime nach dem niedergeworfenen Revolutionsversuch von 1905 an den Bäuerinnen genommen hatte, wussten diese um die Schwierigkeit, lokale Revolutionen gegen eine organisierte Konterrevolution zu verteidigen. Eine Revolution, die (was wünschenswert wäre) das Machtzentrum unbesetzt lassen will, muss zugleich Vorsorge treffen, dass es nicht von anderer Seite besetzt wird. Ein Vakuum hat die Eigenschaft, allerlei Dreck anzuziehen. Zu viele Niederlagen in Revolutionen – von Frankreich 1848 über Spanien 1936 bis Ägypten 2011 – warnen davor, die Bedeutung des fortgesetzten Kampfes um und gegen die Staatsmacht zu unterschätzen.

Aber auch das so häufig auf seinen historisch-logischen Begriff gebrachte große Ereignis – Ergreifung der Staatsmacht – wird von der Uneindeutigkeit heimgesucht, von der es sich in seiner präzisen militärischen Organisation abzuheben sucht. Die Oktoberrevolution, die zu ihrem zehnjährigen Jubiläum von der Sowjetregierung fürs Kino Eisensteins gedächtniswirksam als Erhebung der Massen inszeniert wurde, erscheint mit etwas Sympathie fürs Detail als konspirativer Putsch in Form einer Kette von Missgeschicken und Missverständnissen. Angesetzt hatte ihn Lenin gegen den Widerstand seiner Partei auf die Mittagszeit des 25. Oktober, da an diesem Tag der allgemeine Rätekongress tagte, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die seit langem erhobene Forderung »Alle Macht den Räten« realisiert und die Entmachtung der provisorischen Regierung beschlossen hätte. Aber die Erstürmung des Winterpalais durch die bolschewistische Militärorganisation, die den Räten vorgreifen und den Bolschewiki einen strategischen Vorteil bringen sollte, musste mehrfach verschoben werden – zunächst auf 15, dann auf 18 Uhr, dann wurde auf eine feste Zeit gleich ganz verzichtet. Im entscheidenden Moment stellte sich heraus, dass es keine rote Lampe gab, die das vereinbarte Startsignal hätte geben sollen. Der Kommissar, der die rote Lampe holen sollte, verlief sich in der Dunkelheit, fiel in eine Schlammgrube und kehrte mit einer Lampe zurück, die sich weder am Fahnenmast befestigen ließ noch überhaupt rot war. Schließlich behauptete Lenin, um die historische Chance auf die Diktatur seiner Partei nicht verstreichen zu lassen, die Regierung sei gestürzt, obwohl noch nichts dergleichen geschehen war. Als die Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre am späten Abend aus Protest gegen die gewaltsame Entmachtung der provisorischen Regierung den Rätekongress verließen und damit das Feld der Macht räumten, war der Angriff auf das Winterpalais noch in vollem Gange. Aber kaum waren die Minister verhaftet, entdeckten die bolschewistischen Arbeiter den riesigen Weinkeller des Winterpalais und begannen ein Saufgelage, das durch keine Disziplin gestoppt werden konnte. Die zur Bewachung des Schatzes abgestellten Kommissare waren nach kürzester Zeit betrunken und der auf die Straße gepumpte Wein wurde aus den Rinnsteinen genossen. Rückblickend mag die glorreiche Stürmung des Winterpalais somit als Missverständnis erscheinen, als die Eroberung eines von wenigen Ministern schlecht bewachten Weinkellers.

Bedürftigkeiten


Vielleicht war die am meisten missverstandene Theoretikerin der Revolution – kurz vor oder kurz nach Marx – Alexandra Kollontai. Zumindest wurden ihre Polemiken gegen repressive Sexualmoral recht unterschiedlich verstanden. Die Forderung nach freier Liebe – frei von klerikal-staatlichen Eingriffen, ökonomischen Zwängen, patriarchaler Gewalt (4) – interpretierte das Fürsorgeamt in Saratow im Sinne eines »Dekrets zur Verstaatlichung von Frauen«, mit dem es die Ehe abschaffte und sogenannten Männern das Recht auf genehmigte Bordelle zusprach. In Wladimir erstellte das »Büro der freien Liebe« einen Aufruf an alle unverheirateten Frauen zwischen 18 und 50, sich zu registrieren, damit Sexualpartner für sie ausgewählt werden könnten. Im Interesse des Staates, den Kollontai weitgehend aus den sexuellen Beziehungen heraushalten wollte, sollten sogenannte Männer das Recht erhalten, sich unter den Registrierten, auch ohne deren Zustimmung, eine Partnerin zur Fortpflanzung auszusuchen. Gleichzeitig durfte sich die Marxistin Kollontai, weil sie den Klassenkampf durch einen Geschlechterkampf ersetzt habe, von einer Genossin aus der kommunistischen Frauenorganisation Zenotel als »Kommunistin mit einer soliden Dosis feministischen Mülls« beschimpfen lassen. Als 1926 Mitglieder der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol an einer Gruppenvergewaltigung teilnahmen, wurde dies auf eine von Kollontai inspirierte Theorie der sexuellen Befreiung zurückgeführt. Der einflussreiche Pädagoge und Sublimationstheoretiker Aron Zalkind hatte schon vorher Kollontai kritisch in seinen »Zwölf sexuellen Geboten« erwähnt. Sie habe vergessen darüber zu informieren, dass die Protagonistin ihrer berühmten Novelle »Liebe der drei Generationen«, welche für sich die gleichen sexuellen Rechte in Anspruch nahm, die traditionell für sogenannte Jungen galten, unter Satyriasis (dem männlichen Gegenstück zur Nymphomanie) leide. Freizügige, häufige Sexualität galt diesen Sowjetideologinnen als ungesunde Energieverschwendung, vor allem aber als unkommunistische Ablenkung von der Arbeit. Zu diesem »Anti-Kollontai« dürfte auch Lenin beigetragen haben, der im Interview mit der deutschen Sozialdemokratin Clara Zetkin einen bemerkenswerten Kommentar zur Alexandra Kollontai zugeschriebenen »Glaswassertheorie« abgab, von der er meinte, sie habe »unsere Jugend toll gemacht, ganz toll«. (5) Die Glaswassertheorie der sowjetischen zwanziger Jahre funktionierte dabei anders als der in den achtziger Jahren auf westdeutschen Spielplätzen kursierende Witz, der ein Glas Wasser als Verhütungsmethode anbot – anstelle von reproduktiver Sexualität. Sie benannte die Ansicht, dass Sexualität ein ebenso einfaches Bedürfnis wie Hunger oder Durst sei und dementsprechend ohne weitere romantische Komplikationen befriedigt werden könne. Lenin antwortete: »Nun gewiss! Durst will befriedigt sein. Aber wird sich der normale Mensch unter normalen Bedingungen in den Straßenkot legen und aus einer Pfütze trinken? Oder auch nur aus einem Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist? ( … ) Zur Liebe gehören zwei, und ein drittes, ein neues Leben entsteht. In diesem Tatbestand liegt ein Gesellschaftsinteresse, eine Pflicht gegen die Gemeinschaft.« (6) In der Rückführung von Sexualität auf Reproduktion der Gattung und deren Bestimmung als gemeinschaftliche Pflicht stimmte Lenin – einschließlich der biopolitischen und eugenischen Implikationen – mit seinen Kontrahentinnen überein. Durch die Verbildlichung nichtmonogamer oder ungezügelter Sexualität als Glas, dessen Rand fettig von vielen Lippen ist, rief er allerdings nicht nur den in der frühen Sowjetunion prominenten Hygienediskurs auf, sondern vor allem eine klassische heterosexistische Gedankenfigur, die freie weibliche Sexualität mit dem Verlust einer gewissen »Ehre« oder »Reinheit« und damit auch respektabler Attraktivität ver­knüpft(e). (7)

Sein profundes Verständnis sexueller Herrschaft und Befreiung hatte Lenin eher unbeabsichtigt schon in »Staat und Revolution« offenbart, seinem letzten Text vor der Revolution, der zugleich sein staatskritischster war: »Allein der Kommunismus macht den Staat völlig überflüssig, denn es ist niemand niederzuhalten, ›niemand‹ im Sinne einer Klasse, im Sinne des systematischen Kampfes gegen einen bestimmten Teil der Bevölkerung. Wir sind keine Utopisten und leugnen durchaus nicht die Möglichkeit und Unvermeidlichkeit von Ausschreitungen einzelner Personen und ebenso wenig die Notwendigkeit, solche Ausschreitungen zu unterdrücken. Aber dazu bedarf es (…) keines besonderen Unterdrückungsapparats; das wird das bewaffnete Volk selbst mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit bewerkstelligen, mit der eine beliebige Gruppe zivilisierter Menschen sogar in der heutigen Gesellschaft Raufende auseinanderbringt oder eine Frau vor Gewalt schützt.« (8)

Der Kommunismus, sagte Lenin damit wider Willen, würde ebenso frei von Staat sein wie der Kapitalismus frei von sexistischer Gewalt. Anders als mit optimistischeren Voraussagen lag er mit dieser Prognose sehr nah an der tatsächlich wenig utopischen Wahrheit des realen Sozialismus. Die Abgrenzung von der Utopie erfolgte hier in zweifacher Hinsicht. Zum einen wird ein paradiesisches Imago des Kommunismus durch die Behauptung der »Unvermeidlichkeit« einer gewissen Gewalt und der »Notwendigkeit« ihrer – gewaltsamen – Unterdrückung durchkreuzt. Zum anderen wird die Möglichkeit dieser Unterdrückung schon in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgemacht, die damit bereits Momente der zukünftigen enthält. Aber das wenig unschuldige Beispiel der »zu beschützenden Frau« gibt Auskunft über die Voraussetzungen dieses Arguments einer scheinbar voraussetzungslosen Gewalt »Einzelner«. Die Annahme, dass eine nicht allzu beliebige Gruppe Menschen in aller Zukunft weiterhin auf Schutz angewiesen bleiben müsse – das heißt erstens, dass sie nicht in der Lage sein werde, sich selbst zu schützen, zweitens, dass sie sich der Gewalt immer wieder als geeignetes Objekt anbieten werde –, gilt Lenin als ahistorisch und deren Gegenthese somit als utopisch. Verdeckt wird damit der »systematische Kampf gegen einen bestimmten Teil der Bevölkerung«, durch welchen die geschlechtliche Klasse nicht unähnlich der ökonomischen »niedergehalten«, hervorgebracht und bestätigt wird. Die Politik der Russischen Revolution, auch als bolschewistische, ging hier über Lenins beschränktes Vorstellungsvermögen hinaus. Wenn auch nicht über seine Staatstheorie, deren Anwendbarkeit Lenin in diesem Fall nicht gegeben sah. Denn in der Bekämpfung der – im marxistischen Diskurs der Sowjetunion nicht sogenannten – Geschlechterklassen und der männlichen Herrschaft war es eben der Staat, dem die zentrale Rolle zugedacht war.

Denkbarkeiten


Sexuelle und geschlechtliche Emanzipation wurde in der sozialistischen Theorie – von Engels über Bebel, Zetkin, Kollontai – im Rahmen einer Kritik der Familie konzipiert, die selbst als in Auflösung begriffen gedacht wurde. Die vorbürgerliche wie die kleinbürgerliche Familie gilt dieser Theorie als Produktionseinheit, die auf Grundlage einer auch geschlechtlichen Arbeitsteilung die für die Reproduktion ihrer Mitglieder notwendigen Lebensmittel bereitstellt. In dem Moment, in dem die (kapitalistische) Industrie Textilien, Nahrung, Werkzeuge billiger zur Verfügung stellen kann, verliert die Familie zentrale »produktive« Funktionen und gerät in eine Krise, die mit der weiblichen Lohnarbeit zugleich eine Krise der patriarchalen hierarchischen Arbeitsteilung ist. In klassisch teleologischer Manier besteht die Aufgabe des Sozialismus darin, die im Kapitalismus begonnene Tendenz zum Absterben der Familie und des in ihr institutionalisierten Sexismus durch die Sozialisierung zu Ende zu bringen, das heißt Vergesellschaftung oder leider eher Verstaatlichung ihrer verbliebenen Funktionen. Wenn Kinder von großen demokratischen und antiautoritären Institutionen aufgezogen werden, Essen nicht mehr in Kleinküchen, sondern in öffentlichen Kantinen zubereitet wird, Alte und Kranke nicht länger von sogenannten Angehörigen gepflegt werden und die Reinigung der Wohnungen nicht mehr privat organisiert wird, dann ist die Familie gänzlich überflüssig und stirbt ab. Und mit ihr die geschlechtliche Arbeitsteilung, also die Grundlage der Geschlechterdifferenz samt der auf Aneignung unbezahlter Reproduktionsarbeit basierenden sexistischen Ausbeutung. Statt sich lange – wie der westliche Feminismus – um Veränderungen innerhalb der Familie zu bemühen, proklamiert der sozialistische direkt deren Abschaffung: »Unsere Aufgabe besteht nicht im Streben nach Gerechtigkeit in der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Unsere Aufgabe ist, Männer wie Frauen von der Arbeit im Kleinfamilienhaushalt zu befreien.« (9)
Das Problem dieser Konzeption wird deutlich, wenn die als Verstaatlichung konzipierte Vergesellschaftung der Hausarbeit aufgrund ökonomischer Umstände nicht gelingt, weil sich öffentliche Speisung, Reformheime, Kindertagesstätten usw. als Sozialausgaben niederschlagen, an denen der sozialistische Staat wie jeder kapitalistische zuerst kürzt. Die auf die Produktivkraftentwicklung fokussierte Teleologie dieses historischen Materialismus suggeriert, dass Freiheit zur Wahl nur gewährt werden könne und dürfe, wenn durch Einsicht in die Notwendigkeit und deren materielle Bearbeitung alle Möglichkeiten versammelt sind. Nur unter der Bedingung des vollkommenen Überflusses kann Freiheit existieren. Erst wenn Arbeit produktiver ist, darf sie anfangen Spaß zu machen, erst wenn der Zug im Bahnhof steht, dürfen alle mal ans Steuer, erst wenn der Staat fähig ist, sämtliche reproduktiven Arbeiten zu übernehmen, kann die geschlechtliche Ausbeutung abgeschafft werden. Hauptsache Nebenwiderspruch: Erst kommt der Reichtum, dann die Demokratie. Insofern liegt die Familie als kostengünstige Alternative – zumindest übergangsweise – wieder nahe. Und selbst nach gestiegener Produktivkraftentwicklung blieb bis in die späten Achtziger im Wirkungsbereich der Sowjetunion der nicht vergesellschaftete Rest, der an notwendiger Arbeit bis zur totalen Robotisierung immer noch anfällt, in der Hauptsache sogenannten Frauen überlassen.

Der Grund dafür liegt, wie etwa Felicita Reuschling argumentiert, in der Abwertung jener notwendigen Arbeiten, die als »reproduktiv« gefasst werden. (10) Diese gelten als rückständig, stumpf, unproduktiv-repetitiv und – größtmögliches Schimpfwort – kleinbürgerlich. Auch Lenin polterte in dem Interview, das er Clara Zetkin gab, gegen die »kleinliche, eintönige, kraft- und zeitzersplitternde und verzehrende Arbeit im Einzelhaushalt«, an welcher die Frauen verkümmerten, so »dass ihr Geist dabei eng und matt, ihr Herzschlag träge, ihr Wille schwach wird«. (11) So wenig sich diese Kritik der »Sklaverei des Spülbeckens« (Maria dalla Costa) abweisen lässt, so erstaunlich ist doch umgekehrt, dass im Kontrast dazu die Fabrikarbeit, zumal die diszipliniert-militarisierte, in solch glänzendem Licht erscheint. Erstaunlich bleibt auch, dass eine stumpfe, rückständige Arbeit entweder vom Staat überflüssig gemacht wird oder von einer traditionell hierfür bereitgestellten Gruppe – Frauen genannt – erledigt werden muss. Diesbezüglich erwies sich Lenin als der undogmatische, antiökonomistische Denker, der er als praktischer Revolutionär auch immer war. Seine Hauptattacke galt den männlichen Genossen, die es als »gegen ›das Recht und die Würde des Mannes‹« betrachteten, in Anführungszeichen gesetzte »Weiberarbeit« zu verrichten. Lenins Schlussfolgerung, die sozialistische Frauenarbeit schlösse »ein gutes Stück Erziehungsarbeit unter den Männern mit ein«, wurde zwar von den Bolschewiki ebenso geteilt wie die Forderung, »Männer« sollten »Frauen« im Haushalt »helfen« (!), sie nimmt aber in der sozialistischen Emanzipationstheorie keinen systematischen Stellenwert ein. Emanzipation wurde über Staat und Lohnarbeit konzipiert, sie enthielt damit eine unhinterfragte Norm, die bestimmte, in welche Richtung die Entwicklung zu gehen hatte.

Geschlechtlichkeiten


Im Frühjahr 1929 rief der Volkskommissar für Gesundheit, Nikolai Semaschko, ein Gremium von »Experten«, forensischen Gynäkologen, klinischen Psychiatern, Biologen zusammen, die dem Justizkommissariat dabei helfen sollten, über den Antrag der Bürgerin Kamenew auf operativen und juristischen Geschlechtswechsel zu entscheiden. (12) Der Antrag war bei weitem nicht der erste seiner Art, bereits 1923 hatte ein Transmann sich mit einem ähnlichen Anliegen an die Behörden gewandt. Angesichts der Selbstversuche von Intellektuellen, mit Hilfe von Bluttransfusionen Alte jung und Junge weise zu machen, angesichts der Forderung, die Toten wiederzuerwecken, und der Planung, den Mars zu besiedeln, musste die medizinische Überarbeitung eines Körpergeschlechts, das für die Zukunft ohnehin nicht mehr vorgesehen war, eigentlich wie ein Detail erscheinen.
In der Debatte um den Antrag der Bürgerin Kamenew, in der die anwesenden Expertinnen – ausschließlich sogenannte Männer – eine Vielzahl von Beispielen geschlechtlicher und sexueller Anormalitäten anführten, zeigte sich allerdings eine bemerkenswerte Begrenzung des sexualreformerischen Biologiediskurses in der frühen Sowjetunion. Das zweifelhafte Recht, eine biologische Abweichung zu sein, wurde nur den Perversen des europäischen und städtischen Russland zugestanden. Für die islamisch geprägten Regionen der zentralasiatischen Sowjetunion hingegen galten geschlechtliche und sexuelle »Anomalien« als Ausdruck einer ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit. Im Gegensatz zum Verhältnis zwischen Islam und Homosexualität im 21. Jahrhundert, aber in Übereinstimmung mit dem europäischen Orientalismusdiskurs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (13) wurden die sexuellen Praktiken dieser Regionen einer »unzivilisierten« Kultur zugeschrieben. Dies ging so weit, dass in diesen Regionen nicht nur die zaristischen Sodomiegesetze intakt blieben, sondern in Usbekistan das 1923 geschaffene sowjetische Gesetz gegen sexuelle Belästigung von Frauen auch auf erwachsene Männer ausgedehnt wurde. Damit sollten vor allem Jungen vor erzwungener Prostitution geschützt werden, es ließe sich aber vermuten, dass sich auch die männlichen russischen Kommissare vor den Avancen der regionalen Männer schützen wollten.

In der Diskussion des vom Gesundheitskommissars Nikolai Semaschko einberufenen Gremiums erwies sich jedoch noch eine andere Norm als relevant. Und diese führte zu einer deutlichen Asymmetrie in der Bewertung transgeschlechtlicher Bewegungen. Während Transweiblichkeit nämlich, schwule Effeminierung etwa, als bürgerlich-dekadent, als Bedrohung vor allem des Militärs aufgefasst wurde, wurde Transmännlichkeit zwar als übertriebene Form von Geschlechtergleichheit kritisiert. Diejenigen, die sie für sich beanspruchten, wurden aber zugleich als revolutionäre Bolschewiki, als nützliche Mitglieder der Roten Armee wie der sozialistischen Gesellschaft respektiert. Dies wurde besonders deutlich an der Diskussion um den berühmten Transgender Jewgenja Fedorowna/Jewgeni Fedorowitsch, auf dessen »Fall« im »Expertengremium« mehrfach Bezug genommen wurde. 1922 hatte er eine Postangestellte geheiratet, eine Ehe, deren Legitimität kurz darauf angezweifelt wurde. Aber die Anklage, die auf »Verbrechen wider die Natur« lautete, scheiterte im liberalen Klima der frühen Sowjetunion. Ein sowjetisches Gericht erklärte die Ehe für rechtens, mit dem simplen Hinweis darauf, dass sie einvernehmlich geschlossen worden war. Aber Jewgeni Fedorowitsch hatte nicht nur geheiratet, er war auch Mitglied der Tscheka gewesen. Das war keineswegs eine Ausnahme. Menschen wie sie/er fanden sich in Mengen in der Roten Armee, in den Fabriken, in den Parteiorganisationen. Volkskommissar Nikolai Semaschko selbst hatte bereits sieben Jahre vor dem Expertinnentreffen, 1922, festgestellt, dass die »maskulinisierte« Frau mit zerzaustem, oft schmutzigem Haar, einer Zigarette im Mund, absichtlich schlechtem Benehmen und rauher Stimme ein Massenphänomen darstelle. Die wahren Gegnerinnen bestanden in den gepuderten, gerougten, Nägel feilenden »Damen« der klassenfremden Milieus. Bolschewistische »Frauen«, die Härte, Effizienz, kalte Rationalität, Rücksichtslosigkeit als zentrale Eigenschaften ihrer politischen Subjektivität ausbildeten, waren nicht nur ein Massenphänomen, sie repräsentierten auch das sowjetische Subjektideal. Der Neue Mensch war ein Drag King.

Beschränktheiten


Diese »kommunistische« Gesellschaft war wesentlich keine Gesellschaft der Männer, sondern eine männliche Gesellschaft, eine Gesellschaft der Männlichkeit. In der frühen Sowjetunion wurden Geschlechter als im Sinne des Fortschritts aufeinander folgende Stadien menschlicher Entwicklung konzipiert, von denen die eine durch die andere zu überwinden ist. Einmal mehr hieß es, alle Menschen würden Brüder – allerdings in den seltensten Fällen warme. Das sozialistische Emanzipationsmodell übernahm somit das liberale, aus dessen Vokabular die Brüderlichkeitsrhetorik ja stammt, befreite es aber von dessen partikularistischer Beschränkung, welche brüderliche Gleichheit als Gleichheit von Brüdern fasst. Die in der Revolution reproduzierte Hierarchie geschlechtlicher Attribute dient nicht wie in Gesellschaften mit heterosexistischer Produktionsweise der Konstitution spezifischer Subjektivitäten gemäß einer vorgeschriebenen gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die geschlechtliche Opposition wird von einer räumlichen der Sphären (privat/öffentlich) in eine zeitliche (konservativ/progressiv) transponiert. Die Gegenüberstellung lautet dann nicht mehr Heim/Welt oder Arbeit/Familie, sondern Zukunft/Vergangenheit. Nicht von Natur aus beteiligen sich Frauen nur am nachbarschaftlichen Geschwätz übers Wetter und nicht am wissenschaftlichen Diskurs der Öffentlichkeit, sondern aufgrund ihrer sozialen Rückständigkeit. Die geschlechtliche Bewegung der Revolution von 1917 ist universell, es ist die Bewegung einer universellen Maskulinisierung. Die bolschewistische Bewegung, die den Reichtum zur Bedingung der Freiheit erklärt, beschneidet gleichzeitig den Reichtum gesellschaftlicher Möglichkeiten. Auf einer solch künstlich verknappten Basis fällt es schwer, die kommunistische Frage zu stellen, wie die Gesamtheit jener Arbeiten organisiert werden soll, die wir als notwendig anerkennen zur Befriedigung der Bedürfnisse, die uns befriedigenswert erscheinen. Die historischen Geschlechter samt der sie hervorbringenden Beziehungsweisen müssten dafür als affektive, habituelle, intellektuelle, praktische Ressourcen verstanden werden, aus denen eine kommunistische Gesellschaft im Prozess ihrer Befreiung wählen kann. Dies ist der Moment der Freiheit, den die Russische Revolution verfehlt, um etwa die Hälfte.

Der begrenzte Universalismus der revolutionären Emanzipationsbewegung lässt sich bis in die »postrevolutionäre« Namensgebung hinein verfolgen. Wie die folgende Liste einiger der schönsten neuen Namen zeigt, waren die Militanz konnotierenden Namen keineswegs so zu nennenden Jungen vorbehalten – das »weibliche A« am Ende weist meistens darauf hin: Marx, Engelina, Rosa, Wladlen, Iljina, Marlen (für Marx und Lenin), Prawda, Barrikada, Oktjabrina, Rewoljuzija, Parischkomuna, Molot (Hammer), Serpina (Sichel), Dasmir (es lebe die Weltrevolution), Diktatura und Terrora. Auch hier allerdings artikulierte sich die Revolution in der Form des Missverständnisses. Namen, die Kindern gegeben wurden, weil sie wegen ihres Klanges für revolutionär gehalten wurden, lauteten auch Embryo, Vinaigrette und – als ginge es darum, mit der zukünftigen Generation auch das Wetter zu ändern – Markisa.

Anmerkungen:
(1) Orlando Figes: Tragödie eines Volkes, Berlin 2008
(2) Wladimir Iljitsch Lenin: Die nächsten Aufgaben der Sowjetrepublik (1918), zit. n. Karl Kautsky: Terrorismus und Kommunismus (1918), in: ders.: Demokratie oder Diktatur, Bd. 1, Berlin 1990, S. 311 f.
(3) Victor Serge: Erinnerungen eines Revolutionärs, Hamburg 1991, S. 82
(4) Alexandra Kollontai: Die neue Moral und die Arbeiterklasse, Münster 1977
(5) Clara Zetkin: Erinnerungen an Lenin, Berlin 1925
(6) Ebd., S. 7, Hervorhebung B.A.
(7) Wann können diese Klammern endlich weg? Es nervt.
(8) Wladimir Iljitsch Lenin: Staat und Revolution, Berlin 1970, S. 93
(9) Jewgeni Preobraschenski, zit. n. Wendy Z. Goldman: Women, the State and Revolution, Cambridge 1993, S. 6
(10) Felicita Reuschling: Familie im Kommunismus, in: Phase 2 36 (2010), S. 18 ff.
(11) Clara Zetkin, Erinnerungen, S. 12
(12) Dan Healey: Homosexual Desire in Soviet Russia, Chicago / London 2001, S. 167 ff.
(13) Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail, Hamburg 2008

Quelle:
Der Text ist die gekürzte, bearbeitete Fassung eines Essays, der in dem im Unrast-Verlag von der Gruppe Inex herausgegebenen Band »Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus« erschienen ist.