Agit!

"Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern."(Ernst Bloch)

Freitag, 16. Dezember 2011

Drum links, zwo, drei

aus: Freitag, 01. Juni 2011
 
"Dass nichts bleibt wie es war" heißt eine fulminante CD-Kollektion zu 150 Jahren Arbeiterlied. Sie zeigt auch: der deutsche Arbeiter blieb ein Bauer in der Stadt.

von Diedrich Diederichsen

Zunächst mal sind Arbeiterlieder nicht anders als alle anderen Lieder. Natürlich sind sie funktional. Gerade in den ersten Jahrzehnten, die die fulminante 12-CD-Kollektion Dass nichts bleibt wie es war! – von Jürgen Schebera und Klaus Jürgen Hohn für die Wiederveröffentlichungsspezialisten des Bear-Family-Label zusammengestellt – dokumentiert, gibt es dieselben Genres und dieselbe Gemächlichkeit, die man auch von anderen deutschen Sängern kennt.
Denn ob die Lieder die unterdrückte Wahrheit in Versen festhalten, ob sie dazu dienen, dass man sich im Chor gegenseitig Mut macht, oder es sich um Gesänge handelt, die solche Körper disziplinieren und synchronisieren sollen, die dem bewaffneten und auch sonst rundum widerlichen Klassenfeind in womöglich ungemütlicher Konfrontation gegenüber stehen werden – sie alle unterscheiden sich musikalisch kaum von denen, die zur gleichen Zeit Naturfreunde, Reaktionäre, Kleinbürger und Hobbywanderer gesungen haben. Eine körperlose Bräsigkeit eignet dem Deutschen, wenn er sich singend zusammenrottet; eine Vorliebe für die einfachen Freuden der Funktionsharmonik, ein nicht zu hohes Tempo. Auch die Synkope blieb in unseren Breiten lange unbekannt.

Chor der Volkspolizei

Zugunsten gerade dieser alten Lieder aus frühen demokratischen Kämpfen oder ersten sozialdemokratischen Arbeitervereinen wäre der Umstand auszulegen, dass sie uns ausschließlich in Aufnahmen interessierter Restaurierer vorliegen: Chorleiter, Arrangeure und Enthusiasten, die für die DKP, die SPD oder die Kulturbürokratie der DDR aus möglicherweise im Original aggressiver und ungebärdiger vorgetragenen Material wohlanständig erbauliche Weisen geschaffen haben. Vor der technischen Möglichkeit der Tonaufnahme gibt es keine Alternative als sich auf ebenfalls mittlerweile historisch gewordene Rekonstruktionen zu verlassen. Besonders schal wird dies immer dann, wenn – wie auf der CD 9 (Wir sind die Moorsoldaten – Lieder gegen Faschismus und Krieg) – aus unmittelbaren Notlagen entstandene, etwa im KZ geschriebene und gesungene Lieder in der gepolsterten Sound-Umgebung von DDR-Rundfunkstudios vom Chor der Volkspolizei nachempfunden werden.

Die CD-Kollektion unterscheidet zwischen historischen Aufnahmen und anderen. Aber die anderen stammen eben auch aus den untergegangenen Welten von organisiertem sozialistischem Singen oder von Einzelstimmen, die wie etwa Hannes Wader, von Blues und amerikanischen Folk kommend, versuchten, dem vermeintlich deutschsprachigen Äquivalent seine Geschichte zurückzugeben. Das Zeitfenster, in dem so etwas wie genuine Musik der Arbeiterbewegung zu finden ist, die weder musikalisch allgemein bleibt, noch als staatlich definiertes Erbe oder nostalgische Bewegungskultur nachträglich einem identitären Wir zugeschlagen wird, wird beim Durchhören immer kleiner. Der deutsche Arbeiter hatte anders als der britische Proletarier weniger Zeit eine Arbeiterkultur auch jenseits ihrer unmittelbar politischen Manifestation zu entwickeln. Er blieb noch lange ein in die Stadt gescheuchter Bauer. Die musikalische Sozialisation der Nichtgebildeten war zudem traditionell eine Domäne des Militärs: Die Arbeitermusik setzte sich davon nicht ab, sondern bildete oft nur eine proletarische Variante: proletarische Blasmusik, proletarische Märsche, also Schalmeien-Orchester und Fanfaren-Ensemble.

Ab den 1920er Jahren wird es anders. Die Chöre und Ensembles wurden schmissiger, schriller und ersetzten das gemeinsam trottende Marschieren durch aufblitzende Wut. Das Proletariat verfügt nun über konkurrierende Organisation und Institutionen. Erstmals werden die Lieder nicht von Profis und Chorleitern verfasst, sondern bei Gruppen wie den Roten Raketen oder dem Roten Sprachrohr im Kollektiv. Und vor allem begegnen nun – nach sowjetischem Vorbild – die avantgardistischen und post-avantgardistischen Künstler diesen proletarischen Institutionen. Der Wiener Komponist Hanns Eisler etwa kommt 1925 nach Berlin und macht beim Roten Sprachrohr mit; später wird er formulieren, dass und wie im Kollektiv die Beteiligten den Chorleiter zu erziehen hätten.

Drastische Pentolen

Überhaupt Eisler. Auch wenn andere linke Modernisten wie Stephan Wolpe große Kampflieder geschrieben haben und auf den für diese Epoche entscheidenden CDs 7 und 8 eine Reihe von Talenten, die man in diesem Kontext nicht erwartet hätte, auftaucht – Max Ophüls als Autor von Arbeiterliedern! – so ist es doch Eisler, der aus der nervös gewordenen Arbeitermusik eine verbindliche neue Form generiert, ja sie fast in einen Personalstil umgießt: einen hochemotionalen Code der Dringlichkeit und der Unruhe, ein gehetzt großstädtisches Revolutionspathos, angriffslustig, expressionistisch und ohne brav trabende Arbeitermassen. Kämpfende Schiebermützenträger in glänzendem Leder sieht man vor sich, die zum Aufheulen drastischer Pentolen die Waffen gegen den Klassenfeind führen. Diese Märsche sind nun nicht mehr synchron, sondern dialektisch, die Lieder haben gegenläufige Teile, rasante Steigerungen und abrupte Schlüsse.
Neben Klassikern wie dem Solidaritätslied ist das beste Beispiel für Eislers explosive Dynamik natürlich das gewaltige Der heimliche Aufmarsch. Der Text von Erich Weinert ist hier auch in einer früheren Vertonung durch Wladimir Vogel vertreten. Leider gibt es die Eisler-Fassung nur in einer DDR-Aufnahme mit Karl-Heinz Weichert zu hören, wo aus der „sozialistischen Weltrepublik“ die „sozialistische Volksrepublik“ wird und ein bombastischer Chor die wütenden Vokalisten, die das Lied mit Ernst Busch für den Film Niemandsland 1931 aufgenommen haben, ersetzt.

Patriotendreck

Ernst Busch ist auf dieser CD-Box neben Eisler die andere große Konstante der Jahrhundertidee einer proletarischen Kampf-Musik. Seine wandlungsfähige Attitüde, immer ein bisschen angeberisch, immer Macho, manchmal spöttisch bengelhaft, dann wieder patriarchal-altproletarisch, definierte den Ton und die Performance der Arbeitermusik, so wie Eisler das Notenmaterial festlegte. Beide sind in der Nachkriegszeit zugleich an deren trübsten Erzeugnissen beteiligt. Noch peinlicher als perverse Personenkultexzesse wie Stalin, Freund, Genosse, das Busch 1949 singt, ist Ami, Go Home! eine Kollaboration, die 1950 entstanden ist. Eisler hat „kunstvoll“ amerikanische Bürgerkriegsmelodien montiert, Busch schmettert einen selbst geschriebenen Patriotendreck vom Ami, der nicht das „Töchterlein“ von „Vater Rhein“ anrühren soll.

Am Ende steht eine CD mit der Wiederentdeckung des Arbeiterlieds in der BRD, orientiert sich dabei aber an DDR- und DKP-nahestehenden Akteuren. Experimentelle Eisler-Exegesen wie die von Heiner Goebbels und Alfred Harth und ihrem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester bleiben Ausnahme. Was aber waren die letzten Arbeiterlieder, wenn nicht Songs wie Warum geht es mir so dreckig? von Ton, Steine, Scherben oder meinetwegen auch Sachen wie Hey, hallo Stift! von den didaktischeren und DKP-nahen Floh De Cologne? Das Arbeitereinheitsfrontlied kannte man um 1970 daher, dass die Scherben es im Medley mit Macht kaputt, was Euch kaputt macht sangen. An ihrer Stelle dürfen die rundum überflüssigen Bots den Reigen abschließen. Die K-Gruppen-Kultur ist nur mit zwei Beispielen vertreten, die eher traditionell ausgefallen sind; vom sagenhaften Arbeiterexperimental-Sprechgesang des späten KBW sind in der Tat schwer Tondokumente aufzutreiben.

Neben den unmittelbar politischen und den soziologischen und -grafischen Gründen wiegen vor dem Hintergrund einer sowohl akademischen wie in Subszenen stattfindenden Marx- und Kommunismus-Renaissance auch die musikalischen Gründe schwer, wenn wir uns fragen, was heute aus der Kultur des Kampflieds geworden ist: Das Modell der Band hat einen anderen Typus sozialer Organisation von Musik in die Welt gesetzt. An die Stelle des bezeugenden Einzelnen und der entschlossenen Masse sind in den musikalischen Rollen miteinander sich verabredende und dann wieder Antagonismen austragende kleine Ensembles getreten. In ihnen ist für den radikalen Antagonismus zur Welt ebenso Platz wie für ein freundliches Aufspielen zum Tanz. Bei der Band und den mit ihr verwandten Subjektformen einer Welt aufgezeichneter Musik kommt es nicht mehr auf mobile Lieder an, die aufgegriffen und überall gesungen werden können, sondern auf die spezifische Aufnahme. Deswegen kommt die Musik auf Demos heute nicht mehr aus empörten Kehlen, sondern von Playlists aus dem Lautsprecherwagen.

Mittwoch, 30. November 2011

Hinter der kleinbürgerlichen Fassade lauert Mordlust

aus: Jungle World, 24.11.2011

Zum Tod von Franz Josef Degenhardt.

von Günther Jacob
In Westdeutschland sah sich politische »Protestmusik« immer schon weitaus mehr als anderswo in die Ecke kabarettistischer Kleinkunst abgedrängt. Leider scheint das nicht viele Leute sonderlich bedrückt zu haben, denn, von einigen Ausnahmen vielleicht abgesehen, blieb der linke Protest meistens ganz freiwillig, musikalisch wie textlich, unterhalb der anderswo erreichten Standards.

Und Degenhardt? War er damals nicht der Troubador einer biederen Linken, die sich mit moralisierendem Protest und miesem Folk Rock arrangiert hatte? Hatte er sich nicht ganz besonders nachdrücklich in der Ecke der »Kleinkunst« eingerichtet, ja verschanzt? Es gibt diese Momente bei Degenhardt. Dennoch kann seine Arbeit, so denke ich, allein anhand solcher Maßstäbe nicht wirklich gewürdigt werden.

1931 in Westfalen geboren, wuchs Degenhardt in einer streng katholischen Familie auf, und als frommen Christen interessierte ihn, was die Musik betrifft, zunächst der einstimmige Gregorianische Gesang, der bis in die sechziger Jahre in der katholischen Liturgie verbindlich war. Seine erste LP »Zwischen Null und Mitternacht, Bänkelsongs« (heute unter dem Titel »Rumpelstilzchen«) erschien bereits 1963, und damit war er zugleich der erste westdeutsche »Protestsänger«. Wie schon der Verweis auf das Bänkellied zeigt – mit dem Begriff wurden bis in die sechziger Jahre die von fahrenden Leuten erzählten Schauergeschichten, Moritaten und Räuberballaden bezeichnet –, wäre die Bezeichnung »Protestsänger« für den frühen Degenhardt allerdings noch ganz unangebracht. Er verstand sich zunächst als Liedersänger, der auf unterhaltsame Weise und mit viel Alltagsblues (»ich möchte Weintrinker sein«) einem kleinbürgerlichen bundesdeutschen Leben ein wenig

Nachdenklichkeit abtrotzen wollte. Was ihm an der Gesellschaft dieser Jahre unangenehm auffällt, ist zunächst nur die verlogene Biederkeit. Auch zwei Jahre später, als er sein Album »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« veröffentlicht, handeln seine Songs vor allem vom »Deutschen Sonntag«.
Allerdings weiß er auch schon, nicht zuletzt aus jener Zeit, als seine Eltern die Nazis abzuwehren hatten, dass hinter der kleinbürgerlichen Fassade die Mordlust lauert. Aber bis 1967 bleibt seine Sprechposition die eines antifaschistisch-demokratisch engagierten Bürgers. Degenhardt, bis 1971 noch SPD-Mitglied, inszeniert sich nun als »Väterchen Franz«, als lebensklug-umgänglicher und poetischer Chansonnier mit einem gewissen Hang zum sozialkritischen Politbarden. Und damit erreicht er in diesen ersten Jahren vor allem ein »feinsinniges« bildungsbürgerlich-liberales Publikum, das zu seinem Szenario deutscher Verhältnisse lediglich ein genießerisches und daher folgenloses Verhältnis hat.

Degenhardt hatte die Grundzüge seines Stils schon entwickelt, bevor die zunächst »bohe­mistische« US-Folk-Szene zum Pop-Phänomen wurde. Wahrscheinlich erklärt sich aus diesem Umstand, dass sich in seiner Musik nur wenige Verweise auf den amerikanischen Folk der sechziger Jahre finden. Bob Dylans »The Times They Are A-Changin‹« (1963) zitiert er meines Wissens erstmals 1978 in der Rückschau »Nostalgia« (LP »Liederbuch. Von damals und von dieser Zeit«). Auch Ernst Busch, Brecht oder Eisler waren zu dieser Zeit ebenso wenig Vorbilder für Degenhardt wie Walther von der Vogelweide (1170–1230) oder Hoffmann von Fallersleben (1798–1874). Besonders auf den Minnesänger und den Texter des »Deutschlandliedes« konnte er erst als Kommunist verfallen, was mit einer KP-Programmatik zu tun hat, die aus populistischen Motiven den herrschenden Nationalisten das »deutsche Kulturerbe« streitig machen möchte. Damals jedoch orientierte Degenhardt sich – woran er 1986 nochmals mit den von Georges Brassens komponierten Songs und Balladen auf »Junge Paare auf Bänken« erinnerte –, an der französischen Chanson-Tradition.
Erst unter dem Eindruck der 68er-Protestbewegung radikalisiert er sich innerhalb eines Jahres zum linken Protestsänger. Der Übergang kündigt sich Anfang 1968 mit »Wenn der Senator erzählt … « an. Hier dominiert zwar noch der »gute alte Degenhardt«, aber ein Zwei-Minuten-Stück über den 2. Juni 1967 und vor allem die als Kirchenlitanei zu Orgelklängen vorgetragene programmatische Ansprache »Für wen ich singe« künden von dem Bruch: Jetzt ist Schluss mit der Orientierung an »frankophilen Käselutschern und Tempelstufenhockern«.

Degenhardt wechselt plötzlich von der »schönen Poesie« zu einem offensiven Agit-Prop-Stil. Noch im gleichen Jahr erscheint »Degenhardt Live«. Keine Platte vermittelt einen so treffenden Eindruck von den besten Zeiten der APO wie dieser Mitschnitt von den Internationalen Essener Songtagen, der damals in keiner WG fehlen durfte. Praktisch über Nacht war Degenhardt zu dem Singer-Songwriter der antiparlamentarischen Linken geworden.

Der sozialdemokratische »versoffene Chronist« hatte sich in einen radikalen Sozialisten verwandelt. Dass er trotzdem noch drei Jahre darauf wartete, dass ihn die SPD selbst hinauswarf, war wohl zur einen Hälfte »bündnispolitisches« Kalkül und zur anderen Hälfte seiner fortbestehenden reformistischen Orientierung geschuldet. Auf seinem Live-Album hingegen, das wirklich militant ist, agitiert er gegen den ewig zaudernden Sozialdemokraten und gegen Mitläufer jedweder Coleur. Er ergreift Partei für die Vietkong-Partisanen und distanziert sich von den »Heuchlern«, die den sowjetischen Einmarsch in die CSSR als Niederlage des »wahren Sozialismus« bezeichnen.
Viele seiner Lieder haben, wie sich heute zeigt, eine erstaunliche Haltbarkeit. Sein insistierender Sprechgesangstil, seine prägnante Sprache und seine meist sehr treffenden Bilder können in vielen Fällen noch immer bestehen. Zum Beispiel »Tango du Midi« aus dem Jahr 1983, ein musikalisch sehr eindrucksvoll arrangiertes Lied, in dem Degenhardt schildert, wie er während eines Frankreichurlaubs die Ankunft einer westdeutschen Reisegruppe in einem Dorf erlebt, in dem die SS fünfzehn Männer ermordete. Schon als er auf »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« detailreich und pointiert den »Deutschen Sonntag« der Spießer beschrieb, bewies er seine Fähigkeit, unterschwellige gesellschaftliche Stimmungen und Überzeugungen in literarische Porträts fiktiver Charaktermasken und idealtypischer Figuren zu verpacken, was ihn in diesen reaktionären Zeiten schnell populär machte. Mit dem »Senator«, der vor, während und nach dem NS-Faschismus gleichermaßen erfolgreich ist und mit dem ganz ähnlich »mit der Zeit gehenden« Notar Bolamus entwarf Degenhardt zwei bis heute wiedererkennbare Figuren. Wenn Degenhardt von dem Söldner Horsti Schmandhoff oder vom »Gastarbeiter« Tonio Schiavo erzählt, wenn er die Geschichte des vor dem Vietnamkrieg desertierenden GI P.T. besingt, wenn er an den glaubensfesten Altkommunisten Rudi Schulte erinnert oder den in den sechziger Jahren neuen Typus des progressiv-dynamischen Managers vorführt, hilft er der kritischen Phantasie immer ein wenig auf die Sprünge.

Degenhardts Metier war das Lied: Begleitet von seinem eigenen, durchaus subtilen Gitarrenspiel, zunehmend auch von einer zweiten Gitarre (gespielt von Kai Degenhardt), sowie Piano und Percussion, bewältigt er als Dichter-Sänger mit dem von ihm entwickelten fragmentarischen Sprechgesangsstil und mit seinem eigenwillig rhythmischen Versschema gewaltige Textmengen. Die instrumentalen Rhythmen und Melodien bleiben dabei, obwohl sie im Laufe der Jahre deutlich anspruchsvoller werden, gegenüber der Solostimme normalerweise begleitend. Im Mittelpunkt stehen die stimmliche Melodieführung, die Betonungstechnik sowie die irritierenden Silbentrennungen und Wiederholungen, die von seinem Misstrauen in die Eindeutigkeit (deutsch-) sprachlicher Kommunikation zeugen. Die Aufgabe der Musik ist es, den Vortrag klanglich zurückhaltend zu stützen; eher selten geht es um eine Intensivierung des Ausdrucks. Nicht, dass Degenhardt hier nie eine Herausforderung gesehen hätte. Schon von seinem politischen Ansatz her musste er ja an einer größeren Massenwirksamkeit interessiert sein. Vor allem in den späten siebziger Jahren, als er sich ausdrücklich als »sozialistisch engagierter Künstler, der ein Massenpublikum erreichen will«, verstand, machte er tatsächlich einige Versuche, die Grenzen eines Liedermachers zu überschreiten. 1978 trat er bei Live-Konzerten mehrfach mit einer Band auf (vgl. die LP »Von damals und von dieser Zeit«). Bis auf das Antiberufsverbots-Stück »Belehrung nach Punkten«, wo er streckenweise wie Bob Dylan klingt, ist der Versuch aber nicht geglückt. Der Schrammelsound der Band nötigt ihn, die Endreime zu dehnen, und die Chorstimmen relativieren die Prägnanz seines Vortrags. Wahrscheinlich hat er das selbst bemerkt und das Experiment deshalb wieder abgebrochen. Auch gelegentliche Versuche im Studio mit Lambada oder Reggae fielen, gelinde gesagt, nicht überzeugend aus.

Wenn Degenhardt aktuelle Pop-Stile zitiert, geht es ihm nicht um Massenwirkung. Es ist dann einfach die Lust an kleinen Experimenten im selbstgesetzten Rahmen, und manchmal möchte er wohl auch darauf hinweisen, dass er das neue Zeug, auch wenn es zu seinem Ansatz nicht wirklich passt, durchaus kennt (was auch wirklich der Fall ist). So beginnt das Album »… weiter im Text« mit einem trocken pochenden 174-BPM-Techno-Beat, der nach einigen Schlägen durch einen Gitarrenrhythmus ergänzt wird. Die ungewöhnliche Kombination von Techno und Liedermacher-Folk ergibt zusammen einen Song über die abgeklärten Apocalypse-Phantasien eines gutsituierten Ex-Linken, der am Bildschirm Börsen-Crashs und Bürgerkriege verfolgt, letztlich alles für langweilig und unwirklich hält und in sich den Wunsch nach handfesten Stahlgewittern verspürt, von denen er sich erhofft, dass sie seiner eigenen Entschlusslosigkeit ein Ende machen. Der Techno-Beat passt hier vortrefflich.

Wäre Degenhardt bei seinen weniger politischen Bänkelsongs der frühen sechziger Jahre geblieben, würde er heute sicher als »Deutschlands größter Chansonnier« gefeiert werden. Selbst in der DDR und in der DKP war man skeptisch geblieben gegenüber einem, der so gern und so 68er-mäßig auch vom Ficken und Saufen spricht (» … zwei Männer, die öffentlich schmusen; und Frauen, Herrgott, dass er einem gleich steht«, »Komm, gieß das Glas noch einmal voll«).

Einige seiner Songs haben in der Geschichte der westdeutschen Linken eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass in Degenhardts Liedern explizit politische Ereignisse und Themen (etwa »Angela Davis«, »Sacco und Vanzetti«, »Befragung eines Kriegsdienstverweigerers«, »Station Chile«, »Grenada«) keineswegs im Mittelpunkt stehen. Seine Kunst besteht ja gerade darin, dass er Geschichten über ein Paar, das sich zwischen zwei Straßenbahnen kennenlernt, oder über die Geburtstagsfeier eines Kapitalisten, oder über einen Mann, der, wenn es klingelt, nicht öffnet, sondern sich die Besucher durch den Türspion anschaut, so erzählen kann, dass man auch ohne ausdrückliche Belehrung eine Vorstellung von Konformismus, Deformationen, sozialen Hierarchien und politischen Machtverhältnissen bekommt. Das gilt auch für die Jahre, in denen Degenhardts politische Statements von Teilen der Linken nicht mehr akzeptiert wurden: Wo sich der bürgerlich-katholische Moralismus, der in den frühen sechziger Jahren ja die Ausgangsposition von Degenhardts Empörung war, mit dem revisionistischen Rigorismus seiner Deutschen Kommunistischen Partei verband, konnte es passieren, dass er den Ton verfehlte und – zum Beispiel auf »Die Wallfahrt zum Big Zeppelin« oder auf »Der Wind hat sich gedreht im Lande« – Hippies und radikalere linke Ansätze denunzierte. Sein Anti-RAF-Stück »Bumser Pacco« (da malt er einen mordgeilen High-Tech-Terroristen an die Wand) und der linkspatriotische Song »Unser Land« (»Dies ist unser Land – so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war«), beide aus dem Jahr 1978, zählen dazu.

In diesen Jahren bemühte er auch allzu häufig das alberne Bild von Champagner saufenden Börsianern, ganz so, als würden deren Widersacher noch mit proletarischer Schirmmütze ausgehen und schlechten Branntwein in armseligen Kneipen herunterkippen. In solchen Momenten, die später noch als leicht nostalgische Selbstzitate gelegentlich aufblitzen, liebt Degenhardt den Gestus des unverwüstlichen Mannsbildes, das sich mit einem derben »Da bist du am Arsch gekniffen«-Habitus die Welt erklärt. Bei Degenhardt muss man mit dem Widerspruch leben, dass er, wenn er sich »ideologisch« äußert, die »kleinen Leute« als Verführte entschuldigt, was manchmal fatale Konsequenzen hat (etwa in dem Stück »Eigentlich unglaublich«: »Deinem Großvater sagten sie: Gegen die slawischen Horden. Er hat das geglaubt. Was hat er gekriegt? Bauchschuss vor Stalingrad«), die er aber meistens schon im nächsten Lied, in dem er konkrete Verhältnisse beschreibt, selbst widerlegt: Dann zeigt sich, dass der Großvater ein Faschist war.

Als 1990 durch die Vereinnahmung der DDR Superdeutschland entstand, hat Degenhardt die Lust am »bündnispolitischen« Taktieren ziemlich verloren. Der »Tanz auf dem Siegestor-Schreckenstor«, die »zerrissene rote Fahne« und die Anpassungsbemühungen in seiner eigenen politischen Umgebung forderten ihn erneut heraus: Fünf CDs hatte er danach in kurzem Abstand veröffentlicht, und auf jeder finden sich Stücke gegen den deutschen Nationalismus (»Deutscher zu sein«, »Wer zu spät kommt«), grimmige Lieder gegen die opportunistische »Selbstkritik« ehemaliger Genossen und Genossinnen (»Deutsches Bekenntnis«, »Die Party ist vorbei«) und sarkastische Songs über Ex-Friedensbewegte, die die »Wiedervereinigung« bejubelten (»Da sitzt sie nun«, eine Kritik auch an der »We shall overcome«-Ideologie: »Und dann fiel die Mauer. Dieses Gefühl im Einklang mit allen Gutwilligen. Wir sind das Volk. We are the world«). Auch die »Terroristen«, von denen ja einige in der DDR politisches Asyl fanden, werden jetzt anders beurteilt: Der Song »Botschaft an eine Enkelin« besagt nun: Es gibt gute Gründe dafür, einen Brandsatz in ein Bankhaus zu werfen.
Einer der beeindruckendsten Titel findet sich auf dem Album » … weiter im Text«. Er variiert den von dem Vortragskünstler Otto Reutter (»ein Rapper sozusagen von einst«) in den zwanziger Jahren in Umlauf gebrachten Evergreen »In 50 Jahren ist alles vorbei«. Degenhardt zeigt, indem er die Rezeptionsgeschichte dieses Songs erzählt, wie sehr es bei einem Text auf den Kontext ankommt. In der Weimarer Zeit trösteten sich die Leute mit dem Schlager über die Alltagswidrigkeiten hinweg; unter den Nazis, die ein »tausendjähriges Reich« verkündet hatten, wurde, wer das Lied sang, als Saboteur behandelt, und im vergrößerten Deutschland von heute wirkt es wie das Leitmotiv der offiziellen Politik: »Nach 50 Jahren ist endlich mal Schluss«. Ein klügeres Agit-Prop-Stück wird man heute kaum finden.

Sprechtexte und Lieder mit großer Sprachnähe sind, wie gesagt, Degenhardts Besonderheit. Das machte ihn immer wieder auch für andere Musiker interessant. Bands wie Blumfeld, die Goldenen Zitronen oder die Rapper von Anarchist Academy haben sich auf ihn bezogen. Degenhardts Sprechlied kann jedoch weder mit Rock noch mit dem groovenden Stil des Rap verglichen werden. Ihn in die Nähe irgendeines aktuellen und tanzorientierten Popgenres rücken zu wollen, etwa in der Hoffnung, dass sich so ein neues Publikum für seine Lyrik interessieren könnte, ergibt keinen Sinn. Man muss Degenhardts Eigenwilligkeit schon anerkennen. Als Teil eines Folk-Rock-Band-Projekts wäre er schon längst in Vergessenheit geraten. So aber hat er seinen Stil aus ganz spezifischen Einflüssen heraus entwickelt – in einer Nische und ohne ernsthafte Konkurrenz. Das wirklich erstaunliche Ergebnis ist, dass Degenhardt heute unvergleichbar ist. Er hat ein eigenes und eigenständiges »Genre« begründet, das er alleine repräsentiert.

Der Text beruht auf einer Fassung aus dem Jahr 1996 und wurde vom Autor leicht überarbeitet.

Zwischen Null Uhr und Mitternacht, Bänkelsongs (1963)
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern (1965)
Väterchen Franz (1966)
Wenn der Senator erzählt (1968)
Franz Josef Degenhardt Live (1968)
Die Wallfahrt zum Big Zeppelin (1971)
Von damals und von dieser Zeit. Live mit Band (1978)
Der Wind hat sich gedreht im Lande (1980)
Junge Paare auf Bänken (1986)
Und am Ende wieder Leben (1992)
... weiter im Text (1996)
Alle Platten sind auf CD bei Polydor erhältlich.

Donnerstag, 27. Januar 2011

»Juden aus Europa zu retten, war logistisch eine schwere Aufgabe«

Ein Gespräch mit dem israelischen Historiker Tuvia Friling über die zionistischen Bemühungen, Juden während der Shoah zu retten.


Interview: Karl Pfeifer, Jungle World, 27.01.2011
 
In Ihrem Buch »Arrows in the Dark« (Pfeile in der Dunkelheit) beschäftigen Sie sich mit den Versuchen der zionistischen Führung, Juden vor der Vernichtung zu retten. Weshalb haben Sie sich dieses Thema gewählt?

Als Schüler habe ich Ben Hechts Buch »Perfidy« über das Verhalten der linken zionistischen Führer in Palästina während der Shoah gelesen, und ich war wütend auf diese Führung und den Jishuv (die Juden, die vor der Errichtung des Staates Israel auf diesem Gebiet lebten; K.P.). Ich fragte mich, wie sie das Schicksal der Juden während der Shoah hatten ignorieren können. Wie die meisten Israelis ging ich zur Armee, dann studierte ich an der Universität, aber diese Frage ließ mich nicht mehr in Ruhe.
Ben Hecht sympathisierte mit den »Revisionisten«, die 1935 aus der zionistischen Bewegung ausschieden, und ich dachte: Die stellen die richtigen Fragen und geben die richtigen Antworten. Ich beschloss, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Als ich damit begann, war ich wie viele Jugendliche sehr kritisch und sehr extrem. Doch das Leben und die Geschichte sind komplizierter. Ich lernte die Situation der Juden vor und während des Krieges und sogar danach kennen. Das britische white paper im Mai 1939 schränkte die jüdische Einwanderung zu einem Zeitpunkt ein, als die größte Not einsetzte. Anstatt jährlich 50 000 Einwanderungsgenehmigungen sollten für die nächsten fünf Jahre lediglich 75 000 ausgestellt werden. Aber auch die Einreise in die USA war nach dem Ersten Weltkrieg durch die Einführung der Länderquoten radikal eingeschränkt worden, und das wurde während der Wirtschaftskrise der zwanziger und dreißiger Jahre nicht besser. So waren ihnen die Länder, in denen die verfolgten Juden Zuflucht hätten suchen können, versperrt. Chaim Weizmann, der Vorsitzende der zionistischen Bewegung und erste Präsident Israels, sagte damals, die Welt bestehe aus zweierlei Nationen, denjenigen, die keine Juden in ihren Ländern haben wollen, und den anderen, die nicht bereit sind, Juden aufzunehmen.
Nach Ausbruch des Krieges konzentrierten die Alliierten all ihre Anstrengungen darauf, der Herrschaft Hitlers ein Ende zu bereiten. Die Zionisten wollten Aktionen initiieren, um die Juden zu retten, doch die Alliierten argumentierten, dass es eine Menge Völker unter der Herrschaft der Nazis gäbe – die Polen, Tschechen usw. –, und man könne die Juden nicht bevorzugt behandeln, wenn das Hauptziel der Sieg sei. Zudem wollten die Alliierten nicht den Eindruck erwecken, der Krieg werde geführt, um Juden zu retten, wie die Nazis ihnen unterstellten.
Die Alliierten gestatteten auch keinen Geldtransfer in den von Deutschen besetzten Teil Europas. Doch ohne finanzielle Mittel war keine Rettung möglich. Juden aus Europa zu retten, war logistisch eine schwere Aufgabe. Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Manchmal gelingt solch eine Aktion, doch ein Glied fast am Ende der Kette bricht, und die ganze Anstrengung war vergebens. Nehmen Sie eine Gruppe von 50 Kindern …

Ich war in solch einer Gruppe, die im Januar 1943 von Budapest nach Haifa gebracht wurde. Historiker wie Tom Segev behaupten, die Zionisten hätten kein Interesse gehabt, Juden zu retten. Aber allein in Istanbul gab es damals 15 Emissäre des Jishuv, die sich bemühten, Juden zu retten.

Ja, und sie mussten mit der Wehrmacht rechnen, die in weniger als einem Jahr die meisten Armeen Europas bezwungen hatte. Sie mussten außerdem die Abwehr, eine Organisation mit langer Geschichte, und die Gestapo bekämpfen. Die Delegierten waren sehr jung, etwas naiv und sehr tatkräftig, aber sie hatten keinerlei Erfahrung, keine militärische oder nachrichtendienstliche Ausbildung. Das Durchschnittsalter des Jishuv war niedrig, und es gab eine Menge neue Einwanderer. Damals lebten 480 000 Juden im Land.
Der Jishuv war freilich kein Staat. Die Führung musste die Religiösen und die Nicht-Religiösen, die Aschkenasim und die Sfardim, die Linke und die Rechte überzeugen, freiwillig zusammenzuarbeiten. Auf der einen Seite war der organisierte Jishuv, der politisch links von der Mitte war, und auf der anderen Seite waren die rechten Revisionisten. Alle bemühten sich …

Separat?

Ja, separat. Es gab zweierlei Rettungsversuche: die große Rettung und die kleine Rettung. Das ist nicht die Sprache der Historiker, sondern die Terminologie der damaligen Zeit.

Wann und wo begannen diese Aktionen?

Die zionistische Führung versuchte im November 1942, die Juden aus Europa herauszuholen. Als erstes wurden Pläne entworfen, um die Kinder zu retten. Als zweites gab es mindestens drei Pläne, die auf einer Lösegeldzahlung beruhten. In Transnistrien hatten von den 200000 dorthin deportierten rumänischen Juden noch 70000 bis 80000 überlebt. Das nächste Angebot, ein Lösegeld zu zahlen, kam Ende Dezember 1942 bzw. Anfang 1943 durch Dieter Wisliceny, um die Juden der Slowakei zu retten. Doch die bekanntesten und problematischsten Missionen waren die von Bandi Grosz und Yoel Brand sowie Rudolf Kasztner im Frühjahr und Sommer 1944.
Zuerst versuchte man, die Kinder auf dem Balkan zu retten, denn die waren in der Nähe, und da sah man größere Chancen. Warum die Kinder? Weil sie am stärksten gefährdet waren, durch Hunger und Kälte zugrunde zu gehen. Die Zionisten gingen von der Annahme aus, dass die Deutschen sie vielleicht gehen lassen, da sie doch nur essen und nicht arbeiten würden. Man dachte auch, dass der Jerusalemer Mufti, der mit den Deutschen kollaborierte, dies nicht bemerken würde.

Das war ein Irrtum, er verfasste Briefe an die Regierungen Ungarns, Rumäniens und Bulgariens und forderte, jüdische Kinder weder aus- noch durchreisen zu lassen, und wandte sich auch an seine Nazifreunde, dies unbedingt zu verhindern. Wie verhielt sich die Welt zu diesem Plan?

Die Jewish Agency beschloss, zuerst die Kinder zu retten, weil sie dachte, die Briten würden sich da liberaler verhalten. Doch die Antwort der britischen Regierung war eindeutig. Von den genehmigten 75000 Zertifikaten standen noch 29000 aus, die nicht verwendet worden waren, und mit diesen könne man Kinder ins Land bringen. Die zionistische Führung stand wie so oft zuvor vor einem Dilemma: Wenn sie das akzeptiert, dann akzeptiert sie die britische Logik, dass doch die Lage vollkommen normal sei. Sicher konnten die Briten, als sie das white paper 1939 beschlossen, nicht wissen, was in ein paar Jahren geschehen würde: dass es zu einem Völkermord kommt. Doch im November 1942 wussten sie sehr wohl, dass jedes jüdische Kind, das in Europa bleibt, ermordet werden würde, doch das änderte ihre Haltung nicht. Das also war die Haltung der freien Welt. Welche Wahl hatte die zionistische Führung? Hätte sie den britischen Vorschlag abgelehnt, was würde dann wohl Tom Segev gesagt haben: Es gab ein großzügiges britisches Angebot, das aber von den Zionisten abgelehnt wurde, denn Kinder können nicht arbeiten oder für die Verwirklichung des zionistischen Traums kämpfen? In dieser nicht zu gewinnenden Situation hat die zionistische Führung das britische Angebot angenommen. Zur gleichen Zeit wurden 80000 Juden aus Transnistrien gegen Lösegeld angeboten. Die Zionisten wussten, dass die Briten dies nicht akzeptieren würden, denn es gab ja für Kinder nur 29 000 Zertifikate.
Am 30. November 1942, also sechs Tage nach der Veröffentlichung über die Shoa, gab es in Jerusalem eine wichtige Sitzung der Asefat Hanivharim (die höchste gewählte Vertretung des Jischuv; K.P.), die der Rettung gewidmet war. Der Hauptredner war David Ben-Gurion, seine Rede war »an das menschliche Gewissen« gerichtet. Er bat darum, die jüdischen Kinder aus Europa holen zu dürfen.

Zu den zionistischen Führungspersönlichkeiten, die die Rettung betrieben, gehörte der aus Rumänien stammende Jurist Rudolf Kasztner, der das jüdische Komitee für Hilfe und Rettung in Budapest leitete und nach dem Krieg Beschuldigungen ausgesetzt war, mit den Nazis kollaboriert und sich bereichert zu haben. Wie erklären Sie, dass extrem Linke sich in der Affäre Rudolf Kasztner auf die Aussagen eines rechten religiösen Juden, seines rechten Anwaltes Tamir und des rechten Richters Levy stützten, die Kasztner beschuldigten, »seine Seele dem Teufel verkauft zu haben«?

Unabhängig von der politischen oder religiösen Orientierung beschäftigen sich bis heute viele Menschen mit der Frage, wie es kommen konnte, dass sechs Millionen Juden, darunter 1,5 Mil­lionen Kinder, ermordet werden konnten. Einige Menschen wollen die Antwort nicht am richtigen Ort suchen. Diejenigen, die Kasztner beschuldigen, weil er nicht die ungarischen Juden retten konnte, verstehen nicht die Situation damals vor Ort. Viele von denen, die Urteile fällen, wissen nicht, dass Joel Brand nicht allein war, als er am 19. Mai 1944 in Istanbul ankam, er wurde vom Doppelagenten Bandi Grosz begleitet. Viele wissen auch nicht, dass es zwei Angebote gab. Brand übermittelte das Angebot einer Gruppe hoher Nazis, die Juden Europas gegen 10 000 Lastautos, Tee, Kaffee etc. freizugeben. Sie versprachen, diese Lastautos nicht gegen die freie Welt einzusetzen, nur gegen die Rote Armee. Die Nazis sagten, sie würden die Juden nicht nach Palästina lassen, sondern nur auf die pyrenäische Halbinsel. Die Zionisten hatten also wieder über ein Angebot zu beraten, das die geret­teten Juden nicht nach Palästina bringen würde. Das Gleiche geschah auch mit den überlebenden Juden in Transnistrien. Weil die Briten ihnen nicht die Einreise nach Palästina gestatteten, sagten die Zionisten, lasst doch diese Juden zuerst zurück in das alte Rumänien.
Auch das entspricht nicht den Behauptungen Tom Segevs, dass die Zionisten sich nur dafür einsetzten, Juden nach Palästina zu bringen.
Und das war nicht das einzige Mal. Als man in Jerusalem hörte, dass der südafrikanische Präsident Jan Smuts bereit war, polnische Kinder nach Südafrika zu bringen, bat man auch, jüdische Kinder dorthin zu bringen. Den Einwand, dass Smuts von polnischen Kindern gesprochen hatte, beantworteten die Zionisten mit dem Hinweis darauf, dass jüdische Kinder auch polnische sind. Die Antwort war, er meinte nichtjüdische polnische Kinder. Als die Zionisten sich ­direkt an Smuts wandten, sagte dieser, sie sollten ihn nicht drängen, denn die Lage in seinem Land sei schlecht, er habe die Inder, die Schwarzen, und jetzt wolle man ihm noch Juden senden, wo er doch so viele Antisemiten habe. Auch das ist ein Beispiel, dass die jüdische Führung in erster Linie Kinder retten wollte, ihre Bitte lautete, sie aus Europa herauszubringen.
Als einer der zionistischen Delegierten aus Istanbul nach Jerusalem kam, um über den Vorschlag von Brand zu berichten, gab es eine lange Sitzung mit Ben-Gurion und Shertok (später als Moshe Sharett Außenminister; K.P.) über den Plan, eine Million Juden nach Spanien und Portugal zu bringen. Am nächsten Morgen berief Ben-Gurion die Exekutive der Jewish Agency ein und sagte dort: Wenn es nur eine Chance eins zu einer Million gibt, muss man es versuchen. Tom Segev sagt, die Zionisten seien nicht bereit gewesen, andere Lösungen zu erwägen als die, dass Juden nach Palästina gebracht werden. Das Gegenteil ist wahr. Sie wollten in erster Linie Menschen retten. Die Briten haben von Bandi Grosz auch von diesem Angebot erfahren. Der britische Nachrichtendienst beurteilte dieses Angebot als genial. Erstens wollten die Nazis zu einer Zeit, als die Rote Armee auf dem Vormarsch nach Mitteleuropa war, 10 000 Lastautos haben. Und sie konnten sich gut vorstellen, wie Stalin darauf reagieren würde, doch zweitens wollten sie eine Million Juden über die Pyrenäen bringen. Jeder wusste, dass die Zweite Front nur eine Frage der Zeit war, und den Plan, gerade die Juden auf den Weg zu bringen, den die Alliierten nehmen sollten, war ausgeklügelt. Die Alliierten stimmten diesem Vorschlag natürlich nicht zu.

Hätte Kasztner jede jüdische Gemeinde informiert – was damals unmöglich war –, dass die Juden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert werden, hätten sie das nicht geglaubt. Ich versuchte meinen Onkel am Plattensee im November 1942 zu überzeugen, alles zu verkaufen und nach Rumänien zu fliehen, denn in Polen verbrennt man die Juden in Gasöfen. Das konnte er nicht glauben. Er berief sich darauf, dass er im Ersten Weltkrieg als Offizier an der Front gewesen war und das Karlskreuz erhalten hatte, und auf die 1000jährige ungarisch-christliche Kultur.

Kasztner war mit dem gleichen Problem im April 1944 konfrontiert, das die Juden in Palästina im November 1942 hatten, die nicht an diese Ungeheuerlichkeit glauben konnten. Auch wenn man die Juden in den Dörfern und Kleinstädten informiert hätte, sie hätten es nicht geglaubt. Sie fühlten sich so ungarisch wie die Nichtjuden. Manche hätten darauf geantwortet, das ist doch zionistische Propaganda, die haben uns doch bereits während der dreißiger Jahre aufgefordert, Europa zu verlassen. Kasztner war in Ungarn völlig unbekannt, hatte keinen Einfluss auf den ungarischen Judenrat. Selbst in Cluj (Kolozsvár), wo er bekannt war, konnte ein Rettungskomitee aus angesehenen jüdischen Bürgern nur einige wenige Juden davon überzeugen, dass sie sich in das 20 Kilometer entfernte Rumänien retten müssten.
Obwohl die Jewish Agency gewusst hat, dass das Angebot von Brand ein Trick ist, wollte sie alles tun, um Menschen zu retten. Kasztner, der in der Zwischenzeit in Israel als hoher Beamter arbeitete, log, als er über sein Verhältnis zum SS-Obersturmbannführer Kurt Becher befragt wurde, dem er vor einem Gericht in Deutschland einen Persilschein ausstellte. Aber die Tatsache, dass er diesbezüglich log, bedeutet nicht, dass alle seine Berichte erlogen waren. Er war trotzdem ein Held, der versucht hatte, so viele Menschen wie möglich zu retten.

Außer der Affäre Kasztner gibt es noch eine Beschuldigung gegen David Ben-Gurion, die immer wieder von Antizionisten wiederholt wird.

Tatsächlich hat Ben-Gurion nach der »Kristallnacht« einen sehr harten und peinlichen Ausspruch getan. Es ging um 10000 jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich, denen Großbritannien nicht die Einreise nach Palästina gestattete, und es kam der Vorschlag, sie doch nach Großbritannien zu bringen. »Hätte ich«, sagte er, »gewusst, dass es möglich ist, all diese Kinder zu retten, indem man sie nach England bringt, und nur die Hälfte, wenn man sie nach Palästina bringt, dann hätte ich die zweite Möglichkeit gewählt – denn wir müssen nicht nur an die Kinder denken, sondern an die historischen Überlegungen des jüdischen Volkes.«
Was die Kritiker von Ben-Gurion nicht erwähnen, ist seine Haltung während der Shoa, die ich in meinen Büchern dokumentierte. Ben-Gurion hatte eine brüske, trockene Art. Aber wer sein Tagebuch liest, entdeckt einen Mann, der tiefen Schmerz und Angst fühlte. Eine unvoreingenommene Untersuchung würde zeigen, dass Ben-Gurion nicht gleichgültig war, was die Shoah und die Diaspora anlangt. Ben-Gurion war ein Staatsmann, der Macht, Stabilität und Tapferkeit ausstrahlte, die notwendigen Eigenschaften für die zionistische Revolution, aber diese machte ihn nicht unsensibel. Er konnte stundenlange Reden halten, doch auch ganz kurze Bemerkungen in seinem Tagebuch machen, die alles ausdrückten, was er fühlte. Als die Nachricht vom Sieg der Alliierten am 8. Mai 1945 verkündet wurde, war Ben-Gurion in London. Von seinem Fenster sah er die jubelnden Menschen in den Straßen und äußerte die Tiefe seines Gefühls, was dieser Tag für die freie Welt und für die Juden bedeutet: »Tag des Sieges, traurig, sehr traurig.« Und dieser durch und durch laizistische Mann erinnerte sich seiner jüdischen Wurzeln, als er in seinem Tagebuch noch hinzufügte: »Du darfst dich nicht freuen, Israel, noch rühmen wie die Völker« aus Hosea 9.1.

Der Analogieschluss der Kritiker von Ben-Gurion, dass er, weil er 1948 siegreich war, auch erfolgreich das jüdische Volk während des Zweiten Weltkrieges hätte retten können, ist vollkommen falsch.